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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Erstes Kapitel

Was für ein Gesicht wohl die drei unglückseligen Weiber, die Parzen meine ich, bei ihrer unausgesetzten Fabriktätigkeit machen mögen? Ich glaube fast, nur ein »beliebter Autor« gleich mir vermag sich ganz und vollständig hier in die Sachlage hineinzuversetzen; und es wäre merkwürdig, wenn er der, welche den Faden abschneidet, nicht das vergnügteste zutraute. Ei ja, wir, die wir gleichfalls Bescheid wissen mit dem Spinnen, Wickeln und Abschneiden menschlicher Schicksale, können es uns ziemlich genau ausmalen, das Behagen der drei Kolleginnen! Ihr Behagen – die bloße Vorstellung davon wirkt so überwältigend, daß wir uns selbst auf dem Papier sofort ins Freie, ins Grüne, ins Einsame, vor jeder Menschenanhäufung Versteckte hinaussehnen und der Sehnsucht augenblicklich Folge geben, wenn auch mit der dumpfen Gewißheit, das vor uns zu finden, was wir so gern hinter uns zurücklassen möchten: unsern Beruf, unser grimmiges und gutmütiges, unser tragisches und komisches, unser lachendes und weinendes Werk unter Menschen und ihren Schicksalen. Wir fahren, und auf der Eisenbahn. Halten wir ja das freie angenehme Gefühl des Getragenwerdens so lange als möglich fest, es macht nur zu bald anderen weniger behaglichen körperlichen und seelischen Empfindungen Platz, vorzüglich wenn sich der Tag dem Abend zuneigt. Ja, wenn man seine Knochen zu Hause lassen könnte bei allen Versuchen zu fliegen! Wenn es von neuem dämmert, kämpft in den Tälern zur Rechten und Linken der Nebel eines Flüßchens, das uns lange durch die Nacht bald zur Rechten und bald zur Linken, unbemerkt von uns, begleitete, mit den ersten Sonnenstrahlen; aber wir stecken einen ziemlich wirren, wüsten Kopf aus dem Wagenfenster und haben wenig Sinn für das wundervolle Farbenspiel der Natur übrigbehalten. Bald irgendwo anzukommen und festen Fuß von neuem auf der närrischen Erde zu fassen, ist uns längst wieder zur Hauptsache geworden.

Es steigt ein südlich Gebirge vor uns auf!

Nicht ein Gebirge im fernen, wirklichen Süden, sondern eines, das von unsern deutschen Lesern immer noch zu erreichen ist, ohne daß sie dabei auf den Gebrauch ihrer Muttersprache und den Genuß aller sonstigen Vorzüge ihrer Nationalität Verzicht leisten müßten.

Da haben wir schon den ersten schönen, gesunden Anhauch aus den Tannenwäldern! Noch eine Station unter den Vorhügeln, noch eine halbe Stunde bergan keuchender Fahrt zwischen den Vorhügeln, und wir sind angelangt und finden uns – nicht in der Einsamkeit und Weltvergessenheit der Berge, nicht fern von dem öden, eintönigen Gesang der Mören bei der Arbeit, sondern auf dem heißen Asphaltpflaster eines letzten Eisenbahndammes, mitten im Gedränge des Bahnhofes eines weitbekannten internationalen »Luftkurorts«. Ach, der Hauch aus den Wäldern war leider nur zu gesund, die Lage des Städtchens zu zauberhaft verlockend für das spekulative Bedürfnis einheimischer Grundbesitzer, zugereister und einheimischer Kapitalisten und Streber. Man hat es auch in Ilmenthal an der Ilme fertiggebracht, was andere bei weniger günstigen »Avantagen« gekonnt haben. Man führt »uns« endlich auch auf in der Bäderliste; sämtliche Reisehandbücher haben gottlob zuletzt denn auch »unsere« Berechtigung zur Existenz anerkennen müssen. Wir sind wahrlich etwas geworden, wovon sich unsere Väter und Mütter noch nicht das geringste träumen ließen in »ihrer« sogenannten Unschuldswelt hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, an »unseren« so äußerst lukrativ zu verwertenden klaren Quellen und Bächen, auf unsern lieblichen Wiesengründen, an unseren Berghalden und Felsenwänden, bei unseren wunderbaren In- und Aussichten! In Fichtennadelnextrakt schlägt uns niemand mehr – kein anderer Ort und Mensch, und was das übrige anbetrifft –

Nun?

Ja, so sind die Damen! Sie lassen sich nie gern auf ihrer Hände Arbeit sehen. Sie verstecken sie nur zu gern hinterm Rücken, wenn man kommt und bittet: »O, zeigen Sie doch mal!« Und die drei vorhin in ihrer Fabriktätigkeit erwähnten Mmes Klotho, Lachesis und Atropos machen hierin durchaus keine Ausnahme von der Regel. Sie sind aber heute in Ilmenthal an der Ilme ebenso rastlos tätig am Werk, wie sie es vor zwanzig Jahren waren, als jedermann dort die Luft atmete, ohne eine Ahnung zu haben, wie gesund sie sei. Und mehr denn zwanzig Jahre müssen wir jetzt zurückzählen, um ihnen, den drei furchtbaren Schwestern, wieder einmal mit möglichster Sicherheit auf die Schliche zu kommen ...

Zu spät im Jahr! – Dies hätten wir ganz gut als Titel vor die Geschichte setzen können (später wird noch von einem zweiten die Rede sein); wir nehmen die Worte aber einfach für das, was sie sind, eine landläufige Redensart nämlich, und fügen nur hinzu, daß es kein Wunder ist, wenn dieselbige uns heute im Ohre klingt. Sie klang vor zwanzig Jahren recht häufig um eine Wiege, an der wir im gegenwärtigen Augenblick aus mehrfachen Gründen kein geringes Interesse zu nehmen haben. Ein jeglicher, der offiziell oder der bloßen Neugier wegen damals hinter den kleinen grünen Vorhang guckte, hatte das Diktum laut oder leise auf den Lippen. Hinter der Kammertür waren sie allesamt damit bei der Hand, und gar vor der Haustür der Nachbarschaft rechts und links am Kuhstiege zu Ilmenthal tat niemand seinen Gefühlen und Meinungen mehr Zwang an. Alle gaben sie ein jeder nach seinem Temperament und Charakter achselzuckend es bedauernd oder schadenfroh lächelnd unbefangen von sich:

»Viel zu spät im Jahre!« ...

Und sie hatten sämtlich natürlich die stichhaltigsten Gründe. Es war freilich in der Tat so recht eine der gelegensten Gelegenheiten, um ein unschuldig, unglückselig Menschenkind an der Tür ins Leben sofort mit den spaßhaftesten oder melancholischsten Anzüglichkeiten und Bedenklichkeiten zu bewillkommnen, und es selbstverständlich nicht allein. Auch diejenigen, welche ihm die Tür eben aufgemacht hatten, Vater und Mutter, bekamen ihr gutgemessen Teil von ironischen Höflichkeiten und satirischen Glückwünschen mit, und die intimsten Hausfreunde konnten nur mit einem: »Ja, was soll man sagen?« abwehren.

Richtig war's übrigens. Ihren Eltern kam die Kreatur über den Hals und in die Wiege, als sie wirklich nicht mehr darauf gerechnet hatten. Wenn sich niemand der Mienen seiner Erzeuger bei seiner joyeuse entrée erinnert, so konnte im vorliegenden Falle der jüngste Sohn des Hauses sich dieselben sein ganzes Leben hindurch recht genau vorstellen, und es war anzunehmen, daß er bis zu seinem Ende allewege trefflich Bescheid wissen mußte auf den Gesichtern, wenn spätern guten Bekannten und Bekanntinnen das begegnete, was seinem Vater und seiner Mutter durch ihn selber passiert war.

Die Leute, welche die Gesichter schneiden, wechseln; jedoch die Gesichter bleiben. O, um wie vieles ruhiger würde es auf Erden zugehen, wenn die Menschheit erst einmal hinter diese unumstößliche Tatsache käme und die Folgerungen daraus für sich im einzelnen zu ziehen wüßte! ...

Es war, wie eben schon bemerkt wurde, ein Junge, der damals am Kuhstiege zu Ilmenthal geboren wurde, und er geriet als Nachschößling in eine ziemlich kopfreiche Familie. Zwischen ihm und seiner jüngsten Schwester lag bereits ein längerer unfruchtbarer Zeitraum. Es gab einen durchgegangenen älteren Bruder (wenn er noch lebte), und es gab lebende und sicher gestorbene Brüder und Schwestern, und die gestorbenen zählten hier unbedingt noch mit. Der Papa hatte sein sechzigstes Lebensjahr um ein beträchtliches überschritten und die Mutter ihr fünfzigstes um ein weniges. Der Alte vorzüglich hatte das Geschenk nur angenommen, weil er es nicht abweisen konnte; aber schon die Art und Weise, wie er sich in dem öffentlichen Provinzialanzeiger für die Gabe des Himmels bedankte, tat dar, daß er sie jedem andern lieber gegönnt hätte als sich.

Noch ein Junge.
Rechtsanwalt Dr. F. Rodburg
und Frau

lautete die Ankündigung mit möglichster Ersparung von Einrückungsgebühren; aber es war alles drin, was zu einer solchen Botschaft unter den gegebenen Verhältnissen gehörte. Selten hatte das kleine Wort »noch« so viel Überdruß eingeschlossen wie hier; doch das seltsamste war, daß es zugleich ein Zugeständnis an die öffentliche Meinung enthielt, welches sonst, in andern Fällen und bei andern Gelegenheiten, dem Inserenten keineswegs leicht abzuringen war, weder im geselligen Verkehr noch in seiner geschäftlichen Praxis.

Über die Gefühle der Mutter können wir nicht mit gleicher Bestimmtheit urteilen. Die Mütter bleiben in dieser Beziehung alle Lebenszeit durch unberechenbar; und wir wissen nicht, ob der Alte das volle Recht hatte, sie in seiner Annonce als ganz und gar zustimmend mit einzuführen. Jedenfalls war ihr das verspätete Kindergeschrei viel minder widerwärtig als dem vielbeschäftigten, grauköpfigen Gatten; allein sie kränkelte zu sehr ihre kurzen letzten Lebensjahre hindurch, um noch, abgesehen von allem andern, das rechte Vergnügen und die rechte Geduld neben dieser ihrer letzten Wiege haben zu können.

Als sie starb, war der kleine Theodor (diesen schönen Namen »Gottesgabe« hatte ihm der Vater, der sich während der Taufe als verreist ausgab, in derselbigen beilegen lassen) eben fünf Jahre alt geworden; und es spricht für das Verhältnis zwischen Mutter und Kind, daß das Kind den letzten Blick und das letzte Wort der Sterbenden niemals vergessen hat. Beides war doch auch nur an es gerichtet, obgleich die ganze übrige Familie an dem Bett der Frau versammelt war und der letzte, zu spät im Jahr angelangte Sprößling des Hauses zwischen all dem erwachsenen betrübten Volke verschwand wie eine Erbse unter einem Haufen Kürbisse.

Mit dem schon halb gebrochenen Auge suchte die Mutter in diesem Haufen nach irgend etwas. Aber was sie dabei murmelte, verstand längere Zeit keiner, und den ängstlichen Blick noch weniger, bis endlich die jüngste Tochter, Charlotte, beides begriff und schluchzend flüsterte;

»Mama will unser Theodorchen noch einmal sehen! Nicht wahr, Mama – liebe Mama?«

Es folgte nur wieder ein rauher, unverständlicher Laut und dazu eine Handbewegung; das Mädchen hatte jedoch das Richtige getroffen, wie jedermann jetzt einsah. Schon hatte Agnes den Jungen über den Bettrand gehoben, und es gelang der Sterbenden noch einmal, den Arm um ihn zu legen.

»Beruhige dich, Eugenie – rege dich nicht auf; wir sind alle um dich!« meinte der Notar in betrüblicher Ratlosigkeit; doch Frau Eugenie Rodburg konnte von seinem wohlmeinenden Rat kaum noch Gebrauch machen, und unter allen, die um sie waren, beschränkte sich ihr Interesse gegenwärtig auf Erden einzig und allein auf das winzigste Bruchteil des Kreises.

»Mein Kind – mein arm lieb –« seufzte sie noch; dabei aber erlosch ihre Stimme für immer in dem Hause am Kuhstiege zu Ilmenthal an der Ilme. Sie konnte nichts mehr kundgeben, weder als Wunsch, noch als Bitte, noch als Willensmeinung. Eine Viertelstunde später starb sie und konnte niemand in ihrer Familie mehr mit Rat und Tat zur Hand gehen, obgleich das, der Himmel weiß es, selbst dem Selbständigsten darunter bei Gelegenheit recht nötig gewesen wäre.

Rechtsanwalt Dr. jur. F. Rodburg und Frau erschienen fürderhin nicht mehr auf einem Lebensdokument zusammen, und es war eine Täuschung des überlebenden Teils, daß – dieses im Grunde nicht viel zu bedeuten habe.

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