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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Viertes Kapitel.
Die Irrsale des Prinzen beginnen.

Stundenlang verfolgte die hartnäckige Menge den kleinen Prinzen. Solange er sich wehrte und raste und drohte und in herrischem Tone befehlen wollte, bot er dem Pöbel unerschöpflichen Anlaß zu Spott und Gelächter und war daher sehr unterhaltend. Mit der Zeit aber wurde er müde und still und verlor somit auch seine Anziehungskraft für die Menge, die allmählich von ihm abließ. Endlich fand er sich allein und frei, aber die Gegend um ihn herum war ihm gänzlich unbekannt. Ziellos ging er weiter. Die Häuser wurden immer spärlicher und die Vorübergehenden seltener. Er badete seine blutenden Füße in einem Bache, ruhte eine kurze Weile und wanderte weiter. So kam er auf einen großen Platz, worauf nur wenige vereinzelte Häuser und eine mächtige Kirche standen. Diese Kirche war ihm bekannt. Hohe Gerüste waren aufgerichtet und Schwärme von Arbeitern hantierten herum, denn die Kirche sollte ausgebessert werden. Der Prinz faßte wieder Mut; seine Leiden mußten ja nun zu Ende sein. Er sagte sich: »Das ist doch die frühere Kirche der grauen Mönche Den Grund und Boden, worauf das Kloster der Grauen Mönche stand, schenkte Heinrich der Gemeinde London, welche dort eine Heimstätte für obdachlose, verwahrloste Knaben und Mädchen schuf., die der König, mein Vater, den Mönchen genommen und zu einem Heim für arme, verlassene Kinder gemacht hat. Christuskirche, glaube ich, heißt sie jetzt. Gewiß werden die, an denen mein Vater so edelmütig gehandelt hat, gerne seinem Sohne behilflich sein, zumal dieser nun selbst so arm und verlassen ist, wie nur je einer, der hier Obdach findet.«

Bald stand er mitten unter einer Menge von Jungen, die herumliefen, hüpften, Ball und Laubfrosch spielten und großen Lärm vollführten. Alle waren gleich gekleidet. Jeder trug eine ganz kleine, flache, schwarze Mütze auf dem Kopfe, scheinbar mehr zur Zierde als zum Schutz. Darunter hing das Haar ungescheitelt bis auf die Mitte der Stirn herab, wo es ringsum abgestutzt war. Ein dicht anschließendes Obergewand fiel bis auf die Kniee oder noch tiefer herunter. Die Beine umhüllten hellgelbe Strümpfe, die ob dem Knie zusammengehalten wurden. Der Fuß stak in niedrigen Schuhen mit großen metallenen Schnallen. Die Hüfte umschloß ein breiter roter Gürtel, und die Ärmel waren weit und lose. Schön konnte man das Ganze kaum nennen.

Die Jungen hielten in ihrem Spiel inne und scharten sich um den Prinzen, der mit angeborener Würde sagte: »Gute Burschen, meldet eurem Meister, Eduard, der Kronprinz, wünsche ihn zu sprechen.«

Ein großes Geschrei erhob sich bei diesen Worten, und ein roher Bursche rief: »Bist du etwa der Bote Seiner Gnaden, du lumpiger Schlingel?«

Alles Blut schoß dem Prinzen ins Gesicht, und seine Hand fuhr rasch an die Hüfte.

Ein lautes Gelächter entstand, und ein Junge sagte: »Habt ihr gesehen? Er glaubt, er trage einen Degen an der Seite. Vielleicht ist er der Prinz selbst.«

Dieser Ausfall reizte noch mehr zum Lachen. Der arme Eduard richtete sich stolz auf und sagte: »Ich bin der Prinz, und es steht euch schlecht an, mir so zu begegnen, da ihr doch von der Güte meines Vaters lebt.«

Homerisches Gelächter belohnte diesen vermeintlichen Scherz. Der Junge, welcher zuerst gesprochen hatte, rief seinen Kameraden zu:

»Heda, ihr Schweine, ihr Sklaven, ihr Pensionäre seines königlichen Vaters, sind das eure Sitten! Nieder auf eure Kniee, ihr alle, und erweist seiner königlichen Haltung und seinen königlichen Lumpen Ehrerbietung!«

Mit stürmischem Jubel fielen alle zusammen auf die Kniee und verbeugten sich spöttisch vor ihrem Opfer. Der Prinz stieß den Sprecher mit dem Fuß an und sagte zornig: »Nimm das vorläufig; morgen werde ich einen Galgen für dich errichten lassen.«

Ah! das war schon kein Scherz mehr, das ging über den Spaß hinaus. Das Lachen hörte sofort auf, und wilde Wut ergriff die Burschen. Alle schrieen durcheinander: »Jagt ihn fort! Zur Pferdeschwemme mit ihm! Schlagt ihn tot! Wo sind die Hunde? Heda, Pluto! Hierher, Wolf!«

Dann folgte etwas, was England noch nicht erlebt hatte. Die heilige Person seines Thronerben wurde von Pöbelhänden gepufft und mit Hunden gehetzt ...

Als endlich der Tag zu Ende ging, war der Prinz fern von der Stätte seiner Demütigung in einem dicht bebauten Teile der Stadt. Sein Körper war zerschlagen, seine Hände bluteten und seine Lumpen waren mit Schlamm beschmiert. Weiter und weiter wanderte er. Immer elender ward ihm zu Mute, und so müde und schwach war er schon, daß er kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Er fragte niemand mehr, da er statt Auskunft und Hilfe doch nur Beleidigungen als Antwort bekam. Ein anderer Gedanke war in ihm aufgestiegen. »Unrathof«, murmelte er vor sich hin, »so sagte er doch. Wenn ich ihn nur auffinde, bevor es mit meiner Kraft zur Neige geht, dann bin ich gerettet. Seine Angehörigen werden mich in den Palast zurückbringen und beweisen, daß ich der wahre Prinz bin, und alles wird wieder gut sein.«

Dann und wann kehrten seine Gedanken wieder an den Ort zurück, wo man ihn so schmählich behandelt hatte, und er sprach bei sich: »Wenn ich König bin, sollen sie nicht nur Brot und Obdach haben, sondern auch Belehrung und Erziehung, denn ein voller Magen taugt wenig, wenn der Geist hungert und das Herz. Ich will daran denken, damit die Lehre dieses Tages an mir nicht verloren gehe und mein Volk darunter leide. Ja, mein Hofmeister hat recht: Bildung mildert die Sitten und macht sanft und mitleidig.«

Schon begannen vereinzelte Lichter zu flimmern; es fing an zu regnen, der Wind erhob sich, und eine rauhe, stürmische Nacht brach herein. Der obdachlose Prinz, der heimatlose Erbe des englischen Thrones wanderte immer noch weiter, tiefer hinein in das Labyrinth der schmutzigen Gäßchen, wo die schwärmenden Bienenstöcke der Armut und des Elendes sich zusammendrängten.

Plötzlich packte ihn ein langer, betrunkener Kerl beim Kragen und schrie ihn an: »Was! so spät in der Nacht lungerst du noch umher und bringst gewiß wieder keinen Heller nach Hause, ich wette. Wenn es so ist und ich breche dir nicht alle Knochen in deinem elenden Leibe, so will ich nicht Johann Canty sein!«

Der Prinz machte sich frei und rief eifrig: »O du bist also sein Vater? Dem Himmel sei Dank! Dann wirst du ihn holen und mich zurückbringen!«

»Sein Vater? Ich weiß nicht, was du meinst. Ich weiß nur, daß ich dein Vater bin, was ich dir bald beweisen ...«

»O scherze nicht, zögere nicht! Ich bin zerschlagen, verwundet, ich kann nicht mehr. Bringe mich zum König, meinem Vater und er wird dich reich machen, so reich, wie du in deinen kühnsten Träumen nicht warst! Glaube mir, Mann, glaube mir! ich sage keine Lüge, sondern die reine Wahrheit! Nimm deine Hand von mir weg und rette mich; Ich bin wirklich der Kronprinz!«

Der Mann starrte verdutzt auf den Burschen, dann schüttelte er den Kopf und murmelte: »Verrückt geworden, ganz und gar verrückt!« Dann faßte er ihn nochmals am Kragen und sagte mit rohem Lachen und einem wilden Fluche: »Aber verrückt oder nicht verrückt, ich und deine Großmutter Canty, wir werden schon noch herausfinden, wo die weichen Stellen in deinen Gebeinen liegen, oder ich will kein Mann sein!«

Mit diesen Worten schleppte er den verzweifelt sich wehrenden Prinzen hinweg und verschwand in einer Seitengasse. Hinter ihm aber folgte lachend und lärmend ein Schwarm Janhagel, neugierig auf den weiteren Verlauf des Schauspiels.

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