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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Sechzehntes Kapitel

Mehr als ein anderes in diesen Blättern der Nachwelt aufbewahrtes Wort war es dieses, was zu offenbarster Gewißheit dartat, daß der Bruseberger ein weiser Mann, ein Freund der Menschen und ein Menschenkenner und Erzieher ersten Ranges war. Mit der Hand hinterm Ohr hatte er eben von seiner Heftlade aus gehorcht und Töne dabei in sich hineingegrummelt, die alles bedeuten konnten, nur kein seliges Wohlbehagen. Aber das Durcheinander in seiner braven Seele machte sich, wie gesagt, durch einen Husten Luft, und nachher war's ihm doch um ein merkliches klarer vor den Augen als noch vor fünf Minuten.

Die Mutter Schubach mochte in der vergangenen Nacht eine sehr schöne Rede gehalten haben; aber alles darin war doch nicht zu gebrauchen – im gegenwärtigen Zusammenhang der Dinge. Der Bruseberger konnte es nach dem eben angehörten Zwiegespräch nicht mehr vor sich verantworten und noch weniger es übers Herz bringen, das alte und das junge Kind, die es da jetzt, ohne selber viel dafür zu können, mit der Prinzessin Fisch zu tun hatten, mit den Köpfen aneinander zu rennen.

»Das hatte der Mensch mal wieder fein ausspintisiert, um sich für seine Person eine Last nach Möglichkeit vom Halse zu schaffen!« brummte er. »Recht sauber hatten wir uns das zurechtgelegt, die Meisterin und ich, und daß wir doch nichts weiter waren als alle die übrige Menschheit, nämlich ein paar mit ihrem Teil Sorge, Überdruß, Unbequemlichkeit und Selbstgefallen gesegnete krummbuckelige, grauköpfige Egoisten, das kommt einem ganz zufällig, wie man ein Fenster aufmacht und einen kalten, hellen Luftzug von draußen zu sich hereinläßt! Dazu habe ich ihn, unsern Thedor, ja wohl zu meinem Privatvergnügen damals mit seinem Kuchenstück von seines Vaters Begräbnis und seinen Karnickeln und nachher seinem Latein über den Zaun geholt? Bruseberger! Bruseberger! ... Jaja, wer nur den Finessen in sich selber in seinem Gemüte ganz genau nachgeht, der kann tief heruntersteigen und kommt fürs erste wahrhaftig nicht auf den Grund, sondern bloß auf immer neue Bedenklichkeiten im Verkehr mit seinem Nächsten. Also dies Kind, dieser arme Junge, sollte für uns alle die Sünde ausbaden, bloß weil wir ihm die Stube hier neben der Werkstatt mit der Aussicht auf seines Vaters Garten und die gelbe, langweilige Hexe und den bösen Rodburg, seinen Bruder, drin zu seinem Studio angewiesen haben? Mit dem armen guten Kindskopf, dem Nachbar Tieffenbacher, sollte er darüber reden? Mit dem Herrn Professor Drüding sollte er davon sprechen? Und aus dem Hause sollte er uns je eher, je lieber – lieber heute als morgen; – o Bruseberger, Bruseberger! O Mutter Schubach, Mutter Schubach! ... In Gottes Namen denn! Aus dem Hause am Kuhstiege muß der Junge freilich, aber doch wohl nur im regelmäßigen Verlauf der Dinge, und dazu gehört, daß ihn uns keiner, der sich für sein Teil mal nicht recht zu helfen weiß, noch mehr, als es schon das Schicksal besorgt, von seinen Büchern bis Ostern verstört. Abwarten! hat neulich schon die Meisterin geraten und hat wieder mal mit ihrer Idee mehr recht gehabt als ich mit all meiner dummen Überweisheit. Hm, hm, alle unsere Sorge und Moral auf den jungen, heißen, roten Kopf da nebenan abladen zu wollen! Es war eigentlich zu nichtsnutzig, und einen andern Grund dafür als unsere ratlose Dummheit konnte ich wirklich nicht angeben. Pst, Thedor!«

Darauf war das so sehr vernünftige Wort an den verstörten Knaben nebenan erfolgt, und wir – wir verfügen uns ein Haus weiter, und zwar mit dem festen Vorsatze, bei der nächsten Gelegenheit uns ein gutes Beispiel an diesem praktischen Philosophen, dem Bruseberger, zu nehmen und es gradeheraus zu gestehen, wenn wir ein Ziel überschossen haben, was, beiläufig gesagt, manchem, der's nicht für möglich hält, wahrscheinlich der allgemeinen Weltmoral wegen passiert. Es hat manch ein Heros eine hervorragende Stellung in der Weltgeschichte nur, weil in der großen Schulstube der Menschheit eine neue Seite und ein passend Exemplum im Kinderfreund notwendig geworden war. – –

Ein Haus weiter am Kuhstiege ist Frau Romana Tieffenbacher recht übel dran und hat trotz ihrer Fürstin- und Feenrolle im Kopfe ihres jungen Nachbars nicht das mindeste von Behagen vor den andern rechts und links an der Ilme von der Quelle bis zur Mündung in den xxx voraus.

Eben will die Nachmittagssonne, jetzt schon in rötliche Dünste gehüllt, hinter die nordischen Schneeberge hinabsinken. Die Räder der auf dem Kuhstiege vorbeifahrenden Holz- und Kohlenwagen knirschen und kreischen. Schon ist der tiefstliegende Teil der Stadt in blauen Frostnebel gehüllt, und an den Fenstern beginnen die weißen gespenstischen Arabesken, die dem Weibe des alten närrischen Joseph Tieffenbachers so fremd und unheimlich sind, von neuem anzuschießen. Der deutsche Ofen (kein Kamin mit offen flackernden Flammen!) glüht, aber die Mexikanerin friert doch. Sie liegt nach ihrer Gewohnheit ohne Beschäftigung schläfrig auf dem Diwan ausgestreckt. Ihr Zigarettenkistchen hat sie auf einem Tischchen wohl bequem zur Hand, aber auch das hat sie eben überdrüssig beiseite geschoben und mit einem schweren Seufzer beide Hände unter dem Hinterkopfe ineinander gelegt.

Prinzessin Fisch ist schlimm daran, so schlimm, daß es ihr in diesem Augenblicke sogar eine Unterhaltung sein würde, wenn sie erführe, welch eine Wunderrolle sie den Sommer über in der Knabenphantasie im Nachbarhause gespielt hat. Sie weiß es durchaus nicht und braucht es auch nie zu erfahren, da sie am Ende in ihrer eigenen unlebendigen Phantasie doch wenig damit anzufangen wüßte. Übrigens weiß sie heute weniger als an irgendeinem andern Tage ihres vegetierenden Daseins, weshalb sie eigentlich in der Welt ist und wozu es nötig war, daß sie grade in diese frostige, nebelige, ihr so gänzlich fremde Welt, von der sie jetzt umgeben ist, hineingeraten mußte. Gähnend versucht sie es noch einmal, sich vorzuführen, wie es kam, daß sie als das Weib ihres Mannes sich in diesem Ilmenthal an der Ilme findet; und in dieser Hinsicht ziehen jetzt die für uns buntesten Bilder durch ihre träge, stumpfe Seele.

In der Stadt Mexiko hat ihr Papa, der ein kleines Amt in der städtischen Verwaltung merkwürdigerweise unter mehreren Dutzenden von Präsidenten der verschiedensten Haut- und Parteifarben festgehalten hatte, es auch unter kaiserlicher Regierung gern behielt und es höchstens lieber mit einem bessern vertauschte, die gute Partie für sie ausgesucht und sie mit Don José Tieffenbacher verheiratet. Sie hat nicht die geringsten Einwendungen gemacht, denn sie hatte es ziemlich schlecht in ihrem väterlichen Haus, und ihre Mama riet dringend zu, vorzüglich als es kurz vor der Einschiffung des Marschalls Bazaine herauskam, daß der französische Major M. Hippolyte Jarbeau längst glücklicher und mehrfacher Familienvater in Lons le Saulnier war und von einer sehr lebendigen Gattin dort sehr lebhafte, zärtliche, aber etwas um seine moralische Aufführung besorgte Briefe bekam. Der mit dem Kaiser Maximiliano von Europa herübergekommene österreichische Caballero bekam keine derartigen Briefe nachgeschickt, dagegen war er nicht ohne Einfluß in den niedern Regionen des kaiserlichen Kriegsdepartements und auch in Europa nicht ganz unbemittelt. Es gleiten wunderliche welthistorische Bilder an den alten nüchternen Wänden und Tapeten des weiland Notars Rodburg hin: Señora Romana Tieffenbacher befindet sich eben schon auf dem Wege nach Queretaro! Sie ist mit Mama zu Pferde im Zuge. Es sind viele Damen und Frauen zu Pferde im Zuge. Die Cazadores a caballo unter Gerloni und Czismadia reiten mit, die österreichischen Husaren des Regiments Khevenhüller und die Infanterie des Barons Hammerstein ist auch dabei. Don Ramon de Mendez kommandiert die Division nach der ordre de bataille des Kaisers, und Papa hat eine Stellung im Verpflegungswesen Don Ramons, die für einen Mann, der unter zwölf Präsidenten jedesmal wußte, was not tat, ihre klingenden Reize besaß.

Wäre es nur nicht zu einer so schlimmen Falle für die Klugen wie für die Dummen geworden, dieses böse Queretaro! ...

Seltsame Phantasiebilder für das Gesellschaftszimmer der weiland Frau Eugenie Rodburg am Kuhstiege zu Ilmenthal an der Ilme! ... Frau Romana Tieffenbacher hat sehr geweint darüber, und Mama war außer sich, daß die traidores, die Verräter, der General Escobedo, die Liberalen und Seine Exzellenz, der augenblickliche Präsident Don Benito Juarez, den Papa einfach entre chien et loup hingen, da sie doch den General Mendez nächtlicherweile in einem Lehnstuhl und bei angezündeten Streichhölzern ehrenvoll erschossen und S.Majestät, Don Maximilliano d'Austria, bei hellem Tage.

Es war am 9. Oktober 1867, als die gefangenen und noch nicht gehängten oder erschossenen kaiserlichen Offiziere und Offizianten aus der für die Republik wiedergewonnenen Stadt nach Verakruz und Oaxaca abgeführt wurden. Im Kapuzinerkloster war vor dem Abmarsch großer Zudrang von Damen, und auch Doña Romana Tieffenbacher und Mama hatten für längere Zeit von dem Gatten und Schwiegersohn Don José Abschied zu nehmen. Nur bis zur Cuesta China, dem höchsten Punkt bei der Stadt, durften die Freunde und Angehörigen dem Zuge das Geleit geben. Von dieser Höhe warfen die Österreicher einen letzten Blick nach dem Cerro de la Campaña, der Todesstätte ihres Erzherzogs, hinüber, und auf dieser Höhe ließ Herr Joseph Tieffenbacher aus Bödelfingen gottlob ziemlich beruhigt sein Weib unter dem Schutze und der Obhut eines neugewonnenen Freundes aus der Gegenpartei, des Kapitäns in der Legion of honour, der aus nordstaatlichen nordamerikanischen Gentlemen bestehenden juaristischen Hülfstruppe, Mr. Alexander Redburgh aus Ilmenthal an der Ilme.

Herr Joseph mit seinem Orden al merito militar in der Tasche hat damals wie ein Kind geweint; aber sein Weib muß heute doch lächeln auf ihrem Sofa in Ilmenthal, wie an dem kalten, weißen nordischen Wintertage jene tränenreiche Stunde mit allen ihren Einzelheiten wieder durch ihre leidenschaftslose Seele gleitet. Santa madre de Dios, es ist doch recht merkwürdig, daß sie heute hier in dem schrecklichen und langweiligen Schnee vergraben liegt und ihr Gatte nicht wie der Papa gehängt oder wie der Kaiser Maximiliano erschossen wurde, sondern jetzt mit dem schrecklichen und langweiligen Señor Professore auf dem ›Asen‹ aussitzt! Und sehr merkwürdig ist es auch, daß auch heute wieder in jedem Augenblick der Freund und Landsmann Don Josés an die Tür klopfen kann wie in jedem Quartier auf dem weiten, schrecklichen und langweiligen Wege von der Stadt Queretaro bis zum Schiff im Hafen von Verakruz, wo er mit Mama zurückblieb, aber dem Freunde versprach, von New York so bald als möglich nachzukommen!

Es ist ein weiter und beschwerlicher Weg von Queretaro, besonders für Damen, gefangene Damen unter einer Eskorte spaßhaft aufgelegter Reiter von der Gegenpartei, und ein galanter Caballero findet dabei gewiß vielfach Gelegenheit, sich angenehm und nützlich zu machen. Eine Menge Ortsnamen, über die wir in Ilmenthal wie mit der Zunge so mit der Feder stolpern, sind der fröstelnden, gelangweilten Frau in ihrem Halbtraum ganz geläufig und erregen ihr in der Erinnerung bald ein Lächeln, bald ein unwillkürliches leises Zusammenschaudern. Da ist schon vier Leguas von Queretaro der Flecken Colorado, wo der deutsch-amerikanische Gentleman Don Alexandro dem Anführer des Zuges, Don Victoriano Turbacio, zum ersten Male der Señora Romana wegen den Revolver auf die Stirn zu setzen hatte. San Juan del Rio, Arroyo Zarco, San Francisco Zoyaniquilpam, San Miguel Calpulalpam, Tepeji, Quicliclan – die schöne Frau lacht sogar einige Male ganz laut, wie sie die Worte leise vor sich hin spricht, aber sie lacht wahrlich nicht über ihren absonderlichen Klang. Im Grunde ist es doch die glücklichste Woche ihres damals noch etwas jüngern Daseins, die sie auf diesem Wege, den der Krieg zu beiden Seiten mit unzähligen, aber auch ungezählten Gräbern einfaßte, hingebracht hat. In den Tagen vom vierzehnten bis zum neunzehnten Februar des Jahres zog ihn Maximilian mit Rossen, Reitern und Geschützen zu seiner Richtstätte auf dem Cerro de la Campana, und das Gewehrfeuer zur Rechten und zur Linken des kaiserlichen Heeres schwieg selten bei Tage und bei Nacht. Auf der Reise, von der heute die Frau Romana auf dem Kuhstiege im Ilmenthal träumt, fällt, da die sonderbare Tragödie zu Ende gespielt ist, nur noch dann und wann ein Schuß. Beim heiligen Michel von Calpulalpam zum Beispiele wird Herr Alexander Rodburg aus Ilmenthal von einer liberalen Kugel, glücklicherweise nur leicht, gestreift, und der Kommandant Don Victoriano ist völlig untröstlich darüber, will den unbekannten Täter, sowie er entdeckt ist, auf der Stelle füsilieren lassen und wird dessenungeachtet vor der Kammertür der Doña Romana Tieffenbacher von dem US-Ehrenlegionar auf englisch a bloody scoundrel und auf ilmenthalisch ein armer Hammel betituliert.

Es ist wahrhaftig ein miraculo de la Santissima, daß besagter Ehrenlegionär seine Schutzbefohlene an Ehre und Gesundheit unverletzt dem Gatten ein Vierteljahr später an Bord des französischen Paketschiffs »Panama« im Hafen von Verakruz in die Arme zu legen vermag. Mama hätte es nicht für möglich gehalten, Mama war außer sich vor Enthusiasmus über den valoroso Caballero, den Ritter aller Ritter, den Begleiter aller Begleiter: es war ein Wunder, ein Wunder, ein Wunder – beinahe ein ebenso großes Wunder, als daß Mama heute wiederum, wenn auch jetzt als Doña Eufemia Turbacio, in der Verwaltung der Stadt Mexiko, und zwar beim Straßenbauwesen mit angestellt ist, grade als ob seit der Landung Maximilians von Österreich, wie der Bruseberger sich ausdrücken würde, im Zusammenhang der Dinge gar nichts Wunderliches passiert sei! Mit tränenreicher, etwas zitteriger, dankbarer Begeisterung faßte Don José sein Weib, seinen Freund und seine Schwiegermutter in die Arme. In nicht grade guten Gesundheitszuständen hatte man ihn und ein halb Dutzend anderer Kriegs- und Leidensgenossen aus der letzten Haft unter dem Oberst Santibanos im Fort San Juan d'Ulloa entlassen. Er hoffte aber alles oder doch das Beste von einer so radikalen Luftveränderung, wie sie ihm jetzt von neuem bevorstand; und die Aussicht, sich recht bald mit dem Freunde Alexander und der jungen Frau in dem »doch angenehmem« Europa und unter behaglichern Umständen wieder zusammenzufinden, erquickte ihn auch sehr und hielt ihn gleichfalls aufrecht. Fürs erste freilich hatte der Hauptmann von der nordamerikanischen Ehrenlegion Doña Eufemia nach der Stadt Mexiko zurückzugeleiten, und auch dies war schön von ihm. Daß er dort noch eine kleine Privatkostenrechnung mit der Regierung Benito Juarez' auszugleichen hatte, traf sich freilich recht geschickt.

Am 15. November 1867 ging die »Panama« nach St. Nazaire unter Segel und Dampf, und Frau Romana richtet sich plötzlich von ihrem Kissen am Kuhstiege zu Ilmenthal empor, horcht und sucht in einiger Ungeduld eine bequemere Lage. Sie zieht das Bärenfell, das ihre Füße bedeckt, dichter um sich. Die Sonne ist hinter die Berge hinabgesunken, die Dämmerung kommt, und die Temperatur des neuen Luftkurorts sinkt immer mehr.

Von jener Seefahrt schreibt ein fürstlicher und durchlauchtiger Teilnehmer: »Unter der großen Zahl von Passagieren, die wir an Bord hatten, befanden sich auch einige untergeordnete Beamte des Kaisers, elende Kerle, deren Koffer mit gestohlenen Sachen vollgepackt waren und die nun über ihren frühern Herrn schimpften, weil ihnen durch seinen heldenmütigen Tod die Gelegenheit, mehr zu stehlen, benommen war.« Unter allen Umständen war es eine sehr gemischte Gesellschaft auf dem Schiff und für die junge Frau in jeder Beziehung bei weitem das beste, daß sie sich soviel als möglich der Pflege ihres Gatten widmete und sowenig als möglich an der Geselligkeit während der Überfahrt teilnahm.

Es ist sonderbar, daß Señora bei diesen Bildern der Vergangenheit zum erstenmal am heutigen Nachmittag laut und vergnügt lacht.

»O Dios!« kicherte sie, und dann – horcht sie mit zurückgeworfenem Kopfe von neuem und läßt sich diesmal nicht wieder auf die Kissen zurücksinken. Die alte schrille Haustürglocke des Notars Rodburg, die der jetzige Hauseigentümer noch nicht gegen eine neue vertauscht hatte, war erklungen. Ein leichter Männerschritt draußen – ein leiser Schlag an die Tür –

»Mein Herz!« ruft die Frau Romana. »Niederträchtiger, wie lange bist du ausgeblieben!«

Sie steht auf den Füßen in dem halbdunkeln, überheizten Gemach. Sie hält den abendlichen Besucher in den Armen, und sie sieht sehr böse und energisch aus und gleicht plötzlich merkwürdig genau jener am Feuer aus der Wintererstarrung erwachenden Schlange in der Fabel.

Aber auch der Mann, obgleich er das Weib »mein Liebchen« nennt, scheint wenig zu weicher Zärtlichkeit aufgelegt zu sein. Er macht sich mürrisch von dem Griff der Dame los und sagt verdrossen:

»Man sollte es nicht für möglich halten, aber selbst unter den Kindern und Dummköpfen hier hat man nach jeder Richtung hin seine Vorsichtsmaßregeln zu nehmen. Hält mir eben der Kleine im Nachbarhause eine Moralpredigt, die an drolliger Ernsthaftigkeit nicht das mindeste zu wünschen übrigläßt. Dem müssen sie gut eingeheizt haben mit Vätersitten, Ilmenthaler Anstand, und was sonst dazu gehört. Ich glaube, für einen Moment habe ich dem Jungen gegenüber wirklich die Fassung verloren und eine merkwürdig lächerliche Rolle gespielt. Habe mir aber dafür unter der Haustür den alten Schleicher, den Mr. Bruseberger, am Ohr genommen und ihn nach Gebühr mit der Nase in seinen moralischen Kleister gedrückt. Ich hoffe, für die nächste Zeit wenigstens uns vor der Trivialität noch einmal Ruhe verschafft zu haben. Aber wie heiß das auch bei dir hier ist, anima – Seele meiner Seele! Am Morgen hatte ich dazu schon eine recht nette Szene im Roten Krebs in der Generalversammlung der hiesigen Aktionäre des Kurhausbaues. Man tat allerlei Fragen, die sich freilich nicht so leichthin beantworten ließen. Puh – man atmet in der Tat hier bei dir Romana, in der Tierra caliente! Und also, o mein tropisches Herz, ich fange an, die süße Heimat erklecklich satt zu bekommen. Die Äquivalente entsprechen dem Aufwand an Langerweile durchaus nicht. Brr, diese Decke hier über unsern Köpfen! Dein Alter hätte den alten Stuck abschlagen lassen sollen; der Posaunenengel da hat dem bösen Rodburg nur selten zu einem friedlichen, häuslichen Vergnügen die stumme Musik geliefert. Seht die Bestie, Triumph hat sie oft genug zu meinem kindlichen Geheul geblasen, und wer weiß wozu sie fähig wäre, wenn sich ihr noch einmal die Gelegenheit böte, über meinem närrischen Kopfe bei einer neuen Szene der Lebenskomödie anwesend zu sein!«

Die Frau sah den Mann, wie es schien, in der gewohnten Teilnahmlosigkeit an. Dann sagte sie:

»Du willst wieder gehen! Du hast es gut, du kannst stets gehen, wann du willst.«

»Und dich unter den Barbaren, den Tröpfen und Zöpfen und im tiefen Schnee deinen eigenen Hülfsmitteln überlassen, mi corazon?«

»Ich tötete dich lieber jetzt!« murmelte die Fremde im Lande, leicht und wie vertraulich dem »bösen« Rodburg die Hand auf die Brust legend. In ihrer Muttersprache klang das Wort noch viel wilder und energischer, und die Frau Tieffenbacher vom Kuhstiege zu Ilmenthal sah trotz ihres Lächelns oder grade ihres Lächelns wegen ganz so aus, als wenn sie ihr Wort auf der Stelle wahr machen könnte. Ihr Freund erwiderte auch nichts weiter als:

»Darum handelt es sich gegenwärtig noch nicht, mein altes Mädchen! Du weißt, daß wir aus mehrfachen Gründen zusammen reisen werden, wenn es nötig und nützlich werden sollte. Was kümmert mich die eingeborene Unerheblichkeit rundum? Die nächsten Monate – diesen dir bis jetzt nicht vorgestellten gemütlichen deutschen Winter möchte ich dir ein wenig erträglicher machen können.«

»Dieser Winter!« murmelte die Mexikanerin, schaudernd sich an den Weggenossen von der Straße von Queretaro bis nach Ilmenthal an der Ilme schmiegend. »Oh querido, den ganzen Tag über bis auf wenige Minuten immer, immer allein mit mir in dieser Kälte und in diesem dunkeln Hause!«

Der Ilmenthaler Abenteurer warf einen Blick umher:

»Hm, ich weiß es, wie gesagt, auch nicht, was sie voreinst in den Grund vergraben haben, um diese gemütlichen Wände, Decken, Pfosten und Winkel zu einem Gespensterkeller für jeden vernünftigen Menschen zu machen! Wurden Sie mir nicht eben auch zu einem richtigen Spuk von der Porte St Martin mit Ihrem ›Je te tuerais‹, Señora? Ich würde dich töten! ... Da ist es ja ein wahres Glück, daß wir momentan doch wieder allein das Reich im Hause haben – grade wie vor Jahren – weißt du noch? – in der Hazienda zum Heiligen Geist vor Arroyo Zarco, wo du auch so entsetzliche Angst hattest –«

Eine Stunde später lachte Frau Romana Tieffenbacher noch immer herzlich über den Stiefvater Don Victoriano, den damals »vor Jahren« der amerikanische Kapitän der Legion of honour so schlau mit einem Zuge seiner Lanzenreiter auf eine ganz und gar vergebliche Jagd nach einem noch ungefangenen und ungehangenen reichen Kaiserlichen zu schicken verstanden hatte. Wir wissen, daß es nicht wohllautend klang, wenn sie laut lachte, und die guten Hausgeister des Hauses Rodburg blieben wohl deshalb stumm in Wand und Winkel und gaben nicht das geringste Echo zurück. Aber auch die bösartigem germanischen Hauskobolde hielten sich in Winkel und Wand ganz still und blieben stumme Zuschauer und Horcher. Sie haben das so an sich und wissen sich doch ihrerzeit geltend zu machen. Sie warten nur etwas heimtückischer wie ihre Genossen in andern lebhaftern, naivern Nationen ihre Gelegenheit ab. Nachher wissen sie dann grimmig genug in die Seele hineinzugreifen und sie zurechtzuschütteln. Zurecht wird jedenfalls einmal alles geschüttelt – auf die eine oder auf die andere Weise.

Noch eine halbe Stunde später, als es schon völlig Nacht geworden war, murrte der böse Rodburg, vor der Tür seines exväterlichen Hauses den Fuß in den Schnee setzend:

»Dammy! Ich werde sie wahrhaftig noch einmal mit mir schleppen müssen, diese feuchtkalte Fischprinzessin! Zum Teufel, ich habe sie doch ein wenig zu vertrauensvoll für dumm gehalten. Sie ist leider nur abgeschmackt und weiß im übrigen nur zu gut und verständig Bescheid in dem Verhältnis zwischen uns und den Vermögensverhältnissen ihres einfältigen Señor Pantaleon. Eh bien, nous verrons!«

Er sah nach dem Hause der Mutter Schubach hin:

»Am wenigsten hat solch ein kindlicher Tropf wie mein kleiner, kluger Bruder dort in seinen Unendlichkeitsgefühlen eine Ahnung davon, wie eng diese verdammte Welt ist und wie voll von lästigen guten Freunden.«

Mit einemmal lachte auch er ganz kindlich, als ihm plötzlich einfiel, daß er nur deshalb sich in Ilmenthal befand und die Frau Romana und ihren Gatten dahin gebracht habe, weil er daselbst unbekannt geworden zu sein geglaubt hatte.

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