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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 33
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Einunddreißigstes Kapitel.
Wie Tom von seiner Mutter erkannt wird.

Als Tom Canty am nächsten Morgen erwachte, drangen vieltausendstimmige Hochrufe an sein Ohr. Schwarz wimmelte es vor den Toren des Palastes, soweit das Auge blickte und immer von neuem erbrausten die Huldigungsrufe.

Nicht lange hernach befand sich Tom noch einmal als der gefeierte Tagesheld in herrlichem Geleite auf der Themse. Nach altem Brauche mußte der Königszug vom Turme ausgehen, wohin die Flottille nun steuerte.

Als der Zug dort anlangte, flammte es plötzlich auf der alten Feste an tausend Stellen zugleich auf. Eine betäubende Explosion erdröhnte, daß der Boden weithin zitterte und der ganze Turm zu bersten schien. Und immer und immer wieder donnerten die Feuerschlünde, daß bald das ganze Gebäude in Rauch verhüllt war. Nur die höchste Spitze, der sogenannte Weiße Turm, auf dem unzählige Banner im Winde flatterten, ragte noch sichtbar empor, wie ein hoher Bergesgipfel über dichten Wolkenzügen.

Tom Canty bestieg, in kostbare Gewänder gehüllt, ein edles Prunkpferd, von dem Golddecken beinahe bis auf den Boden hinunterfielen. Toms »Onkel«, der Lord Protektor Somerset, ritt unmittelbar hinter ihm. Die königlichen Wachen in glänzender Rüstung bildeten zu beiden Seiten der Straße Spalier.

Nach dem Protektor folgte ein unabsehbarer Zug von Großen des Reiches mit ihren Vasallen. Ihnen zunächst kamen der Lord Mayor und die Ratsherren in roten Samtgewändern und goldenen Kreuzen auf der Brust. Daran schlossen sich die Vorstände und Mitglieder der einzelnen Zünfte und Innungen mit reichgestickten wogenden Bannern. Als besondere Ehrenwache marschierte auch die altehrwürdige Artilleriegesellschaft im Zuge einher. Sie war zu jener Zeit schon 300 Jahre alt und die einzige militärische Verbindung in England, die, wie auch heute noch, vom Parlament unabhängig war. Es war ein wunderbar schönes Schauspiel, das überall, wo es sich zeigte, begeisterte Jubelrufe weckte.

Als der Zug in die Altstadt kam, empfing Tom ein wahrer Sturm von Willkommsrufen, die ohne allen Zweifel aus aufrichtigem Herzen kamen. Der überglückliche Scheinkönig dankte mit lächelnder Miene und freundlichen Worten. Das Volk war entzückt über die große Herablassung und Güte seines neuen Herrschers.

Am Eingang in eine Hauptstraße begrüßte ein schönes Kind von einer Tribüne herab den jugendlichen Fürsten in einem schwungvollen Gedicht, dessen letzter Vers lautete:

»Willkommen, o König, heißt dich des Volkes Herz!
Willkommen dir bietet die Zunge hell und klar!
Die Hände sich heben, die Herzen himmelwärts:
Mög Gott dich erhalten so glücklich immerdar!«

Ein brausendes, jauchzendes Hurra erscholl, in welchem alles bestätigt lag, was das Kind gesagt hatte. Tom Canty überblickte wonnetrunken die zahllose Menge. Das Schönste auf Erden, schien ihm, sei: König zu sein und der Abgott des Volkes.

Plötzlich bemerkte er zwei von seinen früheren Kameraden vom Unrathof. Der eine von ihnen war einst sein Großadmiral und der andere sein Oberkämmerer gewesen. O wenn sie ihn jetzt erkennen möchten! Welch unsagbares Erstaunen würde sich ihrer bemächtigen. Beinahe hätte er alle Huldigung des Volkes dahingegeben um den einen Triumph, den Anblick der vor Verwunderung erstarrten Gesichter seiner einstigen Spielgefährten. Aber er mußte sich bezähmen und verleugnen, denn es lag doch zuviel auf dem Spiele. Er wandte also das Gesicht ab und ließ die beiden Burschen weiter jauchzen und jubeln.

Alle paar Augenblicke erhob sich der Ruf: »Eine Gabe, eine Gabe!« Dann warf Tom jedesmal eine Handvoll neugeprägter, glänzender Münzen unter die Menge.

Am oberen Ende der Gnadenkirchstraße hatte man einen mächtigen Triumphbogen und darunter eine Bühne errichtet, so breit wie die ganze Straße. Auf der Bühne bot sich den Blicken ein historisches lebendes Bild, welches die unmittelbaren Ahnen des Königs darstellte. Da saß Elisabeth von York inmitten einer ungeheueren weißen Rose, deren Blätter künstliche Falbeln an ihrem Kleide bildeten. Neben ihr entstieg Heinrich der Siebente einer mächtigen roten Rose. Die Hände des königlichen Paares lagen ineinander und der Hochzeitsring zeigte sich geflissentlich recht deutlich. Von den beiden Rosen ging ein Stamm aus und reckte sich hinauf bis zu einer Empore, wo wieder eine weiße und eine rote Rose entsproßten, aus denen sich Heinrich der Achte zu erheben schien. An ihn aber lehnte sich Johanna Seymour, die Mutter des neuen Königs. Von diesem Paar ging der Stamm höher hinauf zu einer weiteren Empore. Hier war Eduard der Sechste selbst, in königlicher Majestät thronend, dargestellt.

Das ganze Bild gefiel dem Volke so sehr, daß der laute Beifall die dünne Stimme des Kindes nicht durchdringen ließ, das in wohlklingenden Versen die Darstellung erklären wollte. Aber Tom bedauerte es nicht; dieser wilde Lärm war ihm sichere Musik als jede Poesie. Wohin er auch sein jugendliches Gesicht wandte, erkannte das Volk sogleich eine sprechende Ähnlichkeit mit dem lebenden Bild und stürmische Hochrufe folgten dieser Erkenntnis.

Weiter und weiter bewegte sich der große Zug unter zahllosen Triumphbogen hindurch und an einer raschen Aufeinanderfolge von symbolischen Darstellungen vorbei. Von letzteren brachte jede irgend eine Tugend, ein Talent oder Verdienst des kleinen Herrschers zum Ausdruck. Von allen Häusern herab hingen Flaggen und Fahnen, herrliche Teppiche, kostbare Stoffe und golddurchwirkte Tuche.

»Und all diese wunderbaren Sachen sind für mich, für mich allein da!« murmelte Tom.

Die Wangen des Scheinkönigs röteten sich, seine Augen blitzten und er schwamm in einem Meer von Wonne. Aber mitten in diesem Entzücken, wie er eben eine Handvoll Geld ausstreuen wollte, erblickte er ein blasses, erstauntes Gesicht, das zwischen den Zuschauern hindurch sich nach ihm hinreckte und die Augen starr auf ihn heftete. Totenblässe befiel ihn: er hatte seine Mutter erkannt. Und auf flog seine Hand, wie schützend, vor die Augen, die innere Fläche nach außen: seine altgewohnte Gebärde des Schreckens. In der nächsten Minute hatte die Mutter sich durch die Menge Bahn gebrochen, zwischen den Wachen hindurchgezwängt und war zu ihrem Sohne hingestürzt. Sie umfaßte sein Bein, bedeckte es mit Küssen und rief:

»O mein Kind, mein Liebling!«

Dann schaute sie zu ihm auf mit einem Blick voll unendlicher Liebe und Freude. Aber sofort kam ein Offizier der königlichen Leibwache heran, riß sie fort und schleuderte sie weg, daß sie taumelnd in die Menge zurückflog.

»Ich kenne dich nicht, gute Frau!« war eben noch Toms Lippen entfahren. Aber es drang ihm tief ins Herz, als er sie so roh behandelt sah. Und wie sie sich noch einmal nach ihm umsah, mit dem todestraurigen Blick eines sterbenden Rehes, da überkam ihn ein Gefühl unsagbarer Scham. All sein Stolz, seine Freude waren dahin, verwelkt sein gestohlenes Königtum. So erbärmlich, so elend kam er sich vor, daß er am liebsten allen geborgten Flitter abgeworfen und seiner tief verwundeten Mutter in die Arme geeilt wäre.

Weiter bewegte sich der Zug. Aber Toms Augen waren glanzlos und sein Blick leer geworden. Unstät und gefühllos schweiften seine Augen über die ihm zujauchzende Menge hin. Er hörte und sah nichts mehr. Statt ihn zu erfreuen, ward ihm alles zum Vorwurf, zum Ekel. Sein Herz verzehrte sich durch Gewissensbisse. »Wollte Gott, ich wäre meiner Sklaverei ledig!« seufzte er. Damit war er unbewußt wieder in den Gedankengang der ersten Zeit seiner erzwungenen Größe zurückgekommen.

Wie eine glänzende, glitzernde Schlange wand sich der Zug durch die krummen Straßen der merkwürdigen alten Stadt. Mechanisch und gebeugten Hauptes ritt Tom dahin, immer nur das Bild seines armen lieben Mütterchens vor Augen.

»Eine Gabe, eine Gabe!« rief es von allen Seiten. Aber die Bitten verhallten unerhört.

»Lang lebe Eduard von England!« Donnernd brauste der Ruf durch die erschütterte Luft. Aber der König gab keine Antwort. Nur wie das Tosen einer Brandung aus weiter, weiter Ferne drang es an sein Ohr. Denn lauter als die Jubellaute des Volkes ertönte eine Stimme in seiner Brust und wiederholte die schmachvollen Worte: »Ich kenne dich nicht, Frau.« Unaufhörlich durchbebten ihn diese Worte und trafen seine Seele. So mag die Totenglocke ans Ohr eines Menschen dröhnen und ihn an einen geheimen Verrat erinnern, dem der eben verstorbene Freund zum Opfer fiel.

Bei jeder Biegung der Straße zeigten sich neue Wunder der Überraschung. Dazu blitzten und donnerten die Batterien, frohlockten die Scharen des Volkes und brachten Tom neue Huldigungen dar. Aber er beachtete es nicht und wenn er es einmal bemerkte, so ward es ihm nur zu erneuter Qual.

Angesichts dieser Haltung des Königs ernüchterte sich das Voll allmählich. Etwas wie Besorgnis und Angst machte sich in den Mienen der Zuschauer bemerkbar, und der Jubel begann zu erlahmen. Rasch wurde der Lord Protektor der veränderten Stimmung des Volkes gewahr, und ebenso rasch entdeckte er auch die Ursache. Er ritt vor an die Seite des Königs, verbeugte sich entblößten Hauptes und flüsterte Tom zu:

»Mein Fürst, ermuntert Euch. Das Voll stößt sich an Euerer gebeugten Haltung und Euerer bewölkten Miene und nimmt es als schlimme Vorbedeutung. Laßt Euch raten: verbannt diesen düsteren Traum und zeigt Euer strahlendes Lächeln wieder!«

Zugleich warf der Herzog links und rechts eine Handvoll Münzen unter das Volk und zog sich wieder an seinen Platz zurück. Mechanisch tat der König, wie ihm geheißen war. Aber sein Lächeln war nur matt und kaum bemerkbar; indes konnte das ja nur von den zunächst Stehenden beobachtet werden. Er nickte wieder anmutig und huldvoll mit dem Federhut und warf die Münzen mit königlicher Freigebigkeit hin. Bald schwand denn auch die Besorgnis des Volkes wieder und mächtig wie zuvor erschollen die jubelnden Hochrufe der treuen Untertanen.

Noch einmal indes, als sich der Zug schon seinem Ziele nahte, mußte der Herzog an Toms Seite reiten und ihm Vorstellungen machen:

»O gnädigster Herr, verscheucht doch diesen verhängnisvollen Trübsinn; die Augen der ganzen Welt sind auf Euch gerichtet!«

Dann fügte er ärgerlich hinzu: »Verwünscht, daß diese elende Bettlerin dazwischen kommen mußte! Sie war es doch, welche die Laune Euerer Königlichen Hoheit verdorben hat.«

Tom schaute den Herzog mit glanzlosen Augen an und sagte mit erloschener Stimme:

»Es war meine Mutter!«

»Mein Gott!« stöhnte der Protektor, während er sein Pferd zurücklenkte, »die üble Vorbedeutung hatte also doch recht: er ist wieder irrsinnig geworden!«

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