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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Zwölftes Kapitel

Es war ein guter Rat, den der ältere Bruder dem Jüngern gegeben hatte. Vielleicht könnte man sagen, es war das einzige Gute, was er ihm heute angetan hatte; ob der junge Mensch Gebrauch davon machen konnte, war eine andere Frage.

Nach Hause ging derselbe noch immer eingehüllt von dem rosigen Nebel der neuen Lebenserfahrungen. Es war ein Glück aber, daß es um diese heiße Nachmittagsstunde noch sehr still in den hügelab und bergauf laufenden Gassen des Heimatsstädtchens war; fast zu sehr lag alles zur Rechten und Linken, vorwärts und rückwärts in buntesten Farben und Lichtern. Aber die wenigen Einwohner, die schon im Sonntagsstaat oder in weißen Hemdsärmeln in ihren Türen standen, grüßten ihn nur, ohne viel auf ihn zu achten: es war ein großes Glück.

Er gelangte nach Hause, und da war die Veränderung der Welt am allerbemerkbarsten: die Tür so niedrig und enge, die Treppenstufen so ausgetreten, der Hausflur so dunkel, der Bruseberger so unberechtigt trübselig, die Mutter Schubach so ungemütlich höflich und schnippisch und sein Zimmer mit der Aussicht auf den weiland väterlichen Garten so schwül und so gefängnisartig, daß – man kaum Luft drin schöpfen konnte.

Sie ließen ihn gottlob allein in dieser seiner Stube und fragten ihn wenigstens nicht neugierig oder naseweis aus nach seinen Erlebnissen am heutigen Tage. Alles ein anderes! Tisch, Stuhl und Schrank und vor allem die Bücher auf Schrank, Stuhl und Tisch! Der verwunschene Jüngling setzte sich schwerfällig an den verzauberten Tisch, schob das offene verwünschte griechische Lexikon so weit als möglich von sich, stützte den Kopf auf beide Hände und – da saß er denn! Wir können nicht sagen, daß er bis zum Abend, bis es in dem Ilmenthaler Talkessel kühler wurde, in der wundervollen Märchenstimmung verblieb, in die ihn der prächtige neue Bruder, der ungewohnte Wein und die fremde Welt im Hotel Bellavista versetzt hatten. Wenn er sich »ein Stündchen aufs Ohr gelegt« hätte, wäre das unbedingt das beste gewesen.

Er blieb aber wach oder hatte wenigstens halbwach alle Stufen der unausbleiblichen Rückwirkung hinabzustolpern. Ein Stolpern hinunterwärts war's! Das goldene, rosige Gewölk im Dasein trägt keinen lange und am wenigsten jemand, der es sich von der Table d'hôte im Hotel Bellavista holt. Der arme Junge, Theodor Rodburg, bekam bald selber etwas zu tragen, nämlich einen sonderbar schweren Kopf in seinen beiden Fäusten und dazu allmählich ein dumpfes Gefühl davon, daß die Mutter Schubach und der Bruseberger doch wohl etwas mehr sein könnten als undeutliche Schemen, zwei entfernte Schatten in einem nahen Lichtglanz, zwei höchstens etwas sonderbare graue Traumgestalten in einer lachenden, vielzungigen, gloriosen Weltwirklichkeit.

Er hörte einige Augenblicke den Bruseberger nebenan in seiner Werkstatt rumoren und wollte eben den Versuch machen, ihn in der gewohnten Weise anzurufen, als der Alte die Zwischentür zuzog, nachdem er gesagt hatte:

»Lassen Sie sich nicht stören, Herr Rodburg.«

Er hörte die Stimme der alten Frau drunten im Hause und hätte viel darum gegeben, wenn sie den Kopf in gewohnter Weise jetzt in die Tür gesteckt und gesagt hätte: »Nun, Theodor, jetzt aber alert! Der Herr Professor und sein Florinchen werden schon längst hinauszappeln in die Botanik und den schönen Nachmittag.«

Kolossal gern oder mit einem andern Schülerepitheton würde er das Wort »Unsinn!« ausgesprochen haben, aber es ging nicht. So versuchte er es jetzt doch, ein Buch aufzuschlagen, aber auch das ging nicht. Die Buchstaben schwammen und tanzten zu sehr vor seinen Augen; er brachte keinen Sinn in irgendeine Zeile oder fand vielmehr keinen irgend drin liegenden heraus. Er gab's auf und dämmerte weiter durch den heißen, schwülen Tag, in der unruhvollen Erwartung, ob auch der Bruder sein Versprechen wahr machen und ihn noch einmal gegen Abend »sehen« werde. Gegen sieben Uhr ließ es sich an, als ob ein Gewitter kommen wolle. Auch rollte wirklich einige Male ein dumpfer Donner ferner ab im Gebirge; aber wenn es gleich irgendwo zum Ausbruch gekommen sein mochte, Ilmenthal bekam nichts Erfrischendes davon ab als einige breite Regentropfen, die vereinzelt in die Blätter schlugen und von den Pflastersteinen rasch wegtrockneten.

Nun nahm der Knabe es fast übel, daß sich niemand im Hause um ihn kümmerte. »Was habe ich denn eigentlich gegen sie verbrochen?« fragte er sich, und dann suchte er sich das nächtliche Gespräch zu wiederholen, das er mit dem Bruseberger und der alten Frau nach dem wunderbaren Erscheinen des unbekannten Bruders hatte führen müssen. »Und was hat er gegen mich verbrochen? Was kümmert mich das heute, was er Tolles vor Jahren zu seiner jungen Zeit in diesem langweiligen Ilmenthal ausgefressen hat? Ein famoser Kerl ist er, und ich habe hier im Winkel wie in einem Spinnenweb gehangen! ... Sie meinen es alle zwar recht gut mit mir, aber mein ganzes Dasein werde ich deshalb doch nicht bei ihnen verhocken sollen. Das wäre zu lächerlich, und dazu ist die wirkliche Welt da draußen doch das Wahre, Richtige, Gloriose!«

Er hielt es nicht aus auf dem Stuhl. Er sprang auf und in seine Kammer, steckte den dummen, glühenden Kopf ins Waschbecken und lief mit dem Handtuch auf und ab. Die glänzende erste Hälfte des Tages trat in seiner Phantasie wieder in das vollste, verführerischste Licht.

»Ein Prachtmensch ist er! Und ein Jahrhundert jünger als ich, obgleich sie sagen, daß er zwanzig Jahre älter sei. Es ist richtig, ich habe hier im Dunkel gehangen wie eine Spinne im Keller und habe keine Ahnung gehabt, daß es dergleichen in der Welt gäbe und daß auch mir mein Teil davon aufgehoben sei. Ja, der Bruseberger und die Mutter Schubach mit ihren Warnungen! Es ist wirklich, als gönnten sie mich keinem andern als sich und höchstens dem alten Drüding.«

Der letzte Name gab seinem Gedankenspiel wieder eine neue Richtung. Sein gegenwärtig doch noch nicht wegzuleugnendes Schulknabentum fiel ihm bänglich in den Sinn und kam ihm zugleich verdrießlich und gänzlich überflüssig vor.

»Was schadet es denn, wenn man der Langweilerei aus dem Wege geht, wenn man so heimkommen kann wie der Bruder Alexander? Was würde ich heute dafür gegeben haben, wenn ich so wie er Französisch, Spanisch und wer weiß was alles noch verstanden hätte. Wie ein alberner Narr und Dummkopf saß ich neben ihm am Tische mit des alten Drüdings ledernem griechischem und lateinischem gelehrtem Quark und Blödsinn. Und die schöne Frau Romana kennt er natürlich auch schon längst ganz genau, der Bruder Alexander, meine ich. Und ihn behandelt sie sicherlich nicht wie ein Kind und einen albernen Schulbuben gleich mir. O, und er kann acht Tage und länger mit ihr in einer Stadt wohnen, ohne Tag für Tag zu ihren Füßen zu sitzen! Der Vater Tieffenbacher ist zwar ein sehr netter alter Bursch, und es ist sehr behaglich von ihm, daß er für unsere, das heißt des Papa Drüding und des Brusebergers Liebhabereien so viel Verständnis und Interesse hat; aber ein bißchen weniger gemütlich wäre, offen gestanden, in unserm Verkehr miteinander mir lieber. Ich werde ihm auch – «

Es lag noch ein aufgeschlagen Büchlein auf seinem Schülertische neben dem gelehrten Rüstzeug. Sein Blick glitt zufällig über die Seiten, und das abnehmende Tageslicht erlaubte es eben noch, den Text zu erkennen:

Als ich noch ein Knabe war,
Sperrte man mich ein;
Und so saß ich manches Jahr
Über mir allein,
Wie im Mutterleib,

und er las ihn leise ab.

Bis jetzt war ihm dieses Knabengedicht aus dem weltberühmten Dachstübchen am Hirschgraben zu Frankfurt, von welchem aus man ebenfalls eine sehr angenehme Aussicht in die nachbarlichen Hausgärten hatte, höchstens nur etwas närrisch und kindisch und spaßhaft vorgekommen. Doch nun in dieser Dämmerung gewann es mit einemmal ein ganz ander Leben, Wesen und Ansehen in seiner Wahrheit und Ironie. Das Pathos behielt wohl dabei die Oberhand; auf und ab schritt der Ilmenthaler junge Mensch, vor sich hinsummend: »Es war ein König in Thule«, und zwar mit Tränen im Auge und einem krampfhaften Schlucken im Halse, doch immer klang es neckisch – mit schalkhaftem Ernste ihm dazwischen:

Ritterlich befreit ich dann
Die Prinzessin Fisch;
Sie war gar zu obligeant,
Führte mich zu Tisch,
Und ich war galant.

Ein helles Frauenlachen wie aus eben dem Liede vom Neuen Amadis zog ihn an sein Fensterchen rasch zurück. Er sah in scheuem Schrecken und Verlangen hinab in seinen Nachbar-Hausgarten, seinen alten Robinson-Crusoe-Garten, sein verloren gegangenes Zauberreich und sah den Bruder Alexander, die schöne Frau Romana und den Herrn Kriegszahlmeister des Kaisers Max von Mexiko an der alten Scheidewand stehen und sah den Herrn Kriegszahlmeister nach seinem Fenster hinaufdeuten.

Sie blickten alle lächelnd zu ihm empor, als er sich ihnen zeigte, und der Bruder rief:

»So komm doch herunter, närrischer Bengel! Die Herrschaften laden dich zum Tee und Butterbrod ein, und neues Leben sproßt aus den Ruinen, oder wie du es sonst poetisch ausdrücken willst. Ich habe auch keine Angst vor den Geistern der Vergangenheit gehabt, wie du siehst, obgleich ich wohl einige Ursache dazu hätte haben können. Gebrüder Rodburg im Vaterhause! Ich denke, mit Hülfe der gnädigen Frau und des Señor José, meines lieben alten Freundes und Feindes, nehmen wir es gegen jeden antiquierten Spuk im Hause Rodburg am Kuhstiege auf.«

Rings mit Sonnenschein war die Prinzessin um diese Stunde nicht emailliert; auch den Mond hinderte am heutigen Abend das Gewittergewölk von jenseits der Berge, ihr von seinem bleichen Silberlicht sein verschönernd Teil zu geben; aber der Zauber, der von ihr ausging, wirkte in der Dämmerung, in der Nacht und auch beim ganz gewöhnlichen Lampenlicht fast noch stärker.

Der gute Junge suchte eine geraume Weile vergeblich nach seiner Mütze im Wirrwarr seines unbewußten Poetenstübchens, und zuletzt stand er doch barhäuptig vor den drei in dem väterlichen Garten und war dahin gelangt, ohne zu wissen wie. Nur ganz dunkel wußte er, daß der Bruseberger und die Witwe Schubach wieder auf ihrer Abendbank vor dem Hause gesessen hatten und daß die alte Frau seinen Namen ihm nachgerufen, er aber nicht darauf hatte achten können. Auch an den einst so bekannten Klang der Haustürglocke des Vaterhauses erinnerte er sich und an den dunkeln Flur, aber nicht, daß er auf den Stufen, die auf den Hof und in den Garten führten, arg gestolpert war und beinahe das Pflaster seiner ganzen Länge nach gemessen hätte.

»Gnädige Frau – Papa Pepe«, lachte der Bruder, »ich habe with all formalities die Ehre, mich jetzt als allernächster Blutsverwandter des Herrn Nachbarn vorzustellen. Theodorchen, Kind, es ist noch hell genug, daß Señora dich deiner verblüfften Mienen wegen auslachen kann. Ich bitte dich dringend, mach den Mund zu. Señor Tesoriere, ich habe mir vorgenommen, jetzt auch einiges zu seiner Erziehung und Einführung in die Welt zu tun, und nehme jede Hülfe dabei an. Auch die Ihrige, bester Freund.«

Es war sehr merkwürdig; die Frau Romana Tieffenbacher reichte an diesem Abend zum ersten Male dem jungen Nachbar die Hand und sprach recht freundlich zu ihm;

»O, wir sind schon serr lange serr gute Freunde, Señor. Nicht wahr, Señor?«

Andere hatten wohl gemeint, daß sie eigentlich zu ihrem fremdartigen Akzent eine ziemlich rauhe, ja heisere Stimme habe; aber der Knabe zitterte bei dem Klange dieser Stimme wie bei der Berührung ihrer Hand. Da war es ein Glück, daß der Herr Kriegszahlmeister auch noch vorhanden war und jetzt gleichfalls freundschaftlichst in die Unterhaltung oder Begrüßung eingriff.

Er hatte auch einen fremden Akzent oder, in seinem Falle, Dialekt nach Ilmenthal mitgebracht, doch nur den des nächstliegenden deutschen Nachbarstammes, einen »äußerst gemütlichen, sehr anheimelnden, kurz, mir ganz sympathischen«, wie Professor Drüding sofort nach gemachter Bekanntschaft geäußert hatte. Schade, daß wir uns nicht darauf einlassen können, sondern nur einfach und nüchtern berichten müssen, wie es ihm, dem Papa Pepe, und seiner Frau hier und da auf diesen Blättern ums Herz und zumute war. Zu bemerken ist aber jedenfalls, daß alles, was der Mann zu einem andern sagte, herauskam, als rede er es in der Zerstreutheit zu sich selber; und er redete auch in den Gassen viel mit sich selber, und Leute, die hinter ihm drein gingen, bekamen allerlei von dem zu hören, was ihn in seinem Dasein eben ärgerte und freute. Glücklicherweise hatte das letztere meistens die Oberhand, und sämtliche harmlose Lauscher lächelten meist sehr freundlich, wenn sie eine Weile seinen Selbstgesprächen zugehört hatten. Einen Kriegsrechenmeister, der noch dazu aus Queretaro seinen Titel mitgebracht hatte, hatten sich unbedingt die meisten Ilmenthaler viel weniger gemütlich in seinen Liebhabereien, Leiden und Freuden vorgestellt.

»O, sehr gute Freunde!« rief dieser gemütliche alte Herr augenblicklich sich zu. »Alte Bekannte, alte Bekannte! Über den Zaun – nach dem Fenster hinauf, vom Fenster hinunter. Habe die jungen Leute gern – die gelehrten jungen Leute. Bin selber jung gewesen, wäre auch gern ein Gelehrter geworden, hat sich aber nicht so gemacht. Herr Theodor – Nachbar Theodor! jaja, ist einmal sein Reich gewesen, bin nur ein Eindringling. Hat hier gesessen und Unsinn gemacht. Habe auch in meines Vaters Garten gesessen und Unsinn ausgebrütet. Bin auch nachher noch in meinem Leben häufig ein großer Esel gewesen – konnte mir selber manchmal leid tun. Nun, erhält doch allein jung in der Welt, das Dummheitenmachen. Natürlich mit Auswahl – nun also? Nicht wahr, Mädele? He, Romanele

Der junge Nachbar fuhr viel heftiger zusammen ob des unvermuteten Anrufs als die angerufene Frau, die sich gelassen von dem fröhlichen Bruder Alexander wegwandte und nichts weiter erwiderte als:

»Si Señor.«

Sie gingen nun noch eine Weile in dem verzauberten Garten unter dem warmen, dunkeln Nachthimmel auf und ab: der Schüler neben dem neuen nachbarlichen Freunde, Alexander Rodburg an der Seite der Frau Romana. Herr José Tieffenbacher erzählte sich dabei allgemach ausführlicher, wie zufrieden er mit seinem jetzigen Wohnort sei, wie angenehm das Verhältnis, in welches er bald zu den Leuten des Orts gekommen sei, und da vorzüglich zu dem gelehrten jungen Herrn Theodor und dem Herrn Doktor Drüding und dem ausgezeichneten Mann, dem Herrn Bruseberger, und der lieben alten Frau, der Frau Witwe Schubach.

Der Señor Alexander, für den dieses alles eigentlich bestimmt war, hörte auch höflich darauf hin, aber er sprach doch auch zwischendurch viel mit der Frau Kriegszahlmeisterin in spanischer Sprache, und darauf horchte am meisten der Pflegling des Brusebergers, der ihm leider dieses schöne, wohlklingende Idiom nicht hatte beibringen können an seiner Buchbinderlade. Zuletzt versicherte sich der jetzige Besitzer des weiland Rodburgschen Anwesens am Kuhstiege zu Ilmenthal auf sein Ehrenwort (was auch er spanisch ausdrückte) im bequemlichsten Provinzialdeutsch:

»Schaust du, dies ist nun so auf dieser Erde, und einerlei, ob's auf den Namen Joseph Tieffenbacher geschrieben wird oder einen andern. Bin da eingezogen, wo der andere ausgezogen ist. Ist nicht alles festes Eigentum, was der Mensch dafür hält; möchte wohl wissen, wer heute in meines Vaters Hause in Bödelfingen wohnt, wenn es noch aufrecht steht. War schon ein recht baufällig Ding meiner Zeit ... Und gar in politischen Angelegenheiten – ach du armer Max! Frage nur einer da den Kaptän, meinen guten Freund, und den Herrn Präsidenten Benito Juarez und den Satanskerl, den Don Mariano, den General Escobedo, und den nichtsnutzigen Halunken, den Oberst Lopez. Selbst das Kindle, das Florinele, weinte, als wir dem Papa, dem Herrn Professor, die Geschichte ausführlicher erzählten. Am schönsten lebt es sich noch unter einem Zelt, das man abbricht und auf dem Bagagewagen mitnimmt, wenn das Hauptquartier verlegt wird. Auch eine Kaserne ist ein ganz wohnlicher Aufenthaltsort. Manche Leute behaupten es; habe persönlich es immer für scheußlich erklärt. Gott sei Dank, nun ist dies mein erstes eigenes Dach über meinem Schädel; aber wundere mich an jedem neuen Morgen, daß ich es noch über meinem Kopfe vorfinde. Halte es manchmal für ein wahres Glück, daß ich immer eine Neigung fürs Wissenschaftliche gehabt habe. Habe es Gott sei Dank notiert und schreibe es jetzt ins reine – sehr interessant. Manuskriptum; – Nachbar Theodor soll's bei passender Gelegenheit sich ansehen. Wüßte sonst selber manchmal eigentlich nicht zu sagen, wie ich zu Sachen und Erlebnissen in Schreibstuben, Kontoren, auf dem Marsche, auf dem Schiffe – Herrgott, und auch in Mord und Brand, Schlachten und Belagerungen und jetzt zuletzt hier nach Ilmenthal und zu einem lieben Fraule und zur Ruhe gekommen bin – alles als ein achtzehnjähriger Supernumerarskribent am Amtsgericht zu Bödelfingen und ein Käfer- und Schmetterlingsliebhaber und nachher von Wien aus als Privatsekretarius beim Herrn General von Eynatten. Ja ja, haben den armen Joseph Tieffenbacher kurios durchs Leben gebracht, die Skripturen und die Koleopteren und Lepidopteren, und auch – ahm – vor dem Rheumatismus hüten Sie sich vor allen andern Dingen auf Ihrem Wege durchs Leben, bester junger Nachbar Don Teodoro!«

Der letzte Satz war der einzige, der sehr direkt an einen aus der kleinen lustwandelnden Gruppe gerichtet war, und machte deshalb eine um so drolligere Wirkung.

»Surely, Sir, ein Besitztum, das man ungeheuer gern jeglichem geliebten Nächsten gratis überlassen würde!« rief der Bruder Alexander lachend über die Schulter zurück; doch die junge Frau an seinem Arm sprach gleichgültig wieder etwas auf Spanisch, wozu Herr José Tieffenbacher ein wenig kleinlaut meinte:

»Hast wohl recht, mi corazon, mein Herzchen. Ja, es ist das beste, wir nehmen den Tee im Hause. Es wird ein wenig feucht. Vor kaum zehn Jahren, in Triest, als Admiralitätsbeamter, blies mich die ärgste Bora so leicht nicht zwischen vier Wände und in die Sofaecke. Lassen Sie mir Ihren Arm, Nachbar Teodoro!«

Auf dem Hausflur brannte jetzt bereits eine Lampe und warf einen kärglichen Schein auf die Treppe und die Galerien, welche den Flur auf drei Seiten umgaben.

Der Bruder Alexander blieb einen Augenblick stehen, hob die Nase und bemerkte:

»Hier hat sich doch eigentlich gar nichts verändert. Selbst der alte süße Keller- und Moderduft noch in all seiner holden Frische vorhanden – brr! Guck, hier bin ich einmal mit dem Kopfe voran über das Geländer heruntergekommen, Unkraut vergeht nicht, sprach das damalige Haus- und Familienpublikum, als ich wider alles Vermuten das schöne Bewußtsein, ziemlich überflüssig in dem lieben Kreise zu sein, wiedererlangte. Ich glaube, einen Fleck, auf den ich meinerzeit keine Prügel gekriegt habe, gibt's in dem ganzen vermaledeiten Ahnenkasten nicht. Du nennst den Ausdruck vielleicht infam pietätlos, Kleiner; aber die Señora lacht und denkt an ihre rationellere Erziehung. Ja, mein Sohn, mit allem Respekt vorm seligen Papa und dem noch vorhandenen Papa Drüding, unterm Äquator werden die Kindlein doch ein wenig vernünftiger erzogen als hier bei euch an der Ilme, und unbedingt wachsen sie sehr viel behaglicher auf. Papa Pepe, Sie täten wahrhaftig ein braves Werk, wenn Sie das gespenstische Gerumpel mit allen seinen Ratten, Mäusen, Kellereseln, Schwaben, Totenuhren und Tausendfüßen so bald als möglich niederlegten und ein menschenwürdig anständig Gebäu dafür hinstellten. In kurzem hat ja auch das ganze übrige Nest einen andern Rock angezogen, und wir – wir müssen möglichst das Unsrige dazu tun.«

Was Herr Alexander Rodburg mit seinen letzten Worten meinte, wird sich später finden. Augenblicklich stand die kleine Gesellschaft vor der Tür, welche vormals in das Zimmer des Vaters der zwei Brüder geführt hatte. Theodor ergriff unwillkürlich die Hand Alexanders und erinnerte ihn daran. Dieser aber schüttelte sich lächelnd wie im behaglichen Graueln und rief:

»Bei allen herzigen Kindheitserinnerungen, ob ich's nicht ganz genau wüßte! Señora, Ihr Fläschchen! Was ich da hinter jener Wand ausgestanden habe, das kann kein verflossener Plantagennigger nachfühlen. Natürlich ist das die Pforte, vor der ich mich heute noch erst einen Moment an die Mauer lehnen muß, ehe ich mich hineintraue. Bitte, entschuldigt mich einen Augenblick – Señora, Ihren Fächer! Tieffenbacher, por l'amor de Dios, decken Sie mir den Rücken, alter Freund, – meine Gefühle von den Schultern bis zum Kreuzbein überwältigen mich zu sehr!«

»Ja, ich denke, wir gehen endlich herein«, sagte der Herr Kriegszahlmeister gemütlich, aber doch wie zweifelnd, ob der Ton, in welchem der Hausfreund in diesem Augenblick und grade von diesem Hause rede, ganz der passende sei. Wahrscheinlich aus demselben Grunde wendete er sich an den Jüngern Rodburg, als er die Tür öffnete und sagte – ausnahmsweise nicht bloß zu sich selber:

»Wir haben gottlob schon ganz behaglich hier gesessen und der Herr Professor auch – über der Wissenschaft und edeln Naturkunde. Es ist ein recht angenehmes Lokal – der Herr Vater hatte Raum für seine Akten und ich für meine Schmetterlinge und Käfer. Es ist sehr wohnlich – sehr wohnlich für einen Mann, der endlich einmal zur Ruhe gekommen ist. Bitte, Kinder, tretet ein. Bitte, Caballero Theodor, lassen Sie mir Ihren Arm bis zum nächsten Stuhl. Hat recht, der Freund Alexandra, die Treppe ist ein wenig beschwerlich, brauchen aber das Haus deshalb doch noch nicht einzureißen, lieber junger Nachbar. Will noch recht lange recht gemütlich drin sitzen. So – Herrgott von Einsiedeln! Querida, den Tee nehmen wir wohl in deinem Zimmer?«

Er saß, und auch Herr Alexander warf sich behaglich seufzend in einen Fauteuil neben dem breiten, von einer schönen Pariser Lampe beleuchteten Tisch. Frau Tieffenbacher hatte sich durch eine Nebentür leise entfernt; der Schüler blieb neben dem Sessel des neuen Nachbars und gegenwärtigen Inhabers seines Kindheitsreiches stehen und legte nur leicht die Hand auf die Lehne.

»Hm«, sagte der ältere Rodburg, »ich bin glücklicherweise nicht der einzige, der in diesem Raume geblutet hat. Wie drückt sich Vater Drüding aus, wenn er auf lateinisch meint, daß es ein wahrer Trost sei, allerlei Kameraden im Pech zu haben, Theo? By Jove, Don José, Heulen und Zähnklappen mit und ohne Noten hat's hier gegeben. Uh, der alte brave Herr tat dann und wann einen guten Griff ins volle Fleisch, und hatte er einen Lieblingsklienten in der Schraube und unter der Schere, so flog die Wolle ziemlich ausgiebig herum, und man konnte das Geblöke des armen Hammels häufig durch drei Wände vernehmen. Bewahre mich der Himmel, daß ich dem seligen Biedermann etwas Übles nachrede, Kleiner. Im Gegenteil, er wäre ein rechter Esel gewesen, wenn er die Gaben, die ihm unser gütiger Herrgott verliehen hatte, nicht zu seinem und seiner Familie Besten angewendet hätte. Wir Kinder waren die zeitweilige Aufregung und den Lärm aus Papas Büro auch ganz gewohnt, und nur Mama drückte bei außergewöhnlich lebhaftem Geschäftsverkehr immer noch ganz zitternd die Hände auf die Ohren oder horchte bänglich an der Tür – hinter jener Tür dort.«

»Dort ist sie gestorben. Das ist ihr Sterbezimmer nebenan«, stotterte der Pflegesohn des Brusebergers und der Witwe Schubach.

»Hm, hm«, brummte Herr Joseph Tieffenbacher wie in etwas peinlicher Ungewißheit, ob er noch eine Bemerkung dazuzugeben habe oder nicht. So war es wirklich als ein Glück für die fernere Gemütlichkeit des Abends zu halten, daß in diesem Augenblick die Frau Romana wiederum auf der Schwelle der Tür, die in das Sterbezimmer der Frau Notarin Rodburg führte, erschien und mit einer ruhigen, doch sehr graziösen Verneigung sagte:

»Caballeros, derr Tee!«

Sie folgten der Einladung der schönen Frau. Es war der Bruder Alexander, welcher der jetzigen Dame vom Hause den Arm bot und sie über die Schwelle zurückführte in das Nebengemach, und da er in der Todesstunde der Mutter nicht darin zugegen gewesen war, so war es eigentlich nicht zu verlangen, daß er in dem Raume irgend Dinge sehen und Laute vernehmen sollte, welche imstande waren, ihm die Gemütlichkeit der gegenwärtigen Stunde zu stören. Er blieb recht heiter den ganzen Abend über, und auch nur ihm gelang es, dann und wann ein Lächeln auf dem Gesichte der gegenwärtigen Hausherrin hervorzurufen.

Wenn der Blick des Schülers dagegen über den Lichtkreis des Tisches hinausfiel, so bog er unwillkürlich mehrmals den Kopf seitwärts wegen eines an der Wand sich regenden Schattens. Er vernahm in die Unterhaltung hinein längst verklungene Töne und Worte. Es stand jetzt ein Pianino auf der Stelle, wo das Bett der seligen Mutter gestanden hatte. Schon oft hatten seine Klänge den jungen Nachbar von dem römischen Forum und aus dem Theater zu Athen weggeholt und in viel wunderbarere, wundervollere Träume und Phantasien hineingezogen; doch augenblicklich erschrak er fast, als der Bruder Alex die Frau Romana bat, ihm »etwas vorzuspielen«; und wenn er nicht die Sprache verstand, so verstand er doch den Gestus, mit welchem die Frau Kriegszahlmeisterin verdrießlich die Bitte abwies, und war ihr auch dafür mit bebendem Herzen dankbar. Er konnte doch weder ihr noch dem alten Herrn und am wenigsten jetzt dem heitern Bruder erklären, welch schweren Seufzer er aus der dämmerigen Ecke her höre und dazu das Wort der Schwester Charlotte:

»Mama will das Kind noch einmal sehen!«

Übrigens unterhielt man sich, wie man eben an einem Teetisch miteinander zu plaudern pflegt. Das Französisch, mit welchem Frau Romana sich dann und wann an den jüngsten Freund ihres Gatten wendete, ließ auch manches zu wünschen übrig, da es einzig und allein von der Expedition des Marschalls Bazaine herstammte; und da sie sich leider ärgerte, wenn der alte Herr und Mr. Redburgh zeitweilig dabei lächelten, so sprach sie bald wieder nur spanisch mit dem Bruder Alexander und überließ den Jüngern Gastfreund allmählich völlig ihrem Gatten.

Dieser tat sein Bestes zu der Unterhaltung, das heißt, er redete außergewöhnlich viel und lebhaft mit sich selber und erzählte sich in der Tat im Verlaufe des Abends manches, was dem jungen Mann recht interessant sein mußte; aber das merkwürdigste dabei war, daß der Schüler aus dem Nachbarhause hier und da ganz und gar den Bruseberger, nur mit einer kleinen Mischung vom Professor Drüding, glaubte reden zu hören.

»Hübsche Leute hier am Ort«, sagte der Papa Pepe. »Habe mir gestern auch einen neuen Kopf gekauft mit dem Bilde hiesiger Hauptkirche. Rauche ihn eben an – jawohl, recht liebe Leute! Dazu habe ich es denn allmählich doch gebracht. Ist nicht viel, aber immer etwas für einen Mann ohne Wissenschaft und nur mit ein bißle Zahlensinn und Respekt vor der Mutter Natur und Streben nach dem Höhern. Hätte einen guten Kalkulator am hiesigen Magistrat abgegeben und mußte es mir ruhig gefallen lassen, daß sie in meines Vaters Haus schon das Lausbüble das Professorle nannten. Habe mir vieles gefallen lassen müssen zu Hause und zu Wasser und zu Lande – zu Bödelfingen, im Österreich und – drüben mit Seiner hochseligen Majestät, dem Kaiser Maximiliano. Das schob sich so, und habe mich durchkalkulieren müssen und bin merkwürdigerweise überall auf einen andern Bödelfinger oder andern nähern Landsmann gestoßen, dem's ebenso erging und der doch bei Gelegenheit einem einen guten Wink geben konnte. Jawohl, sind gottlob ein weitverbreitetes Geschlecht, und wenn am Jüngsten Gericht die Trompete erschallt und der Engel ruft: ›Alle von Bödelfingen hierher!‹, da wird ein kurios Zuspringen von aller Welt Enden her sein – he, he, he, he! ... Na, na, werde ich dann also wahrscheinlich von Ilmenthal aus hinhupfen müssen zur angewiesenen Stätte, denn glaube nun doch nicht mehr, daß ich vor der letzten großen Tagfahrt 's irdische Domizil noch mal verändern werde. Kurios, nicht wahr? Ganz und gar nicht! ... Wär ich als Junggesell heimgekommen, hätt ich wohl mein eigen Vaterhäusle angekauft und nicht das anderer Leute! Das Weibele war's, die Romana; das gute Fraule hielt's eben nicht aus in der Heimat, in Bödelfingen, und so haben wir es denn des Gegensatzes wegen in Paris versucht, der Landsmannschaft von weiblicher Seite wegen – Boulevard Sebastopol in einem fünften Stockwerk mit der Aussicht aufs Dach von Saint Leu – ach, alle vierzehn heiligen Nothelfer! Bin dem Freund Alexander da in alle Ewigkeit dankbar, daß er mich von der Höhe erlöst und das arme Kind hier hinter der Teekanne überredet hat, daß sie mit mir zum wenigsten wieder ins liebe Vaterland zurückzog – Deutschland meine ich ...«

»Ja, ich habe euch den Papa Tieffenbacher nach Ilmenthal geschickt!« rief Alexander Rodburg lachend, dem jüngsten Bruder in das erstaunte Gesicht blickend. »Ich versichere aber, der Zufall spielte dabei eine ebenso große Rolle als ich –«

»Und die Zeitung!« fiel der Herr Kriegszahlmeister an seiner Pfeife saugend ein. »Vergessen Sie auch unser Kaffeehaus in der Rue de Rivoli und die deutschen Zeitungen daselbst nicht. Ilmenthal an der Ilme! Aufblühender Kurort! Sehr angenehme Gegend – entzückende Lage – geschützt vor jedem unangenehmem Winde – wohlfeiles Leben – Mietwohnungen und Gelegenheiten zum Ansiedeln im Überfluß – nun, lieber kleiner Nachbar Teodoro, Sie kennen das ja alles besser als ich, Sie sind ja drin aufgewachsen, und mein verehrter gelehrter Freund, Professor Doktor Drüding, hat mir gleichfalls alles bestätigt. Auch in naturwissenschaftlicher Hinsicht äußerst interessant! Habe es kurz und gut stets verstanden, nötigenfalls meinen Schwerpunkt zu verlegen – heute nach Westen, morgen nach Osten, und das Weibele, die Romana, hat als gutes, braves Frauele auch wenig Einwürfe gemacht, nachdem Freund Alexander alles Pro und Kontra reiflich mit uns erwogen hatte. Hält den Ort in seinen gegenwärtigen Umständen als wohl geeignet, ein kleines Vermögen nutzbringend daselbst anzulegen. Hatte freilich vorher noch einige Geschäfte in New Orleans abzuwickeln – meine ich immer den nichtswürdigen Juaristen, den blutigen Liberalen da – he, he, he, habe ihn mal überrascht, neulich bei seiner ersten Visite, als Proprietär seines Ilmenthaler Ahnenschlosses! Hat mir viel Spaß gemacht. Arrangiert sich manches sehr leicht unter dem blauen Himmel, was der Mensch für unmöglich hält. Wohnen hier nun quasiment wie eine Familie beisammen – ist ein altes Gerümpel, das Haus Rodburg, habe mich aber schon in ärgeren ganz gemütlich eingenistet und wollen's fürs erste noch nicht einreißen. Señor Alexandro – spricht da mein Rheumatismus auch mit, Señor Teodoro – habe keine Lust, den Trockenwohner für des Städtles Zukunftbevölkerung zu spielen, – habe drüben jenseits der Ilme schon ein Terrain für mögliche Spekulationen ins Auge gefaßt, he Frau! he Gentlemen?! ... Wollen unsere paar Pfunde nicht bloß vergraben oder verwohnen in Ilmenthal an der Ilme – wollen auch unsererseits dem lieben Ort nach Möglichkeit zu einer internationalen Universalreputation verhelfen!«

»Hört, hört! Und höre du vor allen, jüngster Rodburg, jugendlicher Ilmenthaler!« rief Mister A. Redburgh. »Was macht das Kind für Augen! Steigen wohl allerhand neue, ungeahnte Welten vor dir auf, mein Junge? Na, nur ruhig, Muchacho, in einigen Wochen wirst du uns sämtlich um ein weniges genauer kennengelernt haben. Werde dir nach und nach auch von dem erzählen, was ich alles in der Welt gewesen bin und getrieben habe, ehe ich heimkommen und als Ilmenthaler Badegast und Rentier von meinem Gelde leben konnte oder – wie die Redensart sonst unter euch guten Leuten lautet.«

Große, erstaunte Augen warf der Jüngling vom einen zum andern um den kleinen, zierlichen Teetisch in dem Hause seines Vaters und dem Sterbezimmer seiner Mutter; – den Blick aber, den sich der weit- und menschenkundige Bruder und das Weib seines alten neuen Freundes zuwarfen, übersah er doch, und das war auch recht gut oder doch ganz einerlei, denn auszudeuten hätte er denselben an dem heutigen Abend doch noch nicht vermocht. Er hielt sich immer noch allein an den Klang der Stimme der schönen Wunderfrau und übersah auch ganz ihr gleichgültig Gesicht und dann und wann unverhehltes Gähnen ob des, wie gesagt, von manchem geleugneten Wohllautes. In Anbetracht, daß er am nächsten Morgen wieder zum Doktor Drüding in die Schule mußte, trug er einen Kopf nach Hause, in dem es fast zu bunt aussah.

Er kam gegen Mitternacht vor die verschlossene Tür der Mutter Schubach und hatte längere Zeit zu pochen, ehe ihm der Bruseberger in der weißen Zipfelmütze den Hausschlüssel aus dem Fenster des Unterstocks reichte, statt selber ihm zu öffnen.

Es war eine ganz stille Nacht, nur die Ilme rauschte hell drunten im Tal durch das Dunkel und das schlafende Städtlein. Alexander Rodburg zündete eine letzte Zigarette an, beleuchtete scherzhaft mit dem Zündhölzchen den Alten im Fenster und meinte munter:

»Das Gesicht kenne ich schon an Euch, Bruseberger; habt es mir meiner Zeit häufig am hellen Tage gezogen! Aber, dammy, seit wann verriegelt man denn die Haustüren in Ilmenthal – bitt Euch?«

»Hier in Deutschland bei uns sagt man Sie zu einem, Herr Rodburg«, erwiderte der Alte. »Mit dem Hausschlüssel aber haben Sie recht. Es ist eine Neuerung in Ilmenthal! Es treibt sich eben aber auch allzuviel Gesindel seit einiger Zeit allhier herum. Wünsche eine wohl zu schlafende Nacht.«

Es war vielleicht nicht gut, daß Theodor Rodburg den Blick nicht sah und das Wort nicht hörte, das der Bruder auf seinem Wege nach dem Hotel Bellavista über die Schulter dem Kuhstiege und ganz im besondern der noch längere Zeit aus dem offenen Fenster ihm nachleuchtenden Zipfelkappe des Biedermanns, des Brusebergers, schenkte.

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