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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Neunzehntes Kapitel.
Wie Eduard es Alfred dem Großen nachmacht.

Als Eduard in der Morgenfrühe erwachte, fand er eine nasse Ratte, die sich an seiner Brust ein behagliches Nestchen gemacht hatte. Sie riß aber aus, sowie sie sich entdeckt sah. Der König lächelte und sprach: »Was fürchtest du dich, du arme Närrin? Ich bin doch ebenso ein Eindringling wie du. Ich müßte mich doch schämen, wollte ich dir ein Leides tun, da ich selbst so hilflos bin. Überdies nehme ich dich als gutes Zeichen. Wenn ein König so weit herabgekommen ist, daß die Ratten sich ihn zum Lager machen, so muß sich doch das Schicksal bald wenden, denn schlimmer kann es wohl nicht mehr werden.«

Er stand auf und ging aus dem Stall. Das Scheunentor war offen, und ein paar kleine Mädchen standen am Eingang. Als sie ihn erblickten, hörten sie auf zu schwatzen und zu lachen, und blickten ihn neugierig an. Dann flüsterten sie leise miteinander, kamen näher, guckten ihn schärfer an und raunten sich wieder etwas zu. Endlich faßten sie Vertrauen und begannen laut über ihn zu plaudern. Eine sagte: »Er hat ein hübsches Gesicht.«

Die andere fügte hinzu: »Und schönes Haar.«

»Aber seine Kleider sind schäbig.«

»Und wie verhungert er aussieht!«

Sie kamen noch näher, beaugapfelten ihn ringsum und musterten und kritisierten, aber immer behutsam und vorsichtig, als wäre er ein fremdartiges Getier, das sie beißen könnte. Schließlich blieben sie vor ihm stehen, gaben einander die Hände wie zum gegenseitigen Schutze und glotzten ihn mit unschuldigen Augen lange an. Dann nahm eine von ihnen all ihren Mut zusammen und fragte: »Wer bist du, Junge?«

»Ich bin der König!« war die Antwort.

Die Kinder fuhren ein wenig zusammen und schauten ihn großäugig an. Dann überwog die Neugier: »Der König? Was für ein König?«

»Der König von England.«

Die Kinder staunten einander an. Dann blickten sie wieder auf den Fremdling und schließlich schauten sie sich noch einmal fragend an.

Endlich sagte eine: »Hörst du, Marga? Er sagt, er sei der König. Kann das richtig sein?«

»Natürlich! Wie könnte es auch anders sein, Magda? Wird er denn etwas sagen, was nicht wahr ist? Denn siehst du, Magda, wenn es nicht wahr wäre, so wäre es eine Lüge. Ja, ganz gewiß. Alles, was nicht wahr ist, ist Lüge. Was sollte es denn sonst sein?«

Das war ein stichhaltiger Beweis und nichts dagegen einzuwenden. Magdas Zweifel schwanden denn auch gleich dahin, wie Schnee in der Julisonne. Sie überlegte einen Augenblick, dann leistete sie Eduard Genugtuung, indem sie einfach sagte: »Wenn du wirklich der König bist, dann glaube ich es.«

»Ich bin wirklich der König.«

Damit war die Sache abgemacht. Für die beiden Mädchen war er nun endgültig König. Sie fragten ihn also weiter, wie er hierher komme, warum er so unköniglich gekleidet sei, wohin er gehe und allerlei anderes. Ihm war es eine große Erleichterung, daß er einmal frei von Herzen sich aussprechen konnte, ohne verspottet und verlacht zu werden.

Er erzählte all seine Abenteuer und vergaß sogar seinen Hunger darüber. Mit dem tiefsten, zärtlichsten Interesse lauschten die artigen beiden Mädchen seiner Erzählung und unterbrachen ihn nur zuweilen mit Ausrufen des Mitleids. Aber als er auf die Erlebnisse des gestrigen Tages zu sprechen kam und sie erfuhren, wie lange er gefastet hatte, ließen sie ihn plötzlich stehen und eilten davon, um es ihrer Mutter zu sagen.

Der König war überglücklich und sagte sich: »Wenn ich auf meinen Thron komme, will ich kleine Kinder immer in Ehren halten und mich dabei erinnern, wie diese hier mir Glauben und Vertrauen schenkten, als ich so unglücklich war, während ältere Leute, die sich für besser hielten, mich verspotteten und einen Lügner schalten.«

Die Mutter der Kinder nahm den König gütig auf. Es war eine mitleidige Seele, und seine hilflose Lage und sein augenscheinlich kranker Verstand griffen ihr ans Herz. Sie war Witwe und nicht in glänzenden Verhältnissen. Folglich hatte sie Ungemach genug gesehen, um anderer Leiden nachfühlen zu können.

Sie beschrieb ihm alle umliegenden Dörfer und Städte, um zu erkunden, ob ihm eine dieser Ortschaften vertraut sei. Aber es war vergebliche Mühe. Er sprach immer nur vom Hof und dem verstorbenen König, als seinem Vater. Kam sie auf andere Verhältnisse, so zeigte er sich vollkommen teilnahmslos.

Die Frau wußte gar nicht, woran sie eigentlich mit ihm sei, aber sie wollte es noch ergründen. Während sie fortfuhr zu kochen, sann sie auf Mittel, hinter das Geheimnis des Knaben zu kommen. Sie plauderte von Rindvieh; es ließ ihn kalt. Dann sprach sie von Schafen, von Gänsen; er zeigte nicht mehr Interesse. Also Schäferjunge, Kuhhüter oder Gänsetreiber war er nicht. Sie schwatzte von Mühlen und Webern und Zinngießern, von Schmieden und allen möglichen Handwerkern. Dann kam sie auf das große Irrenhaus Bedlam, auf Gefängnisse und Wohltätigkeitsanstalten. Aber es war alles nichts; der Knabe zeigte immer die nämliche Gleichgültigkeit. Indes war er vielleicht Hausdiener gewesen. Sie sprach also von fegen, scheuern, Feuer anmachen, waschen; auch das konnte ihn alles nicht begeistern. Oder sollte er Küchenjunge gewesen sein? Das war noch eine schwache Hoffnung. Sie ließ sich also auch hierüber aus, und zu ihrer großen Freude erhellte sich die Miene des kleinen Königs plötzlich. Aha! endlich hatte sie ihn doch gefangen! Sie war recht stolz darauf, wie sie es so klug angefangen hatte, das herauszufinden.

Nun konnte sie ihrer müden Zunge Ruhe gönnen. Vom nagenden Hunger getrieben und angeregt durch den Wohlgeruch, der den Töpfen und Pfannen entströmte, wurde der König jetzt selbst gesprächig. Er beschrieb mehrere auserlesene, köstliche Gerichte, so daß sich die Frau dachte: »Wahrhaftig, es ist kein Irrtum. Er hat in einer großen Küche geholfen. Weiß Gott! wo der die vielen kostspieligen Gerichte her hat! Solche kommen doch nur auf die Tische der Reichen und Vornehmen. Ah, nun wird's Tag! So zerlumpt er aussieht, er muß in der Küche des Königspalastes gedient haben, bevor er irrsinnig wurde. Ich werde es gleich heraus haben.«

Sie forderte also den König auf, ein wenig auf das Kochen acht zu geben. Er könne auch selbst noch etwas dazu kochen, soweit das Nötige da sei und er Lust habe. Dann ging sie hinaus und gab den Kindern einen Wink, ihr zu folgen. Der König aber murmelte bei sich: »Ist doch schon ein anderer englischer König mit solchen Sachen betraut worden! Es ist also keine Schande für mich, wenn ich dasselbe tue, wozu Alfred der Große sich herabließ. Aber ich will versuchen, meine Sache besser zu machen, als er, denn er ließ die Kuchen verbrennen.«

Die Absicht war gut, aber die Ausführung entsprach ihr nicht. Eduard sowohl wie einst Alfred verfiel bald in Grübeleien über seine eigenen Angelegenheiten. Das Ergebnis war bei beiden dasselbe: die Speisen brannten an. Die Frau kehrte gerade noch zur rechten Zeit zurück, um sie vor dem gänzlichen Verderben zu retten und rüffelte den König gehörig. Als sie aber sah, wie leid ihm selbst seine Nachlässigkeit tat, besänftigte sie sich gleich wieder und war alle Güte und Liebe zu ihm.

Eduard aß mit köstlichem Appetit und wurde sichtlich heiterer und aufgeräumter. Dazu waren die Leute so freundlich und zutraulich, daß er alles andere darüber vergaß. Erst hatte die Frau beabsichtigt, ihn abseits speisen zu lassen, wie jeden anderen Landläufer. Da sie ihn aber so tüchtig ausgescholten hatte, wollte sie es wieder gut machen und hieß ihn mit zu Tische sitzen. Wenn er mit besseren Leuten zusammen essen dürfe, dachte die gute Frau, so würde es ihn versöhnen und heiter stimmen. Der König aber bedauerte so sehr, das Vertrauen der Frau getäuscht zu haben, daß er es über sich gewann, an demselben Tische mit der Familie zu essen und sich auf gleichen Fuß mit ihr zu stellen, um sein Unrecht vergessen zu machen. Erst hatte er sich vorgenommen, allein zu speisen, während die Witwe und ihre Kinder dabeistehen und ihn bedienen sollen. Es schadet uns allen nichts, wenn wir uns zuweilen ein wenig »vergeben« und demütigen. Die gute Frau fühlte sich den ganzen Tag über glücklich, daß sie sich soweit »vergeben« hatte, mit einem Landstreicher am selben Tisch zu essen. Der König hinwieder empfand gleichfalls eine innere Befriedigung, daß er sich so sehr gegenüber einer armen Bauernfrau herabgelassen hatte.

Als das Frühstück vorbei war, forderte die Frau den König auf, die Schüsseln und Teller zu reinigen. Das war etwas viel; Eduard wollte schon aufbrausen, aber dann sagte er sich: »Wenn Alfred der Große die Kuchen bewachte, so hätte er wahrscheinlich auch die Teller abgewaschen, daher will ich es auch übernehmen.«

Es gelang ihm nicht so ganz besonders, worüber er selbst erstaunt war, denn die Aufgabe war ihm leicht genug erschienen. Eigentlich wäre er jetzt am liebsten wieder fortgegangen, aber so leicht ward es ihm nicht gemacht. Die Witwe hatte noch allerhand Beschäftigung für ihn, die er gutwillig übernahm. Er mußte mit den Kindern Äpfel schälen. Dabei benahm er sich indes so ungeschickt, daß ihm die Frau die Arbeit wieder abnahm und ein Messer zu schleifen befahl. Dann mußte er Wolle krempeln, bis er dachte, er habe den guten König Alfred nun weit in den Schatten gestellt, was gewiß in späteren Schulbüchern sehr anschaulich geschildert würde. Da er aber diese Lesebücher nicht überlasten wollte, beschloß er, tunlichst bald der Sache ein Ende zu wachen.

Nach dem Mittagessen, das er wieder gemeinsam mit der Familie einnahm, gab ihm die Frau ein Körbchen voll kleine Kätzchen, die er ertränken sollte. Das war der gegebene Anlaß. Er nahm sich vor, diesen Gang zur Flucht zu benutzen. Eine unerwartete Überraschung nötigte ihn dazu. Wie er zufällig hinausschaute, sah er nämlich Johann Hobbs mit einem Hausiererpack auf dem Rücken daherkommen, und neben ihm schritt Hugo.

Sie hatten ihn noch nicht sehen können. Rasch nahm er das Körbchen und eilte zur Hintertür hinaus, als eben seine Verfolger vor die andere Tür kamen. Die Kätzchen setzte er in einem Seitengebäude ab und eilte, so schnell ihn seine Beine trugen, auf einen schmalen Wiesenpfad dahin.

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