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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 27
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Wie Henden in Hendenhall aufgenommen wird.

Sobald Henden und der König dem Schutzmann aus den Augen gekommen waren, eilten sie aus der Stadt. Dort wies der Ritter seinem Schützling eine Stelle an, wo er bleiben und auf ihn warten sollte. Er selbst kehrte in die Stadt zurück, um im Gasthaus seine Zeche zu ordnen und seine Esel abzuholen.

Eine halbe Stunde später trotteten die beiden Freunde auf Hendens Eseln munter gen Osten zu. Der König hatte seine alten Lumpen weggeworfen und sich in die warmen Kleider gehüllt, welche ihm Henden auf der Londoner Brücke gekauft hatte.

Der Ritter wollte den Knaben nicht überanstrengen. Er war der Meinung, scharfe Tagesritte, unregelmäßige Mahlzeiten und ungenügender Schlaf müßten für seinen kranken Geist unzuträglich sein. Er gedachte also, nur kurze Stationen zu machen, so sehr er sich auch sehnte, sein väterliches Heim baldmöglichst zu erreichen.

Nach einem Ritt von etwa zehn Meilen kamen die beiden Wanderer in ein ansehnliches Dorf und nahmen dort in einem guten Gasthaus Herberge. Die früheren Beziehungen wurden wieder aufgenommen. Henden stand, während der König speiste, hinter dessen Stuhl und bediente den Knaben. Er entkleidete ihn, als er schlafen wollte, und schlief selbst wieder auf dem Fußboden quer vor der Tür, wo er sich in eine Decke einhüllte.

Die nächsten Tage trabten sie lässig dahin, sprachen von ihren gegenseitigen Abenteuern und ergötzten sich daran. Henden erzählte von den Kreuz- und Querritten, die er unternommen hatte, um den König wieder zu finden. Er berichtete auch, wie ihn der Erzengel über Stock und Stein durch den ganzen Wald und schließlich wieder nach der Hütte zurückgeführt habe, als er sah, daß er den Ritter anders nicht los werden könne. »Darauf«, erzählte er, »ging der alte Mann ins Schlafzimmer. Gleich nachher kam er aber wankend und mit verstörtem Gesicht zurück und sagte, er habe geglaubt, der Knabe wäre heimgekommen und hätte sich schlafen gelegt. Aber es sei niemand da. Den ganzen Tag über wartete ich in der Hütte. Dann ging ich meines Weges, um Euch zu suchen. Auch der Klausner machte sich wieder auf, um nach Euch zu forschen. Ich schied von ihm, da wir in verschiedener Richtung nach Euch ausspähen wollten. Ihr hättet nur sehen sollen, wie dieses alte Sanctum Sanctorum über Euer Ausbleiben trostlos war!«

»Das will ich wohl glauben«, sagte der König und erzählte, was der Einsiedler mit ihm vorgehabt habe. Henden wunderte sich nicht übel und bedauerte nur, daß er es nicht gewußt habe, sonst wäre er dem Erzengel zu leibe gegangen.

Der letzte Tag ihrer Reise kam heran. Henden war in allen Himmeln. Er plauderte in einem fort. Wie doch sein alter Vater sich freuen werde und sein Bruder Arthur, aus deren Leben er mancherlei erzählte, was ihren edlen Charakter genugsam beleuchtete. Dann wandte sich seine Begeisterung über zu Edith, und schließlich gönnte er sogar Hugo einige brüderlich freundliche Worte, so warm war ihm ums Herz geworden. Dann verbreitete er sich wieder allgemein über den glänzenden Empfang, der ihnen in Hendenhall zuteil werden sollte.

Sie durchzogen jetzt eine schöne Landschaft voll freundlicher Häuser und Obstgärten. Ihr Weg führte über ausgedehnte Wiesen, deren sanft anschwellende Hügel und kleine fruchtbare Täler an eine leicht bewegte See erinnerten. Am Nachmittage schwenkte der heimkehrende verlorene Sohn öfter vom Wege ab, um irgend einen Hügel zu besteigen, von wo er die Heimat rascher zu erblicken hoffte. Endlich gelang ihm das auch, und entzückt rief er aus:

»Seht, mein Fürst, dort liegt mein Heimatdorf und dort weiter oben das Herrenhaus, mein väterliches Heim! Ihr könnt die Türmchen von hier aus sehen. Und jener Wald dort drüben, schaut, ist unser Park. O nun werdet Ihr bald sehen, was Glanz und Pracht ist. Ein Haus mit siebzig Zimmern, denkt Euch nur! Und dazu siebenundzwanzig Bedienstete! Eine hübsche Wohnung für Leute, wie wir sind, nicht wahr? Kommt, laßt uns eilen! Meine Ungeduld will sich nicht mehr zügeln lassen.«

Sie beschleunigten denn auch tunlichst ihren Ritt, und kurz nach drei Uhr hatten sie das Dorf erreicht. Während sie durch die Hauptstraße ritten, plauderte Henden unaufhörlich:

»Hier ist die efeuumrankte Kirche, ganz unverändert. Drüben, seht Ihr, winkt das gastliche Wirtshaus, der gute alte »Rote Löwe«, und da vorne ist der Marktplatz. Und dort ist die Dorflinde! Nicht wahr, ein prächtiger Baum? Da zeigt sich auch die große Pumpe wieder. Nichts, gar nichts ist anders geworden, ausgenommen jedenfalls die Leute. Zehn Jahre können nicht spurlos an den Menschen vorübergehen. Einige freilich kommen mir bekannt vor; aber mich erkennt niemand.«

Und so schwatzte er fort. Das Ende des Dorfes war bald erreicht. Jetzt bogen die Reiter in einen gewundenen Seitenpfad ein, der mit hohen Hecken umsäumt war. Munter trabten die beiden ungleichen Freunde vorwärts. Nach einer guten Viertelstunde standen sie vor einem weit ausgedehnten Blumengarten. Ein gewaltiger Torweg erhob sich davor, in dessen mächtigen steinernen Säulen das Familienwappen eingemeißelt war. Sie durcheilten den Garten und hielten vor einem altertümlichen, aber prächtigen Herrenhaus.

»Willkommen in Hendenhall, mein König!« rief Michael. »Ah, das ist ein herrlicher Tag! Mein Vater und mein Bruder und Fräulein Edith werden vor Freude närrisch sein und nur Augen für mich haben, so daß Ihr Euch vielleicht vernachlässigt fühlen werdet. Aber beachtet es nicht; bald wird es anders kommen. Wenn ich sage, Ihr seiet mein Schützling, und wie ich Euch lieb gewonnen habe, dann werden sie Euch um meinetwillen nicht minder herzlich willkommen heißen, und Haus und Herz wird auch für Euch offen stehen.«

Nach diesen Worten sprang Henden zu Boden und half auch dem König absteigen.

Bald standen die Freunde in einem geräumigen Gemach, und Henden bat seinen Schützling Platz zu nehmen. Dann eilte er auf einen jungen Mann zu, welcher an einem Schreibtisch saß, vor dem ein mächtiges Kaminfeuer brannte.

»Umarme mich, Hugo!« rief er, »und sage, daß du dich über meine Rückkehr freuest. Und rufe auch unseren Vater, denn noch bin ich nicht zu Hause, solange ich nicht seine Hand geschüttelt, sein Gesicht gesehen und seine Stimme gehört habe!«

Hugo zeigte sich einen Augenblick überrascht, beherrschte sich aber und trat ein paar Schritte zurück, während er den Eindringling scharf musterte. Erst verrieten seine Mienen beleidigten Stolz. Dann aber folgten sie einem innern Gedanken oder Plane und nahmen plötzlich den Ausdruck der Neugier und scheinbaren Mitleides an. Mit sanfter Stimme erwiderte er:

»Euer Verstand scheint gelitten zu haben, armer Fremdling. Sonder Zweifel habt Ihr harte Entbehrungen erlitten und seid in der Welt roh herumgestoßen worden. Nach Aussehen und Kleidung muß ich es wohl schließen. Für wen haltet Ihr mich?«

»Für wen? Ei, doch für das, was du bist. Ich halte dich für Hugo Henden«, sagte Michael scharf.

Im selben sanften Tone fuhr Hugo fort:

»Und für wen haltet Ihr Euch?«

»Diese Frage kannst du selbst beantworten. Oder willst du etwa behaupten, du kennest deinen Bruder Michael Henden nicht mehr?«

Eine scheinbar freudige Überraschung zeigte sich auf Hugos Gesicht und er rief aus:

»Was! Scherzet Ihr nicht? Können die Toten wieder zum Leben erwachen? Gott sei gepriesen, wenn es so wäre! Unser armer verlorener Junge sollte nach all den grausamen Jahren der Trennung wieder in unsere Arme zurückkehren? Ach, es scheint zu schön, um wahr zu sein; es ist zu schön, um wahr zu sein! Ich bitte Euch, habt Mitleid, spottet meiner nicht! Rasch, kommt ans Licht, laßt mich Euch näher ansehen!«

Er ergriff Michael am Arme und zog ihn ans Fenster. Dann begann er ihn von Kopf bis zu Füßen zu mustern und beinahe mit den Augen zu verschlingen. Er drehte ihn um und wieder um und beguckte ihn von allen Seiten. Der zurückgekehrte Krieger lachte indes mit dem ganzen Gesicht, nickte fortwährend mit dem Kopfe und sagte:

»Nur weiter, weiter, Bruder, und fürchte dich nicht. Jedes Glied und jeder Zug wird dir bezeugen, daß ich Michael Henden bin. Untersuche und prüfe, solange du willst, mein lieber alter Hugo. Ich bin doch kein anderer, als dein Michael, der nämliche alte Michael, dein verlorener Bruder, nicht wahr? Ah, das ist ein schöner Tag! Sagte ich es doch! Gib mir endlich deine Hand, laß mich deine Wange küssen! Wahrhaftig, ich möchte sterben vor lauter Freude!«

Er wollte sich seinem Bruder in die Arme werfen. Aber Hugo hielt ihm abwehrend die Hand entgegen, ließ dann sein Kinn traurig auf die Brust sinken und sprach, scheinbar tief bekümmert:

»Ach, möge mir Gott in Seiner Gnade Kraft genug geben, um diese schmerzliche Täuschung zu überwinden!«

Michael brachte erst vor Erstaunen kein Wort hervor. Dann stieß er aus:

»Welche Enttäuschung? Bin ich etwa nicht dein Bruder?«

Traurig schüttelte Hugo den Kopf und sagte: »Gebe der Himmel, daß dem so sei! Vielleicht können andere Augen besser sehen und eine Ähnlichkeit herausfinden, die mir entgangen ist. Ach, ich fürchte, der Brief hat nur zu wahr gesprochen!«

»Welcher Brief?«

»Ein Brief, der uns vor sechs oder sieben Jahren vom Festlande herüber zukam und meldete, mein Bruder sei in der Schlacht gefallen.«

»Das war eine Lüge. Rufe meinen Vater. Er wird mich erkennen.«

»Die Toten kann man nicht zurückrufen.«

»Tot also!« stöhnte, Michael mit leiser Stimme und zitternden Lippen. »Mein Vater tot! O das ist ein schwerer Schlag! Nun ist meine Freude schon halb dahin. Aber, bitte, führe mich zu meinem Bruder Arthur. Er wird mich auch erkennen, mich kennen und trösten.«

»Auch er ist gestorben.«

»Gott sei mir armen Manne gnädig! Tot, beide tot, alles tot, was ich auf Erden lieb hatte! Aber ich flehe dich an, sage nicht etwa auch, daß Fräulein Edith ...

»Gestorben sei? Nein, sie lebt.«

»Dann, dem Himmel sei Dank, kann ich mich doch wieder freuen! Beeile dich, Bruder, daß sie hierher kommen! Wenn sie mich nicht erkennt ... aber sie wird, sie muß mich kennen. Ich war ein Narr, daß ich nur einen Augenblick daran zweifelte. O bringe sie hierher, bringe auch die alten Dienstboten mit. Auch sie mögen bezeugen, daß ich dein Bruder bin.«

»Sie sind alle fort, außer fünf: Peter, David, Bernhard, Henriette und Margaret.«

Mit diesen Worten verließ Hugo das Gemach.

Michael stand eine Weile wie betäubt da. Dann begann er nachdenklich auf und ab zu gehen und vor sich hin zu murmeln: »Die fünf Erzgauner haben die zweiundzwanzig redlichen und ehrlichen Dienstboten verdrängt. Das ist doch sonderbar.«

Die Geschichte gefiel ihm immer weniger, je mehr er grübelte. Den König hatte er ganz vergessen. Da sagte Eduard ernst und mit tiefem Mitleid:

»Nimm es dir nicht so zu Herzen, lieber Herr: es gibt noch andere in der Welt, welche verkannt, und deren Ansprüche verlacht werden. Du bist in guter Gesellschaft.«

»Ach, mein König«, rief Henden und verfärbte sich leicht, »verurteilt mich nicht. Wartet, und Ihr werdet sehen. Ich bin kein Betrüger. Sie wird es bezeugen. Von den süßesten Lippen Englands werdet Ihr es vernehmen. Ich soll ein Betrüger sein? Ich kenne diese alte Halle, diese meine Ahnenbilder, kurz, alles um uns herum so gut, wie ein Kind seine Amme kennt. In diesem Hause ward ich geboren und auferzogen, mein Fürst. Ich spreche die Wahrheit. Und sollte auch niemand in der Welt mir Glauben schenken, so bitte ich Euch, nicht an mir zu zweifeln. Ich könnte es nicht ertragen.«

»Ich glaube dir,« sagte der König einfach und mit kindlichem Vertrauen.

»Das danke ich Euch von ganzem Herzen!« rief Henden feurig und sichtbar gerührt.

Da fragte der König seinerseits:

»Zweifelst du etwa an mir?«

Henden wurde verlegen und dankte dem Himmel, daß ihm die Antwort erspart wurde. Denn eben öffnete sich die Tür, und Hugo trat wieder herein. Hinter ihm kam eine schöne, reich gekleidete Dame, gefolgt von mehreren Dienern in Livree. Die Dame schritt langsam mit gesenktem Kopfe vor. Ihre Augen hefteten sich auf den Boden, und ihre Züge waren unaussprechlich traurig. Michael Henden sprang ihr entgegen und rief:

»O meine Edith, mein Liebling!«

Aber Hugo vertrat ihm den Weg und sagte zu der Dame:

»Schaue ihn an. Kennst du ihn?«

Als die Dame Hendens Stimme hörte, fuhr sie leicht zusammen, ihre Wangen röteten sich, und sie zitterte merklich. Einige Augenblicke verharrte sie in ihrer gebeugten Haltung. Dann erhob sie langsam ihr Haupt und schaute Michael mit versteinerten, erschrockenen Augen an. Alles Blut wich aus ihren Wangen, Tropfen für Tropfen, bis sie totenblaß war. Hierauf sagte sie fast unhörbar mit ersterbender Stimme:

»Ich kenne Euch nicht!«

Langsam wie sie gekommen, wandte sie sich um und wankte mit unterdrücktem Schluchzen zur Tür hinaus.

Michael sank in einen Stuhl und bedeckte sich das Gesicht mit den Händen. Eine peinliche Pause folgte. Dann sagte Hugo zu den Bediensteten:

»Ihr habt nun Zeit gehabt, ihn zu beobachten. Habt ihr ihn erkannt?«

Sie schüttelten ihre Köpfe, worauf Hugo sagte :

»Seht, auch sie kennen Euch nicht, mein Herr. Es muß da wohl ein Irrtum zu grunde liegen. Ihr saht ja, daß auch meine Frau Euch nicht kannte.«

»Deine Frau?«

Mit einem Satze sprang Michael seinem Bruder an die Kehle und drückte ihn mit eisernem Griff gegen die Wand.

»O du falsche Schlange!« rief er, »nun durchschaue ich alles. Du selbst hast den Lügenbrief geschrieben, hast mir Braut und Güter gestohlen! Mache dich aus dem Staube, sonst vergesse ich mich und besudle meinen ehrlichen Waffenrock mit deinem Blute, du erbärmlicher Halunke!«

Mit dunkelrotem Gesicht und halb erstickt schwankte Hugo zu einem nahen Stuhle hin. Dann befahl er den Dienern, den mörderischen Kerl zu greifen und zu binden. Sie zögerten, und einer von ihnen sagte:

»Er ist bewaffnet, Herr Hugo, und wir sind ohne Waffen.«

»Bewaffnet! Ei, was tut das? Ihr seid doch so viele! Drauf auf ihn, hört ihr's?«

Michael aber warnte sie, auf der Hut zu sein, und fügte hinzu:

»Ihr kennt mich alle, von früher her. Ich bin nicht anders geworden. Ihr wißt, daß ich keinen Spaß verstehe. Kommt nur heran, wenn Ihr Lust verspürt!«

Diese Mahnung ermutigte die Diener noch weniger. Sie hielten sich in sicherer Entfernung.

»Dann schert euch, ihr kläglichen Feiglinge, bewaffnet euch und bewacht die Tore, während ich auf den Wachtposten sende,« rief Hugo. Dann wandte er sich an Michael und sagte:

»Ihr werdet besser daran tun, keinen nutzlosen Fluchtversuch zu machen. Es würde Euere Sache nur verschlimmern.«

»Fliehen, ich? Diese Sorge kannst du dir ersparen, wenn das dein ganzer Kummer ist. Michael Henden ist doch Herr von Hendenhall und allem, was dazu gehört. Hier wird er bleiben. Das laß dir gesagt sein!«

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