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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Elftes Kapitel

Im übrigen verlief der Morgen ganz programmäßig. Die beiden Brüder Rodburg machten nach der Kirche ihre Besuche Arm in Arm und erregten wirklich kein geringes Aufsehen diesseits wie jenseits der Ilme in Ilmenthal. Den alten Drüding fanden sie in seiner Studierstube voll Sonnenschein und Tabaksdampf trotz des Feiertages über seinem Haufen blauer Schulhefte, und der Soldat der mexikanisch-nordamerikanischen Legion of honour griff sofort überwältigend-kordial nach beiden Händen des erstaunten Greises und rief:

»Vom Träbernfressen, Herr Professor! Gradenwegs von unseres gerechten Herrgotts Katzentisch für alle Schlingel von verlorenen Söhnen, Herr Doktor! Aber ich hoffe, Sie nehmen den reuigen Sünder auch nach dem Bibelwort wieder freundlich auf. Ich versichere, ich habe eben wieder gradeso große Angst und Beklemmungen auf der Treppe und vorm Anklopfen an die Tür ausgestanden wie vor zwanzig Jahren. Ich gestehe es demütig, Doktor, Sie hatten vollkommen recht mit Ihren letzten Prophezeiungen; ich begreife es selber nicht, daß ich nicht verschiedene Male gehängt worden bin seit der letzten Konferenz über mich am hiesigen Gymnasium, nach welcher ich mich gar nicht mehr nach Hause wagte, sondern mich ohne weitere Einsprache vom seligen Alten aufs Pflichtteil setzen ließ. Si, Señor, mein Name ist wirklich Alexander Rodburg.«

Theodor Rodburg hatte noch verschiedene Worte der Erläuterung zu sprechen; aber dann hatte sich der Alte gleich zurechtgefunden und war selbstverständlich ganz der alte. Die Brille auf der Stirn emporschiebend, rief er in hellem Enthusiasmus:

»Rodburg senior? Rodburg der Zweite?! Der tolle Rodburg?!! Ei, ei, ei! Nun, Gott sei Dank, da wäre ich ja wohl wieder einmal ein schlechter Prophet gewesen. Dies ist mir in der Tat eine große Freude. Ganz prächtig ist das, und, lieber Herr Rodburg, Herr Alexander, Sie sehen ja wirklich sehr – wohl aus, und dabei – aber Theodor, junger Theodor, dies muß auch dich ungemein überrascht haben. Entschuldigen Sie, Rodburg ... senior, Rodburg der Zweite, ich werde wahrlich eine längere Zeit nötig haben, ehe ich mir dieses so höchst erfreuliche Ereignis ganz und gar klargemacht habe. Also, es ist Ihnen gut ergangen? Gottlob! ... Und was machen Ihre lieben Brüder und Schwestern? Merkwürdig jung sind Sie auch geblieben, Alexander; – und nun kommen Sie als ein – wahrscheinlich – hoffentlich – gemachter Mann aus der weiten Welt zurück und finden uns immer noch hier am alten Fleck. Wir sind freilich ein wenig älter geworden, und die Stadt werden Sie auch sehr verändert finden, und – richtig, Ihren Bruder, unsern guten Theodor, mein Mündel, kannten Sie noch gar nicht – konnten Sie nicht kennen bei Ihrem – Abgange. Und so kennen Sie mein Töchterchen natürlich noch weniger. Meine gute Frau schenkte sie mir – bei ihrem Tode – sie wird im Garten sein, sie ist eine gute Kameradin Ihres jüngsten Bruders diese Jahre durch gewesen, Herr Rodburg. Flora! Florine! Florinchen!«

Er hatte den letzten Namen durch das geöffnete Fenster hinausgerufen, und wieder lehnte sich der ältere Bruder über die Schulter des jüngsten und sah mit ihm hinab und hinein in den zweiten Garten, den er schon vor Jahren kannte, – eine volle, aber gepflegteste Blumenwildnis, den prachtvollsten, wundervollsten botanischen Garten im kleinen. Und die Kleine hielt drunten die Hand über die Augen:

»Ja, Papa?! ... Hier bin ich. Hast du mich nötig? Wobei soll ich dir helfen?«

»Nur ein sehr erfreulicher Besuch, Kind!« rief der Papa, und sich zurückwendend meinte er: »Sollen wir nicht zu dem Kinde herniedersteigen, meine Herren? Es ist ein so herrlicher Morgen. Meine Phlox sind außerdem jetzt vielleicht der Mühe der Besichtigung wert, und vielleicht, lieber Theodor, interessiert sich auch dein Bruder ein wenig für unsere hohe Wissenschaft.«

Gewiß interessierte sich Herr Alexander Rodburg für alles Schöne, was auf Erden wuchs, und so stiegen sie hernieder in den alten blütenvollen Schulgarten, und der alte gegenwärtige Nutznießer stellte ihn dem gebesserten, heimgekehrten schlimmsten Schüler seines Gymnasiums mit solchem Eifer vor, daß er natürlich sein Töchterlein ganz dabei übersah. Drüdings Florinchen hatte des Professors gegenwärtiger Lieblingsschüler seinem ältern Bruder bekannt zu machen, und es war ein Glück, daß auch hier der weitumgetriebene Gentleman sofort den richtigen Ton für die Unterhaltung fand. Weder das bis über die Ohren errötende Florinchen noch der ebenso rote Primaner Herr Theodor Rodburg waren dazu imstande.

Von der Unterhaltung ist natürlich wenig weiter zu berichten, als daß Herr Alexander mehrmals das kleine botanische Fräulein zu einem herzigen Lachen und den botanischen Papa zu einem behaglichen Schmunzeln brachte. Auf dem Wege zum Hotel Bellavista aber sagte der mexikanische Liberale:

»Das ist ja ein ganz allerliebstes Kreatürchen, Theo! 's ist die Möglichkeit! Also das hat der alte vegetarianische Bücherwurm doch noch fertiggebracht! Sieh, sieh, so reißen die Wunder nicht ab in der lieben Heimat. Teufel auch, guck einer diesen ausgetrockneten, konfusen Lateiner! Nach einem fünfzehnjährigen Bräutigamsstande hatte er sich eben verheiratet, als ich Eltern, Geschwistern und seinem Vorgänger im Rektorat durch die Lappen ging, und ich erinnere mich deutlich, wie wir unsern Jokus an der schnurrigen Schulmeisteridylle hatten und geheimnisvoll seiner beiläufig sehr netten antiquarischen Braut zum Polterabend ein Bündel fingierter Briefe von Hallenser Studentenjungfern in das junge Eheglück schoben. Ja, es war ein recht schlechter Witz, Theodor; heute gestehe ich dir das wehmütig zu. Na, jedenfalls war er aber nicht schuld daran, daß der gelehrte Schäker sich doch einige Jahre Zeit genommen haben muß, ehe er sich überwand und das wunderniedliche Püppchen, das ich da eben kennengelernt habe, in die Welt setzte. Wie alt ist denn die Kleine jetzt, Kleiner?«

»Im dreizehnten Jahr, glaube ich«, stotterte des alten Drüdings Mündel.

»Ganz meine Kalkulation, glaube ich, und ein süß unschuldig Alter dazu!« lachte der große Bruder, und dann führte er das Brüderchen die in die Ilmenthaler Sonntagsmittagsstimmung lustig hinein rauschende Ilme entlang zu der Table d'hôte des Hotel Bellavista und hatte seinen großen Spaß an der Verlegenheit und Ungeschicktheit des jungen, blöden Menschen in dem bunten Gastgewirr, das jetzt schon in dem bald so sehr internationalen Luftkurort sich geltend machte.

Währenddem führten der Bruseberger und die Mutter Schubach, nachdem sie längst, das heißt punkt zwölf Uhr, zu Mittag gegessen hatten, ein nachdenklich Gespräch ob der Veränderung, die nunmehr auch über ihre gewohnten häuslichen Zustände gekommen zu sein schien. Der Bruseberger, der sonst stets einen ganz gesegneten Appetit mit zu Tische brachte, hatte heute wenig davon gezeigt. Auf seinem Schemel hin und her rückend, hatte er alle Augenblicke Löffel, Messer und Gabel niedergelegt, nach den Fenstern, der Tür und der Frau Meisterin gesehen und allerhand Unverständliches geseufzt und gebrummt, bis die Mutter Schubach es nicht länger aushielt und ihrerseits halb verdrießlich, halb wehmütig meinte:

»Was Er sich denkt, Bruseberger, verstehe ich schon; aber lieber ist's mir auf die Länge doch, Er spricht sich deutlich aus, als daß Er mir so immerfort was vorsummt wie 'n alter verstopfter Ofen, in dem der Wind steht. Also tut mir die Liebe, Mann, und redet deutlich, wenn Ihr wirklich noch was wißt, was sich möglicherweise noch zu einem vergnügten Sonntagnachmittag schickt.«

»Zu sagen habe ich eigentlich wohl nichts«, erwiderte der Bruseberger, »und was man zu tun haben könnte, das ist wohl wenig mehr, als was Sie selber schon angeraten haben, Meisterin: abwarten! ... Ja, wenn nur nicht der leidige Satan, wie zu lesen steht, das Warten erfunden hätte, und wenn ich Ihnen, Meisterin, nur halbwegs den rechten Glauben an Ihren eigenen guten Rat und Trost vom Gesichte ablesen könnte!«

»In den Spiegel gucke ich gewöhnlich nur, wenn ich meine Haube aufsetze, aber nicht, wenn ich meine Meinung abgebe«, sprach die Witwe Schubach, »aber – recht haben Sie vielleicht diesmal doch, Bruseberger. Der Mensch könnte manchmal viel darum geben, wenn er aus seinem eigenen Rat und Trost eine Beruhigung auch für sich ziehen könnte. In unserm Falle hilft es außerdem zu gar nichts, wenn man sich noch so eindringlich vorredet: 's ist doch nur fremder Leute Kind, und was geht es dich im Grunde an?! Ist es denn wahrhaftig so notwendig, daß wir hier sitzen wie ein Eulenpaar, dem man's Nest ausgenommen hat? ... Herrje, sehe ich auf Ihr Gesichte, Bruseberger, und rechne das wenige dazu, was Sie heute mittag an der Gottesgabe getan haben, so komme ich wirklich am Ende doch noch auf die Idee: pure Narren und Pinsel seid ihr zwei, daß ihr euch diese dummen Gedanken macht und euch den Feiertag vergrämelt, pure weil das Kind, oder will jetzo besser sagen unser junger Herr, die große Freude erlebt hat, seinen verlorengegangenen Bruder wiederzufinden, und mit ihm höflich im Wirtshause ißt.«

»Sehr schön und sehr richtig, Meisterin! Wenn wir unsere Gefühle und Meinungen davon apart halten könnten, so wollten wir mit dem Zusammenhang der Angelegenheit wissenschaftlich in unserm Verständnis wohl leicht und pläsierlich fertig werden. So 'ne vergnügte Welt bis auf das ein bißchen häufigere Totschlagen untereinander gäbe es dann weiter gar nicht! Morgen schon könnten wir unser Pflegekind, unsern – jungen Herrn aus dem Hause tun, wenn uns sein neuer Umgang nicht mehr gefiele.«

»Reden Sie doch so was nicht, Bruseberger!« rief die Mutter Schubach ganz erschreckt. »Sie treiben doch alles gleich auf die Spitze. Meine Idee ist –«

»Es kommt eben ein neuer Umgang für uns alle, darein müssen wir uns fügen«, sprach der Bruseberger kopfschüttelnd, »Besseres und Schlechteres durcheinander. Der Herr Alexander gehört bloß mit dazu, und der Himmel soll mich davor behüten, daß ich die neue Welt auch nur in Hinsicht auf ihn von uns abhalten wollte! Aber dahingegen meine Sorgen in der Beziehung nimmt mir auch keiner ab und Ihnen auch nicht, Meisterin. Das ist es ja, daß wir unser Teil von dem neuen Umgange nur zu gut kennen! Meisterin, dieser Mensch ist wiedergekommen, wie er weggegangen ist: ein böser Mensch, ein schadenfroher Mensch! Er hat seine Streiche nimmer aus Leichtsinn, sondern aus heimtückischer Lust am Herzeleid der andern ausgeübt. Es war damals doch eine schreckliche Nacht, als wir Nachbarn vom Kuhstiege helfen mußten, das Feuer in seines Vaters Schreibstube zu löschen, und ich sehe heute noch den Notar vor dem erbrochenen Schreibtische stehen und will keiner Mutter eine solche Frage nach ihrem Kinde gönnen wie die, welche die arme selige Frau Notarin nach dem ihrigen nicht zu tun wagte! Nun ist er wieder hier und sieht gut genug und wohlhabend aus. Hat sich recht hübsch konserviert, was nie eine große Kunst ist, wenn man sich aus nichts was macht als aus sich selber. Wo er sich herumgetrieben haben mag, was er eigentlich ist und so weiter, will ich gar nicht wissen. Ich habe im Zusammenhange der Dinge schon genug und übergenug an seinem alten Böse-Jungen-Gegrinse und brauche keine Abenteuer aus Tausendundeiner Nacht weiter dazu. Ich habe genug daran, wie er mich an der Schulter faßt und auf seine Weise hohnlächelt: ›So und so, gute Bekannte waren wir nicht, aber alte Bekannte sind wir und bleiben wir – mich hättet ihr vor Jahren nicht ins Haus genommen und zu einem frommen Knecht Fridolin aufgepäppelt; aber der Herr wird es euch vergelten, was ihr an unserm jüngsten Nestküken getan habt, Bruseberger. Übrigens, Bruseberger, ein bißchen spaßhaft ist diese Geschichte doch mit dem Vergnügen, was sich unser Seliger in meiner Abwesenheit nochmal gestattet hat – wahrscheinlich zu einem Ersatz für mich; nun aber tun Sie mir den Gefallen, Bruseberger, und lassen Sie sich nichts von mir merken, bis ich selber mich eröffne; verderben Sie mir diesen Spaß nicht!‹ – Am Abend ist er dann gekommen und hat wirklich nur einen Spaß, nach seiner Art, aus der Sache gemacht; – Sie wissen es, Meisterin, wie stille ich dabei gesessen habe und an meinem Schrecken über sein Vergnügen gekaut und an meinem Mitleid mit unserm übertäubten armen Zugkind, unserm Thedor. So sieht sich kein rechter Mensch seinen Mutterort und sein väterlich Hauswesen, und wenn er unter noch so kuriosen Umständen davon Abschied genommen hat, an, wenn er nach langen zwanzig Jahren wiederkommt und sich zu den Überlebenden auf die Bank setzt. Daß ich niemals wieder nach Bruseberg gekommen bin und Sie, Meisterin, also sagen könnten, darüber können Sie ja gar nicht urteilen, Bruseberger, das gilt nicht, das stimmt nicht; denn da gilt nur das innerste Gefühl auch in der Einbildungskraft, und gelehrte, gute und wissenschaftliche Bücher braucht man dazu weder geschrieben noch gebunden zu haben. Hier kommt die Wissenschaft nur aus dem Gefühl und die mögliche Beruhigung nachher einzig und allein aus dem Studium von dem Zusammenhang.«

»Jaja«, seufzte die Witwe Schubach, »hier ist wohl etwas dran, und Sie haben gewiß nicht unrecht, Bruseberger. Freilich hat er, der Alexander, sein altes Gesicht mitgebracht aus den vielen Jahren, die er weg gewesen ist. Ich meine sein altes, das heißt junges, hübsches, lachend, grausam Gesichte, mit dem wir ihn ertappten, wie er unserm Stieglitz den Schnabel mit Siegellack verpicht hatte, und bei andern dergleichen Tier- und Menschenquälereien. Jetzo ist es aber meine Meinung, daß wir augenblicklich hiervon genug haben; ich will uns nun einen guten Kaffee machen, Alter, und derweilen denkt Ihr im Großvaterstuhl ein halb Stündchen an etwas anderes, das heißt an gar nichts. Andere Zeiten, andere Gesichter für Ilmenthal! Gewiß wäre es besser, wenn er in die andere Zeit ein ander Gesicht mitgebracht hätte; aber fürs erste lasse ich mich noch nicht durch irgendein alt und neu Gesicht von der Bank vor dem Hause abschieben und von meinem Stuhl hinter meinem Spinnrad noch viel weniger. Das ist doch auch ein Trost, daß im Verlaufe der Zeit schon mancherlei den Kuhstieg auf und ab passiert ist und wir zwei beide ruhig sitzengeblieben sind und bloß unsere Betrachtungen darüber gehabt haben.«

Lächelnd sagte der Buchbinderaltgesell: »Frau Meisterin, bis zum letzten Atemzug soll der Mensch nie sagen, daß er was versäumt habe im Leben. Von der Wanderschaft in die Fremde, nach welcher doch all mein Sinnen und Denken stand, bin ich durchs Geschick und durch Sie, Mutter Schubach, abgehalten worden, und nun kommt spät am Abend die Fremde zu mir, und eigentlich ist es also nur eine Sünde und Schande von mir, wenn mir dies nun wieder nicht recht ist. Aber so sind wir Menschenkinder eben, Meisterin; – sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen und verstehen wollen wir alles – den Zusammenhang möchten wir von allem wissen, aber hinein in den ganzen Zusammenhang können wir uns nur durch sauere Überlegung rechnen. Kein Mensch will gern einsehen, daß er auch mit Haut und Haar in den Zusammenhang gehört und daß die neue Nachbarschaft gradesogut das Recht hat, uns über den Zaun zu gucken wie wir ihr.«

»Mit der alten gelben hispanischen Zitrone bleibe Er mir vom Leibe, Bruseberger. Was seine übrige kuriose Betrachtung anbelangt, so ist das natürlich ganz meine Idee«, sagte die Witwe Schubach, ihre Kaffeemühle im Schoße. »Er soll ihn haben wie drüben im großen neuen Wirtshaus!« sagte sie auch; aber ganz für sich.

Drüben im neuen großen Wirtshause waren sie um diese Zeit noch lange nicht beim Kaffee angelangt. Der Kuhstieg hatte auch in dieser Beziehung immer noch etwas vor der neuen Zeit in Ilmenthal voraus. Aber lustig und lebhaft ging es im Hotel Bellavista her, und der Schüler Theodor Rodburg sah mit großen Augen in den Verkehr an den zwei langen Tafeln des Speisesaals, und die neue Welt, in die er blickte, gefiel ihm gar nicht übel, noch dazu durch einen ganz ungewohnten kleinen Weinrausch gesehen. Das bunte Leben in dem hellen, noch sehr nach frischen Ölfarben, Tapezierarbeit und so weiter duftenden Saal betäubte ihn auch nicht wenig; aber es war eine angenehme Betäubung und das Traumhafteste darin von Zeit zu Zeit das kleine, niedere, braune Stübchen, der kleine Tisch und der alte bekannte Suppennapf der Mutter Schubach.

Bruder Alexander hatte das volle Recht, seine wahre Freude an der blöden, gaffenden, verlegenen Unschuld an seiner Seite unter den laufenden großstädtischen Kellnern, den fliegenden Tellern und den einander so unbequem rasch folgenden Gerichten zu haben. Bruder Alexander kannte längst alle die Herren und Damen bei Tische und stellte das Brüderchen verschiedenen vor, Herren wie Damen; und die Weiber vor allem, außer den unbekannten Schüsseln, machten den armen Jungen befangen.

Natürlich war auch Mr. Alexander Redburgh den Herrschaften hüben und drüben der Blumenvasen, Karaffen, Schüsseln und Teller keine unbekannte Persönlichkeit. Er lachte und scherzte behaglich mit sehr vielen und vorzüglich mit der wohlbeleibten Dame gegenüber, die ein so schwerverständliches, wie es schien, aus zwei bis drei Sprachen zusammengeflicktes Kauderwelsch redete. Der Schüler, der sein Französisch und Englisch nur aus Büchern und der Konversation mit dem Klassenlehrer wußte, konnte es ja auch nicht wissen, daß sie aus Moabit bei Berlin stammte, in Oxford-Street ein internationales Boardinghouse gehalten und ihr schlimmes Spanisch-Französisch wie der Bruder sein gutes aus Verakruz mitgebracht hatte in den neuen internationalen Badeort Ilmenthal an der Ilme, wo sie gegenwärtig »das Terrain sondierte«, ob es sich bereits »payieren« würde, daselbst eine »Pension« unter der Firma Villa Karolina zu etablieren.

Nur wenn sie mit einem: »Det stimmt!« eine Beweisführung des Bruders schloß, verstand das der Ilmenthaler junge Gelehrte ganz deutlich.

Doch nun kam auch für das Hotel Bellavista die Stunde, in welcher der Kaffee serviert wurde, den der Bruseberger jenseits der Ilme längst ausnahmsweise »ebenso gut« bekommen hatte. Die Herren zündeten ihre Zigarren an, der ältere Rodburg schob dem jüngsten sein Etui zu, und der jüngste konnte nicht anders – es war alles recht – es gehörte alles zu dem heutigen Tage: er nahm.

Er nahm in diesem Augenblicke alles, wie es wirklich war und bloß für ihn noch nicht gewesen war: das Leben wie ein ewiges wundervolles Fest, den Bruseberger und die treue Seele, die Mutter Schubach, wie etwas zwar unendlich Behagliches, aber doch zugleich äußerst Schemenhaftes, das Königliche Gymnasium und den Professor Drüding wie etwas, was zwar war, aber eigentlich durchaus nicht die Berechtigung besaß, sich so wichtig zu machen, wie es dann und wann tat. Es war merkwürdig, auch das Bild des netten, allerliebsten Backfischleins Florinchen Drüding glitt einmal durch das Zaubergewölk im Eßsaal des Hotels Bellavista, und der Mittagstraumseher nahm sie viel ernsthafter, das heißt viel reifer, jungfräulicher, als ihr eigentlich bei ihren jungen Jahren zukam. Und da war es denn, als läute plötzlich in ein lieblich Klingen eine wohltönende, sonore Glocke, als jetzt an der Table d'hôte jenseits der Fruchtschale und der Flasche mit dem silbernen Halse ein Name genannt wurde, der auch dem Kuhstiege nicht mehr ganz fremd war. Die dicke Dame mit den vielen Ketten, Pfeilen und Kugeln aus Gold und schwarzem Metall um Hals, Armgelenke und an den Ohren sprach ihn aus gegen den Bruder Alexander, leider aber inmitten ihres tollsten, unverständlichsten Jargons. Sie lachte sehr laut dabei und der Bruder Alex lächelte auch; doch war es, als zucke er auch ein wenig verdrießlich, warnend und abwehrend die Schultern, und dem jüngsten Bruder war das schon recht, denn die Art und Weise wie die Dicke das Wort Romana kreischte, behagte ihm gar nicht. Die dicke Dame aber reichte, ihre merkwürdig weißen Zähne zeigend, ihr Champagnerglas über den Tisch und beugte sich weit dabei vor mit ihren nackten Schultern und rief:

»Eh, eh, Señor Alexandro, man kommt doch immer wieder in der Welt zusammen, wenn man den juten Willen hat. A la salud de la querida! Jroßer Jott, die juten Kinderchen, was für 'ne unmenschliche Mühe sie sich umeinander jeben zu Lande und zu Wasser. Alle Achtung, Redburgh, ick denke, der Affe frisiert mir neulich, mais c'est admirable comme vous savez faire vos choses, monsieur!«

Das Französisch mochte sein, wie es wollte, soviel verstand der Ilmenthaler lateinische Schüler, daß der Bruder Alexander auch hier und für die dicke Dame irgendeine Sache ausgezeichnet gemacht haben mußte, und als derselbe ihm auch von neuem das Glas füllte und sagte: »Madame wünscht auf die Gesundheit deiner schönen Nachbarin, Madame Romana Tieffenbacher, zu trinken, Theodor! Was meinst du, mein schämiger junger Ritter?« klang er vollkommen berauscht in purpurroter, kindischer Verzückung an. Nachher war es aber doch sehr gut, daß die Tafel endlich aufgehoben wurde.

Herr Alexander Rodburg trat nun noch einige Momente zu der dicken Dame, redete etwas in ziemlich kurzen Sätzen zu ihr, und es schien dem Bruder, daß er irgendwie auch hierbei beteiligt sei. Aber auch dieses bemerkte er nur durch den rosigen Nebel.

»Bastante! Jute Lehren jebe ich mich jewöhnlich selber, kleener Schäker!« lachte die Dicke und rauschte hinaus; Alexander wendete sich wieder zum Theodor:

»Ich sehe dich wohl heute abend noch, lieber Junge. Jetzt wird's das beste sein, du gehst nach Hause – großer Gott, der gute alte Kuhstieg! – und legst dich ein Stündchen aufs Ohr, grade wie ich es jetzt tun werde. Gesegnete Mahlzeit, alter Schatz! Das hätte ich alter zerzauster Zugvogel mir neulich auch noch nicht träumen lassen, daß ich heute so gemütlich hier im alten Nest mit meinem – unserm – jüngsten Nestküchlein zusammensitzen würde!«

»O, es ist wundervoll, Bruder – lieber Bruder Alexander!«

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