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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Zweites Kapitel.
Wie Tom seine Kindesjahre verlebte.

Eine Reihe von Jahren ist seither vergangen. London war fünfzehnhundert Jahre alt und nach damaligen Begriffen eine große Stadt. Sie zählte hunderttausend Einwohner oder mehr. Die Straßen waren noch sehr eng und krumm und schmutzig, besonders dort, wo Tom Canty wohnte, unweit der Londoner Brücke. Die Häuser waren aus Holz gebaut. Das zweite Stockwerk ragte über das erste vor, und das dritte streckte die Elbogen über das zweite hinaus. Die Balken waren rot oder blau oder schwarz bemalt, je nach dem Geschmack des Eigentümers, was den Häusern ein sehr malerisches Aussehen gab. Die Fenster waren klein, mit Butzenscheiben, und öffneten sich nach außen.

Das Haus, worin Toms Eltern lebten, lag in einer kleinen schmutzigen Sackgasse, die Unrathof hieß und beim Puddinggäßchen einmündete. Es war klein, verfallen und wackelig, aber vollgepfropft mit elendarmen Familien. Cantys Stamm bewohnte eine Kammer im dritten Stock. Mutter und Vater besaßen eine Art Bettstelle in der Ecke. Tom aber, seine Großmutter und seine beiden Schwestern Netty und Betty waren auf keine Ecke beschränkt, denn sie hatten den ganzen Fußboden für sich und konnten darauf überall schlafen, wo sie wollten. Einige Bündel altes, schmutziges Stroh lagen umher, und ein paar Fetzen von Decken waren auch noch da. Betten konnte man sie aber doch nicht gut nennen. Sie wurden jeweilen des Morgens in einen Haufen zusammengeworfen, und abends nahm jeder das beste davon, das ihm in die Hände fiel.

Netty und Betty waren Zwillinge von fünfzehn Jahren. Es waren gutmütige Mädchen, aber unsauber, zerlumpt und unwissend. Ihre Mutter war auch nicht anders, aber der Vater und die Großmutter waren sehr bösartig. Sie betranken sich, so oft sie konnten und dann prügelten sie einander, wenn ihnen nicht sonst jemand in den Weg kam, an dem sie gemeinsam ihre Fäuste erproben durften. Sie fluchten und schworen immer, ob sie nüchtern oder betrunken waren. Johann Canty war ein Dieb und seine Mutter eine Bettlerin. Aus den Kindern machten sie gleichfalls Bettler, aber zum Diebstahl waren sie nicht zu haben.

Mitten unter dem schrecklichen Gesindel im Hause lebte auch ein guter alter Priester, den der König seines Amtes entsetzt und mit wenigen Hellern Pension entlassen hatte. Dieser pflegte die Kinder beiseite zu nehmen und sie insgeheim rechte Wege zu lehren. So lernte Tom bei Vater Andreas sogar Latein und lesen und schreiben. Auch seine Schwestern hätten bei dem guten alten Manne lernen können, aber sie scheuten das Gelächter und den Spott ihrer Gefährtinnen, welche eine solche merkwürdige Vervollkommnung an ihnen nicht geduldet hätten.

Der ganze Unrathof war ein ebensolcher Ameisenhaufen wie Cantys Wohnhaus. Trunkenheit, Händel und Zank waren hier alltägliche und allnächtliche Dinge. Und doch fühlte sich der kleine Tom nicht unglücklich. Er hatte ein elendes Leben, aber er wußte es nicht, weil er nie ein besseres gekannt hatte. Alle Jungen im Unrathof teilten sein Schicksal. Daher glaubte er, dieses Leben sei das richtige und bequemste. Kam er abends mit leeren Händen nach Hause, so wußte er, daß sein Vater fluchen und ihn durchdreschen würde. War der Vater müde, so kam die Großmutter, fluchte auch und drosch ihn noch einmal durch, und sie verstand das beinah noch besser als ihr Sohn. In der Nacht aber, wenn alle schliefen, kam jeweilen seine hungernde Mutter mit einer elenden Krume Brot, die sie am eigenen Munde abgespart hatte, verstohlen zu ihm geschlichen. Oft aber wurde sie bei dieser Art Verrat von ihrem Manne ertappt und erbärmlich durchgebleut.

Tom beklagte sich also weiter nicht, im Sommer ging es auch ganz erträglich. Er bettelte nur gerade soviel, um sich vor den häuslichen Prügeln zu retten, denn die Gesetze gegen die Bettelei waren streng und die Strafen schwer. Einen guten Teil seiner Zeit verbrachte er bei Vater Andreas, der ihm herrliche alte Geschichten von Riesen und Feen, Zwergen und Elfen, verzauberten Schlössern, mächtigen Königen und schmucken Prinzen erzählte.

Mit der Zeit wurde sein Kopf ganz voll von diesen wunderbaren Dingen. Gar oft in der Nacht, wenn er im Dunkel auf seinem elenden, rauhen Stroh lag, müde, hungrig und mit zerschlagenen Gliedern, ließ er seiner Phantasie freien Spielraum. Dann vergaß er bald seine Schmerzen und Leiden über den köstlichen Bildern, die er sich selbst vorzauberte von dem reizenden Leben eines verhätschelten Prinzen in seinem Königspalast. Ein Wunsch kam immer wieder und plagte ihn Tag und Nacht: wenn er nur einmal, mit eigenen Augen, einen wirklichen Prinzen sehen könnte! Er sprach einmal davon zu seinen Kameraden im Unrathof. Diese aber lachten ihn aus und verhöhnten ihn so unbarmherzig, daß er fortan froh war, seine Träume für sich allein behalten zu können.

Aber immer wieder las er in den alten Büchern des Priesters. So kam es, daß sein Träumen und sein Lesen beinahe unmerkbar gewisse Veränderungen in ihm bewirkten. Seine Traumgestalten waren so schön, daß er anfing, seine schäbige Kleidung und sein schmutziges Aussehen zu beklagen. Zwar spielte er weiter mit seinen Kameraden im Straßenstaube und freute sich daran. Aber wenn er in der Themse herumplätscherte, so tat er es nicht mehr des bloßen Vergnügens halber, sondern auch, um sich und seine Lumpen zu reinigen.

Wachend und träumend beschäftigte er sich so stark mit seinem ersehnten Prinzen, daß er endlich unbewußt anfing, das Benehmen desselben, so wie er es in den Büchern geschildert fand, nachzuahmen. Seine Reden und seine Gebärden wurden merkwürdig zeremoniell und höflich, zur großen Verwunderung und Belustigung seiner Kameraden.

Sein Einfluß auf die anderen Jungen aber wuchs täglich. Schließlich schaute man zu ihm, wie zu einer Art höheren Wesens auf. Er schien aber auch soviel zu wissen! Ganz wunderbare Dinge konnte er erzählen. Die Jungen hinterbrachten es ihren Eltern, und bald fingen auch die Erwachsenen an, Tom mit anderen Augen anzusehen und ihn als ein höchst begabtes, außergewöhnliches Geschöpf zu betrachten. Seine Antworten waren so klug und sein Urteil so verständig! Nur seine eigene Familie merkte nichts von den Veränderungen, die in Tom vorgingen.

Insgeheim gründete Tom sogar einen Hofstaat. Er war der Prinz. Aus seinen besseren Kameraden bildete er Leibwachen, Kammerherren, Marschälle, Hofbeamte aller Art, sowie die Königliche Familie.

Täglich gab er unter ausgesuchten Zeremonien Audienz und besprach mit seinen Kabinettsräten die wichtigen Angelegenheiten seines Phantasiereiches. Täglich erließ er Verordnungen und Befehle an seine erdichtete Armee, seine Marine und seine Statthalter.

Nach Erledigung dieser Geschäfte ging er in seinen Lumpen wieder auf die Straße, erbettelte ein paar Heller, aß seine armselige Krume Brot, nahm die gewohnten Püffe und Schläge entgegen und streckte sich schließlich auf seine Handvoll elende Streue, wo ihn die Träume bald wieder in sein Königreich entführten. Aber der Wunsch, einmal einen wirklichen Prinzen von Fleisch und Blut zu sehen, wurde immer lebendiger in ihm, bis er zuletzt alle anderen Wünsche übertäubte und beinahe zur Leidenschaft wurde.

An einem Januartage machte er seine gewohnte Bettelstreife und trottelte dahin, barfuß und frierend. Begierig sog er den aus den Garküchen strömenden Duft ein und schaute mit sehnsüchtigem Verlangen nach den Leckerbissen in den Auslagen. Ein feiner, kalter Regen durchdrang seine Kleider, die Luft war trübe; es war ein melancholischer Tag.

Nachts kam Tom so naß und müde und hungerig nach Hause, daß sein Vater und seine Großmutter nach ihrer Weise gerührt sein mußten. Sie gaben ihm denn auch gleich eine tüchtige Tracht Prügel und hießen ihn schlafen.

Hunger und Schmerz und das Fluchen und Zanken seiner Quälgeister hielten ihn noch lange wach. Zuletzt aber schwanden seine Gedanken wieder sachte hinweg in ferne, romantische Länder, und er schlief ein in Gesellschaft schöner, juwelengeschmückter Prinzen in einem prächtigen Palast, umgeben von goldstrotzenden Dienern, die seinen Schlaf bewachten. Und dann träumte er, wie gewohnt, er sei selbst ein Prinz.

Die ganze Nacht erglänzte die Sonne der königlichen Pracht über ihm. Er bewegte sich unter großen Herren und Damen, in blendendem Schimmer, atmete Wohlgerüche, sog die herrliche Musik ein und dankte mit leichtem Neigen der ehrerbietig sich verbeugenden Menge, die sich teilte, um ihn durchzulassen.

Doch als er des Morgens erwachte und das alte Elend um sich sah, ließ ihn sein Traum, wie gewöhnlich, den Schmutz seiner Umgebung tausendmal ekelhafter und unerträglicher erscheinen. Bitterkeit überkam ihn und er schluchzte, als wollte ihm sein Herz brechen.

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