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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Vierzehntes Kapitel

Es will uns in diesem Moment bedünken, als habe diese Blätter durch ein immerwährender Sommer geherrscht, als habe Ilmenthal die ganzen Jahre durch, das heißt, seit der Herr Notar Dr. F. Rodburg seine letzte erfreuliche Familiennachricht mißmutig in den täglichen Anzeiger setzte, fort und fort hübsch im Grün, im Sonnenlicht und höchstens einmal im Mondenschein gelegen. Dem war aber selbstverständlich nicht so. Zu jeglichem Frühling und Sommer gehörte auch ein Herbst und ein Winter; und Winter ist's im Laufe der Zeiten und im Zusammenhange der Dinge auch gegenwärtig einmal wieder geworden.

Zu einem Stillstand sind die Verschönerungsarbeiten in den Wäldern gekommen, alle Bautätigkeit einheimischer und zugereister Unternehmer ist augenblicklich eingestellt. Verzogen hat sich der bunte Schwarm der Sommergäste des Städtleins, und die Mietszettel, welche die Einwohner jetzt bereits überall in ihren Fenstern hängen haben, ziehen für die nächsten Monate keinen auswärtigen Familienvater und Einzelmenschen auf den Leim und in die Drangsale naturfrischlicher Obdachsqual.

Aber des Ortes Ruf ist bereits längst besser als er selber (so sagen wenigstens einige unter das eigene Dach glücklich heimgekehrte Familienväter), und ein gut Teil sonderbaren Menschenwesens bleibt jetzt schon auch den Winter über. Die Luft soll auch mit ellenlangen Eiszapfen an Dachrand und Baumgezweig zu gut sein, und einige tun es der vorläufig wirklich noch anzuerkennenden Billigkeit der Gelegenheit wegen. Letztere sind im Grunde eigentlich die solidesten dieser ersten Wintergäste; unter der übrigen Kolonie befinden sich leider verschiedene, vor denen von Rechts und Pflicht wegen der jetzo vom Magistrat für die nächste Saison in Aussicht genommene Badekommissär, Herr Alexander Rodburg, seine vaterstädtischen Landsleute dringend warnen sollte. Niemand sieht es gegen Weihnachten grade ihnen von außen an, was sie tun werden, wenn der neue Frühling kommt und die Geduld ihrer provinzialen Gläubiger vollständig erschöpft ist.

Aber noch ist unerschütterter Glaube an der Ilme, und die Stadt gibt gern Kredit auf den Glanz ihrer Zukunft hin. Bis auf wenige Kopfschüttler, Maulhänger, Ofenwinkelhelden und Klugbrümmler hat jeder brave, mit der Zeit fortschreitende Bürger etwas wie eine Anwartschaft aufs große Los in der Tasche, und wir, wir lassen jedem das Vergnügen, das er in und an seiner Phantasie hat, einerlei, ob es sich auf das farblose Jenseits der Erscheinung, auf den blauen Himmel und die grüne Erde oder auf das Mehr im Geldbeutel und Geschäftsbuche bezieht. Da wir in jedem Verdruß mitleben müssen, wäre es zu närrisch, nicht auch in jedem Behagen unserer Brüder mitleben zu wollen.

Ach, man gerät in beides willenlos genug hinein, in das Mitleben des Elends wie des Wohlbehagens der andern, und der dumme Junge in dem Schülerstübchen neben der Werkstatt des Brusebergers machte keine Ausnahme von der Regel!

Im Grunde genommen befand er sich den Rest des abgelaufenen Sommers durch in der Lage aller der unschuldigen Tiere, die von dem Apfel der Erkenntnis nicht das mindeste abbekommen hatten und sich doch plötzlich vor der Tür des Paradieses fanden und ihrer Verwunderung darob nicht einmal durch Worte Ausdruck zu geben vermochten. Mit wem sollte das arme Tierchen Theodor Rodburg in dieser Epoche seines Daseins reden, wie es sich ziemte und – sicherlich nach der Ansicht mehrerer unserer Leser – notwendig war? Mit dem alten Drüding? Mit dem Bruseberger? Mit dem Papa Joseph Tieffenbacher selber? ... Mit dem Bruder Alexander?! ... Das letztere versuchte er und stotterte nicht über das erste Wort hinaus, als es ihm durch den weit- und menschenkundigen, glorreichen Eroberer von Ilmenthal und Umgegend lächelnd und unbefangen vom Munde genommen wurde. Aber der feine Partikulier kannte seinen Mann oder wußte vielmehr mit Kindern umzugehen. Das frivole Lachen tat's in diesem Falle nicht, doch mit einigem Pathos ließ sich viel ausrichten, und schwer die Hand dem Brüderchen auf die Schulter legend, sagte Mr. Alexander Redburgh mit seiner wohltönendsten Baßstimme:

»Also das steckte hinter dem Armensündergesicht, das man mir die letzten Tage hindurch schnitt? Ich danke! ... Nun seh einer, durch Sturm und Windstille, durch Krieg und Frieden glaubt man sich bravely and gallantly durchgeschlagen zuhaben; durch den ganzen nordamerikanisehen Sklavenkrieg samt anhängender Farce, à saber that droll empire of Mexico, das gloriose Exkaisertum Max-Mexiko hat man sich, als Zeitungskorrespondent, Handelsmann und Kriegsmann ziemlich anständig und jedenfalls stets mit Nase, Ohr und Auge auf dem Quivive glücklich durchgewürgt, und nun muß einem dieses in seines Vaters Garten in Ilmenthal an der Ilme passieren! Eigentlich ist das Ding nur lächerlich, aber den möglichen Konsequenzen wünsche ich doch vorzubeugen. Also, du Kindskopf und Einsiedlerkrebs, was weißt du denn heute schon von mir und der – armen – Frau dort im Nachbarhause? Der Zufall hat unsere Wege wieder sich kreuzen lassen; das ist recht erfreulich, und ich hoffe fest, daß es uns beiden recht wohl bekommen wird; aber von des Captain Rodburgs Wegen sonst kennst du doch wohl bis jetzt zu wenig, um ihm in dieser Weise von deiner griechischen Grammatik aus auf die Finger passen zu dürfen! Und die Dame? Was weißt du von ihr? Du närrischer Lateiner, was weißt du überhaupt von den Weibern und wie sie gewonnen und verloren werden – auf dem Wege? Was Papa Drüding aus den Klassikern darüber bei sich behält und dein alberner Mentor, der Bruseberger, aus seinem Verkehr mit der Mutter Schubach dir auf Pappe gekleistert und zur moralischen Beherzigung übers Bett gehängt hat? Dem alten Spitzohr werde ich demnächst leider auch einmal ganz freundschaftlich wieder auf den Zopf treten müssen. Also er warnt mich immer noch väterlich? Daß er mich aber zugleich auf einige andere Fenster in der Nachbarschaft meines lieben alten Freunds, Don Josés, aufmerksam macht, dafür danke ich ihm und werde seine Warnung benutzen – s'ist ganz Ilmenthal: Kindheitswiege, Heimatsgefühl, Maulschellen, Wälderrauschen, Quellengeriesel und Stockprügel – o, ich kenne das von früher her geradesogut und höchst wahrscheinlich noch etwas besser wie du, liebster Bruder Theodor! Das ist unser Winkelnest, an das du vielleicht auch einmal gradeso wie ich, an einen Schiffsrand gelehnt, mit brecherlichster Übelkeit denken wirst. Schieb dann nur ja nicht deinen Zustand etwa auf die Seekrankheit, sondern ruhig auf die hinter den Horizont hinuntergerutschte sogenannte Kindheitswelt. Infame naseweise Ilmenthaler Niederträchtigkeit! Und damit, Kind, Knabe, Bruder, zum bittern Ernst: was weißt du denn von diesem speziellen Weibe, von dieser Frau Romana Tieffenbacher? Du hast ihr Kleid gestreift, wenn der alte Narr und Bödelfinger, ihr Mann, dich zu Tische gebeten hat. Du hast sie lachen und reden gehört, und wenn das letztere dir spanisch vorgekommen ist, so ist das nicht ihre Schuld; mit ihrem Ilmenthaler Deutsch ist's freilich noch nicht weit her. Hörtest du sie aber auch schon einmal weinen? Ich glaube nicht. Sie pflegt das freilich nicht zu euerm Stillvergnügen unter euern liebenswürdigen Fenstern zu besorgen; aber ich versichere dich, das arme Geschöpf weint recht häufig hier in der Fremde, das heißt auf euerm heimatlichen, gemütlichen, idyllischen Kuhstiege, und ich – ich spreche und verstehe spanisch, Señor Teodoro Rodburg, und ich – ich habe ihren Papa und ihre Mama gekannt, und ich – ich weiß es, auf welche Armeelieferung für die vortrefflichen ausländischen Hülfstruppen Seiner Kaiserlich Französischen Komödienmajestät Don Maximiliano von Österreich sie die Zugabe bildete! Willst du sie einmal weinen hören? Soll ich dir einmal ihre Tränen in euer geliebtes Deutsch und ins Ilmenthalsche übersetzen? Das würde deine Fensterstudien wahrscheinlich zu einem melancholischen Abschluß bringen, Caballero; aber ob es gentlemanlike und ihr viel damit gedient wäre, das ist freilich eine andere Frage.«

Unbedingt war dies sehr geschickt und tat vollkommen seine Wirkung. Es blieb dem betäubten, verwirrten Knaben, solange die Bäume und Büsche grün und die Luft sommerlich, nichts weiter übrig, als gleichfalls eine graue Papptafel zwischen sich und die Aussicht in den Nachbargarten zu stellen. Er tat das aber natürlich nur figürlich –

– – – – – – aber das Herz mir
Schwoll von Begier zu hören, und Lösung gebot ich den Freunden
Mitzuwinkendem Haupt; doch sie stürzten sich rasch auf die Ruder.
Schleunig erhuben sich drauf Eurylochos und Perimedes,
Legten noch mehrere Bande mir an und umschlangen mich fester.

Es war die Witwe Schubach, welche, da der Bruseberger bei zugeklebten Ohren den Herbst durch nur immer maulfauler gegen den jugendlichen Schiffs- oder Hausgenossen wurde, die Hände in der Schürze trocknete, die Rolle von Eurylochos und Perimedes übernahm, zugriff und ihr »Ziehkind« ein wenig fester an den Mast und den Kuhstieg band – kurz, mütterlich noch einmal den Mund auftat.

Bruder Alex hielt mit den meisten der fremden Wintergäste des neuen Luftkurortes recht vergnüglichen Verkehr, vorzüglich natürlich mit den »ganz gesunden« darunter, Herren wie Damen, und nahm auch gern seinen »Kleinen vom Kuhstiege« in die aufgelegte, heitere Gesellschaft mit. Auch das war eine Schule, aber eine ziemlich gefährliche und kam nicht selten mit derjenigen in Kollision, deren Ludimagister oder maître de plaisir scientifique Professor und Papa Dr. Drüding mit fast zu großer Gutmütigkeit und Vertrauensseligkeit war.

»Aber Rodburg, was ist das jetzt mit dir?« hatte der alte Herr nur zu häufig von seinem Katheder herunterzuseufzen, und seines Mündels Kommilitonen wußten es in der Tat viel genauer als der Alte, wo der junge Mensch am Abend vorher gesteckt und woher er sich seine seltsame Zerstreutheit für die ernsthafteren Aufgaben des Daseins, zum Exempel die Übertragung des Platonischen Symposions ins Deutsche, geholt und sein Kopfweh mitgebracht hatte.

Auch die Mutter Schubach wußte es dann und wann ziemlich genau, und nachdem sie unverhältnismäßig lange das Ding ruhig mit angesehen hatte, hielt sie es in einer kalten Winternacht um die Mitte des Januars nicht länger aus, sondern äußerte wieder einmal ihre Idee über die Sache.

Statt bei dem Gastmahl des Plato hatte der Knabe wieder einmal in der Gesellschaft seines Bruders im Hotel Bellavista gesessen und mit unruhigem, verlangendem Knabenherzen die wirkliche Welt und die Menschen drin nach dem Worte des genialen Stadt- und Landschaftsverschönerers hoffentlich ein bißchen mit dem Kuhstiege und sich selber multipliziert. Die dicke Dame, welche diesmal in einem ziemlich nachlässigen und nicht sehr frischen Hauskostüm bei Tische mitgesessen und für eigene Rechnung Whiskypunsch getrunken hatte, hatte ihn »mein herziges Lamm« genannt, und nun kam er heim mit heißem Kopf durch den hohen Schnee und wurde, als er leise die Treppe hinauf schleichen wollte, von der Küche aus angerufen.

Es war so spät in der Nacht, daß er nicht wenig ob dieses leisen »Pst, Theodor!« zusammenfuhr; und Lampenlicht und Feuerschein vom Herde der Meisterin um diese mitternächtliche Stunde her war auch etwas ganz Außergewöhnliches. Ein umfangreicher Kessel siedete und sang noch inmitten der Flackerglut, und ein großer schwarzer Topf daneben brodelte leise in sich hin.

»Guten Abend, Mutter Schubach«, stotterte der junge Sünder mit den bänglichsten Hänsel-und-Gretel-Gefühlen im Busen und gänzlich ohne Rückhalt an seinen neuesten Anschauungen aus dem Hotel Bellavista und der wundervollen Gesellschaft, die jedenfalls noch immer daselbst um den Bruder Alexander und den Kartentisch versammelt war.

»Hm, für einen guten Abend ist's wohl noch ein bißchen früh am Tage«, murmelte die alte Frau, und dann mit ihrem Rührlöffel auf eine Bank neben dem Herde deutend, sagte sie:

»Setzen Sie sich doch noch einen Augenblick, Herr Rodburg. Ins Bett kommen Sie jetzt eigentlich ein bißchen zu früh.«

Diese schwarze Bank! Wie lange kannte sie nun schon das Pflegekind des Brusebergers und der Meisterin Schubach als den heimeligsten, märchenhaftesten Sitz in der Welt? Wie viele gute, geheimnisvoll-glückliche Stunden hatte er darauf verbracht, mit dem Kinn in der Hand, den in den dunkeln Schlot hinaufwirbelnden Funken nachträumend, oder mit einem Buch auf den Knieen – vorzüglich wenn es wie jetzt draußen bitterkalter Winter war, der Schnee still und hoch lag oder der Regen an die blinden Scheiben des niedrigen Fensterchens schlug, der Wind sich in dem Tale gefangen und alle Waldungen in Aufruhr gebracht hatte!

»Sie können sich dreist drauf setzen, Herr Theodor. Ich habe sie Ihnen rein mit der Schürze abgewischt, und es ist mir wirklich eine betrübende Idee, daß Sie nun wohl nicht mehr viele Male auf ihr sitzen werden und mit der alten Frau am Kuhstiege vorliebnehmen, Herr Theodor.«

»Oh!« rief der Schüler und nahm sofort Besitz von seinem altgewohnten Platz am Herde. Alle Dünste aus dem Hotel Bellavista hatten sich wie in einem Nu verflüchtigt, und seit längerer Zeit war es dem armen Kerl nicht so klar um Stirn und Augen gewesen wie in diesem Moment.

»Was reden Sie denn, Mutter Schubach?« stotterte er. »Und weshalb nennen Sie mich jetzt auf einmal ›Herr Rodburg‹? Dummes Zeug! Hier sitze ich ja, und ich denke mein Recht an diesen Platz noch lange nicht aufzugeben. Sie meinen, weil ich zu Ostern, wenn mir das Glück und der Alte gnädig sind, zur Universität abgehe! Aber da sind ja die Ferien, und ich –«

»Nicht deswegen, Thedor, sondern weil wir allgemach auseinandergewachsen sind, oder wie Sie das besser als die Buchbinderin Schubach vom Kuhstiege ausdrücken mögen, wenn Sie wollen. Es ist nämlich meine Meinung, daß zu einem solchen Recht des einen immer doch auch ein bißchen die Einwilligung des andern gehört.«

Sie hatte das letztere, im roten Herdfeuerschein ihre Haube zurechtrückend, mit ziemlicher Schroffheit gesprochen und die Faust mit dem Rührlöffel energisch dabei in die Seite gestemmt. Auf den dazu passenden Ton hatte sie studiert, seit der Bruseberger nach ausgeklopfter Abendpfeife melancholisch und verdrossen zu Bette gekrochen war, und es ist unsere Idee, daß es ein wahres Glück war, daß zuletzt alles doch anstudiert war und der Topf mit den Winterbirnen auf den flackernden Tannenscheiten auch eben ins Überkochen geriet.

»So rücke doch zu, Kind! Rasch, da, halt den Löffel!« rief die Mutter Schubach. »Sitze nicht so dumm! I du meine Güte – na, nur ruhig, alles mit Bedacht, Topf, Kessel und Kindskopf! Der Bruseberger ist doch ein Narr, und habe ich ihn zu einem Menschen gemacht, so wird's mir ja auch noch einmal gelingen.«

Mit beiden Händen zugreifend, rückte sie ihr Kochgeschirr von der Glut ab. Ihre Komödienrolle war zu Ende, ehe sie recht damit angefangen hatte; der alte rechte Ton fand sich ganz von selber ein, und plötzlich ganz mütterlich-kummervoll und tröstlich dem armen Tropf auf der Herdbank die Hand auf die Schulter legend, seufzte sie:

»Meine Meinung nämlich ist, du armer Schlucker kannst gradesowenig für deinen Zustand wie das ganze Nest voll Narren rund um uns her für den seinigen. Was ist es denn weiter, als daß der Wechsel, den der Bruseberger so lange schon witterte und so weise bephilosophierete, als er ihn noch nicht auf der eigenen Haut verspürte, jetzo vorhanden ist? Und wenn du armer Hase mir nicht mit drin stecktest, könnte ich wirklich meinem alten Hauspriester gegenüber mein wahres Gaudium dran haben. Ja, so sind die klügsten und besten Menschen: mitreden, soviel das Herz verlangt, aber nur ja zur rechten Zeit zu Bette gehen und den Rücken wahren, wenn die Verdrußpratze rundum greift und der besten und nächsten Freundschaft den Pelz schüttelt! Da liegt er nun in den Federn, daß nur der Zipfel von seiner Kappe in die kalte Winternacht guckt, und läßt mich hier mit dir, Thedorchen, auf der Bank sitzen und an seiner Statt von seinen dummen Zusammenhängen von allen Dingen womöglich noch gar lateinisch reden. Dies sind nun die neuen Ilmenthalschen Zustände, und unser Herrgott wird es ja wohl wissen, weshalb er auch uns für sie aufgespart hat. Da will ich ihm denn auch nicht dreinreden, denn das ist doch meine Idee, wenn ihm – unserm Herrgott – einer unter seiner Schöpfung zu alt wird und seine Neuerungen, wenn er sich auch noch so viele Mühe gibt, partout nicht mehr mitmachen kann, daß er es dem dann auch nicht übelnimmt und drüben in seiner andern Welt entgelten läßt. Ich und der Bruseberger sind ihm nun eben allgemach recht altes Volk geworden, und was jüngerem Volk am dienlichsten ist, dafür laß ihn denn sorgen, und er wird's ja hoffentlich noch so einzurichten verstehen, daß nicht allzu arger Schaden entsteht. Das wäre nun gut und abgemacht. Daß du nicht dran glauben kannst, daß man deinen Bruder zu seiner jungen Zeit hier am Orte den bösen Rodburg zum Unterschied von den andern nannte, das ist im Grunde nur recht und billig. Er ist dem Äußern nach ja auch immerhin noch ein recht hübscher, stattlicher Mensch trotz seiner Jahre, und du magst ihm dasselbe darauf zugute halten und auch auf sein merkwürdiges Maulwerk, was ganz Ilmenthal ihm vordem in seiner Kindheit drauf zugute getan hat. Aber Thedor, ein anderes ist es doch um das Verhältnis zwischen mir und dem Bruseberger! Ich kann dies so nicht länger mit ansehen und ertragen noch weniger! Soll mir denn wirklich der Trost und Zuspruch, den ich seit so undenklichen Jahren an dem Alten gehabt habe, nunmehr ganz und gar in sein Gegenteil und in Unlust, Ärger und Widerwärtigkeit den ganzen Tag über verkehrt werden? Du kümmerst dich zwar nicht darum; du gehst deiner Wege; aber ich sitze mit dem Trübsal immerfort zusammen und habe das Herzeleid vom Morgen bis zum Abend auf dem Halse. Guck, mir persönlich wärst du eigentlich immer noch zu jung trotz aller deiner Gelehrsamkeit, als daß man mit dir darüber reden dürfte, aber des Brusebergers wegen muß ich doch dran. Kann er denn was dafür, daß er zu anständig und sittsam und hausbacken für den neuen Kuhstieg ist? Thedor, er ärgert sich zu sehr an der neuen Nachbarschaft und deinem Herrn Bruder, und ich weiß nicht, was er einmal tun wird, wenn diese Sündhaftigkeit noch lange also weiterspielt. Ja, wärest du nicht mit darein verwickelt und müßtest die Komödie als unser liebes voreinstiges Ziehkind mitmachen, so ginge es noch an und wir könnten mit aller Geduld diese Nichtsnutzigkeit mit all den übrigen Narreteien, die über Ilmenthal und uns gekommen sind, an uns hingehen lassen. Von mir soll, wie gesagt, gar nicht die Rede sein; aber, mein Jüngelchen, sieh, ich bin eine alte Person, und wie ich hier bei dir sitze auf der alten Küchenbank, steigt mir doch auch das Blut in den Kopf, und ich muß sagen, es geht nicht länger so, und am liebsten schickte ich dich noch diese Nacht aus dem Hause durch die bittere Winterkälte und den hohen Schnee zu höhern Schulen und bessern Meistern als gegenwärtig ich und der Bruseberger und der Herr Professor Drüding und der Herr Nachbar Tieffenbacher und dein Bruder Alexander und die alberne gelbe Hexe mit den falschen Zähnen und dem fremdhaften Namen sind. Du großer Gott und gütiger Himmel, solch ein Kind von 'nem Mann wie der alte Tropf und Graukopf nebenan und solch ein Schlingel von einem Menschen wie, mit Respekt zu sagen, euer Herr Alexander! Und solch ein faul, gähnend Geschöpfe wie das böse Weib in eurer seligen Mutter Stube und Schlaf- und Sterbekammer! ... Es schickt, es schickt sich nicht in der Welt, in der wir hier jung und alt geworden sind; es schickt sich nicht für uns, und der einzige Trost ist, daß es sich auch nicht für dich schickt und du dich von innerster Natur aus gar nimmer drein schickst! Und weil dies so ist, guck, so habe ich es über mich genommen und, als der Bruseberger in seiner Melancholie zu Bett gekrochen war, das Feuer noch einmal auf dem Herde da angemacht und meine Töpfe angerückt und auf dich auf deinem alten Sitz bei mir gewartet, um dir meine Idee zu verkündigen, nämlich daß wir, der Bruseberger und ich, dies nicht so länger auf unser Gewissen nehmen können und daß wir vermittelst unsers Hoffensters niemals die Schuld an dem Verderben eines einzigen Menschenkindes, und wenn es unser allerbester Freund wäre, tragen können. Also ist es nach des Brusebergers Zusammenhängen der Dinge meine Meinung, daß wir dir nach Gottes Willen und zu unserm bittersten Herzeleid die Wohnung und den Aufenthalt bei uns kündigen müssen. Am liebsten auf der Stelle, aber jedenfalls zu Ostern, einerlei, ob du durch dein Schulexamen fällst oder nicht. Rede mir in dieser Minute gar nichts darwider; mich deucht, der Frost draußen steigt immer noch, und das Feuer ist auch zusammengefallen. Es ist meine Idee, daß du jetzt ruhig in deine Kammer hinaufgehst und dir alles nach deinem besten Verständnis zurechtlegst und es uns, dem Bruseberger und mir, nicht entgelten läßt, weil wir es ja doch nicht sind, die etwas dafür können. Und dann können wir ja demnächst als ewig beste Freunde miteinander beratschlagen, ob du mit dem Doktor Drüding sprichst oder ob der Bruseberger und ich auch dies besorgen sollen. Gesprochen muß natürlich endlich mit ihm werden, obgleich das für diesen Fall gradeso ein von Gott und allen fünf Sinnen verlassenes Menschenkind ist wie die gutherzige, blinde, vergnügte, taube Kreatur, der neue Nachbar nebenan. Die zwei sind wahrhaftig bei ihrer Geburt von derselben Stelle aus dem Waldwasser, das dein Bruder, der böse Rodburg, über den Urbansstein zu einem Komödiantenwasserfall ableiten will, geholt! Und es ändert da gar nichts dran, daß nur der eine von beiden hier in Ilmenthal seiner Mutter auf den Schoß gelegt worden ist. Und nun – gute Nacht, mein Sohn, mein liebster, bester Sohn! Es ist mir wie ein Augenblick, seit der Bruseberger dich über den Zaun hob, und ich hätte es damals nicht für möglich gehalten, daß so bald schon du ein solch erwachsener Mensch wärest, mit dem man so, so reden müßte, und daß jemalen solch eine Veränderung über uns alle, Ilmenthal und den Kuhstieg kommen könnte!« – –

»Rede mir jetzt nichts drein!« hatte die Mutter Schubach mit dem Schürzenzipfel am Auge mitten in ihrem Redefluß geschluchzt, und der junge Mann hatte ihr nichts dreingeredet. Das war ihm vollständig unmöglich gewesen, obgleich er den Versuch mehrere Male von den verschiedenartigsten Gemütsbewegungen aus machte. Gänzlich verwirrt und betäubt nahm er die ihm hingehaltene harte, kalte, alte treue Weiberhand, und seltsamerweise mußte er grade jetzt dabei sich erinnern, welch eine gleich kalte, aber feuchtkalte Hand die schöne Frau Romana habe. Nachher saß er im Dunkeln eine geraume Zeit auf seinem Bettrande, ohne die Kälte zu spüren. Als er das Wort wiederfand, war es das richtige Schülerwort:

»Ist das 'ne verrückte Welt! Na, ich danke!«

Es gärt in dieser Lebensepoche ein kurioses Gemisch von Eselhaftigkeit und Idealismus im Menschen, und in den bessern Naturen kocht bei allen großen Katastrophen ein Pathos zusammen, ohne welches es freilich in dieser ganz verrückten Welt nicht auszuhalten sein würde. Als der Knabe endlich doch fröstelnd die Decke über den Kopf zog, schlug er sich noch immer mit der Mutter Schubach herum, aber seltsamerweise rieb er dabei mit dem Zipfel ihrer gestreiften Schürze sich die Augen:

»Haben Sie sie denn schon einmal weinen gesehen, Mutter Schubach?«

Und ganz deutlich fragte die alte Frau in den Traum hinein: »Die Fischprinzessin?! ... Haben Sie denn schon jemals einen Fisch weinen sehen, Theodor?«

Und immer weiter und tiefer im Traum fragte der Schüler ein nebelhaft unbestimmt Durcheinander von Menschen und darunter etwas bestimmter den Professor Dr. Drüding und den alten guten Nachbar Don José Tieffenbacher, ob es in Mexiko Fische mit großen schwarzen Augen gäbe. Da hörte er Florinchen Drüdings helles Kinderlachen und wachte auf, ehe ihm Oneiros-Phaniasus diese naturhistorische Frage beantwortet hatte.

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