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Gutenberg > Ludwig Tieck >

Prinz Zerbino

Ludwig Tieck: Prinz Zerbino - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleSchriften, Zehnter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1798
publisherG. Reimer
addressBerlin
titlePrinz Zerbino
pages382
created130603
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Akt.

Pallast.

Curio, Selinus.

Curio. Wie befindet sich der Prinz?

Selinus. Immer noch beim Alten. Es wird mit jedem Tage schlimmer.

Curio. Aber in aller Welt, was soll daraus werden und giebt es denn gar kein Mittel dagegen?

Selinus. Man sagt, es sei alles nur die Anstellung eines bösen Geistes, der diesem Reiche seine Macht und Größe beneidet, er will den Glanz unsers Hofes verdunkeln und auf diese Art das Oberste zu unterst kehren.

Sicamber tritt auf.

Curio. Nun, Sicamber?

Sicamber. Nun, Curio?

Curio. Hast Du den Prinzen heute schon gesehn?

Sicamber. Ja wohl.

Curio. Und er wird mit jedem Tage dummer, wie man sagt?

Sicamber. Dummer? – Sie setzen mich in Erstaunen, meine Herrn.

Selinus. Nun, oder einfältiger, nennen Sie es wie Sie wollen, genug, die Hauptsache ist doch einmal wahr.

Sicamber. Einfältiger? – daß ich nicht wüßte!

Curio. Nun, wie willst Du denn seine Krankheit nennen?

Sicamber. Ich mag ihr gar keinen Namen geben, denn ich mag nichts zu verantworten haben. Es ist die Krankheit, die der Größe so oft zu folgen pflegt, von der man lieber gar nicht spricht, die sich nicht beschreiben und noch weniger beurtheilen läßt.

Der Arzt aus dem Innern des Pallastes.

Curio. Nun Herr Doktor?

Arzt. Ihro königliche Hoheit sind jetzt damit beschäftiget, ein wenig zu ruhen: es kann wohl bald besser werden.

Selinus. Wie mag diese Krankheit entstanden sein, lieber Herr Doktor?

Arzt. Zu große Anspannung der Gehirnnerven. Wenn man den menschlichen Geist mit einer Springfeder vergleichen dürfte, so möcht' ich wohl sagen, daß die gute königliche Hoheit seinem Witze zu viel geboten hat, und daß nunmehro die Elasticität darunter gelitten.

Curio. Ich prophezeite das gleich, als er sich den Wissenschaften ergab.

Arzt. Er hätte es nicht thun sollen; es gereicht ihm zum Ruhm sie zu beschützen, aber gleichsam aus seinem Pallaste in die Philosophie und Litteratur hineinzuziehn, daraus mußte sich nothwendig ein solcher kläglicher Fall ergeben.

Curio. Was haben Sie für Hoffnung?

Arzt. Die beste Hoffnung von der Welt, ich denke, wir sollen das Trepaniren nicht nöthig haben.

Selinus. Das verhüte der Himmel!

Arzt. Nein, ich denke, daß wir dem wohl aus dem Wege gehn werden, daß wir umhin können. Die Diät muß das Beste thun.

Curio. Er beobachtet sie doch ohne Zweifel?

Arzt. Sie thun noch immer zu viel mit Lesen, besonders der angreifenden Sachen. Ich habe Journale verordnet, auch einige Musenkalender, aber sie gehn mir zu sehr auf die schwere Kost, als da giebt es manche Dichter, die die Phantasie beschäftigen, das taugt in den Umständen nun und nimmermehr.

Selinus. Jetzt ist gerade der kritische Zeitpunkt.

Arzt. Ja, es muß sich nunmehro bald zur Tollheit, oder zur ordinären Vernunft entscheiden, so in der Schwebe hält sichs unmöglich lange mehr. Der hohe Patient fragten mich heute: welches ich für die beste Regierungsform hielte; ich merkte mir das Symptom und verspürte auch augenblicklich am Pulse eine merkliche Veränderung. Wir müssen jetzt nur in Geduld den neunten Tag abwarten.

Hanswurst schnell herein.

Hanswurst. Herr Doktor! Herr Doktor!

Arzt. Was giebts?

Hanswurst. Der Prinz schreit nach Ihnen, ich glaube er will sterben.

Arzt. Potz tausend! dabei darf ich nicht fehlen. Schnell ab.

Curio. Sterben? der Prinz?

Hanswurst. Ja meine Herrn, er wird den Augenblick abscheiden und uns und das Reich in trostlose Waisen verwandeln. Wir kriegen so einen hoffnungsvollen Kronprinzen nicht wieder und wenn wir alle mit den Raben in der Wette lebten.

Selinus. Wie ist er denn aber so viel schlimmer geworden?

Hanswurst. Werther Herr Selinus, er hielt mich für den Herrn Hofgelehrten Leander und das war schon gleich kein gutes Zeichen, darauf hustete er etliche mal und behauptete, die Welt sei ewig, denn die Masse wäre unvergänglich. Ich erschrak und führte ihm zu Gemüth, daß der jüngste Tag die schönste Widerlegung sei, um ihn nur wieder auf den rechten Weg zu lenken, da warf er mir aber ein, daß der Aetna viel leichter den ganzen Philosophen Empedokles habe verdauen können, als dessen Schuhe, und darauf wußt' ich denn freilich
nichts zu antworten.

Sicamber. So wahr ich ehrlich bin, ich würde auch die Antwort darauf schuldig bleiben.

Hanswurst. Wenn Sie sonst nichts schuldig blieben, Herr Kammerherr, so könnten Sie immer noch der angesehenste Mann bei Hofe sein, aber ich sprach letzthin einige Kaufleute, die mir sagten, daß Sie ihnen keine einzige ihrer Fragen gehörig beantwortet hätten, sondern immer im Vordersatze wären stecken geblieben.

Sicamber. Herr Hofrath, man siehts Ihnen immer noch an, daß Sie vormals ein Narr gewesen sind.

Hanswurst. Wollte Gott! ich könnte dasselbe von Ihnen behaupten.

Sicamber. Was wollen Sie behaupten?

Hanswurst. Ich behaupte in meinem Leben nicht das mindeste, es müßte denn etwa der Satz sein: daß die Aufklärung der Menschheit ungemein zuträglich sei.

Curio. Lieben Sie die Aufklärung?

Hanswurst. O mit Passion. Ob ich sie liebe? Wer wär' ich, wenn ich mich nicht für die Aufklärung todtschlagen ließe? Nein, ich habe einen wahren Narren daran gefressen, um mich populär, verständlich und zugleich sprichwörtlich auszudrücken.

Curio. Ich hätte nicht gedacht, daß Sie mit dem Zeitalter so fortgeschritten wären.

Hanswurst. O mein Herr, man sucht manchmal nicht in den Leuten, was in ihnen steckt, es kömmt auch an unsereins die Reihe, ich bin ja auch ein Mitglied in Ihrem Lesezirkel.

Curio. Mögen Sie auch wohl das Glück der Menschheit leiden?

Hanswurst. Ach lieber Freund, da fassen Sie mich bei meiner schwachen Seite. Herzlich gern mag ich all das Zeug durcheinander leiden.

Der Arzt kömmt zurück.

Arzt. Nun ja, da haben wir die Bescherung. Die königliche Hoheit ist mit genauer Noth dem Tode entgangen und daran sind bloß Sie schuld, Herr Hofrath.

Hanswurst. Ich? wie so?

Arzt. Läßt sich mit dem Patienten in einen tiefsinnigen philosophischen Diskurs ein und macht meine ganze Kur beinahe wieder zunichte.

Hanswurst. Soll er denn aber gar nicht vernünftig sprechen dürfen? So wär' es ja fast besser, er würde gar nicht kurirt.

Arzt. Vernünftig, aber nicht methaphysisch; es ist ein Unterschied zwischen Vernunft und Vernunft.

Hanswurst. Prima sorte ist ihm also nicht zuträglich.

Arzt. Durchaus tödtlich, keine andere als praktische Gespräche muß er in seinem jetzigen Zustande führen.

Hanswurst. Darf er an Gespenster glauben?

Arzt. Durchaus nicht, auch nicht an die Schwärmerei, an nichts von der Art, derowegen les' ich ihm auch oft aus der blauen Monatsschrift vor.

Hanswurst. Sie werden ihn noch erst recht konfuse machen.

Arzt. Nein, mein Freund, ich gehe auf die Wirklichkeit los und halte mich nicht an leeren Idealen.

Hanswurst. Die Wirklichkeit ist leer.

Arzt. Nein, mein Freund.

Hanswurst. Ja, Herr Doktor!

Arzt. Nein, Herr Hofrath!

Hanswurst. Es giebt gar keine Wirklichkeit.

Arzt. Keine Wirklichkeit? Nun hören Sie einmal, meine Herren! Keine Wirklichkeit? O so müßte ja der Donner drein schlagen, wenn es nicht einmal eine Wirklichkeit geben sollte? Und was wär denn ich, und diese Herren, und der König, und der Hof, und der Hofgelehrte, und unsre königliche Bibliothek und der Teufel und seine Großmutter?

Hanswurst. Geburten der Phantasie.

Arzt. Sie mögen selbst ein Phantast sein. O mein Herr Hofrath, erlauben Sie mir wohl, daß ich Ihnen meine aufrichtige Meinung als ein Freund, als Ihr Verwandter und Schwager sagen darf?

Hanswurst. Reden Sie, Herr Doktor.

Arzt. Man sieht es Ihnen, dünkt mich, immer noch an, daß Sie ehemals als ein Narr gedient haben. Der alte Spruch hat wohl recht, der da sagt: und wenn du den Narren in einem Mörser zerstießest, ja wenn du ihn zum Hofrath machtest, so ließe er doch von seiner Narrheit nicht.

Hanswurst. Mein Herr Doktor, ich muß die Ehre haben, Ihnen zu sagen, daß ich das äußerst übel nehme. Sonst bin ich nicht empfindlich, aber in dem Punkt kommen Sie mir an die Seele. Ich bin ein Narr gewesen, das ist wahr, aber die Zeiten sind gottlob vorbei. Sehen Sie dieses graue Haupt, sehen Sie dies Kreuz, das mir des Königs Gnade hat zukommen lassen; sehen Sie in mir den ehrwürdigen deutschen Hausvater einer zahlreichen Familie vor sich und dann unterstehn Sie sich noch zu sagen, daß ich ein Narr bin! Mein Herr, ein Mann, der dreimal das hitzige Fieber überstanden hat; mein Herr, ein Mann, der mit dem Könige so vertraut ist, – der ein Narr! Das Wort sollen Sie mir theuer bezahlen. Des Königs Majestät hat mich zum Stande eines Hofraths erhoben und dadurch gleichsam bestimmt ausgedrückt: der Mann hier soll, so weit meine Länder reichen, durchaus für keinen Narren gehalten werden! Auswärts mag man von ihm denken, was man will. – So weit werden sich hoffentlich die Regalien eines Throns noch erstrecken, Narren zu kreiren, Ihnen zum Trotz, und wenn Sie der ausgemachteste Demokrat wären.

Arzt. Mir zum Trotz? Nun und nimmermehr, mein Herr!

Hanswurst. Meine Herren, Sie hören hier den Landesverräther.

Curio. Er führt anstößige Reden, das ist nicht zu läugnen.

Hanswurst. Und Injurien gegen mich. – Nun, ich hoffe, die Revolution soll noch zur rechten Zeit entdeckt werden.

Arzt. Meine Herren, ich bin unschuldig.

Hanswurst. Listig hat es die Parthei bei alle dem ausgedacht, daß sie den Leibarzt in ihr Komplott gezogen hat.

Arzt. Meine Herren, ich bin zwar Doktor, aber ich weiß von nichts.

Hanswurst. Es ist vielleicht nicht ohne Bedeutung, daß der Prinz seinen Verstand verloren hat.

Arzt. Ich protestire – –

Hanswurst. Wenn man nur erst den Hauptverräther wüßte!

Leander tritt auf.

Leander. Ist es erlaubt, den Prinzen Zerbino zu besuchen?

Arzt. Nein, mein Herr, er läßt sich jetzt nicht sprechen.

Leander. Warum nicht?

Arzt. Ich habe ihn mit vieler Mühe zum Schlafen gebracht.

Leander. Ich spräche ihn gar zu gern.

Sicamber. Was haben Sie an ihn?

Leander. Ich habe hier ein Buch geschrieben, das ich ihm dediciren und vorlesen möchte. Es ist ganz eigen für seinen Zustand eingerichtet.

Curio. Wie heißt es denn?

Leander. Grundsätze der Kritik, und ist in zweien Bänden abgefaßt. Es soll dazu dienen, die gespannte Phantasie wieder etwas herabzustimmen, den Verstand aufzuklären, indem wir das Unförmliche einsehn, und uns so in der Poesie unvermerkt zum Klassischen und Vollendeten zu führen.

Curio. Nun, das ist warlich ein christlicher Vorsatz.

Hanswurst. Man sollte den Prinzen schnell aufwecken, damit man ihn in den Schlaf lesen könnte, so käm' er doch zur Ruhe.

Arzt. Aber in der That, wenn diese Grundsätze officinell abgefaßt sind, so könnten sie vielleicht von einigem Nutzen sein.

Leander. Es ist alles sehr schön eingetheilt, und schon das zerstreut nach meiner Meinung das Gemüth außerordentlich.

Hanswurst. Wenn Sie mich lieb haben, so lassen Sie mich den Index lesen.

Leander. Warum den Index?

Hanswurst. Die Vorrede, den Hechtkopf, in dem sich Kreuz und Schwert und Dornenkrone befinden, lese ich von keinem Buche, eben so wenig das Mittelstück, oder das eigentliche Buch, aber eine unbeschreibliche Freude macht es mir, wenn ich das Schwanzstück genieße, und eine so schöne Anzahl von Wörtern alphabetisch rangirt antreffe.

Leander. Sie sind ein Humorist.

Zerbino, drinnen. Sicamber!

Sicamber. Ja, Ihro Hoheit. – Geht schnell ab.

Curio. Der Prinz ist aufgewacht, wie es scheint.

Selinus. Wie ich glaube, schläft er nicht mehr.

Leander. So könnte man ihm ja die Grillen mit Lesen vertreiben.

Sicamber zurück.

Sicamber. Der Prinz wacht; wenn es Ihnen jetzt gefällig wäre, Herr Leander?

Leander. Ich stehe zu Befehl. Schnell ab.

Curio. Wir wollen folgen. Sicamber, Selinus und Curio ab.

Arzt. Ich muß die Wirkung beobachten. Ab.

Hanswurst. Er weiß im Grunde nicht, was Wirkung und beobachten auf sich hat. Wie leichtsinnig die Menschen gemeiniglich mit den schönsten Wörtern umgehn! Es fehlt nicht viel, so gehe ich auch hinein, um einen Zuhörer abzugeben; denn was hab' ich jetzt gerade Besseres zu thun? Man sollte wahrhaftig daran zweifeln lernen, ob die Sprache auch für uns Menschen erfunden sei, denn aus dem schönsten Lomber machen sie ein ungeschicktes Hazardspiel, von den Chikanen wissen die meisten gar nichts, und die Bêtes wachsen unter ihren plumpen Fingern so an, daß sie am Ende Verstand und Scharfsinn unbesehen in den Kauf geben müssen, um nicht völlig insolvent zu sein. Und darum glaub' ich auch, daß das sogenannte Sprechen ein schönes Ding unter vornehmern Wesen war, und daß die Menschen nur einige ihrer Redensarten im Auskehricht gefunden haben. Dieser Hofgelehrte ist eine Art von Gelehrten und er war ein ganz guter Mann, als er noch etwas dummer war, aber der verderbliche Scharfsinn hat ihn nun gänzlich hingeopfert, denn er kann nun nicht drei mal drei zusammenrechnen, ohne an die neun Musen, ein Spiel Kegel und die vollkommenste Zahl des Pythagoras zu denken, und weil ihm alles zugleich einfällt, so ist er des Glaubens, diese Begebenheit müßte auch in sich selbst zusammenhängen.

Nestor tritt auf.

Nestor. Ist der Herr Leibdoktor nicht hier?

Hanswurst. Nein, mein Freund.

Nestor. Wenn ich ihn doch irgendwo anzutreffen wüßte.

Hanswurst. Er ist beim Prinzen, ich will ihn herausschicken.

Nestor. O Sie sind allzugütig. Hanswurst ab. Es muß untersucht werden, ehe es noch ärger wird. Warum sollt' ich mit einem Schaden behaftet sein und nicht lieber in Zeiten dazu thun, als gelassen zusehn, wie das Uebel immer weiter um sich greift? Die Vernunft, sehe ich wohl, räth mir selber zu diesem Schritt, und darum will ich mich auch nicht dagegen sträuben.

Der Arzt tritt auf.

Arzt. Was will Er, mein Freund?

Nestor. Bester Herr Doktor, ich habe mit Ihnen zu sprechen.

Arzt. Sprech' Er.

Nestor. Sie wissen, daß der Prinz von einer schlimmen Krankheit befallen ist.

Arzt. Ja.

Nestor. Ich fürchte, es wird eine Epilepsie daraus.

Arzt. Wie so?

Nestor. Ich wollte eigentlich sagen, Epidemie, und daß am Ende noch der ganze Hof angesteckt wird.

Arzt. Das wäre ein großes Unglück, mein Freund.

Nestor. Ich bin des Prinzen Bedienter, ich bin viel um ihn und mir ist immer, als wenn ich schon so etwas Aehnliches spüre.

Arzt. Woraus kann er das schließen?

Nestor. Gestern, Herr Doktor, wollte mir die Zeitung gar nicht gefallen, ich weiß nicht, wie es kam, aus meiner frühen Jugend fielen mir allerhand Sachen ein, und eh' ich mir's versah, hatt' ich wieder den alten Respekt vor dem Epaminondas, ja sogar vor dem römischen Brutus.

Arzt. Ei! ei! das sind schlimme Symptomen.

Nestor. Noch mehr; ich fing an mit einer gewissen poetischen Ehrfurcht an meine Unsterblichkeit zu denken, und als ich Sie um dieselbe Zeit beweisen hörte, daß alle moralische Gebrechen und große Tugenden nur physische Krankheit und Gesundheit zu nennen wären, so kam mir das dumm und abgeschmackt vor.

Arzt. Ei, mein Freund, wo hat Er denn diesen gefährlichen Wahnsinn aufgegriffen? Zeig' Er einmal seinen Puls.

Nestor. Hier, Ihnen aufzuwarten. – Nun, sehn Sie, Herr Doktor, fürchte ich immer, könnte es gar so weit mit mir kommen, daß ich die Verachtung gegen Cäsar und Alexander den Großen verlöre, oder ich geriethe vielleicht gar ins Delirium und liebte die Religion – und, Herr Doktor, dann getrauete ich mir doch nicht mehr gegen einen ehrlichen Mann die Augen aufzuschlagen.

Arzt. Er hat Recht, mein Freund, dem muß eiligst vorgebaut werden, sonst geht Er drauf. – Wenn es wirklich eine ansteckende Säuche wäre! Ich habe seit einiger Zeit einige Debilitäten an meiner eigenen Vernunft bemerkt, dann der Hofrath, – komm' Er, mein Freund, ich will Ihm eiligst etwas verschreiben. Es wäre doch Schade um diesen angenehmen Hof.

Sie gehn.

 


 

Marktplatz.

Die große Wachtparade. Einige Regimenter marschiren auf; ein feierlicher Zug; Zuschauer.

Der General. Halt!

Die Regimenter rangiren sich; Trommelschlag.

Ein Kapitain. Willst Du denn gern die Schwerenoth kriegen, Kerl, daß Dir der Hut nie ordentlich sitzt? – Er schlägt ihn.

Ein Bürger. Der hat nun seinen richtigen Tribut bekommen.

Ein Andrer. Tribut? – Ich denke, es war wohl eher eine gezwungene Anleihe.

Dritter Bürger. Nein, versteht mich, Gevatter, das Dings da muß sein, wenn die Staaten in ihrer gehörigen Ordnung bestehn bleiben sollen.

Vierter Bürger. Das sag' ich auch immer, Ordnung will Zwang haben.

Erster Bürger. Ja, wie Ihr's versteht. Wenn Euch der Stock so zwischen den Ribben präludirte, würdet Ihr's schon anders meinen.

Dritter Bürger. Aber, Gevatter, so seid doch nur in's Henkers Namen ein Patriot und besinnt Euch, daß es nicht anders sein kann.

Vierter Bürger. Es geschieht zur Warnung.

Dritter Bürger. Wer ein rechtschaffener Patriot ist, seht Ihr, der muß das zugeben, das hängt alles mit dem großen Gleichgewicht zusammen.

Vierter Bürger. Ja wohl, ja wohl. Und ohne dieses große Gleichgewicht verlören wir alle das Gleichgewicht.

Erster Bürger. Still, da kommt der König.

Zweiter Bürger. Ein angesehener Herr.

Erster Bürger. Angesehn?

Dritter Bürger. Je nun, ich meine ansehnlich, was man so untersetzt nennt.

Vierter Bürger. Untersetzt sind die Unterthanen.

Zweiter Bürger. Und dabei ist er so gnädig.

Der König Gottlieb mit Gefolge.

Gottlieb. Guten Tag. – Alles in Ordnung?

General. Zu Ew. Majestät Befehl.

Gottlieb. Sind die Patrontaschen neu?

General. Wie es befohlen ist.

Gottlieb. Ich habe verwichene Nacht daran gedacht, ob man nicht lieber an der Mütze noch einen Püschel befestigte?

General verneigt sich.

Gottlieb. Somit wäre denn alles komplet. –

Fahnenmarsch; die Regimenter marschiren vor dem Könige vorbei.

Gottlieb. Es ist all gut so. – Die Garde soll auch andre Stiefeletten kriegen.

General. Die Akten darüber sind schon eingeschickt.

Gottlieb. Nun das ist mir lieb, ich hab's gern, wenn meine Regierung hübsch in der Ordnung bleibt. – Jetzt die Parole.

Die Generale versammeln sich um den König; Wachen werden ausgestellt: eine feierliche Stille.

Erster Bürger. Jetzt wird die Parole ausgetheilt.

Zweiter Bürger. Ja freilich, freilich.

Dritter Bürger. Er giebt sie gewiß tüchtig und gut, die Parole, dafür steh' ich Euch.

Ein Bauer kömmt auf einem Wagen gefahren.

Soldat. Zurück!

Bauer. Warum denn?

Soldat. Zurück! – Er winkt.

Bauer. Was giebt's denn hier?

Erster Bürger. Der König giebt die Parole aus.

Bauer. Was ist denn das?

Erster Bürger. Wißt Ihr nicht einmal, was die Parole ist?

Bauer. Nein, Gott sei Dank!

Erster Bürger. Die Parole ist gleichsam, – nun, als wenn Ihr so sagen wolltet, – Ihr müßt mich nur recht verstehn, – wenn ich nun die Parole – – nun, dummer Teufel, stellt Euch nicht so an, Ihr werdet ja wohl wissen, was die Parole ist.

Bauer. Bedank mich. – Und ist das Zeug gut?

Erster Bürger. Gut und unentbehrlich! – Das ganze Land wird dadurch glücklich, – die Sicherheit, – wenn Ihr wißt, was Ordnung heißt. –

Bauer. Nun, und warum soll ich denn da mit meinem Wagen nicht heranfahren? Darf denn der arme Bauerstand nichts davon abkriegen?

Erster Bürger. Beileibe nicht, denn das ist ganz allein für die Soldaten. Der Soldatenstand, seht Ihr, lebt davon fast ganz allein.

Gottlieb. Zerbino! – verstanden? – Jetzt will ich mich von meinen Geschäften erholen. –

Der König geht; die Generale und Soldaten zerstreuen sich.

Zweiter Bürger. Was hat Er denn auf dem Wagen, Landsmann?

Bauer. Rüben. –

Erster Bürger. Sind sie auch gut?

Bauer. Delikat; seht Ihr Herren, bei mir werden sie überaus sehr gebaut, da wir nichts von der Parole genießen, müssen wir uns auf die Rüben legen. – Kauft Rüben! Rüben!

Dritter Bürger. Ich will doch meine Frau herschicken.

Vierter Bürger. Ich auch. – Adies, Gevatter, die Parade war schön. –

 


 

Zimmer des Prinzen Zerbino.

Zerbino auf einem Ruhebette, Leander neben ihm. Sicamber, Selinus und Curio in einem Winkel eingeschlafen. – Hanswurst.

Zerbino. Kein Wort mehr, kein Wort mehr, – das ist ärger als Arsenik. Diese Eintheilungen, die wie mit Schießpulver gesprengt sind, verrücken mir erst ganz den Kopf.

Hanswurst. Mein Prinz, es ist nur um die Uebung zu thun, so werden Sie es bald gewohnt.

Zerbino. Ich will nichts gewohnt werden; das ist eben das wahre Unglück, daß man sich leicht gewöhnt.

Hanswurst. Das ist denn was anders. Freilich ist die Gewohnheit, wie ein überwachter Gelehrter, der bei seiner Oehllampe gar nicht bemerkt, wenn der herrliche Morgen wieder heranbricht.

Zerbino. Sehr wahr, wenn ein Bild Wahrheit haben kann.

Hanswurst. Warum wollen Sie einer armen Metapher nicht die Wahrheit gönnen? Es ist ja das Wenigste, was sie haben kann.

Zerbino. Ich gönne sie ihr.

Hanswurst. Das Leben eines solchen poetischen Bildes ist ein armes, sehr kurzes Leben, mit dem man etwas mehr Mitleid haben sollte: es entsteht und vergeht, ohne gewürdigt, ja fast ohne bemerkt zu werden, man rangirt es höchstens, wie die Blumen in Register, wie auch unser Herr Leander hier gethan hat, und doch, mein Prinz, ist eine einzige Blume mehr werth, als zwanzig, ja hundert solcher Register.

Zerbino. Du solltest mir so ein Buch von Grundsätzen schreiben, Hofrath.

Hanswurst. Das wäre eine Sünde gegen die vernünftigen Grundsätze.

Zerbino. Warum?

Hanswurst. Weil ich den Grundsätzen und dem Zusammenhange zu Gefallen die Lücken mit Abgeschmacktheiten würde füllen müssen, und da dergleichen gegen meine Grundsätze läuft, so nenne ich es eine Sünde gegen die Grundsätze.

Leander. Herr Hofrath, Ihr seid ein Sophist.

Hanswurst. Wie man's nimmt, aber es kommt mir auf keinen einzigen Namen an und darum will ich mich auch gegen diesen nicht wehren.

Zerbino. Hofrath, ob Du gleich ein geborner Narr bist, so bist Du doch der vernünftigste Mann im ganzen Lande.

Hanswurst. So behauptet es ja nicht in Eurem eignen Lande, sonst habt Ihr die Stimmenmehrheit gegen Euch.

Zerbino. So sind wir Beide auf die Art die einzigen Klugen; Du, indem Du vernünftig bist, ich, indem ich das Geschick habe, Deine Vernunft zu bemerken.

Leander. Das ist gerade Ihre Krankheit, dergleichen irrige Meinungen zu hegen.

Zerbino. Beweise, daß sie irrig ist. –

Leander. Weil, – indem, – wenn es mir erlaubt wäre, wollte ich mich doch erst auf einige Zeit nach Hause verfügen, um da zu Papier meine wichtigsten Einwürfe zu verfassen und nachher das Concept in's Reine zu schreiben. –

Zerbino. In's Reine wirst Du es nimmermehr schreiben, Gelehrter.

Hanswurst. Die Natur hat ihn wie seines Gleichen, selbst nur so aufs Concept hingeworfen; er ist eins von den falschen Worten, das sie auszustreichen vergessen hat, und darum zerbrechen wir uns nun über dem Zusammenhang unnützerweise den Kopf.

Zerbino. Ha ha ha! – O das könnte einen so gesund wie einen Fisch machen, wenn man immer in dem Humor bleiben könnte.

Hanswurst. Wenn man nur immer die Courage behielte, aber so läßt man sich gar zu leicht von der Altklugheit, dieser französischen Mamsell herausweisen, und läuft der Dummheit in die Arme, um bei den Dummen nur für verständig zu gelten.

Zerbino. Was ist die Dummheit?

Hanswurst. Ein Wesen, das allenthalben und nirgends wohnt, weil, wenn die Nachfrage umgeht, jeder Wirth diesen Miethsmann verläugnet. In der Putzstube wird er gepflegt und gehätschelt, in den Armen des Richters, des Fürsten, des Ministers, des Schulmeisters, des Tabakrauchers liegt er wie Johannes zärtlich am Herzen und keiner ließe ihn sich nehmen, eher das Leben. Mit Bändern wird er ausgeputzt, in Saffian eingebunden und in die Bibliotheken gestellt, für die Geliebte, oft für den Sohn ausgegeben, selten oder nie gegen den Verstand ausgetauscht.

Zerbino. Warum verläugnet aber jeder diesen Miethsmann, wie Du ihn nennst?

Hanswurst. Die Ursach ist ganz simpel folgende. Als die Erde fertig war, sagten die Engel unter einander: Aber, lieber Himmel, was soll nun das arme Menschengeschlecht anfangen? da es sterben muß, wird es sich ewig vor dem Tode fürchten, da Krankheiten, Plagen und Schmerzen tausend offne Thore am Körper finden, werden sie keine Minute ruhig sein, nun haben sie gar vom Baum des Erkenntnisses genascht, die Augen sind ihnen so sehr aufgegangen, daß sie ihnen übergingen, sie haben die unglückselige Vernunft erwischt, sind aus dem Paradiese gejagt und laufen nun in ihren Pelzen hin und her und wissen nicht, wie sie sich die Zeit vertreiben sollen, dieselbe Zeit, die sie gerne festhalten möchten, um spät und immer später dem unvermeidlichen Grabe überliefert zu werden. – Da die Engel sich so unterredeten und alles überlegten, fingen die meisten vor Mitleid an zu weinen. – Einer unter ihnen, der der weichherzigste war, fiel endlich auf ein Mittel.

Zerbino. Ich bin neugierig.

Hanswurst. Im Paradiese lag eine Art von Küchengarten hinter dem eigentlichen Park, der bloß für die Thiere angelegt war. Denn hier wuchs unter andern Kräutern auf mancherlei Art die Dummheit, die diese unschuldigen Erdbürger so liebenswürdig macht. Hieher verfügte sich der Engel mit seiner Frau, denn alles stand in der schönsten Blüthe; sie sammelten die Frucht, die wie Baumwolle wuchs, und drehten sie zu einer niedlichen Puppe zusammen. Diese nahm der gutherzige Engel unter seinen Mantel und ging damit zu den Menschen. Sie saßen gerade bei Tische und erzählten sich bei der Suppe ihren kläglichen Fall. Seid ruhig, rief der Engel aus, denn ich bringe hier Euren Trost. Was Ihr gegessen habt, war ein Apfel, der Baumflecke hatte und darum seid ihr dumm geworden und haltet das in der Verblendung für Euren Verstand. Seht, hier bring' ich Euch den wahren Verstand, die tugendreiche Weisheit, indem er den Wulst mit Feierlichkeit hervornahm, hebt den Schatz gut auf, denn nur dadurch seid Ihr die edelste Kreatur auf Erden. Glaubt alles, was dieser Prophet euch sagen wird. – Die Wirkung des Geschenks äußerte sich bald, denn die Menschen glaubten dem Engel. – Hütet Euch, fuhr der himmlische Gesandtschafter fort, daß Ihr Euch diese vortreffliche Baumwolle nicht wieder ablocken laßt, denn unter allerhand Gestalten werden Spione herumgehn, besonders wird man den Kniff gebrauchen und Euch weiß machen wollen, dies Wesen sei die Dummheit; aber glaubt keinem, der umgeht und nach der Dummheit fragt, denn er sucht nur die Weisheit. – Der Engel ging fort. – Und daher kommen die seltsamen Antworten, wenn man in aller Unschuld einen guten Freund fragt: Freund, wohnt hier nicht Dummheit? – Sogleich ertönt es: Herr, für wen seht Ihr mich an? Wollt Ihr einen Esel aus mir machen? – Ihr mögt wohl selbst dumm sein. – Und auf die Art ist die sonst unbegreifliche Verläugnung entstanden.

Zerbino. Du solltest eine Geschichte der Menschheit schreiben.

Der Arzt kömmt.

Arzt. Wie stehts, Ihro Hoheiten?

Leander. Herr Doktor, durch den Hofrath wird das Uebel immer ärger; er trägt orientalischen Schwulst vor, und vermehrt dadurch den Krankheitsstoff.

Arzt. Mein Herr Hofrath, wenn Sie nicht des Landes Unglück wollen, so entfernen Sie sich.

Hanswurst. Mein Herr, es ist nichts weiter, als daß mich der Prinz angesteckt hat und darum habe ich mich zu beklagen.

Arzt. Kurz, Sie müssen fort und sollt' ich deshalb beim Könige einen Fußfall thun.

Hanswurst. Fallen Sie, denn hier kommt der König.

Gottlieb mit einem fremden Doktor.

Gottlieb. Nun, mein Sohn.

Zerbino. Mein theuerster Herr Vater – –

Gottlieb. Du bist noch immer krank? – Es ist hart, wenn man die Regierungssorgen hat und noch obendrein einen kranken Sohn. – Aber seht doch die Schliffel von Hofleuten, die da im Winkel sitzen und schlafen. – Er zieht sie nach der Reihe bei den Ohren. Heißt das Hofdienst haben, Ihr Schlafmützen Ihr? seid Ihr dazu Kammerjunker?

Sicamber. Mein gnädigster König, das Lesen hat Schuld, der Herr Leander –

Gottlieb. Ei was, wenn er ein Esel ist, müßt Ihr es sein? Aber er wacht ja.

Selinus. Er hat auch vorgelesen.

Gottlieb. Nun so lies auch vor, das ist der kürzeste Weg. – Hier, mein Sohn, hab' ich einen fremden Doktor mitgebracht; nun, ich denke, es soll denn doch bald besser mit dir werden.

Fremder Doktor. Ihren Puls, mein Prinz. – Schlimm, sehr schlimm, – es kann alles noch gut werden, – ei! ei! – so schlimm hätt' ich's mir nicht gedacht. – Nun, es hat bei alledem nicht viel zu bedeuten.

Arzt. Der Prinz hält keine Diät.

Fremder Doktor. Das hat er auch eben gar nicht nöthig. Sie haben einen ganz falschen Weg in der Kur eingeschlagen.

Arzt. Ich habe ihn zur Vernunft zurückbringen wollen, und deshalb, mein König, trage ich darauf an, daß der Hofrath von ihm entfernt werde, denn der erhitzt seine Phantasie immer mehr.

Fremder Doktor. Gerade umgekehrt, denn seine Phantasie soll und muß erhitzt werden; man muß der Natur, die sich zur Tollheit neigt, nachhelfen, damit die Materia peccans zum Durchbruche komme. Gesundheit und Verstand sind nichts, als das Gleichgewicht im Körper und in der Seele; man muß das Uebel austoben lassen, so stellt sich das Gleichgewicht von selbst wieder her. Darum sollen der Herr Hofrath Ihre Gesellschaft bleiben, mein Prinz, und die übrigen vernünftigen Leute sich von Ihnen entfernen.

Gottlieb. So wollen wir denn also gehn.

Fremder Doktor. Und geniren Sie sich nur nicht, mein Prinz, wenn Sie den Anfall kriegen, denn da hilft doch kein Sperren; sein Sie nicht zu sparsam mit Rasen, denn es kann nun doch nicht anders werden, und Sie Herr Hofrath, – nur immer zugeschürt und nachgeschoben – darum bitte ich inständigst. –

Gottlieb, Fremder Doktor, Arzt und Leander ab.

Zerbino. Aber sind wir denn wirklich toll?

Hanswurst. Man sagt es doch allgemein, es muß also wohl etwas dran sein.

Zerbino. Ich wünsche mir also keine Vernunft, denn ich befinde mich sehr wohl.

Hanswurst. Wer's besser haben will, als gut, dem geht es oft um so schlimmer.

Hinze von Hinzenfeld.

Hinze. Guten Morgen, mein Prinz, – es thut mir sehr leid, – ach! Herr Hofrath!

Zerbino. Ist morgen Ihre gelehrte Gesellschaft versammelt?

Hinze. Ja, mein Prinz, es geschieht immer bei Licht. – Sie kommen doch, Hofrath?

Hanswurst. Gewiß.

Hinze. Adieu mein Prinz, – ich muß zum Könige. – Ab.

Hanswurst. Thut der ehemalige Kater nicht recht vornehm?

Zerbino. Das lernt sich eben so schnell, als Mäusefangen, es liegt uns in der Natur. Er ist bei alle dem immer ein würdiger alter Mann. – Komm, wir wollen in den Garten spazieren gehn. – Sie gehn ab.

Selinus. So ein fremder Doktor ist doch gleich ein ganz andres Wesen.

Sicamber. Ja wohl, man weiß nicht recht wo er her ist, –

Curio. Man kennt seine Frau und Kinder nicht, man weiß nicht, wie viel Geld er verzehrt, man hat gleich mehr Zutrauen zu ihm.

Selinus. Wollen wir nicht dem Prinzen folgen? Sie gehn.

 


 

Freie Landschaft, mit einem kleinen Landhause.

Dorus allein.
So leb' ich hier in ewig gleicher Ruhe
Den einen Tag so wie den andern fort.
Fern ab vom weltlichen Getümmel schleichen
Mir Wochen, Monden, Jahre sanft dahin.
Kein Wunsch stört hier mein Leben, alle Sträucher,
Die Bäume und die Blumen meines Gartens
Sind mir befreundet, alles kenn' ich, alles
Ist von mir selbst gepflanzt, mit Vaterhand
Gepflegt, und dankt im Herbst mit Früchten.
Die Sehnsucht zieht mich nicht nach fremder Gegend,
Es wird die Heimath uns im Alter theuer.
Mein Weib ist todt, in jeder Woche einmal
Bet' ich auf ihrem Grabe, denke zärtlich
Der schönen, schnell verschwundnen Zeit. –
Die Tochter blieb mir an der Mutter Statt,
Und warlich, Gott hat viel für mich gethan.
Ihr Wesen ruft mit jedem Tage mehr
Der Gattin Bild in meinem Sinn hervor.
Wenn sie die Blumen tränkt, den Weinstock schneidet,
Das Mahl bereitet, oder sonst geschäftig ist,
So möcht' ich manchmal wie vom Schlaf erwachen
Und sie Kamilla nennen, das und jenes
Sie fragen, was ich mit der Gattin sprach. –
Da kömmt sie, schlank und leicht, dem Rehe gleich.

Lila kömmt.

Lila. Wie gehts Dir, Vater? bist Du wohl?

Dorus. O ja, mein Kind; warum?

Lila. Mich dünkt, Dein Aug'
War traurig, als ich zu Dir trat. Doch nein,
Da scheint das liebe Lächeln durch die Mienen,
Das Dir so gut, so herzlich liebreich steht.
Das Obst wird reif und ein'ge Rosenstöcke
Sind noch in voller Blüthe, hohe Malven
Stehn prächtig da mit ihrer rothen Gluth.
Ach! kömmt der Frühling denn bald wieder, Vater?

Dorus. Laß doch das gute Jahr zur Ruhe kommen;
Du freust Dich auf den Abend, bist Du müde,
Gönn' auch der Zeit den stillen ruh'gen Abend.
Wär immer Frühling, könntest Du nicht hoffen,
Nicht sehnsuchtheiß das Blumenfeld besuchen
Und jeden grünen Schößling fragen:
Ob er nicht bald das bunte Kind gebähre?

Lila. Wenn's sein muß, will ich gern mich drein ergeben;
Wie munter wechselt doch dies schöne Leben!
Noch gestern stand ich auf des Frühlings Schwelle,
Heut ist der Herbst schon auf derselben Stelle;
Seit lange hab' ich Abschied schon genommen,
Wird denn mein Freund nicht bald zurückekommen?

Dorus. Seit wen'gen Tagen hat er Dir die Hand gegeben,
Dir eilt und schleicht zugleich das jugendliche Leben.
Vor dreißig Tagen noch stand er auf dieser Schwelle,
Bald küßt er liebevoll Dich auf derselben Stelle:
Dein halbes Leben hat er mit sich fortgenommen,
Damit Du gänzlich lebst, muß er bald wiederkommen.
Doch wie ist's möglich, meine liebste Tochter?
Von ihm dünkt Dich der Abschied schon so lang,
Doch sagtest Du, der Frühling sei so schnell
Im Umsehn Dir entflohn, als wie seit gestern,
Und doch half er im Frühling alle Blumen
So sorglich Dir an ihre Stöcke binden.

Lila. Wenn ich's Dir sagen soll, – ich kann es nicht, –
Ich weiß genau, da wo er ging und stand,
Wo wir und was wir dann zusammen sprachen,
Auch seh' ich ihn an jedem Baume ruhn. –
Und doch verläßt mich manchmal der Gedanke
An ihn so sehr, daß ich im Innern mich
Entsetze, Bangigkeit mich hart ergreift,
Als liebt' ich ihn aus voller Seele nicht. –
Oft treff' ich in dem Buchenhain die Lieder,
Die er dort sang, sie hängen in den Blättern
Und sumsen Bienen gleich auf mich herab,
Dann wein' ich oft und fühle seine Küsse,
Doch oft such' ich dem trüben Angedenken
Mit aller Eile zu entfliehn, das dann
Die Arme greulich hastig nach mir reckt. –
O sage mir, wie ist das, lieber Vater?

Dorus. Du liebst, mein Kind, und mehr kann ich nicht sagen,
Die Liebe hält das Herz in tausend Banden,
Auch wenn das Herz sich ganz befreiet wähnt.
Die Luft, die Liebe athmet, ist Erinnrung,
Was Liebe denkt, ist nur Erinnerung,
Auch wenn sie nicht an den Geliebten denkt.
Kein Schimmer fließt vom Himmel nieder, spielt
In Wolkenbildern, leuchtet durch den Hain,
Sie sieht in steter liebevoller Täuschung
Das Eine Bild durch Luft und Waldung schweben,
Kein Ton berührt so leise das Gehör,
So wacht die eingeschlafne Harmonie
Im Ohre auf und dehnt die goldnen Flügel,
Da klingen Worte des Geliebten wieder,
Da irren Klänge wie aus ferner Gegend
So müde und so heiter doch herbei.
Kein Element gehört sich selber an,
Sie sind nur Sklaven des verliebten Sinns,
Und spiegeln oder tönen Liebe wieder.
Manchmal besinnt sich die Vernunft und fragt:
Warum denn alles in dem Einen Bilde,
Warum denn nichts in andern Freuden finden?
Warum soll ich dem Fremden ganz gehören
Und nicht das lieblich reine Dasein sanft
Mir selbst genießen? von der schönen Herrschaft
Strebt die gebundne Seele sich zu lösen,
Sich selbst wünscht man nach langer Zeit zu fühlen,
Und fühlt wie Liebe nicht vom Herzen läßt,
Wie beide so in eins verwachsen sind,
Daß man nicht sagen kann: dies Leben ist
Das Deine, hier beginnt das meinige.

Lila. O Vater, wer hat Dir denn das gelehrt?

Dorus. Ach Kind, Du bist die Tochter Deiner Mutter,
Sie liebte mich, wie Du den Kleon liebst,
Dies Auge, – diese Stirn, – Du bist ihr Bild.

Lila. Und Kleon wird so alt wie Du, mein Vater?

Dorus. Ja –

Lila. Nein, das soll er nicht; o lieber Himmel,
Soll Kleon einst ein graues Haupt bekommen,
Sein schönes muntres Auge so erlöschen,
O Himmel, nein, ich weinte mich zu Tode.

Dorus. Hast Du den jungen Apfelbaum gestützt?

Lila. O ja. – Und Kleons Wangen und die Lippen
Die schönen Lippen, diese süße Röthe,
Sie würde einst so winterlich erblassen? –
Nein, lieber will ich vor dem Tage sterben.

Dorus. Ich muß die kleine Heerde jetzt besuchen,
Bewahr das Haus, ich komme bald zurück. Geht.

Lila. Mein Vater spricht zuweilen fabelweise
Und meint es nicht so ernst. Er ist schon alt,
Er will mir gut, doch weiß er nichts von Liebe. –
Ach Kleon! denkst Du jetzt vielleicht an mich?
Siebst Du zurück, wie ich nach jenen Bergen
Das Auge wende, aus dem blauen Nebel
Dich mühsam suche, Deinem Schatten folge. –
            Süße Laute! –
Kannst Du die Lieder noch, die er Dich lehrte?

Sie spielt.

    Wandert mein Gedanke aufwärts, abwärts,
        Durch den Wald wohl in die weite, weite Fern,
    Sieht mein Auge, sieht mein liebend treu Herz
        Schönres nichts, als meiner Liebe Stern.
    Ueber alle Berge, über Seen,
        Flieg' ich herzhaft, wenn ich sonst auch furchtsam bin,
    Ach! es haucht mich fort der Liebe Wehen,
        Und bezwungen ist mein schwacher Mädchensinn.
    Einsam könnt' ich ihn in Wäldern fliehen,
        Suchen bis zur tiefsten fernsten Dunkelheit,
    Fürchten Tannen nicht, nicht finstre Buchen,
        Wenn auch aus dem Holz die dumpfe Eule schreit.
            Ach wieder den liebenden Armen
            Am Busen froh zu erwarmen,
            Kehr frühlingsgleich der Braut zurück!
                                      Zurück,
            Lock' ich mit liebenden Tönen mein Glück.
                              Aber es hört nicht,
                              Aber es kehrt nicht.
            Denn zwischen uns liegt Berg und Thal,
                              Berg und Thal
                              Mir zur Quaal,
            Sie trennen Herz und Busen zumal. –

Die Laute ist verstimmt, der Abend naht,
Die Schaafe blöken schon vom nahen Berg,
Ich will die Milch bereiten, daß der Vater
Schon alles finde, wenn er wieder kömmt. Geht.

 


 

Der Jäger als Chorus.

Nun wendet Euch vom Liede rasch zurück
Und denkt der wichtigen Begebenheiten
Am Hofe wieder, wie der ganze Staat
Nur auf den unglückselgen Prinzen sieht,
Und jeder gerne riethe, gerne hülfe,
Wenn Rath und Hülfe nur was helfen wollte.
Ich denke, Euer Aug' ist nicht von Lila
So sehr bezaubert, daß Ihr ungern jetzt
Von süßer Liebe zu erhabnern Bildern
Euch wendet, – alles ist vergänglich, Freunde.
                    Der Winter naht,
                        Der Sommer flieht,
                        Die Schwalbe zieht
                    Und Eis bedeckt den Blumenpfad.
                    So das Gedicht,
                        Wenns Kräfte hat,
                        Und wird dann matt,
                    Verwundert Euch desselben nicht. – Geht ab.

 


 

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