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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Neuntes Kapitel

»Seht ihr? Da sitzen wir!« sagte lächelnd, aber nicht unzärtlich der ältere Bruder. »Ich wußte es ja, daß wenigstens für ein paar angenehme Sommerabende der alte Platz wieder mir gehören würde!«

Er hatte den jüngern Bruder freundlich niedergesetzt auf die altnachbarschaftliche, treuherzige Steinbank und saß nun neben ihm und hielt die zuckende Hand des erschütterten Knaben sanft fest und tat sein möglichstes, ihn zu beruhigen, und wußte die besten Mittel dafür anzuwenden, indem er alles so selbstverständlich als möglich nahm und hinstellte.

»Eigentlich war es unrecht von mir«, sagte er. »Hatte mir auch vorgenommen, mich einmal ganz behaglich bei hellem Tageslicht zu demaskieren, und weiß wirklich nicht, wie sich dies nun eben so ganz von selber arrangiert hat. Ja, es ist richtig, Kleiner, ich bin der verlorene Sohn vom Kuhstiege, dein großer, das heißt älterer Bruder Alexander, und ordnungsmäßig in hiesiger Hauptkirche auf diesen Namen getauft. Und du bist also unser Theodor? Bist freilich so spät im Jahr in diesem Jammertal angelangt, daß dir meine Vorexistenz und mein mögliches Noch-Vorhandensein unter den Lebendigen als etwas recht Nebeliges erscheinen durfte. Aber der Bruseberger und die Mutter Schubach können's mir und dir bezeugen, daß ich um ein erkleckliches zu früh für die Verwandtschaft und Nachbarschaft hier am Platze ankam. Einen lieblichen Duft habe ich wohl nicht hinterlassen, als auch ich es eines schönen Tages nicht länger in Ilmenthal und unter den lieben Leuten drin aushielt und Abschied nahm, ohne Lebewohl zu sagen. Die zwei Hauptingredienzien, die zu einem biedern, gesunden Ilmenthaler Bräu gehören, sollen damals vollständig an mir verloren gewesen sein. Well, der Bruseberger wird dir ja wohl allerlei davon erzählt haben.«

»Der Bruseberger hat gar nichts erzählt, Herr Rodburg«, sagte der Bruseberger mit kurioser Trockenheit; und wir haben zu konstatieren, daß ihm die Pfeife bei dem merkwürdigen Abenderlebnis nicht ausgegangen war. Freundlich klopfte ihn Herr Alexander Rodburg auf die Schulter:

»Sie waren, sind und bleiben ein Prachtmensch, lieber alter Freund! Aber Sie, Mutter Schubach, haben Sie dem kleinen Theodor gar nichts im Guten und im Bösen von seinem Taugenichts von älterm Bruder erzählt? Es war doch Ihre Idee vor Jahren, daß man über den Alex, des Notars Rodburgs nichtsnutzigen Halunken, nimmer ein Ende finden könne, wenn man da einmal angefangen habe, sein Garn zu spinnen.«

»Jeses!« rief die Mutter Schubach, auf der Stelle jetzt den rechten Ton und auch sonst das Richtige treffend, »was meine Idee damals war, das mag auf sich beruhen bleiben; aber Herr Rodburg, Herr Alexander oder Herr Kapitän, wenn Sie wirklich und wahrhaftig unser durchgegangener Alex Rodburg vom Kuhstiege sind, und ich glaube es schon, so ist heute abend meine Meinung von der Sache, daß Sie gradeso – gesund wiedergekommen sind, wie Sie Abschied genommen haben. Dieses erkenne ich schon an der Sprache, und wenn Sie's mir erlauben werden, so will ich Sie morgen mir bei Tageslichte auch von außen ein bißchen genauer drauf ansehen. Das Mondlicht täuscht einen hierin gewöhnlich um die halbe Wahrheit.«

»Alles wie vor einem Vierteljahrhundert – auch an Ihnen, Mutter Schubach!« rief Mister Redburgh entzückt, und dann wendete er sich von neuem zu dem Bruder.

»Lieber Junge, so fasse dich doch! Es tut mir wirklich leid, daß ich dich so verblüfft habe und daß die Szene so melodramatisch geworden ist. Ich hatte ja nur auf das Temperament meines alten braven Freundes, des Brusebergers, dabei gerechnet. Es ist mir weiß Gott eine große Freude und Beruhigung, noch einen mit unserem Namen und aus dem alten Hause da nebenan hier auf der Bank und unter der guten alten Nachbarschaft zu treffen! Ja, morgen bei Tageslicht! Die Mama Schubach hat ganz recht, morgen bei Tageslichte werden wir die besten Freunde und Brüder werden, Bruder Theodor! Was mich anbetrifft, so sehe ich freilich auch jetzt schon beim Ilmenthaler Mondenschein ganz genau, daß du mir ungeheuer gefällst, Brüderchen.«

»Es ist Ihr Herr Bruder, Herr Theodor!« sprach der Bruseberger, nun seinerseits seinem Mündel die wackere, treue, ehrliche Hand auf die Schulter legend. Er sagte es ganz ohne Jovialität, ja mit ungemeinem Ernste, und er schien es sich erst sehr genau überlegt zu haben, ehe er seine Meinung abgab. Der junge Mensch und Zögling aber brach trotz seiner römischen Klassiker in ein lautes, krampfhaftes Schluchzen aus und fand für den Ausdruck seiner Gefühle nichts anderes als die Schülerredensart:

»Es, es – es ist – zu – großartig!« ...

»Das ist es!« lachte der Senior. »Aber nun bitte ich dich, little fellow, und euch alle, ihr lieben braven Freunde und alten guten Bekannten, von neuem, die Hand am Ruder zu behalten. Großartig ist es, aber hübsch ist es auch – von mir – von dir, Theodor – von euch, Nachbarschaft – von der gütigen Vorsehung. Daß wir hier auf einmal so gemütlich sitzen, meine ich! Und nun geben Sie mir endlich auch die Hand, Mama, und decken Sie alle alten nachbarlichen Dummenjungensstreiche mit dem Mantel der Ilmenthaler christlichen Liebe zu. Ach Himmel, wie oft hab ich in meiner unschuldigen Kindheit erst vorsichtig um die Ecke gekuckt, ob die Luft von Ihnen rein war, Mutter Schubach! Zu Ihren Lieblingen am Kuhstiege und zu ihren Mustern von guten Beispielen gehörte ich freilich selten.«

»Haben es auch nicht immer danach gemacht, Herr Rodburg«, meinte die gute Frau, ohne sich lange auf diese Antwort zu besinnen.

»Habe mir dafür aber auch fest vorgenommen, alles damals Versäumte jetzt nachzuholen!« rief Herr Alexander fröhlich. »Da! schlagen Sie ein!«

Und die Alte tat es:

»Na, denn in Gottes Namen, und es soll ein Wort sein! Nämlich wenn Sie eben Ihr letztes so meinen wie ich. Na, na, freuen kann es einen schon, wenn man dieses alles jetzo mit Ruhe zusammenfaßt. Nicht wahr, Bruseberger? Und Sie, Theodor, nehmen Sie's nun auch, wie der Bruder anrät und ich mich allgemach befleißige – mit möglichster Ruhe. Es ist nämlich meine Idee, daß man damit immer am weitesten kommt, zumal wenn man dazu sich sagt, daß morgen auch noch ein Tag ist.«

Es war morgen auch noch ein Tag, und dies war nicht nur eine Beruhigung, sondern ein großes Glück, zumal für den jüngern Bruder. An diesem Abend kam er wahrlich noch nicht zu der wünschenswerten Fassung über die unerhörte Veränderung, die in seinem Dasein sich zugetragen hatte. An diesem Abend blieb es wie ein Traum, und in einem solchen antwortete er, wenn er angesprochen wurde, und hörte er den Bruder lachen und mit den Hausgenossen reden und plaudern von Tagen, in denen er, Theodor Rodburg, noch nicht in der Welt vorhanden war.

Zur Beruhigung seiner Nerven trug es auch kaum etwas bei, daß sich allgemach, den Kuhstieg entlang, vor den Haustüren das Gerücht von dem verbreitete, was eben bei Schubachs passiert war, und daß jedermann natürlich sich berechtigt und verpflichtet fühlte, das Genauere darüber persönlich einzuholen. Zuerst standen sie wohl, jung und alt, Männlein und Weiblein, ein wenig scheu und blöde von fern, allein dies dauerte nicht allzulange; und das heimgekehrte Stadtkind tat auch das Seinige nach Möglichkeit, die Schüchternheit zu heben.

»Das ganze Dorf versammelt sich!« summte er wohlwollend, und sie fanden schnell heraus, daß er immer noch ein umgänglicher Mensch war.

Es kann dabei nur von denen die Rede sein, welche ihm noch in seinen umgänglichsten Flegeljahren sehr häufig alles mögliche von ärgerlichen Worten, Knitteln und Holzpantoffeln nachgeworfen hatten; er aber reichte allen, die er wiedererkannte und deren Name ihm genannt wurde, leutselig die Hand und fügte sofort nicht ohne Schelmerei eine auf das spezielle Individuum allein passende Lebenserinnerung bei. Als dann aus der guten Nachbarschaft zuletzt schüchtern die Erkundigung kam, wie es ihm denn eigentlich ergangen sei in den vielen Jahren seit seiner Abwesenheit vom Kuhstiege, antwortete er hell und kurz:

»Ausgezeichnet! Ganz nach Verdienst. Wie denn sonst, Nachbar Quilleberg?«

Währenddem war aber der Mond seinen Weg weitergegangen. Wenn er eben noch auf den äußersten Spitzen des Tannichts auf der Bergeshöhe über dem Hotel Bellavista schwebte, so sank er jetzt schon in den schwarzen Wald hinein, und ein Kanonenschlag beendete ziemlich um die nämliche Zeit das Feuerwerk im provisorischen Kurgarten drüben, jenseits der Ilme.

»Auch ein Trost, wenigstens für die heutige Nachtruhe der friedlichen Heimat«, meinte der Gast des neuen großen Hotels und erhob sich von seinem Platze. Es schien, als wolle er ziemlich in derselben Weise gute Nacht sagen, wie er vorhin guten Abend gesagt hatte, als noch etwas dazukam, was ihn wenigstens für einige Augenblicke noch aufhielt.

Es war eine Stimme aus seinem Vaterhause. Eine im Gesang nicht üble, eine recht laut klingende Frauenstimme begann darin zu singen. Die fremdartige, etwas melancholische, volksliederartige Weise schien jetzt in der stärkern Sommernachtsdämmerung sofort Ihr Recht nehmen zu wollen gegenüber der Blech-Tanzmusik von der andern Seite des Tals.

»Aber Sie wollen doch nicht – auf diese Art – schon aufbrechen, Herr – Alexander?« fragte die Witwe; doch der ältere Bruder Rodburg legte ihr die Hand auf den Arm:

»Bitte nur einen Augenblick, Mama!«

Sie horchten nun sämtlich auf den Gesang, und Theodor Rodburg sagte:

»Es ist die Frau Romana.«

Selbst in seinem jetzigen, noch immer sehr unzurechnungsfähigen Seelenzustande hatte er immer noch ein Stück von ebenseiner Seele für die neue Nachbarin über.

»Hm«, sagte Bruder Alex, und nach einigem weitern Lauschen meinte er, gegen den Bruseberger gewendet: »Auch etwas, was die alte Höhle und die Familie Rodburg ihrerzeit nicht leisten konnten. Nicht wahr, Alter, ich war noch der einzige, der das melodische Organ hatte, dann und wann die Werkstatt und die Küche der Mutter Schubach in das helle Elend hineinzuflöten? Well, eines nach dem andern! Die Dame da singt übrigens recht nett für den schönen Abend.«

Die singende Stimme brach ab, als ob ihr jemand dreingesprochen habe. Herr Alexander zuckte die Achseln und griff nun nochmals nach beiden Händen seines wiedergefundenen jüngsten Bruders:

»Also, auf ein frohes, fröhliches Wiedersehen morgen früh bei Tageslicht! Lieber Kerl, wir haben ja gottlob noch längere Jahre zum Austausch unserer Gefühle vor uns. Jetzt aber halt mich meinetwegen für einen verrückten Engländer oder sonst was – ich habe wirklich nicht länger Zeit. ›Für diesmal bitt ich hoch und höchst‹ ... wie heißt es doch weiter in eurer alten Scharteke? ›Eine Wassermaus und eine Kröte‹ – na, na, literarisch habe ich mich freilich nicht die letzten Jahre hindurch viel beschäftigen können; aber freuen werde ich mich grade deshalb desto unbändiger, dich wahrscheinlicherweise als den Gelehrtesten der alten braven lateinischen Zuchtanstalt da unten vorzufinden. Wenn du alles ausgelöffelt hast, was ich an Weisheit, Griechischem und Hebräischem bei meinem Abgang im Topfe ließ, dann bist du unbedingt ein gelehrtes Ungeheuer.«

Er war wirklich so gegangen, und die andern waren in der Dunkelheit auf der Schwelle ihres Hauses geblieben. Die Mutter Schubach gebrauchte ein ziemlich ärgerliches Wort; aber der Bruseberger, der die letzte Zeit hindurch doch kalt geraucht hatte, nahm sanft die Hand seines Schutzbefohlenen und nannte ihn ausnahmsweise einmal wieder du, als er ihn ins Haus hineinzog und nach augenblicklich noch geltender Ortssitte die Tür Punkt zehn Uhr schloß.

»Ich habe noch eine Ausnahmsarbeit für ein Stündchen in der Werkstatt, Theodor. – Kannst mir dabei noch ein bißchen Gesellschaft leisten. Morgen ist ja doch Sonntag, und du kannst ausschlafen – wenn du es kannst.«

Die letzten Worte murrte der alte Philosoph vom Kuhstiege freilich sehr »hinter den Zähnen«.

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