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Gutenberg > Ludwig Tieck >

Prinz Zerbino

Ludwig Tieck: Prinz Zerbino - Kapitel 7
Quellenangabe
typecomedy
booktitleSchriften, Zehnter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1798
publisherG. Reimer
addressBerlin
titlePrinz Zerbino
pages382
created130603
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechster Akt

Pallast.

Jeremias, Stallmeister.

Jeremias. Nun steht ja die Aufklärung schon in schönster Blüthe, man kann warlich von den guten Menschen nicht mehr verlangen, sie saugen Vernunft und Veredlung in sich wie die Bienen.

Stallmeister. Es will mir doch manchmal der Stoff beinah ausgehn.

Jeremias. Das macht, es fehlt Dir an Erfindung, Du bist zu einseitig auf das Gute und Verehrungswürdige erpicht, und ich fürchte, es währt nicht lange, so glaubst Du selbst daran.

Stallmeister. Und mit Recht. Ich glaube daran; für wen hältst Du mich?

Jeremias. Wie?

Stallmeister. Meinst Du denn, daß ich mit allen diesen Dingen nur eine unedle Heuchelei treibe?

Jeremias. Ei, ich falle aus den Wolken.

Stallmeister. Ja, Du, der Du kein Herz in Dir fühlst, der Du die himmlische Wahrheit nur als ein Mittel betrachtest, um Dir Lebensmittel zu erwerben, ja Du darfst in Gottes Namen aus den Wolken fallen.

Jeremias. Was hör' ich?

Stallmeister. Die Stimme der ächten Begeisterung hörst Du, und sie soll sich warlich für die Menschheit nicht unterdrücken lassen. Und wenn es mir manchmal an Stoff gebricht, so geschieht es nur darum, weil mein Enthusiasmus zu wahr und zu aufrichtig ist.

Jeremias. O Stallmeister! Stallmeister! wie tief bist Du gesunken!

Stallmeister. Ich steige, immer steig' ich, ich habe nun die erhabenen Sprossen der Menschheit erreicht, und kein Bösewicht soll mich meiner Tugend wieder abwendig machen.

Jeremias. Ich schweige, ich bin stumm, Du siehst so einfältig dabei aus, daß ich Dir wohl glauben muß, es sei Dein Ernst. Aber ich will gehn und Dir einen Menschen vorstellen, der Dir für Deine Schriften ganz unentbehrlich ist. – Geht ab.

Stallmeister. Der Kerl ist doch nicht so klug, wie ich anfangs glaubte; es gelingt mir wirklich, ihn zu übertölpeln, er darf, nun er sieht daß es mir Ernst wird, nicht mehr so den Herrn und Gebieter über mich spielen. Man kann doch alle betrügen, wenn man ihnen nur Dummheit genug zutraut.

Jeremias kommt mit Hanswurst zurück.

Stallmeister. Ei, ist das nicht der Herr Hofrath?

Jeremias. Allerdings.

Hanswurst. Ja, mein Herr Schulmeister, mir wird die Zeit oft sehr lang, und da habe ich mich zum Spaß auf eine neue Art von Amusement applizirt.

Stallmeister. Herr Jeremias sagte mir, daß ich mit Ihnen in Verbindung treten möchte.

Jeremias. Ja, es ist sehr nöthig, denn ich bin des Wesens überdrüßig; ich will zur Abwechslung einmal zum Satan gehn.

Hanswurst. Sind Sie desperat?

Jeremias. Nein, ich kenne ihn persönlich und will in seine Dienste treten.

Stallmeister. Aber, mein Herr Hofrath, was soll ich mit Ihnen anfangen?

Hanswurst. Was Sie wollen, denn ich bin zu allen Dingen nütze; ich theile dann meine Zeit angenehm zwischen Ihnen und der alten kindischen Majestät.

Stallmeister. Sind Sie denn in meinem Fache bewandert, daß Sie ein Mitarbeiter werden wollen?

Hanswurst. Eigentlich ist es so nicht gemeint, sondern ich will Ihnen mittelbar nützlich sein. – Sehn Sie, um mich kurz zu fassen, ich war vormals ein Narr.

Stallmeister. Ja.

Hanswurst. Und ich muß Ihnen gestehn, daß mir diese Beschäftigung so ungemein wohlgefallen hat, daß es mir nachher Leid that, das Werk aufgeben zu müssen. Seitdem ist nun Tag und Nacht mein Sinnen und Trachten gewesen, wieder in meinen alten Beruf hinein zu kommen, und so weiß ich nun kein besser Mittel, als Ihnen, mein Bester, meine Dienste anzubieten, damit doch auch die Welt und Menschheit noch etwas davon genießt, und ich nachher mit dem Troste sterben kann, nicht umsonst gelebt zu haben.

Stallmeister. Sie rühren mich, aber ich begreife Ihren sonst löblichen Vorsatz immer noch nicht.

Hanswurst. Sogleich werd' ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen die Sache in die Augen springen zu lassen. – Sie sind nämlich gesonnen, alle Vorurtheile auszurotten, und sich nebenher einen unsterblichen Namen zu machen, da ist mir eingefallen, daß Ihnen der Stoff gar bald ausgehn müßte, oder daß Sie endlich gar in die üble Lage kämen, immer dasselbe zu wiederholen, was Ihnen zwar nicht unangenehm sein, den Lesern aber doch auf die Dauer lästig fallen möchte.

Stallmeister. Eine feine Bemerkung.

Hanswurst. Nun geruhen Sie meine Großmuth anzuerkennen. Ich habe nämlich nach einigem Besinnen den großen Entschluß gefaßt, Ihnen bei Ihrer Menschenveredlung als ewiges Modell zu sitzen.

Stallmeister. Sind sie so edel?

Hanswurst. Ei behüte! wie könnte meine Bescheidenheit zugeben, Ihnen das so gerade in's Gesicht zu sagen? – Ich komme nunmehr meiner Absicht noch näher. Ich will nämlich umgekehrt immer Albernheiten, Abgeschmacktheiten und schwärmerische Possen erfinden, die Sie nachher widerlegen können.

Stallmeister. Große Seele! erhabener Hofrath!

Hanswurst. Sie mögen dann erst den Aberglauben, oder Paroxysmus, oder die Schwärmerei, die ich erfinde, anführen, dann alle vernünftigen Beweise dagegen loslassen und die Narrheit so derb züchtigen, daß die Menschen sogar fast so klug werden, wie Sie selber, und meine irrige Meinung keine Anhänger findet. Ich erlaube Ihnen dabei noch, mich, so oft Sie wollen, namentlich aufzuführen.

Stallmeister. Diese Seelengröße spielt in's Ungeheure! – Und wie oft engagiren Sie sich, eine Narrheit fertig zu haben?

Hanswurst. Täglich eine oder zwei.

Stallmeister. Zu viel, Sie sind allzugütig; wenn Sie mir nur wöchentlich eine liefern wollen, so bin ich im höchsten Grade zufrieden gestellt.

Hanswurst. Topp, der Handel ist also richtig?

Stallmeister. Hier ist meine Hand dazu.

Jeremias. Der Himmel segne Euer edles Bündniß, die Nachwelt nenne Eure Namen mit Ehrerbietung; ich beurlaube mich, Ihr großherzigen Freunde, um den alten Satan aufzusuchen.

Sie gehen ab.

 


 

Freie Sandfläche; in der Ferne Aussicht auf Haidekraut.

Nestor und Zerbino treten auf.

Zerbino. Hier sind wir ja in eine schreckliche Wüste hineingerathen.

Nestor. Das ich nicht sagen könnte; meinen Augen dünkt die Aussicht ganz angenehm, man weiß hier so bestimmt, woran man ist.

Zerbino. O ja, das ist nicht zu läugnen.

Nestor. Ich war auf meiner Reise in einem Dinge, das man für den Garten der Poesie ausgeben wollte, da sah es nicht den zehnten Theil so korrekt aus, wie hier.

Ein Poet tritt auf.

Zerbino. Wer ist der Mann dort, der so aufmerksam alles beschaut?

Nestor. Er mustert den Sand recht gewissenhaft.

Zerbino. Vielleicht, daß er etwas Verlornes wieder sucht. – Mein Herr, fehlt Ihnen etwas?

Poet. Ah, guten Tag, werthgeschätzte Freunde, Sie kommen recht erwünscht; ich arbeite eben an einem Gedicht, und da ist es recht gut, wenn man ein bischen gestört wird.

Zerbino. Wie das?

Poet. Ei, weil man sonst wider Wissen und Gewissen, trotz der besten Vorsätze, gar zu leicht in's Unnatürliche verfallen kann. Sehn Sie, ich nehme mich gewaltig in Acht, und kenne gewiß meine Natur, aber doch ist es mir sonst wohl begegnet, ehe ich mich versehe, bauz! ein Ausdruck, der, möchte man sagen, beinahe an's Poetische gränzt.

Nestor. Das ist ein Mann! das ist ein Mann! Bester, Theuerster, lassen Sie sich umarmen, Sie verdienen mein ganzes Herz.

Poet. Das wollte ich meinen. Sehn Sie, darum betrachte ich den Sand hier, die Kiesel, von denen ich überhaupt einige mitnehmen will, diese Dornensträuche so gar genau, damit ich es auch ordentlich der Natur gemäß beschreiben kann; denn was hat sonst der Leser nachher davon, wenn er mit meinem Gedichte hinausgeht unter Gottes freien Himmel, und will die Sache mit der Nachahmung selber vergleichen.

Nestor. Es ist wahr. Wie wird man oft vexirt, wenn man darauf kömmt, die prächtigen Dinge aufzusuchen, die man in so manchen schwülstigen Gedichten beschrieben findet.

Poet. Dann denk' ich auch immer, daß für unsre menschliche Seele eigentlich solche Gegend, wie die hiesige, die angenehmste ist; man sieht nicht viel, aber die paar kleinen wilden Blumen, die hier so kümmerlich wachsen, bemerkt und schätzt man um so aufrichtiger, und das ist gerade die Weise, wie ich die Blumen mag.

Nestor. O Du Priester der Grazien und Musen! wie sprichst Du aus meiner Seele! – Ja, herzerquickend fühl' ich es, wie weit dieses Land, das holdselige, vom Garten der Poesie entfernt liegt.

Poet. Es ist auch dafür mein theures Vaterland.

Nestor. O, warum bin ich nicht hier geboren?

Poet. Lassen Sie sich noch gegenwärtig hier nieder.

Nestor. Meinen Sie wohl, daß ich mein Fortkommen hier fände?

Poet. Ohne allen Zweifel, o man schätzt hier solche Gemüther. Hier ist alles so weise, so liebreizend eingerichtet und angestellt, so jeder in seinem Wirkungskreise thätig und beglückt, – ach! mein Theuerster! Sie sollten nur lesen, wie viel darüber geschrieben wird. Man belohnt die Talente, man beschützt die ächte Kunst, weit und breit finden Sie dergleichen von geschmackvollen Rüben nicht, als in diesen Gegenden wachsen.

Nestor. In der That?

Poet. Man steigt dabei auch alle Tage höher, und man erwirbt und spart, – und dichtet und trachtet, – bemerken Sie das Sprichwort, – unsre Dichter nämlich dichten niemals, ohne zugleich nach irgend was zu trachten – und das unterscheidet sie hauptsächlich von den alten Poeten. – Ach, sehn Sie diesen schönen Sandhügel, worauf die beiden Grashalme so liebreich stehn, o wie wohl wird einem dabei! Das ist hier kein Opernhaus, das ist kein erleuchteter Ballsaal, sehn Sie, dort geht ein Bauer im Dreck, aber Gottlob, er hat keine Tressen auf dem Kleide.

Zerbino. Nein.

Poet. Das heißt Natur, worin wir uns gegenwärtig befinden. Nun muß ich mir noch die Taschen voll Kiesel stecken, meine Kinder spielen damit so gerne.

Zerbino. Das wird aber schwer zu tragen geben.

Poet. Ich weiß wohl, geschieht aber alles der Poesie zu gefallen. – Wo reisen Sie denn eigentlich hin?

Zerbino. Wir suchen den guten Geschmack.

Poet. Damit könnt' ich Ihnen bald helfen; denn wenn Sie nicht, wie ich nicht hoffe, das Gezwungene und Unnatürliche lieben, so erhalten Sie ihn von mir aus der ersten Hand. Der Mannichfaltigkeit wegen aber können Sie sich nach unsrer Residenz begeben, wo es Ihnen an dem, was Sie begehren, gewiß nicht gebrechen wird.

Nestor. Ist der Ort weit von hier?

Poet. So gar weit eben nicht, nur sind die Wege tief, wenn sie auch nicht lang sind.

Nestor. Wie so?

Poet. Sehn Sie, des liebreichen, nachgiebigen Sandbodens wegen; die Wege hier herum begnügen sich nicht damit, sich auf ihrer Oberfläche betreten zu lassen, man wird gleichsam mit Gewalt tief mit den Beinen hinabgezogen, das zeigt vom Erdboden eine gewisse Gastfreundlichkeit an, beweist die vis centripeta, und hindert außerdem, daß man nicht gar zu flüchtig den reizenden Landschaften vorübergeht.

Zerbino. Sind die Gegenden hier herum schön?

Poet. Zum Erstaunen. Wenn Sie eine Viertelmeile weiter hinunter kommen, so finden Sie besonders einen Strauch, der so romantisch und merkwürdig ist, daß ich nicht genug davon zu sagen weiß. Was wollen Sie? Wenn der Staub nicht zu unmäßig ist, bleibt er fast den ganzen Sommer hindurch grün. O wenn Sie dort vorbei kommen, Sie werden die herrliche Aussicht nicht genug genießen können.

Zerbino. Was sieht man denn außer diesem halbgrünen Strauche mehr?

Poet. Himmel! ist Ihnen das noch nicht genug? – O dann sind Sie unersättlich, und taugen für die hiesige Poesie und Lebensweise nicht.

Nestor. Reden Sie mit mir, Hochgeschätzter, ich bin eine Creatur, die Gottes milde Gaben besser würdigt.

Poet. So begeben Sie sich also nach der Residenz. Allenthalben, (doch, daß ich im Patriotismus nicht zu weit gehe) fast allenthalben werden Sie bei den Poeten, Philosophen, Gelehrten, Geschäftsmännern, im guten Ton, in der Geselligkeit, in Summa hoch von oben herab, bis unten zum gemeinen Mann hinunter, ein Bild von meiner huldreichen Poesie antreffen. Philosophen für die Welt, Aufklärung, Gesangbücher, Predigten, Romane, alles, alles athmet den schönen Sinn der Humanität und Toleranz; alles wird mit Maaß getrieben, keiner übernimmt sich, das Herz wird Ihnen lachen, wenn Sie die Vollendung dieser Menschheit gewahr werden.

Nestor. Einen ganz gehorsamsten Dank, allerholdseligster Dichter. – Nun lassen Sie uns eilen, mein Prinz. –

Sie gehn ab.

 


 

Feld.

Helikanus. So sag' ich Dir, o Welt, das Lebewohl,
Im dicksten Walde will ich mich verbergen,
Wo keiner je von meinen Leiden hört.
Kein Wunsch, kein Sehnen zieht mich mehr zurück,
In meiner Brust ist alles längst begraben,
Was ich im Wahn für meine Zukunft hielt.
Geht scheu aus meinem Wege, bunte Blumen,
Lenkt nicht die Blicke nach mir Armen hin,
Die Einsamkeit, die dunklen grünen Schatten,
Die Oede unter Felsenwänden soll
In Zukunft meine Heimath sein. Nicht Frühling,
Nicht Herbst besucht den Abgeschiednen dort.

Der Waldbruder aus dem Walde.

Waldbruder. Es funkelt wieder in den Wald hinein
Der liebe frühe Morgenschein,
Die Sonne aus dem rothen Thor
Lockt mich aus meiner Einsamkeit hervor.

Ich sehe Heerden in der Ferne wallen,
Den fleiß'gen Bauer, der den Acker pflügt,
Mir will fortan nicht Einsamkeit gefallen,
Weil Baum und Fels dem Herzen nicht genügt.
Zu Menschen zieht der sehnsuchtsvolle Sinn
Mich wider meinen Willen mächtig hin.

Helikanus. Ich komme wieder zu Dir, heil'ger Vater,
Doch besser, frommer als das erstemal;
Mein Busen ist gesättigt, ruhig klopft
Das matte Herz, die einz'ge Sehnsucht, die
Von allen Wünschen blieb, ist nur das Grab.
Drum will ich mich zu Waldesschatten flüchten,
Den Felsenquell mit meinen Thränen mehren,
Erinnrung soll mir alle Schmerzen nähren,
Bis mich das güt'ge Schicksal will vernichten.

Waldbruder. Ich war, seit ich Dich sahe, Dir gewogen,
Von unsichtbarer Macht zu Dir gezogen
Begreif ich nicht, was so mich zu Dir zwingt,
Dein Bild mir stündlich vor die Sinne bringt:
Drum nimm den Rath von meinem Alter an,
Der Einsamkeit entflieh und sei ein Mann.
Wie schön, sich thätig andern gleich zu stellen,
Den Strom zu sehn, mit seinen tausend Wellen,
Die Mühe, wie den Lohn zu theilen,
Und lebenssatt dem Tod entgegen eilen.
Doch hier verfließt die Zeit im Einerlei,
Dir sagt kein Werk, daß nun ein Tag geendigt sei,
In träger Selbstbeschauung gehn die Stunden,
Und dennoch heilen keine Herzenswunden,
Du meinst wohl oft Du seist geheilt,
Und lächelst der vergeßnen Schmerzen,
Ein Wort, und ach! Du fühlst den Geist getheilt,
Die tiefe Lücke noch im alten Herzen,
Drum bleibe stark, geh kühn zur Welt zurück,
Der Jugend blüht an allen Orten Glück.

Helikanus. Kannst Du mich, würd'ger Greis, so kalt verstoßen?
Nein, nimm mich auf zu Deinem Leidgenossen.

Waldbruder. So alt ich bin, wollt' ich zu Menschen eilen,
Bei ihnen wollt' ich meine Schmerzen heilen;
Drum willst Du mir und meiner Liebe trauen,
So komm mit mir nach jenen stillen Auen,
Wir wollen dort das Land und unsre Freundschaft bauen.

Helikanus. Ich folge Dir, o Vater, gern, mit Freuden,
Mir wurzeln, wo ich wandle, neue Leiden.

Sie gehn ab.

 


 

Eine andre Gegend.

Zerbino rasend. Nestor.

Zerbino. Alles vergebens! alles vergebens!

Nestor. Um des Himmelswillen, geben Sie sich zur Ruhe, lassen Sie es gut sein, auch dieser Zustand wird vorübergehn.

Zerbino. Niemals, niemals; ich bin verloren, ich finde keinen Geschmack, ich finde keinen, und mein zeitliches Wohl ist auf ewig dahin.

Nestor. Warum aber werden Sie desperat? Geben Sie sich nur dies eine mal noch zufrieden.

Zerbino. Ich kann es nicht, es ist gegen meine Gemüthsverfassung, der Verderbtheit des Zeitalters so gelassen zuzusehn.

Nestor. Wir haben den Geschmack vielleicht längst gefunden, und wissen es nur nicht.

Zerbino. Thorentrost! Wahnsinnshoffnung! – Würde sich dann die Raserei meiner so bemeistern, wie sie doch gegenwärtig thut?

Nestor. Aber es ist doch nicht zu ändern.

Zerbino. O ja, es ist zu ändern, und mein Entschluß ist auch schon gefaßt. – Ich weiß zu sterben. –

Nestor. Das ist viel gesagt, denn die Kunst ist nicht so leicht.

Zerbino. Ja, ich will sterben, denn wenn ich Dir aufrichtig meine Meinung gestehn soll, so bin ich meiner Existenz schon lange überdrüßig.

Nestor. Nehmen Sie ein Beispiel an meiner großen Seele, wie ich mich in alle Widerwärtigkeiten zu finden weiß.

Zerbino. O weh mir! weh mir Unglückseligen, daß ich geboren ward! O warum ließ ich mich jemals gelüsten, das Licht dieses Tages anzuschauen! – Geschmack! Geschmack! Wohin hast du dich verborgen, daß du mir auf allen Wegen entfliehst? Wo ich dich immer suchen mag, nirgend bist du; denk ich manchmal, hier werd' ich Dich erhaschen, so ist es immer wieder eine trügerische Gestalt. – Nun will ich mir auch plötzlich ebene Bahn machen, daß die Welt sich verwundern soll. Durchdringen will ich durch alle Scenen dieses Stücks, sie sollen brechen und zerreißen, so daß ich entweder in diesem gegenwärtigen Schauspiele den guten Geschmack antreffe, oder wenigstens mich und das ganze Schauspiel so vernichte, daß auch nicht eine Scene übrig bleibt. – Darum, mein getreuer Nestor, hilf mit Hand anlegen, wir wollen uns beide durch alle Wörter und Redensarten bis zum ersten Chor oder Prolog durchdrängen, damit so unsre mühselige Existenz aufhöre, und das Gedicht, das uns elend macht, wie Spreu in die Lüfte verfliege.

Nestor. Was wollen Sie beginnen?

Zerbino. Ein unerhörtes Werk.

Nestor. Und was soll daraus werden?

Zerbino. Ein Ding ohne Namen.

Nestor. Nun denn, die Hände, die Arme frisch dran, drängen Sie die Maschine mit aller Gewalt zurück, und immer zurück, so erreichen wir vielleicht unsern Endzweck. –

Sie drängen mit aller Anstrengung.

Drinnen. Was ist denn das? – das Stück geht ja wieder zurück. –

Verwandelt sich in das vorige Feld, Helikanus und der Waldbruder treten verwundert herein.

Zerbino. Muthig! muthig! sieh, eine Scene sind wir schon weiter zurück.

Nestor. Ich merke, dieses Stück läßt sich ohne sonderlichen Nachtheil, wie eine gute Uhr, vor und rückwärts stellen.

Waldbruder. Kerls, was macht Ihr denn?

Nestor. Bagatell, wir bringen uns und Euch alle um.

Helikanus. Wir wollen aber noch leben bleiben.

Nestor. Darnach wird wenig gefragt, wenn die Hauptperson sich den Tod wünscht.

Waldbruder. Mir reißt es in den Gliedern, ich muß in Gedanken alle meine vorigen Reden rückwärts sprechen.

Helikanus. Mir geht es nicht anders, ich bin schon längst wieder hinter dem Gedanken, mir das Grab zu wünschen, zurück. – Die Kerls drängen immer gewaltsamer, Lila kömmt schon mit frischer Kraft in meine Phantasie zurück.

Zerbino. Spannt Euch mit vor, lieben Freunde, damit wir dieses tolle Gedicht endlich überwinden.

Waldbruder. Gehorsamer Diener. – Helikanus, wollen wir von der andern Seite drehen, damit es ihnen doch nicht gelingt?

Helikanus. Ganz gut, aber so bleiben wir stehn und kommen nicht vor-, nicht rückwärts.

Waldbruder. Das wäre so viel als die Zeit festhalten, was sich die Menschenkinder so oft gewünscht haben.

Zerbino. Ruck! Ruck! sieh, da habe ich wieder eine gute Ecke gewonnen.

Verwandelt sich wieder in die freie Sandfläche, in der Ferne Aussicht auf Haidekraut, der Poet geht wieder sinnend umher.

Helikanus. Es ist eine Schande, statt daß das Stück nun sänftlich zu Ende gehn sollte, müssen die Zuschauer das sogar noch zum zweitenmale hören und sehn, was ihnen schon beim erstenmale zuwider war.

Waldbruder. Ruf nach Hülfe! – Hülfe! Hülfe!

Helikanus. Hülfe! Hülfe! Hülfe!

Beide, aus vollem Halse. Hülfe! Hülfe! –

Der Verfasser tritt herein.

Verfasser. Welche von meinen Personen ist meiner Hülfe bedürftig?

Helikanus. Wir unglückseligen Poetischen; die beiden prosaischen Hauptpersonen sind toll im Kopfe geworden, und schrauben nun mit aller Macht das Stück wieder zurück.

Verfasser. Mein lieber Zerbino, – wie kommen Sie darauf? das hätt' ich in Ihnen nimmermehr gesucht, dazu wurden Sie gar nicht angelegt.

Zerbino. Ich kann mir nicht anders helfen, denn ich bin meines Lebens überdrüßig. – Schraub, getreuer Nestor, schraub mit Eifer alles los.

Verfasser. So was ist mir noch nicht begegnet. Muß mir ein solches Spektakel mit meinem Helden arriviren!

Helikanus. Er ist toll geworden.

Verfasser. Hülfe! Hülfe! alles herbei.

Leser, Setzer, Kritiker treten mit Lanzen bewaffnet herein.

Verfasser. Hier, meine Freunde, seht ein ganz neues Schauspiel; der Held meiner Tragödie ist unbändig geworden; er meint, das ganze Stück soll wieder in sein Nichts zurückkehren.

Alle. Das geht nicht, das darf nicht sein.

Setzer. Ist pur unmöglich, denn die ersten Bogen sind schon abgedruckt.

Kritiker. Greifen Sie den Unsinnigen nur dreist an, Herr Verfasser, daß er wieder zu seiner alten Schuldigkeit zurückkommt.

Verfasser. Ach lieber Gott, ich fürchte mich gar zu sehr vor tollen Leuten.

Kritiker. Dann hätten Sie Ihr Schauspiel gar nicht anfangen müssen.

Verfasser. Ich glaubte selbst nicht, daß es so kommen würde, nunmehr ist er mir gar zu unbändig geworden.

Kritiker. So geht's, wenn man nicht das Sprichwort im Sinne hat: besser vorbedacht als nachbeklagt.

Verfasser. Helfen Sie mir doch, lieben Freunde, so will ich es wagen und auf ihn zugehn.

Zerbino. Zurück da! wer mir zu nahe kommt, dem kostet es sein Leben.

Verfasser. Nun hören Sie selbst –

Leser. Sie sind zu zaghaft, Herr Verfasser, ich bin das Gräßliche gewohnt, ich will auf ihn zugehn. – Er soll sich geben, damit man nachher weiß, wie es geworden ist; da wäre es ja schlimmer, wie ein abgebrochener erster Theil.

Zerbino. Hast Du denn das Vorige verstanden?

Leser. Wenn auch nicht, das geht Ihn nichts an, Er muß sich doch so was nicht unterstehn. Bedenk' Er nur, wenn das alle so anfingen!

Kritiker. Gieb Dich, gieb Dich in Dein Schicksal!

Verfasser. Schließt ihn von allen Seiten ein, – Herr Setzer, Herr Helikanus, andächtiger Waldbruder, treten Sie alle heran. – O Unglück! wenn der Held dem Verfasser über den Kopf wächst!

Zerbino. Zurück da! Nestor mach Platz!

Leser. Herr Nestor, Herr Nestor, ich bin bisher immer so sehr Eurer Meinung gewesen, warum thut Ihr mir nunmehr den Schabernack?

Zerbino. Was wollt Ihr, Kritiker? Hat Euch denn das Schauspiel bisher so sehr gefallen, daß Ihr mich wider meinen Willen drin behalten wollt?

Kritiker. Mit nichten, ich denke den Aberwitz gehörig zu züchtigen, aber darum dürft Ihr doch nicht ein so ärgerliches Beispiel geben.

Zerbino. Es ist ja das erstemal nicht, daß sich ein Held gegen den Verfasser empört hat.

Kritiker. Es ist aber doch niemals so sehr zur Sprache gekommen, dieser Anstoß wäre gar zu himmelschreiend.

Zerbino. Ich will aber nicht, ich will nicht. – Weg da! –

Er springt hervor, ergreift den Verfasser, und wirft ihn zu Boden, worauf er entläuft.

Verfasser. Ach ich armer Verfasser! Lieber Herr Setzer, setzen Sie ihm doch eilig nach. Setzer ab.

Verfasser. Herr Kritiker, lassen Sie ihn nicht entrinnen, und wenn wir ihn erst wieder haben, so gedenken Sie ihm doch in Ihrem Blatte diesen Streich.

Kritiker. Sein Sie ohne Sorgen, er soll es gewiß empfinden. Ab.

Verfasser, auf der Erde. Herr Leser, haben Sie nicht Mitleiden mit mir?

Leser. Ich muß doch sehn, wo der Held bleibt.

Verfasser. Helfen Sie mir doch und hören Sie nur eine kleine Anmerkung, die ich bei dieser Gelegenheit machen will.

Leser. Ich habe keine Zeit, ich muß dem Helden nach; die Rasenden pflegen gar interessant zu sein. Schnell ab.

Verfasser steht auf. Ach mein liebster Waldbruder, könnt Ihr mir nicht einige Verse des Trostes sagen?

Waldbruder. Sie wissen ja am besten, woher meine Verse kommen, und wenn Sie selber lahm sind, getraue ich mir keine Sylbe auszusprechen.

Verfasser. All das Unglück macht uns der einzige Kerl.

Drinnen. – Hier ist er! – hier! – gieb dich gefangen!

Verfasser. O wenn ihn doch die braven Leute überwältigten!

Zerbino und Nestor kommen zurück.

Zerbino. Wollen Sie mich nicht aus dem Stücke heraus lassen, so will ich wenigstens dem Verfasser eine solche Ohrfeige reichen, daß er Zeit seines Lebens an mich denken soll.

Verfasser. Ich werde genug an Dich denken, aber darum mußt Du doch nicht glauben, daß ich mich vor Dir fürchten sollte. – Heran! heran! ich erkenne Dich für einen Lumpenhund!

Zerbino. Komm! wenn Du Herz hast? –

Sie ringen, Zerbino fällt endlich zu Boden.

Verfasser. Victoria! Victoria! – Herr Leser, Herr Setzer, hier haben wir den unnatürlichen Bösewicht, der sich gegen mein Schauspiel verschworen hatte. Bringt Stricke her! – So! – Willst Du nun artig sein?

Zerbino. Ich sehe, daß es mein Schicksal durchaus so will.

Er wird fortgeführt.

Verfasser. Adieu meine Herren! – dem Himmel sei Dank, daß es noch so abgelaufen ist. – Jetzt soll auch sogleich das Ganze seine baldige Endschaft erreichen, eh' er zum zweitenmal auf solche Streiche fällt, denn die Verzweiflung wirkt oft wunderbar. Geht ab.

Kritiker. Wenn ich bei dieser Scene nicht geholfen hätte, wäre sie nie zu Stande gekommen. Ab.

Leser. So müssen wir dem Verfasser in jedem seiner Werke helfen. Ab.

Waldbruder. Komm, Helikanus, wir wollen uns nun in Muße noch einmal unsern Entschluß überlegen.

Sie gehen.

 


 

Die Wüste.

Polykomikus, vor seiner Höhle auf- und abgehend. Es ist zu spät, wieder umzukehren. – All mein voriger Glanz, meine Talente, mein Ansehn unter den achtungswürdigen Bürgern, alles ist dahin, als wär' es nie gewesen. – So eben war mir, als wollte meine alte Herrlichkeit zu mir zurückkommen, ein neues Licht ging in meiner Seele auf, – aber alles verflog wieder, wie ein Traum. – Ich komme fast auf den Gedanken, daß ich zu meinem Heil die alte Freundschaft wieder aufrichten, und eine Aussöhnung mit dem Satan suchen möchte.

Jeremias tritt auf.

Jeremias. Gehorsamster Diener!

Polykomikus. Lebst Du, Schelmstück, auch noch in der Welt?

Jeremias. Ich fange jetzt erst an zu leben, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, und denke es noch weit zu bringen.

Polykomikus. So? – Du wirst mir am Ende auch noch im Lichte stehn.

Helikanus. Das könnte leicht kommen, denn meine Talente sind im vollen Wachsen, die Ihrigen im Abnehmen; die Welt denkt besser, und was das vorzüglichste ist, ich bin jetzt in Satans Diensten.

Polykomikus. Ei! ei! Es war doch mein Tage kein gut Haar an Dir.

Jeremias. Mein neuer Dienst gefällt mir über die Maaßen, ob ich gleich sehr viele Geschäfte habe.

Polykomikus. Was hast Du denn zu thun?

Jeremias. Mancherlei; rezensiren, aufklären, Rath ertheilen, verläumden, Sachen verdrehen und in ein schiefes Licht stellen –

Polykomikus. Er hat mir warlich meine besten Beschäftigungen vor dem Munde weggenommen.

Jeremias. Nur daß es bei Ihnen Ernst halb, und Dummheit ganz war, was Sie dazu antrieb.

Polykomikus. Unerhörte Frechheit!

Jeremias. Ich thu dergleichen aber nur aus Verstellung und Zeitvertreib. – Jetzt machen mir besonders Journale mit Kupfern viel zu thun, so daß ich mich kaum ein halbes Stündchen abmüßigen kann, meine ehemalige Wüste wieder zu besuchen und mit Ihnen gegenwärtigen Diskurs zu führen.

Polykomikus. Gehorsamer Diener. – Ich will Dir etwas aus ehemaliger Freundschaft vertrauen: es geht mir jetzt miserabel.

Jeremias. Wär' es möglich?

Polykomikus. Ganz gewiß, ich gebe Dir mein Ehrenwort darauf; Ansehn, Kenntnisse, Vorurtheile für mich, alles hat im buchstäblichsten Sinne der Teufel geholt. Ich sehe nunmehr ein, ich kann ohne seine Hülfe und seinen Schutz nicht fertig werden.

Jeremias. Er spricht noch immer von Ihnen, und stets mit einer gewissen Achtung.

Polykomikus. Jeremias, ich will Dir etwas sagen. – Sieh hier mein neustes Werk, das will ich Dir dediciren, wenn Du die alte Eintracht unter uns wieder herstellen kannst.

Jeremias. Ich will mir alle Mühe geben; ich habe immer geglaubt, daß Sie beide eigentlich für einander geschaffen wären.

Polykomikus. So umarme mich denn. – Sie umarmen sich. Aller Groll unter uns sei vergessen.

Jeremias. Alles Vergangene vergessen und vergeben.

Polykomikus. Und so, mein Herr Jeremias, rekommandir' ich mich Ihnen ferner zu Dero huldreichen Gewogenheit.

Jeremias. Adieu, mein Guter. Verlaß Er sich auf mich, daß ich alles thun werde, was nur in meinen Kräften steht.

Sie gehn ab.

 


 

Der Hof.

Gottlieb, die Königin.

Gottlieb. Tröste dich, geliebte Gattin, ich weiß aus meinen bisherigen Beobachtungen, daß es die Zeit in der Art hat, daß sie vergeht.

Königin. Wir werden unsern Sohn nicht wiedersehn.

Gottlieb. Das müssen wir erst abwarten, eh wir das sagen können.

Königin. Nachher ist es zu spät.

Gottlieb. Dazu bleibt es noch immer früh genug. Aber eine frohe Ahndung sagt mir im Gegentheil, daß wir ihn bald mit unsern Augen wieder erblicken werden.

Königin. Ach, würde mir ein solches Glück zu Theil!

Gottlieb. Freu Dich doch lieber, statt so zu klagen, des herrlichen Wohlstandes in unserm Lande; sieh umher, wie die Wissenschaften blühen, der Handel florirt, wie die Jugend erzogen wird. Der neuangekommene Gelehrte hat ungeheure Verdienste um den Staat.

Königin. Ach mein Sohn! mein Sohn!

Gottlieb. Stille, sag' ich; was nicht zu ändern steht, dabei muß man sich den Bart wischen, und seine Seele in Ergebenheit fassen.

Königin. Daß wir unser einziges Kind den Wissenschaften und Künsten haben aufopfern müssen.

Gottlieb. Sei ruhig, denn das kömmt uns alles nachher zu Hause.

Königin. Alles wird zu Hause kommen, außer mein Sohn.

Gottlieb. O ich bin der Klagen überdrüßig.

Der alte König und Hanswurst treten ein.

Gottlieb. Sieh, da kommen die Kindischen, mach Dir an ihrem Unverstande eine kleine Zerstreuung. Ich bewundre darin die Weisheit der Vorsehung, daß sie solche Geschöpfe in der Welt geschaffen, damit wir andern uns beständig unsrer höhern Gaben erinnern und freuen mögen. – Wie geht's, Ihro Majestät?

Alter König. Meine Sehnsucht nach dem Sebastian steigt immer höher.

Gottlieb. Sieh, mein Kind, das ist so ein gewisser merkwürdiger Grad von Seelenverstimmung; der Oberschulmeister hat darüber auch einen äußerst lesenswürdigen Aufsatz geschrieben, worin diese Erscheinung zur allgemeinen Zufriedenheit erklärt wird.

Hanswurst. Ganz richtig, Ihro Majestät, es ist nämlich nichts als eine psychologische Verkettung, ein Wiederklang in der Seele, eine Verwechslung von Begriffen nebst einer heimlichen Taschenspielerei der Imagination und dergleichen mehr.

Gottlieb. Ja ja, meine allerliebste Gemalin, es ist auf Ehre ein ganz verteufelter Zustand; man glaubt manchmal, man hat eine ganz simple Narrheit am Leibe, aber da gehört in unsern Zeiten mehr zu, da hängt alles so kunterbunt zusammen, das dient alles, eine Wissenschaft, die Psychologie (ich möchte fast den Hut abnehmen, wenn ich das Wort nur nenne) zu befördern, daß man sich doch um Gotteswillen in Acht nehmen soll, irgend einen Menschen so schlechtweg einen Narren zu nennen.

Königin. So befördert es also die Toleranz?

Gottlieb. Nicht anders, mein Täubchen.

Königin. Nun, das ist mir lieb, denn alles in der Welt kann ich ausstehen, außer die Intoleranz.

Gottlieb. Recht so, ich möchte auch immer mit Feuer und Schwerdt drein schlagen, wenn ich einen solchen Intoleranten gleichsam nur gewahr werde. O, keine größere Freude für mich, als wenn mir so recht viel und recht was tüchtiges zu toleriren vor die Hände kommt, alle Arten Glaubensgenossen, Schwärmer, Heiden und Türken, Taschenspieler, Leute, die mit Kunstpferden herumziehn, Teufelsbanner, andre, die an die Religion oder Kunst glauben, Poeten: alles in der Welt, nur um Gottes Willen nicht das Reelle angetastet, denn da hat meine Geduld ein Ende. So weißt Du, wie letzt der Fremde sogleich auf ewig aus dem Lande verbannt wurde, der sich über meine Wachtparade lustig gemacht halte, ja der Schelm hätte wohl noch was Schlimmeres verdient.

Hanswurst. Er konnte von Gnade sagen, denn man müßte für dergleichen Attentate weit in die Augen fallendere Beispiele aufstellen.

Gottlieb. Es hat mich auch nachher genug gereut, daß ich es nicht gethan habe. Nun, vielleicht kommt er bei Gelegenheit mal in's Land zurück.

Hanswurst. Dann wäre noch nichts verloren.

Gottlieb. Aber Hofrath, Ihr seid ja jetzt selbst ein entsetzlicher Schwärmer, wie seid Ihr denn dazu gekommen?

Hanswurst. Weiß der liebe Gott, mein König, es hat mich wie ein Schnupfen befallen.

Gottlieb. Aber Ihr werdet garstig widerlegt, die Haare stehn einem zu Berge, wenn man's liest.

Hanswurst. Das muß man gestehn, gründlich und ausführlich ist es immer abgefaßt.

Gottlieb. Aber Ihr seid doch bis dahin erträglich verständig gewesen, wovon seid Ihr denn nun plötzlich übergeschnappt?

Hanswurst. Es muß vielleicht das Alter so mit sich bringen.

Gottlieb. O, setzt Euch nichts in den Kopf, und entschuldigt nicht damit Eure Narrheiten an Euch selber; Ihr seid ein Phantast, bessert Euch.

Hanswurst. Mein König, ich lese alles, was gegen mich geschrieben wird, mehr kann ich nicht thun.

Gottlieb. Nun, das ist wahr, dann seid Ihr schon auf dem Wege der Besserung.

Königin. Vielleicht wird Euch die Langeweile kuriren.

Stallmeister, Leander, Curio treten ein.

Stallmeister. Hofrath, wo bleibt Ihr? Mir fehlt's gewaltig an Narrheit.

Hanswurst. Mein Bester, Sie konsumiren sie etwas zu schnell, ich hatte gemeint, die letzte derbe würde noch auf lange vorhalten..

Stallmeister. Man glaubt nicht, wie sich das verzehrt, und die Leser behalten immer neuen Appetit.

Hanswurst. Zum Glück hab' ich wieder etwas Neues ausgearbeitet.

Alter König. Hofrath, Ihr laßt mich jetzt immer ganz im Stich.

Hanswurst. Jedermann, mein König, hat ein Gelüsten nach mir, ich bin gar zu beliebt.

Alter König. O wie erneuert sich die Sehnsucht mir,
Mit jedem Tage steigt die Woge höher,
Ich sinne, denke, träume nichts als ihn,
Die Langeweile hält mich eingeschlossen,
Und unentrinnbar bin ich stets der ihre,
Wenn du nicht bald, Sebastian, erscheinst,
Und Freudenthränen mir am Halse weinst.

Stallmeister. Ihro Majestät, es ist unmöglich, ich habe schon ein paarmal dagegen geeifert.

Leander. Es sind vergebliche Wünsche.

Alter König. Doch soll es möglich sein! Was hilft Dein Eifern;
Ich werde mich bald über Dich ereifern,
Dann hast Du Ursach über mich zu eifern,
Wenn Du von meiner Hand erst Schläge fühlst.

Gottlieb. Halt! Halt! Herr Vater! Er steht unter meinem unmittelbaren Schutze. Dafür ist die Denkfreiheit in meinem Lande.

Alter König. Daß dieser Wurm uns Langeweile macht?
Weil also frei zu denken ist erlaubt,
So denk' ich auch von ihm, er sei ein Hund.

Gottlieb. Nein so weit darf die Denkfreiheit nicht gehn. – Er ist kindisch, Herr Schulmeister, Ihr müßt ihm dergleichen schon vergeben.

Hanswurst. Mein König fahrt in Eurem Hoffen fort,
Sebastian wird zur rechten Zeit erscheinen,
An Eurem Hals die Freudenthränen weinen.

Stallmeister. Leander. Es ist unmöglich!

Alter König. Hanswurst. Es ist möglich!

Stallmeister. Ihr seid in der Irre!

Alter König. Ihr seid ein Schlingel!

Gottlieb. Keine Duelle, keinen Zweikampf, wenn ich bitten darf, das läuft der Sittlichkeit und der Aufklärung geradezu entgegen.

von Hinzenfeld kömmt.

von Hinzenfeld. Mein König, ich muß mich sehr beklagen.

Gottlieb. Klage.

von Hinzenfeld. In den neuern Aufklärungsschriften wird ein wenig zu sehr über die Schnur gehauen; man versäumt fast keine Gelegenheit, wo sich nur irgend eine Stichelei auf mich anbringen ließe.

Gottlieb. Wie so?

Stallmeister. Mein gnädiger König, ich kann das Gegentheil beschwören.

von Hinzenfeld. Noch in dem letzten Stücke ist eine große Abhandlung über die Elektricität der Katzen, ja der Hofrath hat sich neulich so gar unterstehn wollen, eine Flasche an mir zu füllen.

Stallmeister. Das wegen der Katzen ist nur ein naturhistorischer Aufsatz.

Gottlieb. Es soll aber doch nicht sein, alles soll mit Maaß getrieben werden, und die Personalsatire duld' ich nun einmal nicht. Seht, alle Poesie, alle Wissenschaft soll uns weich, soll uns menschlich machen, – aber der Teufel soll das schlechte Herz holen, das zur persönlichen Satire, und vollends gegen angesehene Männer überneigt.

Stallmeister. Es soll künftig gewiß unterbleiben.

Gottlieb. Eben als wenn man mich vexiren wollte! – Kein Mensch ist am Ende mehr sicher.

Selinus tritt mit Sprüngen herein.

Selinus. O Freude! Freude! Springt.

Gottlieb. Was giebt's?

Selinus. Unaussprechliches Glück! Springt.

Gottlieb. Weshalb springst Du so?

Selinus. Meine Pflicht! meine Vaterlandsliebe! Springt noch heftiger.

Gottlieb. Bist Du toll?

Selinus, über die Maaßen springend. Der Sonnenschein des Glücks ist zurückgekommen, – aus dem Fenster hab' ich eben gesehn, – und da sah ich unsern allergnädigsten Kronprinzen ankommen!

Gottlieb. Ist es wahr?

Königin. Ist es möglich?

von Hinzenfeld. Ei der tausend!

Königin Wir wollen ihm entgegen.

Gottlieb. Er wird schon kommen.

von Hinzenfeld. Ich höre ihn allbereits.

Selinus. Mein König, zur Vergütigung der neuen Schuh, die ich mir aufopfernd zersprungen habe.

Gottlieb. Da ist meine Börse.

Zerbino und Nestor treten ein.

Königin Ach! da sind sie ja!

Gottlieb. Umarme mich, mein Sohn.

Zerbino. O mein Vater, – meine zärtliche Mutter! – Umarmungen.

von Hinzenfeld. O Freude! Meine Augen voll Wasser, – ich habe mein Schnupftuch vergessen. Geht ab.

Leander. O Glück! o Wonne! – Wie muß ich mich hüten, nicht vor Rührung in schwülstigen Hyperbeln auszubrechen.

von Hinzenfeld kömmt zurück.

von Hinzenfeld. Jetzt kann ich mich gehörig freuen. – Lauft, lauft, meine Freudenthränen.

Gottlieb. Bist Du gesund? Hast Du den Geschmack gefunden?

Zerbino. Ach nein!

Gottlieb. Wie? Und Du kommst mit der alten Raserei vor mein Antlitz zurück?

Nestor. Mit Eurer Erlaubniß, gnädiger Herr, wir sind im Ganzen so ziemlich kurirt, es fehlt gleichsam nur die letzte Appretur, die wir vielleicht hier auch ohne Geschmack erlangen.

Gottlieb. Ja?

Zerbino. Wir kommen um vieles klüger zurück, wir haben unterwegs wohl tausend Vorurtheile abgelegt, neue Ideen angenommen, uns selbst und die Menschheit kennen gelernt, in Summa, wir sind gar vortrefflich.

Gottlieb. Wenn sie nur nicht Ketzer oder Schwärmer geworden sind.

Stallmeister. Ich werde sie nachher, mit Eurer Erlaubniß, examiniren.

Zerbino. Wer ist der?

Gottlieb. Der oberste Schulmeister, ein überaus zarter und trefflicher Mann.

Nestor. Das ist ja unser Hund!

Zerbino. Bestie! warum bist Du uns denn fortgelaufen?

Gottlieb. Was?

Stallmeister. Ich erstaune!

Gottlieb. Sie kommen toller wieder, als sie weggegangen sind, das ist die Frucht vom Reisen!

von Hinzenfeld. Aber sollten Sie in der That ein Hund sein?

Alter König. Ich hab's ja immer gesagt.

Gottlieb. Meine Freude verwandelt sich auf die Art in Jammer und Herzeleid.

Leander. Ist es mir erlaubt, einen Vorschlag zu thun?

Gottlieb. Schlage in Gottes Namen vor, was Du willst, denn meine Vater-Schmerzen lassen keine vernünftige Ueberlegung zu.

Leander. Mich dünkt, man sieht es ihnen beiden hinlänglich an, daß sie überflüssig gebildet sind, und das Reich darf sich in Zukunft noch mannichfaltigen Nutzen von ihnen versprechen; nur sind sie dem Anscheine nach von der Reise und ihrer Vortrefflichkeit noch so voll, daß sie alles Einheimische verachten; dieses ist in ihnen zu viel Selbstgefühl, wie gleichsam sans comparaison bei den jungen Studenten; dieser überflüssige Geist des Uebermuths muß bei Ihnen verdunsten, und sie werden nachher die köstlichsten Staatsbürger: mein unmaßgeblicher Rath wäre also, man führte sie beide in ein tiefes Gefängniß, und ließe sie bei der gehörigen Langeweile und Wasser und Brod so lange fasten, bis sie sich bekehrt haben; auch könnte man dem Nestor, doch ohne seiner Ehre dadurch zu nahe zu treten, täglich einige Schläge zuzählen.

Gottlieb. Der Vorschlag ist herrlich, man kann es nicht besser aussinnen. – Sie wollen, die Verbrecher, sich ohne Geschmack behelfen, und geben die nützlichsten, anmuthigsten Leute für Hunde aus. –

Zerbino und Nestor werden von der Wache abgeführt.

Leander. Man könnte ohngefähr nach einem Monate eine Kommission ernennen, um die armen Sünder zu examiniren, ob sie in sich gegangen sind, und nach deren Befinden möchten sie dann vielleicht wieder auf freien Fuß gestellt werden.

Gottlieb. So soll's sein, und nun nicht mehr viel darüber gesprochen. – Komm, meine Gemalin, unsre Freude ist uns garstig versalzen. – Geht mit Gefolge ab.

Alter König. Stallmeister, Dir ist es recht geglückt, daß Deine Person nun am Hofe sogar unverletzlich ist.

Stallmeister. Wie?

Alter König. O, ich kenne Dich recht gut, so sehr Du Dich auch verstellen magst.

Hanswurst. Laß es gut sein, mein König, Ihr habt eben ein Beispiel gesehn, wie man dergleichen anstößige Denkungsart zu bestrafen sucht.

Stallmeister. Ich entferne mich, meine Pflicht läßt mir nicht viele Zeit zum müßigen Geschwätz übrig. Ab.

Alter König. Er scheint doch wenigstens thätig.

Hanswurst. Ueber die Gebühr.

Alter König. Ob ich ihm nicht am Ende Unrecht damit thue, daß ich gar keinen Respekt vor ihm habe?

Hanswurst. Ehe Ihr Euch Gewissensbisse macht, mein König, so respektirt ihn lieber.

Alter König. Kommoder hat man's damit. – Nur, daß man wieder andern damit Unrecht thut, die wir im Herzen hochachten, wenn wir solche nicht verachten. – Es ist eine konfuse Wirthschaft mit der Humanität.

Hanswurst. Ist er Euch zuwider, so macht nicht so viele Umstände.

Alter König. Er ist mir warlich ekelhaft.

Hanswurst. Nun so verabscheut ihn, und damit Punktum.

Alter König. Ich will es auch, denn betrachte nur bei seinem sonstigen Uebermuth sein knechtisches Wesen, das ihm noch vom Hunde her anhängt. Und welche erbärmliche Sorte von Vernunft er verbreiten will! –

Man hört Trompeten.

Hanswurst. Was ist das?

Alter König. Irgend ein vornehmer Fremder muß angekommen sein.

Nathanael von Malsinki tritt mit Gefolge ein.

Nathanael. Guten Tag, mein Freund, mein König.

Alter König. Wen sehen meine alten Augen?

Nathanael. Erinnern Sie sich nicht Ihres alten Freundes, der einst Ihr Schwiegersohn werden wollte, des Prinzen Nathanael von Malsinki? Der große Gottlieb hat nachher das Kleinod davon getragen, nach welchem ich trachtete.

Alter König. Ist es möglich?– Hofrath, sieh ihn genau an. –

Hanswurst. Ich thu's.

Alter König. Findest Du nichts besonders an ihm?

Hanswurst. Nichts, als daß er einen etwas fremden Anstrich hat.

Alter König. Sieh ihn an, es ist ja der vielgeliebte Sebastian.

Hanswurst. Er hat wirklich Aehnlichkeit mit ihm.

Alter König. Ganz derselbe.

Nathanael. In der That, ich heiße mit einem andern Namen Sebastian.

Alter König. O welche Freude! laß Dich an mein Herz drücken, o Du mein vielgeliebter, so lang ersehnter, so herzlich erwünschter, so wunderbar überraschender Sebastian. – Aber nun darfst Du mich auch nicht wieder verlassen.

Nathanael. Nimmermehr, denn ich habe alle meine Länder verkauft, um künftig in Ruhe und ohne Sorgen zu leben, und um dieses gehörig auszurichten, hab' ich mir Deine Gesellschaft erwählt.

Alter König. So wollen wir also recht vergnügt sein; aber um gänzlich zu harmoniren, mußt Du mir vor allen Dingen den Gefallen thun, und kindisch werden.

Nathanael. Wie das?

Alter König. Ich meine den Verstand verlieren. So lange ich diese Gabe an mir hatte, war ich eine höchst unglückselige Kreatur, aber seitdem ich kindisch bin, befinde ich mich erstaunlich wohl.

Nathanael. Den Gefallen will ich Dir gerne thun.

Alter König. Dann sind wir beide und auch der Hofrath da, ein Leib und eine Seele. Er hat von je an darauf resignirt, verständig zu sein.

Nathanael. Topp! ich thu mich alles Verstandes ab, und lebe glücklich an Eurer Seite.

Hanswurst. Mein König, nun können wir recht genau diesen Herrn Sebastian mit jenem andern vergleichen, den wir aus Blei besitzen.

Alter König. Nein, mein Freund, bei Leibe nicht, das könnte mir eine unerwartete Störung machen, nun ich diesen hier besitze, will ich jenen mit keinem Auge wieder ansehn; im Gegentheile, theuerster Hofrath, nimm ihn sogleich und wirf ihn in's Feuer, damit er schmelze und kein Gebein von ihm übrig bleibe, so ist nachher gar keine Vergleichung möglich. – Hanswurst ab.

Nathanael. Was soll das vorstellen?

Alter König. Wenn Du kindisch sein willst, mußt Du Dich über dergleichen niemals verwundern. –

Sie gehn Arm in Arm ab.

 


 

Feld.

Dorus. Lila.

Lila. Und darf ich's glauben? und es ist kein Trug?
Ihr irrtet nicht? Ihr saht ihn? sprachet ihn?
Nach langer, langer Trennung kehrt er wieder?

Dorus. Sei ruhig, Tochter. Ja er kehrt zurück.

Lila. Und immer noch das holde Angesicht,
Den hellen Blick im Auge, dieses Lächeln,
Das auch im Winter Frühlingssonne ist?
O warum ist er nicht in meinen Armen?
Wo weilt er? ach! er sehnt sich nicht, wie ich.

Dorus. Nur wenig hemme Deine Ungeduld.

Cleon tritt auf mit Helikanus.

Lila. Er ist's! o güt'ge Götter!

Cleon. Lila! Lila! – Sie umarmen sich.

Helikanus. Abseits muß ich bei diesem Schauspiel stehn,
Jedwede Freude ward mir ungetreu.

Dorus. So steigt der Himmel auf die Erde nieder,
So fahren Blitze aus der Seligkeit
Herab in ird'sche Menschenherzen, wenn
Getrennte Liebende sich wieder sehn.

Cleon. An dieser Stelle will ich Rosenbüsche
O Rose, Lila, meine Lilie pflanzen;
Hier wollen jährlich wir das Fest begehn
Der süßesten Erinnrung, schöner Hoffnung.

Lila. Hier soll jedwede Pflanze zu uns sprechen,
Die Rosen diesen Frühlingskuß erinnern:
Wenn Du je zürnst, so führ' ich Dich hieher,
Liebst Du mich nicht, so führ' ich Dich hieher,
Holdselig winken uns die Rosen, flüstern
Die Büsche, wir versöhnen uns in Küssen.

Cleon. Nie müsse dieser Tag, die Stunde kommen,
Daß Du die Blumen Dir zum Zeugen rufst,
Wie Dich Dein Cleon ehemals geliebt!
Nein, diese Gegenwart soll um uns bleiben,
In dieser Sehnsucht wollen wir sie pflanzen,
Mit frischer Liebe stündlich sie bethauen,
Daß sie ein Immergrün sich um uns schließe,
Und wir wie Blumen unverwelklich, duftend,
In ewig gleichem Glanz der Farben brennen,
Und keine Zukunft aus geweihtem Boden
Die fest verwachsnen Wurzeln reissen könne.
Die Zeit, wenn sie an uns vorübergeht,
Soll uns nicht kennen, so in Lieb verschlossen,
Daß sie uns von einander nie entfremdet.

Lila.
        Doch rückwärts kam der Sonnenschein
    Dicht zu mir drauf das Vögelein,
    Es sah mein thränend Angesicht
    Und sang: die Liebe wintert nicht,
            Nein! nein!
    Ist und bleibt Frühlingesschein!

Dorus. Mir kommt ein altes Lied in die Gedanken,
Das ich in meiner Jugend oftmals hörte,
Stets rührt' es mich, jetzt hab' ich es seit lange
Nicht im Gemüth bedacht, nun sing' ich's wieder.

        Ich Jüngling will mich machen auf
    Und gehn durch die bunte Welt dahin,
    Es bringt der mannichfalt'ge Lauf
    Mir wundersame Bilder in'n Sinn,
            Wohin? Wohin?
    Die Freiheit ist mein erster Gewinn.

        Wohlauf! die Stadt liegt hinter mir,
    Vor mir liegt Wald und Bach,
    Ich wandle fort in dem Lust-Revier,
    Kein' Sorge wandelt mir nach; –
            Doch ach! doch ach!
    Was wird im innersten Busen mir wach?

        Was willst du Wald? du Blume von mir?
    Bin ich dir schon bekannt?
    Vertraulich thut ihr und freundlich hier,
    Ihr seid mir fremdes Land,
            So abgewandt,
    Ihr seid mir nie als Freunde genannt.

        Und doch sind wir Freunde, und doch Deine Freund',
    Erinnre dich nur recht tief in der Brust,
    Wie wir uralte Bekannte seind,
    Der Namen unser dir wohl bewußt,
            Süß-Lust, Süß-Lust,
    Du hast uns endlich folgen gemußt.

        Heraus dein Sehnen dich trieb an's Frei,
    Sonst saßest verschlossen in dir,
    Du dachtest wohl nicht, wie herrlich der Mai,
    Wir lockten, du wandelst nun hier,
            Und für und für
    Sind Brüder und Freunde so du wie wir.

        So hab' ich die Freiheit nur darum gesucht,
    Um euer armer Knecht zu sein,
    Viel lieber begeb' ich mich gleich auf die Flucht
    Und kehr' in das alte Hausdunkel hinein,
            So Blum wie Hain,
    Sie herrschen schon mächtig die Seele mein.

        Was wollt ihr gaukelnde Farben süß,
    Was sprichst du lockender Vogelgesang?
    Die Farben und Lieder sie zaubern gewiß,
    Schon fühl' ich das Herz im Busen so bang,
            Wie lang, wie lang,
    Ertrag' ich in mir den entzückenden Klang.

        Kommt Geister aus eurem Hinterhalt
    Und zeigt mir ein redlich Gesicht,
    Entsteiget den Bergen, verlasset den Wald,
    Und wagt euch hervor an Tageslicht!
            Wo nicht, wo nicht,
    Ich wieder zurück in das Hausdunkel flücht!

        Nicht kannst du wollen den Freunden entfliehn,
    Wie magst du in's Dunkel zurück?
    Wir können uns nicht aus den Blumen ziehn,
    Und zeigen dem irdischen Blick,
            Dein Glück, dein Glück
    Enthüllet dir bald ein frohes Geschick.

        Wir alle, wir alle ein einziger Geist,
    Keine Macht uns trennen und sondern kann,
    Unser mannichfach Bild nach einem nur weist,
    Du findest es wohl und kennst mich alsdann,
            Hinan, hinan,
    Es wandle ein jeder die eigene Bahn.

        Was sieht das Auge dort für Schein,
    Der Blumen schönste du gewiß,
    Sollt'st du der Geist der Blumen sein,
    Und zeigst dich mir so süß?
            So süß! lieb-süß?
    Ich dir gern meine Freiheit ließ.

        Ein Mägdlein bin ich dir und treu,
    Die Liebe lockte dich unbekannt,
    Daß wissest, der Liebe schönste Blum' ich sei,
    Drum habe meinen Namen genannt,
            Ich bin gesandt,
    Daß aller Schönheit werdest verwandt.

Helikanus. O Lüge, wie sie keiner noch erfand,
Die Liebe lockt uns anfangs täuschend nach,
Wie Schimmer, der in Dunkelheit verlischt;
Der Bettler, der von Schätzen träumt und arm
Auf seiner dürft'gen Lagerstatt erwacht,
Vergleicht sich dem nicht, der an Liebe glaubt.

Cleon. O Lila, daß ich mich nur fasse, nicht
Im Taumel dieser Seligkeit vergeh;
Ich kann mich noch nicht finden, immer noch
Entdrängen Bilder aus den vor'gen Tagen,
Die Freude, die aus Deinen Augen strahlt.

Lila. So lange konntest Du mich einsam lassen?

Cleon. Doch ist dafür die Erbschaft gänzlich unser,
Die mich zuerst auf meine Reise trieb,
So schafft uns doch mein sorgendes Bemühn
In diesen wen'gen Wochen ruh'ge Tage,
Ein ganzes langes Leben ohne Sorge. –
Wie ich mich auf dem Rückweg dann verirrt,
Stets wieder in dieselbe Gegend kam,
Und keinen Mann gefunden, der mir rechtlich
Den Weg gewiesen, kann ich Dir nicht sagen.

Lila. Doch nun darfst Du mich nimmermehr verlassen.

Helikanus. Ich bin dafür auf ewiglich verlassen.

Dorus. Kein Mensch, der lebt, ist gänzlich wohl verlassen.

Cleon. Ich muß Dir auch ein Abentheur berichten,
Das letzte aller, die mich noch betroffen,
Das einzge schöne, das mich noch betroffen.
Wie ich verirrt den Weg im Walde suche,
Führt mich der Zufall, führt mich wohl das Glück,
Zur Seite eines klaren Bächleins hin.
Ich steh und schaue noch die alten Buchen,
Die sich in heller Fläche widerspiegeln,
Der Fels, der sich zum Dach hinüberneigt
Und oben Tannen trägt, und manch Gebüsch,
Das sich seit Jahren in einander schlang.
Da däucht mir hör ich einsamen Gesang
Von einer holden zarten Weiberstimme,
Ich eile näher, glaube Dich zu hören,
Weil noch kein andrer Ton jemals so sanft
Mich rührte; jetzt bin ich zum Bach gekommen,
Doch fand den Sänger noch mein Forschen nicht.
Wie sollte wohl der Nymphen eine singen?
So dacht' ich still bei mir und scheute mich
Hörbar den Fuß zu setzen, im Gebüsch
Zu rauschen; doch geziemt's nicht Himmlischen
So klagend Töne aus der Brust zu heben.
Begeistrung flog durch alle meine Sinne
Höchst wundersam, denn ich vergaß mich selbst,
Ich fürchtete, Dianen möcht' ich finden,
Die noch im Lied Endymions Schöne singt,
Vielleicht gar Aphrodite, die noch nicht
Adonis Jugendglanz vergessen kann,
So innigst hatte mich der Ton gerührt. –
Indem bemerkt' ich in der Ferne, erst
In Wasserfluth das Bildniß abgespiegelt,
Dann die Gestalt, die klagend saß und weinte,
Und schöner schien die Woge zu erglänzen,
Und freudiger von ihr getroffen zu tanzen,
Die Bäume grünender, der Himmel blauer,
Und Blumen, die vom Ufer nickten, wollten
Sich niedertauchen in des Bildes Schein.
Ein Mädchen war's mit aufgelöstem Haar,
Nur halbbekleidet, erst dem Bad entstiegen,
In lieblicher Verwirrung das Gewand,
Wie vor sich selbst beschämt, den Blick in sich
Gewendet, alle Formen schön vollendet
Der edelsten Gestalt, sie sah mich nicht
Und ich stand so entzückt in dem Beschauen,
Daß ich vergaß zu athmen und zu denken.
Die Füße waren in der Welle noch
Und sprudelnd fröhlich sprang die Fluth hinüber,
Und wiederscheinend glänzte Fuß und Schenkel
So zart und weiß, daß grünender das Ufer,
Kristallener der Strom und heller schien. – –
Doch warum weinst Du, Lila, meine Gute?

Lila. Wie ich an Schönheit Mangel leiden muß,
Wie Du mich nicht, Unwürdge, lieben kannst,
Dies zwingt die Thränen mir aus schwachen Augen.

Cleon. Laß, süße Liebe, alle Eifersucht,
Vergieb, daß ich den Traum Dir wiederholte.
Ich tröstete die schöne Trauernde,
Sie war beschämt mich plötzlich dort zu finden,
Sie zog mit mir, und suchte so wie ich,
Ein liebend Herz, von dem sie lang getrennt,
Und das in bessern Zeiten sie gekränkt.

Helikanus. So leiden doch noch andre außer mir?
Doch kleiner Trost für den, der elend ist.

Cleon. Sie ist bis hieher mir gefolgt, und harrt,
Ob sie vielleicht darf ihren Namen nennen.

Dorus. Was hält sie ab, um sich sogleich zu zeigen?

Cleon. Vielleicht daß sie ein hartes Herz hier findet,
Das ihren Leiden nicht verzeihen will.

Helikanus. Wie nannte sich die schöne Pilgerin?

Cleon. Wenn ich nicht irre, war ihr Nam Cleora.

Cleora tritt auf.

Helikanus. O Himmel! Götter! ist das Wunder möglich?

Cleora. Ich suche Dich, willst Du mich jetzt verstoßen?

Helikanus. Du suchst mich? Gütge! – Hast Du mir verziehn?
Ich Dich verstoßen? – Du erbarmst Dich meiner?
Ich weiß nicht, was ich spreche, welche Thränen,
Ob Schmerz, ob Freude, sich aus meinen Augen
Heiß brennend stürzen, – kennst Du mich, Cleora?

Cleora. O kannst Du mir die schwere Schuld verzeihn?
Ich habe Dich in weiter Welt gesucht,
Abwesend schon fleht' ich Dich um Vergebung,
O laß anwesend mir vergeben sein.

Helikanus. So ist's kein Traum? so bleibt die Täuschung treu?
Die Felsen, diese Bäume halten Stand?
Wenn ich nun mein Bewußtsein wieder finde,
Bin ich der Seligste auf ganzer Erde.

Cleora. So sind wir nun von Herzen ausgesöhnt?

Helikanus. Das schönste haben Götter uns gegönnt.

Cleora. Als Du mich damals wild verzweiflend ließest,
Mich fandest als verlobte Braut, – mit Thränen
Hab' ich Dich rückgewünscht, denn meine Thorheit
Bestimmte dies zu Deiner letzten Probe.

Helikanus. Und wo mein Glück mir dort am nächsten war,
Sah ich nur schwarzes Elend vor mir dräun!

Cleora. Jetzt wünsch' ich nicht, Du hättest nicht geirrt,
Denn lieb ist mir, was ich im Dich erduldet.

Dorus. Betretet alle meine kleine Hütte
Und laßt uns da noch traulich weiter schwatzen,
Wie alles dies sich wunderbar begeben,
Die Götter schützen der Verliebten Leben. Gehn ab.

 


 

Gefängniß.

Zerbino, Nestor. Beide in tiefen Gedanken.

Nestor, nach einer langen Pause. Das Zeitalter ist der Satire nicht recht günstig.

Zerbino. Wie so?

Nestor. Es ist gar zu vernünftig, es hat keine frappanten Narrheiten.

Zerbino. Wir sitzen nun hier schon seit vier Wochen, bloß weil die Leute gar zu trefflich und verständig sind.

Nestor. Sie bessern uns recht auf die Dauer, daß sie uns hier so lange sitzen lassen.

Zerbino. Ich habe meinen vorigen Muth verloren, sonst würd' ich wieder aus Verzweiflung auf den Gedanken kommen, das Stück rückwärts zu drehen – aber dazu sind wir auch hier zu enge eingeschlossen.

Nestor. Und die Prügel, die mir zugetheilt werden, – das erstickt allen Freiheitssinn.

Zerbino. Die Zeit ist mir indessen so lang geworden, daß ich mir um zehn Jahre älter vorkomme.

Nestor. Es macht auch, weil sich nun unsre Erfahrung und Klugheit mehr setzt und innerlich zu Boden fällt.

Zerbino. Uebermüthig waren wir, das ist nicht zu läugnen.

Stallmeister, Leander, Hinz von Hinzenfeld, treten ein.

Nestor. Gottlob, daß wir wieder Menschen sehn.

Zerbino. Es ist hohe Zeit.

von Hinzenfeld. Mein Prinz, wir sind als Commission niedergesetzt, ihre Verstandeskräfte zu untersuchen, ob Sie nunmehr beiderseits zu Staatsbürgern tauglich, oder nicht.

Zerbino. Examiniren sie uns.

Stallmeister. Vor allen Dingen, wer bin ich?

Zerbino. Ein verehrungswürdiger Mann.

Nestor. Ein Wohlthäter der Menschheit.

Stallmeister. Nu, die ersten Antworten sind ganz gut ausgefallen.

von Hinzenfeld. Es freut mich, daß Sie zur Mäßigkeit zurückgekehrt sind.

Zerbino. Wir sehn unsre ehemaligen Irrthümer ein.

Stallmeister. Fühlen Sie Trieb in sich, das Glück der Menschheit zu befördern?

Zerbino. Mein erstes Geschäft soll sein, meine an mir selbst gemachten Erfahrungen getreulichst niederzuschreiben.

Nestor. Und ich bin gesonnen, eine Reisebeschreibung drucken zu lassen, und zwar ohne allen Witz.

Stallmeister, klatscht in die Hände. Bravo!

Leander. Die Schläge haben eine gute Wirkung gethan.

Zerbino. Ich will meinen Herrn Vater um irgend eine Stelle ersuchen, damit ich meinen Trieb zur Thätigkeit in Ausübung bringen könne.

von Hinzenfeld. Recht so, ich bin alt, nehmen Sie meine Stelle an.

Zerbino. Wenn mir nur in einem so erhabenen Posten die nöthigen Kenntnisse nicht gebrechen werden.

von Hinzenfeld. So will ich Ihnen getreulich zu Handen gehn.

Nestor. Wenn ich, Herr Oberschulmeister, würdig gefunden würde, unter Ihrer Leitung und Aufsicht eine Schul- und Erziehungswürde zu bekleiden, so würde ich mich überaus glücklich schätzen.

Stallmeister. Es soll Ihnen nicht ermangeln, Sie scheinen mir zu einem Erzieher herrlich konstituirt.

Leander. Was halten Sie von der Poesie?

Zerbino. Daß sie eine Narrheit ist.

Nestor. Daß ich künftig immer dagegen schreiben werde.

Leander. Meine Herren von der Commission, ich dächte, wir ließen Sie wieder an die freie Luft.

von Hinzenfeld. Ich habe nichts dagegen einzuwenden.

Stallmeister. Ich finde sie auch bei vollem Verstande.

von Hinzenfeld. So kommen Sie also, meine theuren Freunde; nun werden Ihre Einsichten dem Staate nicht mehr gefährlich sein. –

Sie gehn ab.

 


 

Platz vor Dorus Hause.

Cleon, Lila, Helikanus, Cleora, der Waldbruder.

Waldbruder. Ihr braucht zu Eurem Glücke keinen Glückwunsch,
Euch ist verliehn, was sonst das kühnste Hoffen
Vom Himmel nur begehren kann: ich bin
Nun völlig ganz verlassen, keine Seele,
Die um den alten Mann sich kümmerte,
Auch Ihr seid tief in Freude nun versunken
Und denkt an Trauernde nicht mehr zurück.

Helikanus. Nein, theurer Greis, laß den Gedanken fahren,
Durch Glück ist unser Herz dem Mitleid erst,
Dem himmlischen, eröffnet, wer von Leiden
Umschlossen wie von bangen Kerkern ist,
Dem bleibt kein freier Blick in andrer Herzen,
Er zehrt nur an sich selbst sich selber fehlend,
Und doch sich selber g'nug in herber Kargheit;
Du sollst mir jetzt ein theurer Vater sein,
Cleora auch verlor das Glück der Eltern,
Drum bleib zu unsrer Freude gegenwärtig,
Und theile mit uns, was wir nur besitzen.

Waldbruder. Ich nehme Deinen schönen Antrag an:
Ich hatt' einst einen Sohn – er müßte jetzt
Von Deinem Alter sein; vielleicht daß er
An Bildung Dir, an Tugenden Dir gliche:
Der Krieg, der keinem Menschen freundlich ist,
Hat ihn und Gattin mir zugleich geraubt.

Helikanus. Und keine Nachricht kam seitdem Dir wieder?

Waldbruder. Ich habe unermüdet nachgeforscht,
Doch trotz dem Forschen mocht' ich nichts entdecken,
Wen kümmert doch im schrecklichen Gedräng'
Ein hülflos Weib, ein neugeborner Knabe?
Ich war im Feld ein angeseh'ner Mann,
Aus unserm Wohnsitz, der belagert ward,
Nahm ich mein Weib hinweg, in Sicherheit
Nach einer andern Stadt sie zu begleiten.
Mich fingen Feindes Reiter unterwegs,
Doch sie entkam mit dem geliebten Knaben,
Um bald darauf, getrennt von mir, zu sterben,
Man löste mich nach zweien Jahren aus,
Ich ward nur frei, um lebenslang zu weinen.

Helikanus. Kennt Ihr dieß Bildniß wohl, geliebter Vater?

Waldbruder. Mein eignes.

Helikanus. O dann bin ich Euer Sohn,
Der lang' verloren, doch gefunden ward,
Das sagte mir von je der Zug des Herzens,
Das Unbekannte, das mich zu Euch führte.

Waldbruder. Es kann, es kann nicht sein, die Freude wäre
Zu groß für mich am Ende meines Lebens.

Helikanus. Ihr sollt nicht sterben, Eurer Kinder Pflege
Wird Euer Alter wieder neu verjüngen.

Waldbruder. Doch rede nur, ich glaube Dir so gerne,
Wie sollt es möglich sein?

Helikanus. Dies edle Bild
Gab mir die Mutter auf dem Sterbebette,
Ich hatte kaum mein viertes Jahr erreicht,
Und wußte weder, daß sie starb, noch was
Das Bild mir sollte. – Lange hat sie Euch
Gesucht in fremder Gegend, – doch umsonst,
Sie starb und hatte nichts von Euch vernommen.
Ein guter Mann nahm mich zu seinen Kindern,
Erzog mich, liebte mich, belehrte mich,
Von ihm erfuhr ich, was ich wissen sollte,
Er reichte mir das Bild, als ich erwachsen.
Seitdem durchstreif' ich weit und breit die Welt,
Doch keiner wußte mir vom edlen Morgan
Zu sagen, daß ich ihn gestorben glaubte.

Waldbruder. Ich hielt in fremden Wäldern mich verborgen,
Den Leib mit Wurzeln, meinen Gram mit Thränen
Ernährend, ganz der Andacht hingegeben.
Doch jetzt lass' ich der Freude wieder Raum,
Ich halte Dich umarmt, es flieht mein Traum,
Der meinen Geist so lang in Angst gekettet,
Dich hab' ich wieder und ich bin gerettet.

Dorus kömmt.

Helikanus. Ich habe, Freund, den Vater aufgefunden.

Waldbruder. Mir ist ein lieber Sohn zurückgegeben.

Dorus. Nur Freud' und Wunder kömmt in diesen Tagen:
Doch hat sich auch noch manches zugetragen,
Wovon Ihr hier gewißlich nichts vernommen,
Doch ich bin eben aus der Stadt gekommen,
Da ist es arg, ein jeder lärmt und schreit
Und spricht nur von der neusten Neuigkeit;
Man hat ein groß Gerüste aufgebaut,
Damit jedweder dort den andern schaut,
Mit Satan will sich Polykom versöhnen,
Und Gottlieb will den Sohn als Prinzen krönen,
Er selbst sitzt da auf einem prächt'gen Thron,
Tribünen sind umher für die Nation,
Freimaurer auch, die Kindischen genannt,
'Ne neue Loge, andrer Nebenbuhle,
Sind dort, Hanswurst ist Meister von dem Stuhle,
Wir müssen hin und zwar sogleich, geschwinde,
Daß jeder noch für sich ein Plätzchen finde. –

Sie gehn schnell ab.

 


 

Großer Cirkus; Gottlieb auf dem Thron, sein ganzer Hof versammelt, die ganze Nation als Zuschauer umher auf Gerüsten, auch die Poetischen treten ein.

Unter Pauken und Trompeten tritt Polykomikus ein, gegen über Satan mit Jeremias als seinem Schildknappen. – Lange Pause, – Satan und Polykomikus umarmen sich, – lautes Klatschen auf den Tribünen.

Satan. Ich vergebe Dir.

Polykomikus. Und ich bin wieder der Alte.

Satan. So sollst Du auch wieder Deinen alten Einfluß haben.

Polykomikus. Stallmeister, Leander, Hinz, alle Redlichen werden mir wieder nacheifern.

Einige in der Nation. O große Menschheit in Polykomikus! Sich sogar mit dem Satan zu versöhnen!

Die Nation. Bravo! bravo! so wird die Ausbildung nun ihren ruhigen Gang fortgehn können. – Sie klatscht.

Die Poetischen. Und auch wir wollen künftig dem allgemeinen Besten nützlich sein.

Alle, mit Enthusiasmus. Bravo! bravo!

Der Vorhang fällt.

 


 

Der Jäger tritt als Epilog unter Verbeugungen auf.

Wer erst Prolog gewesen, wird Epilogus.
So wunderbar verkehrt sich's in der Welt:
Wärt Ihr der Lieder nicht ganz überdrüßig,
So möcht' ich wohl zum Schlusse eins versuchen,
Denn welcher Schluß ist doch wohl ganz geschlossen?

        Trüb und heiter
        Fliegt die Welt vor uns vorbei,
        Wir wandeln weiter
        Bald trüb' und heiter
        Und wissen nicht, wie es uns sei:
        Himmlische Poesie,
        Lehrst uns, wie.
        Aber sie vernehmen dich nicht,
        Sie wenden sich hinweg vom Licht,
        Sie leben weiter
        Immer trüber, wen'ger heiter.
        Merken nicht daß alles Trübe
        Durch der Künste Göttermacht
        In der heitern Milde lacht,
        Selbst der Haß wird lichte Liebe. –
                Warum Schmachten?
                Warum Sehnen?
                Alle Thränen
                Ach! sie trachten
                Weit nach Ferne,
                Wo sie wähnen
                Schönre Sterne.

Doch ewig, ewig unverstanden bleibt
So Stern, wie Blume, wie die hohe Liebe,
Dem dürftigen gemeinen Sinn. Die Jagd
Ist, Freunde, nun vollendet, alles ist
Vorüber, was noch eben um Euch scherzte.

        Wir kehren zurück von der Jagd!
        Es wird Nacht! es wird dunkle Nacht! –
        Habt Ihr denn Beute mit Euch gebracht?
        Wohlauf, besucht das grünende Land,
        Den Wald mit den Hörnern durchklungen,
        Von bunten Vöglein durchsungen,
        Besucht ihn öfter, er ist Euch bekannt.
        Doch komme keiner, der Jägerei
        Durchaus ein völliger Fremdling sei,
        Er rennt in den Schuß,
        Hat dessen durchaus keinen schönen Genuß,
        Weil ein solcher im Zimmer nur jagen muß.
                Muntres Herz, frischer Sinn
                    Ist Gewinn,
                Fröhlich geht's durch Büsche hin.
                Ist dein Herz dir matt und bang,
                Schnell erfrischt es Waldgesang,
                Waldgesang und Hörnerklang.

Geht ab.

 


 

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