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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 31
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Neunundzwanzigstes Kapitel.
Wie die beiden Freunde sich nochmals verlieren.

Als Henden seine zwei Stunden abgebüßt hatte, wurde er freigelassen und erhielt die Weisung, aus der Gegend sofort zu verschwinden und sich nicht wieder blicken zu lassen. Sein Schwert erhielt er wieder, und auch die beiden Maulesel wurden ihm zurückgegeben. Er stieg auf und ritt mit dem König davon, während die Menge ihnen schweigend und achtungsvoll Platz machte.

Henden war in Gedanken versunken. Wohin sollte er sich wenden? Was war zu tun? Er mußte irgend einen mächtigen Helfer finden; soviel stand fest. Andernfalls war's um sein Hab und Gut geschehen und er blieb lebenslang ein Betrüger. Aber wo diese Hilfe finden: Das war eine verzwickte Frage. Einen schwachen Anhaltspunkt glaubte er zu haben. Hatte ihm doch der alte Andreas von der Herzensgüte des Königs und seinem Mitleid für die Unglücklichen erzählt. Warum sollte er nicht versuchen, zu ihm zu gelangen und ihn um Gerechtigkeit anflehen? Die Schwierigkeit war nur die: wie sollte ein so phantastisch gekleideter, herabgekommener Kriegsmann Zutritt in den Königspalast erhalten?

»Ach, was!« dachte er, »man muß erst über die Brücke, wenn man sie erreicht hat.« Er war ein alter Haudegen und oft genug in der Klemme gewesen. Ein Ausweg hatte sich aber doch immer wieder gefunden. Ja, er wollte vor allem nach der Hauptstadt. Vielleicht würde seines Vaters alter Freund, Herr Humfried Marlow, ihm Mittel und Wege finden, sein Ziel zu erreichen. Jetzt, da er wenigstens einen vorläufigen Zweck im Auge hatte, hob sich sein Mut wieder. Er blickte auf und sah sich um.

Wie weit sie gekommen waren! Das Dorf lag schon ganz in der Ferne. Der König trottete gemächlich hinter seinem Beschützer drein; auch er schien eifrig nachzudenken. Würde aber auch der Knabe gewillt sein, in die Stadt zurückzukehren, wo er offenbar soviel erduldet hatte? Er mußte sich auf alle Fälle Gewißheit darüber verschaffen. Der Ritter hielt also sein Tier an und rief:

»Ich habe ganz vergessen zu fragen, wohin Ihr reiten wollt. Was befehlt Ihr, mein Fürst?«

»Nach London!«

Verwundert, aber auch erfreut trieb Henden sein Grautier wieder an.

Die ganze Reise ging ohne nennenswerte Begegnung vor sich. Am 19. Februar um 10 Uhr nachts betraten sie wieder die Londoner Brücke und kamen mitten unter eine sich schiebende und drängende Masse von jauchzenden, jubelnden Leuten, deren bierfröhliche Gesichter im Schein der zahllosen Fackeln strahlten.

Plötzlich stürzte der vermodernde Schädel irgend eines früheren Herzogs oder sonstigen Großen des Reiches polternd von seinem hohen Sitz auf dem Torbogen herab. Er fiel Henden auf den Ellbogen und hüpfte zwischen die Füße der Umstehenden hinunter. So vergänglich ist Menschenwerk! Kaum lag der alte König im Grabe, so fielen auch schon die Zieraten, die er mit so vieler Mühe gesammelt und hier oben so hübsch aneinander gereiht hatte, in Trümmer.

Ein Bürger stolperte über diesen Schädel, wobei er mit seinem eigenen Kopfe seinem Vordermanne etwas heftig an die Rippen kam. Dieser wandte sich um und schlug den ersten besten nieder, der ihm griffbereit war. Aber ein guter Bekannter von diesem wollte ihn rächen, und so war im Handumdrehen eine richtige Prügelei im Gange. Das hätte nun weiter nichts geschadet, denn der morgige Krönungstag mußte doch feierlich eingeleitet werden. Für Henden und den König aber hatte es die mißliche Folge, daß beide in dem Wirrwar hoffnungslos voneinander getrennt wurden.

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