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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 22
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Zwanzigstes Kapitel.
Wie Eduard einem Erzengel in die Hände fällt.

Ein hoher Hag machte ihn vom Hause aus unsichtbar. Spornstreichs jagte er dahin, einem nahen Walde zu. Er schaute sich nicht um, bis ihn die Bäume in ihren Schutz nahmen. Jetzt blickte er zurück und sah, wie zwei Gestalten hinter ihm hereilten. Mehr verlangte er nicht zu sehen, sondern eilte weiter, kreuz und quer, durch den dunklen Tann. Endlich glaubte er sich gerettet. Er lauschte angestrengt, aber eine tiefe Stille herrschte ringsum, die beinahe beängstigend war. Nur aus weiter Ferne drang manchmal ein schwacher Ton bis zu ihm, der so hohl und geheimnisvoll klang, wie das leise Klagen einer abgeschiedenen Seele.

Erst wollte er für den Rest des Tages sich hier verborgen halten; aber es fröstelte ihn, und er mußte weiter, um sich warm zu halten. Er schritt jetzt immer gerade aus, um so eher an eine begangene Straße zu kommen. Aber der Wald schien kein Ende zu nehmen. Schneller eilte er vorwärts, nur um nicht an diesem unheimlichen Ort übernachten zu müssen. Das Dickicht wurde immer unwegsamer und die Dunkelheit stärker. Er stolperte über Baumwurzeln, verwickelte sich in Schlinggewächse und verwundete sich an Dornen. Wie froh atmete er auf, als er endlich einen Lichtschimmer zwischen den Bäumen hindurch bemerkte. Behutsam trat er vorwärts und lauschte. Das Licht drang aus dem ungeglasten Fenster einer armseligen kleinen Hütte. Jetzt wurde auch eine Stimme hörbar, bei deren Ton Eduard wegrennen und sich verbergen wollte. Als er aber vernahm, daß die Stimme betete, faßte er wieder Mut. Er schlich an das eine Fenster und lauschte. Dann erhob er sich auf die Fußspitzen und warf einen verstohlenen Blick hinein.

Das Gemach war nur klein, der Fußboden aus Lehm gestampft. In einer Ecke stand ein Binsenlager und eine oder zwei abgenutzte Decken lagen darauf. Dabei standen verschiedene Gefäße, Töpfe und Pfannen. Auch eine schmale Bank und ein dreibeiniger Stuhl waren da. Auf dem Herde glommen noch die Überreste eines Reisigbündels. Vor einem kleinen Altarschrein, der mit einer einzigen Kerze beleuchtet war, kniete ein bejahrter Mann. Neben ihm auf einem alten hölzernen Gestell lag ein offenes Buch und ein Totenschädel. Der Mann war von hoher Gestalt und starkknochig. Sein Haar und Backenbart waren lang und schneeweiß. Sein Gewand bestand aus Schafsfellen und reichte ihm vom Halse bis auf die Fersen.

»Ein frommer Einsiedler!« dachte sich der König; »das habe ich gut getroffen.«

Der Klausner erhob sich von den Knieen, und der König pochte an die Tür. Eine tiefe Stimme antwortete: »Tritt ein, aber laß die Sünde hinter dir, denn der Boden, auf dem du stehen wirst, ist heilig.«

Der König trat ein. Der Eremit richtete seine unruhig leuchtenden Augen auf ihn und fragte: »Wer bist du?«

»Ich bin der König.«

»Willkommen, König!« rief der Einsiedler begeistert. Dann machte er sich mit fieberhafter Eile allerlei zu tun und wiederholte fortwährend: »Willkommen, willkommen!« Er stellte dem König die Bank hin, nahe an den Herd und warf ein neues Bündel Reisig auf das Feuer. Hierauf ging er mit nervösen Schritten im Gemach auf und ab.

»Willkommen! Manche haben dieses Heiligtum aufgesucht, aber sie waren dessen nicht würdig und wurden verworfen. Ein König aber, der seine Krone ablegt und den eitlen Thronenflitter verachtet, seine Glieder in Lumpen hüllt, um sein Leben der Heiligung und Abtötung des Fleisches zu weihen, der ist würdig, der ist willkommen! Hier soll er wohnen all seine Tage, bis der Tod ihn holt.«

Der König wollte ihn unterbrechen und ihm den wahren Sachverhalt erklären. Aber der Eremit ließ ihn nicht zum Worte kommen, ja, er hörte ihn augenscheinlich nicht einmal. Mit erhobener Stimme und größerem Nachdruck fuhr der Greis fort: »Und du sollst im Frieden hier weilen. Niemand soll die Stätte deiner Zurückgezogenheit auffinden, um dich zurückzulocken in das leere, hohle Leben, das Gott dich aufzugeben hieß. Hier sollst du beten. Du sollst das Buch der Bücher studieren. Nachdenken sollst du über die Nichtigkeit, Torheit und Täuschung dieser Welt und die Erhabenheit der zukünftigen Welt. Du sollst dich nähren von Krumen und Kräutern, täglich deinen Leib mit Geißeln peitschen zur Reinigung deiner Seele. Ein härenes Gewand sollst du auf der bloßen Haut tragen und Wasser soll allein deine Lippen netzen. Im Frieden sollst du leben, in heiligem Frieden. Jeder, der des Weges kommt, um dich zu suchen, soll enttäuscht deine Hütte verlassen. Er soll dich nicht haben, nicht stören in deiner Andacht!«

Immer noch durchmaß der alte Mann aufgeregt das Zimmer. Aber jetzt murmelte er nur noch vor sich hin. Der König benutzte diese Pause, um die Sachlage klarzustellen. Aber der Eremit gab gar nicht darauf acht und murmelte weiter. Dann trat er wieder an den König heran und sagte nachdrücklich: »Still! Ich will dir ein Geheimnis sagen.«

Er beugte sich nieder zum Ohre des Königs, aber stockte dann einen Augenblick und nahm eine lauschende Haltung an. Dann ging er auf den Zehenspitzen ans Fenster, steckte den Kopf hinaus und schien das Halbdunkel durchdringen zu wollen. Darauf kam er wieder auf den Fußspitzen zurück, brachte seinen Mund ganz nahe an das Ohr des Königs und flüsterte: »Ich bin ein Erzengel.«

Der König fuhr erschrocken auf und sagte bei sich: »Wollte Gott, ich wäre wieder bei den Vaganten! Jetzt bin ich als Gefangener eines Irrsinnigen noch schlimmer daran.«

Seine Furcht prägte sich deutlich in seinen Zügen aus. Das bemerkte der Eremit, deutete es aber falsch und fuhr mit leiser, erregter Stimme fort: »Ich sehe es, du schreckest zurück in heiliger Scheu vor meiner Nähe. Deine Gestalt erbebt. Niemand betritt diese Atmosphäre, ohne Furcht zu empfinden, denn es ist die eigentliche Luft des Himmels. Ich versetze mich in die himmlischen Gefilde und kehre von dort zurück in einem Augenzwinkern. An dieser Stelle hier ward ich vor fünf Jahren zum Erzengel erkoren, und zwar kamen Engel vom Himmel, um mir diese erhabene Würde zu übertragen. Blendendes Licht erfüllte dieses Gemach, solange sie hier weilten. Und sie knieten vor mir, o König, ah, sie knieten vor mir, denn ich war größer als sie. Ich bin gewandelt in den Höfen des Himmels und habe mich mit den Patriarchen unterhalten. Hier, berühre meine Hand – fürchte dich nicht – bloß berühren sollst du sie. So, nun hast du eine Hand berührt, welche von Abraham, Isaak und Jakob berührt worden ist. Ja, ich wandelte in den goldenen Höfen und schaute die Gottheit von Angesicht zu Angesicht!«

Er hielt inne, um diesen Worten mehr Nachdruck zu geben. Dann veränderten sich plötzlich seine Züge. Er starrte wieder vor sich hin auf die Erde und fuhr zornig fort: »Ja, ich bin ein Erzengel, ein bloßer Erzengel. Und ich hätte doch wahrlich Papst sein können! Vor zwanzig Jahren sagte es mir der Himmel in einem Traum. Ja, Papst hätte ich werden sollen! Und ich wäre es auch geworden, hatte es doch der Himmel verheißen! Aber der König hob mein Kloster auf, und ich wurde als armer, obdachloser, freundloser Mönch in die Welt hinausgestoßen und so um meine glänzende Zukunft betrogen!«

Er fiel wieder in unverständliches Gemurmel und schlug sich die Stirn in machtloser Verzweiflung. Dann und wann kam etwas heraus wie eine heillose Verwünschung, und dann stöhnte er wieder: »Warum bin ich doch nichts als ein Erzengel, ich, der ich hätte Papst sein sollen!«

So ging es fort, wohl eine Stunde lang, während der arme kleine König angstvoll dasaß. Auf einmal aber wurde der Einsiedler ruhig und sanft. Er fiel herab aus seinem Himmel und wurde wieder Mensch. So einfach und gemütlich plauderte er jetzt, daß Eduard alle Furcht verlor und ihm sein ganzes Herz zuwandte. Der alte Mönch brachte den Knaben näher ans Feuer und machte es ihm möglichst bequem. Er verband ihm seine Schrammen und Schrunden mit geschickter und zarter Hand. Dann rüstete er ein Abendessen, während er immerfort plauderte.

Ganz vertraut und vergnügt nahmen sie zusammen ihr Mahl ein. Hierauf betete der Eremit vor seinem kleinen Altar und brachte dann den Knaben in einem anstoßenden kleinen Zimmerchen zu Bette. So sorgsam und liebevoll deckte er ihn zu, wie es eine Mutter kaum besser gemacht hätte. Schließlich küßte er ihn auf die Stirn und verließ ihn. Draußen setzte er sich am Feuer nieder und stocherte wie geistesabwesend in der Glut herum. Plötzlich hielt er inne, tippte sich mehrmals mit dem Finger an die Stirn, als suche er etwas in sein Gedächtnis zurückzurufen. Augenscheinlich aber glückte es ihm nicht. Jetzt stand er rasch auf, ging wieder in das Zimmer seines kleinen Gastes und fragte: »Du bist also König?«

»Ja«, antwortete Eduard mit schläfriger Stimme.

»Was für ein König?«

»König von England.«

»Von England? Dann wäre also Heinrich tot?«

»Ach, leider. Ich bin sein Sohn.«

Finster runzelte der Einsiedler die Stirn. Er stand eine Weile da, atmete hastig und schluckte, als könne er die Worte nicht herausbringen. Endlich sagte er mit heiserer Stimme: »Weißt du, daß er es war, der uns aus dem Kloster ins Elend der Welt hinausjagte?«

Es erfolgte keine Antwort. Der alte Mann beugte sich über den Knaben, der sanft eingeschlummert war. »Er schläft schon fest«, murmelte der Eremit. Die Runzeln verschwanden von seiner Stirn und aus den Augen fuhr ein böser Blick. Dann betrachtete er mit zufriedenem Lächeln die Züge des Knaben und wandte sich ab. Leise schlich er umher und suchte nach etwas. Von Zeit zu Zeit blieb er wieder stehen und lauschte den Atemzügen seines Gastes, während er immer vor sich hinbrummte. Endlich fand er, was er wünschte, nämlich ein rostiges altes Fleischermesser und einen Schleifstein. Jetzt stahl er sich wieder an seinen Feuerherd zurück, setzte sich nieder und begann das Messer sachte und geräuschlos auf dem Wetzstein zu schleifen. Draußen stöhnte der Wind um die lotterige Hütte. Waghalsige Mäuse guckten aus ihren Löchern hervor nach dem alten Mann, der über seiner Beschäftigung und seinen Gedanken für alles andere unempfindlich war.

Zeitweilig prüfte er mit dem Daumen die Schneide des Messers und nickte dann befriedigt: »Es wird schärfer«, flüsterte er, »ja, es wird schärfer.«

Ruhig schliff er weiter, und seine rastlos wandernden Gedanken kleideten sich zuweilen in Worte.

»Sein Vater brachte uns Unheil, er vernichtete uns. Und jetzt ist er hinuntergefahren ins höllische Feuer. Ja, hinunter ins höllische Feuer. Unserer Rache ist er entgangen, aber es war Gottes Wille. Wir dürfen uns darüber nicht aufhalten. Aber dem Höllenfeuer ist er nicht entronnen, dem verzehrenden, mitleidlosen, unerbittlichen Feuer der Hölle, das in Ewigkeit fortdauert.«

Und weiter arbeitete und murmelte er. Dann sprach er wieder vernehmbar: »Ja, sein Vater war es, der das verbrach. Und ich bin nur ein Erzengel! Seine Schuld ist es, daß ich nicht Papst geworden bin.«

Der König rührte sich. Behutsam eilte der Eremit an das Bett des kleinen Fremdlings, ließ sich auf die Kniee nieder und beugte sich mit aufgehobenem Messer über den Daliegenden. Der Knabe regte sich wieder. Seine Augen öffneten sich einen Augenblick lang, aber es war kein Leben in ihnen. Sie konnten nichts sehen. Gleich darauf kündete ein ruhiges Atmen, daß der König wieder eingeschlummert war.

Eine Weile blieb der Einsiedler noch da und lauschte und wagte kaum, Luft zu schöpfen. Dann erhob er sich und schlich wieder in sein Zimmer zurück.

»Mitternacht ist längst vorbei«, sagte er, »besser ist es, wenn er gar nicht zum Schreien kommt. Es könnte zufällig jemand draußen vorüber gehen.«

Er glitt in seiner Hütte herum, nahm hier etwas und dort etwas und kehrte damit ins Zimmer des Königs zurück. Es gelang ihm, seinem kleinen Gaste die Knöchel zusammen zu binden, ohne ihn selbst zu wecken. Dann versuchte er ihm auch die Handgelenke zu schnüren. Aber der Knabe zog immer im letzten Augenblicke noch die eine oder andere Hand zurück. Der Erzengel wollte schon verzweifeln, als plötzlich der Knabe selbst die Hände faltete, die im nächsten Augenblick gebunden waren. Nun legte der Einsiedler eine Binde unter das Kinn des Schläfers, zog sie über den Kopf herauf und band sie fest. Auch das nahm er so sanft und geschickt vor, daß der Knabe ungestört weiter schlief.

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