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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 25
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Warum der König gehängt werden sollte.

Henden unterdrückte ein Lächeln, das sich ihm auf die Lippen drängen wollte. Er beugte sich nieder und flüsterte dem König zu: »Sachte, sachte, mein Fürst. Wäget Eure Worte ab oder besser noch: sagt gar nichts. Vertraut mir nur, und alles wird gut enden.«

Dann dachte er bei sich: »Er nannte mich Herr Henden! Du heiliger Gott! Ich hatte schon vergessen, daß er mich zum Ritter schlug. Wie wunderbar ist es doch, daß er solche Kleinigkeiten im Gedächtnis behalten hat, die doch nur augenblickliche Auswüchse seines irren Geistes waren!«

Jetzt machte die Menge Platz, um einen Schutzmann durchzulassen, welcher herzutrat und den König fesseln wollte. Henden aber trat dazwischen mit den Worten: »Sachte, guter Freund, nehmt Euere Hand zurück. Wir kommen freiwillig mit; dafür bürge ich. Geht nur voran; wir folgen nach.«

Der Polizist gab es zu und schritt voran. Ihm folgte die Frau mit ihrem Pack, Henden und der König hinter ihr, gefolgt von der neugierigen Menge. Der König wollte sich zwar sträuben, aber Henden raunte ihm zu: »Bedenket, Majestät, Euere Gesetze bilden die gesunde Luft im Königreich. Wie sollen aber die Untertanen ihnen folgen, wenn das Oberhaupt sich weigert, ihnen zu gehorchen? Wenn Ihr wieder aus dem Throne seid, wird es Euch gewiß Befriedigung gewähren, daß Ihr Euch so loyal und bescheiden Eueren eigenen Gesetzen unterwarfet.«

»Genug; du hast recht. Du sollst sehen, daß der König, solange er selbst Untertan ist, alles auf sich nehmen will, was das Gesetz über Untertanen verhängt.«

Vor dem Richter schwor die Frau, der kleine Gefangene habe den Diebstahl begangen. Niemand konnte das Gegenteil beweisen, und so war der König überführt. Das Pack wurde jetzt aufgemacht, und ein plumpes kleines gebratenes Ferkel kam zum Vorschein.

Der Richter schien bestürzt, und Henden wurde totenblaß. Der König aber stand unbeweglich, da er sich der Folgen eines solchen Diebstahls nicht bewußt war. Eine ganze Weile überlegte der Richter, dann wandte er sich mit der Frage an die Klägerin: »Wie hoch schätzet Ihr den Wert des Ferkels?«

Die Frau verbeugte sich und sprach: »Drei und drei Viertel Schillinge kostet es, Euer Ehren. Ich könnte keinen Heller ablassen.«

Der Richter schaute mit Unbehagen auf die Menge, dann nickte er dem Schutzmann zu und sagte: »Räume den Saal und schließe die Türen!«

Das geschah. Niemand blieb zurück, als die Klägerin und der Beklagte, Michael Henden und der Richter mit dem Schutzmann. Henden biß sich die farblosen Lippen blutig, und große Schweißtropfen drängten sich auf seiner Stirn. Der Richter wandte sich wieder an die Frau und sprach mit mitleidiger Stimme: »Es ist ein armer, unwissender Knabe und vielleicht halb verhungert, denn die Zeiten sind schlecht für solch elende Leute. Seht ihn nur an, er hat kein Verbrechergesicht, aber wenn einen der Hunger peinigt ... Gute Frau, wißt Ihr auch, daß einer gehängt werden muß, wenn er etwas stiehlt, das ein und ein Achtel Schilling wert ist?«

Der kleine König fuhr auf und machte große, bestürzte Augen. Dann aber beherrschte er sich rasch und nahm seine frühere gleichmütige Haltung wieder an. Nicht so die Frau. Am ganzen Leibe zitternd sprang sie auf und rief: »Ach, du grundgütiger Himmel, was habe ich nur getan! Nicht um alles in der Welt möchte ich, daß der arme Junge um meinetwillen gehängt würde! Ach, rettet ihn, Herr Richter, rettet ihn! Was kann ich dazu tun?«

Der Richter behielt seine Amtsmiene bei und sagte einfach: »Zweifellos ist es noch erlaubt, den Preis zu ermäßigen, da er noch nicht in das Protokoll eingetragen ist.«

»Dann in Gottes Namen schreibt, das Ferkel koste drei Viertel Schilling, und der Himmel segne Euch, daß Ihr mein Gewissen vor diesem Schrecklichen bewahrt habt.«

Michael Henden vergaß alles um sich her vor Freude. Zur großen Überraschung des Königs schlang er seine Arme um ihn und küßte ihn, ohne zu beachten, daß er damit die königliche Würde seines Schützlings allzu sehr bloßstellte. Die Frau machte einen tiefen Knicks und entfernte sich mit ihrem Ferkel. Der Schutzmann öffnete ihr die Tür und folgte ihr in den Gang hinaus nach, während der Richter das Protokoll schrieb.

Der wieder munter gewordene Henden wunderte sich, warum der Schutzmann der Frau nachgegangen war. Er schlüpfte also gleichfalls sachte zur Tür hinaus in den dunklen Gang und lauschte. Da hörte er denn folgendes Zwiegespräch: »Es ist wirklich ein fettes, appetitliches Ferkelchen und verspricht einen guten Bissen. Ich will es Euch abkaufen. Hier sind drei Viertel Schillinge.«

»Drei Viertel Schillinge! Das wäre noch schöner! Mich selbst kostet es drei und drei Viertel Schillinge gute bare Münze. Eine Ohrfeige könnt Ihr haben für Euere lumpigen Pfennige.«

»Pfeift der Wind von daher? Ihr habt unter Eid ausgesagt und also falsch geschworen, daß das Ferkel nur drei Viertel Schillinge wert sei. Kommt gleich wieder zurück zum Richter und verantwortet Euch für Euer Verbrechen ... Und dann wird auch der Knabe gehängt.«

»Hier, hier, lieber Mann, nehmt das Ferkel und sagt nichts weiter. Ich bin zufrieden. Gebt mir Euer Geld und haltet die Zunge.«

Weinend ging die Frau davon. Henden schlüpfte wieder in das Amtszimmer, und gleich darauf folgte auch der Schutzmann, nachdem er seine Beute irgendwo verborgen hatte. Der Richter schrieb zu Ende, hielt dann dem König eine ernstmilde Strafpredigt und verurteilte ihn zu einer kurzen Gefängnisstrafe. Dann sollte er ausgepeitscht und aus der Stadt verwiesen werden.

Höchst erstaunt und entrüstet öffnete der König den Mund und wollte vermutlich Henden Befehl geben, den guten Richter auf der Stelle zu enthaupten. Aber er fing einen warnenden Blick von seinem Beschützer auf und schloß den Mund rechtzeitig wieder. Der Ritter nahm ihn an der Hand, verbeugte sich vor dem Richter, und beide verließen in Begleitung des Schutzmannes das Zimmer, um nach dem Gefängnis zu gehen. Kaum hatten sie die Straße erreicht, als der kleine Monarch glutübergossen stehen blieb, die Hand seines Beschützers fortstieß und ausrief: »Du Dummkopf, glaubst du denn, ich werde mich lebend in ein Gefängnis stecken lassen?«

Henden beugte sich zu ihm nieder und flüsterte, diesmal etwas scharf: »Ich dachte, Ihr wolltet mir vertrauen? Stille! Verschlimmert nicht Euer Geschick mit solch gefährlichen Reden. Was Gott will, geschieht. Das kann auch ein König nicht ändern. Geduldet Euch also und wartet es ab. Es kommt schon noch die Zeit, wo Ihr wieder aufatmen und Euch freuen werdet!«

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