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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Dreizehntes Kapitel.
Wie der König entführt wird.

Eine müde Schläfrigkeit befiel jetzt die beiden Kameraden. Der König deutete auf seine Kleider und sprach:

»Nimm diese Lumpen weg!«

Henden entkleidete den Knaben ohne Widerspruch und legte ihn ins Bett. Dann schaute er im Zimmer umher und sagte kläglich zu sich:

»Er hat mir das Bett wahrhaftig wieder vorweg genommen. Ei, was tue ich nur?«

Der kleine König bemerkte die Verlegenheit seines Beschützers und verscheuchte sie mit einem einfachen Wort. Er sagte schläfrig:

»Du wirst dich quer vor die Tür legen und dieselbe bewachen.« Er sprach's und schlief ein.

»Nein, dieser Junge! Er hätte in der Tat König werden sollen!« murmelte Henden bewundernd; »er spielt seine Rolle tadellos.«

Dann streckte er sich wirklich quer vor die Tür auf den Fußboden hin und sagte zufrieden:

»Ich habe sieben Jahre lang schlimmer gewohnt. Es wäre Undank gegen Gott, wenn ich mich heute beklagen wollte.«

Bald hielt auch ihn der Schlummer umfangen. Gegen Mittag erhob er sich wieder, nahm ganz sachte die Decke von seinem noch schlafenden Schützling, um ihm Maß zu nehmen. Der König erwachte, beklagte sich über die Kälte und fragte Henden, was er da tue.

»Ich bin schon fertig«, erwiderte der Ritter, »ich habe draußen noch ein Geschäft abzumachen, werde aber gleich wieder da sein. Schlafe nur ruhig weiter, du kannst es brauchen. So, decke dir den Kopf auch noch zu, dann wirst du um so schneller warm.«

Der König war schon wieder im Lande der Träume, bevor Henden mit seiner Rede zu Ende war. Dann schlüpfte der Ritter behutsam zur Tür hinaus und kehrte nach einer halben Stunde wieder zurück. Er brachte einen vollständigen gebrauchten Knabenanzug von billigem Stoff mit, aber sauber und nett und der Jahreszeit angemessen. Henden setzte sich und rechnete noch einmal nach:

»Mit einer größeren Börse hätte ich auch was besseres bekommen können, aber man muß auch mit dem zufrieden sein, was eine kleine gewährt. Diese Hosen sehen noch gut aus; nur hie und da einen Stich brauchen sie. Der Rock ist besser, wiewohl ein oder zwei Stiche auch nichts schaden können. Diese Strümpfe aber sind sehr gut und werden seine kleinen Füße warm und trocken halten. Was er wohl für Augen dazu macht, denn vermutlich ist er Sommer und Winter barfuß herumgelaufen. Ich wollte, Faden wären Fladen, dann hätte man für einen Heller das ganze Jahr über genug zu essen. Dazu noch diese schöne dicke Nadel gratis. Nun wollen wir aber sehen, was sie leisten kann.«

Er hielt die Nadel fest und versuchte, den Faden durch das Öhr zu stecken. Das ist auch ein Unterschied zwischen Mann und Frau, denn eine Frau wird es stets umgekehrt machen, nämlich den Faden festhalten und das Nadelöhr in den Faden hineinstecken. Immer und immer wieder verfehlte Henden mit dem Faden das Öhr, aber er war geduldig und hatte in seiner Soldatenzeit dieses Experiment oft probiert und schließlich war es doch immer gelungen. So auch jetzt, und er konnte endlich sein mühsames Werk beginnen. Dabei hatte er Zeit, weiter zu grübeln:

»Die Gasthausrechnung ist bezahlt, das Frühstück, das noch kommen soll, inbegriffen. Und dann ist auch noch genug da, um zwei Esel für uns beide zu kaufen und unsere kleinen Reiseausgaben bis Hendenhall zu bestreiten.

»Au! ich habe mir die Nadel unter den Nagel getrieben. Es macht zwar nicht viel, kommt auch nicht zum erstenmal vor; aber unangenehm ist es doch immer wieder. O wie werden wir uns lustige Tage in Hendenhall machen! Dort, ja dort muß und wird der Knabe gesunden.

»Das sind große, schöne und noble Stiche!« Bewundernd hielt Henden das Kleidungsstück empor. »Sie schauen so großartig und majestätisch aus, daß sie auf die kleinen Stiche eines Schneiders wie auf Plebejer herabsehen können.

»Gottlob, daß ich fertig bin! Es war ein schönes Stück Arbeit, und so flink ging's von der Hand! Nun will ich ihn wecken, ihn ankleiden, Wasser für ihn eingießen und ihn beim Frühstück bedienen. Dann wollen wir auf den Markt gehen, um uns Esel zu besorgen. Also bitte, stehet auf, mein Lehnsherr! ... er antwortet nicht ... ich werde seine heilige Person aufrütteln müssen, da er ja gegen Worte taub ist.«

Er hob die Decke ein wenig auf ... der Knabe war fort!

Einen Augenblick starrte er in sprachlosem Erstaunen vor sich hin. Dann bemerkte er, daß auch die zerlumpten Kleider des Knaben fehlten. Jetzt begann er zu rasen und zu toben und nach dem Wirt zu rufen. Eben trat ein Diener mit dem Frühstück herein.

»Gesteh es, du Schurke, oder deine Zeit ist gekommen!« fuhr ihn der Kriegsmann an, »wo ist der Knabe?«

Zitternd und stammelnd erzählte der Kellner:

»Ihr wart kaum fort, als ein junger Mann gelaufen kam und sagte, Euer Ehren hätten befohlen, der Knabe solle sogleich ans andere Ende der Brücke kommen. Ich führte den Boten herauf in dieses Zimmer. Er weckte den Knaben und wiederholte seinen Auftrag. Der Knabe brummte ein wenig, daß er so bald wieder aufstehen sollte, zog aber sogleich seine Kleider an und ging mit dem jungen Manne fort. Unter der Tür sagte er noch, es wäre schicklicher gewesen, wenn Ihr selbst gekommen wäret, statt einen Boten zu senden. Und so ...«

»Und so bist du ein Narr, ein vollkommen ausgewachsener Narr, du und deinesgleichen. Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät. Möglicherweise meint man es auch nicht so schlimm mit ihm. Jedenfalls will ich ihn aber wieder aufsuchen. Decke den Tisch. Halt! die Bettdecke sieht ja gerade so aus, als ob jemand darunter läge. Ist das etwa Zufall?«

»Ich weiß es nicht, Ew. Ehren. Ich weiß nur, daß der Bote sich etwas daran zu schaffen machte.«

»Tod und Teufel! das konnte doch nur geschehen, um mich hinters Licht zu führen. Es ist klar, man wollte Zeit gewinnen. Höre: war jener Bote allein?«

»Ganz allein, Ew. Ehren.«

»Bist du sicher?«

»Gewiß, Ew. Ehren.«

»Nimm deine herumirrenden Gedanken zusammen! Überlege! Nimm dir Zeit, Mann!«

Nach augenblicklichem Nachdenken sagte der Diener:

»Als er kam, war niemand bei ihm. Aber jetzt erinnere ich mich. Als die beiden auf die Brücke hinaustraten, tauchte ein schurkisch aussehender Mann aus der Menge hervor, und gerade, wie er an die beiden herankam ...«

»Was denn? Heraus damit!« donnerte Henden ungeduldig.

»Gerade dann verschlang sie die Menge und ich sah nichts mehr. Auch wurde ich gerade zu meinem Meister gerufen. Man hatte nämlich vergessen, einem Schreiber eine bestellte Hammelkeule zu bringen. Mein Meister rempelte mich deswegen an, obwohl ich alle Heiligen zu Zeugen nehme, daß ich so unschuldig daran war, wie ein neugeborenes Kind ...«

»Mir aus den Augen, du Schafsgesicht! Dein Geschwätz bringt mich noch um. Halt! Wohin willst du? Kannst du nicht einen Augenblick warten? Gingen sie nach Süden?«

»Ja, Ew. Ehren; aber wie ich vorher sagte, an der abscheulichen Keule kann ein ungeborenes Kind nicht unschuldiger sein, als ...«

»Bist du noch hier? Wenn du dich nicht gleich aus dem Staube machst, so will ich dich fliegen lehren!«

Der Diener verschwand. Henden folgte ihm auf dem Fuße, ging an ihm vorbei, sprang die Stiegen hinunter, immer zwei Stufen auf einmal nehmend und dabei murmelnd:

»Das muß jener elende Gauner sein, der behauptete, der Knabe gehöre ihm. Ich habe dich verloren, mein kleiner, armer, kranker Herr. Aber bei Himmel und Hölle! ich geb's noch nicht auf, dich wieder zu finden! Ich will das Land durchstöbern, bis ich dich wieder habe. Armes Kind! Droben wartet noch das Frühstück auf dich ... und meines auch. Mögen die Ratten es nehmen. Jetzt nur immer weiter!«

Während er sich so durch die geschäftige Menge drängte, sagte er immer wieder vor sich hin, als ob es ihm besonders wohltue: »Er brummte, aber er ging. Er ging ja, weil er dachte, Michael Henden habe es verlangt. Eines anderen wegen hätte er es nicht getan, der liebe Junge, das weiß ich.«

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