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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Zweites Kapitel

Es ist von den ersten Kinderjahren Rodburgs des Jüngsten wenig zu berichten, und er behielt auch hiervon am wenigsten selber im Gedächtnis, was an und für sich schon das beste Zeichen davon ist, daß es ihm in diesen Jahren weder sehr gut noch sehr schlecht erging. Mißhandelt wurde er keineswegs, aber auch als verhätschelt Spielzeug diente er nicht – selbst seinen Schwestern nicht. Diese Schwestern verlobten sich bald nach dem Tode der Mutter, verheirateten sich rasch, bekamen ihre eigenen Kinder und mit denen allzuviel zu tun, um noch viel überflüssige Zeit für »unsern Jüngsten zu Hause« übrigzubehalten. Daß sie aus dem Städtchen verzogen und den eigenen Haushalt weit diesseits und jenseits der Berge zu führen hatten, war ebenfalls mit in Rechenschaft zu ziehen.

Was die Brüder anbetraf, so gingen auch diese ihre Wege, und der Zweitälteste, Alexander, war, wie bereits erzählt wurde, die seinigen längst gegangen. Von den beiden andern lebte der eine als Buchhalter in einem großen Kaufmannshause in Hamburg, während der andere als Agent für eine Frankfurter Lebensversicherungsgesellschaft in Frankfurt am Main den gesamten deutschen Süden als Domäne für seine Tätigkeit betrachtete und selten Zeit fand, ein eigenes Lebenszeichen der mitteldeutschen Heimat und im besonderen dem Vaterhause zugehen zu lassen.

Es schien nur sonderbar, aber war es nicht: der gänzlich verschollene Bruder, dessen Name im Familienkreise selten und in der Gegenwart des Vaters nie genannt wurde, stand in der Seele des Kindes, als dieses endlich mit dem alten Herrn in dem Hause am Kuhstiege allein sich befand, beinahe am hellsten und deutlichsten. Da es »unsern Alexander« noch nie gesehen, hatte es sich ein Bild von ihm zurechtgemacht und viel überschüssige Teilnahme, von der die andern keinen Gebrauch machen wollten oder konnten, auf ihn übertragen. Dieser Sprößling der Familie, der für die übrigen kaum noch ein Name war, wurde allgemach für den Spätling in dessen nur zu sehr auf sich allein angewiesenen Phantasieen zu einem der Teilnahme und vor allem des Nachgrübelns werten immer noch Lebendigen. Theodor glaubte es nicht, daß Alexander tot sei. Daß er ihn nie gesehen hatte, machte ihn nicht schemenhafter als die andern Geschwister, die ihm ja auch von Tag zu Tag mehr in die Ferne rückten. Weshalb sollte der Bruder Alex gestorben sein und der Bruder in Frankfurt und die Schwester Agnes noch leben? Daß er etwas getan hatte, was unartig von ihm war und sich nicht gehörte, daß er, »lange, eh mich der Storch brachte«, in die weite Welt ging, mochte sein; aber tot zu sein brauchte er deshalb nicht mehr als der Bruder in Hamburg und die Schwester Martha und die Schwester Charlotte. Auch die Nachbaren sprachen gar nicht so, und die Nachbarn sprachen doch viel lauter von dem Bruder Alexander, als im Hause von ihm geredet werden durfte. Und sie wußten eine ganze Menge merkwürdiger Geschichten von ihm, wenn sie dabei auch zuweilen die Köpfe schüttelten und zu sprechen aufhörten, wenn »der Kleine« am gespanntesten zuhörte. Doch alles dieses sind Sachen und Angelegenheiten, die wir, augenblicklich wenigstens, noch auf sich beruhen lassen können. Wer es irgend vermag, der begnüge sich stets mit der Witterung der Gegenwart und seiner nächsten Umgebung und sehe nicht zu scharf, ängstlich oder hoffend in den Dunst, welcher immerdar, künftigen Sonnenschein und Sturm vordeutend, auf der Ferne, rund um den Horizont, geheimnisvoll sich lagert.

Wir finden uns jetzt in den Jahren, in denen sie miteinander allein geblieben waren in dem vor kurzem noch so lebensvollen Hause am Kuhstiege: der »alte Verdrießhaken« Dr. juris Rodburg und sein jüngster Junge, der kleine Theodor, und –

»Ist das ein kurioser Haushalt!« meinte ganz Ilmenthal, soweit es die Verhältnisse kannte.

In Anbetracht aber, daß das Gemeinwesen erst einige Zeit später anfing, sich größern Zwecken zu widmen und seine Aufmerksamkeit zwischen sich und der großen Welt zu teilen, konnte jedermann unbedingt viel genauer als heute in seiner nächsten Nähe die Nase in Dinge stecken, die ihn kaum etwas angingen. Heute ist das anders. Es wächst nicht nur der Mensch, sondern auch jede Zusammenhäufung von Menschen mit den größern Zwecken. Die Stadt sieht längst über sich weg und hinaus. Sie hat viel zuviel damit zu tun, ihre gesunde Luft, ihre »entzückende« Lage, den Zauber ihrer geschichtlich merkwürdigen Umgegend, ihre schattigen Wälder, ihre sonnigen Wiesen und murmelnden Quellen – ihren Fichtennadelnextrakt nach draußen hin für sich gewinnbringend zu verwerten, um drinnen nach veralteter Väterweise moralisch und ethisch vor ihren eigenen Türen kehren zu können. Damals konnte sie das noch, und zwar in ausgiebigster Weise und dann und wann sogar mit etwas zu viel Behagen; aber in bezug auf den Haushalt des Notars Rodburg hatte sie vollkommen recht: es war ein sehr sonderbarer.

»Wären diese verschiedenen Mamsellen nicht, so wüßte man manchmal gar nicht, ob der Alte noch am Leben wäre oder nicht. Es ist ein wahres Glück für die öffentliche Beruhigung und die Polizei, daß der Junge jetzt schulpflichtig ist und sich doch tagtäglich in den Gassen sehen lassen muß!« sagte selbst die nächste Nachbarschaft bis auf den allernächsten Nachbarn, welcher über seinen Zaun in den Garten des Notars gucken konnte und auch von dem Fenster seiner Werkstatt aus das Haus und den Hofraum des Doktors übersah. Er, der Bruseberger, nahm die Sache weniger sorglich.

Was aber die »verschiedenen Mamsellen« anging, so waren diese es freilich wohl allein, welche von Zeit zu Zeit einige Bewegung in dem stillen Hause am Kuhstiege hervorriefen. Es hielt nämlich keine von ihnen lange in demselben und in ihrer Stellung aus, obgleich man dies doch in Anbetracht der Umstände hätte erwarten sollen. Sie kamen und sie gingen, und wenn sie gingen und nach den Gründen dafür gefragt wurden, äußerten sie sich nur deshalb etwas unbestimmt, weil sie zu viele derselben vorzutragen hatten.

Freilich kam's immer auf das nämliche heraus. Alle meinten sie, das sei ein Zustand in diesem Hause, welchen nur der ohne Schaden an seinem Gemüte und seiner sonstigen Gesundheit aushalte, der schon selber von seiner Geburt an und von der Natur zum Werwolf, zum Gespenst, zu einer eingemauerten Nonne, zu einem Scheusal, Greuel und einem Schmutzfinken ersten Ranges bestimmt worden sei. Für eine Haustür, zu der man, selbst von inwendig aus, jedesmal dem Herrn den Schlüssel aus der Hosentasche abverlangen müsse und womöglich noch dazu schriftlich, danke doch auf die Länge jede anständige Christenseele, die noch auf einen Verkehr mit ihresgleichen und sonst noch auf ein bißchen Zusammenhang mit der übrigen Welt gestellt sei. Allesamt sprachen sie mit höchster Energie von dem unveräußerlichen Recht des Menschen, solange er Mensch sei, unter Menschen zu leben, und äußerten sich ungedrängt dahin: wenn einer seinen Kopf drauf gesetzt habe, die Kröte im Keller zu spielen, so solle er dieses auch für sich allein besorgen und keine schon so sehr alleinstehenden bedrängten Witwen und vertrauensvollen Jungfrauen sich zur Gesellschaft dazu durch die öffentlichen Blätter anlocken. Das unglückliche Geschöpf, das Kind, tat natürlich allen diesen Jungfrauen und Witwen sehr leid; aber – selbst eine bloß achttägige Kündigungsfrist war noch viel zu lange bei einem Manne wie der Herr Doktor für eine ältere gebildete Dame oder ein einzelnstehendes wohlerzogenes Fräulein.

Wir können diesem nur hinzufügen, daß auch die Töchter des Hauses Rodburg nicht in der besten Stimmung aus demselben geschieden waren. Agnes, die literarisch gebildete, sprach nachher öfters von einer unglückseligen, ganz unerklärlichen König-Lear-Stimmung des armen Papas, in der es nicht das geringste helfe, wenn man sich auch noch so viele Mühe gebe, ihm seinen Willen an den Augen abzusehen, und ihn sogar noch besser als die gute Kordelia zu behandeln suche, nämlich ihm in allem nach dem Munde rede. Die zwei andern erklärten kurzab, sie hätten dies Leben sicherlich nicht länger ausgehalten, und ganz ehrlich dankten sie ihrem Schöpfer, daß er ihnen noch zu rechter Zeit einen eigenen Haushalt verliehen habe, für welchen sie selbstverständlich nur nach ihrer eigenen Ansicht zu sorgen brauchten. Der arme Junge, der Theodor, tat auch ihnen, den Schwestern, natürlich leid; aber – war es denn ihre Schuld, daß er überhaupt noch so spät im Jahre in dieser sorgenvollen Welt angekommen sei?! – Martha, die älteste, konnte übrigens auch bald ihre eigenen Kinder nie ansehen, ohne daß ihr jener jüngste Onkel derselben immer ganz unheimlich, halb zum Kummer und halb zum Lachen, vorkam; vorzüglich, wenn sie mit blutendem Herzen ihren Ältesten übers Knie zu legen hatte. Martha sei doch nun einmal ihr Name, fügte sie gewissermaßen wie zu ihrer Rechtfertigung hinzu, und sie könne nichts dafür, daß derselbe schon mit ziemlicher Anzüglichkeit in der Bibel stehe und sie gleichfalls mit ihm leider nicht von der Natur auf sentimentale Umschweife und Komödienspiel eingerichtet worden sei.

Sosehr die guten Mädchen von ihrem Standpunkte und ihren Zuständen aus recht haben mochten, der eigentliche Grund, daß sie sich nicht viel mehr um das verlassene Nest kümmerten, blieb der, daß der mit dem jüngsten Nestküken drin zurückgelassene Alte sich eben »gar nichts sagen ließ« und gar nicht fähig war, die »besten Absichten« und die »kindlichste Anhänglichkeit ans Vaterhaus« als solche anzuerkennen. In dieser Hinsicht war es auch ein großes Unglück zu nennen, daß der Papa bald nach dem Tode der Mama seine advokatorische Praxis gänzlich aufgab und damit den letzten »Anteil an der Menschlichkeit« verlor. Mit den Klienten hatte er doch wenigstens noch Auge in Auge verkehren müssen; aber jetzt war mit ihm sozusagen über alles und alles nur durch das Schlüsselloch zu verhandeln; das hielt niemand mehr aus – selbst die zärtlichste Tochter nicht! Daß die Sache wirklich arg sein mußte, ging für Ilmenthal sonnenklar daraus hervor, daß sämtliche Haustöchter ihren Nachfolgerinnen im Reich, den einander sich ablösenden »Mamsellen«, stets vollkommen recht gaben, was sonst stets eine große Seltenheit ist.

Es war in der Tat so. In sein Studierzimmer verriegelt, brachte der alte Herr seine letzten Lebensjahre in einem krankhaften Versteckensspiel mit der Welt zu. Und er, der sonst wahrlich scharf genug und spitzohrig ihr gegenüberstand und wohl wußte, jeden möglichen Vorteil aus dem Verkehr mit ihr zu ziehen, drückte nun die Augen und hielt die Ohren vor ihr in einer Weise zu, die ganz bedenklich für eine geistige Verrückung sprach. Er brach zuletzt allen Umgang so sehr mit besagter Welt ab, daß sie endlich sicherlich das Recht gewann, zu meinen:

»Man hat dies nicht selten so bei alten Rabulisten, denen das Gewissen kommt. Wüßte man etwas Bestimmteres in dieser Beziehung, würde man freilich wohl mehr davon vernehmen. Sein geschäftlicher Ruf war sonst so schlecht nicht; aber – na, na, einen braven, festen Griff hatte er auch immer. Ich will da zwar nichts gesagt haben; vielleicht ist er auch nur ganz einfach und hämorrhoidalisch übergeschnappt, und dann sollten sich seines Jungen wirklich allgemach die zuständigen Behörden annehmen. Darüber lasse ich mir unter keinen Umständen den Mund zuhalten! Sehen Sie das Kind nach der Schule gehen und sagen Sie selber, daß ich recht habe.«

Auch dieses war in der Tat so. Der jüngste Rodburg war gewißlich auf seinen damaligen Schulwegen kein erquicklicher Anblick.

»Selbst eine alte Jungfer oder ein Junggesell muß ihm ansehen, daß er keine Mutter mehr hat, die für ihn sorgt, wie es sich gehört.«

Und dies war ein wahres Wort und kam dazu aus dem Munde einer guten Frau aus der Nachbarschaft, die auch dem Notar Rodburg über den Gartenzaun gucken konnte, und gewann sehr an Inhalt dadurch, daß ihm hinzugefügt wurde: »So sehe nämlich ich die Sache an, Bruseberger!«

»Das ganze Konversationslexikon kann man nach ihm nachschlagen, ohne ihn drin richtig beschrieben zu finden«, erwiderte aber der Bruseberger. »Schönholz' Zusammenhang aller Wissenschaften habe ich doch ziemlich genau mehrmals studiert, aber die Geschichte der Erziehung gibt für so was kein Exempel. Unten bei den Feuerländern wäre er wohl noch am ersten möglich! ... Insoweit ich ihn mir als Junggeselle und einer, der auch keine Mutter gehabt hat, betrachte, gefällt er mir übrigens recht gut, Meisterin; denn da erinnert er mich wahrscheinlich ganz naturgetreu an mich selber in meiner verlorenen Kindheit hinter den Hecken und Zäunen. Insoweit ich ihn mir aber als gelernter Buchbinder ansehe, muß ich freilich sagen, daß ein Katechismus, der unter 'ner Generation von sechsen bis ans Jüngste herabgelangt ist, gar nichts gegen ihn ist. Sie wissen, wir kriegen das manchmal unter die Nadel und in den Kleister, und kennen dann meine Gefühle. Sonst aber sehe ich außerdem die Sache natürlich nur wie Sie an, Meisterin. Eine Schande ist's! Wie ich aufwachsen mußte, hatte das nicht viel zu bedeuten bei der öffentlichen Meinung und dem allgemeinen Anstand. Auf eine Vogelscheuche mehr oder minder kommt's da unter den Klassen nicht an; jedoch als Honoratiorenproduktion sollte man dies wirklich zur publiken Warnung auf Pappe ziehen und es irgendwo so öffentlich als möglich zum abschreckenden Muster für Eltern besserer Stände an die Wand hängen.«

Wir werden noch häufig von den beiden Leutchen, die hier eben kopfschüttelnd ihre Bemerkungen und ihre Ansichten über den jungen Theodor an der Gartenplanke austauschten, zu berichten haben. Für ein paar Seiten aber müssen sie sich jetzt wieder einzig und allein ihren eigenen Angelegenheiten und Geschäften widmen. Augenblicklich haben wir leider mit dem Vater des verwahrlosten Geschöpfes, mit dem Dr. juris und Rechtsanwalt F. Rodburg, das zu machen, was er seinerzeit wahrscheinlich nicht immer mit den ihm zur Lösung anvertrauten Rechtshändeln tat, – einen kurzen Prozeß.

Wir? – Der Ausdruck ist wohl nicht ganz richtig. Der alte Herr starb uns nämlich unter den Händen weg, ohne daß wir unsererseits das geringste dazu oder davon ab taten. Er wurde eines Morgens tot in seinem Lehnstuhl vor seinem Schreibtische sitzend gefunden und hatte nach der Meinung des Arztes so schon länger als einen Tag und eine Nacht gesessen. Ilmenthal nannte das ein Ereignis für sich selbst und eine Krisis für das Haus Rodburg und hatte in jeder Hinsicht recht. Genau nun während einer Krisis auf alles rundum achtzugeben, sollte eigentlich von einem Kinde nicht verlangt werden; aber merkwürdigerweise will die Natur das doch. Die jüngste Jugend leistet auch hierin durchschnittlich ihr möglichstes und sicherlich mehr als das ausgewachsene Volk, das sein Interesse gewöhnlich auf einen einzigen Punkt konzentriert und daran völlig genug hat. Deshalb auch schicken die Erwachsenen in den Krisen – bei ihren Haupt- und Staatsaktionen – ihre Kinder so gern vor die Tür. Mancherlei Redensarten haben sie für den letzten Grund erfunden, das Unbehagen, das ihnen die Gegenwart der großen, klaren, suchenden, fragenden Augen der Unmündigen macht, von sich abzuwehren. Ein einziger genügt; sie empfinden eben ein Unbehagen, und dieses steigert sich dann und wann sogar zur Furcht und zum Schrecken.

Die Aufforderung: »Gehe hin, Junge, und beschäftige dich draußen oder spiele im Garten!« ist noch längst keine von den barschesten. Jener Tag aber, an dem sie von der noch einmal fast vollzählig in dem Vaterhause am Kuhstiege versammelten Geschwisterschaft der Familie Rodburg an den jüngsten Sprößling derselben gestellt wurde, kam letzterem in den meisten Einzelheiten niemals aus dem Gedächtnis, trotzdem daß man ihn für das meiste, was damals unter und von den Erwachsenen abgehandelt wurde, für zu jung erachtete.

Die Schwestern in Schwarz hatten ihn geküßt, die Brüder mit Florbändern um die Hüte hatten melancholisch gesagt:

»Sieh, armer Kerl; ja, da bist du auch und mußt dein Teil hinnehmen. Jaja, 's ist eine betrübte Sache für uns alle.«

Und der Frankfurter Agent hatte ihn melancholisch-spaßhaft unter den Achseln gefaßt und ihn so zu seinem Backenbart in die Höhe gehoben:

»Nun, Riese? Armer Teufel, mußt du auch schon solch ein kläglich Gesichte machen wie wir andern?«

Nachher – das heißt, nachdem man vom Kirchhofe zurückgekommen war – hatte das Kind in Reihe und Glied natürlich mit zu Tische gesessen mit seinen großen, unbefangenen und verweinten Augen in dem »zu ältlichen« Klagegesichte und hatte noch mit zugehört, wie schon nach dem Braten die Trauerunterhaltung in das Geschäftliche überging. Es war ein ziemlich langer Tisch gedeckt worden; denn auch entferntere Verwandte – Vettern und Basen, Schwäger und Schwägerinnen – waren geziemenderweise zu dem Leichenbegängnis aus der Nähe und Ferne herbeigeladen worden und reisten erst am Abend oder am folgenden Tage wieder ab. Den Kaffee nahm man im Saal ein; es wurde Kuchen herumgereicht, und die Herren zündeten ihre Zigarren an. Dabei wurde denn die Unterhaltung weitergeführt, und zwar in einem merklich lebendigeren Ton und in viel lauteren Tönen. Das Geschäftsmäßige hatte jetzt vollständig die Oberhand gewonnen; und der kleine Theodor, fast zu satt von dem außergewöhnlich guten Mittagsessen, versuchte auf seinem Stuhle in der Ecke, und auch mit einem großen Stück Kuchen in der Hand, immer noch genau zuzuhören und ins Herz zu fassen, was die Großen über den Papa sprachen. Sie sprachen aber eben über »viel anderes«, und da war es denn wieder Schwester Agnes gewesen, die noch einmal das Richtige traf. Sie hatte sich zu dem Theodor gesetzt, ihm die Haare aus dem Gesicht gestrichen und gesagt:

»Geh doch jetzt lieber in den Garten, Kind, und spiele. Es ist so schönes Wetter draußen, und nachher kommen wir auch hinunter.«

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