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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
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Fünfzehntes Kapitel.
Wie Tom des Richteramtes waltet.

Am nächsten Tage empfing Tom, auf dem Throne sitzend, die fremden Gesandten in feierlicher Audienz. Erst war er entzückt über die Prachtentfaltung Über den Charakter des Grafen Hertford sagt Hume in seiner Geschichte Englands: »Der junge König (Eduard) zeigte eine sehr große Anhänglichkeit an seinen Oheim, welcher in der Hauptsache ein gemäßigter, rechtlicher Mann war. Freilich erregte er viel Anstoß durch seinen Ehrgeiz und den Glanz, mit dem er sich umgab. Indes verdient er großes Lob für die Gesetze, deren Urheber er war, und wodurch die Strenge der früheren Verordnungen sehr gemildert und die Freiheit der Verfassung gewährleistet wurde. Die Großzahl der vorherigen harten Gesetze verlor ihre Gültigkeit, und das Morgenrot bürgerlicher und religiöser Freiheit begann am Horizont aufzusteigen. So z. B. durfte wegen Beleidigungen und Vergehen durch Worte erst einen Monat nach ihrer Äußerung Klage erhoben werden. Ein anderes seiner Gesetze bestimmte, daß fortan kein Erlaß des Königs mehr Gesetzeskraft haben solle.« Soweit Hume.
Eduard Seymour, Graf von Hertford und Herzog von Somerset ließ sich als Protektor von seinem Neffen Eduard VI. volle königliche Gewalt übertragen und übte dieselbe auch tatsächlich zum Segen des Landes aus. Er bestimmte Eduard auch, mit Übergehung seiner Halbschwester Maria, Fräulein Johanna Grey als seine Thronfolgerin zu erklären. Dieses Testament wurde jedoch in der Folge von Maria umgestoßen, und Johanna Grey verblutete auf dem Schafotte. Endlich gelang es den Gegnern des Protektors, ihn im Jahre 1549 zu stürzen. Zwei Jahre später ward er auf Veranlassung seines Hauptgegners, des mit ihm verschwägerten Grafen von Marwick wegen angeblicher Felonie (er soll Warwick nach dem Leben getrachtet haben) und Hochverrat (man beschuldigte ihn, er strebe nach dem Throne) von einem Gericht von 27 Reichsbaronen (Peers) zum Tode verurteilt und am 22. Januar 1552 hingerichtet. An seiner Stelle ward König Eduard der genannte Graf von Warwick, der spätere Herzog von Northumberland als Protektor beigegeben.
, aber die Audienz zog sich in die Länge und wirkte ermüdend, so daß er sich bald gelangweilt fühlte. Er wiederholte mechanisch, was Lord Hertford ihm auf die Zunge legte, und mühte sich, seine Sache möglichst gut zu machen. Aber die Aufgabe war doch etwas zu schwer für ihn. Er war froh, daß er so leidlich davonkam und atmete auf, als die Zeremonien zu Ende waren.

Die Staatsgeschäfte nahmen den größten Teil des Tages in Anspruch. Dann durfte er sich zwei Stunden lang der Erholung und dem Zeitvertreib widmen, aber auch das brachte ihm keinen rechten Genuß, da er auch hier sich allerlei höfischen Zwang auferlegen mußte. Dagegen hatte er auch wieder eine lehrreiche Privatstunde mit seinem Prügeljungen, die er reichlich ausnutzte.

Allmählich bewegte er sich doch freier, wenn er auch noch oft anstieß. Er gewöhnte sich immer mehr an seine Umgebung und empfand seine Ketten weniger schwer.

Aber er hatte noch nicht alles durchgemacht; viele neue und schwierige Aufgaben erwarteten ihn noch. Er mußte den Vorsitz im Staatsrat führen, wo er seine Ansichten über die Politik klarlegen sollte, die England den verschiedenen Nationen gegenüber einzuschlagen hatte, wie auch viele andere, nicht weniger heikle Fragen zur Sprache kamen. Am meisten aber bangte ihm vor dem öffentlichen Mahl, wo viele hundert Augen neugierig all seinen Bewegungen folgen würden.

Aber Tom konnte diesem Tage nicht Einhalt gebieten, und so kam er heran. Der Pseudokönig war zerstreut und niedergedrückt und vermochte nicht, seiner Mißstimmung Herr zu werden. Alles kam ihm heute doppelt langweilig vor, und ein Gefühl der Verlassenheit wollte sich wiederum seiner bemächtigen.

Es war spät am Vormittag. Tom unterhielt sich im großen Audienzsaal mit dem Grafen Hertford, der in den nächsten Tagen feierlich zum Lordprotektor ernannt werden sollte. Beklommen erwartete er die Stunde des öffentlichen Mahles, vor welchem er aber noch die Großen des Reiches in Audienz empfangen wollte.

Tom war an ein Fenster getreten, um das bunte Treiben auf der belebten Straße vor den Toren des Palastes zu beobachten. O wie sehnte er sich, frei, wenn auch als Bettler, wieder selbst an dem frohen Straßenleben teilnehmen zu können! Da bemerkte er plötzlich eine pfeifende, zischende, schreiende Menge, die sich die Straße heraufwälzte.

»Ich möchte wohl wissen, was da los ist!« rief er mit kindlicher Neugier.

»Ihr seid der König«, erwiderte der Graf, sich verbeugend. »Erlaubt Ihr mir, Erkundigungen einzuziehen?«

»Ach ja, gewiß, gerne!« rief Tom lebhaft. Und befriedigt sprach er für sich: »Wenn es auch langweilig ist, König zu sein, seine angenehmen Seiten hat es doch.«

Der Graf winkte einem Edelknaben und schickte ihn zum Hauptmann der Wache mit dem Befehl, der Pöbel solle angehalten werden und Aufschluß über die Zusammenrottung geben.

Wenige Sekunden später marschierte eine lange Rotte der königlichen Wache in blitzender Stahlrüstung zu den Toren hinaus und stellte sich der Menge entgegen. Bald kehrte ein Bote mit der Meldung zurück, der Pöbel laufe hinter einem Mann, einer Frau und einem jungen Mädchen her, die alle zur Richtstätte geführt würden.

Zur Richtstätte! Dieses düstere Wort drang Tom zu Herzen. Das Mitleid überwog alle Bedenken. Er dachte nicht daran, daß diese Menschen dem Gesetze zuwider gehandelt und ihren Mitmenschen Schaden zugefügt hatten. Der Gedanke an das Schafott und das traurige Verhängnis, dem die Verurteilten entgegengingen, verdrängte alle übrigen Empfindungen. Dieses Bedauern ließ ihn sogar für den Augenblick vergessen, daß er nur ein Schattenkönig war, und beinahe unbewußt stieß er hervor: »Bringt sie hierher!«

Dann wurde er purpurrot und war daran, eine Entschuldigung zu stammeln. Noch rechtzeitig bemerkte er aber, daß weder die Mienen des Grafen, noch die des Edelknaben Überraschung zeigten, und er beruhigte sich. Der Edelknabe machte eine tiefe Verbeugung und verließ den Saal, um den Befehl zu überbringen.

Wieder beschlich stolze Freude Toms Herz. »Wahrhaftig«, sagte er sich, »genau dasselbe Gefühl überkam mich, wenn ich den Märchen des alten Priesters lauschte und mir vorstellte, wenn ich auch ein solcher König wäre, Gesetze geben und das und jenes befehlen könnte, ohne daß jemand sich meinem Befehle widersehen dürfte.«

Die Stunde der Audienz war gekommen. Die Flügeltüren sprangen auf. Ein Edelknabe rief einen erlauchten Namen nach dem andern, deren Träger unmittelbar nach dem Rufe den Saal betraten, der sich rasch mit den vornehmsten Männern Englands füllte. Tom bemerkte ihre Gegenwart kaum, so sehr war er in seine Träumerei versunken. Er setzte sich wieder, wie geistesabwesend, auf seinen Thron und schaute dann in ungeduldiger Erwartung nach dem Eingang, während die Edelleute im Flüstertone von Staatsgeschäften und Hofangelegenheiten sprachen.

Bald indessen ließ sich der abgemessene Schritt von Soldaten hören. Die Verurteilten traten in den Saal, begleitet von einer Abteilung der königlichen Wachen und einem Gerichtsbeamten. Dieser ließ sich vor Tom auf ein Knie nieder und trat dann beiseite. Die drei Verurteilten knieten ebenfalls nieder und blieben in dieser Lage. Die Garde stellte sich hinter Toms Thronsessel auf. Tom musterte neugierig die Gefangenen. Etwas an der Kleidung und dem Aussehen des Mannes weckte in ihm eine dunkle Erinnerung. Ihm war's, als hätte er den Mann schon irgendwo einmal gesehen, aber er konnte sich nicht entsinnen, wann und wo. Da blickte der Mann rasch auf, senkte aber ebenso schnell seine Augen wieder, wie geblendet von der Majestät des Königs. Aber dieser eine Augenblick hatte Tom genügt. Er sagte sich: »Nun ist die Sache klar. Das ist ja der Fremde, der den Julius Witt aus der Themse zog und ihm so das Leben rettete an jenem bitterkalten, stürmischen Neujahrstag. Es war eine brave, schöne Tat; schade um den Mann, daß er sich jetzt in so schlimme Händel verwickelte. Ich habe weder den Tag, noch die Stunde vergessen, weil ich eine Stunde später von Großmutter eine solche gewaltige Tracht Prügel bekam, daß alle vorherigen und nachherigen Prügel nur Liebkosungen dagegen waren.«

Tom befahl, die Frau und das Mädchen einstweilen wegzuführen. Dann wandte er sich an den Gerichtsbeamten und sagte: »Wessen beschuldigt man diesen Gefangenen?«

Der Beamte ließ sich wieder auf ein Knie nieder und erwiderte: »Ew. Majestät zu dienen, er hat einen Euerer Untertanen vergiftet.«

Toms Mitleid für den Gefangenen und seine Bewunderung für dessen kühne Rettungstat erlitten eine gewaltige Erschütterung.

»Wurde er des Verbrechens überführt?« fragte er weiter.

»In überzeugender Weise, Majestät.«

Tom seufzte und sprach: »Führt ihn fort; er hat den Tod verdient. Es ist bedauernswert, denn er war eine brave Seele ... Ich meine, er sieht so aus.«

Der Gefangene faltete seine Hände, rang sie wie verzweifelt und wandte sich flehend und in abgebrochenen Sätzen also an den König: »O mein gnädigster Herr, wenn Ihr einen Verlorenen bedauern könnt, so habt Mitleid mit mir. Ich bin unschuldig an dem, was mir zur Last gelegt wird; die Scheinbeweise waren auch nur kläglich. Aber davon spreche ich nicht. Das Urteil ist gegen mich ergangen und kann wohl nicht mehr geändert werden. Aber in meiner äußersten Not bitte ich um eine andere Gnade. Denn wie ich sterben soll, ist mehr, als ich ertragen kann. Gnade, Gnade, erhabene Majestät! In fürstlichem Mitleid gewährt mir meine Bitte: gebt Befehl, daß ich gehängt werde!«

Tom war verblüfft. Auf eine solche Art Bitte war er nicht gefaßt.

»Meiner Treu, eine sonderbare Bitte! Was für ein Schicksal war dir denn bestimmt?«

»Ach, mein erlauchter Fürst, ich soll lebendig zu Tode gebrüht werden.«

Eine peinliche Überraschung malte sich auf Toms Gesicht und ließ ihn beinahe vom Thronsessel aufspringen. Sowie er seine Sprache wieder erlangte, rief er: »Dein Wunsch soll dir erfüllt sein. Und hättest du hundert Menschen vergiftet, eines solch elenden Todes sollst du nicht sterben!«

Der Gefangene verbeugte sich bis auf die Erde und floß über von heißen Dankesworten. Er schloß mit den Worten: »Und solltet Ihr je Ungemach kennen lernen, was Gott verhüte! so möge Euere Gutherzigkeit gegen mich in jener Stunde belohnt und vergolten werden.«

Tom wandte sich an den Grafen von Hertford und sagte: »Mein Lord, wie ist nur eine solch schreckliche Strafe möglich?«

»Das Gesetz bestimmt es so für Giftmischer Unter der Regierung Heinrichs VIII. wurden Giftmischer zutode gebrüht. Unter Eduards Regierung aber ward dieses Gesetz aufgehoben. In Deutschland wurde noch im 17. Jahrhundert diese schreckliche Strafe über Fälscher und Falschmünzer verhängt. Taylor, der Wasserpoet, beschreibt eine solche Hinrichtung, welcher er 1616 in Hamburg beiwohnte. Der Verurteilte wurde nicht auf einmal in das siedende Öl hineingeworfen, sondern an einem Stricke, der an einer Rolle hing, ganz langsam in gewissen Zeitabständen nach und nach hinunter gelassen, erst die Füße, dann die Beine und so immer weiter, bis das gesottene Fleisch von den Knochen fiel., Ew. Gnaden. In Deutschland ist man noch strenger. Dort werden Falschmünzer nicht auf einmal in das siedende Öl geworfen, sondern an einem Stricke langsam nach und nach hineingetaucht, erst die Füße, dann die Beine, dann ...«

»O bitte, nicht weiter, mein Lord. Das kann ich nicht hören!« rief Tom und bedeckte die Augen mit seinen Händen, wie um das schreckliche Bild nicht sehen zu müssen. »Ich bitte Euere Lordschaft, zu veranlassen, daß dieses Gesetz geändert wird.«

Die Miene des Grafen drückte hohe Befriedigung aus, denn er war ein Mann von humanen, edelmütigen Gesinnungen, was damals in seinem Stande nicht gerade häufig vorkam. Er antwortete: »Die Hochherzigkeit Ew. Gnaden hat das Schicksal dieses Gesetzes besiegelt. Die Geschichte wird sich daran erinnern zur Ehre Eures königlichen Hauses.«

Der Gerichtsbeamte wollte hierauf den Gefangenen fortführen. Tom winkte Einhalt und sagte: »Ich möchte noch etwas klarer in diese Angelegenheit hineinsehen. Der Mann hat gesagt, seine Tat sei nur schwach bewiesen worden. Berichte mir, was du darüber weißt.«

»Ew. Majestät zu dienen, vor Gericht gewann es den Anschein, als sei dieser Mann in das Haus des Ermordeten eingedrungen, worin dieser zu jener Zeit krank im Bette lag. Zwei Zeugen sagten aus, es sei um zehn Uhr vormittags und zwei andere Zeugen, es sei einige Minuten später gewesen. Der kranke Mann war allein zu Hause und schlief. Der Angeklagte kam gleich wieder heraus und ging seiner Wege. Der Kranke aber starb innerhalb einer Stunde unter Krämpfen und Zuckungen.«

»Sah jemand, wie ihm Gift gegeben wurde? Wurde überhaupt Gift gefunden?«

»Nein, mein Fürst.«

»Wie konnte man denn wissen, daß der Kranke an Gift starb?«

»Ew. Majestät zu dienen, die Arzte bezeugen, daß ein Tod unter solchen Erscheinungen nur unter der Einwirkung von Gift erfolgen könne.«

Das war nun allerdings ein gewichtiges Zeugnis für jene Zeit. Tom mußte sich das auch sagen und fuhr daher fort: »Die Ärzte müssen das wissen. Die Sache steht freilich schlimm für den Angeklagten.«

»Das war noch nicht alles, Majestät. Schwerwiegender und gewichtiger war noch folgende Tatsache. Viele Leute bezeugen, daß eine Hexe, die am Tatorte wohnte, aber seither fortzog, niemand weiß wohin, ihnen voraussagte, der kranke Mann werde an Gift sterben. Mehr noch; ein Fremder werde es ihm reichen, ein Fremder mit braunem Haar und ärmlicher, gewöhnlicher Kleidung. Den Angaben der Hexe aber entspricht der Angeklagte und sein Gewand.«

Das war ein Beweis von überzeugender Gewalt in jenen abergläubischen Zeiten. Auch Tom stand unter diesem Eindruck. Trotzdem wollte er die Sache noch nicht ganz aufgeben und forderte daher den Angeklagten auf: »Wenn du noch etwas zu deinen Gunsten zu sagen hast, dann sprich!«

»Das wird wohl nichts helfen, mein gnädigster König. Ich bin unschuldig, aber beweisen kann ich es nicht. Ich habe keine Freunde, sonst könnte ich vielleicht nachweisen, daß ich an jenem Tage gar nicht am Tatorte mich aufhielt. Ich befand mich mehr als eine Meile davon entfernt, am Themseufer bei der alten Stiege. Noch mehr, mein König: während sie behaupten, ich habe einem Menschen das Leben genommen, könnte ich sagen: ich habe ein Menschenleben gerettet ...«

»Halt! Nenne den Tag, an dem der Mord begangen sein soll!« wandte sich Tom an den Gerichtsbeamten.

»Um zehn Uhr des Morgens oder einige Minuten später, am Neujahrstage, Erlauchtester ...«

»Schon gut. Gebt den Gefangenen frei! Es ist des Königs Wille.«

Wieder errötete der König und begründete die überraschende Entscheidung mit den Worten: »Es ist meinem ganzen Denken zuwider, daß ein Mann gehängt werden sollte auf Grund solcher an den Haaren herbeigezogener Beweise.«

Ein unterdrücktes bewunderndes Gemurmel machte sich im ganzen Saale bemerkbar. Diese Anerkennung galt nicht Toms Entscheidung und der Begnadigung eines scheinbar überwiesenen Giftmischers, sondern der Klugheit und dem Geist, die Tom bei der ganzen Verhandlung an den Tag gelegt hatte. Man flüsterte sich zu: »Das ist kein irrsinniger König. Sein Verstand ist ungetrübt.«

»Wie verständig er seine Fragen stellte! Diese rasche, gebieterische Beilegung der Sache entspricht ganz seiner früheren Natur.«

»Gott sei Dank! Seine Krankheit ist vorüber. Das ist kein Schwächling, sondern ein König. Sein Vater hätte sich nicht schneidiger zeigen können.«

Toms Ohr entging das allgemeine Beifallsgemurmel nicht. Es erleichterte und ermutigte ihn.

Bald aber bekam seine jugendliche Neugier frische Nahrung. Er war begierig zu erfahren, was die Frau und ihr kleines Mädchen angestiftet haben könnten, um den Tod zu verdienen. So wurden auf seinen Befehl die beiden angstvollen und schluchzenden Geschöpfe vorgeführt.

»Was legt man diesen Angeklagten zur Last?« fragte er den Gerichtsbeamten.

»Ew. Majestät zu dienen, sie sind eines schweren Verbrechens angeklagt und überführt worden, weshalb der Gerichtshof sie zum Galgen verurteilt hat. Sie verkauften sich selbst dem Gottseibeiuns. Das ist ihr Verbrechen.«

Tom schauderte. Es war ihm gesagt worden, solche Leute seien verabscheuungswürdig. Dennoch wollte er sich nicht das Vergnügen versagen, weiter auf die Sache einzugehen. Er fragte also: »Wo geschah das und wann?«

»Um Mitternacht, im Dezember, in einer verfallenen Kirche, Ew. Majestät.«

Tom schauderte wieder

»Wer war zugegen?«

»Nur diese beiden, Euer Gnaden, und jener andere.«

»Haben sie gestanden?«

»Nein, mein Fürst, sie leugnen noch immer.«

»Wie erfuhr man die Sache?«

»Gewisse Zeugen sahen, wie die Angeklagten sich dorthin begaben. Sie verdächtigten sich und schreckliche Wirkungen haben diesen Verdacht seither genährt und bestätigt. So ist unter anderem erwiesen, daß sie durch die verruchte Macht, die sie dadurch gewannen, ein Unwetter heraufbeschworen, welches die ganze Gegend ringsum verheerte. Über vierzig Zeugen haben dieses Ereignis bestätigt. Man hätte auch leicht tausend Zeugen dafür aufbringen können, denn alle haben darunter gelitten.«

»Gewiß, das ist eine ernste Sache«, sagte Tom und fuhr fort: »Litt die Frau auch durch das Unwetter?«

Mehrere graue Häupter in der Versammlung nickten Beifall zu dieser Frage. Der Gerichtsbeamte sah indessen nichts Verfängliches darin und antwortete einfach: »In der Tat, Majestät, und zwar ganz gehörig, wie alle Zeugen aussagen. Ihre Wohnung ward weggeschwemmt und sie selbst und ihr Kind wurden obdachlos.«

»Mir scheint, dann war die Macht, soviel Unheil anzurichten, teuer erkauft. Hätte sie auch nur einen Heller für diese Gewalt bezahlt, so wäre sie schon genug dafür bestraft worden. Daß sie aber ihre Seele und die ihres Kindes dafür hingab, beweist mir, daß sie irrsinnig ist. Wenn sie aber irrsinnig ist, weiß sie doch nicht, was sie tut, und daher kann auch von Sünde oder Verbrechen keine Rede sein.«

Wiederum zollten die grauen Häupter Toms Weisheit ihre Anerkennung und einer murmelte: »Und wenn der König selbst irrsinnig ist, wenn man dem Gerüchte Glauben schenken will, dann ist das ein Irrsinn, welcher den Verstand anderer Leute heller machen würde, wenn sie es nur einsehen könnten.«

»Wie alt ist das Kind?« fragte Tom weiter.

»Neun Jahre, Ew. Majestät zu dienen.«

»Hat nach englischen Gesetzen ein Kind in diesen Jahren die Befugnis, einen Vertrag einzugehen und sich selbst zu verkaufen?« wandte sich Tom an den Rechtsgelehrten.

»Das Gesetz erlaubt keinem Kinde, sich in eine wichtige Angelegenheit einzulassen, mein erlauchter Fürst, weil sein unreifer Verstand allzu sehr im Nachteil wäre gegenüber dem überlegenen Verstand und den vielleicht schlimmen Absichten der anderen Vertragsteilnehmer. Der Böse mag ein anderes Kind kaufen, wenn er Lust hat und das Kind einwilligt, nicht aber ein englisches Kind, denn in diesem Falle wäre der Vertrag null und nichtig.«

»Mir scheint es unbillig und ungerecht, daß das englische Gesetz seinen kleinen Untertanen ein Vorrecht versagt, das andere Kinder besitzen«, bemerkte Tom.

Diese neuartige Ansicht rief bei den Anwesenden manches Lächeln hervor und fand als Originalität Anerkennung.

Die Mutter hatte aufgehört zu schluchzen und hing an Toms Lippen mit lebhaftem Interesse und wachsender Hoffnung. Tom bemerkte es und faßte Mitleid mit ihrer freundlosen und hilflosen Lage. Er fragte weiter: »Wie machte sie es denn, um den Sturm heraufzubeschwören?«

»Dadurch, daß beide ihre Strümpfe Eine Frau und ihr neunjähriges Töchterchen wurden in Huntingdon gehängt, weil sie ihre Seelen dem Bösen verkauft und einen Sturm heraufbeschworen hätten, dadurch, daß sie ihre Strümpfe auszogen. auszogen, Majestät.«

Das verblüffte Tom und steigerte seine Neugier. Eifrig rief er: »Das ist doch wunderbar! Hat diese Manipulation immer solch schreckliche Wirkung?«

»Immer, mein Fürst, wenigstens wenn die Frau es wünscht und die nötigen Worte dazu murmelt oder auch nur denkt.«

Tom wandte sich an die Frau und sagte mit ungestümem Eifer: »Übe doch mal deine Kraft aus. Ich möchte einen Sturm sehen.« Viele Wangen wurden blaß in der abergläubischen Versammlung, und ein allgemeiner, wiewohl stummer Wunsch, aus dem Saale fortzukommen, machte sich bemerkbar. Tom kehrte sich aber nicht daran, er schien es auch nicht einmal zu beachten, so sehr war er auf das kommende Ereignis gespannt. Da er einen verwunderten, entsetzten Blick von der Frau auffing, fügte er beruhigend hinzu: »Fürchte dich nicht, du sollst dafür nicht, büßen. Noch mehr: du sollst ganz straflos ausgehen; niemand soll dir was zuleide tun. Beweise deine Kraft.«

»O mein gnädigster König, ich besitze diese Macht nicht; man hat mich fälschlich angeklagt.«

»Die Furcht hält dich ab. Sei nur getrost; dir soll kein Harm geschehen. Mache einen Sturm, wenn er auch noch so klein ist. Ich verlange keinen großen und verderblichen, sondern ziehe eher das Gegenteil vor. Tue das, und dein Leben ist gerettet. Du sollst frei ausgehen samt deinem Kinde, von Königs Gnaden und niemand im ganzen Königreich darf dein Unheil ahnden.«

Die Frau warf sich zu Füßen des Herrschers hin und beteuerte unter Tränen, sie habe keine Gewalt, das zu tun, was von ihr verlangt werde, sonst würde sie gerne willfahren, nur um ihr Kind zu retten, wenn auch ihr eigenes Leben verwirkt wäre.

Tom drang noch einmal in sie, ohne der Frau eine andere Antwort abzulocken. Endlich sagte er: »Ich glaube, die Frau hat die Wahrheit gesprochen. Wenn meine Mutter an ihrer Stelle wäre und die fragliche Zauberkraft hätte, sie würde nicht einen Augenblick geschwankt haben. Sie hätte einen Sturm heraufbeschworen, daß das ganze Land verwüstet worden wäre, nur um damit mein Leben zu retten. Es ist anzunehmen, daß andere Mütter es auch täten. Du bist frei, gute Frau, du und dein Kind, denn ich halte dich für unschuldig. Nun aber, da du siehst, daß dir keine Gefahr mehr droht, ziehe deine Strümpfe aus und wenn du einen Sturm herzaubern kannst, sollst du reich werden.«

Mit überquellendem Herzen dankte die arme Mutter und schickte sich an, dem Befehle nachzukommen, während Tom erwartungsvoll nicht ganz ohne Bangen hinsah. Die Höflinge aber zeigten ausgesprochenes Mißbehagen und Unruhe. Die Frau streifte ihre Strümpfe und die ihres Kindes ab und tat augenscheinlich, was in ihren Kräften lag, um den König für seine Großmut mit einem Erdbeben zu belohnen. Aber es war alles nichts und wieder nichts. Tom ergab sich seufzend und sagte: »Höre auf, gute Seele und mühe dich nicht länger; der Böse hat, scheint es, den Vertrag wieder zerrissen. Gehe im Frieden deiner Wege. Für deinen Unterhalt werde ich sorgen. Kommt dir aber einmal deine Zauberkraft wieder, dann vergiß mich nicht und mache mir den schuldigen Sturm vor.«

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