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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Dreizehntes Kapitel

Es war nur ein kleines Flüßchen, eigentlich nur ein Bach; aber es kam weither aus der Geschichte und ließ sich auch in der allerneuesten Gegenwart den Mund höchstens durch einen recht dürren Sommer verbieten. Die Ilme meine ich.

Wenn sie in Ilmenthal einmal beinahe ganz ausblieb, lachte sie an ihrem Ursprung in der Erdtiefe, mitten im Gebirge um so munterer ins Fäustchen, verließ sich, leis rieselnd, auf allerlei gute Hülfe aus Wald und Berg vom Himmel herab, wartete auf ihre Zeit und zeigte es dann den Leuten, Autochthonen und Touristen, daß sie noch da sei. Ilmenthal hatte ihr im Grunde nie imponiert, und über Ilmenthal in seiner »neuen Entwickelung« machte sie sich dann und wann sogar recht lustig.

»Die bleibt noch lange Meister mit ihrer Musik, Meisterin; und das ist auch ein Trost«, brummte der Bruseberger. »Die ist noch älter als der römische Geschichtsschreiber, der zuerst ausführlich von uns berichtet hat und den ich hier wieder mal in sechs Exemplaren – Pappe, Lederrücken und Ecken – in der Arbeit habe. In der stillen Nacht ist sie mir mit ihrem Geräusche manchmal eine wahre Beruhigung und ein Trost –«

»Im Zusammenhang der Dinge. Nicht wahr, das wollten Sie doch anhängen, Alter? Ganz meine Idee hier am Kuhstiege mit der Aussicht aus dem Fenster ins Tal hinunter auf die vielen neuen oder neugeflickten Dächer und die ewigen Fremden und immer anderen Herren und Damen, den Kuhstieg herauf und herunter aus der immer allerneuesten Modenzeitung.« –

In seinem alten, seit Anfang des Jahrhunderts zum Gymnasium eingerichteten Klostergebäude exponierte Professor Dr. Drüding jenen lateinischen Geschichtsschreiber, welchen der Bruseberger immer von neuem band oder flickte. Es wartete auch hier die Ilme mit ihrer Musik durch Winter und Sommer auf unter den mönchischen Spitzbogenfenstern und bemoosten Mauern, und manchmal schien sie hier an stillen Nachmittagen vergnüglicher als anderswo in sich und in den Cornelius Tacitus hineinzukichern ...

»Ich meinesteils bin vollständig der Meinung derjenigen, welche die Bevölkerung Germaniens als eine nicht durch Eheverbindungen mit fremden Rassen vermischte betrachten, sondern vielmehr als einen eignen, reinen, nur sich selbst gleichen Volksstamm. Daher auch ein und derselbe Körperschlag bei dieser ganzen, doch so zahlreichen Menschenmasse: das trotzige blaue Auge, das rotblonde Haar, der gewaltige Wuchs –«

»Schließen Sie doch das Fenster, Buttermann, es muß oben im Gebirge ein Platzregen, wenn nicht gar ein Wolkenbruch stattgefunden haben. Der Fluß lärmt wirklich heute zu heftig; man versteht sein eigenes Wort und auch das unseres Gajus Cornelius nicht«, meinte manchmal der alte Herr und hatte keine Ahnung, daß es nur diese oder eine andere Stelle im Tacitus und sein unerschütterlicher philosophisch-patriotischer Glaube dran war, über was die Ilme draußen vor Vergnügen aus Rand und Band geriet. Bei ihrem fröhlichen, aber immerhin doch etwas rücksichtslosen Charakter war es ein Glück, daß die Wasser doch nur selten bis über die Kirchturmspitzen, -kreuze, -fahnen und -hähne hinaufsteigen, wie ja nach einem Väterwort auch dafür gesorgt ist, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

An das letztere brave, aber etwas ernüchternde Diktum ließ sich Ilmenthal in seiner jetzigen Stimmung eigentlich nicht gern erinnern. Es hatte nach einem andern Wort zu große Rosinen im Sacke, und es waren zu viele Leute, eingeborene und fremde, vorhanden, die nur zu gern an allen Taschen danach herumfühlten. Es fand sich bald, daß Herr Alexander Rodburg in eminentester Weise zu diesen klugen Leuten gehörte und daß er, obgleich er im Grunde ein sehr Fremder geworden war, sein angeboren Stadtkinderrecht und Heimatsgefühl aufs beste zu verwenden verstand und daß er nicht ohne seine Gründe und ganz zur rechten Zeit für seine Talente sich zu Hause wieder angefunden hatte.

Vom Hotel Bellavista aus war er rasch in diesem Sommer mit den besten Honoratioren und den ersten Geldkräften des Gemeinwesens in Verbindung getreten, hatte nach den oben erwähnten süßen Früchten manch einem ahnungslosen Spießbürger verstohlen an die Tasche geklopft und wußte längst um den Mann Bescheid, ehe derselbe seinerseits zu der Überzeugung gekommen war:

»Wahrhaftig, Herr Nachbar, das ist ein wirklich merkwürdig begabter Mensch, dieser ältere Herr Rodburg! Suchen Sie doch ja auch seine Bekanntschaft zu machen.«

Auch der ältere Rodburg kannte noch die Gegend wie seine eigene Tasche. Auf Plätzen, an Abhängen, zwischen dem Gestein, wo er früher mit den Ilmenthaler Ziegen herumgeklettert war und Brombeeren gesucht hatte, stieg er jetzt von neuem herum, aber suchte und fand ganz etwas anderes. Und merkwürdigerweise begleiteten ihn nunmehr öfters die gewichtigsten Männer der Stadt und lauschten wohl schweißtriefend, ächzend und luftschnappend, aber voll Andacht seinen Gründen für diese Exkursionen, die ihm anscheinend auch wohlfeil wie Brombeeren waren.

Und über ein kleines – schon gegen den Spätsommer des laufenden Jahres – wurden aus den Überlegungen und Berechnungen handgreifliche Wirklichkeiten. Die Meßstangen und Meßketten zwischen dem Gestein, Gesträuch, den wilden Blumen und wohlduftenden Kräutern machten der Spitzhacke und dem Spaten Platz. Einheimische und auch schon fremde Arbeiter hoben hie und da den Grund aus, und vom Hotel Bellavista aus übersah man, das Tal auf- und abwärts, ein halb Dutzend Flecke, auf denen »etwas zu machen war« und auf denen wirklich auch schon etwas gemacht wurde – die Villa Karolina zum Beispiel an einem der lauschigsten und liebreizendsten Waldplätzchen – freilich nicht ganz nach dem Geschmack des alten Naturnarren, Doktors und Professors Drüding, und auch nicht nach dem seines Töchterleins Florine.

»Es ist ein höchst sonderbares, aber durchweg angenehmes Gefühl, mal den Pionier im alten abgebrauchten Europa und noch dazu im speziellsten Vaterlande und sozusagen an seiner eigenen Wiege spielen zu können«, meinte Herr Alexander Rodburg. »Du, Theo, der du bisher ruhig und warm zwischen den Kissen gebrütet hast, kannst natürlich keine Ahnung davon haben, wie unsereiner fühlt, wenn er endlich auch wieder sich in die alte wärmflaschenhafte Gemütlichkeit einwühlen darf. Sie aber, Herr Bürgermeister, nehmen Sie's mir nicht übel – ich lasse gern alles, was Sie mir einwenden werden, gelten; aber ein bißchen zu weit zurück seid ihr mir hier doch die letzten fünfundzwanzig Jahre durch geblieben! Sie wissen, wie ich es meine, und also werden Sie sich nicht ärgern, wenn ich mich ganz offen ausspreche – ich tue das nur im allgemeinen Interesse und als echtes patriotisches Ilmenthaler Stadtkind: Jungfräulicher Boden und jungfräulicher Urwald drüben beim Uncle Sam sind reine lächerliche Redensarten gegen den jungfräulichen Urwald und Boden unserer hiesigen Naivität, Unschlüssigkeit und Borniertheit. Ich bin da gewesen und kenne das: selbst in Mexiko und Nikaragua leckt kein Kommunalwesen so stupide draußen an der Zuckerdose herum und läßt sich mit solchem Widerstreben die Zunge in den Honigtopf selbst hineindirigieren wie ihr unschuldigen Kinderseelen am hiesigen Platz.«

»Reden Se nur dreiste zu, Herr Rodburg. Ihre Idee, das Holzwasser und den Hummelbach zusammenzudämmen und sie über den Urbansstein zu leiten und einen perennierenden Wasserfall für den Fremdenanzug herzustellen, muß jedermann einleuchten. Wollen Sie die Sache in die Hand nehmen, so denke ich, die Verschönerungskommission im Magistrat wird es an der nötigen Unterstützung nicht fehlen lassen, und ich kenne schon mehr als einen, der gern sofort den gehörigen provisorischen Bier- und Kaffeeschank unter das neue Naturspiel hinsetzt.«

»Aus dem Hummeltal willst du den Bach abdämmen?« fragte der Schüler zweifelnd, verwundert und etwas vorwurfsvoll.

»Nur aus ästhetischen Gründen!« lachte der Bruder. »Durchaus nicht aus alter Ranküne, obgleich es ein Faktum ist, daß ich – vor deiner Zeit – dort häufig genug beim Krebsen im Morast steckenblieb und einmal nahe dran war, mein junges, unschuldiges Leben einzubüßen. Wäre recht schade für Ilmenthal gewesen, würde heute Papa Drüding sagen.«

In der letztem Beziehung irrte sich der erfinderische Neu-Ilmenthaler und wußte das auch.

»Ich will nichts sagen, Rodburg«, meinte Professor Drüding bei seinem nächsten Besuche im weiland Rodburgschen Hause am Kuhstiege, »aber dein Bruder Alexander scheint mir doch manchmal – nun, wie soll ich mich ausdrücken – mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit, ja Pietätlosigkeit vorzugehen hier in unserm Erdwinkel. Und wenn ich als hier entsprossener Wurzel- und Stammensch mich vielleicht irren könnte, so muß es mir ein desto größeres Genügen geben, daß auch unser jetziger Mitbürger hier, unser treuer Exkursionsgenosse, Freund Tieffenbacher, mir vollkommen recht gibt. Es ist einfach eine Schande mit dem Hummelbach und dem Urbansstein! Das ganze liebliche Quertal vom Saukopfe herunter ruiniert! Bloß einer solchen nichtsnutzigen Baedeker-Reklame wegen verschimpfiert! Selbst dem Kinde, meinem Florinchen, kommen jedesmal die Tränen in die Augen, wenn ich etwas lauter, als sonst meine Art ist, daran denke. Für Myosotis palustris gab es freilich auf weithin um Ilmenthal keinen zweiten Fundort wie den Holzwassergrund und das Hummeltal. Ja, und wenn das nur das einzige wäre! Aber die Herren sind ja überall am Werke das neue – Erblühen des Gemeinwohls zu fördern. Von Tag zu Tag komme Ich mir mehr wie jener Coopersche Lederstrumpf vor, dessen Abenteuer ich dir dann und wann leider zu konfiszieren hatte, lieber Theodor. Wir alten Ilmenthaler haben einfach zurückzuweichen vor der neuen, glorreichen Zivilisation; und ich sehe es voraus, es wird eine Zeit sein (wenn ich sie erlebe!), wo ich mich, wie meine Florine, mit Tränen in den Augen nach dem Ärger zurücksehnen werde, mit welchem ich dich Theodor, euch – unsere Quartaner, Unter- und Obertertianer – in meine geheimsten wissenschaftlichen Waldgärten einbrechen sah. Und in der Stadt! Ist es denn in der Stadt gemütlicher? Zu einem wahren Poliorcetes, einem Städteverwüster, scheint dieses Menschenkind, dieser Musjeh Alexander geboren worden zu sein. So! Also auch Ihnen hat er sofort das Dach über dem Kopfe abtragen wollen, Herr Tieffenbacher! Sieht ihm ganz ähnlich! ... Und noch dazu sein Vaterhaus! Theodor, ich kann mir nicht helfen, ich habe allgemach die feste Überzeugung gewonnen: dieser Mensch, dieser Mann, dein Bruder würde ohne alle Umstände und Gewissensskrupel heute abend noch anfangen, Vater und Mutter auf dem Kirchhofe auszugraben, wenn er morgen früh mit dem Bau des neuen Ilmenthaler Kurhauses daselbst beginnen dürfte.«

Nicht ohne kopfnickende Zustimmung hatte Don Joseph Tieffenbacher das letzte Wort der langen Rede des entrüsteten Ilmenthaler Scholarchen seiner jungen Frau ins Spanische übertragen. Sie aber lachte auch an jenem Abend hierüber zuerst. Was sie von der übrigen Unterhaltung verstehen konnte, hatte sie in ihren Diwankissen halbgeschlossenen Auges angehört und ihre Meinung darüber mehrfach durch ein mehr oder weniger verstohlenes Gähnen hinter ihrem Fächer ausgedrückt. –

Daß die beiden alten Herrn, der Gymnasialprofessor von Ilmenthal und der Armeebeamte des hochseligen Kaisers Max von Mexiko, ein eigentümliches Wohlgefallen aneinander gefunden hatten, wissen wir bereits. Wie verschieden auch ihre Lose im Dasein gefallen und ihre Wege über den Erdboden gelaufen waren, so sproßten sie im tiefsten Grunde doch aus ein und derselben Wurzel germanischer Nationaleigenheit empor und blickten beide mit den nämlichen kindlichen, bohrenden und immer eigentlich höchst verwunderten Augen in diese vertrackte Welt hinein. Sie verkehrten von Tag zu Tag lebhafter miteinander von Haus zu Haus. Vor den buntnaiven Sammelkästen und exotischen Herbarien des vielgewanderten, enthusiastischen Dilettanten stand der Professor wie ein Kind vor einer überreichen Weihnachtsbescherung; Papa Pepe aber brachte – nach seinem eigenen Ausdruck – täglich mehr wissenschaftliches System in sich hinein.

»Wer mir dies damals in Queretaro und vor einem Jahre noch auf dem Boulevard Sebastopol prophezeit hätte, Freund Alexander, dem würde ich wahrscheinlich nicht auf sein Wort geglaubt haben. Ilmenthal? Ilmenthal! Wer konnte es wissen, daß ich mich in Ilmenthal zum ersten Male in meinem Leben ganz behaglich fühlen würde? Nun ja, Sie haben recht, amigo, auf das Terrain in der Nähe des projektierten Bahnhofes werde ich mit Vergnügen die Hand und einiges Kapital legen. Schaffen Sie uns nur die Bahn, aber verschonen Sie wenigstens heute mich und die Romana mit allen weitern Spekulationen und Kalkulationen darüber. Hab mein Lebelang wahrlich genug rechnen müssen und brauche mir nicht jeden schönen Tag verderben zu lassen. 's ist Mittwoch und keine Schule; – wir ziehen allesamt heute aus, und Sie ziehen selbstverständlich mit. Mein Rheumatismus? Haben Sie mich denn nicht auch meines Rheumatismus wegen nach Ihrer Vaterstadt dirigiert? Adam vor dem Sündenfall wußte nicht mehr davon, als ich heute an diesem gesegneten Tage verspüre. Fragen Sie nur meine Frau, Caballero.«

Wir können es nicht sagen, ob in diesem speziellen Falle Mr. A. Redburgh der letzten Aufforderung nachkam; aber von diesen vergnüglichen Exkursionen schloß er sich nur selten aus und meistens zufällig nur dann, wenn auch die Frau Romana ihre Teilnahme verweigerte. Waren sie alle beisammen im Walde, so verstand es keiner besser als er, einer solchen Fahrt Leben und Bewegung zu geben, das Kalte mit sich fortzureißen und dem Nüchternen Flügel zu verschaffen. Es war das Kind in der kleinen Gesellschaft, Florine Drüding war's, die über das Kalte und Nüchterne auf diesen lustigen Ausflügen das Rechte unbewußt fühlte, natürlich aber keinem ihre innerste Meinung über die wunderschöne Frau Romana mitteilte und nur dann und wann ihren ihr mehr und mehr entwachsenden Spielkameraden Theodor mit verwunderten großen Augen ansah, wenn er manchmal »gegen die kuriose, fremdartige Dame eigentlich zu höflich« war.

Aus dem Hause Schubach ging auch jetzt niemand der schönen und wissenschaftlichen Natur wegen mit in die Berge und Wälder, aber in ihren Gedanken waren sowohl die Meisterin wie ihr Altgesell häufig dabei und erlebten allerlei mit, worüber sich nachher nachdenklich und bedenklich weiter diskurrieren ließ, obgleich es fast jedesmal der Mutter Schubach dabei »zur Idee wurde, daß sie so weit doch nicht der Weltgeschichte zum Vormund gesetzt seien, um sich um alles, was jetzo in Ilmenthal und am Kuhstiege sich zutrage, unnotwendige Sorge zu machen.«

Es war immer noch der im Grunde umgänglichste, vertrauensvollste, naivste Mensch in dieser kleinen Gruppe von Individuen, der Bruseberger nämlich, der sich am mißtrauischsten abseits hielt, am mürrischsten seine Ansichten über dies und das in sich verschloß oder kundgab und sich »natürlich wieder mal halbdumm an diesem Abschnitt seiner Zeit-, Stadt- und Nachbarschaftgenossenschaft las« – glücklicherweise ganz und gar im Zusammenhang der Dinge.

Im Zusammenhang der Dinge hatte er ja auch von seinem Arbeitstische aus immer noch die Aussicht in den Nachbargarten und die daselbst Verkehrenden, und daß er ein einsichtig Menschenkind war und in Dinge, die ihn interessierten, gern ganz nahe und genau hineinguckte, konnte ihm niemand in Ilmenthal bestreiten. Von seiner ersten Überraschung und Verwirrung durch die unvermutete Heimkehr des ältern »bösen« Rodburgs erholte er sich zwar nach und nach; allein sein Verkehr mit seinem jungen Schützling gewann, sofort von jenem ereignisreichen Mondscheinabend an, Stimmungsnuancen, die man besser durchfühlte, als man sie beschreiben konnte. Vor allem fing er sogleich an, den Knaben viel mehr wie sonst als einen Erwachsenen zu behandeln und allen seinen Verkehr und seine Unterhaltungen mit ihm daraufhin einzurichten. Eine Unterhaltung und Auseinandersetzung entspann sich natürlich auch hierüber.

»Jaja, das ist nun nicht anders«, sagte der alte Weise. »Die Zeiten gehen hin, und für jeden kommen einmal die Jahre, wo er merkt, daß sie hingegangen sind, und er sich sehr wundert, daß er nichts getan hat, sie aufzuhalten. Der einzige Trost sodann ist, daß dies eine Torheit ist und daß der Mensch sich nur dann auf was besinnen kann, wenn erst was hinter ihm liegt. Sie gehen nun demnächst, wenn das Glück gut und durch Sie selber nichts zwischen Sie und den Herrn Vormund und Professor kommt, bald auf die Universität ab, Thedor, und da handelt es sich zwischen Ihnen, mir und dem Universo allgemach eben wohl um andere Affären als unsere bisherigen gewohnten, dummen Dummenjungensdummheiten. In der Lage sind Sie bei Ihrem anjetzigen Alter schon, auf Ihre Karnickelperiode sich zu besinnen – nachträglich. Ich habe Sie dabei als vernünftiger Mensch beobachtet und ruhig gewähren lassen und Ihnen dabei und in allen nachfolgenden Perioden gern auch Hülfe und Vorschub geleistet. Wenn Sie erst in meinem Alter sind, werden Sie sich auch darauf besinnen, was für gute Kameraden wir durchschnittlich gewesen sind; aber damit ist es jetzo freilich am Ende. Daß wir im fernern Verlaufe der Dinge gute Kameraden bleiben, darauf steht jetzt bloß meine Hoffnung. Mithelfen kann ich wenig dazu, sondern höchstens mich nur nach Notdurft darauf einrichten, daß auch fernerhin zwischen Ihnen und mir uns allerlei Menschliches passieren kann. Wundern wird mich das freilich, wie sich das weiter machen wird zwischen uns, wo es sich jetzt nicht mehr um Lappalien und Kinderspiel handelt.«

»Beim Zeus, dem Vater der Götter und Menschen, was für ein Gesicht Sie hierzu ziehen, Bruseberger!« rief der jüngere Mensch ein wenig kleinlaut. »Zuletzt läuft doch auch jetzt wieder das Ganze darauf hinaus, daß Sie meinem Bruder, dem armen Alexander, immer noch nicht trauen und Ihre Antipathie gegen ihn immer noch nicht überwinden können. Darüber haben wir gewiß schon genug gesprochen. Was Sie sonst noch Greuliches in der Gegenwart und Zukunft sehen, weiß ich nicht, aber ich verpflichte mich hierdurch feierlich, eine ganz gleiche Miene wie Sie eben zu machen, wenn ich es heraushabe. Übrigens gebe ich Ihnen mein Wort, daß mir gegenwärtig, wenn ich glücklich über den alten Drüding und das nichtsnutzige Abiturientenexamen hinaus wäre, alles andere – gefälligst den Buckel hinaufsteigen könnte.«

»Darin läge wohl ein Trost für die Gegenwart, wenn's – wahr wäre«, brummte der Bruseberger fast ebenso kleinlaut wie sein »Ziehkind«. »Bei so bewandter wohltätiger Stimmung und unter solchen erfreulichen Umständen würde ich in Ihrer Stelle dann aber auch nicht so häufig so spät nach Hause kommen, sei es aus dem Hotel Bellavista oder auch – nun kurz heraus: aus der nächsten Nachbarschaft, so angenehm dieselbige auch sein mag. Als wir der neuen Zeit halben einen Hausschlüssel anschafften, haben wir freilich keine Ahnung davon gehabt, welch ein unruhig Dasein er sogleich führen werde. Merkt denn eigentlich der Herr Professor noch gar nichts davon?«

Der Schüler antwortete hierauf nichts; er sah aus dem Fenster der Werkstatt, und der Bruseberger, ihm über die Schulter blickend, zuckte die Achseln:

»Jawohl, wie gewöhnlich! Unser Herr Bruder und die alte fremde Puppe – die schöne gnädige Frau, wollte ich sagen.«

Es ärgerte den Schüler, daß so manche Leute dann und wann sich alle Mühe gaben, der Frau Romana ihre Lebensjahre auszurechnen. Im gegenwärtigen Falle sagte er übellaunig:

»Nun, da haben Sie ja die beste Gelegenheit, den Alexander Ihres Hausschlüssels wegen zu interpellieren. Was den alten Drüding das angehen soll, weiß ich nicht. Aber was meinen Bruder Alex betrifft, so mag Ilmenthal meinetwegen von ihm wissen und sagen, was es will! Er ist ein famoser Kerl und dazu von meiner ganzen Familie der einzige, der sich je nach mir umgesehen und sich herzlich um mich gekümmert hat. Er hat eben ein ander Leben als Sie und ich führen müssen, Bruseberger; und halb Ilmenthal folgt ihm doch schon auf sein Wort. Er ist ein Mann, nehmt alles nur in allem!«

»Das ist aus einem von Shakespeares Theaterstücken und bezieht sich auf einen ganz andern Charakter, lieber Theodor. Wollen aber den Herrn Bruder jetzt lieber nicht anrufen, Herr Rodburg, er ist zu angenehm beschäftigt. Es wundert mich nur, daß ein so weitgereister und kluger Mensch sich nicht ein bißchen mehr vor den Leuten in acht nimmt. Machen Sie ihn doch bei Gelegenheit einmal darauf aufmerksam, daß noch ein oder zwei Fenster außer denen der Witwe Schubach in der Nachbarschaft auf den weiland Rodburgschen Garten hingehen.«

»Wieso?« fragte der Schüler, der es verlegen mehr und mehr fühlte, wie rot ihm Stirn und Wangen wurden.

»Sehen Sie, Kind, ich habe augenblicklich gar keine Zeit«, sagte der Bruseberger. »Ich habe hier einen alten Clauren in der Flickarbeit, und nun gucken Sie mal, wie zerlesen der Bafel ist. Würden sich auch wundern, aus welcher gebildeten Familie er stammt. Blatt um Blatt muß man zusammensuchen. Man sollte es fast nicht für möglich halten. Und nun, bitte, stören Sie mich nicht länger! Gehen Sie, wenn's möglich ist, auch wieder an Ihre Bücher.«

An seine Bücher schlich der Schützling des alten Buchbindergesellen, aber die Mutmaßung des Brusebergers, daß er augenblicklich wenig gelehrten Nutzen daraus ziehen werde, erfüllte sich vollkommen. Der Bruseberger stellte eine Papptafel ins Fenster, das heißt zwischen sich und die Außenwelt; aber der Jüngling ließ es offen – das Fenster nämlich -, und alles von draußen, Licht und Luft und Blätterrauschen, Vogelgezwitscher und Menschenstimmen behielt freien Zugang. Es war eine eigentümliche, süße und doch bängliche und unheimliche und wie mit Gewissensbissen behaftete Lust, aus der engsten Nähe in die zauberhafteste, schrankenloseste Weite hin zu sehen und zu hören – verstohlen zu lauschen. Es ist immer von neuem der Mensch des Paradieses, der junge alte Adam, der den Baum der Erkenntnis in immer näheren Kreisen umgeht, bis er nur die Hand auszustrecken braucht, um die furchtbare Frucht, das Wissen, der alten Schlange aus dem Munde zu nehmen. Auf jenem Platze, wo einst der morsche Schubkarren dem betrübten und betäubten Kinde am Begräbnistage zum Sitz gedient hatte, stand jetzt unter dichtem Ziergewächs eine zierliche Bank, und da saßen nun Alexander und Romana, der Mann und das Weib aus jenem Reich der blauen Wunder und Abenteuer, nach welchem sich der unmündige Knabe, mit seinem Robinson Crusoe und Ferdinand Cortez im Sinne, so sehr gesehnt hatte. Nun, der Mündigkeit nahe, sehnte sich Theodor Rodburg wiederum, und wiederum lag die herzbange, ahnungsreiche Bezauberung nur in ihm selber und kam nicht von außen und zog einen Kreis um ihn und bannte ihn fest im Alltage, in der Gegenwart und Wand an Wand, Tür an Tür mit dem andern, dem grauköpfigen Mitbürger in der Welt der Phantasie, mit dem närrischen Ilmenthaler Philosophus, dem künstlichen Buchbinderaltgesellen der Mutter Schubach, mit dem Bruseberger: der Herr und die Dame da unten sprachen eben recht nüchtern nur von irdischen Alltagsangelegenheiten, und zwar von dem Vermögenszustande Don José Tieffenbachers, der augenblicklich ein neues, wundervolles Mikroskop, das er von London verschrieben hatte, in seinem Mahagonikästchen sorgsam und eiligst zu seinem Freund Drüding durch die Gassen von Ilmenthal trug.

Der Schüler konnte nicht hören, was der Bruder zu der schönen Nachbarin sagte; aber er sah sie lächeln, und sie lächelte so selten, – griechische Vokabeln zu einem Chor des Sophokles ließen sich schlecht dabei im Lexikon suchen, aber ganz Hellas und die ganze deutsche Poesie und alle Meere und alle Zauberinseln drin, und vor allem Zythera, Lesbos, Kos, Cyprus und sämtliche Zykladen, lagen bei diesem Lächeln im Sonnenglanze in seiner Seele. »Ihr Lachen ist eigentlich nicht hübsch«, hatte einmal Florinchen Drüding naseweis gesagt und hatte selber mutwillig gelacht, als ihr Freund Theodor mürrisch erwiderte: »Was weißt du davon? Soll etwa die ganze Welt wie du piepen – scilicet wie ein unflügges Lerchennest?« – »Papa meint es aber auch, und er sagt, einer von euch in der Prima lachte manchmal beinahe so im Chor, er hätte es aber noch nicht recht heraus, wer; aber er glaube ziemlich fest, Buttermann sei's, scilicet!« ...

Si scire licet, wenn es erlaubt ist, es zu wissen: die kleine Gelehrte und Kluge hatte nicht ganz unrecht und ihr Papa auch nicht: es war vorteilhaft für die schöne Frau Romana, wenn sie nicht zu laut lachte, weder im Chor wie Buttermann oder allein für sich. Aber wer kann alle verlockenden Vorzüge dieser Welt in und an sich vereinigen? Sie erhob sich eben und stand stattlich da wie Hera, die Königin der Götter: was war das für ein schlechter Witz von Bruseberger, der neulich ebenfalls seine Gelehrsamkeit leuchten lassen mußte und greinend sich auch als auserlesener Mythologikus erwies:

»Jawohl, die reine Juno! Hat aber ihren Pfau weniger bei sich als in sich. Für einen, der nicht mit ihr leben muß, ist es wirklich eine angenehme Kuriosität.«

»Ich will Ihnen mal was sagen, Bruseberger«, hatte der Schüler grimmig erwidert, »es denkt mancher, er habe den Vogel der Minerva auf der Schulter und hat doch nur ein halb Dutzend Eulen im Kopfe.«

Nachher war es freilich die höchste Zeit geworden, daß die Mutter Schubach sich in die Unterhaltung mischte und beruhigend meinte:

»Na, na, was sind das nun wieder für Narrheiten, und alles natürlich wieder um die Dummheit jenseits des Zaunes! Meine Idee ist, es hat am Ende jeder vernünftige Mensch das Recht, sich je nach der Jahreszeit in seinem Leben seinen Vogel groß zu ziehen im Kopfe. Positus, wie Sie sagen, Bruseberger, daß er ihm nur zur richtigen Zeit den Hals umdreht.«

»Darauf kommt es an, Meisterin!« hatte der Bruseberger, mit Ernst und Würde sich fassend, das Gespräch zu Ende gebracht. –

Sie hatte sich erhoben und den Arm Alexander Rodburgs genommen, der auch aufgestanden war, nachdem er noch einmal seine Beine weit von sich gestreckt und herzlich gegähnt hatte. Ihre schärfsten Kritiker in Ilmenthal, Paris und wer weiß wo sonst mußten es ihnen lassen, daß sie, von hinten betrachtet, wahrlich noch ein splendides, magnifikes, jugendliches Paar Menschenkinder waren. Eine blutrote Welle schlug plötzlich von neuem dem kindischen Lauscher in dem Ilmenthaler Scholarenstübchen ins Gesicht. Hinter dem Wachholdergebüsch, das Herr Joseph Tieffenbacher angepflanzt hatte, neigte sich Mr. A. Redburgh zu der Prinzessin Fisch und küßte sie auf das schwarze Stirnhaar. In diesem Augenblick veränderte sich alles drunten vor den Augen des Knaben, eine ganze Welt versank und eine andere stieg an ihre Stelle empor. Er wendete um im Buche des Lebens, und mit einer Gier, Wißbegierde, Lernbegierde, wie er sie bis dahin noch nach keiner Kunst und Wissenschaft in sich erfahren hatte, beugte er sich über die neuen Zeichen. Und es ward wieder einmal wie im ersten Buche der Genesis:

»Ich fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.«

Der Bruseberger hinter seiner grauen Pappwand flickte währenddem mit giftigstem Eifer an seinem zerlesenen Clauren weiter und hatte zu seiner Erquickung in seinem Drangsal nichts weiter als die Frage im Zusammenhang der Dinge:

»War denn die Welt und die Aussicht in die angenehme Nachbarschaft früher etwa netter und moralischer?«

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