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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Sechzehntes Kapitel.
Wie Tom vor dem Volke speist.

Die Stunde des öffentlichen Mahles kam näher. Sonderbarerweise empfand Tom fast gar kein Unbehagen mehr, wenn er daran dachte. Die Gerichtsverhandlung hatte sein Selbstvertrauen mächtig gehoben. Überhaupt hatte er sich in diesen vier Tagen schon so ziemlich an sein wunderbares Geschick gewöhnt. Ein Kind paßt sich eben viel leichter den Umständen an, als ein Erwachsener.

Während sich Tom zum Mahle rüstet, wollen wir ihm vorauseilen und uns das Gemach ansehen, wo er speisen sollte. Es ist eine geräumige Halle mit vergoldeten Pfeilern und gemalten Wänden und Decken. An den Flügeltüren standen hochgewachsene Gardisten so starr wie Standbilder, in reichen malerischen Gewändern und Hellebarden in den Händen. Auf der Galerie, welche rings um den Saal lief, war eine Musikkapelle aufgestellt. Den ganzen übrigen Teil der Galerie aber füllte eine dichtgedrängte Menge von Bürgern und Bürgerinnen in stattlichen Gewändern. In der Mitte der Halle auf einer erhöhten Plattform stand der Eßtisch des Königs.

Jetzt trat ein Edelmann herein, der einen Stab trug, und neben ihm ein anderer mit einem Tischtuch. Beide verbeugten sich dreimal bis auf die Kniee, worauf der eine das Tuch über den Tisch ausbreitete. Dann verbeugten sie sich wieder und zogen sich zurück.

Nun kamen zwei andere Herren herein, der eine wieder mit einem Stabe, der andere mit Salzbüchse, Teller und Brot. Sie verbeugten sich wie die vorigen, stellten Salz und Brot auf den Tisch und verschwanden wieder unter gleichen Zeremonien. Zuletzt erschienen zwei Edelleute, der eine mit einem Messer. Nach den erwähnten Verbeugungen rieben sie den Tisch mit Brot und Salz in solcher Ehrerbietung, als wäre der König zugegen gewesen.

Das waren die Vorbereitungen. Jetzt hörte man durch die widerhallenden Gänge eine Fanfare und den undeutlichen Ruf: »Platz für des Königs erhabene Majestät!« Dieser Ruf wiederholte sich und kam immer näher. Plötzlich sprangen die Flügeltüren weit auf. Noch einmal schmetterten die Trompeten und ertönte der Ruf: »Platz für den König!« Glänzende Edelknaben erschienen am Eingang und traten in zwei Reihen auseinander. Zwischen ihnen schritten Edelleute, Freiherren, Grafen, Ritter des Hosenbandordens, alle prächtig gekleidet und barhäuptig. Dann kam der Kanzler zwischen zwei Begleitern, von denen einer das königliche Zepter, der andere das Staatsschwert in roter, mit goldenen Lilien bestickter Scheide, die Spitze nach aufwärts, trug.

Nun erschien der König selbst, bei dessen Sichtbarwerden zwölf Trompeten erschollen und ebensoviel Trommeln wirbelten. Zugleich erhoben sich die Bürger auf der Galerie und stimmten in den brausenden Ruf ein: »Gott erhalte den König!« Hinter Tom kamen einige Edle seiner näheren Umgebung und den Schluß bildete seine Ehrenwache, fünfzig Edelleute mit vergoldeten Streitäxten.

Es war ein stolzer Anblick. Tom schlug das Herz höher und seine Augen leuchteten. In anmutiger und ungezwungener Haltung schritt er daher und dankte für die Willkommsrufe mit einer leichten Verbeugung seines Kopfes, den ein Federbarett schmückte, und den freundlichen Worten: »Ich danke dir, mein gutes Volk!«

Dann setzte er sich, ohne die geringste Verlegenheit zu zeigen, an den Tisch. Sein Barett behielt er auf, denn so war es Sitte bei den Königen sowohl, wie auch bei der Familie Canty. Das Gefolge löste sich auf und gruppierte sich malerisch in der Halle umher.

Nun traten auch unter den Klängen heiterer Musik die Trabanten des Königs herein, die größten und stärksten Männer Englands, barhäuptig, in Scharlach gekleidet, mit goldenen Rosen auf dem Rücken. Diese trugen das Mahl herein und überreichten die einzelnen Gerichte je einem Edelmann, der es auf den Tisch stellte. Der Truchseß trat herzu und gab von jedem Gericht einen Bissen dem Trabanten zu kosten, der es gebracht hatte, aus Furcht vor Gift.

Tom aß mit gutem Appetit, wiewohl er wußte, daß Hunderte von Augen jedem Bissen folgten, den er in den Mund steckte und zwar mit einem Interesse, als enthielten die Speisen Explosivstoffe, die den König im nächsten Augenblicke zerreißen und in die Luft jagen müßten.

Diesmal aß Tom nicht mehr hastig und hütete sich auch, etwas eigenhändig zu tun, was einem seiner Diener zu verrichten oblag. Ohne irgend einen Verstoß aß er zu Ende.

Als das Mahl endlich vorüber war, und er mit seinem glänzenden Gefolge die Halle unter Trompetengeschmetter und donnerndem Beifall verließ, da fühlte er sich so sicher, daß er gerne mehrmals des Tages öffentlich gespeist hätte, wenn er damit seiner Staatsgeschäfte ledig gewesen wäre.

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