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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 30
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Achtundzwanzigstes Kapitel.
Wie sich Henden für den König opfert.

Henden war indessen seiner erzwungenen Untätigkeit überdrüssig geworden. Er vernahm daher mit großer Befriedigung, daß der Tag seiner Aburteilung erschienen sei. Mochte kommen, was da wollte, wenn er nur nicht länger gefangen blieb. Vor Gericht ward er als lümmelhafter Landstreicher geschildert, was ihn nicht gerade erbaute. Schließlich verurteilte man ihn wegen Hausfriedensbruch und Tätlichkeiten, zwei Stunden am Pranger zu stehen und im Stock zu liegen. Von seinen Ansprüchen auf Hendenhall wurde mit keiner Silbe Erwähnung getan.

Er drohte und raste auf dem Weg zur Richtstätte, was ihm weiter nichts als Püffe und grobe Schimpfworte eintrug.

Eine dichtgescharte, lärmende Menge folgte dem Verurteilten, so daß es dem König nicht gelang, bis zu ihm vorzudringen. Er wäre selbst vor Gericht beinahe bestraft worden, weil er in solcher Gesellschaft befunden wurde. Aber schließlich ließ man ihn in anbetracht seiner Jugend mit einem strengen Verweis gehen.

Als die Menge Halt machte, glückte es endlich dem König, sich mit vieler Mühe hindurch zu winden und seinen Beschützer in Sicht zu bekommen. Da lag sein armer Gefolgsmann in den Stock gespannt. Ein höhnender, gaffender, gemeiner Pöbel umgab ihn, ihn, den obersten Diener des Königs von England. Eduard hatte zwar den Richterspruch vernommen, aber nicht gewußt, was er eigentlich bedeute. Jetzt röteten sich seine Wangen in edlem Zorn. Als aber erst ein faules Ei daher geflogen kam und an Hendens Wange platzte, worüber die Gaffer vor Freude brüllten, da konnte er sich nicht länger bemeistern. Er sprang vorwärts und rief:

»Schämt euch! Das ist mein Diener. Laßt ihn frei! Ich bin ...«

»Ach, seid doch stille!« rief Henden in großer Angst, »Ihr werdet Euch noch zu grunde richten. Gebt nicht acht auf ihn, Herr, er ist nicht bei Verstand.«

»Erspare dir diese Mühe, Mann. Ich weiß schon, was ich zu tun habe.«

Damit wandte sich der Vollstreckungsbeamte an einen Untergebenen und sagte:

»Gib dem Schlingel einen Peitschenhieb oder zwei, daß er fürder weiß, wie er sich zu benehmen hat.«

»Mit einem halben Dutzend wird ihm besser gedient sein!« rief Herr Hugo. Er war in diesem Augenblick herbeigeritten, um sich an dem Schauspiel zu weiden.

Der König ward ergriffen. Er wehrte sich nicht einmal, so versteinert war er bei dem bloßen Gedanken, man könnte seine geheiligte Person durch Hiebe entweihen. Schon einmal war ein englischer König gepeitscht worden. Sollte ein zweites so schmachvolles Blatt die Geschichte Englands entehren? Es blieb ihm nur die Wahl, entweder um Verzeihung zu bitten oder sich der Strafe zu unterziehen. Welches von beiden war weniger schändlich? Er war kurz entschlossen. Schläge konnte ein König vielleicht bekommen, aber um Erlassung derselben betteln? Nein, das gab's nicht.

Aber es kam nicht dazu. Michael Henden war nicht umsonst sein Beschützer.

»Laßt das Kind in Ruhe, ihr herzlosen Hunde!« rief er, »seht ihr denn nicht, wie schwach und gebrechlich er ist? Laßt ihn, ich will seine Strafe auf mich nehmen.«

»Bei meiner Seele, ein guter Einfall! Habt auch schönen Dank dafür!« rief Herr Hugo, während es höhnisch in seinen Augen aufblitzte. »Ja, laßt den kleinen Bettler gehen und gebt dafür dem Kerl da ein Dutzend, aber ein ehrliches, vollgewichtiges Dutzend!«

Der König wollte lebhaft Einspruch erheben. Aber Herr Hugo brachte ihn rasch zum Schweigen, indem er drohte, Michael für jedes Wort des armen Kleinen sechs weitere Hiebe aufzählen zu lassen.

Henden wurde aus dem Stock genommen und sein Rücken bloßgelegt. Während die Streiche fielen, wandte der König sein Gesicht ab und schluchzte laut. Als er sich wieder ein wenig gefaßt hatte, sprach er bei sich: »Du brave, gute Seele, das soll dir nicht vergessen sein! ... aber auch Herr Hugo wird daran denken!« fügte er leidenschaftlich hinzu.

Hendens Opfer erschien ihm um so hochherziger, je länger er darüber nachdachte. »Wer seinen Fürsten vor Wunden und Tod rettet«, meinte er, »der hat schon ein hohes Verdienst. Aber es ist wenig, nichts, ja weniger als nichts im Vergleiche zu dem, was er jetzt für mich getan hat: seinen König vor Schmach und Schande bewahrt!«

Henden ertrug lautlos und mit soldatischem Mut die schweren Hiebe, die auf ihn niedersausten. Dies und seine Hochachtung für den Knaben nötigte schließlich auch den Umstehenden Achtung ab. Das Pfeifen und Zischen hörte vollständig auf, und nur die Peitschenhiebe waren noch hörbar. Auch als Henden von neuem in den Stock gespannt wurde, herrschte gänzliches Schweigen.

Sachte schlich sich der König an Hendens Seite und flüsterte ihm ins Ohr:

»Könige können dich nicht mehr adeln, du Guter, als du dich soeben selbst geadelt hast. Aber ein König kann diesen deinen Adel anderen gegenüber bekräftigen und offenbaren.«

Er hob die Peitsche von der Erde auf, berührte damit leicht Hendens blutende Schultern und lispelte: »Eduard von England kürt dich zum Grafen!«

Henden war bewegt. Tränen drangen ihm in die Augen. Und doch konnte er nur schwer ein Lächeln unterdrücken, wenn er sich die ganze Situation vor Augen stellte. So plötzlich, entblößt und blutend, aus dem gemeinen, niedrigen Stock zu der Alpenhöhe und dem Glanz des Grafenstandes erhoben zu werden, schien ihm der Gipfelpunkt des Komischen.

Er dachte: »Jetzt bin ich ja wahrlich hübsch in Flittergold gehüllt. Vom Schattenritter zum Schattengraf! Weiß Gott, das war ein rascher Flug! Wenn es so weiter geht, sehe ich bald aus, wie ein richtiger Maibaum, über und über mit Bändern und Flitter verziert. Aber wenn auch alles bedeutungslos ist, die Liebe und Dankbarkeit, die es mir verliehen hat, scheint dessen ungeachtet verdienstvoll.«

Herr Hugo hatte genug gesehen. Er wandte sein Pferd und trabte hinweg durch die still sich öffnende Menge. Niemand grüßte ihn; aber auch niemand wagte es, dem Gefangenen ein freundliches Wort der Anerkennung zuzurufen. Aber schon im bloßen Schweigen lag Anerkennung genug. Ein verspäteter Ankömmling indessen hatte von dem vorigen Zwischenfall nichts gesehen. Er wollte den »Betrüger« verhöhnen und ihm eine tote Katze zuschleudern. Aber rasch wurde er ohne viel Worte von den Umstehenden niedergeboxt und fortgewimmelt, worauf noch einmal die frühere tiefe Stille eintrat.

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