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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Zwanzigstes Kapitel

Um sieben Uhr morgens im Dezember auf einem noch dazu »totgelegten« Eisenbahnknotenpunkt auf die erst drei Stunden später abgehende Gebirgspost warten zu müssen, ist kein Vergnügen. Der Student hatte das schlecht geheizte, von einer trübe qualmenden Petroleumlampe erleuchtete Wartelokal für sich allein, denn ein auf einer Lederbank in seinen Pelz gewickelt schnarchender Handlungsreisender war für nichts zu rechnen, und der verschlafene, ungekämmte, von Zeit zu Zeit in die Tür guckende Stationswächter auch nur für wenig. Fröstelnd teilte der Student seine Zeit zwischen dem lauwarmen Ofen und dem Fenster, mit immer steigender Ungeduld den ersten grauen Streifen des Morgenlichtes erwartend. Es geht aber alles vorbei, und es kommt alles heran. Vorübergingen die Stunden des Wartens, und herbeischlich die Stunde, in welcher der Postwagen nach Ilmenthal am Stationsgebäude vorfuhr. Es schlug eben halb zehn. Langsam rasselte aus dem eine Viertelstunde von dem Bahnhof entfernt liegenden Flecken der gelbe, kaiserlich deutsche Räderkasten heran und hielt. Seufzend, an einer wenig tröstlichen Zigarre kauend, besah ihn sich Herr Theodor Rodburg von allen Seiten und versuchte eben das erste Reisegespräch mit dem Postillon und dem Kondukteur anzuknüpfen, als noch jemand des Weges von Knillingen her gen Ilmenthal, und zwar mit eigenem Gefährt vorüberfahren wollte und aller Unterhaltung des Studenten mit unbekannteren Menschen ein rasches Ende machte.

»Der Bruseberger!« stammelte der Student, seine Zigarre von sich schleudernd und mit weit ausgestreckten Händen dem alten Freund entgegeneilend.

»Thedor?!« rief der Alte, seinen Schubkarren anhaltend und niederlassend und das Karrenband von den Schultern streifend, aber durchaus nicht, um die Hände besser gleichfalls zum Gruße darbieten zu können. Im Gegenteil, er ließ die Arme hängen und sah sehr erschreckt und verkniffen-sorgenvoll aus, als er fragte:

»Sind Sie es denn wirklich? ... Und wo wollen Sie denn jetzt hin bei dieser unfreundlichen Witterung, wenn ich fragen darf?«

»O Bruseberger!« rief das arme Exmündel. »Unter solchen Umständen? ... Weshalb haben Sie mir nicht geschrieben? ... Nach Hause, natürlich! Ich bitte Sie, Bruseberger, was haben Sie –«

»Nach Hause!« brummte der Alte, den frühern Hausgenossen und Zögling mit einem trüben Blick streifend. »Freilich – unter solchen Umständen ... und zur Weihnachtsfeier. Unter solchen Umständen ... freilich, freilich.«

Damit brach die alte Neigung und Kameradschaft im vollsten Maße heraus. Mit denselben Armen und Fäusten, mit denen der Bruseberger einst das Kind über den Zaun gehoben hatte, packte er jetzt den Jüngling auf der winterlichen Ilmenthaler Landstraße und rief:

»Ach Thedor, Thedor, so willst du unter den jetzigen Umständen nach Hause?! ... Und weshalb keiner von uns, von uns Alten dir geschrieben bat, nachdem wir vernommen hatten, daß das Kind, das Mamsellchen, Fräulein Florinchen, dir auf der Stelle Meldung getan hatte? Weil wir alle, wir Alten, in diesem bösen Zusammenhang der Dinge noch darüber nachdenken – nämlich über den jetzigen Inbegriff von dem Worte Zu Hause für dich! Was zu Hause – will sagen in Ilmenthal passiert ist, hast du ja doch so bald als möglich erfahren.«

»Aus einem Kinderbriefe! dem liebsten, besten Kinderbriefe –«

»Wir Alten brauchten eben längere Zeit, um uns auf das rechte Wort für dich zu besinnen.«

»O Bruseberger, das Kind hat mich nicht heimgerufen! Was soll ich tun? was soll ich lassen? Ich habe doch auf Nachricht von euch andern gewartet und habe es zuletzt nicht mehr ausgehalten. Freilich ist es eine Dummheit von mir, wenn ich jetzt von einem Zuhause, einer Heimat bei euch rede; aber traurig ist es doch, und wer weiß, ob mir heute nicht gemütlicher zumute wäre, wenn ihr euch damals, an meines Vaters Begräbnistage, nicht zu meinem Vormund angeboten hättet.«

»Das ist auch wahr!« seufzte der Bruseberger. »Hm, ja, wenn man nur immer im voraus an alles denken könnte. Du hast ganz recht, wir haben dich viel zu sehr verzärtelt. Es ist eine Welt, mit der man im Traume und in der Stille schlecht fertig wird. O Kind, du und der Bruseberger, wir sind vielleicht allzu gute Kameraden gewesen. Die Mutter Schubach hat oft ihre Bedenken drüber gehabt, und der Blick in deines Vaters Garten, von dem ich mir so viel Nützliches versprochen hatte, ist nun auch nicht zum besten für dich ausgefallen. Also in Leipzig hast du es unter den jetzigen Narrenspäßen im Leben nicht aushalten können? Den Platz auf der Post hast du wohl schon belegt und dein Gepäck abgegeben? Schön! Was hast du da in der Tasche?«

»Ein Hemd, ein paar Strümpfe, einen Kamm und was sonst dazu gehört.«

»Damit wäre ich rund um den Erdball gekommen, wenn mich die Mutter Schubach nicht gleich am Anfang der Reise abgefangen und aufgehalten hatte! Nun will ich dir einen Vorschlag machen: laß deinen Koffer vornehm und bequem nach Ilmenthal vorausfahren und komm mit mir und meinem Schubkarren zu Fuße langsam hinterdrein. Unterwegs können wir dann mit mehr Behaglichkeit überlegen, wo und wie wir dich anjetzt am besten und behaglichsten zu Hause unterbringen.«

Der Student sah von neuem erschreckt auf den alten Freund.

»Was habt ihr denn mit meiner Stube neben Euerer Werkstatt angefangen, Bruseberger? Auf die rechnete ich doch für alle Zeit und unter allen Umständen, wann und wie ich immer zu euch kommen würde.«

Der Alte fuhr sich bei diesem Ausruf seines Ziehsohnes mit dem Rockärmel über die Augen:

»Es ist kaum zu glauben; aber gottlob, so ist die Jugend! Sie kann niemals gleich Vernunft annehmen! Kind, deine Stube ist freilich noch vorhanden, und die Mutter Schubach bisse sich eher den Daumen ab, ehe sie einen andern drüber kommen ließe. Es wird nichts gerückt und Tisch und Stuhl und Bett immer für dich parat sein; aber, Kind, Kind, an der Aussicht auf deines Vaters Haus und Garten hat sich auch noch nichts verändert. Meinst du denn wirklich, daß du schon genug von der Welt gelernt hast, auf daß du dich mit Nutzen wie sonst ins Fenster legen und hinuntersehen könntest?«

Es war nicht allein der scharfe Winterwind von den Heimatsbergen her, der den jungen Mann schauern machte, als er leise sagte:

»Es ist nur zu wahr!«

»Daß wir eine gute, gesprächige Nachbarschaft am Kuhstiege haben, weißt du. Daß ich nicht mehr darauf gebe, als sich gehört, weißt du besser als ein anderer. Aber daß sie vorhanden sind und sich ihr ewiges Menschenrecht, die Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken, nicht nehmen lassen, weißt du auch; und ob es jetzt grade das Rechte für dich sein wird, dich mit ihnen zu begrüßen, das steht meines Erachtens dahin. Hätten wir dich besser und schärfer erzogen, sagte ich sofort ja! – Im Hotel Bellavista könntest du wohl deines Bruders Gelegenheit beziehen, und vielleicht wäre das das allerbeste Heilmittel und die schönste Schule für dich; aber du bist, wie gesagt, von uns nicht dafür eingerichtet worden. Nun, wie gesagt, wir wollen auf dem Wege das Weitere bereden; und vielleicht weiß auch dein Herr Vormund, der Herr Professor, einen Rat, und nimmt er dich für das Fest unter sein Dach, so wäre das gewiß wohl das behaglichste, ausgenommen vielleicht die noch vorhandene Bekanntschaft unter den übrigen jungen Herren aus der Schule. Herr Buttermann hat mich erst neulich noch gefragt: Nun, hoffentlich kommt doch der Caballero Teodoro zu Weihnachten nach Hause, um bei dieser schönen Geschichte den alten Papa Tieffenbacher von Ihrem Hinterfenster aus, Bruseberger, zu trösten!?«

»Der Wasserkopf!« rief der Studiosus juris Rodburg mit solch drolligem Nachdruck, daß trotz aller Melancholie der Stunde das kluge, jetzt im Laufe der Jahre doch verrunzelte Buchbinderaltgesellengesicht neben dem Schubkarren voll Fibeln, Bibeln und Gesangbüchern ein Lächeln überflog. Leider hielt es nicht an.

Der arme junge Mensch mußte schon jetzt dem treuen Graukopf bis ins Äußerste recht geben. Seine Heimatlosigkeit in der Heimat, seine Wurzellosigkeit in dem Boden, aus dem er emporgewachsen war, fielen ihm bei jedem Worte des wunderlichen Lehrmeisters schwerer und beängstigender auf die Seele, und doch erkannte er klar, daß jedes dieser Worte aus allerinnigstem Mitgefühl und ehrlichster Fürsorge gesprochen wurde.

Er sah nach den heimischen Bergen hinüber. Die höchsten Gebirgskuppen lagen noch vollständig im Nebel, und nur die nächsten Vorberge schienen undeutlich aus demselben hervor. Scharen dunkelfarbiger Vögel kamen kreischend von dort her, als wären sie gleichfalls auf der Auswanderung begriffen.

Was sollte er tun? Was hatte er dort noch zu suchen? Er fühlte einen körperlichen, stechenden Schmerz in der Brust und griff unwillkürlich dahin. Da knisterte der Kinderbrief der kleinen Florine Drüding unter seiner Hand. Er griff in die Tasche und hielt die Blätter, und damit verspürte er den ersten warmen Hauch an diesem bösen Morgen, und es war ihm wahrlich, als ob doch durch das gespenstische Grau vor ihm, über ihm – den Bergen zu – eine kleine blaue Stelle hervorleuchte.

»Wir müssen aber nun doch wohl wandern, Thedor«, sagte der Bruseberger. »Ich hab auch mal wieder für unsere Firma den Weihnachtsmarkt in Knillingen bezogen gehabt. Auf speziellen Wunsch und Befehl der Meisterin diesmal. Wollte mich für ein paar Tage aus dem Hause und in eine andere Luft haben. Aus alter guter Fürsorge. Meinte, es sei das einzige, was mir guttun könne nach den letzten Erlebnissen und Tag- und Nachtwachen im Nachbarhause. Jaja, Thedor, heute am Sterbebett und morgen auf dem Jahrmarkt! Das ist des Menschen Los, Not, Erquickung und Abwechslung im Zusammenhang der Dinge auf dieser Erde! Ich habe auch ein ganz gut Geschäft gemacht mit unsern Waren. Bilderbogen aus dem letzten Kriege noch immer reißend im Absatz! Auch nach Schulbüchern mit neuester Orthographie der alte Verlang! Nun gottlob, daß es abgemacht ist; – es ist nichts mehr für einen Menschen in meinen Jahren.«

Damit schob der wandernde Literatur- und Kunsthändler seine Schultern wieder unter den Karrenriemen und setzte sein Gefährt mit einem kräftigen Ruck in Bewegung, dem Tal der Ilme zu. In halber Betäubung ging der Ilmenthaler Student mit ihm.

Nur eine kurze Strecke blieben sie auf der Chaussee. Sie ließen die Post an sich vorüberfahren und schlugen dann einen Pfad ein, der zur Rechten der Landstraße gemach hügelan lief und der, als sie die ersten Berge erreicht hatten, auch stets auf halber Höhe zwischen dem Tal, in welches die Chaussee und die Ilme sich teilten, und den Berggipfeln sich hielt. Das war der sogenannte »alte Weg«, die Fahrstraße nach Ilmenthal vor der Erbauung der neuen »Kunststraße«. Obgleich diese neue Kunststraße nunmehr auch schon fast zwanzig Jahre in Benutzung war, befand sich der »alte Weg« doch noch in ziemlich gutem Zustande und wurde im Sommer schon des Schattens wegen von manchem vorgezogen.

Weshalb der Bruseberger mit seinem Schubkarren nicht auf der doch bequemern Chaussee blieb, sollte seinem Begleiter nicht lange verborgen bleiben.

Sie erreichten bald den Wald und wurden immerfort durch das bald leisere, bald lautere Rauschen der Ilme in der Tiefe begleitet. Anfangs zogen sie stumm nebeneinander hin im dunkeln Tannicht. Bald im Hochwalde, bald im Mittelschlag; wohl eine Stunde lang blieb ihnen jede Aussicht ins Tal versperrt. An der ersten lichten Stelle aber blieb der Student sofort stehen und sah verwundert hinab in das sonst so stille Tal und auf ein schaufelnd, hackend, grabend, karrend Gewühl von Menschen und Zugtieren, so weit der Blick in den Nebel reichte.

»Um Gottes willen, was ist denn das, Bruseberger?«

»Die Vorarbeiten zu unserer Eisenbahn, mein Junge. Ja, sie haben es eilig damit, und die Arbeit bringt einen recht ordentlichen Verdienst in die Gegend. Nächsten Frühsommer schon soll die Bahn eröffnet werden – dann wird erst das rechte Leben für Ilmenthal angehen; denn dann haben wir in der Dinge Zusammenhang endlich auch das letzte erhalten, was andere Leute bis dato vor uns vorausgehabt haben. Auf der Herfahrt bin ich auch mitten durch die Anlage und Arbeit gefahren und habe es mir mit großem Interesse angesehen; aber jetzt auf der Heimfahrt möchte ich den Tumult doch lieber vermeiden, und so mußt du noch einmal mit mir über unserer Vorfahren Fußtrappen und Radspuren. Für die drein gewachsenen Wurzeln kann ich leider nichts.«

»Ich halte dies auch nicht länger mehr aus; aber nicht des Holzpfades wegen. Bei jedem Schritt vorwärts entgeht mir der Atem mehr. Laßt doch wenigstens mich Euern Karren schieben und seid barmherzig und erzählt mir mehr – alles – genauer von – zu Hause. Von einem Sterbebett habt Ihr vorhin auch geredet!«

»Meinen Schubkarren laß du mir, Kind; dafür ist der Alte noch frisch genug in den Knochen. Hast schon genug freilich an deinem eigenen Gepäck zu schleppen! ... Jaja, es ist ein schönes, liebliches Ding um die Jugend und ihre Traumspiele! Das hat der liebe Gott gottlob einmal so eingerichtet mit dieser guten Zeit im Jahre, und du kennst mich darauf hin, ich bin es ganz gewiß nicht, der einem Kinde und jungen Menschen einen Vorwurf daraus macht, wenn er seine Lust und Phantasie nimmt, wie und wo er sie vor sich findet. Zumal wenn man ihm bei seiner Geburt den Titel auf den Rücken gedruckt hat: Zu spät im Jahre! ... Je mehr er das schlechte, dumme Wort zuschanden macht, desto besser ist's, und das mußt du sagen, daß wir, ich und die Mutter Schubach, nach Kräften geholfen haben, und daß du manche vergnügte Stunde bei mir in deiner Stube verlebt hast.«

»Es könnte euch bloß meine selige Mutter mehr dafür danken als ich!« rief der Jüngling. »Was wäre aus mir geworden, wenn ihr euch nicht meiner angenommen hättet: die Mutter Schubach und Ihr, mein treuester, bester Lehrer, Meister und Spielkamerad!«

»Hm«, seufzte der Bruseberger, »wenn es nur eben nicht eine zu phantastische, fabulierende Zucht gewesen ist! Wer kann's sagen? Und jetzt ist ja nichts mehr dran zu ändern, und wir wollen dem Herrgott danken, daß das Spielvergnügen nicht ins noch Schlimmere ausgelaufen ist. Für einen Rodburg bist du ein ganz umgänglicher und zuverlässiger Mensch geworden, Thedor. Das war eine von den alten Wurzeln, Kind; na, beinahe hättest du auf der Nase gelegen. Vorwärts – jetzo ein Viertelstündchen bergauf!«

Es lag gerade keine große Schmeichelei für die Familie, welcher der junge Begleiter entstammte, in den Worten des alten Kuhstieglers; aber sie bildeten doch den richtigen Übergang zu den folgenden, als die Steigung überwunden war und der Karren wieder glatt hinlief.

»Was für ein heilloser, gewissenloser, unbarmherziger Taugenichts doch dein Bruder Alexander ist, Thedor! Und welch ein harter Mensch, um in dieser Welt sein Pläsier auch überall parat zu finden! Dem ist überall der Tisch gedeckt, und daß er vorher angefragt habe, ob man ihn auch zum Essen eingeladen habe, das ist ihm von Kindesbeinen an wohl nicht ein einzig Mal eingefallen. So kam er nach Ilmenthal zurück, um sein Pflichtteil vom Rathaus zu holen und uns beiläufig seine Künste zu zeigen. Mit allen Praktiken der Welt im Kopfe und allen geschickten Griffen der Menschheit in seinen zehn Fingern! Und ganz zur richtigen Stunde für ihn und seinesgleichen. Wahrlich nicht zu spät im Jahr! Und alles brachte er verbessert mit, was er an Talenten und Finessen schon von uns auf den Weg mitgenommen hatte. Er hatte immer eine Art, mit der Zunge inwendig an den Backen zu stoßen, von der ich nicht begreifen kann, daß je ein Frauenzimmer darüber weggekommen ist und mit ihrem eingeborenen Geschmack und Vorgefühl und Feingefühl und dem bei den schlimmsten und dümmsten vorhandenen scheuen Sinn.«

Der Greis schüttelte sich unter seinem Karrenbande wie vor innerlichstem Ekel, indem er drolligerweise hinzusetzte:

»Und ein wunderhübscher Kerl war er zu allen Zeiten dabei. Selbst bei seiner Heimkunft in seinen Jahren. Ach, den hättest du in seiner Wiege sehen sollen, Thedor! Und auf dem Arm deiner lieben, guten Mutter! Deiner armen Mutter, Thedor! Du deinerzeit auf demselbigen guten, lieben Platz warst freilich ein ganz ander Tierchen und Schauspiel, für den Kuhstieg sowohl wie für alle weitere Bekanntschaft, so weit Ilmenthal reicht.«

»Das ist mir allgemach schon recht häufig gesagt worden«, meinte der Student, hierob trotz aller schwereren Bedrückung doch unwillkürlich die Nase ein wenig verziehend. Aber der Bruseberger rief begütigend:

»Nun, nun, es macht ja gar nichts! Ganz im Gegenteil. Und in den letzten Jahren hast du dich auch recht hübsch herausgemacht. Und wer weiß, was mehr als einer Ilmenthaler Mutter braves und schönes Kind dir Schmeichelhaftes sagen wird, wenn du bei ihr nur auf die richtige Art auf den Busch klopfst. Dem seligen Meister Schubach ist die Mutter Schubach auch nicht gerade seiner leiblichen Holdseligkeit wegen zeitlebens die allerbeste Frau gewesen. Und wenn ich meine und ihre innerste Idee verraten wollte – na, na ...«

Er brach ab mit einem äußerst kuriosen Blick auf den jungen, verwirrten, bis über die Ohren rot gewordenen Begleiter; aber viel kurioser war's, daß er, fast in demselben Atemzuge noch, in allerbitterster Zornmütigkeit fortfuhr: »Solch eine Bestie! Solch ein Ungetüm! Das spanische Frauenzimmer, die Frau Romana, meine ich! ... Ich hatte es wirklich bis dahin nicht gewußt, daß es auch solche Weiber in der Welt gäbe, und geschadet hätt's mir wahrhaftig nicht, wenn mir die Erfahrung davon in unserer nächsten Nachbarschaft erspart geblieben wäre. Zuerst hatte es natürlich die Meisterin heraus, was für ein Zauberspruch da mit einem Mal über den Kuhstieg gesprochen war, ›Verlaßt Euch drauf, Bruseberger‹, sagte sie, ›dort hinter dem Zaun hat uns der böse Feind jetzt ein Ei hingelegt und seine Großmütter zum Brüten drauf gesetzt.‹ – ›Den Herrn Kriegszahlmeister meinen Sie, Meisterin?‹ frage ich, und da weist sie nach ihrer Art mit dem Finger auf die Stirn, als ob es ihrem nächsten Nebenmenschen wenigstens augenblicklich da nicht ganz hell sei. – ›Das unglückliche Geschöpfe!‹ ruft sie. ›Nein, die gelbe Hexe mit dem falschen Haargebäude, den schwarzen Höhlenaugen und faulen Gliedmaßen meine ich! Eine geheimnisvolle Sünde muß er wohl begangen haben, der alte Herr, daß er sich selber und so spät in seinen Jahren damit hat strafen müssen. Bruseberger, Bruseberger, was geht mich denn aber der an? Wenn er mir leid tut, so habe ich doch meine eigenen Sorgen näher und kenne zwei Phantasten und Traumgeher, denen ich für die nächste Zeit wohl noch viel schärfer auf die Finger und Schliche und Fenstervergnügungen passen muß als wie sonst!‹ – Was sagst du hierzu, Theodor Rodburg?«

Trotz allem mußte der Student lachen, und auch der Alte tat desgleichen, indem er seinen Karren und seine Rede weiterschob.

»Es war so ihre Meinung, und sie hatte leider Gottes recht. Jetzt will ich es nur gestehen und für die andern mit: wir sind unser mehrere an der Krippe gewesen außer dem eigentlichen alten Esel, dem Herrn Kriegszahlmeister Tieffenbacher oder, wie dein Bruder sagte, dem Papa Pepe. Es wiederholt sich alles in der Welt, auch die Geschichte von der Zauberprinzessin in euerm alten Homer, und selbst die gelehrtesten Gymnasiumsprofessoren können noch für einen Moment in die Falle gehen und alle ihre neun Musen aus einem Sumpfe auffischen wollen. Du, Kind, als der Jüngste und Unverständigste von uns, hast nichts weiter genommen als dein uranfänglich Recht im Zusammenhang der Dinge, daß du deine Prinzessin, die Herrlichkeit zwischen Himmel und Erde, da suchtest und glaubtest, wo sie nicht vorhanden war. Dieses Geständnis war ich dir schuldig, und nun will ich dir sagen, weshalb ich dir noch nicht geschrieben habe: ich wollte diese Sache mit in den Brief bringen – und brachte beim besten Willen nicht die nötigen schriftlichen Worte dafür zusammen!« –

Die beiden Wanderer traten eben mit dieser Wendung des Gespräches auch an einer Wendung des Weges aus dem Dunkel des Tannenhochwaldes auf eine Holzschlagstelle, wo die gefällten und teilweise schon geschälten Stämme von dem Gipfel des Berges bis zur Talsohle, der Ilme, der Chaussee und der neuen Eisenbahn, wie Leichen auf einem Schlachtfelde lagen. Obgleich der Tag grau und nebelig blieb, war es den zwei Freunden doch, als scheine auf dieser Blöße das hellste Licht auf sie nieder. Der Jüngling sah dem alten treuen Eckart ins Gesicht und sagte:

»Das Ding hat in den Büchern viele Namen, aber meistens nennen sie es doch das Ideal. Davon habe ich gewiß ein gut Teil an den Büschen in meines seligen Vaters Garten hängen lassen. Davon brauchen Sie mir nicht weiter zu reden, Bruseberger, und somit auch von der Frau Romana und meinem Bruder Alexander nicht. Aber von dem alten Mann muß ich alles hören. Denn den werde ich in meinem Leben noch einmal wiedersehen, wenn ich nach Hause komme.«

»Wenn ich nach Hause komme«, sagte der Bruseberger leise vor sich hin, und dann schob er, mit sich selbst murmelnd, seinen Schubkarren eine geraume Weile vor sich hin, als ob er Don José Tieffenbachers Leben und Taten wie ein Buch auf seinem Handwerkstische Bogen für Bogen kollationieren wolle, bevor er sich darüber des genauem zu äußern wage.

Endlich hatte er's so ziemlich beisammen, und sonderbarerweise ging es wieder wie ein Lächeln über sein melancholischkluges Handwerksmannsgesicht.

»Ja, spaßhaft ist es eigentlich bei allem Ärgernis, Elend und Jammer! Wenn einer trotz seiner Begabung zum Rechenmeister je vom lieben Gott dazu bestimmt worden ist, sein Lebtag hinters Licht geführt zu werden, so ist der es! Ich habe auch den französischen Komödianten Molière ein paar Male in der Übersetzung unter der Heftlade gehabt und darin kommt er einige Male vor. In Ilmenthal habe ich bis dahin vielleicht nicht auf ihn geachtet, denn auch dieses hat man dann und wann. Und wenn einer sein Vergnügen trotz allem bei seinem Charakter gehabt hat, so ist er das auch; und das sage ich gottlob auch heute noch, wo er halb kontrakt auf seinem Bette liegt und der Herr Professor davorsitzt und ihm täglich einen andern Kasten aus ihren Sammlungen oder ein ander Bündel getrockneter Kräuter zur Unterhaltung und Aufrichtung bringt und ich als Nachbar und Freund gleichfalls dabeisitzen und zuhören darf. Wir lösen uns aber lieber einander ab, und wenn der Herr Professor in der Schule ist, komme ich und höre ihn sich selber alles erzählen – sein ganzes Leben. Mit seiner Zunge ist er, Gott sei Dank, ja wohl so ziemlich wieder bei der Hand; – und welch eine Gabe vom Himmel ist das, so liegen und sich das älteste Lachen aus seinen jüngsten Jahren noch einmal selber vorlachen zu können! Um solch ein Menschenkind kann die Welt rundum ein paar Male untergehen, und es merkt's gar nicht! Und solch ein Kind hat sich durch die Welt gerechnet und Schlachten mitgeliefert, wenn auch nur im Hintertreffen und es zu einem Vermögen gebracht und das erbarmenswürdigste Weib, die nichtsnutzigste Person von ganz Amerika sich und dem Kuhstiege zu Ilmenthal aufladen müssen!«

»Mir hat nur ein ander Kind darüber geschrieben! Was soll ich zu Hause, wenn ich von dem Ärgsten nicht das Genaueste weiß?« rief Theodor Rodburg.

Der kluge, der weise Handwerksmann sah den Studenten aller möglichen Rechte und Wissenschaften abermals lange starr an und gab ihm dann nur die Frage zurück:

»Ja, was sollst du zu Hause?«

Darauf aber fuhr er fort:

»Es war einfach so. Und einfach so, wie du es selber ja schon weißt. Sie wußten ihn und uns ganz genau zu nehmen und taten sich gar keinen Zwang an; und als neulich der erste Schnee herunterkam, ging seine Frau, unsere fremde Wunderfrau und Phantasieprinzessin, zu ihm in seine, in deines verstorbenen Vaters Studierstube und legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: ›Nun wird es wieder Winter in diesem bittern, dunkeln Lande; es ist mir zu kalt hier, und es geht auch sonst nicht länger so, Senjor.‹ Du weißt, Thedor, Senjor nannte sie ihn immer, und er strich in diesem Fall anfangs nur mit der Hand hinter sich, daß sie ihn einen Moment nicht störe, denn er hatte grade das Auge auf einem Vergrößerungsglase und unter dem Glase auf der Trichinensuche ein Stück von Nachbar Quillebergs jüngstem Schweineschlachten. Als sie dann aber ihre Worte wiederholt hat und mit ihrer bekannten langsamen Stimme dazugesetzt hat: ‹Don Alexandro hat an meine Mutter für mich geschrieben‹ (denke dir, Thedor, sie selber konnte gar nicht schreiben!), ›und er ist gestern auf meinen Wunsch nach Hamburg gefahren und besorgt mir einen Platz auf einem Schiffe; ich gehe zu meiner Mutter; ich habe es mir sehr lange und genau überlegt; es ist das beste, und es gibt nichts als die Gewalt oder den Tod, was mich hindern kann; ich will mich aber gegen beides wehren, denn ich will leben, ich will leben, ich will leben – ich wehre mich gegen jeden, der mich auf dem Wege in mein Leben und in die Sonne zurück aufhalten will –‹«

»Er hat sie nicht am Halse gefaßt?« rief der Student.

»Er liegt in seinem Bett, auf der linken Seite ganz gelähmt, und erzählt sich alles den lieben, langen Tag über immer von neuem. Aber er lächelt dabei und gibt ihr zwischendurch spanische Schmeichelnamen. Er ist ein alter Mann, und als sie ihm ihren Willen mitgeteilt hat, hat er sich wohl nur an ihrem Arm gehalten, um nicht damals gleich zu Boden zu fallen im Schwindel.«

»Und mein Bruder? mein Bruder Alexander?«

»O, er redet auch über den gar so schlecht nicht mit sich. Er rechnet wohl immerfort mit ihm ab, aber da handelt es sich meistens um wirkliche Zahlen und allerlei ausländische Staatspapiere. Wie es damit steht, wird wohl seinerzeit eine betreffende Behörde und gesetzkundiges Gericht herauszufinden haben. Der Kuhstieg weiß nur, daß dein Bruder Alexander zum zweiten Male vollständig abgewirtschaftet hat in Ilmenthal, nur für manchen armen Teufel und dummen Esel die Ilme entlang diesmal in noch viel schmerzhafterer Art als vor seinem ersten Abgang.«

»Ich kann es gar nicht sagen, wie mir in diesem Augenblick die ganze Welt zum Ekel ist!« murmelte der Student, sich den kalten Schweiß von der Stirn trocknend.

»Und ich kann dir gar nicht sagen, wie lieb mir in diesem Moment und Zusammenhang der Dinge deine gegenwärtige Ansicht von der Welt an dir ist«, meinte der Bruseberger mit seltsamer Ruhigkeit. »Es könnte keinem von der alten Freundschaft zu Hause lieb sein, wenn's anders wäre.«

»Zu Hause?!« lachte der arme Knabe zähnknirschend.

Doch Tränen kamen auch dazu. »Was will ich denn nun noch weiter von Euch erfahren, alter Mann? Wie ich in der schändlichen Posse mitgespielt habe, weiß ich ja so ziemlich genau. Zu Hause? Zu Hause! Sie wollen mir wohl noch mehr Einzelheiten und allerhand Genaueres erzählen, um mir das Behagen und das Glück der Heimat anlockend zu machen? Geben Sie sich keine Mühe weiter! Wir haben viel edle Zeit vertrödelt in Ihrer Traum- und Märchenbude nach hinten hinaus, alter Freund.«

»Guck, Ilmenthal! Wenigstens sein erster Schornsteinrauch hinter dem Fuchsberge. In einer kleinen Stunde steigen wir ins Städtlein hinunter. So geht's, wenn man in dieser Zeit der Eisenbahnen mit einem Schubkärrner fährt! Ohne mich hätten Sie den Weg in weniger als einer halben Stunde gemacht, Thedor.«

Der Student der Rechte hielt einen Augenblick an; doch der Bruseberger schob seinen Karren gelassen weiter im Zusammenhang der Dinge. O, er hatte darauf nicht nur den Marktrestbestand seiner Bibeln, Kinderfreunde, Schreibbücher und Gesangbücher, sondern auch noch eine hübsche Auswahl von den Volksbüchern, von den Schildbürgern bis zum hörnen Siegfried. Letzteres eine feine Historie für jedweden, der ungeschoren durch die Welt kommen will. –

Als nach einigen Minuten der Hochwald sie wieder in seine Dämmerung aufgenommen hatte, fuhr der weise Mann vom Kuhstiege fort, als ob sein »Ziehsohn« nicht das mindeste zu seinen Reden zu bemerken gehabt hätte.

»Was ich dir berichtet habe, kannst du heute nachmittag selber noch einmal anhören; der Herr Kriegszahlmeister ist ja immer noch dabei. Persönlich wurde ich erst acht Tage später aus deines Vaters Garten angerufen; nämlich an dem Tage, an welchem deine Spielkameradin ihren Brief an dich verfaßt hat. Hättest du noch an deinem Tisch und Fenster gesessen, so hättest du mir wohl den ersten Schrecken erspart; so aber fiel alles auf mich. Sie riefen mich nämlich an aus deines Vaters Garten; der Herr Kriegszahlmeister liege tot in seiner Stube! ... Wie ich erschrak, kannst du dir vorstellen; aber so schlimm war's fürs erste noch nicht; ich fand ihn jetzt nur an der Erde. Sie hatten ihn liegenlassen, wie er gefallen war, natürlich um ihn den Sachverständigen von vornherein zu überlassen. Aber wenn ich auch kein Sachverständiger war, so sah ich doch ein, daß man ihn recht gut auf ein Bett legen konnte, und dies taten wir denn auch und schickten dazu nach dem Doktor. Nun, es war vielleicht ein Trost, daß der sich recht tröstlich nach dem ersten Aderlaß aussprach.«

»Und die – die Frau Romana?«

»Die war nicht zugegen, mein Junge. Sie hatte den Wagen des Hotels Bellavista zu einer Fahrt nach Knillingen bestellt und war auch vom Hotel abgefahren. Sie hatte in ihrer ruhigen, sozusagen langweiligen Art ihr Vornehmen ausgeführt und war dem bösen Rodburg, wohl ohne einen Pulsschlag mehr, nach Hamburg nachgefahren. Das war ziemlich früh am Morgen geschehen, und als ich gegen Mittag zum Nachbar gerufen wurde, war sie schon ein ziemliches Stück Weges vom Kuhstiege weg. Und wen hätten wir ihr nachschicken sollen? Und auf welche Verantwortung? Selbst zu einem Steckbrief nach deinem nichtsnutzigen Bruder war es damals noch zu früh, denn über dessen eigentlichste neue Ilmenthaler Sünden gingen den hinters Licht Geführten die Augen erst mehrere Tage später auf. Fürs erste konnten wir nur den alten Tieffenbacher auf sein Bett legen und den Arzt und den Herrn Professor Drüding und den nächsten Rechtsgelehrten kommen lassen. Nach dem ersten Aderlaß konnte der Herr Kriegszahlmeister wenigstens seine eine Hand ganz gut wieder bewegen, und gegen Abend lichtete es sich ihm auch im Kopfe wieder, so daß er seine Meinung auf jede Frage am nächsten Morgen so ziemlich uns deutlich machen konnte.

Er wollte wissen, wie es unter seinen Papieren aussah; und wir, der Herr Professor, der Herr Assessor Lorber und ich, nahmen es auf uns, für ihn und vor seinem Bette die Durchsicht vorzunehmen. Dabei habe ich mehr auf seine noch gesunde und bewegliche Gesichtshälfte als auf die Wertsachen, von denen ich doch nichts verstand, passen müssen und wohl meines Erachtens die Hauptsache ersehen. In der Ordnung war wohl nicht alles, doch auch nicht so schlimm, als der alte Mann es sich vorgestellt haben mochte. Sie hatten wohl nur noch mitgenommen, was sie ohne Schaden brauchen konnten, und das Beträchtlichste hatte Herr Alexander dem Patienten sicherlich schon bei gesunden Tagen unter guten Gründen aus den Händen gespielt. Der Herr Kriegszahlmeister winkte denn auch bald hierbei ab, wie auf die erste Frage, wen wir hinter seinem Weibe dreinschicken sollten. Und dazu kam es nicht wie eine Erstarrung, sondern wie eine Gleichgültigkeit über seine gesunde Gesichtsseite, und er schloß auch das gesunde Auge wie zum Zeichen, daß er sich begnüge mit dem, was er erfahren habe, und daß er fürs erste jetzt nichts weiter als seine Ruhe haben wolle. Die haben wir ihm denn auch gegönnt und vorher nur noch angefragt, ob er vielleicht in seiner eigentlichen Heimat noch Anverwandte habe, an die man seinetwegen Nachricht geben könne. Darauf hat er nochmals die Hand geschüttelt, was nur nein hieß; und als er am dritten Tage nach seinem Unfall notdürftig wieder die Zunge gebrauchen konnte, hat er's auch durchs Wort bestätigt. Dabei hat er zum ersten Male wieder ein bißchen mit seiner frühern Zufriedenheit lächeln wollen; es ist aber nur ein betrübtes Grinsen daraus geworden.

Nun, der Doktor hat den Zustand vielleicht gleich ganz richtig erkannt, als er uns vor der Tür anvertraute: ›Diesmal bringen wir ihn noch auf und sogar ziemlich rasch. Freilich für einen zweiten Stoß im Frühjahr, wenn der Saft wieder in die Bäume steigt, bürge ich nicht; und ein heißer Sommertag in Verbindung mit einem kleinen Ärgernis oder einer körperlichen Anstrengung bringt unsereinen nur zu häufig zu einem Strich durch einen Namen im Taschenkalender.‹ – Die Hauptsache unter diesen Umständen ist es gewesen, daß wir ein Loch durch den Zaun für die Mutter Schubach geschlagen haben. So hat sie zu jeder Zeit ihren bequemen Zugang zu seinem Bett, und es ist unsäglich, was für einen Trost und eine Beruhigung sie jedesmal auf ihrem alten, guten Gesichte, hinter ihrem Umstecketuch und in ihren harten Händen mitbringt. So hat das Schicksal im Zusammenhang der Dinge auch diesen unsern Senjor unter ihre Obervormundschaft gestellt grade wie dich und mich, Thedor; und gradeso wie bei mir und dir tut sie sich an seiner Lagerstatt nicht den geringsten Zwang an und macht also bei jedem Anfall von kindischer Weinerlichkeit und Verlangen nach dem Monde oder dergleichen immer den besten Eindruck auf ihn. Keine alte Ilmenthaler Amme oder Kinderfrau kann tätschlicher mit ihrem Milchpüppchen umgehen und mit ihm konvenieren wie die Mütter Schubach mit dem närrischen alten, hülflosen Kind, dem Herrn Kriegszahlmeister Tieffenbacher. Was die Frau Romana angeht, so ist es ihre, der Meisterin ihre Idee und feste Meinung merkwürdiger-, aber meiner Meinung nach sehr tiefsinnigerweise, daß man ihm so gut und lobend, wie man nur kann, von der redet. O, es ist ein Wunder, wie die Frau sich da bezähmen kann, wie es auch in ihrem Innersten kochen und zischen mag! O Thedor, Thedor, welch ein Wunder hat unser Herrgott in der Frauen Herz gelegt, wenn sie bloß von der richtigen Art sind! Wie ein Druckfehlerverzeichnis hat er sie an sein großes Weltbuch, in welches ihm der Teufel so viel Unverständlichkeiten und falsche Wörter und Zahlen gesäet hat, angehängt. Es ist ein dummes Gleichnis, aber wegen meines Handwerks kann ich weder dir noch mir drüber weghelfen.«

»Und mein Bruder?« fragte der junge Student dieses großen »Weltbuches« unseres Herrgotts doch noch einmal.

»Von dem ist gar nicht mehr die Rede. Der alte Herr Joseph hat ihm nur ein einziges Mal auf seinem Bette, wahrscheinlich auf spanisch, ein Wort an euern Familiennamen gehängt, und nachher hat keiner seinen Namen mehr in den Mund genommen. Die Mutter Schubach hat uns andern auch dazu den Weg gewiesen; hier aber – haben wir Ilmenthal alt und neu in seiner ganzen Ausdehnung und Pracht unter uns, und nun, denke ich, verblasen wir einen Augenblick des Weges Molesten, ehe wir zu ihm hinuntersteigen. Es sind doch allgemach ein paar Wurzeln und Gestrüppe in den alten Weg gewachsen! Die neue Chaussee hat ihrerzeit das Ihrige gegen ihn vollbracht, und jetzt die Eisenbahn wird ihm ohne alle Hülfe den Rest geben. Der Wald wächst zu mächtig herein!« – –

Sie hatten an dem Fuchsberge, zwischen dessen Fuß und Gipfel in der Mitte, über dem vor kurzem der Welt noch völlig unbekannten Ilmenthal den Punkt erreicht, wo der »alte Weg« aus dem Tannenwalde hervortrat. Der Bruseberger hatte gemach seinen Jahrmarktsschubkarren vor der ersten vollen Aussicht auf das Städtlein niedergelassen und den Karrenriemen über den Kopf abgestreift. Der Student aber war in so gespanntem Horchen auf die Erzählung seines greisen Führers und zugleich in solcher Versunkenheit in sich selber den letzten Teil des in der Tat nicht unbeschwerlichen, aufgegebenen und wieder der Natur überlassenen Pfades seiner Väter hingeschritten, daß er jetzt vor dem Anruf und der Handlung seines treuen Begleiters förmlich zusammenfuhr und nun mit einem jähen Schrecken in das Tal und auf die Heimatsstadt herniedersah. Im jähesten Schrecken, und wie als ob ihm erst in diesem Moment mit wildester, höhnischer Gewalt und Brutalität – wenn auch nicht durch den Bruseberger – der Schleier von den Augen gerissen werde!

Da unten lag denn seine Kindheitsstadt; aber in ihr lag auch eine Leiche: seine unbefangene Kindheit, seine glückselige, schuldlose, vertrauensvolle, märchenvolle, wundervolle Jugend!

Tausendmal hatte er grade von dieser Höhe und diesem Waldrande auf die Türme und Dächer und das rauschende Flüßchen, auf die Gärten, Wiesen und Ackerstreifen niedergeschaut und alles als gute vertraute Freunde, die wieder ihrerseits vertraulich und wohlwollend aus dem Tal zu ihm emporblickten, angesehen. Er war sich nie bewußt gewesen, daß er doch diesem Ganzen da unten als ein Einzelwesen gegenüberstehe. Es hatte ja alles vom Anfang an zusammengehört und mußte in alle Ewigkeiten zusammenbleiben. Er hatte nie sich zu dem Begriff einer Trennung, einer Loslösung seiner selbst von seinem Lebensboden erhoben – und nun, in diesem Augenblick, war diese Scheidung schon vollzogen! ... Was auch die Jahre und das Schicksal des künftigen Mannes wirken mochten, nimmer ließ hier die Narbe sich gänzlich verwischen. Der Schleier war von den Dingen gefallen, Theodor Rodburg vom Kuhstiege und Ilmenthal an der Ilme jedes eine Sache für sich und – wenn sie fernerhin noch einigen Anteil aneinander nahmen – gegeneinander auf der Hut, mißtrauisch und das Schlimmste befürchtend!

Ach, das Ausgelöschtwerden der Gefühle ist hier ganz etwas anderes, als wenn der Wald irgendwo über einen aufgegebenen Pfad wächst!

»O Bruseberger!« rief der Jüngling aus gepreßter, angstvoller Brust; und der graue, kluge, treue Freund, Spiel- und Märchenberater seiner Kindheit stand melancholisch, trübselig neben seinem einstigen Schützling, der dies heute mehr denn je war, und seufzte auch nur: »Jaja, Thedor!«

Bei ihm jedoch hielt der Zustand der Zerschlagenheit nicht gar lange an. Gleich sah er wieder scharf – scharf genug auf den Studenten. Kein gelehrter Professor der Scheidungskunst paßte je genauer auf einen unter seinen Augen sich vollziehenden chemischen Prozeß, kein Anatom je mit mehr Anteilnehmung auf einen unter seinem Messer ihm seine Geheimnisse erschließenden animalischen Organismus. Wahrlich als ein großer Zergliederer und Scheidekünstler gab er acht auf jeden Gestus, jeden Seufzer und das leiseste Wort seines Schutzbefohlenen.

Letzterer suchte jetzt nach einzelnen Dächern des im grauen Wintermorgen- und Schornsteindunst und -dampf unter ihm liegenden Städtchens. Scheu glitt sein Auge über die gegenüber seinem Standpunkt sich am Berg hinaufziehende Häuserreihe des Kuhstieges. Dann suchte er tiefer an der Ilme im dichtem Nebel; aber das, was er dort zu seinem Troste finden wollte, war jetzt nicht mehr von dieser Stelle aus zu erblicken. Eine der neuen, am Abhange des Fuchsberges erbauten Villen im italienisch-deutsch-englischen Renaissancestil verdeckte das Dach des weiland Augustinerklosters und der Dienstwohnung des Professors Dr. Drüding vollständig. Es war wieder Zeit, daß der Bruseberger ein Wort dazu gab, und er tat's mit dem alten, allerfeinsten Gefühl für Ideenverbindungen.

»Guck, ein Zipfel von Marktplatz sieht hinter dem neuen Sommergebäude der Herrschaft aus Bremen doch noch hervor, und sie sind mit dem Christmarkt auch da schon im Gange. Ich habe mich mit meiner Rückkunft auch noch ein bißchen drauf eingerichtet, wenngleich wir den öffentlichen Stand an der Klosterecke nicht mehr beziehen, wie du weißt. Eigentlich war es aber doch eine pläsierliche Zeit, als du zuerst allein als Dreikäsehoch und ein paar Jahre später mit dem andern Dreikäsehoch, Fräulein Florinchen Drüding, mir die Waren durcheinanderwarfest, was ihr zu Hause am Kuhstiege viel bequemer haben konntet. Ja, die Welt hat sich seitdem für uns alle verändert; die Alten sind älter geworden, die Jungen klüger und verständiger, und die kleinen Mädchen sind auf dem besten Wege, schöne junge Mädchen zu werden! Ich sehe euere blaugefrorenen Weihnachtsnasen in diesem Moment wieder einmal ganz deutlich über der Mutter Schubach Bilderbogen und sonstigen Herrlichkeiten.«

»Die Welt ist eine andere geworden; ich aber gehöre heute nicht mehr zu Ilmenthal!« schluchzte Theodor Rodburg unter voll und unwiderstehlich hervorbrechenden Tränen, deren er sich in diesem Augenblick in seiner jungen Mannheit nicht im mindesten schämte. »Ich gehe nicht weiter mit Euch, Bruseberger! Grüßt die Meisterin und die – die übrigen und erzählt ihnen, wie weit ich Euch auf diesem Wege nach Hause begleitet habe. Ich kehre hier um, ich gehe zu diesem Weihnachtsfeste – zu keinem Feste mehr mit Euch nach Ilmenthal hinunter. Ich müßte umkommen beim ersten Schritt durchs Tor. Ich will lieber in Leipzig versuchen, was ich mir noch retten kann aus der guten alten Zeit, aus dem versunkenen Phantasie-Wunderlande! Grüßt den Herrn Professor und jeden, der noch einigen Anteil an mir nehmen will. Bittet den – Herrn Kriegszahlmeister, daß er mich nicht entgelten lasse, was ihm durch meinen Bruder Schlimmes angetan worden ist. Und nun – sagt mir nichts weiter! Laßt mich umkehren, laßt mich umkehren, Bruseberger! Gebt mir Euere liebe alte Hand und bleibt mir, was Ihr immer, immer für mich gewesen seid und was kein Traum, kein Märchen war. Fahrt zu mit Euerm Schubkarren und schickt mir von der Post meinen Koffer nach Leipzig zurück!«

»Nein, so doch nicht, Thedor, mein Kind, mein lieber, lieber Junge!« rief der Alte jetzt gleichfalls mit Tränen in den Augen. »Was du jetzo vorhast, ist leider Gottes freilich wohl das beste, und ich habe mich den ganzen Weg über darauf eingerichtet, daß du darauf von selber fielest. Aber Abschied nehmen wir so nicht, wie du eben vorschlugst. Gehe zurück, ich aber stehe und sehe dir nach und das Beste und Schönste und Liebste von Ilmenthal mit mir. Und was ich noch zu sagen habe, das werde ich vorher auch noch vom Herzen los zu deinem und unser aller Troste! Du bist mit einem alten Gesicht in diese veränderliche und doch immer gleiche Welt geraten, und sie haben in ihrer Dummheit damals gemeint: Viel zu spät im Jahre. Mein Kind, liebes Kind, so jung und hoffnungsreich wie in diesem bittern, aber segensvollen Momente hast du mir niemals ausgesehen. Laß dich nochmal angucken – ja, Gott sei Dank, du hast deine ganze Zeit noch vor dir, und es sind wenige Gesichter da unten, die mit gleicher Zuversicht in ihre kommenden Jahre sehen können. Hast du für den Augenblick nichts bei uns da unten im Tal und am Kuhstiege zu suchen, so soll dir doch das Beste immerdar aufbewahrt bleiben, wie sich auch der alte Ort mehr und mehr verneuern mag. Für seinen neuen Zustand grade gebraucht dich dein Geburtsort ebensosehr wie sein täglich Brod, das frische Wasser und die alte gute Luft. Es wird eine Zeit kommen, da wird man nach deinesgleichen rufen, und dann geht deine Zeit der harten Arbeit, aber auch der neuen Wunder- und Zauberwelt dir bei uns an. Wir heben dir deinen Platz bei uns auf, verlaß dich drauf! Ja, gehe heute nicht weiter mit mir; – mit blutendem Herzen muß ich es dir ja selber anraten .Tue deine Pflicht in der Fremde – laß alles zuwachsen und das Beste, Lieblichste und Schönste bei uns heranwachsen! Mein lieber, lieber Junge, sage dir jeden Tag, daß du deine Arbeit und dein Glück bei uns finden und heimholen wirst, wann ihr – du und das – ganz geschickt und reif füreinander geworden seid! Mein liebes, armes Kind, mein braver Thedor, ich wünsche dir einen guten Weg zurück heute und den besten, freudigsten dermaleinst her! Deine Sachen schicke ich dir gleich von der Post. Es ist kein Abschied, mein lieber Sohn, nur ein Lebewohl für einen einzigen schweren Tag und ganz im Zusammenhang der Dinge!«

Eine gute Weile hielten sich die zwei alten guten Spiel- und Traumkameraden in den Armen. Der Student sagte nichts weiter, als er sich losriß und in dem dämmerigen Tannenwalde auf dem Wege, den er eben gekommen war, zurückschritt. Er sah sich auch nicht um nach dem Bruseberger, der ihm nach seinem Worte so lange als möglich nachblickte. Mit untergeschlagenen Armen stand der Alte zuerst mit ziemlich kläglicher Miene, bis mit einem Male ein leises, gar kluges Lächeln über sein verschrumpfelt Gesichte glitt. Dazu holte er aus befreiter Brust voll und tief Atem, und dann duckte er seinen Nacken wieder unter seinen Karrenriemen und schob den Marktrest seiner Ladung echter, wahrer Weltliteratur, seine Bibeln, Kinderfreunde, Bilderbücher, bunten Märchenbogen und Volksbücher, bergab wieder hinein in die allgemach so sehr berühmt gewordene Stadt Ilmenthal an der Ilme.

Wir aber – wir hatten zuerst die Absicht, dieser wahrhaftig wahren Geschichte den Titel zu geben:

Auf der Schwelle!

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