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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Zehntes Kapitel

Ein Sonntag war's am andern Tage, und in die Schule brauchte der Schüler nicht zu gehen, ging aber doch hinein, und zwar in eine, in welcher er bis jetzt noch nicht gewesen war, wenigstens mit vollem klaren Wissen von einer solchen. Sie, diese Schule, fing auch schon vor dem neuen Tage an, und zwar in der Werkstatt des Brusebergers, und die Mutter Schubach beschnitt ihre nötige Nachtruhe gleichfalls um ein tüchtig Stück, der notwendigen Erfahrung halben. Die Lektionen zogen sich ziemlich bis in den Morgen hinein; denn der Bruseberger erzählte jetzt wirklich zum erstenmal dem Bruder von dem Bruder und zog die Moral oder das Fazit treu und ehrlich, wie er es für seine Pflicht hielt.

»Wenn ich dir sagen würde, daß mir dieser Zusammenhang der Dinge von Herzen gefiele, so löge ich«, meinte er. »Er hat recht, ich habe ihn wohl erkannt, als ich ihm neulich zufällig auf der obern Ilmebrücke begegnete. Er hat sich ebensowenig von seinen Jungensjahren an verändert wie du, Thedor. Jeder in seiner Weise. Dieses meine ich körperlich, aber leider schwant mir, daß ich es auch geistig meinen darf. Es steckt noch die alte Schadenfreude in ihm wie vor Jahren, und das ist das Schlimmste, was dem Menschen mitgegeben werden kann. Heute abend hatte er seine Lust an unserer Verblüffung; aber woran wird er sie morgen haben? Er ist sicherlich nicht, bloß um uns einen guten Tag zu wünschen, jetzt aus der Fremde hierhergekommen. Sein gerichtlich Vermögensanteil liegt auch noch auf dem Rathause; aber das kann ihm nicht die Hauptsache sein, sonst würde er schon längst darum geschrieben haben. In den Zeitungen ist er auch oft genug berufen worden, und so arg hat er's doch mit niemand von uns hier am Kuhstiege und selbst mit deinem seligen Herrn Vater nicht gemacht, daß er nicht mal hätte von sich schreiben können, wenn es ihm durch seine Besserung und sein Glück gut ging in der Fremde. Nun ist er freilich zurückgekommen, als verstünde sich das ganz von selber, und auf die alte Art tut er, als ob er es sich nicht einmal einzubilden brauche, daß auch einmal ein Mensch eine Sache anders ansehen könne als er. Die Weise besticht im ersten Anfang jeden auf Erden, und ich verdenke es dir gar nicht, Thedor, daß sie dir als etwas hier in Ilmenthal doch Ungewohnteres recht gefällt. Aber, Kind, Kind, es wird nur leider Gottes zuviel Komödie gespielt in der Welt, auch unter den besten Freunden und den nächsten Verwandten. Wäre er anders zu dir gekommen, wäre er vom Postwagen nach dem Kuhstiege gekommen, hätte er dich nach dem Hotel Bellavista hinzitieret eine Stunde oder einen Tag nach seiner Ankunft, so wäre ich ein richtiger Lump und erbärmlicher Tropf, wenn ich dir jetzo diese Vorhaltungen machte; – aber so – es ist schlimm und sehr traurig – traue ich ihm über keinen Weg, den er geht oder kommt, hinüber. Und du, mein armer Junge, der du ihn gar nicht kennst, hast leider die vollste Berechtigung, dich vor ihm zu hüten wie vor jeglichem Fremden, der dir urplötzlich seine Zuneigung und Brüderschaft in seinem eigenen Interesse erklärt.«

»Aber Gebrüder sind und bleiben es doch nun einmal, Bruseberger!« meinte die Mutter Schubach mit einem mitleidigen Blick auf ihren Schützling. »Und Bruseberger, so von vornherein das Absprechen hat auch schon manch einen grundgescheuten Menschen manchmal zu einem falschen Propheten gemacht. Daß Sie ein gelehrter Professionist für Ihren Stand sind, weiß ich so gut wie Sie; aber das ganze Weltall wird uns doch auch noch nicht gedruckt zum Planieren, Binden und Broschieren ins Geschäft gegeben. Also so sage ich wiederum: abwarten! Und damit ist es jetzo wirklich Zeit geworden, daß wir uns so vertrauensvoll in unsern Herrgott als möglich ins Bett packen. Es sieht manches bei der hellen Sonne anders aus als beim Monde oder dieser Öllampe hier, und das will ich noch sagen: wenn ich dran denke, wie er weglief und wie er vorhin trotz seiner Jahre hübsch und stattlich dastand und gemütlich redete, so weiß ich doch nicht recht, wie Sie sofort zu all Ihren trübseligen, grausamen und angstvollen Redensarten kommen, Bruseberger.«

»Fein genug sieht er aus«, brummte der Alte. »Wenn er eben nur nicht zu fein für uns ist, wie er früher zu grob für den Kuhstieg war. Jetzt freut's mich mehr denn je, daß auch der Herr Professor Drüding noch in der Welt ist. Den werden wir wohl jetzt noch häufiger denn sonst um seine Ansicht fragen müssen. Na, wundern wird er sich jedenfalls nicht weniger als wir ob der unerwarteten Visite und sich auch erst ein bißchen gewöhnen müssen an diesen neuen Zusammenhang der Dinge« –

Die Sonne des neuen Tages verscheuchte wirklich einen ziemlichen Teil der Befürchtungen, Sorgen und mißtrauisch-kleinstädtischen Gedanken. Den Schüler erweckte sie aus einem Traum, der ihn weit hinweggeführt hatte über die Grenzen seiner Kindheitsgegend. Es war wieder einmal ein Traum aus seinen jungen Robinson-Sehnsuchtstagen gewesen, und der Jüngling immer zu Schiff darin – auf grenzenlosem, lichtem, blauem Meer mit einem unbekannten seligen Ziel in der Ferne. Als er dann erschreckt aus dem Bette sprang, konnte er es kaum fassen, daß die Nähe um ihn her fürs erste noch ganz und gar unverändert geblieben war in seinem »Studio«. Tisch und Stuhl, Lexikon und Grammatik, Tacitus und Thucydides, Cicero und Demosthenes, alles noch richtig an Ort und Stelle. Es blieb dem noch halb berauschten Träumer nichts anderes übrig, als auch diesen Sonntag ziemlich geradeso zu beginnen wie jeden frühern, an dem ihm die Sommersonne ins Fenster schien. Und das war gut in Anbetracht, daß der Tag doch nicht ganz so still und gleichmäßig verlaufen konnte wie alle übrigen seiner Art bis jetzt.

Am liebsten wäre der jüngere Bruder sogleich nach dem Hotel Bellavista gelaufen, aber doch hielt ihn wieder eine gewisse Scheu davon zurück; und der Bruseberger, der seinen Zögling nun wieder Sie nannte, riet kühl:

»Lassen Sie ihn Ihnen dreist zum zweitenmal seinen Besuch machen, Theodor. Ich bleibe dabei, den vom gestrigen Abend brauchen Sie meines Erachtens noch nicht für voll zu nehmen.«

Halb zornig auf den alten, plötzlich so fürsichtigen, nergelnden Halbvormund tat der arme Knabe doch, was der Bruseberger für das »Zukömmliche« hielt. Aber auf beide Fäuste legte er sich ins Fenster und hörte die Kirchenglocken von Ilmenthal läuten, wie er sie so oft in seines Vaters verwildertem Garten drunten in seine Kinderphantasien hatte hineinklingen lassen. Trotz dem Bruseberger sangen sie von

– Lenz und Liebe, von seliger goldener Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit,

und in dem Garten drunten, in dem verfallenen Birkenhäuschen, das ziemlich allein noch von den glücklicheren Tagen der verstorbenen Mutter übriggeblieben war, saßen die neuen Eigentümer am Kaffeetisch, und der Herr Kriegszahlmeister rauchte seine lange Pfeife bei der Zeitung, und seine Frau blies (auch ein neues fremdes Wunder im Garten des weiland Notars Rodburg und in Ilmenthal!) die feinen Wölkchen einer Papierzigarette in die gute Luft des Bergtales, das Sonnenflimmern, das Vögelzwitschern, die Schmetterlinge und den Kirchenglockenklang hinein.

Dem Herrn Kriegszahlmeister schien es sehr behaglich zumute zu sein, von Zeit zu Zeit schien er seiner jungen Gattin etwas ins Spanische zu übersetzen, und dann lächelte sie wohl auch, aber sie gähnte jedesmal dabei, als ob sie immer noch nicht recht ausgeschlafen habe. Die Witwe Schubach behauptete, sie tue eigentlich nichts anderes als schlafen, und am Kuhstiege sei ein solches Frauenzimmer, das vier Fünftel seines Daseins liegend zubringe, bis dato noch nicht erhört gewesen. Wie dem sei, es war auch jetzt kaum eine andere Bewegung an ihr, als dann und wann ein ungeduldig Aufklopfen des Fußes im roten Pantöffelchen und ein suchender Blick aus den dunkeln, tiefliegenden, fremdländischen Augen rund um ihr engbegrenzt Ilmenthaler Hausgarten-Reich.

Der Schüler achtete sonst mit klopfendem Herzen, von seinem Versteck aus, auf alles an der neuen Nachbarin, es ging ihm stets ein eigener, sonderbarer Schauer über, wenn er ihr Kleid an den alten Buchsbaumeinfassungen der Beete hin rauschen hörte; und wenn sie ja einmal ein Wort aus ihrer Heimatsprache lauter sagte, durchfuhr es ihn stets wie ein süßer Schrecken. An diesem Morgen war er nicht ganz so mit allen seinen Sinnen bei der Wunderschönen wie an andern Tagen, an welchen ihn später dann Professor Drüding zu fragen hatte: »Wenn ich nur wüßte, wo du jetzt zeitweilig mit deinem gesunden Menschenverstand steckst, mein Sohn?« Aber er war doch innig genug bei ihr, um manches zu überhören, was hinter seinem Rücken vorging.

Wie fuhr er vor der Hand, die sich ihm plötzlich auf die Schulter legte, herum und starrte den lächelnden, freundlichen Herrn, der ihm zunickte, an, einen Augenblick – wenn auch nur den kürzesten – zweifelnd; denn das Mondlicht hatte doch anders gemalt wie der helle Tag.

»Bruder Alexander!« rief er, und ganz herzlich rief der andere:

»Alles, was noch von ihm vorhanden ist! Und alles zu deiner Verfügung, Bruder Theodor! Guten Morgen, lieber Kerl, und vor allen Dingen, wie hast du geschlafen auf die merkwürdige Überraschung und die Aufregung vom gestrigen Abend?«

»O Bruder Alexander!« rief der Knabe, und wie ein Knabe sprang er dem stattlichen, trotz seiner Jahre und hohen Stirn so jugendlichen Senior an den Hals, und auch der ältere Bruder legte, wenn auch beruhigend, so doch zärtlich seine Arme dem Jüngern um die Schultern, und so standen die beiden einander doch so fremden Menschen und hielten sich brüderlich umfaßt, und jeder, der sie so gesehen hätte, hätte seine Freude an ihnen haben müssen – auch der Bruseberger, ihm selber zum Trotz. Wie schade war es, daß weder er noch die Mutter Schubach den Mr. Redburgh aus Mobile und dem Hotel Bellavista die Treppe hinaufbegleitet, sondern ihm nur den Weg angedeutet hatten!

Aber der jüngere Bruder wußte auf einmal ganz genau, wo er eben gewesen war, als er so freudig geweckt wurde. In einem wundervollen, unermeßlichen Reich der Ungebundenheit, der Freiheit, der Schönheit, des Lichtes, der Jugend, des tapfern Mutes und des Glückes – weit weg – märchenhaft weit über dem Kuhstiege, trotzdem daß die schöne Frau Romana in dem am Kuhstiege belegenen Garten seines Vaters saß und der verlorene Bruder gleichfalls hier aus dem Mondenlicht hervorgetreten war.

»Schlecht habe ich geschlafen, aber gut gewacht, Bruder Alex!« rief der arme Junge, und es zuckte, trotzdem daß er aus jenem herrlichen Wunderreich kam, durch seine Seele, was man wohl zu seinen Tränen auf dem Ilmenthaler Gymnasiumsschulhofe sagen würde. »Es ist auch eigentlich gar nicht zu verlangen, daß ich gleich an die Wirklichkeit hiervon glauben soll«, schluchzte er; und es war wirklich gut, daß der andere Bruder gleich den richtigen Ton zu treffen wußte.

»Das ist aber wahrhaftig nett bei dir, Theo!« sagte er gemütlich, sich umsehend. »Rasend gemütlich! Ganz wie der Bruseberger – der mir beiläufig noch immer nicht über die Schwelle traut. Die richtige Mutter Schubach! Ja, du hast gut gesessen, unbekanntes Brüderle. Wer weiß, ob ich unserm Alten mit der Verachtung und dem Haß des ganzen Kuhstieges auf den Hacken aus dem Kasten gerückt wäre, wenn ich meinerzeit so gesessen hätte wie du! Da möchte ich darauf wetten, daß du hier mit des alten Brusebergers Kleistertopf nebenan dir allewege mehr Wunder und Abenteuer zusammengeklebt hast, als ich nüchterner Patron je in der Wirklichkeit zu Wasser und zu Lande erleben konnte. Guck, es ist alles noch vorhanden: die Schwalben, die Spatzen, die Katzen! Jaja, ich bin mehr als einem draußen in der Welt begegnet, der zu Hause die merkwürdigsten Kuriositäten eselhafterweise aufgegeben hatte. He, und wie steht es denn mit Nachbars Töchterlein, mein Sohn? Brauchst nicht rot zu werden, mein Junge! Laß mich doch mal sehen; – richtig, da unten liegt noch, grade wie sonst, das Paradies, aus dem mich nichtsnutzigen Galgenstrick voreinst der Engel mit dem feurigen Schwert – –«

Er hatte sich über die Schulter des Bruders und über den Tisch desselben vorgebeugt und sah hinab in den weiland väterlichen Garten. Daß er mitten in seiner muntern Rede steckenblieb, daß auch sein munterer, sorgloser Gesichtsausdruck sich mit einem Male ein wenig ins Gegenteil veränderte, entging dem jungem Bruder in seinen Gedanken- und Bilderverbindungen vollständig.

»Das ist unser Garten gewesen!« rief Theodor Rodburg mit zitternder Stimme. »Ich war eigentlich ganz allein sein Eigentümer, Alexander, als auch ich heraus mußte! Er war damals eine vollkommene Wildnis; sieh, nur unser altes Borkenhaus, der seligen Mama Lieblingssitz, ist noch von der alten Herrlichkeit übrig – das ist der neue Besitzer, der Herr Kriegszahlmeister Tieffenbacher, und – das ist seine Frau. O, ich bin sehr glücklich als letztes Nestküken und als Abcschütz drin gewesen; als Quintaner holte mich der Bruseberger hierherauf, und es hat lange gedauert, ehe ich aus diesem Fenster hinuntergucken konnte ohne moralischen Katzenjammer.«

Herr Alexander Rodburg erwiderte nichts hierauf. Er legte sich nur schwerer auf die Schulter des Bruders und beugte sich weiter vor, und die schöne fremde Dame und jetzige Herrin des Ortes sah plötzlich rasch auf und empor. Theodor Rodburg hat ihren damaligen Blick nie vergessen. Auch ihre Züge nahmen blitzschnell einen andern Ausdruck an; aber auch das war nur ein kürzester Übergang. Der alte Herr war augenblicklich ganz hinter seinem Zeitungsblatt versunken; Herr Alexander neigte unmerklich den Kopf, und die Frau Romana strich mit der rechten Hand ein Löckchen aus der Stirn; aber in der Handbewegung lag doch etwas gleich einem erfreuten Gruß. Nun sprach sie einige Worte zu ihrem Gatten, stand dann auf, wendete sich seitwärts zu einem Rosenbusch, pflückte eine Rose und hob sie an die Lippen, Dann wendete sie sich ganz, schritt langsam durch den Buchsbaumweg gegen das Haus zu, sah von der Treppe der Hintertür noch einmal nach der Fachwerkwand der Mutter Schubach hin und legte seltsamerweise die Blume auf die Steinbank neben der Tür, ehe sie in dem Hause verschwand.

Mister Redburgh richtete sich jetzt rasch auf, klopfte das Brüderchen behaglich auf den Rücken und murmelte etwas. Schwören konnte der Schüler wohl nicht darauf, aber doch wußte er nachher ziemlich sicher, daß der Bruder von neuem etwas vom Paradiese und diesmal dazu von der alten famosen Schlange drin geredet habe. Gegenwärtig ließ ihm Herr Alex wenig Zeit zum Nachsinnen. Er faßte ihn abermals an beiden Schultern, schüttelte ihn kräftig, lustig und gemütlich und rief:

»Nun, du kleiner Heimtücker, was sagst du zu ihr? Was? Eine hübsche Hexe!? Und wie sie einem über seinen lateinischen Tröstern die Vokabeln durcheinanderwirft und einem das angenehme, solide Verhältnis zum alten Drüding stört! Was? ... Wie rot der Junge wird! ... Theo, wir sind ja ganz unter uns, und es ist auch meine Meinung, daß man sich ihretwegen schon eine Nase vom Rektor und Konrektor geben lassen darf. Übrigens wäre es mir wirklich interessant, zu wissen, auf welchem Fuße ihr nachbarlich miteinander steht.«

»Romana heißt sie – die – Dame!« stotterte der Schüler purpurrot vor Scheu und Scham und in dem halb zornigen, halb weinerlichen Gefühl, wehrlos gegen die Hand zu sein, die ihn so lachend mitten aus seiner süßesten Jünglingsromantik herausgriff und wie vor aller Welt Augen hinstellte. »Aber du? Du? Kennst du sie denn, Bruder Alexander?« stammelte er, und mit ironischer Gleichmütigkeit erwiderte der andere:

»Natürlich! Und vielleicht besser – inniger als irgend sonst ein Gentleman diesseits und jenseits des Atlantischen Meeres. Wir sind sehr alte Bekannte; – täusche dich darüber nicht, Kind: so jung, wie sie aussieht von ferne, ist sie wohl nicht, aber für den alten Herrn dort hinter seinem Ilmenthaler Moniteur gottlob immer noch ein wenig zu jung. Auch der Señor Zahlmeister, oder wie er sich hier titulieren läßt, und ich sind die allerbesten Freunde. Es gab wohl eine Zeit, wo er mich hängen und ich ihn erschießen lassen konnte, wenn wir gegenseitig die Hände aufeinander gelegt hätten, doch das macht gegenwärtig selbstverständlich unsere Zuneigung nur herzlicher. Wenn ich mir nicht diese idyllische Sonntagsstimmung intakt erhalten wollte und wenn ich mir für heute nicht etwas anderes vorgenommen hätte, sollte er uns auf der Stelle zu Tische einladen. Jaja, mein Jüngelchen, treibt man sich in der Welt herum, so lernt man allerlei Leute kennen. Würdest dich doch nicht wenig wundern, wenn ich diesen Herrn Nachbar jetzt von diesem Fenster mit einem ›Vivan los liberales! Hurrah for the legion of honour! Vivat Juarez!‹ anbrüllte und der alte gemütliche Tropf sofort ›Viva el imperador! Viva Maximiliano!‹ zurückkreischte. Nun, hierüber und mancherlei andere Aventuren werde ich ja wohl noch mehr als ein Garn am Kuhstiege spinnen müssen, also für jetzt – ›motus!‹ wie Monsieur Bazaine in Verakruz zu sagen pflegte, wenn die Rede auf seinen Auftraggeber kam. Nun mach Toilette, mein Kind und mach dich hübsch. In einer Stunde hole ich dich ab. Du bist heute mittag mein Gast im Hotel Bellavista und mußt freilich vorliebnehmen. Vorher aber machen wir noch einige Visiten bei den Honoratioren des Heimatortes und vor allem beim alten Drüding. Brüderlich Arm in Arm durch Ilmenthal! Wird das Nest Augen machen! Ja, Theodor Rodburg, wer weiß, was für ein neues Leben wir zwei zusammen noch demnächst in die hiesige vorsündflutliche Langweilerei bringen werden. Übrigens daß ihr, du und mein bester Freund Joseph Tieffenbacher, à la mexicaine Papa Pepe, schon die allerbesten Nachbaren seid, ist mir durchaus nicht unangenehm. Kann ich auch ein gutes Wort für dich bei der Querida, deiner schönen Frau Nachbarin, einlegen, so wird das mit Vergnügen geschehen. Röter kannst du nicht werden, mein Sohn; aber – einerlei, es ist mein völliger Ernst, Theodor.«

Jedenfalls tat sich eine völlig andere Welt vor dem armen Theodor auf. Es war wahrlich, als habe ein Zauberstab jedwedes Ding um ihn her berührt. Nach allen Seiten hin sanken die Mauern und Berge nieder, es war ihm, als scheine ein glänzenderes Licht in den doch so blauen Tag hinein, als komme eine freiere, wohligere Luft von draußen in einen engen, dumpfen Kerker.

Der ältere Bruder, zum Schluß sich noch einen Augenblick auf den Schüler-Arbeitstisch setzend, lächelte wohlwollender denn je und rief:

»Kleiner, es ist mir ein wahres Gaudium, dich da so verstört vor mir zu haben. Yes, dammy, wir zwei wollen zusammenhalten: ich, der ich für hiesigen Ort zu früh, und du, der, wenigstens für unsere liebe Familie, ein wenig zu spät in der Welt angekommen sein sollte!«

»Es ist ein Traum! es ist nur ein Traum!« stotterte der Knabe, und es war ihm, als habe er durch eigene Schuld Jahrhunderte der Freiheit und des Glückes versäumt in der Gesellschaft des Brusebergers, unter Obhut der Mutter Schubach und unter der Obervormundschaft des Herrn Professors Doktor Drüding.

»In einer Stunde bin ich wieder bei dir, also – rasch in die Sonntagshosen, liebstes Ilmenthaler Musterknäbchen!« rief der Bruder Alexander lachend. Darauf ging er und – saß noch ein Viertelstündchen in seinem Vaterhause neben dem Diwan der Frau Romana Tieffenbacher. Dieser vor den übrigen Honoratioren von Ilmenthal doch erst einen Besuch zu machen, mußte ihm jedenfalls auf dem Kuhstiege vor der Tür der Witwe Schubach eingefallen sein, sonst würde er dem Bruder doch wohl die Absicht mitgeteilt haben.

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