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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 29
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Siebenundzwanzigsies Kapitel.
Was der König und sein Ritter im Gefängnis erleben.

Die Gefängniszellen waren überfüllt. Unsere Freunde wurden daher in einen großen Raum gebracht, wo man gewöhnlich ungefährliche Verhaftete unterbrachte. Auch hier war schon große Gesellschaft. Zwanzig Gefangene beiderlei Geschlechtes mit Handschellen und Fußfesseln lagen oder standen umher, eine abstoßende, lärmende Bande.

Der König beklagte sich bitterlich über die harte Unbill und die Schmach, die man ihm und mit ihm der Krone Englands antat. Henden war übler Laune und schweigsam. Er konnte sich noch immer nicht fassen. Zuviel war in den letzten Minuten auf ihn eingestürmt. Er war heimgekehrt wie ein verlorener Sohn, mit Jubel im Herzen und in froher Erwartung. Die Enttäuschung war auch gar zu arg. Er wußte kaum, sollte er das Ganze tragisch auffassen oder ins Lächerliche ziehen. Er kam sich vor wie ein Mann, der freudig hinausgegangen war, um sich einen Regenbogen anzuschauen, und dabei vom Blitze getroffen wurde.

Nach und nach ordneten sich seine verworrenen Gedanken wieder. Nur Ediths Benehmen blieb ihm unklar. Er konnte die Sache drehen und wenden, wie er wollte, etwas, das ihn befriedigt hätte, kam nicht heraus. Hatte sie ihn erkannt oder nicht? Wie lange er auch an dieser Nuß herumknackte, es gelang ihm nicht, sie zu öffnen. Schließlich machte er es ähnlich, wie der Fuchs mit den Trauben, und sagte sich, es sei eine faule Nuß. Denn immer mehr gelangte er zur Überzeugung, daß sie ihn erkannt haben müsse und nun aus selbstsüchtigen Gründen von ihm nichts habe wissen wollen. Er war drauf und dran, ihren Namen, der ihm so lange heilig und köstlich erschienen war, zu verwünschen. Aber er konnte es nicht über sich bringen.

Henden und sein Schützling verbrachten in ihren schmutzigen Gefängnisdecken eine unruhige Nacht. Für ein Trinkgeld hatte der Gefängniswärter einigen Gefangenen Branntwein verschafft. Bald waren sie denn auch betrunken, johlten und schrieen, sangen wüste Lieder und prügelten einander. Kurz, es war ein solcher Krakehl, daß von Schlaf nicht viel die Rede sein konnte. Nach Mitternacht fing ein Mann mit einer Frau Händel an, schlug sie mit seinen Handschellen auf den Kopf und hätte sie beinahe getötet, bevor der Wärter dazwischen treten konnte.

Der Mann erhielt eine tüchtige Tracht Prügel, worauf der Friede wieder hergestellt war. Auch das Gelärm und Gezeche mußte aufhören, und so wurde es bald stille. Nur das Stöhnen und Ächzen der beiden Verwundeten war noch hörbar, störte aber die Schläfer nicht weiter.

Während der ganzen darauf folgenden Woche wurde es nicht viel anders. Viele Leute, derer sich Henden mehr oder weniger deutlich erinnerte, kamen tagsüber, um sich den ›Betrüger‹ anzusehen, ihn zu schmähen und zu beschimpfen. Nachts aber machte die Bande mit unfehlbarer Regelmäßigkeit wieder Radau. Einmal indessen gab es eine kleine Abwechselung. Der Wärter führte einen alten Mann herein und sagte zu ihm:

»Hier ist der Schurke. Sieh dich einmal recht um und sage, ob du ihn aus dem Haufen herausfindest.«

Henden blickte auf, und ein angenehmes Gefühl beschlich ihn. Er sagte sich: »Das ist ja der alte Andreas, der sein halbes Leben in meiner Familie diente, eine gute, ehrliche Haut. Das heißt, das war er früher. Aber alles lügt und trügt ja nun. Auch dieser Mann wird mich erkennen und ebenso sicher auch verleugnen.«

Der alte Mann schaute sich im ganzen Raume um, blickte jedem ins Gesicht und meinte schließlich:

»Ich sehe nur erbärmliches, von der Straße aufgelesenes Gesindel hier. Wo ist er?«

Der Wärter lachte.

»Hier«, sagte er, »sieh dir mal diesen großen Kerl an, und dann sage mir deine Meinung.«

Der alte Diener trat näher und betrachtete Henden ernst und forschend. Dann schüttelte er den Kopf und erwiderte:

»Meiner Treu, der ist nicht Henden und war es auch nie.«

»Richtig. Deine alten Augen sind noch gesund. Wäre ich Herr Hugo, ich würde diesen schäbigen Lumpen packen und ihn einfach am nächsten Aste baumeln lassen.«

Der alte Mann meinte dagegen:

»Wenn's weiter nichts ist! Ich würde ihn lebendig rösten lassen, so wahr ich ein rechtschaffener Mann bin.«

Der Wärter schlug ein wieherndes Gelächter an und sagte:

»Bring doch Herrn Hugo diesen Rat bei. Das kann einen lustigen Spaß absetzen. Er wird dir's sicherlich danken.«

Dann eilte der Wärter in ein anderes Gemach und ließ den alten Mann mit den Gefangenen allein. Da fiel der alte Diener vor Henden plötzlich auf die Kniee und flüsterte:

»Dem Himmel sei Dank, daß Ihr wieder gekommen seid, gnädigster Herr! Ich glaubte, Ihr wäret schon seit sieben Jahren tot, und wahrhaftig! da seid Ihr ja noch am Leben. Ich erkannte Euch beim ersten Anblick. Die Verstellung kam mich schwer an. Ich konnte mich kaum der Tränen erwehren, als ich Euch mitten unter diesem Gelichter sah. Ich bin alt und arm, Herr Michael. Aber befehlet, und ich werde hingehen und laut die Wahrheit verkünden, und müßte ich deshalb an den Galgen.«

»Nein«, entgegnete Henden; »das befehle ich nicht und wünsche es auch nicht. Du würdest dich zu grunde richten und mir doch schwerlich helfen können. Aber ich danke dir; du hast mir wieder etwas von meinem verlorenen Glauben an die Menschheit zurückgegeben.«

In der Folge wurde denn auch der alte Diener für Henden und den König von großem Nutzen. Unter dem Vorwande, den Betrüger zu ärgern, kam er oft mehrmals des Tages ins Gefängnis, wobei er immer ein paar Leckerbissen hereinschmuggelte und die neuesten Nachrichten brachte. Die guten Bissen behielt Henden für den König zurück, denn ohne diese wäre der arme Junge bei der elenden, rauhen Kost schwerlich durchgekommen. Indes durfte sich der alte Andreas nie lange aufhalten, um nicht Verdacht zu erregen. Aber die Zeit genügte ihm doch, seinem früheren jungen Herrn alles für ihn Wissenswerte mitzuteilen. Natürlich dämpfte er dabei seine Stimme. Zwischen hinein stieß er grobe Schmähungen und Lästerungen gegen Henden aus und wahrte so den Schein gegenüber den andern Insassen.

So erfuhr Henden auch Näheres über das, was in seiner Abwesenheit in Hendenhall sich ereignet hatte. Arthur war seit sechs Jahren tot. Dieser Verlust und der Mangel jeglicher Nachricht über Michael zehrte an seines Vaters Gesundheit. Als er fühlte, daß es mit ihm bergab ging, wünschte er Hugo und Edith vor seinem Hinscheiden noch vereinigt zu sehen. Aber Edith bat um Aufschub und hoffte immer noch auf die Rückkehr Michaels. Dann kam der Brief, welcher meldete, Michael sei in einer Schlacht gefallen. Dieser Schlag warf den alten Herrn vollends nieder, der jetzt noch mehr zur Verbindung drängte. Aber Edith gelang es, noch einen Monat Frist zu erlangen, dann noch einen zweiten und schließlich noch einen dritten Monat. Erst jetzt, vor dem Totenbette des Vaters, fand die Heirat statt. Sie erwies sich nicht als glücklich. Man flüsterte sich zu, kurz nach der Hochzeit habe Edith unter den Papieren ihres Gemahls mehrere Blätter gefunden, worauf in den verstellten Schriftzügen ihres Mannes verschiedene Bruchstücke des verhängnisvollen Briefes aufgesetzt waren. Darauf hatte Edith ihrem Gemahl den Vorwurf gemacht, er habe die Heirat mit unredlichen, gemeinen Mitteln zustande gebracht und zugleich den Tod ihres Vormundes beschleunigt. Von dieser Zeit an soll Edith keine frohe Stunde mehr gehabt haben. Man erzählte sich viel von harter und grausamer Behandlung Ediths durch ihren Gemahl. Nach dem Tode des Vaters habe Hugo seine Verstellung ohne Scheu abgeworfen und sei ein unbarmherziger Herr gegen alle geworden, die von ihm abhingen.

Der alte Andreas berichtete auch von Sachen, die besonders den König in lebhafte Spannung versetzten. Der treue Diener sagte nämlich:

»Es geht ein Gerücht, der König sei irrsinnig. Aber es heißt auch, es sei unter Todesstrafe verboten, davon zu sprechen.«

Eduard staunte den Mann an und erwiderte:

»Der König ist nicht irrsinnig, guter Mann, und du kannst etwas besseres tun, als dich mit solchem Geschwätz abzugeben.«

»Was will der Knabe damit sagen?« fragte Andreas, den dieser unerwartete Angriff verblüffte. Henden winkte ihm ab, worauf der Diener fortfuhr:

»Der verstorbene König ist vor zwei Tagen – am 16. dieses Monats – in Windsor beigesetzt worden. Der neue König wird am 20. in Westminster gekrönt werden.«

»Mich deucht, sie müssen ihn doch erst haben«, murmelte Eduard. Dann aber fügte er vertrauensvoll hinzu: »Aber sie werden schon dafür sorgen – und ich auch.«

»Herr Hugo geht auch zur Krönung«, fuhr der alte Mann fort, »und zwar mit großen Erwartungen. Er trägt sich nämlich mit der Hoffnung, als Reichsbaron zurückzukommen, denn er steht beim Lord Protektor hoch in Gunst.«

»Bei welchem Lord Protektor?« fragte Eduard.

»Bei Sr. Gnaden, dem Herzog von Somerset.«

»Welchem Herzog von Somerset?«

»Ei, es gibt doch nur einen: der Graf von Hertford.«

Der König fragte scharf:

»Seit wann ist er Herzog und Lord Protektor?«

»Seit Neujahr.«

»Und bitte, wer erhob ihn zu diesem Rang?«

»Er selbst und der Staatsrat unter Beistimmung des Königs.«

Eduard fuhr heftig auf:

»Des Königs!« rief er. »Welches Königs?«

»Welches Königs? Ist das eine Frage! Da wir nur einen haben, so ist es doch klar: Sr. Majestät, des Königs Eduard des Sechsten, den Gott erhalte! Er ist ein lieber und gnädiger kleiner Herrscher. Das muß man sagen. Ob er nun irrsinnig ist oder nicht – und man sagt, er bessere sich täglich – sein Lob ist jedenfalls auf aller Lippen. Alle segnen ihn und beten, daß er recht lange über England herrschen möge. Schon gleich zu Anfang zeigte er seine Herzensgüte, indem er den Herzog von Norfolk begnadigte. Jetzt ist er beständig daran, die Härten und Grausamkeiten der Gesetze zu mildern, welche das Volk beinahe zur Verzweiflung brachten.«

Eduard war stumm vor Überraschung und versank dann in tiefes Nachdenken. Er wunderte sich, ob der kleine »irrsinnige« König jener Bettlerjunge sei, den er damals mit sich in den Palast genommen habe. Es kam ihm aber nicht wahrscheinlich vor. Sicherlich mußten doch seine Unwissenheit und sein ganzes Benehmen ihn verraten haben. Oder sollte der Hof irgend einen Sprößling des Adels auf den Thron gesetzt haben? Nein, das würde sein Onkel nicht zugeben. Ein solches Beginnen hätte er im Keime zu ersticken gewußt. Je mehr der Knabe nachdachte, desto geheimnisvoller erschien ihm die Sache. O könnte er wieder nach London zurück und mit einem Schlage das ganze Wirrnis zu glücklichem Ende führen!

Umsonst verschwendete Henden all seine Trostgründe an den jungen König, dem jetzt seine Haft immer unerträglicher wurde.

Besser indes gelang es zwei Frauen, die mit Ketten beladen in seiner Nähe weilten. Durch ihre sanften Ermahnungen gewann er Frieden und Ergebung in sein Schicksal. Er war ihnen sehr dankbar dafür und empfand ihre Gegenwart immer wohltuender. Er fragte sie, warum sie eingekerkert wären. Als sie erklärten, sie seien Baptisten Baptisten nennen sich diejenigen christlichen Sekten, welche die Kindertaufe verwerfen und nur Erwachsene taufen. Indes sind sie nicht mit den Wiedertäufern zu verwechseln. Sie stammen aus England, wo sie im Jahre 1618 als besondere Kirchengemeinschaft auftraten. Heute zählen sie etwa 2 Millionen Anhänger., lächelte er nur und meinte:

»Ist denn das ein solches Vergehen? Schade nur, daß ich nicht frei bin. Ich würde euch bald erlösen.«

Sie gaben keine Antwort. Ein gewisses Etwas in ihren Mienen machte ihn stutzig. Er fuhr eifrig fort:

»Ihr sprecht ja nicht! Erwartet euch etwa noch eine andere Strafe? Bitte, sagt es mir und fürchtet euch nicht.«

Sie versuchten dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. Aber sein Interesse war nun einmal rege geworden, und er fragte weiter:

»Wollen sie euch peitschen? Ach nein, so grausam werden sie nicht sein! Nicht wahr, sie werden euch nicht peitschen?«

Die Frauen wurden verwirrt und bekümmert. Offenbar waren sie um eine Antwort verlegen. Endlich sprach eine gerührt:

»O du brichst uns noch das Herz, guter Knabe. Gott wird uns beistehen, daß wir unser Schicksal als Christen ertragen.«

»Also doch«, unterbrach sie der König, »sie wollen euch doch peitschen, diese hartherzigen Seelen! Aber ach, ihr müßt nicht weinen; ich kann es nicht ertragen. Haltet euch aufrecht. Wenn meine Zeit gekommen ist, werde ich euch vor dieser Grausamkeit schützen. Ja, das werde ich ganz gewiß!«

Als der König am nächsten Morgen erwachte, waren die beiden Frauen fort.

»Ah, man hat sie befreit!« rief er fröhlich. »Schade nur, daß sie mich nicht mehr trösten können.«

Jede von den beiden Frauen hatte ein Stück Band als Andenken an seine Kleidung geheftet. Diese Bänder wollte er immer in Ehren halten, zur Erinnerung an die braven Frauen, für die er später zu sorgen sich vornahm.

Eben kam der Wärter mit Gehilfen herein und ließ die Gefangenen in den Gefängnishof führen. Der König war überglücklich. Ach, wie herrlich mußte es sein, wieder einmal den blauen Himmel zu sehen und die frische Luft zu atmen!

Der Hof bildete ein Viereck und war mit Steinen gepflastert. Die Gefangenen betraten ihn durch einen massiven Torbogen und wurden dann in Reihen aufgestellt, mit dem Rücken gegen die Mauer. Vor ihnen ward ein Strick gespannt, bei welchem Beamte und Wärter standen. Es war ein frostiger, bewölkter Morgen. Während der Nacht war ein leichter Schnee gefallen und hatte alles in eine weiße Decke gehüllt. Ein Winterwind wirbelte noch einzelne Flocken umher.

Mitten im Hofe standen zwei Frauen an Pfähle gebunden. Mit einem Blick ersah der König, daß es seine beiden guten Freundinnen waren. Ihm schauderte, und er sagte sich: »Ach, sie sind also doch nicht frei, wie ich dachte. Sollte man es wohl glauben, daß solche brave Leute in England gepeitscht werden! Es wäre eine Schande selbst für ein Land der Heiden! Sie werden gezüchtigt, und ich, den sie getröstet und so freundlich behandelt haben, muß ihrer Schmach zusehen. Ich, der Höchste in England, der oberste Gesetzgeber, stehe ohnmächtig da. Aber es kommt ein Tag, wo alles das gesühnt werden soll.«

Ein großes Tor sprang auf, und eine Menge Bürger strömten herein. Sie scharten sich um die beiden Frauen und verbargen sie so vor den Augen des Königs. Dann kam ein Geistlicher und schritt durch die Menge hindurch. Im Mittelpunkte des Kreises, wo die Frauen standen, wurden jetzt offenbar Fragen und Antworten gewechselt. Aber deutlich zu verstehen war nichts. Dann gab es allerlei Vorbereitungen, denn Leute liefen hin und her. Aber allmählich trat tiefe Stille ein.

Auf einen Befehl hin traten jetzt die Zuschauer auseinander, so daß die Mitte frei blieb. Nun erblickte der König ein Schauspiel, das ihm das Mark in den Knochen erstarren ließ. Reisigbündel waren um die beiden Frauen herum aufgehäuft. Ein Mann kniete davor und legte Feuer an das Holz.

Die Frauen senkten ihre Häupter und bedeckten sich das Gesicht mit den Händen. Die fahlen Flammen begannen am Reisig hinauf zu züngeln und zu flackern und knistern. Der Wind wirbelte den blauen Rauch herum und trug ihn fort. Der Geistliche erhob die Hände zum Gebet, wurde aber jäh unterbrochen von zwei jungen Mädchen. Diese kamen mit herzdurchdringendem Geschrei herbei geflogen und warfen sich den beiden Frauen am Pfahle an die Brust. Sofort wurden sie von den Häschern fortgerissen und festgehalten. Eine aber machte sich los und erklärte, sie wolle mit ihrer Mutter sterben. Bevor man sie hindern konnte, hing sie wieder am Halse der einen Frau. Diesmal hatten ihre Kleider schon Feuer gefangen, als sie wieder fortgerissen wurde. Zwei Männer hielten sie fest, rissen ab, was von ihren Gewändern brannte, und schleuderten es weg. Sie aber rang fortwährend und suchte loszukommen. Sie bat und flehte, man möge sie doch sterben lassen, sie sei sonst ganz allein in der Welt. Beide Mädchen jammerten unaufhörlich und wanden sich verzweifelt unter dem Griffe der Häscher. Aber ihr Klagen wurde plötzlich übertönt von einem herzzerreißenden Todesschrei.

Der König blickte von den Mädchen weg nach dem Pfahle hin, aber nur eine Sekunde. Dann wandte er sich ab und lehnte sein aschfarbenes Gesicht an die Mauer. Er wagte nicht mehr aufzuschauen. »Wollte Gott, ich wäre blind!« dachte er. »Was ich gesehen habe in diesem einzigen kurzen Augenblick, wird meinem Gedächtnis nie entschwinden. Tag und Nacht wird es mir vor Augen schweben, bis zu meiner Todesstunde. Ach, hätte ich es doch nicht sehen müssen!«

Henden beobachtete den König. »Ich glaube, er fängt an zu gesunden. Er hat sich verändert und wird sanfter. Wäre er noch, wie er früher war, so würde er wahrscheinlich auf die Henkersknechte losgestürzt sein und befohlen haben, die Frauen sofort zu entfesseln. Ich will nur hoffen, daß seine Besserung fortschreitet und er bald wieder ganz gesund wird. Gott gebe es!«

Am selben Tage wurden mehrere neue Gefangene eingebracht, sie sollten hier nur die Nacht über bleiben und dann an verschiedene andere Orte hingeschafft werden. Der König unterhielt sich mit ihnen, und was sie erzählten, drang ihm tief zu Herzen. Eine arme, halb närrische Frau war darunter, welche einem Weber ein oder zwei Ellen Tuch entwendet hatte, und dafür gehängt werden sollte. Ein Mann hatte in einem königlichen Park einen Rehbock erlegt und mußte dafür ebenfalls in den Tod gehen. Ein Kaufmannslehrling hatte eines Abends eine Hacke auf der Straße gefunden und mit heim genommen, in der Meinung, es sei sein gutes Recht. Aber der Gerichtshof war anderer Ansicht gewesen und wollte auch ihn Freund Hein übergeben.

Der König war aufgebracht über solche Unmenschlichkeit und hätte am liebsten Tür und Tor gesprengt, um mit Henden nach London zu fliehen und diese Unglücklichen vom Tode zu erretten.

Ferner war unter den Gefangenen ein alter Anwalt Diebstahl über den Wert eines Schillings wurde seit Heinrich I. mit dem Tode gebüßt. Ein merkwürdiges altes Buch » The English Rogue« (Der englische Spitzbube) setzt die Grenze auf 1? Schillinge fest. Die erwähnten Fälle entsprechen Tatsachen. Der fragliche Anwalt hieß Wilhelm Prynne. Seine Schuld und Strafe hat Mark Twain vollkommen richtig geschildert. mit charaktervollen Zügen und unerschrockener Miene. Dieser hatte vor drei Jahren eine öffentliche Anklageschrift gegen den Lordkanzler herausgegeben. Darin hatte er ihn der Ungerechtigkeit beschuldigt. Hierfür wurde er mit dem Verlust eines Ohres und 3000 Pfund Strafe gebüßt und aus der Liste der Anwälte gestrichen. Später wiederholte er seine Anklage. Jetzt verlor er, was er noch an Ohren übrig hatte, und mußte weitere 5000 Pfund bezahlen. Überdies erhielt er Zuchthaus auf Lebenszeit und wurde auf beiden Wangen gebrandmarkt.

»Das sind meine Ehrenzeichen«, sagte er, schüttelte sein graues Haar zurück und zeigte die verstümmelten Überreste dessen, was einst seine Ohren gewesen waren.

Dem König wurden die Augen vor Mitleid feucht. Er sprach zu ihm:

»Keiner will an mich glauben, und du auch nicht. Aber das tut nichts zur Sache. Bevor ein Monat vergeht, sollst du frei sein. Noch mehr: die Paragraphen, die dich also geschändet haben und England entehren, sollen aus den Gesetzesbüchern verschwinden. Es ist manches in der Welt unklug eingerichtet. Die Könige sollten erst draußen im Leben in die Schule gehen, dann würden die Gesetze bald von ihrer Strenge verlieren.«

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