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Gutenberg > Ludwig Tieck >

Prinz Zerbino

Ludwig Tieck: Prinz Zerbino - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleSchriften, Zehnter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1798
publisherG. Reimer
addressBerlin
titlePrinz Zerbino
pages382
created130603
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Akt.

Zimmer im Pallast.

Leander und Curio beschäftigt, bleierne Soldaten in Ordnung zu stellen.

Curio. Es ist doch Schade um den Mann.

Leander. Ja, und noch mehr um seinen schönen Verstand, den er vormals hatte.

Curio. Er regierte als ein wahrhaft großer König.

Leander. Aber nun ist er ganz kindisch geworden, er ist wieder in die Kindheit zurück verfallen.

Curio. Es ist nur gut dabei, daß er's selbst bei Zeiten merkte, und die Regierung seinem großen Sohne, oder Schwiegersohne, unserm allergnädigsten Gottlieb, überließ.

Leander. Es war die höchste Zeit, es war schon so weit mit ihm gekommen, daß er alles lesen wollte, was er unterschreiben mußte.

Curio. Warum gab man ihm denn keine Bücher, wenn er eine solche Lesewuth hatte?

Gottlieb tritt auf.

Gottlieb. Wo ist denn mein Herr Vater?

Curio. Er wollte nur einmal den Garten auf- und abgehn, er wird gleich wiederkommen.

Gottlieb. Was macht Ihr da?

Curio. Die alte Beschäftigung: Ihro Majestät geruhen, noch immer auf mancherlei Weise mit diesen bleiernen Soldaten zu spielen.

Gottlieb. Aber was soll denn daraus werden? ich kann es doch nicht begreifen, daß er es nicht überdrüßig wird.

Curio. Es wird im Gegentheile mit jedem Tage schlimmer; bald zählt er sie ab, bald müssen die Regimenter wechseln, bald wirft er mit kleinen Kugeln darunter und freut sich, wenn diejenigen umfallen, die er nicht leiden kann. So hat er auch wieder einige, die seine Lieblinge sind, diese zieht er bei allen Gelegenheiten vor und setzt sie über die andern; er hat ein ganz besonderes Vertrauen zu ihnen.

Gottlieb. Wer sind sie denn?

Curio. Dieser Reiter ist der vorzüglichste; wenn er manchmal stürzt, ist er im Stande darüber zu weinen.

Gottlieb. Nun der Kerl sieht hübsch genug aus, das ist wohl wahr, aber darum sollte ein alter Mann doch nicht so kindisch sein.

Der König tritt herein.

König. Sieh da, mein lieber Herr Sohn, nehmen Sie meine Armee auch in Augenschein? –

Gottlieb. Ja, sie ist ziemlich hübsch.

König. Ansehnliche Leute dienen darunter, lieber Herr Sohn, Leute, vor denen ich eine ordentliche Ehrfurcht habe.

Gottlieb. Wie so?

König. Ei wie so? Wer kann gleich sagen, warum, aus welcher Ursache man Ehrfurcht vor jemand hat! Man hat gewöhnlich Ehrfurcht ohne alle Gründe, denn verstehn Sie mich, es wär sonst gar nicht die wahre Ehrfurcht mehr.

Gottlieb. Aber es ist denn doch eigentlich nur ein Kinderspiel mit dieser Armee da.

König. Wie man's nimmt, Herr Sohn. Jedes Spiel ist eigentlich ein Kinderspiel, und was treiben wir denn wohl ernsthaft?

Gottlieb, zu Leander. Es ist Schade um den schönen Verstand, den er sonst wohl hatte; jetzt spricht er nichts als wunderliches Zeug.

Leander. Der Verstand wird bei dem Menschen mit den Jahren immer dünner, bis er endlich gar abreißt.

Gottlieb. Nun bei mir soll er nicht abreißen, dafür steh' ich Ihm.

König. Wenn ich für die Armee hier ernsthaft sorge, so ist es kein Spiel mehr, denn so denk' ich mir mehr hinzu, als man bei einem Spiele zu thun pflegt.

Gottlieb. Schon gut, schon gut, werthgeschätzter Herr Vater.

König. Denn es kömmt alles darauf an, wie ich es nehme.

Gottlieb. Ja, ja, Adieu; man kann auch des Guten zu viel thun. – Ab.

König. Und jetzt zur Sache. Ist das Avancement so besorgt durch die ganze Armee, wie ich es befohlen hatte?

Curio. Ja, gnädiger Herr.

König. Ich hoffe, der Reiter ist der Oberste geworden.

Curio. Nicht anders, es steht ihm jetzt keiner mehr im Wege.

König. Seht Ihr, Leute, so werden doch endlich alle Kabalen zu Schanden gemacht, das Verdienst steigt, wenn auch noch so spät, es muß nur die Geduld nicht verlieren.

Leander. Darum bin ich auch so geduldig.

König. Schon recht, Herr Hofgelehrter, es ist auch immer das Beste, was Er thun kann, geduldig zu bleiben.

Curio. Die Geduld ist freilich eine sehr gute Tugend.

König. So hab' ich endlich denn das wahre Glück,
Nach dem ich lange suchte, aufgefunden!
Vom Staat' entfernt regier' ich diesen Staat,
Der etwas doch, wenn gleich nur bleiern, ist,
Doch jener wirkliche ist nur ein Unding,
Ein Wesen, das sich Fürst und Unterthan
Nur denken, jeder sucht, und keiner findet,
Ein Spiel wie Blindekuh, wo jeder wirken
Und nutzen oder sich bereichern will;
Der eine hascht mit zugebundnen Augen
Und tappt umher und meint dann, er regiert,
Die andern haben zwar die Augen offen,
Doch sehn sie nichts, als daß der eine blind sei,
Und damit glauben sie, schon viel zu sehn. –
Von diesen hier ist keiner undankbar,
Wenn ich ihn mehr als alle andern liebe,
Von diesen hält sich keiner für verständger
Als der, der ihn regieret und belohnt.
Verläumdung, Haß, Verfolgungen sind fremd
Der bleiernen Natur, der bunten Welt,
Die in sich selber abgeschlossen ist,
Die stille Einsamkeit so liebt, wie ich.

Leander. Mein König!

König. Ich vergaß mich selbst. – Ja, es ist wirklich schlimm, daß ich jetzt niemals meine Gedanken bemeistern kann; das Alter hat meinem Geiste übel mitgespielt, alle meine Seelenfähigkeiten sind vom Roste angefressen. Nun, man kann nicht immer jung bleiben.

Leander. Nach allen bisherigen Beobachtungen scheint es unmöglich zu sein.

König. Was waren das für goldene Tage, Hofgelehrter, als wir uns noch so gelehrt mit einander besprachen?

Leander. Ja wohl, Ihre Majestät, es war eine sehr gute Zeit.

König. Als Er so mit den Zahlen und Planeten, – ja, jetzt bin ich für solche ernsthafte Kost zu schwach. – Ich habe leider den Wissenschaften ganz entsagen müssen.

Curio. Das Vergnügen, mein König, ist auch ein Ding, das man wohl in Betrachtung ziehn darf.

König. Worüber ich mich billig wundern muß,
Ist, daß mir die Soldaten so gefallen,
An Farbe und an Wuchs und Schnitt der Kleider,
Gesicht, an allem wüßt' ich nichts zu tadeln;
Ja, selbst daß sie aus Blei gegossen sind,
Dünkt besser mir als wenn sie wirklich wären.
So macht es immer unsre Phantasie,
Sind wir zufrieden, scheint uns alles gut,
Doch mißvergnügt ist uns das Recht nicht recht;
Der Schein ist alles, was wir von den Dingen
Begreifen können, darum könnt' ich sagen,
Dies Heer besteht aus wirklichen Soldaten,
Die wirklichen sind diesen nachgemachte.
Da mir nun die Figuren so gefallen,
So wie sie sind, und ich nichts anders wünsche,
So könnt' es sein, daß ich zufrieden wäre,
Wenn sie auch nicht in dieser Schönheit glänzten,
Die Phantasie würd' alle Fehler bessern;
Nicht wahr, Leander?

Leander. Es könnte wohl sein, mein König.

König. Warum sind wir doch gegen Menschen anders
Gesinnt? betrachten sie nicht als Figuren,
Zum Spaß erdacht, zum Scherze aufgestellt,
Und sind damit zufrieden, wie sie sind?
Doch da macht Neid und Haß uns gern zu Tadlern;
Wir selber Menschen, werden Menschenfeinde,
Und wissen nicht, was wir geändert wünschen.

Leander. Mein König, es greift Euch zu sehr an.

König. Ihr müßt Geduld mit mir haben, meine Freunde, denn es läßt sich nun einmal nicht ändern, da es die kindische Schwäche meines Alters ist. – Nun wollen wir also die Generale zusammen stellen und ein Schicksal machen.

Curio. Ein Schicksal?

König. Ja, ich zähle immer funfzehn ab, und wen die Zahl funfzehn trifft, bei dem bedeutet's, daß er todt ist, und sodann immer weiter.

Leander. Warum aber gerade funfzehn, mein König?

König. Das könntest Du aber auch bei jeder andern Zahl fragen. – Zählt. Zwölf, dreizehn, vierzehn, funfzehn – hier, dieser Husar ist todt; fahr fort, Leander.

Leander. Zwölf, dreizehn, vierzehn, funfzehn – der Reiter –

König. O weh! der schönste Mann geht zur Vernichtung!
Ach ja! das Schicksal kehrt sich nicht an Kronen,
An Schönheit, Reichthum, an Talente nicht!
Die unerbittlich blinde Hand, gelenkt
Von einem dunkeln räthselhaften Willen,
Greift unversehns hinein und führt die Beute
Zum Orkus, ohne sie nur zu betrachten.
Wenn wir die Funfzehn, die geheime Regel
Der Mächte doch erforschen könnten, die
Wir nur die himmlischen zu nennen pflegen,
Weil himmlisch uns das Unbekannte ausdrückt!
Und Regel muß doch sein, sonst wär' es Zufall;
Zufall zu glauben ist der höchste Wahnsinn,
Und Wahnsinn streitet gegen die Vernunft.

Leander. Mein König – –

König. Ich weiß nicht, ich habe heut einen sehr schlimmen Tag. – Fahrt fort zu zählen und spielt das Schicksal weiter, wir wollen sehn, wer zuletzt übrig bleibt.

 


 

Saal der Akademie.

Hanswurst. Hinzenfeld.

Hanswurst. Sie sehn für Ihr Alter recht wohl aus.

Hinzenfeld. Gottlob, mir fehlt eben nichts. – Die Geschäfte dienen manchmal sehr zur Verbesserung unsers Leibes- und Seelenzustandes.

Hanswurst. Nachdem das Temperament ist.

Hinzenfeld. Warum das, lieber Hofrath? Ich glaube, ein jeder Mensch müsse seine gehörigen Geschäfte haben, so würden wir alle zufrieden sein.

Hanswurst. Wie man den Satz versteht, mein Theuerster.

Hinzenfeld. Ja wohl, wie man ihn versteht, denn darauf kömmt freilich alles an.

Hanswurst. Zum Exempel, wenn ich Lust hätte, ihn umzukehren.

Hinzenfeld. Ja, es kömmt aber doch dabei auf die Art an, wie man ihn umkehrt.

Hanswurst. Nun, das ist gerade, was ich meine.

Hinzenfeld. Also! – Aber wovon sprachen wir doch?

Hanswurst. Von Geschäften.

Hinzenfeld. Ganz recht. – Aber a propos was macht denn der Prinz?

Hanswurst. Das wahre Unglück ist, daß er ein Prinz ist, denn für einen Unterthan wäre diese Krankheit fast gar nicht schädlich.

Hinzenfeld. Wie so?

Hanswurst. Als Unterthan würde er irgend eine Beschäftigung suchen, in die er seine Tollheit einwickelte, so daß ihm, auf diese Art emalgamirt oder verquickt, weder Tollheit noch Beschäftigung sonderlichen Schaden brächte.

Hinzenfeld. Hm! – Ja –

Hanswurst. Er würde vielleicht ein Gelehrter werden und sonderliche Sachen in sich entdecken, von denen er dann eine Landkarte herausgäbe, um auch Andere von diesem Amerika zu überzeugen.

. Ganz recht, Sie spielen auf den Columbus an.

Hanswurst. Dann wäre ihm Terra incognita eine wahre Terra incognita und er wäre glücklich; denn wenn auch Neu-Holland und der ganze fünfte Welttheil mangelten, so würde er doch darauf schwören, den heiligsten Eid, den man auf der Bibel nur ableisten kann, daß es der Erde nicht möglich sei, mehr Erde zu haben.

Hinzenfeld. So fehlt ihm aber zum Unglück einer von den fünf Sinnen.

Hanswurst. Eine sehr wahre und eben so feine Bemerkung! – Nun geht er also als Prinz darauf aus, Verstand zu haben, statt daß es ihm wie dem Cyrus oder Kyrus, Cores, in einem ähnlichen Falle genügen sollte, Leute zu beherrschen, die Verstand hätten.

Hinzenfeld. Ja wohl. – O ich spreche doch gar zu gerne mit Ihnen.

Hanswurst. Ich bitte –

Hinzenfeld. Nein, im Ernst, diese Belesenheit, diese, – wie soll ich sagen? – diese Geschicklichkeit, die Gesinnungen des andern zu errathen, – nein, in der That, ich bin jederzeit charmirt davon.

Hanswurst. Man verwöhnt sich nur in der Welt, daß man so viel mit sich allein sprechen muß, und darunter habe ich auch gelitten.

Hinzenfeld. Ja wohl, ja wohl: es sollten allerdings mehr Ressourcen angelegt werden.

Hanswurst. Sie sind auch viel in der Einsamkeit, Herr Minister.

Hinzenfeld. Ich muß wohl; wenn man viel in Gesellschaften ist und geht mit Leuten freundschaftlich um, so währt's nicht lange, so wollen alle etwas haben und das ist mir äußerst fatal. Ich habe noch keinen uninteressirten Freund gefunden.

Hanswurst. Wirklich?

Hinzenfeld. Die Menschen, lieber Hofrath, sind alle Egoisten, glauben Sie mir auf mein Wort. Darum liebe ich die Einsamkeit ungemein. Und dann bin ich in Gesellschaften immer etwas genirt.

Hanswurst. Warum das? Sie haben doch mehr Geld, mehr Jahre und mehr Titel, als die meisten? Sie tragen einen Orden, und sind überdies noch ziemlich korpulent.

Hinzenfeld. Alle diese meine Gaben und himmlischen Geschenke wollen demohnerachtet nichts verfangen. Sehn Sie, es ist schon eine geraume Zeit her, daß ich meinen ehemaligen niedrigen Stand verlassen habe, – aber doch –

Hanswurst. Sie setzen mich in Erstaunen.

Hinzenfeld. Doch ergreift mich manchmal eine gewisse Blödigkeit, die ich Ihnen gar nicht beschreiben kann. Es ist wahr, ich bin durch meine Tugenden gestiegen, aber es ist zuweilen ordentlich, als wenn ich mich meines Adels schämte. Und dann die verteufelte naturhistorische Merkwürdigkeit, die ich in mir habe –

Hauswurst. Ich verstehe Sie nicht.

Hinzenfeld. Ich meine das verzweifelte sogenannte Spinnen, jenes Knurren, welches ich bei manchen Gelegenheiten durchaus nicht unterdrücken kann. Zum Exempel, wenn ein schöner Braten aufgetragen wird, oder wenn mir jemand eine Schmeichelei sagt und so weiter. Sehn Sie, dann schäm' ich mich so sehr und komme so sehr in Verlegenheit – O es ist erstaunlich wahr: Naturam expellas furca, tamen usque recurret.

Hanswurst. Da Sie aber einmal so sind, so sollten Sie sich das gar nicht anfechten lassen.

Hinzenfeld. Ich habe schon viel Medicin dagegen eingenommen, aber es ist ein alter Schaden, der wohl erst mit meinem Tode aufhören wird.

Hanswurst. Greift Sie aber das Spinnen nicht an?

Hinzenfeld. Daß ich nicht zu sagen wüßte; es ist mir im Gegentheil dann sehr wohl in meiner Haut, und ich glaube, gerade so wie ich knurren muß, müssen andre Personen in diesem Zustande Verse machen, und so ist diese Krankheit bei mir nichts weiter, als ein Gedicht beim Hasenbraten, das nur aus dem Pelze nicht heraus kann.

Hanswurst. Sie sind ungemein witzig, Herr Minister.

Hinzenfeld. Man sagt es von mir, ich lasse es gehn wie's kömmt, und thue nichts davon noch dazu.

Leander und Curio treten auf.

Leander. Ihr unterthänigster, Herr Minister.

Hinzenfeld. Ergebner.

Hanswurst. Wie geht es, Herr Gelehrter?

Leander. O ich bin in Verzweiflung.

Hanswurst. Wie so?

Leander. O das verfluchte, vermaledeite Schicksal hat mich ganz heruntergebracht!

Hinzenfeld. Mäßigen Sie sich, mein Lieber, in Ihrer etwas freien Denkungsart. – Unter uns hat es freilich nichts zu bedeuten, es könnte aber doch, wenn Andre zugegen wären –

Curio. O er meint nicht das ordentliche Schicksal, – nicht die vernünftige Vorsehung –

Hinzenfeld. Nun, was denn sonst?

Curio. Ei, des alten kindischen Königs Schicksal. Mir ist auch der Verstand ganz zusammengeschrumpft.

Leander. Mir wird warlich den ganzen Abend nichts anders einfallen, als die Zahl Funfzehn, so erbärmlich ist mir zu Muthe.

Curio. Ich kann, glaub' ich, nicht mehr in gehöriger Ordnung bis 15 zählen, so oft hab' ich's thun müssen.

Leander. Und dabei die verfluchten Namen, – der eine Kerl heißt Maximilian, der andre Sebastian, – und das alles muß man behalten, wenn man mit ihm spielt.

Hanswurst. Warum wollen Sie es aber nicht behalten?

Leander. Weil mich die Kerls gar nicht interessiren, weil in dem ganzen Spiel kein Menschenverstand ist.

Hanswurst. Ach, Freund, Sie denken gar zu unbillig vom Menschenverstande.

Lysippus tritt auf.

Hinzenfeld. Wir wollen uns immer setzen, die Gesellschaft wird bald versammelt sein. – Da ist ja auch unser witziger Kopf.

Hanswurst. Er hat manchmal so große Lager von Witz in Vorrath liegen, daß ihm die besten Sachen verderben.

Lysippus. Nun, meine Herren? – wohl, meine Herren, – ich hoffe, nun ist schon Gelehrsamkeit genug hier, um eine gelehrte Gesellschaft formiren zu dürfen.

Hinzenfeld. Excellent! in der That excellent. – Aber wissen Sie wohl, meine Herren, daß heute der Stiftungstag ist?

Lysippus. O ja, und darum sollte man auch Gedichte ablesen und dem Herrn Minister zu Ehren Feuerwerke abbrennen, weil er den ersten Grundstein zu dieser Gesellschaft legte, ich meine, die erste Idee dazu hergab.

Hinzenfeld. So wären also meine Ideen gleichsam Steine?

Lysippus. Und zwar Quadern, gnädiger Herr, und alles, was Sie damit bauen, ist im edlen Style.

Hinzenfeld. Sehr gut, ich versichere Sie auf meine Ehre, Herr Hofrath, ungemein gut. – Da kömmt der Philosoph!

Sappi tritt herein.

Sappi. Guten Abend, allerseits hochzuverehrende Herren; ich verwundre mich darüber, daß die Lichter noch nicht brennen.

Hanswurst. Ist es denn schon finster?

Sappi. Ach, sieh da, Herr Hofrath, warlich, so finster, daß ich Sie kaum erkennen konnte.

Der Arzt, Hofleute und andre Mitglieder der gelehrten Gesellschaft.

Arzt. Es ist eine ungesunde, neblichte Luft.

Sappi. Und sie fällt vorzüglich auf die Gehirnnerven.

Lysippus. Die Geister werden unterdrückt und im Lande des Witzes soll jetzt Mißwachs und theure Zeit sein.

Sappi. Witz selbst ist ein Mißwachs, wie kann ein Mißwachs Mißwachs haben?

Lysippus. Sie verachten den Witz, Herr Philosoph, und doch war dies selbst überaus witzig.

Sappi. Sie möchten gern alles zum Witze rechnen, was Ihnen verständig dünkt.

Lysippus. Sie sind scharf, Sie sind bitter.

Sappi. Nicht schärfer, als meine Ueberzeugung.

Lysippus. So ist Ihre Ueberzeugung ein geschliffenes Schwert, das Sie nicht so oft aus der Scheide ziehen sollten.

Sappi. Die Scheide ist die Philosophie.

Hanswurst. O welche Erquickung, nach langer Zeit doch wieder einmal ein verständiges Gespräch zu hören!

Die Lichter werden von Bedienten angezündet, und es wird nach und nach hell.

Lysippus. So wird die Aufklärung befördert.

Hanswurst, für sich. O dürften nur gewisse Scherzreden in der gesitteten Welt abgeschafft werden, so wie man beim Niesen nicht mehr: Gott helf! sagt. – Es war eine gute Zeit, als Noah unter seinen Söhnen zuerst diesen Familienspaß beim Lichteranzünden am Sabbathabend erfand, da war es noch wohlfeil neu zu sein, aber nun haben sich von den Zeitaltern die goldnen und silbernen Tressen abgetragen und die Fäden des Tuchs sind gar zu leicht zu sehn.

Lysippus. Sie sind so in Gedanken, Herr Hofrath? Warum sind Sie nicht munter?

Hanswurst. Warum sind Sie nicht traurig? – Es ist alles freilich nur, daß wir etwas sprechen; indessen befördert das doch immer die gelehrte Gesellschaft, und diese Gesellschaft trägt wieder zur allgemeinen Bildung bei.

Hinzenfeld. Aber setzen wir uns doch, meine Herren. Alle setzen sich. – Herr Hofrath, Sie sind ja wohl für diesen Monat unser Präsident, oder Befehlshaber.

Hanswurst. Ihnen aufzuwarten.

Sappi. Es wurde neulich die Frage aufgeworfen: wodurch der Mensch wohl am gewissesten zum Glücke gelangen könne, und ich antwortete hierauf, ohne mich lange zu besinnen: durch die Tugend. – Denn es scheint mir einleuchtend zu sein, daß die Tugend bloß dazu da sei, den Menschen vollkommen glücklich zu machen, weil wir sonst an einer großen und weisen Vorsehung zu zweifeln Ursach fänden. Es wäre gleichsam ein Widerspruch, wenn wir diesen unwiderstehlichen Trieb zur Tugend in uns spürten und die Tugend uns dem ohngeachtet nicht glücklicher machte.

Hinzenfeld. Nun, ich hoffe, das ist hinlänglich gründlich.

Lysippus. Fein gedacht und doch zugleich populär.

Hinzenfeld. Ganz recht, nicht die ordinäre Schulweisheit, die sich bloß mit Terminologien zu behelfen weiß.

Lysippus. Und auch nicht jener wilde Skepticismus, der lahm ist und in der Irre ohne Stecken umher läuft.

Hanswurst. Ist es mir erlaubt, irgend etwas zu antworten?

Sappi. Alles, was Sie wollen, lieber Hofrath.

Hanswurst. Wenn ich nun einwürfe, daß ich diesen Trieb, diesen Stachel zur Tugend, nicht in mir fühlte.

Sappi. Ei, mein lieber Hofrath, so wären Sie eine Ausnahme von der ganzen menschlichen Natur, und das will ich doch nicht hoffen.

Hanswurst. Warum nicht? Es könnte doch möglich sein.

Sappi. Ei, so würde ich ein Entsetzen vor Ihnen bekommen.

Hinzenfeld. Nein, Hofrath, ich zweifle gern selber manchmal in müßigen Stunden, aber da geht Ihr denn doch zu weit. Nein, die Tugend müßt Ihr stehn lassen, denn Ihr müßt wissen, die Tugend ist kein leerer Name, ein Satz, den sogar schon die Heiden zugegeben haben.

Sappi. Nein, der Adel der Menschheit verträgt auch solchen Glauben nimmermehr.

Leander. O der Hofrath geht noch viel weiter; zweifelte er doch gestern sogar an der Wirklichkeit.

Hinzenfeld. An der Wirklichkeit? – Laßt mich das Ding mal etwas näher besehn, – an der ordentlichen, – zweckmäßigen, – an der eigentlichen Wirklichkeit?

Hanswurst. Woran soll man denn sonst zweifeln, wenn man sich einmal die Mühe giebt?

Hinzenfeld. Nein, Freund, ernsthaft gesprochen, das ist excentrisch, das geht zu weit. Es giebt so tausend Dinge, über die man sich wohl einmal einen artigen Zweifel erlauben darf, aber bei dem allerausgemachtesten –

Sappi. Und ist denn die Tugend nicht eben so wirklich, als die Wirklichkeit?

Lysippus. Es thut mir ordentlich am Herzen weh, wenn man mir das wegläugnen will, was mir das Liebste auf der Welt ist.

Sappi. Einen Mann, der die Tugend läugnet, sollte man vermeiden.

Leander. Ich möchte ihm nimmermehr trauen.

Lysippus. Es ist schlecht von Ihnen, Herr Hofrath.

Sappi. Die bürgerliche Gesellschaft –

Lysippus. Der allgemeine Glaube –

Die ganze Gesellschaft durcheinander. Alles wird zerstört. – Jeder ist in Lebensgefahr. – Die Religion hält dann nicht mehr Stich. – Alles wird Aufruhr, und Staaten und Thronen fallen von selbst um. – Die Ordnung stirbt.

Hanswurst, der schnell den Hut aufsetzt. Meine Herren, der Präsident ist bedeckt! Die Ordnung liegt hier ebenfalls in den letzten Zügen.

Hinzenfeld. Der Enthusiasmus führt uns zu weit.

Leander. Wollen Sie jetzt gütigst erlauben, daß ich Ihnen mein Lehrgedicht zu Ende lese?

Hinzenfeld. Es wird uns ein unendliches Vergnügen sein.

Leander. Herr Lysippus –

Lysippus. O mein Gott, ich brenne darnach.

Leander. Herr Sappi –

Sappi. Ein Lehrgedicht wird mir immer etwas Erwünschtes sein.

Leander. Ich weiß nicht, meine Herren –

Alle. O ja, herzlich gern.

Leander liest. – Der erste Gesang ist geendigt.

Chor. Iah! Iah! – Ein verbißnes Gähnen nämlich.

Leander fährt fort zu lesen.

Allgemeines Chor. Iah! – Sie halten aber Alle die Hände vor den Mund.

Leander fährt fort.

Hanswurst, leise zu Lysippus. Wollen wir nicht mit dem Herrn Simonides in das andre Zimmer gehn, und ein kleines Lombre machen?

Lysippus. Mit Vergnügen. –

Die eben Genannten gehn heimlich fort.

Leander fährt fort zu lesen.

Das Chor ist stumm, denn sie schlafen.

Leander endigt.

Alle. Schön! ungemein schön! – Wir sind Ihnen sehr verbunden, Herr Leander.

Hanswurst, Simonides und Lysipppus kommen heimlich zurück.

Hanswurst. War nicht viel Größe in den Gesinnungen, meine Herren? – Gewiß! – Aber, ich empfehle mich, denn es ist schon spät. – Geht.

Leander. Der Hofrath wird in seinem Leben nicht gescheit werden. – Geht.

Sappi. Das Gedicht war erbärmlich, denn Gründlichkeit in den Bildern und Allusionen fehlten gänzlich. Die Diktion war nicht korrekt genug und es hatte dem Himmel auch nicht gefallen, daß sich alle Reime mit dem Verstande reimen sollten. Ab.

Hinzenfeld. Herr Sappi hält sich auch für gar zu klug. – Adieu, meine Herren, sehr kontentirt gewesen. – Ab.

Lysippus. Ennuyant ist der Minister, aber sonst ein guter Herr. Sein Witz spielt etwas in's Erbärmliche, aber seine Art sich auszudrücken hat immer etwas Gutmüthiges. Geht.

Arzt. Mir scheint Herr Lysippus jetzt an einem Katarrh zu laboriren, der ihm in die Lebensgeister zurückgetreten ist. Ab.

Curio. Erbärmliche Sitten und Lebensarten hat doch so ein Arzt; ich empfehle mich Ihrer Gewogenheit, Herr Simonides. Ab.

Simonides, allein. Ueber acht Tage ist wieder die Sitzung, ich bin recht begierig darauf. Wenn sich nur das Hofgeschmeiß nicht unter gebildete Menschen eindrängen wollte. Ab.

Ein Leiermann wird von unten gehört:
    Freut Euch des Lebens
    Weil noch das Lämpchen glüht,
    Pflücket die Rose
    Eh' sie verblüht.

Bediente treten auf.

Erster Bediente. Ja, jetzt werden die Lampen hier unmaßgeblich ausgelöscht werden.

Zweiter Bediente. Und die Rosen wollen auch nicht viel bedeuten. – Aber, Caspar, warum kriechst Du denn da unter dem Tisch herum?

Dritter Bediente. Ich denke, sie haben etwa Geld fallen lassen.

Erster Bediente. O Narr, das Kartenspielen kommt nunmehr unter vernünftigen Leuten aus der Mode, jetzt ist man gebildet und vertreibt sich mit Vernunft die Zeit und die Grillen. – Höchstens wirst Du da unten ein paar philosophische Ideen erjagen.

Dritter Bediente. Damit wäre mir nun durchaus nicht gedient – Er steht auf. Was kratzt denn da so an der Thür? – Ei, sieh da, Stallmeister!

Stallmeister, der Hund, tritt herein.

Erster Bediente. Sieh da, wie geht's, guter Freund? –

Zweiter Bediente. Wenn einem so ein Hund doch antworten könnte.

Dritter Bediente. Schade ist es freilich. – Die Bedienten ab.

Stallmeister, allein. Auf dem Stuhl da hat gewiß der Kater gesessen. – Wenn er Minister ist, warum sollt' ich nicht irgend einmal Hofmarschall werden können? – Mein Herr, der Prinz, ist krank und zu klug; das ganze Reich kömmt durch zu vielen Witz in Verwirrung. – Ich will mich hier auf den Sofa niederlegen und recht bequem bis morgen ausschlafen. –

 


 

Wald.

Ein Waldbruder, Helikanus.

Waldbruder. So wollt Ihr Euch durchaus nicht rathen lassen?

Helikanus. Was nennt Ihr rathen?– Warlich, lieber Bruder,
Hätt' ich auf Rath gehört, auf leere Worte,
So lebt' ich noch in der geschwätz'gen Welt
Und suchte nicht im wilden Walde Schutz.

Waldbruder. Allein, was thaten Euch die Menschen?

Helikanus. Was?
O keine Zunge, keine Sprache, keine Brust,
Kann das so laut, so furchtbar laut verkünd'gen,
So mit Trompetenklang durch Wälder rufen,
Wie ich von dem Geschlecht verfolgt, mich nieder
In tausend schnöde Quaalen tauchen mußte,
Wie lang' ich in des Hasses Schule war,
Und, Jahrelang gehaßt, ein Hasser ward. –

Waldbruder. Gar mancher steht und wartet in der Welt
Und weiß nicht recht, worauf er warten soll;
Wer zu viel Freundschaft hofft, sieht selbst im Freunde
Den kalten Fremden: diese Alltagswelt
Ist voll von leeren Busen, leeren Herzen,
Daß man die Liebe nicht verschleudern muß,
Um nicht in jenen schlimmsten Fall zu kommen,
Um Liebe einst zu betteln, und wie Bettler
Mit Höhnen von der Thür gewiesen werden.

Helikanus. Du sprichst mit diesen Worten ganz mein Schicksal;
So ging es mir, so wirds noch öfter sein
Und drum will ich die hohle Welt verlassen.

Waldbruder. So gehst Du mitten aus dem Schauspiel fort,
Und zürnst dem Dichter, der nur in der Mitte
Die Tugend zu verkennen scheint; doch harre
Des Schlusses, den er Dir noch vorbehält.

Helikanus. Ich bin es satt, des ekeln leeren Schauspiels,
Wo nichts zusammenhängt und nur Geschwätz
Die müß'gen Scenen füllt. Die Eitelkeit,
Der nicht'ge Uebermuth, Verstellung, Falschheit,
Und Langeweile, die als Narr im Stücke
Belust'gen soll, sind alle mir verhaßt.

Waldbruder. Nun freilich giebt es Leiden, die den Sinn
Selbst der Geduld empören, und Vernunft
So leer und nüchtern dastehn lassen, wie
Ein schwatzhaft Mädchen, das nur spricht, um schnell
Die lange Zeit des Tages hinzubringen.
Ich will mein Herz in Deinen Busen legen,
Wenn Du mir sagst, was Du gelitten hast.

Helikanus. O Vater! – kannst Du denken, kannst Du fühlen,
Was Jugend fühlt, was kühnes Blut empört?
Kennst Du die Liebe? – –

Waldbruder. O fern ab liegt alles
Im Nebel, tief im dunkeln Thal versteckt, –
O freilich war in meinem Lebenslaufe
Auch einmal Morgenröthe, Lerchenklang,
Der dunkle Wald empfing die goldnen Strahlen
Und glänzende Kronen hingen in den Wipfeln,
Mit frohem Muth wollt' ich zu den höchsten klimmen,
– Da stieg die Sonne, aller Trug verschwand,
Das Tageslicht, mit grausam ernster Klarheit,
Verzehrte tückisch meinen Morgenglanz,
Ich blieb im Wald der einzig Lebende. –

Helikanus. Nun dann – was hättet Vater, Ihr im Rausch
Der Phantasie für Euer Glück begonnen?

Waldbruder. Ich hätte, – o was nicht? – die starren Felsen
Mit eiserner Geduld geebnet, meine Freunde
Verlassen und in öder Einsamkeit
Nur ihr, nur ihr, der Einzigen, gelebt –
Ja, mehr noch – o ich Thor! daß ich als Greis
Gleich einem Jüngling vor Euch stehe, der
Im Taumel seine Zunge nicht bemeistert.

Helikanus. Nun dann, ich hab's gethan: ich sah, ich hörte
Nur sie, die Undankbare, alles Leben
War aus der ewigen Natur geflohn,
Und nur in ihr sah ich mich selbst, und fühlte
In ihrer Brust nur was ich wünschte. Stolz
Ward meine Liebe weggeworfen, keiner
Von meinen Seufzern drang zu ihrem Herzen,
Mein Sehnen, meine feurigste Ergebung
War nur Tribut, nur Zinsen ihrer Schönheit,
Auf die sie, überreich, mit Sicherheit
Schon rechnete. Ich sollte Ruhm erwerben,
Ich sollte die Gefahr bestehn: ich that's,
Ich stürzte mich im Kriege in's Getümmel,
Verwundert sah sie mich zurückekehren,
Doch keine Freude blickt aus ihrem Auge. –
Ich sollte arm sein und ich warf verachtend
Die Habe vielen Undankbaren zu,
Und kam die Hälfte ärmer ihr zurück:
Reich sollt' ich wieder werden und ich strebte
Mit allen Sinnen nach des Goldes Glanz,
Ich unternahm, was noch kein andrer wagte;
Auch in den Nächten ward mir keine Ruh,
Ich reiste weit hinein in ferne Lande –
Ich kehre wieder, und – verfluchte Stunde –
Ich kehre wieder, o ihr könnt's nicht fassen,
Für mich ist dieser Wermuth nur so bitter –
Ich kehre wieder – und sie ist verlobt.

Waldbruder. Ein hart Geschick! doch hört auch die Vernunft –

Helikanus. Und nun, in aller weiten weiten Welt
Kein Herz, das meines Kummers Hälfte theilte,
So wüst, so leer, so ausgehöhlt die Schöpfung,
Kein Wiederklang im Unermeßlichen –
Nur Hohn, nur bittre Worte, Kälte, höchstens
Ein jämmerlicher Trost mit nicht'gen Worten.

Waldbruder. Doch laßt nur die Vernunft zur Sprache kommen!

Helikanus. Vernunft! und wißt Ihr, was Ihr damit sagt?
Vernunft befiehlt, ich soll Vernunft verachten,
Vernunft räth mir, den Kopf hier gegen Eichen
Zu rennen, daß es nur vorüber sei. –

Waldbruder. Dann ist Vernunft die ächte Raserei!

Helikanus. Ja, wer nur schwatzen kann, ist sehr vernünftig,
Wer gar nicht fühlt, ist überaus vernünftig,
Wer alt und kalt und starr ist, ist vernünftig,
Vor Ueberklugheit birst, der ist vernünftig!
So sind die Menschen alle, Jammerbrut!

Waldbruder. Du lästerst, doch mit unbeholfner Zunge,
Wie leichtes Spiel, die Wahrheit Dir zu lehren,
Wenn Deine Leidenschaft nur hören könnte!
Du schiltst die Menschen und bedenkst nicht recht,
Ob Du den Menschen denn ein Mensch gewesen.
Vielleicht kam mancher Dir mit Schmerz entgegen,
Doch konnte nichts Dein eigenlieb'ges Herz
Mit Wehmuth rühren, denn da saß das Bild
Der Liebsten, wies mit schnödem, kaltem Hohn
Hinweg, was nicht zu Deinen Wünschen paßte.
Nun kommst Du her und fluchst und willst dem Walde
Dich treu verbrüdern, wähnst, die Menschen wären
Nicht Deiner werth und dennoch ist es möglich,
Daß Du der guten Menschen unwerth bist.
Drum geh zurück und nimm die Lehre an –

Helikanus. Sehr weislich! – Aber sagt mir, guter Freund,
Warum habt Ihr die schöne Welt verlassen?

Waldbruder. Weil, – still, die Thränen kommen mir zurück, –
Ach, jedermann hat nicht so viel gelitten.

Helikanus. So denkt ein jeder, jeder hält den Schmerz,
Den Er empfindet, für den gräßlichsten. –
O sprecht nicht weiter von der Eigenliebe,
Denn Ihr seid selbst auf Euer Unglück stolz.
So schwatzt ein jeder und ein jeder schwatzt
Nur für sich selber, alle Wörterweisheit
Ist für den Leidenden nur Schellenklang:
Ein Prunk ist's nur, ein bunter Festtagsputz,
In dem die Thoren selber sich gefallen.
Und so lebt wohl, Ihr abgelebte Weisheit,
Wie thöricht war ich, daß ich bei dem Alter
Für meine jungen Schmerzen Lindrung suchte.

Waldbruder. Er hat wohl Unrecht, aber nicht so sehr.
Ach freilich wird man alt und zu verständig;
Vernünftig sein, heißt billig sein, doch da
Will jeder den gerechten Richter spielen.
Und ach! was ist gerecht? – Ein Wort, nichts weiter.

Ein Bauer kömmt.

Bauer. Könnt Ihr mir wohl den Weg nach der Residenz weisen?

Waldbruder. O ja.

Bauer. Ich wollte gern den König Gottlieb sprechen.

Waldbruder. Kommt mit mir. –
Vielleicht solls mir bei diesem doch gelingen
Ihn sicher auf den rechten Weg zu bringen. Beide ab.

 


 

Vorsaal der Akademie.

Der Thürsteher. Ich weiß nicht, – ob ich mich irre, – aber ich höre schon seit so lange ein Gepolter im Saale, – ob Sie wohl gestern Abend ein gelehrtes Mitglied sollten eingesperrt haben? – Da geht's schon wieder los. – Er sucht den Schlüssel. Gleich, gleich, mein hochgeehrter Herr, – gleich – Er schließt auf, Stallmeister springt heraus. Sieh da, wo kömmst Du denn her?

Nestor kömmt.

Nestor. Ist der Hund nicht hier?

Thürsteher. Da ist er.

Nestor. Der Prinz fragt nach ihm.

Thürsteher. Gut, da ist er.

Nestor. Der Hund muß sogleich nach Hause kommen.

Thürsteher. Schon gut.

Nestor. Und darum habe ich eigentlich den Hund abholen sollen.

Thürsteher. Ja doch; hat's noch kein Ende?

Nestor. Darum will ich ihn lieber gleich mitnehmen. – Sie gehn ab.

 


 

Dorus Landhaus.

Lila.
                    Bald hier, bald dort
                    Von Ort zu Ort
Springt Amor und sieht mich schweigend an.
                    Was willst Du, Kind?
                    O sage geschwind,
Wo weilt der liebe, erwünschte Mann?

                    Wie Schattenzüge,
                    Wie Wolkenflüge,
Ist wandelbar traurig und froh mein Sinn,
                    Es tönt herüber,
                    O rufst Du, Lieber? –
Ich sehne mich fort, weiß nicht wohin.

Dorus kömmt.

Dorus. Du singst ja recht laut, liebe Tochter.

Lila. Was soll man thun als singen? – Immer klagen ist ein ewiges Einerlei.

Dorus. Ich will unten in's Dorf hineingehn, der Schmid muß mir mein Ackergeräthe ausbessern.

Lila. Kommt Ihr bald wieder?

Dorus. Nachdem es fällt, es hält schwer, ihm deutlich zu machen, was man will.

Lila. So will ich indessen spinnen.

Dorus. Thu das, liebes Kind. Er geht ab.

Lila setzt sich in das Haus nieder, spinnt und läßt die Thüre offen. So kann man noch zugleich in die freie Landschaft hineinsehn. – O wie wohl thut einem der ruhige Abend. – Sie singt.

        Das Rädchen
            Dreht munter
        Das Fädchen
            Hinunter:
        Wo weilst du
            O Lieber,
        Was eilst du
            Fern über?
    Und sinn' ich Tagelang
    Und spinn' ich Wochenlang,
    Bist du mein einzger Gedank. –
        Bald seh' ich Seen,
        Wenn's Rädchen surrt,
        So wie es schnurrt
        Erscheinen Feen.
        Und Er geleitet
            Ist unter ihnen:
        Wie stolz er schreitet!
            Ihm Geister dienen.
        Dann fliegt er fröhlich
            Durch Abendröthe,
        Es tönt so selig
            Die Schäferflöte:
        Dann wünsch' ich Schwingen
            Zu ihm zu fliegen,
        Aufwärts zu springen
            In Wolken die Flügel zu wiegen.

Ja, wer das könnte! – O Seligkeit der Lerchen, wie oft hab' ich Euch schon Eure Lust beneidet! Wir müssen langsam einen Fuß nach dem andern setzen, so machen wir Schritte und kommen doch nicht weit. – O Kleon! daß ich immer an dich denke. Oft schäm' ich mich, und werde doch böse, wenn ich es einmal lassen will.

Helikanus aus dem Walde.
Wie lieblich schmiegt sich dort die Abendröthe
Auf jenen grünen Hügel, meine Kindheit
Entdämmert golden aus dem dichten Schatten
Und streckt die lieben rothen Apfelwangen,
Das Unschuldsüße, unbefangne Lächeln,
So sorgenlos dreist in die Welt hinein.
Da will der alte Friede zu mir kommen,
Da will, ich fühls, die Sehnsucht mich besuchen,
Die himmlische, die sonst den trunknen Blick
An den Glanz der Abendwolken fesselte. –
Ich hörte fernher friedlichen Gesang,
Der wie ein Schwan durch kühle Lüfte strich,
Der alles Laub des Walds zum Horchen zwang,
Dem jedes muntre Waldgetöse wich:
Mein Herz erklang in seinen tiefsten Gründen,
Ich sprach zu mir, ich weiß nicht was ich sprach,
Ich ging, den Quell der Melodie zu finden,
Nicht ging ich, nein, es zog mich himmlisch nach.
Wie sich der Himmel rollt in seinen Sphären,
Und jedes goldne Kind zur Regel zieht,
So kann ich der Gewalt mich nicht erwehren,
Wie meine Seele nach den Tönen flieht.
Welch Wunder soll in meiner Brust beginnen?
Es schwebt vor mir empor die Feenzeit,
Ich fühle den Tumult in allen Sinnen,
Wie matt das Herz in mir nach Hülfe schreit.
Die Liebe steht wie Frühling mir zur Seite,
Das trübe Gestern ist jetzt fest verriegelt,
Wie stattlich wandelt nun das neue Heute,
Und ist mit goldner Herrlichkeit beflügelt.
O die Vergangenheit geht in die Ferne,
Am Himmel glänzen neue, schönre Sterne. –
        Er kömmt näher.
Welch Wesen! – Unschuld wohnt auf dieser Wange, –
Wie seltsamlich beklemmt mich dieser Anblick,
Die kleine Flur des Hauses, diese Treppe,
Das fleiß'ge Rad, – die holde Aemsigkeit –
Und doch sah ich noch nichts so liebliches. –
Hast Du im Abendrothe hier gesungen?

Lila. Ich sang, weil ich nichts bessers grade wußte.

Helikanus. O nur noch einen Ton, nur Einen Laut,
Damit die Zeit noch einmal sich verjünge,
Das frische Glück die muntern Glieder rege,
Und auf der Flur mit Liebesgöttern tanze.
Schon hält der Götterschwarm auf jenem Hügel,
Nur Einen Klang, so stürzt die bunte Schaar
Hervor und badet sich zu schönrer Jugend
In den melodschen Wellen. – Einen Ton!

Lila. Wenn Ihr wollt: Singt.

    Feldeinwärts flog ein Vögelein,
    Und sang im muntern Sonnenschein
    Mit süßem wunderbarem Ton:
    Ade! ich fliege nun davon,
            Weit! weit!
        Reis' ich noch heut.

    Ich horchte auf den Feldgesang,
    Mir ward so wohl und doch so bang;
    Mit frohem Schmerz, mit trüber Lust
    Stieg wechselnd bald und sank die Brust:
            Herz! Herz!
        Brichst du vor Wonn' oder Schmerz?

    Doch, als ich Blätter fallen sah,
    Da sagt ich: Ach! der Herbst ist da,
    Der Sommergast, die Schwalbe, zieht,
    Vielleicht so Lieb und Sehnsucht flieht,
            Weit! weit!
        Rasch mit der Zeit.

    Doch rückwärts kam der Sonnenschein,
    Dicht zu mir drauf das Vögelein,
    Es sah mein thränend Angesicht
    Und sang: die Liebe wintert nicht,
            Nein! nein!
        Ist und bleibt Frühlingesschein.

Helikanus. Sieh, wie Natur den Athem an sich hält,
Wie glorreich dort der Stern des Abends funkelt!
Dein süßes Lied beglänzt die arme Welt,
Wenn gleich der Abendschatten sie verdunkelt.
Wie Mondenstrahlen webt sich's um mich her,
Und höher schlägt die Wollustreiche Welle,
Mich trägt und wieget das harmonsche Meer
Und macht zum Himmel diese kleine Stelle.

Lila. Ich weiß nicht, wer Ihr seid, mein Herr.

Helikanus. O verzeih, holdes Mädchen. – Ein verirrter Wandrer –

Lila. Verirrt?

Helikanus. Freilich ist der nicht verirrt, der gar keine Straße hat.

Lila. Ihr habt sie also verloren?

Helikanus. Ja wohl.

Lila. Mein Vater wird gleich nach Hause kommen, der soll Euch den rechten Weg weisen.

Helikanus. Ich danke Dir. – Könntest Du mir nicht einen Trunk Wassers reichen?

Lila. Ich will Euch einen Becher Wein bringen. Ab.

Helikanus. Sie ist es! – Sie? – Und wer denn, Helikanus? –
Die alle deine Wünsche suchten, nach
Den Polen, unbekannten Landen flogen,
Und nun ist sie gefunden. – Niemals kann
Der Bergmann so sich freuen, der im tiefsten
Bergschacht die große goldne Stufe findet. –

Lila zurück.

Lila. Hier ist Wein und guter. Trinkt, Ihr werdet auch wohl müde sein.

Helikanus. Nein, – ja –

Lila. So setzt Euch dort auf die Bank. – Seid Ihr von weit her?

Helikanus. O ja.

Lila. Die Erde ist groß.

Helikanus. Zu groß, – und doch tausenden zu klein und eng.

Lila. Wie sollte das möglich sein?

Helikanus. Gut für Dich, daß Du es nicht begreifst.

Lila. Da kömmt der Vater.

Dorus kömmt.

Dorus. Guten Abend. – Du hast einen Gast, Lila?

Lila. Einen armen verirrten Wandersmann.

Dorus. Er ist mir willkommen.

Helikanus. Ich danke Euch für Eure Freundschaft.

Dorus. Wenn Ihr müde seid, so ruht bis morgen früh in meinem kleinen Hause aus.

Helikanus. Bis morgen, bis, – ich habe Euch etwas zu sagen.

Dorus. Redet.

Helikanus. Ihr seid arm, wie ich vermuthe, wenigstens nicht reich, ich habe mehr als ich brauche, – nehmt und laßt mich in dieser stillen friedlichen Gegend, in Eurer lieben Nähe wohnen. Ich bin ein Mensch, dem alles in der Welt mislungen ist, der keinen Freund gefunden hat: seid Ihr mein Freund. – Was sagt Ihr? Ich will Euch nicht beschwerlich sein, ich will mich in Eure Lebensart einlernen.

Dorus. Lila, was meinst Du?

Lila. Wie Ihr wollt, mein Vater, – aber –

Dorus. Nur bis Kleon zurückkömmt. – Seht, ich will Euch wohl aufnehmen, Herr, aber nur auf kurze Zeit. Ich habe hier noch ein kleines eingerichtetes Haus, das künftig meiner Tochter und ihrem Manne gehören sollte, wenn Euch das recht ist, so mögt Ihr hineinziehn: aber, wie gesagt, auf lange kann ich Euch vielleicht nicht beherbergen. – Wollt Ihr's in Augenschein nehmen? Sie gehn ab.

 


 

Königliches Zimmer.

Gottlieb, die Königin, seine Gemalin.

Gottlieb. Nimmer alterst Du, o Holde, in meinen Gedanken,
Stets bist Du mir lieb, immer noch bleib' ich Dir gut.

Königin. Ach, mein theurer Gemal, Du kannst Dir die Liebe nicht denken,
Die in treuer Brust Dir Deine Königin hegt.

Gottlieb. Denken kann ich mir vieles, mein Kind, und so Deine Liebe;
Größer als Ocean wird sie denn doch wohl nicht sein.

Königin. Kind, ich habe zwar allen Respekt vor Deinen Gedanken,
Aber so hochstudirt bist Du denn warlich noch nicht.

Gottlieb. Immer halten sich doch die Weiber nur für die Klügsten,
Aber Leute giebt's auch, wie man sagt, hinter dem Berg.

Königin. Nun der Vers, weiß Gott, war ziemlich lahm auf den Füßen,
Stieß er sich etwa am Stein? daß ihm das Schienbein noch schmerzt?

Gottlieb. Schienbein! hättest Du doch vor ächten Spondäen nur Achtung:
Wenige hat man nur, diese verschleudre man nicht.

Königin. Warlich ein schönes Leben! ich soll wohl nicht einmal sprechen
Mehr wie mir's gefällt? – Halte der Henker das aus!

Gottlieb. Ziemt es der Königin wohl, also plebeje zu denken?
Pöbel und Fürsten sind ungleich im Titel dann nur.

Königin. Ei wie schön regiert mein Mann das Maul seiner Frauen,
Aber der arme Staat, – o dafür hat's keine Noth!

Gottlieb. Und was wären denn die Patrontaschen, die neuen Püschel?
Kümmre jeder sich nur erst um sein eigen Revier.

Königin. Also leben wir nun in zärtlicher Eintracht beisammen,
Dein Herz gänzlich mir, Dir ganz das meine geweiht.

Es klopft.

Gottlieb. Nur herein!

Bauer. Wohnt hier der Herr König?

Gottlieb. Ja, Freund. – Was will Er?

Bauer. Wenn Sie lesen können, so ist hier ein Brief an Sie. Er kömmt durch einen Expressen.

Gottlieb. Durch was für einen Expressen?

Bauer. Je, nämlich durch mich, ich bin expreß dazu ausgesucht unter vielen andern, die nicht den Verstand hatten, einen Expressen vorzustellen. Da der Vorspann nicht gerade bei mir an der Reihe war, so wurd' ich, die Wahrheit zu reden, expreß dazu gepreßt. Und somit übergeb' ich denn nun den Brief.

Gottlieb. Von wem ist er denn?

Bauer. Vom benachbarten König, Herr König, eine gute Art von Mensch, wahrhaftig, außer daß er die Bauern etwas schiert.

Gottlieb. Von unserm geliebten Bruder?

Bauer. Ja, aber das muß ich sagen, werthgeschätzte Frau Königin, so wie man da in Euer Land hineingeräth, werden die Wege verflucht unsicher.

Königin. Wie das?

Bauer. Ja, das weiß ich selber nicht, und wozu es ist, kann ich auch nicht absehn. – Die Chaussee geht erstens aus und dann sind die Wege oft so unendlich breit, daß man sich, wenn man aus dem Fuhrweg in Gedanken herausfällt, fast eine Meile umgehn kann. So ein alter abgelebter Waldbruder hat mich noch zurecht gewiesen. – Sagt mir einmal, warum wird denn das Land nicht mehr angebaut?

Königin. Die Wege fressen so vielen Platz weg.

Bauer. O so sollte man zu einem solchen infamen Wege sagen: Weg da! – Denn was kann dabei herauskommen?

Gottlieb. Höre nur, geliebte Gemalin, was unser Nachbar schreibt. Er ließt.

Zuerst, S. T. – was ich nicht weiß, was es zu bedeuten hat, dann folgt:

Wir haben hier in unserm Land vernommen
Der Prinz Zerbino sei um seinen Verstand gekommen,
Es ist bei meiner Ehre und fürwahr
Heuer für den Verstand ein gar zu schlechtes Jahr,
Er will an keinem Orte recht gerathen,
Und schlimm ist's, 's hilft da weder Hacke noch Spaten.
Zum Glück wohnt in dem nordwestlichen Wald,
Ein wilder Zauberer, der heilt die Dummen bald,
Er macht im Seelenreich vortrefflich: such verloren,
Und ist für unsre Kinder recht geboren. –
Seine Adresse ist: Herr Polykomikus,
Zu erfragen in der abgelegnen Wildnuß,
Und ist an großen Eselsohren zu kennen,
Die man ihm für seine Mühe wohl kann gönnen.
Er wohnt im untersten Stock in einer finstern Höhle
Und wahrsagt dort, und kümmert sich um keine Seele. –
    Der ich verharre in tiefster Unterthänigkeit
                    Euer
                                                gleichfalls ein König.
                                                        Pindarus.

Was denkst Du dazu, meine Gemalin?

Königin. Laßt sogleich den großen Rath zusammenberufen, und schickt an diesen Mann eine Gesandtschaft.

Gottlieb. Das wird geschehn. – Bauer, Du sollst Dank haben!

Bauer. Soll ich? – Nun, das ist schön.

Gottlieb. Ich bedanke mich.

Bauer. Und das ist der Dank?

Gottlieb. Allerdings.

Bauer. Welch ein wetterwendisches Ding doch unsre menschliche Sprache ist! – Bei uns heißt das Ding da gar nicht Dank.

Gottlieb. Nicht?

Bauer. Bewahre! Wer wird die schönsten Wörter so mißbrauchen.

Gottlieb. Hier hast Du Geld.

Bauer. Nun seid Ihr auf dem rechten Wege, fahrt so in Euren Bemühungen fort, und es soll Euch bald gelingen, unsre Sprache wie Eure Muttersprache zu reden. – Sie gehn ab.

 


 

Saal.

Nestor, Leander.

Nestor. Nein, Herr Leander, nimmermehr werde ich mich dazu bekehren lassen.

Leander. Aber was macht Dich denn so stetig?

Nestor. Was? – Wahrhaftig nichts anders, als meine gesunde Vernunft. Das kann ich nimmermehr glauben, daß Ihre Grundsätze der Kritik mehr werth wären, als alle Dichter, die Sie darin loben oder tadeln.

Leander. Aber höre mich doch nur an.

Nestor. Ich mag gar nichts weiter hören, es klingt mir gar zu unvernünftig.

Leander. Durch dergleichen Grundsätze kömmt man ja endlich dahin, vortreffliche Gedichte zu schreiben.

Nestor. Und diese dienen doch auch nur wieder dazu, daß man Grundsätze darüber schreiben kann?

Leander. Je nun, das ist wohl wahr, aber man kömmt doch so immer weiter.

Nestor. Wohin denn endlich?

Leander. Dahin, – dahin, – versteh, wenn die Menschheit erst ganz vollkommen ist, – daß man am Ende gar keine Gedichte mehr braucht.

Der Arzt kömmt.

Arzt. Wie geht's?

Leander. O Freund Nestor ist in der allerhöchsten Raserei.

Arzt. Wie kömmt das? hat die Medicin nicht gewirkt?

Nestor. Sie sind ein Narr, Herr Doktor!

Arzt. Wie? – Ganz gewiß bricht die Epidemie nun aus, ich fürchte, der ganze Hof wird angesteckt.

Nestor. Wollte Gott, so würde doch diese langweilige Sorte von Verstand aufhören, so gäng und gebe zu sein.

Leander. Nun hören Sie nur die Raserei an!

Gottlieb kömmt.

Gottlieb. Was giebt's hier, Leute?

Arzt. Der Bediente des Prinzen ist auch schon übergeschnappt.

Gottlieb. Das greift auf die Art um sich. – Nun, habt nur Geduld, Leute, wir wollen uns einen Zauberer, einen Mann mit Eselsohren verschreiben, der soll Euch alle kuriren. – Geht ab.

Arzt. Sollte es so weit kommen? – O Himmel! so danke ich dir auf den Knien, daß ich kein großer Hexenmeister bin. Ab.

Leander. Nun wird an ihm ein Exempel statuirt werden, mein Freund.

Nestor. Wie so?

Leander. Er wird nun öffentlich müssen Abbitte thun, daß er dumm gewesen ist. Eine Kirchenbuße, die ihm gar nicht schadet. Geht ab.

Nestor. In meinem Kopfe ist mir seit heute früh ganz anders zu Muthe, das ist wahr, aber warum das nicht eben so gut soll Verstand sein können, begreife ich nicht. – Ab.

 


 

Großes Gericht.

Gottlieb, als Vorsitzer, die Räthe, Hinz, Lysippus, Simonides.

Gottlieb. Ich habe Euch nun den Brief meines benachbarten Bruders und Königs vorgelesen.

Räthe. Ja, mein König.

Gottlieb. Und Ihr habt den Inhalt verstanden und begriffen?

Räthe. Ja, Ihro Majestät.

Gottlieb. So ist der Mann nach meiner Meinung nicht gänzlich zu verachten, der solche Wunderkuren vorzunehmen im Stande ist. –

Räthe. Gewiß nicht. –

Gottlieb. Geht also Ihr, unser getreuer Lysippus, mit unumschränkter Vollmacht, und nehmt den Simonides als Euern Legationssekretär mit Euch. – Eure Bemühungen seien gesegnet – Lysippus und Simonides ab. – Und nun ist die Sitzung aufgehoben. – Sie gehn ab.

 


 

Dritter Akt.

Das Innere der Höhle des Polykomikus.

Der Jäger als Chor, der aus einer Art von Kamin herauskriecht.

Da sind wir in der Höhle des berühmten
Herrn Polykomikus, des Zauberers.
Ich komme durch's Kamin und gebe mir
Die Mühe, Euch ein Wörtchen noch zu sagen.
Doch muß ich kurz sein, denn er kömmt nun bald,
Und fänd' er mich, so gält' ich ihm als Dieb,
Er könnte meine Tugend sehr bezweifeln.
Es diente mir nicht zur Entschuldigung,
Daß ich sein Haus nur habe nutzen wollen
Mit Euch, Geehrteste, zu konversiren:
Er meint, er habe nur allein das Recht,
In seinem Zimmer hier zu sprechen. Sagt,
Doch ohne Spaß, verstehet Ihr wohl Spaß?
Und wenn Ihr ihn von Herzen liebt, so müßt
Ihr hierauf doch mit Ernste Antwort geben,
Denn sonst ist es mit der Versichrung Spaß.
Es ist nicht das, daß Ihr wohl gerne lacht,
Und manchmal abgeneigt dem Ernste seid,
Daß Ihr das Leben in zwei Hälften theilt
Und lacht, damit der Ernst Euch wieder schmeckt:
Habt Ihr's schon je versucht, den Scherz als Ernst
Zu treiben, Ernst als Spaß nur zu behandeln?

        Mit Leiden
        Und Freuden
    Gleich lieblich zu spielen
        Und Schmerzen
        Im Scherzen
    So leise zu fühlen,
    Ist wen'gen beschieden.
    Sie wählen zum Frieden
    Das eine von beiden,
    Sind nicht zu beneiden.
    Ach gar zu bescheiden
    Sind doch ihre Freuden
    Und kaum von Leiden
        Zu unterscheiden. –

Drum nehmt die Sachen nicht zu ernsthaft, doch
Auch wiederum zu spaßhaft nicht, denn jenes
Bekannte utile dulci, diesen Syrup,
Der von Catarrhen uns erlösen soll,
Trefft Ihr bei uns in Vers und Prosa nicht.
(Durch uns versteh' ich mich und auch den Dichter)
Ihr werdet nebenher wohl merken, daß
Zur Handlung dieses Stücks ich nicht gehöre,
Denn Handlung wünscht Ihr doch: ich bin im Namen
Von Euch Zuschauern da, und wo Ihr seid
Da bin auch ich: ach! bessert Euch, ich flehe,
Ja bessert Euch, und nehmt an mir Exempel.
Ich war, wie Ihr, in meinen bessern Tagen
Zuschauer einst, bei einem bessern Stücke,
Als dieses ist: ich saß und schüttelte
Oft mit dem Kopf und machte weise Mienen,
Nichts war mir recht, bald hatt' ich dies bald jenes
Zu tadeln, und die ärmlichste Verachtung
War zur Verachtung mir nicht tief genung,
Um damit jenen Dichter zu bestrafen:
Doch kaum war nun das Stück beendigt, siehe,
So zeigte sich der Zorn der Götter, (Freunde,
Ihr glaubt doch Götter? thut's um Gottes willen!)
Sie legten mir zur schweren Strafe auf
Als Chorus durch dies lange Stück zu wandeln,
Prologus und Epilogus zu werden,
Um Euch zum günst'gen Mitleid umzudrehen;
Erbarmt Euch, laßt Euch doch das Stück gefallen,
Sonst muß ich noch im andern Buße thun.
Und trotzet nicht auf Eure Sicherheit,
Daß Ihr nicht auch an Euch und Euren Kindern
Die Schmach erlebt, daß sie als Chor, daß sie
Als Epiloge wandern: seht, ich darf
Beileibe nicht in's Stück hinein, und drum
Adieu! denn hier kömmt schon der Zauberer. Ab.

 


 

Polykomikus tritt mit seinem Stabe ein und spricht:
Ein Zaubrer bin ich, Polykomikus genannt,
Und weit und breit bei Fürsten wohl bekannt,
Ich that nach meiner alten Weise
So eben eine weite Reise,
Da wär' ich endlich wieder hier zu Haus,
Und warlich, ich geh' nun in langer Zeit nicht aus.
Beim Kuckuck! ja! (doch still, ich will nicht fluchen)
In drei Jahrhunderten will ich Niemand besuchen.
Es ist beim Zaubern doch kein ächter Segen,
Drum will ich das Gewerb bei Seite legen.
Die Einsamkeit soll mir recht schön bekommen,
Ich habe lange nicht Arznei genommen,
Der neuste Tiefsinn liegt noch ungelesen,
Ich lasse von der Dummheit andre genesen,
Und bleibe selbst ein Narr, ein dummer Teufel,
Die Menschenliebe geht zu weit, das ist kein Zweifel
Voll Staub sind meine Bücher und mein Tisch
Und nirgends seh' ich einen Flederwisch.
        Er wischt mit seinen Ohren den Tisch ab.
Nun an's Studiren rasch hinan,
So wird aus mir vielleicht ein ganzer Mann;
Es ist nur um eine kleine Müh,
So ist man baldigst ein Genie,
Daß man im Stande ist, Gesetze vorzuschreiben,
Und wie man will, sein Wesen dann zu treiben;
Ein Zaubrer bin ich nur, weil man muß was erwerben,
Denn sonst müßt' ich ja warlich Hungers sterben,
Durch dies Gewerbe kann ich unabhängig leben
Und unermüdet nach den Wissenschaften streben:
So will ich denn nur frisch studiren,
Es muß ja doch zu etwas führen. –

Er setzt sich nieder und vertieft sich in den Wissenschaften.

 


 

Wildverwachsner Wald.

Lysippus, Simonides.

Lysippus. Da sind wir nun in der Wildniß. –

Simonides. Ja, in der wildesten, die ich noch gesehn habe.

Lysippus. Muß sich Weisheit denn so abseits thun?

Simonides. Die Einsamkeit muß ihr doch gut bekommen.

Lysippus. Zum Henker noch einmal, wir werden wie die Narren herumgeschickt und haben nicht einmal freie Post bekommen.

Simonides. Ja, keine Station erstreckt sich bis hieher.

Lysippus. Und sieh nur, nirgend seh' ich Häuser.

Simonides. Oder Menschen.

Lysippus. Ja nicht einmal Bauern.

Simonides. Was nun ein Gesandter wohl hier machen soll?

Lysippus. Hier sollen wir nun unser Geld verzehren.

Simonides. Wenn man noch fragen könnte, wo der Weg hinginge!

Lysippus. Oder herkäme.

Simonides. Hier ist gar kein Weg.

Lysippus. Nichts als Bäume, Sträucher, Felsen, verfluchtes Unkraut. Mir fallen lauter Sterbegedanken ein.

Simonides. Aber Sie haben ja die Vollmacht bei sich.

Lysippus. Was kann die uns hier nutzen?

Simonides. Aber das königliche Siegel.

Lysippus. Nehmt doch nur Vernunft an, Herr Sekretär, die Bäume können ja nicht lesen.

Simonides. Verdient's denn aber der Prinz, daß man sich seinetwegen in diese Todesgefahr begiebt?

Lysippus. Ach, was kann er verdienen! Wir sind ausgebildete Menschen und vollendet; es ist aber noch ungewiß, was, trotz aller Zauberei, trotz unsrer Aufopferung aus ihm wird.

Simonides. Wenn wir nur einen Compaß mitgenommen hätten, daß wir wüßten, in welcher Weltgegend wir uns befänden.

Lysippus. Kann man das an solchem Dinge sehn?

Simonides. Ohne Zweifel.

Lysippus. Ich dachte, er wäre nur auf der See zu gebrauchen.

Simonides. Wenn wir so überzwerch plötzlich in Amerika hineingeriethen, oder in einen andern fremden Welttheil.

Lysippus. So könnten wir bei der Gelegenheit eine neue Straße Davis entdecken. Glaubst Du denn auch, daß die Pole eingedrückt sind?

Simonides. Man sagt's.

Lysippus. Wenn uns unsre Gelehrsamkeit nur aus der Irre helfen wollte.

Simonides. Was geht denn da?

Lysippus. Gottlob, ein heiliger Einsiedler, der seinen Rosenkranz abbetet. –

Waldbruder. Vergieb uns unsre Schuld, wie wir vergeben. –
Gewiß, ein schöner Wunsch; o wenn die Seele
Nur immer die magnet'sche Kraft empfände,
Die sie zum Himmel zieht: doch rückwärts zieht
Die Erde und so schweben wir im Zweifel
Und wissen nicht, wofür wir uns entscheiden.
O laß uns los, du unbarmherz'ge Erde,
Damit die Seele ihre Flügel prüfe,
Im klaren Element des Lichtes webe,
Und sich dem Aether, ihrer Quelle, nahe.

Lysippus. Seid uns gegrüßt und erlaubt, daß wir Euch in Eurem Gebete unterbrechen.

Waldbruder. Ich nehme Euren Gruß dankbar an.

Lysippus. Ich bin ein Gesandter, ein Abgesandter, wenn Ihr die Bedeutung dieses Wortes und meine Würde versteht; – hier, seht Ihr, ist die königliche Vollmacht, – eigenhändig unterschrieben, Gottlieb simpel weg, – hier das Petschaft, – nun seht's nur an, denn so was kömmt Euch selten in die Augen.

Waldbruder. Schon gut.

Lysippus. Habt Ihr Euch genug verwundert, Ihr guter unschuldiger Waldbruder? – Ja und nicht wahr, Ihr findet doch, daß ich so ziemlich herablassend bin?

Waldbruder. O ja. –

Lysippus. Die Sitten, seht Ihr, Herr Waldbruder, verfeinern sich in unserer großen Welt von Tage zu Tage, das ist keine Uebertreibung, wir bringen es in der Menschenliebe schon ziemlich weit, und es werden alle Tage neue Sätze selbst von hoher Hand genehmigt, die vor zehn Jahren die ärgste Ketzerei waren, und darum habe ich auch mit Euch und Eurem Stande ein gewisses Mitleid. Aufgeklärt bin ich so ziemlich, um Euren Rosenkranz da gehörig zu verachten, aber Ihr seid ja auch ein Mensch und könnt nicht dafür, daß Ihr nicht mehr erleuchtet seid.

Waldbruder. Freilich nicht. – Habt Ihr mir aber außerdem noch etwas zu sagen?

Lysippus. Nicht viel. Wißt Ihr vielleicht, wo wohnt denn der Zauberer, – Sekretair, wie ist der verwünschte Name?

Simonides, die Schreibtafel nachsehend. Polykomikus.

Lysippus. Ganz recht. – Also, wo dieser Mann sich aufhält, oder wohnt.

Waldbruder. Bei jener Eiche findet sich ein Fußsteig,
Wenn Ihr von dort den dicksten Wald durchschneidet
Und immer in gerader Richtung bleibt,
So kommt Ihr endlich einem Felsen nah,
Der schwarz gebrannt und wüst und traurig steht,
Von oben wächst in Büschen Epheu nieder;
Dort ist die Wohnung dieses Zauberers.

Lysippus. Vielen Dank, mein Freund, was für eine Art von Menschen ist er denn ohngefähr?

Waldbruder. Ein Riese, noch einmal so groß als Menschen,
Und mürr'schen Tempraments; schon mancher suchte
Mit Schaden seine mächtige Bekanntschaft.
Wenn Ihr ihn nicht bei guter Laune trefft,
So achtet er des Siegels und der Vollmacht
So wenig als des Königs Namenszug.
Oft hat er keine Lust, mit Zaubereien
Sich zu beschäftgen, dann verwandelt er
Sich schnell in mancherlei Gestalten: bald
Ist er ein Mensch, ein Thier, ein fließend Wasser,
Ein lodernd Feuer, aber immer schrecklich.
Lebt wohl, ich muß zu meiner stillen Klause. Ab.

Lysippus. Lebt wohl. – Das muß ja auf die Art ein rechter verruchter Kerl sein.

Simonides. Sie haben den Vortritt bei ihm, ich bleibe in der Antichamber.

Lysippus. Nein, Sekretair, Sie überreichen die Vollmacht.

Simonides. Nein, daß ich mich dessen nimmermehr erkühnte.

Lysippus. Es ist Ihre Schuldigkeit.

Simonides. Ich verrichte nur den kleinen Dienst.

Lysippus. Was nennen Sie den kleinen Dienst?

Simonides. Die wirklichen Geschäfte. – Sie thun den großen Schein ab.

Lysippus. Nimmermehr komm' ich ihm nahe. – Muß sich ein Kerl unterstehn, sich zu verwandeln, wenn man ihm des Königs Brief und Siegel zeigt?

Simonides. Es ist vielleicht ein Naturfehler an ihm, für den er nicht kann.

Lysippus. Ei was! – Ich dächte, wir ließen den Prinzen lieber in seiner Raserei umkommen.

Simonides. Das läuft aber gegen unsre Pflicht.

Lysippus. Ei was Pflicht? – Wenn mich der Riese auffrißt, so hat mein Leben und meine Pflicht zugleich ein Ende.

Simonides. Aber der Patriotismus.

Lysippus. Ja, daß ich doch ein Narr wäre!

Jeremias tritt auf.

Simonides. Was ist das für eine Mißgeburt?

Lysippus. Der da? Er sieht aus wie ein Kohlenbrenner.

Simonides. Aber er hat einen Höcker und schielt, dabei trägt er Strümpfe von zweierlei Farbe: ganz gewiß ein Sonderling.

Lysippus. Er affektirt im Gange, er will ein leises Hinken ausdrücken und es geräth ihm zu plump.

Jeremias geht an ihnen vorbei, er singt:
    Den Teufel kennt fast Niemand
        Und wär' er noch so dick;
    Das Auge sieht nicht die Hand
        Und das ist großes Glück.
    Sonst lebte sich's so sicher nicht
    Am Tageslicht, am Tageslicht.

    Die Tugend kennt ein jeder
        Und wär' sie unsichtbar;
    Es sucht sie keiner, weder
        Bei blond' noch greisem Haar.
    Drum lebt ein jeder so in Ruh
    Frisch immer zu, frisch immer zu.

Diese Gesellen dort scheinen mir ein paar Narren zu sein. – Gute Jagd, wenns Glück will.

Lysippus. Was hat uns der Himmel an Euch beschert, Kohlenbrenner, einen Freund oder einen Esel?

Jeremias. Beides, meine hochgeehrtesten Herren. – Wollt Ihr mich vielleicht sprechen?

Lysippus. Das wäre auch der Mühe werth gewesen, so weit darnach zu reisen.

Jeremias. Warum nicht? – O Gott, mich besuchen viele Leute, Leute aus allen Ständen; nach meinem Herrn wüßt' ich keinen, der hier in der Wildniß so viel gälte.

Lysippus. Wer ist Dein Herr?

Jeremias. Ich kennt meinen Herrn nicht? o da seid Ihr übel dran. – Kennt Ihr den großen Mann, den größten Mann, den Polykomikus nicht?

Lysippus. O den kennen wir sehr gut, zu ihm wollen wir eben.

Jeremias. O welches Glück, daß wir uns also angetroffen haben, denn ich bin sein Thürsteher, sein armer unwürdiger Bedienter, sein Aufwärter, einer, der Schüssel und Teller für ihn abwäscht, der die Stuben ausfegt und seine Schriften abschreibt, sie ihm auch zuweilen erklärt, wenn er sie wieder vergessen hat. Des Sonntags halte ich ihm eine Predigt, damit ich ihm doch auch für seine Seele nützlich bin, ich singe aber den Kanzelvers selber vorher, damit er nicht den Aufwand mit einem Küster zu bestreiten hat, denn Sparsamkeit ist doch die erste Tugend in der Welt.

Lysippus. Was haben wir hier in der Wildniß für einen Polyhistor aufgegriffen.

Simonides. Ein großer und ein überaus praktischer Mann.

Lysippus. Er ist leicht mehr werth, als sein Herr.

Jeremias. Außerdem hab' ich auch das Thürstehen aus dem Grunde studirt, und so leicht einem diese Wissenschaft im Anfange vorkömmt, so viele und große Schwierigkeiten zeigen sich doch hernach; man kann nachher kaum an die Bescheidenheit mehr zurückdenken, wenn man es erst weit gebracht hat.

Lysippus. Excentrisch scheint Er mir doch.

Jeremias. Vielleicht gar verrückt.

Lysippus. Verrückt nun wohl eben nicht, denn dazu müßten wir noch mehr psychologische Merkmale sammeln. – Von welcher Art ist denn Dein Herr?

Jeremias. O er ist unvergleichlich. So sanft wie ein Kind, so liebreich wie eine Taube.

Lysippus. Man beschrieb ihn uns als einen Kannibalen.

Jeremias. Nun ja, so wird die Tugend gelästert: glaubt keine Sylbe davon, Ihr meine verehrungswürdigen Herren; selbst der Satan spricht von meinem Herrn Gutes, also laßt Euch dadurch nicht irre machen.

Lysippus. Nun, so wollen wir denn gehn.

Jeremias. Habt Ihr vielleicht Briefe an ihn?

Lysippus. Ja, hier ist eine große königliche Vollmacht.

Jeremias. Zeigt doch. – Ei, recht hübsch geschrieben, und schön gesiegelt: Ihr führt einen Affen im Schilde?

Lysippus. Ja, allerdings.

Jeremias. Nun das ist brav von Euch. – Wollt Ihr hier diesen Fußpfad einschlagen? – Ich will Euch folgen. –

Sie gehn, er hinter ihnen und verwandelt sich plötzlich in einen großen Vogel.

Lysippus, ohne sich umzusehn. Ist es noch weit?

Jeremias, schnarrend. Gar nicht.

Lysippus, sich umsehend.
Was Teufel haben wir denn hier? Wer seid Ihr?

Jeremias. Der Eulenkönig.

Lysippus. Wer?

Jeremias. Könnt Ihr nicht gut hören? – Eulenkönig!

Simonides. Was ist das?

Jeremias. Ein Mann, der über die Eulen herrscht.

Lysippus. Wo ist der Kohlenbrenner geblieben?

Jeremias. Kohlenbrenner? Ihr ras't, ich spreche schon eine halbe Stunde mit Euch und Ihr habt mich ja gebeten, Euch zum Polykomikus zu führen, der Euch fressen will, da Ihr den Weg nicht wüßtet.

Lysippus. Simonides!

Simonides. Herr Ambassadeur!

Lysippus. Wenn ich schlafe, so gebe ich Dir die Erlaubniß, mich aufzuwecken.

Simonides. Wen ich nicht träume, so wachen wir.

Sie stehn in tiefen Gedanken.

Jeremias verwandelt sich in seine erste Gestalt. Nun, wollen wir nicht gehn, meine Herren?

Beide. Sieh da! – der Thürsteher!

Lysippus. Kohlenbrenner, so eben kam mir's vor, als wenn ein Eulenkönig mit uns ginge.

Jeremias. Ei, welche Schwärmereien!

Simonides. Nein, gewiß.

Jeremias. Ei, schwören Sie doch nicht, es giebt gar keine Eulenkönige. Ich bin Ihnen nicht von der Seite gegangen. Gehn Sie nur zu, es wird spät. Sie gehn, er verwandelt sich in einen großen Affen. Hallu! hallu!

Lysippus. Was giebt's, Herr Thürsteher? – O ach! Simonides!

Simonides Lysippus!

Lysippus. Mir vergehn die Sinne, – aller Verstand. – Hundert gegen eins, ich werde toll.

Jeremias, stotternd. Ha – habens ni – nicht den Eu – Eu – Eu – Eulenkönig gespro – sprochen?

Lysippus. Eulenkönig?

Jeremias. Ich bin sein Haushofmeister, – Aff, Gras – Grasaff, sonst auch genannt Grasemücke, sing' liebliche Lieder; neh – nehm sich vor dem Kohlenbrenner in Acht: er ist ein Verräther!

    La – la – la – lacht doch,
    Wa – wa – wa – wacht Ihr noch?
    Tu – tu – tu – tummle dich,
    Verstand, – o – sa – sa – sammle dich.

Als Eule. Jup! wohin meine Herren!

Als Affe. Wa – wa – warum lacht Ihr nicht?

Als Jeremias. Meine Herren, wir kommen zu spät.

Lysippus Warum soll ich mich länger geniren? Fängt an zu singen:

        Toller und toller!
        Voller und voller
                Mein Gehirn;
        Dieser Koller
        Ach was soll er
                In der Stirn?

Simonides.
    Auf! auf! zum lustigen Reigen!
    Laßt Kuckuck und Gänserich schweigen,
    Die Fiedel klinge darein.

Beide.
    Lustig zum jauchzenden Reihn,
    Vernunft soll niemals, niemals unter uns sein.

Jeremias, singend.
            Wie sie schwärmen!
            Wie sie lärmen!
            Immer dreister,
            Lieben Meister!
    Künftig wird's Euch gar nicht fehlen
    Am Hofe alle Gunst zu stehlen.

Alle drei mit Tanzen.
            Juchhei, hopsasa!
            Dalderei, hopsasa;
            Immer zu
            Ohne Ruh,
            Hopsasa
            Ja, ja,
            Nichts als hopsasa! – Sie schwärmen ab.

 


 

Höhle des Polykomikus.

Polykomikus. Jeremias! – Ich bin so müde, denn – meine Schriften – eine gewisse Langeweile ist doch warlich immer mit geistreicher Gründlichkeit verbunden. – Ich habe heut in meinem besten Buche zu viel und mit zu großer Freude gelesen. – Jeremias!

Jeremias tritt auf.

Polykomikus. Hast Du das Bett schon gemacht, Bedienter?

Jeremias. O ja, gnädiger Herr.

Polykomikus. Was ist Dir, Du siehst so schalkhaft aus, Du hast gewiß wieder einen Streich ausgeführt?

Jeremias. O mein Herr, alle Ribben thun weh
Vom entsetzlichen wilden Gelache:
Kommt Euch Volk aus der Stadt Euch zu sehn,
Wollen Rath, und nun fragen sie mich
Voller Weisheit und sind Psychologen;
Bin erst ernst und kirre sie mir,
Laß sie treu dann mir alles erzählen:
Dann beginnt unvermerkt mein Gespött,
Jener alte sehr liebliche Spaß:
Bin bald Vogel – bald Aff' und dann Mensch, –
Ach sehr bald ward der Rest des Verstands
Wie gestoben so weit in die Luft:
Und nun tanzen und schwärmen sie rasend
Immer wilder und wilder dahin,
Alle Bäume stehn da voll Erstaunen,
Alle Felsen betrachten verwundernd
Dieses Chor, das so toll da herumschwärmt:
Und nun lass' ich sie dort in dem Wald
Und Ihr eigen Gelächter hält munter
Diese Narren, sie taumeln noch immer
Von Gesträuch zu Gesträuch und betrachten
Bald den Himmel, die Erde, die Luft
Und belachen wie toll was sie sehn:
Auf ein Jahr ist der Ernst für sie todt.
O mein Herr, könnt Ihr Euch denn was Lustigers denken?

Polykomikus. Du bleibst doch immer der Alte. – Gute Nacht. Er geht in seine Schlafkammer.

Jeremias. Gute Nacht. – Jetzt zum Abendsegen. Er setzt sich zum Lesen nieder.

 


 

Dorus Landhaus.

Helikanus allein.
Ich kann nicht ruhn, die Sorge treibt mich früh,
Noch ehe die muntre Sonn' vom Schlaf erwacht,
Von meinem Lager. – O wie wechselnd ist
Doch mein Gemüth, so wandelbar, veränderlich
Ist nichts mehr in der weiten Welt: denn bald
Bin ich so glücklich, so von Herzen froh,
So in mir selber groß, daß ich mit Frechheit
Die Sterne pflücken möchte, und wie Blumen
Zum Kranze für mein Haupt zusammen flechten.
Ein Augenblick, so wechselt diese Flut,
Sie tritt zurück und macht das Ufer nackt,
Und ärmlich dünkt mir dann mein ganzes Innre:
Dann könnt' ich mit dem Bettler tauschen, sterben,
In ferne, niebesuchte Höhlen kriechen,
In ewiger Betrachtung meines Jammers
Ein langes quaalenvolles Leben schmachten:
Dann seh ich ihren Blick, ein Lächeln grüßt
Den eingekrümmten Geist und alles ist
Vergessen, mir gehört die ganze Welt. –
Bald kömmt das Bild der göttlichen Kleora
Und geht an mir mit ernstem Schritt vorüber:
O dann versink' ich tief, die Erde weicht
Vor meinen Füßen und ich taumle trunken;
Jetzt denk' ich, wie Kleora lächelte
Und Lila's Lächeln ist kein Lächeln mehr,
Und sie steht arm und dürftig bei der Pracht,
Die Strahlen aller Sonnen gehn mit jener
Und Lila bleibt in trüber Dunkelheit.
Dann sag' ich wieder: nein, wie Lila war
Noch nie ein Mädchen; diese Huld und Milde,
Dies Himmlische in ihrem sanften Auge,
Der stille Glanz der Lieblichkeit, die sich
In keine harten Worten fesseln läßt, –
O welche Quaal in dem verwirrten Busen!

Lila tritt auf.

Lila. Hört Ihr wohl, wie die Lerche singt?

Helikanus. O ja, liebe Lila.

Lila. Ihr seid immer früh munter, die Leute aus der Stadt schlafen sonst gern länger.

Helikanus. O wer kann schlafen, der an Lila denkt?

Lila. Ihr fangt schon wieder an.

Helikanus. Höre mich.

Lila. Ich darf nichts hören.

Helikanus. Bist Du so grausam? Kannst Du es mit dieser Bildung sein?

Lila. Ihr wißt nicht, was Ihr wollt, und darum muß ich so sein.

Helikanus. Du bringst mich zur Verzweiflung.

Lila. Dahin bin ich durch Euch schon längst gekommen.

Helikanus. Warum bist Du so liebenswürdig.

Lila. Warum seid Ihr, – doch, ich will schweigen. Ich mag Euch nichts Hartes sagen.

Helikanus. O sag es, was kümmern mich die Worte, wenn Du mein Herz zerreißest.

Lila. Ich kann Euch nicht lieben, ich kann nicht; was quält Ihr mich und Euch? – Soll ich von Kleon lassen? Ihr seid rasend, wenn Ihr es fordert; ich bin schlecht, wenn ich ihn vergesse. Soll ich schlecht, wollt Ihr wahnsinnig sein?

Helikanus. O Lila!

Lila. Lebt wohl. – Sie geht ab.

Helikanus. Und was soll ich ihr nun sagen? – Ich kann nicht fort, ich kann nicht bleiben. Mein Herz will im Busen zerspringen und doch hat sie Recht. – O ja, aber es ist Unsinn, Raserei, hier von Recht und Unrecht zu sprechen, nur daran zu denken. – Ich will in den tiefsten Wald gehn und mich vor meinen Gedanken verbergen, oder sie recht liebevoll um mich her versammeln; der Krieg der widerstreitenden Gefühle wird von neuem beginnen. – Ich wollte, ich wäre todt, dann würde Lila meinen Verlust und meine Liebe fühlen. – Geht ab.

 


 

Wald. Vor der Höhle des Polykomikus.

Jeremias sitzt, an einen Felsen gelehnt, und liest aufmerksam in einem Buche.

Jeremias. Die Sonne geht schon auf, da ist es gerade die rechte
Zeit, um seinen Geist zu beschäftigen.

Satan tritt aus dem Walde heraus.

Satan. Nun Jeremias, wie geht es Dir?

Jeremias. O unterthänigster Knecht, gut, Ihro Excellenz aufzuwarten.

Satan. Was liesest Du denn da mit so vieler Anstrengung.

Jeremias. Ein recht gutes Buch, das den Titel führt: religiöse Morgenbetrachtungen.

Satan. Du kehrst Dich ganz um, mein lieber Freund, Du wirst mir gar zu fromm, ein wenig kann der Heuchelei wegen nicht schaden, und das thu' ich wohl selber, aber zuviel davon ist ungesund.

Jeremias. Wie man es nimmt, hochzuverehrender Herr Satan, nachdem man es genißt. Und warum sollen wir denn immer so ruchlos in den Tag hineinleben? Dabei kömmt doch auch nicht viel heraus.

Satan. Freund, Du ärgerst mich, daß Du Dich nach und nach so gänzlich verwandelst.

Jeremias. Der Verstand kömmt einem erst mit den Jahren, das ist einmal so im Laufe der Natur und es ist nicht zu ändern. Sehn Sie, unbegreiflich ergötzen mich diese Morgenbetrachtungen, der Aufgang der Sonne und das Entzücken und Erwachen der Natur ist recht poetisch beschrieben, und so sitz' ich nun hier und vergleiche so wie die Sonne höher steigt, Zug für Zug die Copie mit dem Original. Ich lerne daraus ganz klar, auf welche Art man nimmermehr den Morgen beschreiben sollte, und damit ist doch bei alle dem schon vieles gewonnen.

Satan. Es ist aber doch immer religiöse, und das Wort ist mir in den Tod verhaßt.

Jeremias. Im Grunde besagt es nur der Titel so, denn wenn man es religiöse liest, freilich so ist es, dann sind aber auch alle Bücher religiöse.

Satan. Seit wann bist Du denn so spitzfindig geworden?

Jeremias. Ach gnädiger Herr Satan, man sucht doch seine Seele auf alle mögliche Art auszubilden. – Wie geht es denn sonst mit Ihren Projekten?

Satan. Ich habe sie ganz und gar aufgegeben und lebe nun nur so in den Tag hinein; so lange man noch nicht über die Plane hinaus ist, ist man noch nicht weit gekommen.

Jeremias. Das sag' ich auch immer, besonders für einen Dichter, wie Sie sind.

Satan. Du nennst mich einen Dichter?

Jeremias. Den ersten Tragödiendichter in der Welt, hochzuverehrender Herr. An Dero Planen ist vielleicht nur das auszusetzen, daß sie alle zu sehr aufs Gräßliche hinauslaufen. Es fehlt hin und wieder die schöne Simplicität der griechischen Tragödie.

Satan. Wie meinst Du das?

Jeremias. Sie fangen es mit einem Worte zu teufelmäßig an, zu satanisch, zu höllenbrändisch: freilich macht es Effekt, aber, bester Herr, Sie gerathen zu oft in's Manierirte. Die reine Schönheit, Herr Satan! die reine Schönheit, das ist's, wonach wir ein Trachten empfinden.

Satan. Ich glaube Du bist rasend geworden. Ein Dichter! lieber gar ein Verliebter! – Was macht Dein Herr?

Jeremias. Immer noch der Alte, der Wohlthäter des Menschengeschlechts.

Satan. Hat er sich das noch nicht abgewöhnt?

Jeremias. Ganz versessen ist er darauf, es wird mit jedem Tage ärger.

Satan. Er schläft wohl noch?

Jeremias. Wenn er nicht studirt, gewiß.

Satan. Ruf ihn doch, ich möchte ihn wohl wieder einmal sprechen.

Jeremias. Belieben Sie nur zu klingeln, so kömmt er von selbst.

Satan. Es wird mir wohl um's Herz thun, ihn nach so langer Zeit wieder zu sehn. Er klingelt.

Polykomikus mit der Nachtmütze aus dem Fenster.

Polykomikus. Will mich ein Fremder kennen lernen?

Jeremias. Der Herr Satan wollten gern das Vergnügen haben.

Satan. Nun wie gehts, Du alter Kalmäuser? Du Stubensitzer? Was für neue Gedanken hast Du mit Deinem Kopfe herausgebracht?

Polykomikus. Sehr höflich die Mütze abnehmend. Meinen Sie mich, mein Werthgeschätztester?

Satan. Mich? Wen sonst, Du Eselsgesicht? Ich glaube Du spielst den Hofmann auf Deine alten Tage?

Polykomikus. Mit wem hab' ich denn die Ehre zu sprechen?

Satan. Ei so stell Dich, Hans Hasenfuß! – Die Rolle kleidet Dich sehr schlecht.

Polykomikus. Mein Werther, ich hatte erst die Absicht, Sie mit Humanität zu überwältigen; aber ich sehe wohl, daß das die Perl vor die Säue werfen hieße; Sie werden es also nicht ungütig nehmen, wenn ich nunmehr das Rauhe herauskehre.

Satan. Mir so zu begegnen.

Polykomikus. Ja Niemand anders als Ihnen, gerade Ihnen, weil Sie es sind. Ich wollte unsern ehemaligen Umgang auf eine höfliche Art abbrechen, aber jetzt seh' ich mich genöthigt, Ihnen ohne weitre Umstände mein Haus zu verbieten.

Satan. O mein Lieber, wenn Er ohne den Satan leben kann, so ist das gut für ihn, deswegen braucht er noch nicht so den Renommisten zu spielen.

Polykomikus. Wenn man sich auf die Moral applizirt, so wie ich gegenwärtig thue, so kann man Sie füglich entbehren. Mein bester Herr Satan, ich muß Ihnen gestehn, daß alle Leute von Ihnen sagen, Sie wären ein unmoralischer Bursche. Was für Teufeleien fangen Sie in unserm Jahrhundert an! Mit einem Wort, ich will nichts mit Ihnen zu schaffen haben. Er wirft das Fenster zu.

Satan zornig. Du undankbarer Knauser! Tugendschelm!
Vergiltst Du so, was ich für Dich gethan?
Wer wars, der Dir zuerst der Menschen Zutraun
Und ihre tölpische Verehrung schenkte?
Wer, Charlatan, bekenn' es, war der Mann,
Der Dich zuerst den Gründlichen genannt?
Wer brachte Dich in Ruf des Weitbelesenen?
Wer schlug die andern mit ägyptscher Blindheit,
So daß sie glaubten, daß Dein bischen, wen'ger
Als bischen Gucken wirklich Sehen sei?
Kam nicht ein Potentate nach dem andern,
Ja Adel, Mittelstand, und Bauernwelt,
Bei Dir, Unwissenheit, sich Raths erholen?
Um Dich zu stürzen brauch' ich Dich nicht dümmer
Zu machen, andre nur ein wenig klüger,
Und warlich, dies geschieht heut Nachmittag.
Wenn dann die Welt ihr Mittagsschläfchen hält,
Soll jeder sich nachher die Augen reiben,
Hinweg den Aberglauben treiben.

Jeremias. Sie erhitzen sich.

Satan. Und Du, Bedientenbrut jener Undankbarkeit! – Was soll ich zu Dir sagen?

Jeremias. Alles, was Ihnen gefällig ist.

Satan.
Aber ich bin ein Thor, daß ich mich so ärgre.

Jeremias. Mein Herr hat sich ganz verändert, das ist wahr, aber ich dachte, Sie wüßten das schon.

Satan. Ist es nicht wahr, Jeremias, daß er mir alles zu danken hat?

Jeremias. Vollkommen alles, ja mehr als alles.

Satan. Ich habe ihm Vorschub in allen Wissenschaften gethan, ich habe das Schulgeld für ihn bezahlt, ich habe so viel an ihn gewandt, – und nun begegnet er mir so?

Jeremias. Er meint nun, er stehe auf seinen Beinen fest genug.

Satan. Schon gut, – Du wirst sehn, wie sich das in Kurzem ändern wird. Geht ab.

Jeremias. Wird der alte Kerl nicht ganz kindisch? Wenn der Teufel erst die Sachen so ernsthaft nimmt, so ist wenig Freude mehr in der Welt zu hoffen. – Der Mann ist gar nicht mehr, was er in der Jugend war: so gar verdrießlich habe ich ihn noch nie gesehn. – – Aber da hat er mich nun in den Morgenbetrachtungen unterbrochen. Er fängt wieder an zu lesen.

Lysippus und Simonides treten unter lautem Lachen auf.

Lysippus. Ha ha ha! – Legationssekretär, ich wollte, daß der Teufel dies verfluchte Lachen holte, ha ha ha!

Simonides. Ha ha ha! – Ja, wenn Sie nur wenigstens Ihren Witz unterdrücken wollten. Ha ha ha! ich komme um vor Lachen, ha ha ha!

Lysippus. Ein guter Einfall! ha ha ha!

Simonides. Ha ha ha! Aber auf Ehre, ha ha ha! Ihre Excellenz, kein Einfall, ha ha ha! Es ist mein Ernst, ha ha ha!

Lysippus. Sekretär, – ha ha ha! Laßt das Spaßen, ha ha ha! sonst werde ich böse! ha ha ha!

Simonides. Böse? ha ha ha!

Lysippus. Ha ha ha! Ihr habt gut Lachen, ha ha ha! – aber ich gebe Euch den Abschied.

Simonides. Ha ha ha!

Lysippus. Ha ha ha! Sie lachen.

Simonides. Sieh, ist das nicht – ha ha ha!

Lysippus. Ja, ist das nicht – ha ha ha!

Jeremias betrübt. Meine Herren, darf ich die Ursach wissen, warum Sie mich auszulachen belieben?

Lysippus. Ha ha ha! Bist Du nicht, Kerl, – Eulenfürst? ha ha ha!

Simonides. Und dann wieder, – ha ha, – o es ist zum Todtlachen, ha ha ha!

Jeremias weint. O meine Herren, ein tugendsames Gemüth verdient gewiß nicht, daß es den Leuten so zum Spott wird.

Lysippus. Ha ha ha. Wer spottet denn?

Simonides. Hast Du uns nicht vexirt? ha ha ha!

Jeremias. Vexirt? daß ich nicht wüßte.

Lysippus. Als Gespenst, – und Vogel, ha ha ha, – und Bedienter und Küster, – ha ha ha!

Jeremias. Ach lieber Herr, ich habe hier meine Morgenandacht in aller Seelenruhe gehalten.

Lysippus. Der Kerl scheint bei alle dem unschuldig. Ha ha ha!

Simonides. Unschuld! eine ungeheuer lächerliche Idee! Lacht überlaut.

Jeremias. Meine Herrn, Sie kommen gewiß aus der Stadt?

Lysippus. Getroffen! ha ha ha!

Jeremias. Sie sind ausnehmend vergnügter Complexion.

Simonides. Noth lehrt beten. Ha ha ha!

Lysippus. Noth bricht Eisen. Ha ha ha!

Polykomikus aus der Höhle.

Polykomikus. Was giebts denn hier zu lärmen und zu lachen? Ich kann da drinne keinen Gedanken beisammen behalten!

Lysippus. Gedanken! ha ha ha!

Polykomikus nachäffend. Ha ha ha! Was ist denn bei einem Gedanken zu lachen!

Simonides. Das weiß ich auch nicht, Herr Gesandter, ha ha ha!

Polykomikus. Und tadelt ihn und fällt in dasselbe Laster!

Simonides. Laster! ha ha ha!

Lysippus. Ha ha ha! Wie kann man nur über Laster lachen?

Polykomikus. Jeremias!

Jeremias. Sie lachen über alles.

Lysippus. Sieh, sieh, Sekretair! – die Eselsohren! ha ha ha!

Simonides. Wie ehrwürdig! ha ha ha!

Polykomikus geht ab.

Jeremias. Meine werthesten Freunde, mein Herr ist gewiß böse, daß er so still wieder in's Haus geht. Mäßigen Sie sich ja, sonst könnte Ihnen ein Unglück begegnen.

Lysippus. Mach mich nicht mit Unglück zu lachen! ha ha ha!

Polykomikus kommt mit einem ungeheuern Besen zurück.

Simonides. Was wollt Ihr, Prophet?

Polykomikus. Den Unrath hier, als Euch, von meiner Thüre fegen,
Der meinem Hause sonst fast zu beschwerlich wird:
Jetzt, denk' ich, soll sich wohl das dumme Lachen legen,
Auch laßt Ihr's künftig wohl, daß Männer Ihr vexirt,
Die, wenn's nach Würde ging, das ganze Reich regierten,
Den Scepter durch die Bank von ganz Europa führten.
O Freunde, lernt doch erst, was Schmuck der Ohren sei!
Dem Kenner warlich nur, steht nur zu spotten frei;
Ihr scheint mir Beide nur zwei junge Dilettanten,
Die sich bis dato noch den Schnabel nicht verbrannten,
Doch seht: Ihr Bübchen kommt bei mir just unrecht an,
Euch zu bestrafen bin ich straks der rechte Mann.

Er fängt aus Leibeskräften an zu fegen. Lysippus und Simonides fliegen mit Staub und Laub in der Luft umher.

Lysippus. Gnade! Gnade!

Simonides. Wir fliegen in der Luft.

Lysippus. Fegen Sie uns nicht aus der Wüste heraus.

Simonides. Das Lachen ist an uns nur eine Naturmerkwürdigkeit.

Lysippus. Nicht angeboren. – O ich bin ganz mit Staub bedeckt!

Simonides. Dies Lachen entsteht nicht aus vernünftiger Ueberlegung, – stellen Sie das Fegen ein.

Lysippus. Es ist nichts weniger als ein Prüfstein der Wahrheit, – drum Barmherzigkeit!

Polykomikus. Nun will ich aufhören. Seid Ihr nun bekehrt?

Lysippus. Ich habe alle Taschen voll Staub.

Polykomikus. Seid Ihr nun vernünftige Leute?

Simonides. Aufzuwarten, ich kann nicht aus den Augen sehn.

Polykomikus. Nun sprecht.

Lysippus. Das Lachen haben wir auf Ehre erst hier in der Wüste bekommen.

Polykomikus. Warum lach' ich denn nicht?

Simonides. Sie sind die Luft gewohnt.

Polykomikus. Redet.

Lysippus. Ach, das Fegen hat mich zu sehr mitgenommen.

Polykomikus. So ist die Spreu nunmehr vom Waizen gereinigt.

Simonides. Ich habe Athem und Stimme verloren.

Polykomikus. Ihr werdet künftig wieder zur Unzeit lustig sein. Nun sammelt Euch und redet.

Lysippus. Bester Herr Prophet, wir sind Abgesandte des Königs Gottlieb.

Polykomikus. Wo ist Eure Vollmacht?

Lysippus. Sekretair!

Simonides. Hier! Er überreicht ein Blatt.

Jeremias. Wie mein Herr die Augen verdreht! das habe ich mir wohl vorgestellt.

Polykomikus. Wie, Ihr unverschämten, leichtsinnigen Buben, wollt Ihr Euch unterstehn, mir mein mühseliges Fegen so zu vergelten? Sieh, Jeremias, die Frechheit! Er überreicht mir ein Blatt der Literaturzeitung, worin mein neustes Werk rezensirt ist. – Jeremias, lies; ich bitte Dich um's Himmels Willen, ich hätte keinen Witz!

Jeremias schlägt die Hände über den Kopf zusammen. Keinen Witz? O das ist ja fast eben so verrucht, als wenn man sagte, Sie hätten keinen Verstand.

Polykomikus. Ich keinen Witz? Und, Ihr Böswichter, das ist Eure Vollmacht?

Lysippus. Schütteln Sie Ihre Ohren nicht so schrecklich gegen mich, – der Sekretair hat den Bock geschossen.

Simonides. Ohne meinen Willen, fürchterlichster Herr Prophet.

Lysippus. Wenn er wieder auf das Fegen verfällt, so sind wir geliefert!

Simonides. In alle vier Winde hinein. – Allergnädigster, die Bosheit rührt bei meiner Ehre von dem Eulenkönige her. Der besah unsre Vollmacht und hat uns das schlechte Ding da gewiß untergeschoben. Hier ist aber die ursprüngliche Beglaubigung.

Polykomikus liest. Wir von Gottes Gnaden, Gottlieb der Erste, – Ja, das lass' ich gelten.

Lysippus. Dem Himmel sei Dank, daß wir der Gefahr entronnen sind.

Polykomikus. Ich sehe aus diesem allergnädigsten Handschreiben, daß man meine Hülfe für den jungen Kronprinzen erwartet.

Lysippus. Das ganze Land streckt die Hände nach Ihnen aus.

Polykomikus. Jeremias, ich muß wieder in die Welt hinein. – Da, bewahre den Besen wohl, gieb Acht auf das Haus, studire indessen in meinem Namen, halte Dich an den Wissenschaften fest und schlafe nicht so viel.

Jeremias. Kann ich nicht kleinen Rath ertheilen?

Polykomikus. Wenn er dringend ist, sonst nicht. Aber dann nimm auch alle fünf Sinne zusammen. Wenn es ein wichtiger Fall ist, mußt Du meine Rückkehr erwarten. Kommen Sie, meine Herren Abgesandte.

Er geht mit den Gesandten ab.
Jeremias trägt den Besen ins Haus.

 


 

Dorus Garten.

Dorus allein.
Ich dacht' es wohl, es läßt der böse Schmid
Von einem Tage mich zum andern warten,
Und niemals braucht' ich noch die Feldgeräthschaft
So nöthig, alle Arbeit feiert und
Die Knechte werden träge, – doch mich dünkt,
Ich höre ihn!

Der Schmid kömmt.

Schmid. Hier sind die Sachen, und
Gewiß viel Arbeit haben sie gekostet.

Dorus. Was ist denn das?

Schmid. Ich will's erklären mit
Verlaub: seht nur, wie künstlich ich die Egge
An den Pflug geschmiedet und den Spaten dann
Trophäen gleich hier oben festgemacht;
So werd't Ihr auch den Karsten nicht vermissen,
Er steckt hier hinten, warlich wie ein Kunstwerk
Erscheint nunmehr die mannichfaltge Arbeit.

Dorus. Fast möcht' ich böse werden, denn was habt
Ihr sonst gethan, als alles mir verdorben?
Befahl ich nicht, die Eisen nur zu schärfen,
Was fehlte zu ersetzen, – daß ich's dann
Auf meinen Aeckern muthig brauchen könnte?

Schmid. Ihr wollt es brauchen?

Dorus. Nun, was sonst?

Schmid. Ja dann ist meine Kunst gewiß verschwendet,
Die Mühe ganz, durchaus verloren. Seht
Ich nahm, was Ihr bei mir bestelltet, dreist
Im allegor'schen Sinn.

Dorus. So seid Ihr närrisch.

Schmid. Nein, Freund, der Thor verräth sich eben dadurch,
Wenn er der Menschen Worte wörtlich nimmt.
Es ist nur Einfalt, den Sinn zu begreifen,
Der offenbar in jeder Rede liegt,
Man muß auch wissen auf die Spur zu kommen,
Man muß dabei was anders denken können.
So denk' ich oft bei Fisch an Vogel, zur
Vergeltung fällt bei Vogel mir die Katze
In die Gedanken, alles wird verknüpft.

Dorus. Ihr hättet weiser wohl als Schmid gehandelt,
Wenn Ihr die Sachen unverknüpft gelassen.

Schmid. Da ich nun weiß, daß Ihr auf planen Sinn
Besteht, soll mir's gewiß nicht mehr begegnen.

Dorus. So nehmt sie mit und macht sie ordentlich.

Schmid. Da meint Ihr simpel, denn sie sind doch wohl
In schönster Ordnung, mißbraucht nicht die Wörter.

Dorus. Wann bringt Ihr einzeln sie zurück?

Schmid. Es kostet
Nun wieder Arbeit, aber künft'ge Woche. Sie gehn ab.

 


 

Der Pallast.

Leander, Curio, Selinus.

Curio. Der neue Doktor macht auch kein Glück beim Prinzen.

Leander. Es ist nicht möglich, da der Prinz sich für klüger hält, als seine Aerzte.

Selinus. Eine mißliche Krankheit!

Leander. Wenn wir nur erst den fremden Zauberer hier hätten, so wäre doch einige Hoffnung.

Der Hof versammelt sich; der König Gottlieb, seine Gemalin, der alte König treten herein; nach ihnen Sicamber, Hinz von Hinzenfeld, die Räthe des Reichs, der Arzt und der fremde Doktor, Gefolge. – Der König, so wie die Vornehmesten, setzen sich.

Gottlieb. Wir haben leider wahrgenommen, daß keine Medizin bei unserm Sohne etwas anschlagen will, weder die einheimische, noch die fremde Arzneikunst sind im Stande, ihn wieder herzustellen; wir haben uns daher genöthigt gesehn, zu übernatürlichen Mitteln unsre Zuflucht zu nehmen, und erwarten nun mit größter Ungeduld den weltberühmten Zauberer. Euch, Doktores, ist es vergönnt, Euch unterthänigst zu beurlauben, denn wir können Eure hülflose Hülfe nunmehr füglich entbehren.

Die Doktores verbeugen sich und gehn ab.

König. Ich bin neugierig auf den Zauberer.

Gottlieb. Wie so, Herr Vater?

König. Nun, ich meine nur, wie er wohl aussehn wird.

Gottlieb. Wie wird er aussehn? Wie jeder andre Mensch, wie jeder von uns; das Außerordentliche, mein bester Herr Vater, steckt in ihm, auf das Aeußere muß man nie etwas geben.

König. Ich dachte nur von wegen der Eselsohren.

Gottlieb. Ja, das ist ein ander Ding, das ist so ein eignes charakteristisches Merkmal, vielleicht ein Muttermal oder sonst dergleichen. – Aber unsre Gesandten bleiben sehr lange.

Königin. Wenn sie sich nur in der Wüste nicht verlaufen haben.

Lysippus. und Simonides treten lautlachend herein.

Gottlieb. Gesandten, ziemt es sich, mit Lachen vor uns zu erscheinen?

Lysippus. Mein gnädigster König, ha ha ha!

Simonides. Mein Allergnädigster – ha ha ha –

Gottlieb. Was giebt's denn?

Lysippus. Ha ha ha, der fürchterliche Zauberer ist gegenwärtig.

Gottlieb. Kann man denn keinen Hofmann in eine Wüste schicken, ohne daß er gleich Sitten aus fremden Ländern mitbringen muß?

Selinus. Aber die Mode ist lieblich, ha ha ha.

Curio. Ein ehrwürdiger Gebrauch, ha ha ha.

König. Nun wird das fremde Laster bald am ganzen Hofe einreißen. So wetterwendisch ist der Verstand des Menschen.

Gottlieb. Wo bleibt denn der Herr Zauberer?

Lysippus. Ha ha ha, er ist so groß, daß ihm erst beide Thorflügel müssen aufgemacht werden.

Gottlieb. Lacht nicht über alles; wollt Ihr den Mann deswegen verspotten, weil Ihr klein seid?

Simonides. Ha ha ha, – Ihro Majestät, wir sind gefegt und alles, aber, ha ha ha, das Lachen ist uns doch nicht vergangen.

Polykomikus tritt mit seinem Stabe ein.

Polykomikus. Hier bin ich!

Gottlieb. Das ist also der Zauberer oder Hexenmeister. Sind Sie's?

Polykomikus. Ja.

Gottlieb. Er spricht sehr verständig, er hat ein gewisses je ne sçai quoi an sich, das ihn äußerst liebenswürdig macht. – Mein lieber Getreuer, Sie möchten mal zaubern. – Hol' doch einer den Prinzen!

Sicamber ab.

Polykomikus. Ich will nicht zaubern, ich bin heut nicht dazu aufgelegt.

König. Er will sich ganz so wie die Virtuosen bitten lassen.

Gottlieb. Sein Sie doch so gütig.

Polykomikus. Ich kann nicht zaubern.

Gottlieb. Sie werden uns doch das Vergnügen nicht versagen.

Polykomikus. Es kann nicht geschehn. Verwandelt sich in einen Baum.

Gottlieb. Der Tausend!

König. Ein rares Kunststück!

Gottlieb. Meiner väterlichen Liebe zu Gefallen –

Polykomikus. Nimmermehr. Brennt als Feuer.

Gottlieb. Es sollten mich auch diese hundert Goldstücke nicht gereuen.

Polykomikus verwandelt sich in seine natürliche Gestalt und nimmt sie. Nun, warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt, so hätt' ich mir nicht so viele unnütze Mühe gegeben.

Prinz Zerbino mit Hanswurst, Nestor, Sicamber und Andere.

Zerbino. Wo ist der Mann, der seine Kunst an mir versuchen will?

Gottlieb. Sprich mit mehrerer Ehrerbietung von diesem Manne, mein unglückseliger Sohn. – Sie nehmen's ihm wohl nicht übel, das sind so seine Abwesenheiten.

Polykomikus. Kleinigkeit für mich, der unterdrückten Natur nachzuhelfen! – Kommen Sie näher, mein junger, liebenswürdiger Prinz.

Zerbino. Da bin ich, aber es scheint mir, als wäre es mit der sogenannten Cur noch im weiten Felde.

Polykomikus. Wie das?

Zerbino. Weil Ihr selbst erst von Eurer Unwissenheit müßtet hergestellt werden.

Polykomikus. Ungemein naseweise Antworten, wie sie mir schon je zuweilen in dergleichen Fällen vorgekommen sind. Die Krankheit ist noch gar nicht eine der schlimmsten, und ich denke, mit einem bischen Hexerei wollen wir schon den Sieg davon tragen. – Haben Sie guten Appetit?

Zerbino. Ihr wollt mir doch wohl nicht von Eurem Heu anbieten?

Polykomikus. O junger Mann, kommt nur erst in mein Alter, und lernt die Gaben Gottes gehörig würdigen. – Ich habe nun das Ganze ergründet, seine Krankheit, diese seltsamen Zufälle, alles rührt vom Satan her, das ist so einer von seinen verfluchten Streichen.

Gottlieb. Gott behüt' uns! – Vom Satan? –

Alle drängen sich neugierig um den Zauberer.

Curio. Vom Satan?

Selinus. Giebt's denn einen Satan?

Polykomikus. Ob's einen giebt? Ich bin mit ihm aufgewachsen; wir waren in der Jugend die besten Freunde.

Königin. Wie sieht er denn aus? Wie trägt er sich?

Polykomikus. Ich könnte eben nicht sagen, daß sein Geschmack der vorzüglichste wäre. Was nun solch wildes Volk gewöhnlich für einen Geschmack hat: ausschweifend, phantastisch, barock, eigensinnig, kurz äußerst abgeschmackt.

Gottlieb. Vor allen Dingen, was hat der Kerl für eine Religion?

Polykomikus. Gar keine, das ist es eben, wo ihn der Schuh drückt.

Gottlieb. Muß das Ding den Freigeist spielen? Hält er sich also zu gar keiner Gemeine?

Polykomikus. Durchaus nicht, das ist ja eben die Ursach, warum ich allen Umgang mit ihm abgebrochen habe; in seiner Gesellschaft geräth man in Gefahr, auch unmoralisch zu werden.

Gottlieb. Das glaub' ich, lieber Mann. – Es ist doch bei alledem eine närrische Einrichtung mit der Welt und dem Firmament, und so weiter, daß wir einen Satan haben müssen.

Zerbino. Ich möchte den Mann kennen lernen.

Gottlieb. Beileibe nicht, mein Sohn, wer Pech angreift, besudelt sich, das ist wohl ein sehr wahrer Ausspruch.

Polykomikus. Von diesem Satan, diesem bösen Feinde rührt diese Krankheit her, um mir in der Welt Abbruch zu thun, und darum hat man sich an mich, als an den rechten Mann, gewendet, um das Uebel zu heben. – Aber wir wollen vor allen Dingen den Zaubersegen sprechen. Mit fürchterlichen Geberden.

    Laß dich nicht vom bösen Feind bethören,
        Klug zu sein auf deine eigne Hand,
    Deine Klugheit möchte dich versehren
        Wie ein wild erglüh'nder Feuerbrand.
    Horche immer auf der Mehrheit Stimme,
        Lebst du stets in goldner Sicherheit,
    Und entfliehst des Feindes gift'gem Grimme,
        Des vielköpf'gen großen Thieres Neid.
    Sprich, ist es denn nicht ungleich bequemer,
        Das zu glauben, was dein Vater glaubt?
    O gewiß, bei weitem angenehmer,
        Daß kein Zweifel dir die Ruhe raubt.
    Sieh, es winken dir die Blumenpfade,
        Die manch edler Fuß vor dir betrat:
    Schenkt der Himmel nunmehr seine Gnade,
        Wird zur Besserung wohl baldigst Rath.

– – Nun, meine Herren allerseits, Acht gegeben! – Nunmehr wird die merkwürdige Verwandlung des Prinzen vor sich gehn! – Er schwenkt den Stab.

Gottlieb. Nun, mein Sohn, wie befindest Du Dich?

Zerbino. Ich danke der gütigen Nachfrage, mein gnädigster Vater, vollkommen wohl, Ihnen gehorsamst aufzuwarten.

Gottlieb. Worein haben Sie ihn denn eigentlich verwandelt?

Polykomikus. Sehn Sie's denn nicht? In einen hoffnungsvollen jungen Menschen.

Gottlieb. O dafür bin ich Ihnen unendlich verbunden.

Polykomikus. Der Zauber des verruchten Satans ist aber noch nicht vollkommen gelöst; der Prinz muß reisen, so lange, bis er den guten Geschmack antrifft, dann ist er außer aller Gefahr.

Gottlieb. Das ist Schade, daß wir ihn nun verlieren sollen.

Polykomikus. Es ist nicht anders, das Schicksal hat es einmal so beschlossen.

Zerbino. Lassen Sie mich, geliebtester Vater, wenn ich dadurch meinem Mißgeschick aus dem Wege gehe, so will ich mich sehr gerne dieser mühseligen Reise unterziehn.

Gottlieb. Willst Du mich verlassen, mein lieber Sohn?

Zerbino. Ich komme dann zurück, mit Kenntnissen ausgerüstet, um Ihnen in Ihrem Alter desto mehr Freude zu machen.

Gottlieb. Ach Du zärtliches Kind!

Zerbino. Glauben Sie mir, daß mein Herz auch bei diesem Abschied von Ihnen leidet; ich habe meinen vormaligen Leichtsinn ganz bei Seite gelegt, und sehe nun alle Dinge aus ihrem wahren Gesichtspunkte an. Wie gereut mich der Kummer, den ich Ihnen bisher verursacht habe, aber ich will gewiß in der Zukunft alles vergüten! Der ganze Hof weint.

Selinus. Ist es nicht ein Unglück, daß wir einen so ungemein vortrefflichen Prinzen verlieren sollen?

Sicamber. Der die aufrichtigste und ungeheucheltste Anbetung verdient?

Zerbino. Ich muß aber vielleicht lange reisen, ehe ich in unserm so verderbten Zeitalter den Geschmack antreffe. O wäre mir ein solches Schicksal doch vor vierzig oder funfzig Jahren beschieden gewesen!

Leander. Mein gnädigster Prinz, vielleicht könnten Ihnen meine Grundsätze der Kritik als eine Art von Wegweiser dienen; wenn ich also so frei sein darf, sie Ihnen hiermit anzubieten –

Zerbino. Ich nehme sie mit dem allergrößten Danke an und werde mich fleißig bemühen, den tiefen Sinn und Ihre weltbekannte gründliche Gelehrsamkeit darin zu erforschen.

Hanswurst. Darf ich Sie auf Ihrer Reise begleiten, mein Prinz?

Zerbino. Herr Hofrath, es thut mir sehr leid, daß ich nicht das Vergnügen haben kann, aber ich habe mich entschlossen, meine Riese ohne Gesellschaft anzutreten. Ich dürfte auch vielleicht außerdem nicht der angenehmste Gesellschafter für Sie sein, da ich Ihren ausschweifenden Humor kenne, und Sie gar zu gerne die wahre Gründlichkeit verachten, deren ich mich künftig mehr befleißigen werde.

Gottlieb. O mein Sohn, sieh die großen schaarenweisen Freudenthränen, die mir Deiner Vortrefflichkeit halber aus den Augen laufen.

Zerbino. Mein Bediente Nestor soll mich auf meiner Pilgerschaft begleiten.

Leander. Er wird aber erst die Cur überstehn müssen, denn bis dato ist er noch rasend.

Nestor. Ja, Herr Zaubrer, hier bin ich, ich will mich schon dazu bequemen, da es bei meinem gnädigen Herrn so vortrefflich angeschlagen hat. Helfen Sie mir von dem fatalen Rasen ab, Herr Zauberer.

Polykomikus. Recht gern. – Er berührt ihn. Nun geh, Du bist gesund.

Nestor. O! wie einem doch gleich anders zu Muth ist, wenn man in einer vernünftigen Haut steckt! Ja, das ist freilich ein anders Wesen. O nun geschwind was zu denken, was zu meinen oder zu urtheilen her, damit die Talente nicht ungebraucht in mir verderben!

Zerbino. Nur Geduld, mein lieber Nestor, wir werden auf unsrer Reise mannichfaltige Gelegenheit haben, scharfsinnige Beobachtungen anzustellen.

Nestor. Und das wollen wir alles nachher in einer Reisebeschreibung drucken lassen.

Zerbino. Es kann Rath dazu werden, wenn wir unser Werk recht durchgefeilt haben.

Gottlieb. Herr Vater – lieber Herr Vater, – da es so probat ist, wollen Sie nicht auch herantreten?

König. Nimmermehr.

Polykomikus. Giebt's noch mehr zu kuriren? Nur immer heran, wer sonst noch Lust hat, es ist nun Eine Arbeit.

Gottlieb. Mein Herr Schwiegervater, die alte Majestät, ihm wäre es vielleicht nicht undienlich.

König. Nimmermehr! Nein, ich werde dem Kerl nimmermehr zu nahe kommen.

Polykomikus. Kommen Sie nur, es soll Ihro Hoheit kein Leid widerfahren.

Gottlieb. Kommen Sie. – Sie machen mich böse, Herr Vater.

König. Nein! eher soll man mir das Leben nehmen! – Ihr werdet doch nicht Gewalt brauchen? – Wenn ich denn durchaus etwas Närrisches thun soll, so komm her, Zerbino, und ich will Dir meinen Segen geben. Zerbino kniet vor ihm nieder.

Bleib gut, verständ'ger als Du gehst komm wieder,
Was selten jungen Reisenden begegnet,
Halt Deine jetz'ge Thorheit nicht für besser,
Als die Du abgelegt. Erbarme Dich
Des Viehes, überjage nie die Pferde,
Sei gegen Wirthe höflich, daß Du wen'ger
Bezahlen mögest. Niemals sei zu rasch,
Indem Du aus dem Wagen steigst, denn sonst
Stößt Unglück leicht dem Eiler zu.
Und somit, lieber Enkel, reise glücklich.

Gottlieb. Lebe wohl, mein liebster, vollkommenster Sohn, der Himmel sei Dein Schutz..

Königin. Ich kann Dir vor Zärtlichkeit nichts Gutes wünschen.

Zerbino. Leben Sie wohl, geliebteste Eltern.

Nestor. Unsern Hund wollen wir mitnehmen, mein Prinz. Nestor und Zerbino ab.

Polykomikus. Ich muß nur auch wieder nach Hause.

Gottlieb. Nehmen Sie doch, großer Mann, mit einem Löffel Suppe bei mir vorlieb.

Polykomikus neigt sich.

Gottlieb. Ueberhaupt wird künftig immer ein Couvert für Sie an meinem Tische da sein.

Sie gehn ab, Hanswurst, der König, Curio und Selinus bleiben.

Hanswurst. Ist es nicht ein Jammer, wie geschwinde sich der Prinz verwandelt hat?

König. Ja wohl! was kann doch aus dem Menschen werden!
Und weh uns, wenn das Sprichwort wahr sein sollte,
Das saget: heute mir und morgen dir!
Beinahe hätte mich mein Sohn gezwungen,
Vom Eselsohr'gen mich bekehren zu lassen.

Hanswurst. Es ist Schade um den Prinzen. Ich weiß mich überhaupt in alle die Sachen nicht recht zu finden, die ich seit einiger Zeit erlebt habe.

König. Ach! wie gesagt: wer weiß, was uns bevorsteht!
Ein unerbittlich Schicksal lenket uns.

Hanswurst. Soll ich mal sprechen, wie's um's Herz mir ist?

König. Nie anders, wenn die Götter uns beschützen.

Hanswurst. So mein' ich denn, es ist sowohl nicht Schicksal,
Als Eigensinn des Dichters, wie er sich
Benannt, der so sein ganzes Stück verwandelt,
Und keinen Menschen bei gesundem Sinn läßt.

König. Ach, Freund! was rührst Du da für eine Saite!
Wie traurig werd' ich, wenn ich erst bedenke,
Daß wir nun vollends gar nicht existiren.
Der Idealist ist schon ein elend Wesen,
Doch ist er anzunehmen stets genöthigt,
Daß sein Dasein doch etwas Wahres sei;
Doch wir, wir sind noch weniger als Luft,
Geburten einer fremden Phantasie,
Die sie nach eigensinn'ger Willkühr lenkt.
Und freilich kann dann keiner von uns wissen,
Was jener Federkiel uns noch bescheert.
O jammervoll Geschick dramat'scher Rollen!

Hanswurst. Zieht's Euch, mein König, nicht so zu Gemüthe.

König. Nein, leben, sprechen, was ein andrer denkt,
Und abgeschmackt sein, nur weil er es will,
Mit Blei-Soldaten spielen, nur weil er
Es streng befiehlt, – o zeige mir den Sklaven,
Der in der Kette nicht noch freier ist.

Hanswurst. O laß ihn nur; bei allem unsern Unglück
Sind wir noch glücklicher, als jener Dichter.
Was meinst Du, wird die Welt zu seinem Stücke,
Das nicht ein Stück von einem Stück' ist, sagen?
Wie wird von allen Seiten die Kritik
Den Aberwitz zu zücht'gen trachten, den
Er frech als Unterhaltung vorgesetzt.
Schon lange wich er von der Bahn des Rechten,
Doch war noch immer ein'ge Hoffnung da;
Dann trieb er auch sein Wesen nur im Dunkeln,
Bis er, ich weiß nicht wie, so unverschämt
Erwachsen, diesem Stück, dem wildesten
Von allen, seinen Namen vorzudrucken.

König. Schon recht, ich seh' es schon, wie würdige
Gelehrte Männer ihre Achseln zucken.
Und wenn sie nun an diese Stelle kommen
(Und, o der Leser kömmt doch endlich hin
Und wenn er noch so lange warten muß,)
Was muß er vollends dann zu dieser sagen?
Wird er nicht meinen, daß es doch zu toll sei,
Wenn man die Tollheit toll zu machen strebe?
Indessen ihm geschieht schon recht, er hat's
An uns verdient, und es gereut mich nur
Und schmerzt mich innig, daß er meine Rolle
Benützt, mir dieses in den Mund zu legen. Sie gehn ab.

Curio. Der alte Herr wird mit jedem Tage kindischer.

Selinus. Ich habe kein Wort davon verstanden, was die närrischen Menschen hier gesprochen haben. Sie gehn ab.

 


 

Der Jäger als Chor.

Was soll ich für Entschuldigungen sagen?
Es hieße nur, die edle Zeit verderben,
Und dabei möchte mir es leicht gelingen,
Den edlen gut gesinnten Hörern wohl
Von neuem einen Anstoß zu erregen:
Nein, besser jeder sorgt nur für sich selbst
In dieser argen Welt, es hat ein jeder
Genug an sich zu hüten: wem es Gott
Einmal versagte, bieder und gesetzt
Den Kreis der edlen Herzen anzuziehn,
Sich nie zu übernehmen, mäßig stets
Zu bleiben: der erreicht's durch Arbeit nicht.
Ich sehe schon voraus, daß sich dies Stück
Wohl schwerlich bessern wird, es ist schon viel
Wenn es nur nicht verschlimmert; darum, Theure,
Wem es an Muth gebricht hindurch zu schwimmen,
Wer all die feindlichen Geschosse fürchtet,
Der thut am besten, jetzt sich zu entfernen,
Ich liebe wen'ge Leser, aber tapfre,
So wie ein Feldherr selbst mit einer großen
Armee entmutheter Soldaten nichts beginnt,
Und gern den Feigling laufen läßt, damit
Er nur die andern nicht mit Furcht verderbe.
Drum reicht der Dichter hier durch mich die Hand,
Ich soll sie allen Biedermännern drücken,
Die sich entfernen wollen, denn er bleibt
Von jedermann gut Freund. – Doch von was anderm!
Er hat mir außerdem auch aufgetragen,
Euch, wie bisher geschehn, mit einem Liede
Ein Spiel zu machen, gönnt mir drum Gehör. Singt:

        Aus den Wolken kommt Gesang,
    Dringt aus tiefem Wald hervor,
    Ist der Vögel Wechselchor,
    Tönet nach der Bergeshang. –
    Jeden Frühling singt es wieder, –
    Was verkünden ihre Lieder?

        Sagt, was will der Kuckuck sagen,
    Daß er durch die Schatten schreit,
    Und in schönen Sommertagen
    Sein so simples Lied erneut?
    Daß er mit Prophetenschnabel
    Unsre Jahre zählt, ist Fabel.

        Nacht'gall! ringst mit süßen Tönen
    An dem Baumbewachsnen Bach,
    Seufzend horchen alle Schönen,
    Echo spricht dir klagend nach,
    Grüner pranget jede Pflanze
    Wie umflossen von dem Glanze.

        Aber wenn nun einer käme,
    Träte höflich vor dich hin,
    Daß er dich zwar gern vernähme,
    Aber möchtest dich bemühn,
    Was du singend wollst beginnen,
    Ihm in Prosa zu versinnen.

        Wollt' Nachtigall auch höflich sein,
    Ihm Antwort antzuworten,
    Käm' wieder in den Gesang hinein
    In Noten von allen Sorten,
    Und blitzerte mit süßer Gewalt
    Das Lied durch den dunkelgrünen Wald.

        So Erd' und Himmel mit Farbengepräng,
    Was wollen sie wohl bedeuten?
    Das bunte Gewimmel von Tongemeng,
    Was spricht's zu vernünftigen Leuten?
    Ist alles nur leider sein selbst willen da,
    Kräht nach unserm Sinne weder Hund noch Hahn.

Vielleicht habt Ihr bemerkt, daß in dem Stücke
Zu Eurer Lust der Satan selbst erscheint: –
Er ist Euch zwar nicht neu, so gern der Dichter
Und selber Er es möchte, sondern leider
Nur Alltagsspeise, denn es giebt fast nirgend
Ein'n Helden mehr, der, wenn auch nicht geholt
Von diesem Mann, doch wenigstens mit ihm
Geschäfte macht. Wie wird man nur allein
Mit Teufelei von Petersburg versorgt!
Der Mann, der dorten klingt und lärmt und schellt,
Tritt ohne ihn in keinem Buche auf, –
Doch leider hat er nicht das Monopol,
Denn heuer wird kein Satz aus der Moral
Mehr ohne Teufel illustrirt, und so
Muß dieser böse Schelm selbst Buße pred'gen.
Er ist ein dürres, unbrauchbares Feld,
Zum Menschheitswohlfahrtsfördrer umg'arbeitet,
Was eben ihn am allertiefsten kränkt.
Wenn sich ein Faß nicht will zum Ziele legen,
So pflegt der Künstler wohl im Zorn zu sagen,
Vergebens hämmernd: Ei! da sitzt der Teufel drin!
So pflegt man jetzt Poeten zu empfehlen:
Wenn dieses Buch nichts taugt, – so ist der Teufel drin! –  –
Drum laßt um Willen Eures alten Freundes
Euch auch dies wilde Spiel empfohlen sein! – Geht ab.

 


 

Vierter Akt.

Allegorische Schmiede.

Ein Chor von Gesellen, in voller Arbeit, indem sie singen:

        Schlagt nach dem Takt
        Daß der Ambos erklingt,
        Der Funke zerknackt
        Wie der Arm sich schwingt, –
        Die Arbeit gelingt.

        Wer möchte nicht schlagen
        Um nützlich zu sein,
        Die Arme dran wagen
        In's Feuer hinein, –
        Jeder Anfang ist klein.

        Auf! Schmiedegesellen,
        Seid wacker im Streit!
        Denn bald wird erhellen
        Die dunkelnde Zeit,
        Wie ihr so gescheidt!

        Man kann es ja wagen,
        Das Eisen verträgt's,
        Und wenn wir's auch schlagen,
        Doch nimmermehr schlägt's, –
        Und Einer verlegt's!

Der Meister tritt hinein.

Meister. Ihr macht Euch um die Menschheit wohlverdient
Und seid in Eurem Eifer unermüdlich,
So wie es sich für brave Burschen ziemt.

Peter, ein Gesell.
Was soll denn aus der Arbeit werden, Meister?

Meister. Das weiß der Himmel wohl am allerbesten,
Der dies Metall nach seiner Güte schuf,
Und uns die Lust in unsre Seelen legte
Mit schnellem Arm so auf und ab zu hämmern.

Michel, ein andrer.
'S geschicht am End' zu unserm bloßen Spaß?

Meister. Mit nichten, Bester! denn 's giebt gar nicht Spaß,
Der einz'ge Spaß in der Welt ist der, daß jeder
Herkömmlich glaubt, es gebe irgend Spaß.
Aus diesem Nichts zieht Witz nun seinen Faden,
Beginnt der Scherz ein ungewebt Gewebe:
Die Welt ist gar nicht da, um drin zu scherzen,
Die Wahrheit auszugraben, leben wir:
Sie findet sich, auch ohne daß wir graben:
Auch ohne Finden kömmt sie zu uns her,
Auch ohne daß sie kömmt, ist sie in uns,
Und ohne daß sie ist, sind wir die Wahrheit,
Und ohne Wahrheit sind wir selber nicht.

Peter. Wo wollt Ihr denn mit alle dem hinaus?

Meister. Zu zeigen daß Euch nichts sagt was es sagt,
Daß alles sich bestrebt, was auszusprechen,
Und weder Zahn noch Gaum, noch Kehle findet,
Mithin Dental- und Guttural-Buchstaben
Ermangeln und Vokal' an sich nichts taugen.

Dorus kömmt.

Dorus. Ich wollte nur anfragen, ob meine Geräthschaften nunmehr fertig wären.

Schmid. Was kommt dabei heraus, mein Freund, wenn Ihr die Dinge auch so erhaltet, wie Ihr wünscht? Es wäre wohl dienlicher, sie verständiger anzusehn.

Dorus. Ich versteh seit einiger Zeit gar nicht mehr, was Ihr haben wollt.

Schmid. Ihr kennt die Charis nicht, Euch kennt sie nicht,
Euch mangelt, Freund, der Schönheit Zauber-Licht,
Ihr lest wohl nie in einem guten Buche
Und macht viel wen'ger mit Euch selbst Versuche?

Dorus. Ich halte die Versuche für Versuchung.

Schmid. Schon recht, Ihr fangt erträglich an zu sprechen,
Doch leidet Ihr noch von den alten Schwächen.

Dorus. Wie fängt man's also an, um klug zu sein?

Schmid. Zuerst, daß man sich selber dafür hält,
Dann, daß man keinen andern gelten läßt,
Und drittens dann vor allen andern Dingen,
Daß man gleich vor die rechte Schmiede geht.

Dorus. Und wo trifft man denn diese rechte Schmiede?

Schmid. Ihr seht sie gleich hier vor Euch gegenwärtig,
Hier tretet stracks mit als Geselle ein,
So werdet Ihr im Anfang nur ein kleines
Gehänselt, was man leichtlich übersteht,
Dann ist es Euch ohn Widerspruch vergönnt
Nach Herzenslust das Eisen selbst zu schlagen.

Dorus. Und dann?

Schmid. Dann seid Ihr auf dem rechten Wege.

Dorus. Das steht mir alles gar nicht an, sondern ich wollte nur meinen Pflug zurück haben.

Schmid. Glaubt Ihr denn, daß es einen Pflug giebt?

Dorus. Wie?

Schmid. Einbildung! Man sagt zwar: der und der habe das Feld der Wissenschaften umgepflügt, damit es neue und schönere Früchte getragen; aber mein bester Freund, das ist ja nur allegorisch zu verstehn.

Dorus. Ihr seid unsinnig!

Schmid. Nun, zum Beispiel, was wollt Ihr mit Eurem Spaten machen?

Dorus. Graben.

Schmid. Ja, da kommt Ihr gut an; laßt Euch doch ja nicht durch den Ausdruck »nach der Wahrheit graben,« verleiten, das ist ja wieder nur allegorisch. Ihr seid wohl gar im Stande, und glaubt an eine Erndte.

Dorus. Was wäre denn dabei für Sünde?

Schmid. Also, wenn einer Ruhm, oder Unsterblichkeit, oder dergleichen eingeerndtet hat, so meint Ihr, – o es ist ja albern! Ihr seid aberwitzig.

Dorus. Ihr werdet mich verdrüßlich machen.

Schmid. Gleichviel; anfangs geht den Menschen die Wahrheit schwer ein, aber man muß sich dadurch nicht abschrecken lassen. – Ich will Euch noch ein Exempel aus der Physik geben. Kennt Ihr den Stein, den man Höllenstein nennt?

Dorus. Ja.

Schmid. Man hat Euch auch gewiß weiß gemacht, daß er aus Silber verfertigt werde.

Dorus. Und daraus wird er auch gewiß gemacht.

Schmid. Nun das ist doch erstaunlich, daß Ihr auch hier die Allegorie nicht gewahr werdet! Geht, Ihr seid ein verlorner Mensch; eine Allegorie, die einen so schönen, edlen, moralischen Satz in sich schließt, nicht zu begreifen! Ihr meint auch wohl, wenn von den gediegenen Gedanken in kritischen Blättern die Rede ist, daß die Gedanken alsdann wirklich gediegen sind? – O geht, es ist unter meiner Würde, mich mit Euch abzugeben.

Dorus. Aber mein Ackergeräth –

Schmid. Eure Dummheit ist Euch Acker und Pflug genug, – was Ihr nun hier einmal buchstäblich nehmen mögt, weil das vielleicht unter Millionen Fällen der einzige ist, wo es paßt.

Dorus. Ich muß nur gehn und lieber alles im Stiche lassen, um nur nicht gar närrisch zu werden. Geht ab.

Schmid. Hier, Gesellen, habt Ihr so einen schlichten, bäurischen Verstand gesehn, der sich in kein Ding zu finden weiß? – Jetzt wollen wir wieder an die Arbeit gehn und das Eisen schmieden, weil es heiß ist.

Der Chor wird repetirt.

 


 

Auf einem Berge.

Zerbino, Nestor, der den Stallmeister an einem Stricke führt.

Zerbino. Wir haben schon mancherlei Gegenden durchreist, mein getreuer Bedienter Nestor, allein wo sollen wir den guten Geschmack antreffen.

Nestor. Ich gebe es gänzlich auf, ihn zu finden: immer mehr vortreffliche Leute sterben ab, andre, die am ersten eine Stimme haben könnten, verhalten sich still und ruhig, und überhaupt ist es eine Lage der Dinge jetzt in der Welt, bei der ein gutdenkender Dilettant verzweifeln möchte.

Zerbino. Wir wollen aber darum doch nicht verzweifeln, sondern im Gegentheil unsern Muth desto mehr zusammenfassen. Jetzt gereut es mich, daß ich den Herrn Leander nicht mit auf meine Reise genommen habe, er könnte mir von überschwenglichem Nutzen sein.

Nestor. Das beste ist nur, daß wir sein Buch bei uns haben.

Zerbino. Du giebst doch darauf Acht, daß das Zeichen nicht heraus fällt, wo wir stehn geblieben sind?

Nestor. Ei bewahre! da müßten wir ja noch einmal von vorne lesen! – Er setzt sich nieder. Hier ist eine gute Aussicht, wie es mir scheint.

Zerbino. Der Schein ist bei einer Aussicht überhaupt das meiste, denn wenn man gründlicher geht, so bleiben oft nur wenige Reize übrig.

Nestor. Seltsam ist es doch überhaupt, daß die Ferne die Täuschung in einem so hohen Grade befördert.

Zerbino. Es scheint wohl vornehmlich mit daher zu rühren, weil mit der Ferne immer eine gewisse Abwesenheit der Nähe verbunden zu sein pflegt.

Nestor. Allerdings läßt sich dieser Grund hören; ich will ihn doch auch sogleich in unser Taschenbuch eintragen. Zieht ein großes Buch hervor. – Jedoch könnte man dabei vielleicht noch einige Einschränkungen machen.

Zerbino. Wenn wir uns an die Ausarbeitung begeben, wollen wir schon noch geziemend einschränken; jetzt ist weder Zeit noch Gelegenheit, die Feile gehörig anzuwenden. – Die Mühle da unten liegt sehr malerisch, und abseits am Ende des Dorfes die Schmiede macht einen unvergleichlichen Prospekt!

Nestor. Wir müssen uns doch auch ein wenig auf die Kunst begeben.

Zerbino. Nicht ein wenig, will ich hoffen! Kaum wird genug und sehr viel genug sein.

Nestor. Es will mir doch immer mehr einleuchten, daß wir in der ganzen Welt die klügsten sind.

Zerbino. Die wenigen vortrefflichen Männer abgerechnet –

Nestor. Die jetzt nicht mehr leben; natürlich!

Zerbino. Auch Polykomikus scheint mir ein sehr seltner Geist.

Nestor. Allerdings! er hat uns ja auch zuerst diesen Schwung gegeben.

Zerbino. Daß wir uns bei völliger Gesundheit befinden, ist sein Werk.

Nestor. Wir hatten aber schon vorher unsre Anlagen –

Zerbino. O ja, sonst wäre auch nichts aus uns geworden.

Nestor. Ich bin nur darauf begierig, wie die Welt gegen uns dankbar sein wird.

Zerbino. Man ehrt uns doch schon allenthalben ziemlich, wohin wir nur kommen.

Nestor. Das ist aber noch nicht hinlänglich, ich wünschte auch vor einer Monatsschrift in Kupfer gestochen zu werden.

Zerbino. Dazu ist ja jetzt neue Hoffnung.

Nestor. Der Hund ist ein gemeiner Kerl, er nimmt an nichts Antheil; so wie wir in ein Wirthshaus kommen, schnuppert er so lange herum, bis er die Küche gefunden hat: da ist kein Drang, die interessanten Menschen zu sehn, oder Bemerkungen über die Eigenheiten der Einwohner zu machen.

Zerbino. Ich glaube, man müßte ihm mehr Freiheit lassen, damit sein Gemüth sich veredelte.

Nestor. O wenn ich ihn nicht noch am Stricke hielte, so liefe er uns gar davon.

Cleon tritt auf.

Cleon. Könnt Ihr mir den Weg weisen, denn ich bin hier fremde.

Zerbino. Es kömmt hiebei, mein guter Mann, vorzüglich darauf an, wohin Ihr wollt.

Cleon. Ihr habt Recht, und ich vergesse immer, daß nicht jeder den Wohnort meiner Lila weiß.

        Soll mein Blick sie bald begrüßen,
        Wie sie in der Hütte steht,
        Sinnend auf und niedergeht –
        Und erschrickt vor meinen Küssen.

Zerbino.
        Ach! wann soll ich Weisheit finden,
        Nach der ich schon längst geharrt,
        Die seit Wochen mich genarrt, –
        Dieser Geist soll sie ergründen.

Cleon.
        Wandr' ich nicht von Ost nach Westen?
        Sehnsucht wartet meiner schon,
        Liebe horcht auf jeden Ton, –
        Sagt, wo ist der Weg am besten?

Zerbino.
        Freund, wißt Ihr die edle Quelle,
        Wo Geschmack im Fels entspringt,
        O so fleh' ich, daß zur Stelle
        Ihr uns Pilgersleute bringt.

Cleon.
        Hoffend, fürchtend schau' ich thalwärts, –
        Ist ihr Herz noch immer treu,
        Ist sie fremder Banden frei?
        Lang' trägst du nicht mehr die Quaal, Herz!

Zerbino.
        Oft such' ich mit herbem Quaalschmerz,
        Denke nun bin ich zur Stell,
        Hier nur fließt der edle Quell, –
        Aber immer warst du schaal, Scherz!

Cleon. Ihr könnt mir also keine Antwort geben, und Euer Schmerz scheint größer als der meinige.

Zerbino. Ruht hier mit uns aus, unsre Wege sind verschieden, denn wir kommen jenseit dem Wasser herüber, und Ihr kommt dort von dem Thale herauf.

Cleon. Ich wollte mich unten schon in jener Schmiede zurecht fragen, aber man gab mir auch Antworten, die ich nicht brauchen konnte.

Zerbino. So hättet Ihr nach der Mühle gehn sollen.

Cleon. Ich habe mich auch den Gang dorthin nicht verdrießen lassen, aber die Menschen hier herum scheinen meine Sprache gar nicht zu verstehn. – Hier ruht sich's gut, und die Aussicht ist lieblich.

Nestor. Passabel: sie drückt gleichsam, wie Ihr auch sehn könnt, eine mannichfaltige Gegend aus, mit Bäumen, Häusern, Dörfern und Mühlen versehn, Wasser, um darauf zu fahren, und mit menschlichen Figuren um Leben hinein zu bringen. Wir viere dienen jetzt ebenfalls dazu.

Cleon. Euer Hund würde noch lebendiger und fröhlicher sein, wenn Ihr ihn von seiner Sklaverei befreitet.

Zerbino. Das habe ich auch schon gesagt. Ein zartfühlendes Herz wird gewiß nicht seinen Hund und Freund so an einem Stricke mit sich führen; man muß auch für Thiere fein empfinden, wenn man den Vorsatz hat, die Leiter der ächten Humanität hinaufzuklettern.

Nestor. Nun so will ich ihm denn in Gottes Namen den Strick abnehmen. – Sieh, Stallmeister, ich behandle dich nunmehr als ein vernünftiges Wesen, aber ich rechne auch darauf, daß du es erkennen wirst. –

So wie Stallmeister frei ist, rennt er den Berg hinunter.

Nestor. Nun da haben wir die unvernünftige Bestie! Eilt ihm nach.

Zerbino. O weh, er macht von seiner Befreiung einen unanständigen Gebrauch! Eilt ebenfalls nach.

Cleon. Wie sich nach Norden der Magnet bewegt,
So wird mein Herz zu Dir gezogen,
Getreu es Dir, nur Dir entgegenschlägt,
Wie sich der Pol nicht rückt am Himmelsbogen..
Ihr Lüfte, o ihr bringt mir süße Kunde,
Du sanfter Hauch, der meine Wange grüßt,
Mir ist, ich fühl' den Athem, der dem Munde
Dem süßen Glanz der Lippen sanft entfließt.
O könnt Ihr ihre Gegenwart vermeiden
Und durch die Blumen, durch Gesträuche ziehn?
Bethört mißkennt ihr ach! die höchsten Freuden,
An ihren rothen Wangen zu erglühn,
Die schöner als das Purpurblut der Rosen,
Und holder als der Lilien weiße Pracht;
Die Augen, die ihr sonst mit sanftem Kosen
Umweht und die Euch dankbar angelacht, –
Ihr seid, weil es gebot ihr Silberton,
Dem Aufenthalt der Seligkeit entflohn,
Ihr habt die weite Reise machen müssen,
Um mich Verirrten schön von ihr zu grüßen:
Du Abendroth fließ golden zu ihr nieder,
Bring ihr den Dank des treusten Herzens wieder.

Zerbino und Nestor kommen zurück.

Zerbino. Wir können ihn nicht wiederfinden.

Nestor. Er ist in den Wald hineingelaufen, da mag ihn der Henker wieder herausholen!

Cleon. Er kömmt wohl einmal wieder.

Zerbino. Ja, wenn wir nicht den guten Geschmack suchen müßten: aber wie soll er uns denn da nachkommen?

Cleon. Wenn ihn der eine nicht trifft, so stößt nun vielleicht der andre darauf. – Lebt wohl, ich muß meine Reise fortsetzen. Geht ab.

Nestor. Ich glaube, der Mann war ein Verliebter.

Zerbino. Ich habe mich verleiten lassen, ein Duett mit ihm zu singen, was eigentlich sehr unnatürlich ist.

Nestor. Ja, ich habe mich sehr darüber verwundert; einem Verliebten ist dergleichen Schwärmerei nicht übel zu nehmen, aber Ihnen, mein Prinz, hätte ich es nimmermehr zugetraut.

Zerbino. Es ist aber im Grunde wenig in der Welt natürlich.

Nestor. Natürlich! – denn wo sollte die viele Natur herkommen?

Zerbino. Ich halte es für das beste, daß wir uns beide trennen, um den Hund desto eher wieder zu finden.

Nestor. Ich glaube, wir haben ihn zum letztenmale gesehn.

Zerbino. Wir müssen uns wenigstens Mühe geben. – Nimm Du jenen Weg, ich will diesen einschlagen.

Nestor. Durch die Zeitungen muß ich aber immer erfahren, wo Sie sich aufhalten.

Zerbino. Allerdings. – Es ist schon Abend, und diese Nacht denke ich dort in der Mühle zuzubringen; wenn Du den Hund also heute noch findest, so triffst Du mich dort. – Adieu indessen. – Geht ab.

Nestor. So gehn wir nun auf drei verschiedenen Wegen! Geht ab.

 


 

Pallast.

Curio und Selinus, die in einem Winkel sitzen und herzlich weinen.

Curio. Ach! ach! du großes Leiden!

Selinus. Unglück! – unaussprechliches Unglück!

Curio. Wer wird uns trösten können?

Selinus. Niemand auf der Welt! ach! ach!

Curio. Schluchzen Sie nicht so sehr, – es greift gewaltig an.

Selinus. Man muß sich nicht ansehen, wenn man zum Besten des ganzen Landes arbeitet. Ach! ach! ach!

Curio. Ach! ach! ach! – Ich merke, mein Bester, daß Sie gern Kammerherr werden wollen, aber das geschieht jetzt doch nicht.

Selinus. Sie werden mir doch nimmermehr im Wege stehn!

Curio. Man kann nicht wissen. Ha! ha! ha!

Selinus. Sie lachen bei der allgemeinen Landtrauer? – O warten Sie, nun bin ich meiner Sache gewiß.

Curio. Ich habe nicht gelacht, es war eine gewisse konvulsivische Erschütterung des Zwerchfells, welche die übermäßigen Schmerzen verursacht haben.

Selinus. Das glaubt ein Narr. – Ach! ach! ach! ach!

Curio. Was ächzen Sie denn so übermäßig: – Aha! der König kömmt! – Ach! Uhe! Ah! Iha! Uhe!

Beide. O! Aha! Uhe! Ach ah! Ach aah! – Ich kann nicht mehr.

Gottlieb, die Königin, Gefolge, unter diesem Hanswurst, der alte König, Leander.

Gottlieb. Gebt Euch ein wenig zur Ruhe, ihr guten Kinder, ich habe auch meine väterlichen Thränen, das wißt Ihr alle, vergossen, aber man muß in jeglichem Dinge Maaß halten.

Hanswurst. Aber auch im Maaß halten, mein gnädigster König; sie und wir alle thun nichts, als was die Pflicht von jedem redlichen Unterthan fordert.

Gottlieb. Ja, ich glaube wohl, daß jetzt in meinem Lande was Ansehnliches geweint wird.

Hanswurst. Alle Arbeit liegt, die Gewerbe feiern, jedermann denkt nur darauf, wie er am bequemsten seinem Schmerze nachhängen will.

Gottlieb. Wir wollen doch so gleichsam eine Denkmünze oder Medaille schlagen lassen, worauf das alles abgebildet ist.

Hanswurst. Herr Leander ist auf diesen Fall gewiß von der Güte, ein passende Zeichnung und Inschrift zu erfinden.

Leander. Wenn die Schmerzen mein Genie nicht gänzlich unterdrücken.

Gottlieb. Es werden doch alle Tage die Glocken richtig geläutet?

Hanswurst. O ja, mein König, es geschieht regelmäßig, zur allgemeinen Erbauung.

Selinus. Ihro Majestät, es giebt aber dennoch Leute, sogar am Hofe, die sich unterfangen, in ein ausgelassenes Gelächter auszubrechen.

Gottlieb. Ei der Teufel! dergleichen ist ja strenge verboten.

Curio. Mein gnädigster König, es gefällt dem Herrn Selinus eine Unwahrheit zu sagen, weil er sich auf die Kammerherrnwürde Rechnung machte. Ich bin gewiß, trotz einem, über die Abreise des Prinzen im höchsten Jammer, da saß ich so eben von den tiefsten Schmerzen befangen, und wußte mich nicht mehr zu lassen, und da mochte mein ungemeines Schluchzen leicht einem Manne, der kein ächter Kenner vom Weinen ist, wie ein Lachen vorkommen.

Selinus. Ich kein Kenner von Weinen? – Ungemein schluchzend und weinend. Nun überlasse ich es den eigenen hohen Einsichten meiner Majestät, meine Talente gehörig zu würdigen.

Gottlieb. Es war gut, Curio, was hast Du gegen sein Weinen? – Er, mein Bester, ist nunmehr Kammerherr. –

Curio. Mein König, jetzt eben zieht er mir ein Gesicht.

Gottlieb. Schweig, ich will nichts weiter wissen.

Curio. Geruhen Dieselben nur gütigst, mich ebenfalls weinen zu hören.

Gottlieb. Ich habe jetzt mehr zu thun; ich muß auf die Hoftrauer denken und die Livreen meiner Bedienten arrangiren. Ab mit Gefolge.

Curio. Nun Herr Kammerherr, viel Glück zum neuen Amte.

Selinus. Mein Allerbester, – Sie verzeihen, daß ich mich nicht gerade auf Ihren werthesten Namen besinnen kann, – ach Gott! man hat so gar viel zu denken! mein Gedächtniß läuft mir oft von den vielen Merkwürdigkeiten über, die ich aufbehalten möchte, und darunter gehört auch diesmal Ihr Name, – aber Sie haben nur über Ihren ergebensten Diener zu gebieten; worin ich Ihnen irgend nützlich sein kann, befehlen Sie dreist, und Sie werden sehn, wie bereitwillig ich bin, alle Ihre Wünsche zu erfüllen. Geht ab.

Curio, der alte König und Hanswurst bleiben.

Curio. So geht es am Hofe, das ist das Schicksal aller Menschen, die ihr Leben dem Fürsten aufopfern! – O Undankbarkeit!

Alter König. Gieb Dich zufrieden, denn wenn Du Dich darüber ärgerst, so hat gerade Dein Kamerad Selinus seinen höchsten Endzweck erreicht.

Hanswurst. Tröstet Euch; wer weiß, wo und in welcher Gegend für Euch noch ein schönes Glück verborgen liegt.

Curio. Wenn Ihro Majestät, unser gnädigster Gottlieb, zuweilen mit unser einem spricht, so glaubt man oft, das größte Glück könnte einem gar nicht entgehn, – und nachher ist es doch immer nichts.

Hanswurst. Das ist ein neuer Styl, der bei Hofe eingeführt ist, worin sich jeder Unterthan billigerweise finden muß.

Alter König. Ja, das ist wahr, zu meinen Zeiten war hier eine andre Lebensweise, aber mein Schwiegersohn hat das alles abgeändert. Ich habe allen Einfluß auf meinen Sohn verloren: doch scheint es mir wahr, daß man sich jetzt zu eifrig in der ganzen Welt einer gewissen Humanität beeifert, die am Ende wieder sehr inhuman ist; die Mode beherrscht auch Höfe und Regenten, und darum prophezeie ich, daß diese bei Gelegenheit wieder wechseln wird.

Curio. Mag es kommen, wie es will, wenn ich nur auch bald eine gute Versorgung erhalte!

Alter König. Tausend andre Dinge gehn mir außerdem noch im Kopfe herum, so daß ich mich oft nicht zu lassen weiß.

Hanswurst. Was fehlt Ihnen, beste Majestät?

Alter König. Ihr habt doch ohne Zweifel auch von den sogenannten Idealen gehört, von denen in der Welt schon so vielfach die Rede gewesen ist –

Hanswurst. Allerdings.

Alter König. Ich habe jetzt ein Ideal im Kopfe, das mich weder bei Tage noch in der Nacht ruhig schlafen läßt und das mich vor der Zeit in die Erde bringen wird, wenn nicht baldmöglichst dazu gethan wird.

Curio. Ei, um's Himmels Willen!

Alter König. Ja ja, so wie jeder Mensch sein Ideal im Kopfe hat, der eine um zu heirathen, der andre um ein Buch zu schreiben, der dritte um ein Gemälde zu machen, so trage ich auch das meinige mit mir herum.

Hanswurst. Reden Sie, beschreiben Sie es, mein würdigster König.

Alter König. Nun ja, gleich. Du, Curio, kennst die beiden Personen, Maximilian und Sebastian?

Curio. O ja, Ihre Majestät, ich habe sie oft genug aufstellen müssen; es sind die beiden würdigen Männer aus Blei.

Alter König. Richtig. Seit der Abreise des Prinzen liegt es mir unaufhörlich im Sinne, wie ich so gerne diesen Sebastian irgend einmal lebendig und als einen andern ordentlichen Menschen antreffen möchte.

Curio. Das scheint mir ganz unmöglich.

Hanswurst. Warum unmöglich? Warum soll ein Künstler nicht aus seiner Imagination ein Bild dieses Herrn Sebastians haben machen können und zugleich ein Mann leben, der diesem Bilde entspricht? Es ist ja nichts weiteres, als eine gewisse Sympathie zwischen der Natur und dem Künstler, der ja auch ein Sohn seiner Mutter Natur ist und auch leicht seinen Bruder in Blei und Farben abkonterfeien kann, ohne ihn jemals gesehn zu haben; nun kommt der dritte Bruder, Ihro königliche Majestät hinzu, und wünscht beide Exemplare mit einander vergleichen zu können, weil er ahndet, daß dieser Mann zugleich lebendig existiren müsse. Das finde ich alles ganz natürlich.

Alter König. O Hofrath, Ihr gebt mir Hoffnung und guten Rath und frisches Leben.

Hanswurst. Hat es sich nicht oftmals zugetragen, daß ein Dichter aus seiner Imagination eine Schilderung entwarf, die die übrigen Menschen als unpassend und übertrieben nicht wollten gelten lassen, und daß sich zwei, drei hundert Jahre nachher ein Subjekt vorfand, das, ohne von diesem Dichter und seiner Schilderung etwas zu wissen, so genau in dieselbe hineinwuchs, daß sie wie gegossen auf ihn paßte? Das war sonst möglich und geschahe, und darum wollen wir hoffen, daß wir auch jetzt in einem Zeitalter leben, in dem sich dergleichen anscheinende Wunderwerke zutragen können.

Alter König. Nun bin ich getröstet und will also die Erfüllung meines Ideals erwarten, ohne über die Verzögerung zu murren. Komm, mein Freund! Sie gehn ab.

 


 

In der Mühle, Tagesanbruch.

Zerbino tritt auf.

Zerbino. Eine Nacht wie diese habe ich bisher noch nicht erlebt. Keine Minute Ruhe, die Mühle hat immerfort geklappert, und wenn sie dann auch einmal einen Augenblick still schwieg, so machte die verfluchte Schmiede neben an gleich desto mehr Lärm. Es war zusammen ein Concert um des Teufels zu werden!

Der Müller tritt auf.

Müller. Nun, haben's gut geschlafen?

Zerbino. Nicht einen Augenblick, die Mühle hat ja die ganze Nacht hindurch gearbeitet.

Müller. Das ist nicht anders; wir sind zum Besten und zur Ernährung der Menschheit unaufhörlich beschäftigt.

Zerbino. Haben Sie denn aber so viel zu mahlen?

Müller. So viel, daß ich sagen möchte, es giebt bei uns gar keine Feiertage.

Zerbino. Und wo bleibt denn all' das Mehl?

Müller. Wird weit und breit verschickt. Die Mühle mahlt zugleich Graupen, und türkischen Mais und alles mögliche.

Zerbino. Da sie so nützlich ist, will ich es ihr vergeben, daß sie mich im Schlafe gestört hat.

Müller. Ja, diese Mühle und die Schmiede neben an sind wohl die nützlichsten Institute im ganzen Lande.

Zerbino. Ich bin ein großer Freund von Technologie und Nützlichkeit; seid doch von der Güte, mir den Bau und die Einrichtung Eurer Mühle ein wenig zu beschreiben; ich denke überdies meine Reise in den Druck zu geben, und durch dergleichen Merkwürdigkeiten würde sie auf eine sonderbare Weise geziert werden.

Müller. Herzlich gern will ich Ihnen darin dienstlich sein, – doch muß ich Ihnen dazu meine Gesellen hereinrufen. – Holla! Bursche! tretet mal einen Augenblick herein.

Mehrere Gesellen kommen.

Zerbino. Sind sie das? Warlich, das sind tüchtige Kerle.

Müller. Beim heiligen Polykomikus! es sind überaus wackre Bursche.

Zerbino. Kennt Ihr den Polykomikus?

Müller. Er ist ja der Schutzpatron aller Mühlen und Schmieden im ganzen Lande; wir beten alle Morgen zu ihm.

Zerbino. Das muß ein höchlich zu verehrender Mann sein; seht, so wie ich hier stehe, habe ich ihm alles zu verdanken, er hat mich von einer Krankheit geheilt, die unheilbar schien.

Müller. Wirklich? Was fehlte Ihnen denn?

Zerbino. Ich litt an einer großen Verstandesschwäche, die manchmal in ordentliche Raserei ausartete.

Müller. Ei! ei!

Zerbino. Aber dem großen Manne gelang es, mich völlig zu kuriren; doch ist immer noch ein Rest des Uebels innerlich im Kerne meines Kopfes zurückgeblieben, der sich zwar in meinen Reden und Handlungen, wie Ihr bemerken werdet, nicht äußert, doch aber mit der Zeit wieder sein altes Spiel treiben könnte: und deshalb muß ich jetzt auf Reisen sein und den guten Geschmack aufsuchen, und wenn ich ihn gefunden habe, dann ist kein Rückfall mehr zu befürchten.

Müller. Ei das trifft sich ja recht glücklich! denn eben jetzt stehn Sie mit Ihren beiden angenehmen Füßen in der Mitte des guten Geschmacks.

Zerbino. Wie das? –

Müller. Diese Mühle ist ja eben das, was Sie schon so lange gesucht haben.

Zerbino. Wirklich?

Müller. Wirklich und in der That!

Zerbino. Ein größeres Glück hätte mir gar nicht begegnen können.

Müller. Freilich, – und diese Gesellen da sind die verehrungswürdigen Mitarbeiter!

Zerbino. Ich schätze mich unendlich glücklich, Sie, meine Herren, so unverhoffter Weise kennen zu lernen, es hätte mir nichts Angenehmers begegnen können, und ich bin um so mehr erfreut, da ich auf diesen unvorhergesehenen Zufall gar nicht gerechnet hatte.

Er umarmt einen nach dem andern.

Müller. Ach, mein Werthester! Sie sprechen beinah, als wenn Sie zu uns gehörten. Sie sehn auch wahrhaftig schon so aus.

Zerbino. Es ist schon eine alte Bemerkung, die ich jetzt wieder erneuere, daß die Müller abfärben.

Müller. Ja, wir sind die weiße Brüdergemeinde, aber kein heimlicher Orden, sondern wir treiben unser Handwerk sehr öffentlich.

Zerbino. Sie wollten so gut sein, mir etwas von der Construktion Ihrer Mühle zu sagen.

Müller. Von Herzen gern.

Die Hauptsach, sehn Sie, ist der große Bach,
Den andre die Fontäne nennen wollen, –
Sehn Sie ihm gütigst mit den Augen nach, –
Der thut den ganzen Tag nun nichts als rollen.
Er fließt so klar, – nur heran! und flammt, wie Feuer,
Ist, seinem Wesen nach, Unschuld und Liebe,
Fällt von dem werthen Berg und ist mir theuer,
Denn seine Kraft erregt mir das Getriebe.

Zerbino. Er ist in der That sehr klar, ich kann auf dem Grunde jeden Kiesel sehn, kein Sandkorn ist mir verborgen und dabei scheint er keinen Mangel an Wasser zu haben.

Müller. Und ach! wie heilsam ist der Trank der Quelle,
Kein so gesundes Wasser weit und breit,
Man schickt es schon als Labung von der Stelle,
Ein fremdes Land von uns sein Wasser leiht,
In jedem Tropfen wirkt die Süßigkeit.

Zerbino. Es ist erstaunlich, so müssen Sie sich nur ja in Acht nehmen, daß Ihnen diese Quelle nicht einmal abgeleitet wird.

Müller. Es ist Tag und Nacht meine Sorge; glauben Sie mir, dadurch sind schon manche Kalender entstanden.

Zerbino. Ich glaub' es, es ist jetzt leider eine Zeit, wo jedermann seine Kalender machen muß. – Aber Ihre werthen Gesellen?

Müller. So nützlich, wie der Quell, ist nicht ein einz'ger,
Doch warlich, ist drum keiner zu verachten,
Sie nutzen in der Mühle Tag und Nacht,
Und wo es Arbeit gilt, sind alle rührig.
Doch voran von der Einrichtung der Mühle:
Es ist ein schönes, großes Ding um's Mahlen,
Denn ohne Mühle wäre niemals Mehl,
Und mehllos wären wir auch ohne Nahrung,
Was sollten wir mit jenen Cruditäten,
Den großen, ungeheuren Stücken machen,
Die uns die sogenannten Alten ließen?

Zerbino. Das ist sehr wahr, wenn wir uns daran begnügen müßten, so könnte es uns gar begegnen, selber gewissermaßen alt zu werden.

Müller. Bemerken Sie, wie all' die groben Dinge,
Von Vaterland und Heldenmuth und Tugend
Hier oben in den Trog geschüttet werden:
Nun fängt das Mahlen an mit allen Steinen,
Hier unten sehn Sie nun behende Tugend,
Ein niedlich Vaterland und andre Helden,
Nebst Liebe, Wehmuth, Großmuth, Aufopfrung,
So fein gemahlen, delikat erscheinen!

Zerbino. Eine ganz unvergleichliche Einrichtung! O ich bitte, sehn Sie doch die Häuslichkeit, die Bürgertugend, die Menge von so überaus zarten Familienverhältnissen!

Müller. Sie glauben gar nicht, welche Kraft die Mühle
Selbst an den größten Dingen, an den härtsten
Beweist, denn wenn man oben selbst Homer,
Ja Sophokles, von dem man meinen sollte,
Daß er am wenigsten gesonnen sei
Gemahlt zu werden, nur hineinschmeißt, – immer
Geräth's, und schmackhaft kömmt er hier heraus.

Zerbino. Da sind Sie also Ihrer Sache sehr gewiß? Das, mein Freund, ist die wahre Art, ein Handwerk in eine Kunst zu verwandeln, und es kann kommen, daß Sie selbst mit der Zeit die englischen Fabriken übertreffen.

Müller. Ja, aber sollten Sie's, mein Bester, denken,
Daß selbst in unsrer Zeit es Leute giebt,
Die, wenn man sie genießen soll, mit Eifer
Gemahlen werden müssen?

Zerbino. Das ist doch bei den Fortschritten unsers Jahrhunderts ganz etwas Entsetzliches!

Müller. Sie glauben nicht, wie viele schöne Kleye
Ich zum Exempel nur dem Berlichingen
Zu danken und dem Werther; damals war
Ein Mahlen, daß die ganze Mühle knackte.
So giebt's ein Englisch ungeschlachtes Ding,
Der mir noch lange vorhält, viele Leute
Ernährt und niemals ganz zerrieben wird;
Da sehn Sie mir nur die Historien an,
Die er Gottlob schon angerichtet hat,
Worunter vor dem kleinen Rathenow
Der große Churfürst nur die schlechtste ist,
Denn alle andern sind noch lustiger:
Dies saubre Stück hat nur den einz'gen Fehler,
Daß es ein wenig gar zu fein gerieben.

Zerbino. Wie ich gehört habe, will man ja ordentlich anfangen, diesen Engländer ungemahlen zu verstehn.

Müller. Ja das sind Leute, die mir graues Haar
Erregen, sie sind gegen unser Handwerk,
Und eigentlich die wahren Antimüller,
Doch spür' ich noch bis dato keinen Mangel
Im Handel, denn die meisten sind für uns.

Zerbino. Es wäre Schade, wenn der Verkauf litte, Ihre Mühlknappen würden auch niemals wieder ein so gutes Unterkommen finden.

Müller. Sie sind die treuen Knechte, nicht im Weinberg,
In einem Institut von größerm Nutzen:
Der Starke da macht sonderlich das schönste
Und feinste Mehl, das man jetzt sehr genießt.

Der Starke. Ja, ich glaube jetzt der Mühle von eben dem Nutzen zu sein, als die Quelle, das sagen auch alle Leute, ja einige wollen mich noch vorziehn. Ich kann ein Mehl zubereiten, daß einem das Herz im Leibe lacht, und die Milchbrote und Semmelein, die daraus gebacken werden, sind so zart, daß gewiß etliche Dutzend noch dem Magen nicht beschwerlich fallen.

Müller. Der Große da ist auch ein guter Bursche,
Nur leider lange nicht so schön solide,
Das macht, er hat die Welt etwas gesehn,
Und darum kömmt's ihm hier, so wie man wohl
Zu sagen pflegt, noch immer spanisch vor.

Der Große. Ich mache ein tüchtiges, kräftiges Mehl – –

Müller. Schon gut, denn wenn er einmal erst von sich
Zu reden anfängt, findet er kein Ende.
Da ist ein andrer noch, der oft den Bach
Verrammt, ein wackrer, sehr geübter Bursche.
Du! Hier – o! komm doch her, Familienmehl,
Ein niemals noch verstoßnes Essen, (Fürsten
Und Bürger laben sich gleich sehr daran)
Ist seine Sache; keiner glaubt von ihm,
Daß er an dem Geschmack ein Hochverräther,
Er ist wohl nur ein schuldloser Verbrecher.

Zerbino. Wer ist denn jener mit dem klugen Blick?

Müller. Der Mann ist für uns all ein großes Glück,
Es giebt der Kerls, unbändig wie die Tollen,
Die mit Gewalt nicht in den Mahlsack wollen,
So könnt Ihr Alexandern Euch nicht denken,
Wir mußten Attila'n den Kopf verrenken,
Themistokles kam in den Kasten ein,
Am Leib zerschlagen, mit gebrochnem Bein:
Wenn derlei Volk sich ungeberdig stellt,
Daß alle wir sie nicht bezwingen können,
Ist kein Mann so geschickt auf weiter Welt
Sie festzubinden und zu fesseln schnell:
Weshalb wir ihn auch nur den Feßler nennen.

Der Feßler. Ja, ich bezwinge sie so ziemlich; wenn ich einen solchen Welteroberer in etlichen Bänden eingefaßt habe, ist er so matt, daß man gar kein Leben mehr in ihm verspürt.

Müller. Nun könnt' ich Euch noch einen andern zeigen,
Der nur gewöhnlich Maißner heißt, doch dieser
Ist jetzo wenig in der Arbeit mehr,
Wie jener dort, der mit dem Kopfe schlenkert;
Sie waren ehmals rüstige Gesellen,
Der eine, der den Mais gemahlen, dieser,
Der Graupen und auch deutsche Grütze machte,
Der hat schon lange in Apoll geruht,
Und dieser ist in der Geschichte seßhaft.
Ich will noch wen'ges von mir selber sprechen,
Dann woll'n wir alle an die Arbeit gehn.
Mein Mehl bewahr' ich meist in braunem Papier,
Worin es sich gut hält, es ist ein plattes
Unschädliches und ganz gesundes Essen,
Denn mich zu rühmen wäre unbescheiden,
Ich setze mich gern unter Englands Sterne.

Zerbino. Bescheidenheit ist nicht übel. – Aber was ist denn das da?

Müller. Hier sammelt sich die allergröbste Kleye,
Die wohl nun schon seit ein'gen Jahren liegt,
Doch findet dies auch immer seine Freunde,
Ich nenn's Archiv der Zeit und des Geschmacks.
Bemerken Sie, wie auch durch diesen Püster
So schöne Grütze ausgebeutelt wird,
Ein Essen, das uns niemals in den Kopf steigt.

Zerbino. Aber, mein Bester, mein innerlicher Zustand wird noch um nichts besser, ich schließe daraus –

Müller. Doch wohl nicht, daß Sie sich nicht innerhalb des guten Geschmacks befunden?

Zerbino. Ohngefähr dergleichen.

Müller. Mein Freund, Sie werden grob.

Zerbino. Es thut mir leid, aber ich muß weiter reisen.

Müller. Gesellen! An die Arbeit! –

Alle gehn wieder an die Arbeit, die Mühle kömmt wieder in den Gang.

 


 

Vor einem Wirthshause.

Stallmeister tritt auf.

Stallmeister. Ich bin lange herumgetrabt und bin nun so müde, daß ich mich genöthigt sehe, einzukehren. Wenn ich es nur dahin bringen könnte, mich als einen ordentlichen Reisenden anzustellen, damit die Leute auf keinen Verdacht verfielen! – Die Knechtschaft, in der ich lebte, ward mir endlich gar zu unerträglich, und darum habe ich ihr auch ein Ende gemacht. Meine beiden Herrn hielten sich für gar zu klug und traktirten mich beinah wie einen Hund; wenn sie durch die reizende Natur gingen, führte mich der Bediente Nestor wie einen Verbrecher am Stricke; auf mich wurde gar nicht geachtet, wenn ich mich noch einmal umsehn, oder im Wirthshause bleiben wollte, – weshalb ich nun auch den Zustand der Freiheit ergriffen habe, und als mein eigner Herr durch die Dörfer wandre. – Ich muß nur anklopfen.

Der Gastwirth kömmt.

Wirth. Wer klopft noch so spät an?

Stallmeister. Ein wandernder Handwerksgeselle, der um ein Nachtquartier bittet.

Wirth. Na, so kommt nur herein! – Wo seid Ihr denn her?

Stallmeister. Nicht weit von hier, ich bin ein Landeskind.

Wirth. Nehmt Euch in Acht, daß Euch die Werber nicht wegnehmen, es wird hier herum ein neues Regiment errichtet.

Stallmeister. Drum laßt mich nur geschwinde ein, die Nacht fängt überdies an, kalt zu werden. Geht hinein.

 


 

Stube in der Schenke.

Wirth, Stallmeister.

Wirth. Nu, setzt Euch, Landsmann, Ihr müßt wohl müde sein?

Stallmeister. Gar sehr; ich bin den ganzen Tag gewandert.

Wirth. Nu, ruht aus. – Was giebt's denn gut's Neues in der Welt?

Stallmeister. Das wißt Ihr wohl, daß es der guten Neuigkeiten immer nicht viele giebt.

Wirth. Das ist sehr wahr, erstaunlich wahr, Ihr habt Verstand, Landsmann.

Stallmeister. Den muß man wohl kriegen, wenn man schon so früh in der Welt herumgestoßen ist, wie's mir ging.

Wirth. Raucht Ihr Taback?

Stallmeister. Nein.

Wirth. Schade! Ich habe sonst gute Conterbande im Hause, die ich Euch um ein Billiges ablassen wollte. Ich treibe nebenher einen kleinen Handel. Ihr glaubt nicht, wie schwer es dem Menschen gemacht wird, sich redlich durch die Welt zu bringen.

Stallmeister. Ja wohl, ja wohl; so wie Ihr mich hier seht, habe ich etliche Jahr, weil ich nicht anders ankommen konnte, als Hund dienen müssen.

Wirth. Ei das ist doch erstaunlich!

Stallmeister. Ja, was hilft's? Bauer wollte ich nicht werden, die Tabacksfermen waren aufgehoben, da, ohne Connexionen, wie ich war, mußte ich mich schon darein finden, Hund zu werden.

Wirth. Wär' ich doch darauf verfallen, als ich vor acht Jahren aus Desperation unter die Soldaten ging! Der gemeine Mann ist in unsern Zeiten übel dran.

Stallmeister. Sagt mal, wißt Ihr hier herum was vom guten Geschmack?

Wirth. Nein, wir sind froh, wenn wir nur überhaupt was zu essen haben, da bekümmern wir uns um den Geschmack nicht sonderlich.

Stallmeister. Ich meine, mein Bester, den geistigen, moralischen.

Wirth. Vielleicht das Noth- und Hülfsbüchlein? da habe ich aber keinen Geschmack an finden können. Es ist nicht zur Hülfe, ja kaum zur Noth zu gebrauchen. Mir scheint der Eulenspiegel, den ich da hinten liegen habe, ein ganz andres Werk.

Stallmeister. Ihr seid in der Aufklärung zurück, wie es mir scheint. Ihr müßt wissen, daß die Menschheit bisher noch solche Bücher gar nicht besessen hat, weil sie dazu noch nicht reif gewesen.

Wirth. Ja?

Stallmeister. Allerdings: für den Landmann, für den Bürgerstand fangen sich nun erst an, die Federn in Bewegung zu setzen.

Wirth. Ihr arbeitet wohl selbst dergleichen Sachen?

Stallmeister. Bis dato noch nicht, weil ich dazu noch nicht würdig gewesen bin, aber ich will mich nächstens in die Lehre begeben, weil ich überdies jetzt außer Dienst bin.

Wirth. Aber glaubt Ihr denn, daß das was nützt?

Stallmeister. Es muß nutzen, da wird nicht lange gefragt: der Nutzen und alles muß sich nach den Leuten bequemen, die in dem Fache arbeiten.

Wirth. Da sind auch die Zeitungen, wenn Ihr sie lest.

Stallmeister. O ja, nur her damit, jetzt ist eine interessante Epoche. – Hier ist ja eine kuriose Nachricht: Ein Spitzhund, mit gelben Ohren und Füßen, Namens Stallmeister, hat sich verlaufen, wer von diesem Vagabunden im Zeitungskomptoire Nachricht geben kann, erhält fünf Thaler zur Belohnung. Ihm selbst aber, wenn ihm dies Blatt zu Gesichte kommen sollte, wird gemeldet, daß er sich, ohne irgend eine Strafe zu fürchten, zu seinen Angehörigen zurückbegeben könne. – Ja, es ist erstaunlich, es laufen jetzt viele Hunde weg. – Für sich. Daß ich doch ein Narr wäre! Ich bin froh, daß ich so von ihnen gekommen bin und wenn Sie mich wieder haben wollen, so können sie mich eben so gut aufsuchen. – Herr Wirth, Ihr seid ja eingeschlafen. –

Wirth. Ja. –

Stallmeister. Wollt Ihr mir eine Schlafstelle anweisen?

Wirth. Ich weiß für Euch keine andre, als die Ofenbank dort.

Stallmeister. Nun, die ist mir gerade recht erwünscht. – Gute Nacht also! – Beide gehn zu Bette.

 


 

Wald.

Der Waldbruder, Helikanus.

Der Waldbruder. Wie treff' ich Euch an dieser Stelle wieder?

Helikanus. Es treibt mich mein Gemüth durch diese Wälder
Im Irren auf und ab, bald bin ich hier,
Bald wandl' ich meinen Weg zurück, und immer
Verwirr' ich mich nur tiefer in den Zweifeln.

Waldbruder. So geht es uns, wenn wir auf Rath nicht achten,
Des Freundes Stimme nicht vernehmen wollen.
Dein irrer Sinn, er würde schnell geheilt,
Wenn Du Dich der Natur und der Betrachtung
Der Wunderwerke Gottes widmen wolltest.

Helikanus. Es ist nicht mehr in mir der alte Schmerz,
Der mich zuerst in diesen Wald geführt,
Ein neues Feuer brennt in meinem Herzen.

Waldbruder. So hat die eine Thorheit wohl bei Dir
Die andere geheilt: so geht's dem Menschen!
Er glaubt sich oft von jeder Macht verlassen,
Daß Erd' und Himmel auf ihn zürnen und
Die Thorheit nimmt ihn in den Mutterarm,
Bereitet ihm den liebevollsten Trost.

Helikanus. Du kennst die Menschheit weder, weder mich,
Zu eilig bist Du immer, Rath zu geben,
Urtheil zu fällen.

Waldbruder. Nun, so rede endlich.

Helikanus. Als ich Dich hier an dieser Stelle ließ,
Da eilt' ich fort und kam in eine Gegend,
Auf die des Himmels Wonne sich gesenkt,
Die süßesten Gesänge wohnten dort,
Ich fand die Heimath meines Herzens endlich.

Waldbruder. Was war es denn, das Dich so hoch entzückte?

Helikanus. Du lächelst wohl, wenn ich ein Mädchen sage?

Waldbruder. Ich hatte diese Antwort schon vermuthet.

Helikanus. Ihr faßt es nicht, wenn ich sie Euch beschreibe.

Waldbruder. Erspare Dir, ich bitte Dich, das Schildern!

Helikanus. Und daß sie mich nicht liebt! ach! daß sie kaum,
Wie ich sie liebe, zu bemerken scheint!

Waldbruder. Und wo, mein Sohn, ist Deine erste Liebe?
Ja, so ist stets der Jugend Unbestand!

Helikanus. Sprich nicht, mein Freund, wann Du nicht fühlen kannst,
Was helfen Deine Worte? Glaubst Du mich mit diesen,
Mit luftgewebten Banden, von der Schönheit,
Die mich magnetisch kräftig an sich zieht,
An die das Schicksal mich geschmiedet hat,
Und die mich ewig festhält, – los zu reißen?

Waldbruder. Die Worte sind als Worte ohne Kraft,
Und dennoch können sie den Sinn beherrschen,
Die Leidenschaft empören und besänftgen,
Wann sie der Mund mit jener Kraft gebraucht,
Die, wie die Zeichen eines Zaubermeisters,
Urkräftig stets auf Herz und Seele wirken.

Helikanus. Unmöglich kann ihr Bild dem treuen Herzen,
Noch Menschenkraft, noch Zauberspruch entreißen.

Waldbruder. Und warum wüthete so heftig jüngst
In Deiner Brust die wilde Leidenschaft?

Helikanus. Das ist es eben, daß ich mich nicht fasse, –
Bald zittert sie hinweg vor jenem Bilde,
Das ehmals wie mein Schicksal mich beherrschte.
Ich frage oft der Felsen taube Steine,
Die klaren, rieselnden Gewässer, was
Ich soll beginnen, Echo spricht in Sylben,
Die unvernehmlich sind, die Quelle murmelt
Ihr altes Lied nur unverdrossen fort,
Und keines giebt Erleicht'rung meinen Schmerzen!

        O alte Heimath süß!
        Wo find' ich wieder dich?
        Welch ein Quaal ist dies?
        Warum verfolgst du mich?
        Warum ertödtest mich?

        O ferner Liebesschein,
        Glimmst wieder nach mir her?
        Soll dies mein Glücke sein?
        Mir fällt das Leid zu schwer, –
        Wer denkt wohl meiner, wer?

        Bald such' ich Linderung
        Bei dir, o Thränenguß;
        Denk' dann, es ist genung,
        Dann denk' ich ihren Kuß
        Und daß ich wandern muß, –

        Und neuer Schmerz befällt,
        Die arme treue Brust,
        Die Lieb' gefangen hält
        Und nicht mehr kennt die Lust –
        Mir alles ist vergällt.

Waldbruder. Ihr sangt das Lied mit rührend schöner Stimme,
Doch, wenn ich rathen soll, folgt meinem Beispiel:
Als mich die Welt und jedes Glück verstieß,
Als Hoffnung hinter Bergen mir verschwand,
Ergab ich mich der Einsamkeit und mir.
Hier leb' ich froh die alten Tage ab,
Wann das Gewebe reißt, ganz unbekümmert.
Ich lebe innerlich, da um mich starb
Was äußerlich mein Leben war, die Gattin,
Der Sohn, der mir noch unvergeßlich ist;
Beschaue jetzt des Himmels große Wunder,
Und ranke mich, ohnmächtig wie ich bin,
Wie eine zarte Pflanze, durch den Trieb
Im Innern nach den hohen Lüften auf.

        Wann das Abendroth die Haine
        Mit den Abschiedsflammen küßt, –
        Wann im prächtgen Morgenscheine
        Lerchenklang die Sonne grüßt, –

        O dann werf ich Jubellieder
        In's Lobpreisen der Natur,
        Echo spricht die Töne wieder,
        Alles preißt den Ewgen nur.

        Mit den Quellen geht mein Grüßen,
        Und das taube Herz in mir
        Hat dem Gott erwachen müssen,
        Der uns schirmet für und für.

        Meereswogen laut erklingen,
        In den Wäldern wohnt manch Schall;
        Und wir sollten nicht besingen
        Da die Freude überall?

Helikanus. Lebt wohl, denn Ihr begreift mein Leiden nicht!

Waldbruder. Lebt wohl, Euch mangelt noch des Geistes Licht!

Beide von verschiedenen Seiten ab.

 


 

Die Wüste.

Jeremias, der aus dem Fenster des Felsen sieht.

Jeremias. Mein Herr Polykomikus führt ein sehr beschwerliches und langweiliges Amt, das kann ich nun wohl aus Erfahrung sagen; da kömmt Volk von allen Altern und Ständen, um sich bei mir über tausend Nichtswürdigkeiten Raths zu erholen, und da muß man ihnen moralische Antworten geben und vernünftig sprechen, und dabei so unaussprechlich dumm sein, daß ein ehrlicher Mensch darüber in Verzweiflung fallen möchte.

Es versammeln sich nach und nach mehrere Leute.

Jeremias. Wollt Ihr schon wieder Rath haben.

Die Leute. Ja, denn dessen kann man niemals genug bekommen.

Jeremias. Ihr seid aber ennuyant.

Die Leute. Dazu sind wir geschaffen.

Jeremias. Aber warum könnt Ihr Euch nicht selber rathen?

Die Leute. Das wäre ganz was Neues!

Jeremias. Die Nützlichkeit, zu der ich jetzt genutzt werde, geht mir etwas zu weit. – Mein Herr ist nicht zu Hause, der ist noch vom Hofe nicht zurückgekommen, wohin man ihn verschrieben hatte.

Die Leute. Das ist einerlei, wir müssen unsern gehörigen Rath haben.

Jeremias. Wißt Ihr was, meine Freunde? Damit sich keiner von uns zu beschweren habe, wollen wir das Nützliche ein wenig mit dem Angenehmen verbinden.

Die Leute. Das kann uns gleich sein.

Jeremias. Nun, da werden wir bald gute Freunde werden. Hört, meine Besten, ich denke wir errichten hier in dem Felsen so ganz für uns ein kleines moralisches und menschheitsschwächenverbesserndes Theater!

Die Leute. In Gottes Namen, macht's aber lieber gleich zum Nationaltheater.

Jeremias. Warum?

Die Leute. Warum? das wissen wir auch nicht, aber es scheint besser zu sein.

Jeremias. Nun, wie Ihr es wollt. Also, damit wir unser Nationaltheater einrichten, werd' ich hier den großen Besen nehmen, die Bühne sauber abfegen und dabei will ich bei dieser feierlichen Gelegenheit einen rührenden Prologus halten, der Euch gewiß allen gefallen soll.

Peter. Fangt nur an, und macht dann, daß ich durch Euer und der Kunst Hülfe ein bischen besser werde, denn ich muß Euch sagen, ich bin ein ganz verruchter Kerl!

Jeremias. Sogleich werd' ich die Ehre haben, meine gehorsamste
Aufwartung mit allen Sorten von Moralien zu machen.

Er nimmt den Besen und fegt das Fenster im Felsen ganz rein.

Nun, meine werthesten Herrn, wohl aufgeschaut,
Damit Ihr Euch alle gut erbaut,
Und Euren ganzen Lebenswandel bessert,
Wonach Euch allen der Mund doch wässert.
Hier kommt es nicht, Euch zu belust'gen, an,
Weil das jedweder Arlequin kann,
Aber mit Vernunft und wehmüth'ger Rührung erlustiren,
Das ist's was den edlen Poeten muß zieren,
Und darnach wollen wir Sinnen, Trachten und Dichten,
Mit allen Leibeskräften richten – Geht ab.

Peter. Nun wird's kommen, Freund Caspar, daß wir Beide ganz andre Menschen werden.

Caspar. Es thut noth.

Einige Andre. Schweigt still! stört uns nicht, daß wir Acht geben können.

Zwei Marionetten treten auf, ein König und eine Königin.

Königin. So steht es mit dem Reich so elend wie man sagt?

König. Ach! theuerstes Gemal, Du glaubst nicht, was man wagt,
Wenn man den Bürger zwingt, dem Feind zu widerstehn,
Den sie mit dräu'nder Fahn' vor ihren Mauern sehn.
Sie sind jetzt gar nicht mehr zum Kriege zu gebrauchen,
Sie trinken ewig Bier und wollen Tobak rauchen,
Und heißt es denn einmal: Ihr Patrioten, 'raus!
Beschützt das Vaterland! ist keiner je zu Haus.

Königin. So sind wir ja wohl schon auf diese Art verloren?

König. Zum mind'sten, wenn nicht todt, doch immer sehr geschoren;
Wie mancher König wird in unsrer Zeit entsetzt,
Woran der Pöbel oft sich überdies ergötzt,
Vom Thron zu steigen ist mir aber nicht gegeben,
Eh' opfr' ich, Vaterland, dir gerne Blut und Leben!

Ein Bote.

Bote. Mein König, immer mehr kömmt uns der Feind auf'n Leib,
Es flüchtet jedermann mit Geld und Kind und Weib,
Und kellerwärts verkriecht sich mannhaft der Soldat,
In Summa, Feindesfurcht erreicht 'nen hohen Grad.
Was sollen wir bei so bewandten Sachen thun?

König. So lang ich König bin, könnt Ihr noch sicher ruhn.

Bote. Allein das hat ja wohl zum längsten nun gewährt?

König. Schau zu, mein Sohn, so zieh' ich hier mein gutes Schwert,
Damit will ich mich schnell, wo die Feind' am dicksten stehn,
Hinstürzen und besieg'n, oder sterbend untergehn! Ab.

Königin. Welch edler Königsmuth in dieser hohen Brust!
Ihn anzusehen nur ist warlich Götterlust.
Ich muß doch auch hinaus und sehen wie es fällt,
Und wie im Kriege sich mein edler Gatte hält,
Und stürzt er nieder, ach! Adieu so Thron als Reich!
Dann sind wir alle wohl hier diesem Schlingel gleich. Geht ab.

Bote. Ja schimpft nur, weil Ihr schon in letzten Zügen liegt,
Es ist kein Zweifel mehr, daß uns der Feind besiegt,
Ich kenn' des Königs Muth, der ist nicht sehr weit her,
Auch trägt er wohl an ihm nicht sonderlichen schwer. –
Da hör' ich schon des Feind's Gejauchz' und Jubelschrein,
Sie werden von der Stadt schon richtig Meister sein,
Nun die erst hier sind, seh' ich's schon mit halbem Blick,
Wie man die Hand umkehrt, sind wir 'ne Republik. Geht ab.

Caspar. Herr Jeremias!

Jeremias, mit dem Kopfe durchsehend. Rufen Sie, meine Herren?

Caspar. O ja, das Ding da gefällt uns gar nicht.

Jeremias. Das thut mir unmäßig leid, – liegt's etwa an den Marionetten?

Caspar. Nein, die meinen's ganz gut und greifen sich auch an, – aber das Ding selbst ist nicht den Teufel werth.

Jeremias. Ei, wie so?

Caspar. Das ist uns allen zu unnatürlich, daß sich die Worte immer reimen und zusammenpassen, wenn einer seine Gesinnungen von sich giebt.

Jeremias. Sie sind also für die Natürlichkeit portirt?

Caspar. Natürlich!

Jeremias. Ja, wenn das ist, so müssen wir schon eine ganz andre Seite heraus kehren.

Caspar. Gerade darum wollten wir bitten.

Jeremias. Gleich, meine Herren; wir wollen uns also für's Erste in die bürgerliche Tragödie begeben, aber ich fürchte, daß es Ihnen darin auch nicht sonderlich gefallen wird.

Zwei andre Marionetten, Mann und Frau, treten auf.

Mann. In welchem Elende befindet sich nun unsre arme, unglückliche Vaterstadt! Und in welchem Jammer wir vor allen andern Menschen!

Frau. War es nicht Deine Schuld, Dein Verbrechen, das uns in diesen Jammer gestürzt hat?

Mann. O schweig!

Frau. Nein, denn ich will reden, weil ich muß. – Du wagst es noch zu klagen? Du, der sich zuerst mit dem Feinde einließ, der zuerst den Vorschlag that, ihm die Thore zu eröffnen? Sieh nun hier auf dem Markte die Leichen Deiner Brüder, sieh diese rauchenden Häuser, die zerstörten Tempel, und dann sage Dir: alles dies ist mein Werk!

Mann. Weib! Du machst mich rasend!

Frau. Nein, Du erwachst jetzt von Deiner Raserei, Du erschrickst jetzt vor dem Elende, das Du erregt hast, es fällt Dich wie ein Sturmwind an, und Verzweiflung, Selbstmord wird alles endigen.

Mann. Voran sollst Du sterben, dann ich, Dir will ich heulend in die Unterwelt hinab folgen, zu der Du mir den Weg zeigen sollst. – Er schwingt seinen Dolch, die Frau entflieht, er verfolgt sie.

Mehrere Zuschauer drängen sich in der Wüste hinzu, unter diesen auch Satan.

Jeremias, hervorgukend. Nicht wahr? das ist auch nichts Rechts?

Michel. Nicht sonderlich.

Satan. Lieben Leute, es ist nicht rührend genug, Ihr versteht den Henker von dramatischer Kunst, und darum wißt Ihr auch nicht, wo dieser Darstellung der Schuh drückt.

Die Leute. Das ist auch wahr. Ihr seid gewiß ein Kenner. – Wir wollen's rührender haben!

Jeremias. Gut, ich hab's gleich gedacht, darum wollen wir noch eine Note niedriger angeben.

Satan. Die Sache, Herr Schauspieldirektor, ist, daß Sie ein bischen mehr ins Natürliche verfallen müssen.

Jeremias. Sogleich!

Zwei andre Marionetten treten auf, ein Vater mit seinem Sohne.

Vater. Und Er ist wieder erst gegen Morgen zu Hause gekommen?

Sohn geht schweigend auf und ab.

Vater. Antwort will ich haben. – Nun? ob Er bald reden will?

Sohn. Herr Vater –

Vater. Ich bin sein Vater nicht, am wenigsten sein Herr Vater! Er untersteht sich, Bösewicht, ein fühlendes väterliches Herz, das Sorgen und Gram die ganze Nacht hindurch zernagt haben, mit: Herr Vater, anzureden?

Sohn. Es war ja so böse nicht gemeint.

Vater. O wenn ich auch davon überzeugt sein müßte, so hätten sich jetzt unsre vier Augen zum letztenmale gesehn! Ich würde Ihn kalten, herzlosen, nichtswürdigen, undeutschen Schuft zum Hause hinauswerfen!

Sohn. Ereifern Sie sich doch nicht so.

Vater. Ich will mich ereifern! sieht Er, ich will mich durchaus ereifern! Ich bin voller Eifer! Feuer und Flamme.

Sohn. Aber schonen Sie doch, mir zu Liebe, Ihrer Gesundheit, Ihrer theuren Gesundheit. Ist es nicht genug, daß ich so früh schon meine Mutter habe verlieren müssen, wollen Sie mir auch noch den Vater rauben?

Vater umarmt ihn gerührt. Nein, mein lieber Sohn, er soll Dir nicht geraubt werden. – Ach! du traute, verewigte Catharine! – O, mein Sohn, bei ihrem Andenken beschwöre ich Dich, gieb Deine thörichte Liebe, Deine unnützen vornehmen Freundschaften auf, und mache Deinem Vater in seinem Alter freudige Stunden. Wenn Du mich gerne hier bei Dir siehst, so beweise es mir durch Deine Veränderung. Sieh, die jetzige Noth Deines Vaterlandes, die Feinde, die in die Stadt eingedrungen sind, schreiben so starke Contributionen aus, achten göttliche und menschliche Rechte so wenig, daß wir bald durchaus verarmt sein werden. – O bedenke Deine eigne Wohlfahrt, mein Sohn, denn von der meinigen kann bei diesen grauen Haaren nicht mehr die Rede sein. Geht weinend ab.

Sohn. Mein Vater ist ein edler Mann, ganz nach der alten biedern deutschen Sitte, rauh und auffahrend, aber innerlich im Kerne ganz vortrefflich. – Ach! und dennoch kann ich seinem guten Rathe keine Folge leisten! – Liebe! du allmächtige Liebe bist es, die die festesten Bande der Natur zertrennt.

Viele Zuschauer weinen, der Sohn will abgehen, Jeremias fängt ihn mit den Händen auf, indem er wieder hervorguckt.

Jeremias. Meine Herren, Sie sind ebenfalls gerührt, und dieser harte hölzerne Bösewicht will doch nicht in sich gehn, sollen wir das erdulden?

Sohn. Das Schicksal, das unerbittliche Schicksal hat mich gewaltig ergriffen. – O gütiges Geschick, laß mich doch wenigstens meine Rolle zu Ende spielen, so wirst du sehn, wie ich im fünften Akte noch ein ganz andrer Mensch werde.

Jeremias. So? im fünften Akt? Ei scharmant! Das gäbe für alle armen Sünder ein treffliches Beispiel! Alle verlassen sich auf den fünften Akt, und nichts in der Welt verdirbt deshalb die Menschen so sehr, als eben dieser fünfte Akt, weswegen man ihn lieber gar, als einen Sittenstörer, gänzlich abschaffen sollte.

Sohn. Aber wie niedlich ich nachher werde, soll dir, o erhabnes Schicksal, selber Freude machen.

Jeremias. Nein, gleich hier auf der Stelle ändre Dich um, oder Du bist augenblicklich des Todes.

Sohn. Wie soll ich mich denn so schnell ändern? Habt Ihr, Schicksal, denn gar keine Kritik studirt? Das wäre ja anstößig, unnatürlich, und wenn ich also in der Moral was gut machte, so schösse ich dafür in der sogenannten Aesthetik einen desto ärgern Bock.

Jeremias. Der Kerl hat List und Ueberredungsgabe, aber wir wollen uns dadurch nicht hintergehn lassen. – Hinunter mit Dir, vom Theater! Du unmoralischer Flegel!

Er schmeißt ihn vom Felsen in die Wüste hinunter, die Zuschauer lachen.

Sohn. O Menschheit! lachst du, wenn du siehst, wie ein grausam unerbittliches Schicksal mit einem Mitbruder spielt?

Caspar. Ja, wir müssen über den Purzelbaum lachen, den Sie da von oben gemacht haben.

Sohn. Lachen? Es ist fürchterlich, dies Geständniß hören zu müssen! O Menschheit, so will ich dich denn also verlassen, wenn du keine Thränen mehr für einen Unglücklichen hast, in eine Wüste will ich ziehn –

Peter und Alle lachen. Sie stehn ja schon mitten in einer Wüste.

Sohn. Nun so will ich aus Verzweiflung nach der Stadt gehn, auf den ersten Feuerheerd springen, den ich antreffe, mich selbst in das Feuer setzen und zu Asche verbrennen! Geht wüthend ab.

Jeremias. Im Grunde ist es doch gut, daß wir ihn los sind, denn er kam mir ebenfalls langweilig vor.

Caspar. Es ging noch so mit.

Satan. Wobei er alle Schuld auf den fünften Akt schob.

Jeremias. Er war doch immer ein undankbarer Sohn, wenn wir ihn beim Lichte besehn, und darum ist es gut, daß wir ihn fortgeschafft haben. – Aber was fangen wir nun an? Er ist in der Desperation in die weite Welt hineingegangen, und wir müssen auf einen neuen Zeitvertreib denken. – Nunmehr soll etwas recht Wunderbares kommen, aber damit es mir nicht so sauer wird mit den Fäden, nehmt Ihr's wohl nicht übel, wenn Ihr manchmal meine Fäuste ein bischen gewahr werdet?

Die Leute. Nein, gar nicht.

Jeremias. Es läuft ja überdies ganz auf eins hinaus.

Musik, es zeigt sich eine brennende Stadt, König und Königin als Gefangene im Triumph aufgeführt, Bramarbas als Sieger voran auf einem schwarzen Pferde.

Chor.
        Es ist uns gelungen
        Mit Schicksals Geschick:
        Der Mächt'ge liegt bezwungen,
        Drum wird besungen
        Des Feldherrn Glück.

Bramarbas. Bringt die Gefangenen in die Gefängnisse, dann wollen wir sehn, was mit ihnen anzufangen ist. – Aber wo ist Artemisius, der uns diese Stadt zuerst verrieth?

Ein Soldat. Man sagt, daß er in voller Verzweiflung durch die Gassen rennt.

Bramarbas. So scheint ihn also seine That zu reuen? Wenn man ihn antrifft, schleppe man ihn ebenfalls in's Gefängniß.

Soldat. Ganz wohl, Ihro Majestät. Geht ab.

Theon tritt auf.

Theon. O wo finde ich meinen Sohn? Meinen Sohn, dem ich noch heute so gute Lehren gab? Er ist auf und davon!

Bramarbas. Tröstet Euch, unglückseliger Vater.

Theon. Ich will nichts von Trost hören.

Drei Genien erscheinen.

Die Genien.
        Jetzt zittre, Bösewicht,
        Es naht der große Mann,
        Der alles kann,
        Du kennst ihn nicht:
        Bei diesem Licht!
        Fängt er zu zaubern an,
        So ist's um dich gethan!

Bramarbas. Nun, Kinder, was meint Ihr denn?

Polykomikus tritt auf mit einem großen Gefolge von Marionetten, die ihm die Schleppe tragen; indem erscheinen in der Wüste Polykomikus, Lysippus und Simonides.

Polykomikus. Nein, in der That, meine werthgeschätzte Herren, nun keinen Schritt weiter –

Lysippus. Wir bitten unterthänigst –

Polykomikus. Ganz gehorsamster! Allein ich kann meine geringe Wohnung allbereits mit den Augen erreichen, inkommodiren Sie sich also nicht mehr. – Aber was werde ich denn da gewahr?

Polykomikus. Marionette.
Ich bin der große Zauberer, genannt
Herr Polykomikus im ganzen Land,
Ich kann, wenn's mir gefällt, den Teufel selbst zitiren,
Die schwarze Kunst an der Sonnenscheibe probiren,
Weshalb auch mancher vor mir zittert,
Weil ich gar manchem das Leben schon verbittert.

Lysippus. Herr Prophet, was soll diese Vorstellung bedeuten?

Polykomikus. Hochverrath, sonder Zweifel.

Caspar. Das gefällt uns, die Art von Schauspielen gefällt uns.

Polykomikus. Gefällt Euch, Ihr unkritischen Esel? Eine persönliche Satyre auf angesehene Leute, von meinen undankbaren Bedienten Euch vor die Augen geführt? O du höchst verblendeter Pöbel!

Polykomikus. Marionette.
An wem saht Ihr so schöne lange Ohren?
Es scheint, das Schicksal hat mich auserkohren,
In großen Thaten die Welt in Erstaunen zu setzen,
Oder mind'stens sie durch Lachen zu ergötzen.

Alle Leute in der Wüste lachen, Polykomikus tritt entrüstet hervor.

Polykomikus. Jeremias!

Jeremias, den Kopf vorstoßend. Herr Prophet?

Polykomikus. Was treibst Du für unverschämte Gaukelpossen?

Jeremias. Ich bilde die Menschheit nach allen meinen Kräften.

Polykomikus. Du die Menschheit bilden? O Du Blindschleiche! da gehören mehr Künste zu.

Die Leute. Er bildet uns aber in der That; wir müssen doch wohl fühlen, da es über unsre eigne Haut hergeht.

Polykomikus. Ich sage Euch, er kann Euch nicht bilden, denn er ist selber ungebildet.

Jeremias wirft ihm Marionetten und Musik an den Kopf und erscheint mit einem Besen.

Polykomikus. Wie? Du wagst es, mir so unter die Augen zu treten?

Satan. Und was hat er daran zu wagen?

Polykomikus. Und Du, unsauberer Geselle, unterstehst Dich noch, mit einem einzigen Fuße diese Wüste zu betreten?

Die Leute. Er ist der wahre Kenner, und jener ist der Dichter.

Polykomikus. Ihr irrt! ich bin der Kenner!

Satan. Ich bin es!

Jeremias. Er ist es, und ich bin der Dichter! und außerdem verstehe ich auch das Rathgeben am besten!

Polykomikus. Himmel und Erde! Schlägt nach ihm mit seinem Stabe.

Satan. Ei Du verstockter Bösewicht! mußt Du Dich dergleichen unterstehn?

Jeremias. Laßt nur, Gevatter, hab' ich doch hier Gottlob den Besen! – Er fegt ihn mit aller Gewalt.

Polykomikus. Ach! unaussprechlich schweres, schweres Leiden,
Daß ich nach allen meinen schönen Freuden
Das grausame Fegen selber muß erleiden!

Alle Zuschauer, auch Lysippus und Simonides lachen.

Chor.
        Ihm geschieht schon Recht.

Polykomikus. Halt endlich doch mit Deinem Fegen inne,
Der Besen geht mir ja durch alle Sinne!

Jeremias. Nun ist es genug. – Da habt Ihr Euren Besen, und zugleich kündige ich Euch meine Dienste auf. – Kommt, Herr Satan! Geht mit Satan ab.

Chor.
        Ihm ist Recht geschehn. –

Auch die Zuschauer zerstreuen sich.

Polykomikus. So etwas ist mir bis dahin noch niemalen begegnet. Nimmt den Besen und geht gedankenvoll in die Höhle.

Der Vorhand fällt.

 


 

Der Jäger als Chor.

Bis hieher hat der Dichter sein Stück geführt,
Doch bleibt ihm noch das Größeste zurück.
Ertragt die Laune gütig, die ihn trägt,
Und tragt nicht Bitterkeit hinein, die schwerlich
Dies Stück vertragen dürfte. – Nun erscheinen
Die Schatten mächtiger Heroen bald,
Die wohl dem Dichter zürnen mögen, daß
Er sie in diesem wilden Spiele aufführt,
Es wagt mit schwacher Zunge ihnen nachzusprechen.
Vielleicht begünstiget den Dichter mehr
Die lust'ge Thorheit, als die Poesie.
Darum, daß Sie nicht zürnen, wollen wir
Sie bitten im andächtigen Gebet:

          Du in deinen Heiligthumen,
        Hohe Göttin, Poesie,
        Wann Du unter großen Blumen
        Wandelst in des Morgens Früh,

          Wann du aller Lieder denkest,
        Die dein erster Liebling sang,
        Ihn zu sehn die Schritte lenkest
        Nach dem dunkeln Buchengang, –

          Ach, verzeihst du wohl dem Kühnen,
        Der sich deiner Gottheit naht,
        Bis zum Tode dir zu dienen
        Sich als ein Geschenk erbat;

          Willst du ihm die Blicke schenken,
        Die du deinen Priestern gabst?
        Ihn mit deinem Lächeln tränken,
        Daß du seinen Geist erlabst?

          O wie würd' er in dem Meere
        Deiner Liebe neu erbor'n!
        Aus dem zahlenlosen Heere
        Zu der Wonne auserkohr'n!

          Willt den Menschen du bewehren,
        Flüchtet jedes Leid zurück,
        Muß in Freude sich verkehren,
        Du nur bist der Erden Glück!

Geht ab.

 


 

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