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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Zwölftes Kapitel.
Wie der König seinen Retter erzieht.

Michael Henden und der kleine Prinz wanderten inzwischen durch Seitengäßchen und wenig begangene Wege dem Flusse zu. Sie stießen auf kein Hindernis, bis sie an die Londonerbrücke kamen. Dort pflügten sie sich, so gut es ging, zwischen der sich stauenden Menge hindurch. Henden hielt den Prinzen, oder vielmehr den nunmehrigen König, fest am Handgelenk. Die Nachricht vom Tode des Königs war schon unter das Volk gedrungen und der Knabe vernahm sie von tausend Lippen, denn niemand sprach von etwas anderem.

Die traurige Kunde ging dem Herzen des armen Waisenknaben sehr nahe. Er bebte am ganzen Körper und brach schließlich in bitterliches Weinen aus. Die Größe des Verlustes ward ihm voll bewußt, denn der grimmige Tyrann, dessen Name alle anderen mit Schrecken erfüllte, war ihm stets ein liebevoller Vater gewesen. Nur mechanisch und taumelnd folgte er seinem Führer; alles flimmerte ihm vor den Augen. Er hielt sich für das elendeste, unglücklichste Geschöpf Gottes. Da brauste weithin durch die Nacht der donnernde Ruf: »Lang lebe König Eduard der Sechste!«

Jetzt kam wieder Leben in die Gestalt des armen Kleinen. Seine Augen blitzten und ein stolzes Gefühl durchzuckte ihn bis in die Fingerspitzen. »Ah«, dachte er, »wie großartig und seltsam es auch scheinen mag: ich bin der König!«

Unsere Freunde bahnten sich ihren Weg langsam durch die Volksmenge, welche dichtgedrängt die Brücke besetzte. Dieser schon 600 Jahr alte, merkwürdige Bau war allezeit eine verkehrsreiche Durchfahrt gewesen. Zu beiden Seiten reihten sich von einem Ufer bis zum anderen Verkaufsläden, über denen sich die Wohnungen der Geschäftsinhaber befanden. Die Brücke bildete eine Art Stadt für sich. Sie hatte ihre Gasthöfe, Wirtschaften, Bäckereien, Fleischereien, Kurzwarengeschäfte, Lebensmittel- und Manufakturwarengeschäfte, ja sogar eine Kirche. Sie schaute auf ihre beiderseitige Umgebung hin, wie auf Vorstädte, die ihr nicht ebenbürtig wären. Sie stellte sozusagen eine geschlossene Gesellschaft dar. Freilich besaß sie nur eine Straße, die etwa den fünften Teil einer Meile lang war. Alle Bewohner kannten sich von Kindesbeinen an. Natürlich hatten sie auch ihre Aristokratie, nämlich wohlhabende Fleischer- und Bäckerfamilien und was weiß ich, die jahrhundertelang hier angesessen waren und die Geschichte der Brücke samt den sich daran knüpfenden Legenden bis in alle Einzelheiten kannten und ihren eigenen Brückendialekt sprachen.

Die Bevölkerung war denn auch engherzig und voller Vorurteile gegen alle, die außerhalb der Brücke wohnten. Viele wurden dort geboren, auferzogen, heirateten, alterten und starben, ohne daß sie je einen Fuß über die Brücke hinausgesetzt hätten. Solche Leute waren natürlich der Meinung, der großartige, ununterbrochene Verkehr, der sich Tag und Nacht über die Brücke bewegte, gehöre gewissermaßen ihnen. Kehrte ein Herrscher aus dem Auslande zurück, oder kam ein Seeheld aus fernen Meeren heim, so mußten sie auf oder unter der Brücke durch. Niemand genoß einen schöneren Anblick solcher Prunkaufzüge, als die Bewohner dieser Brücke. So bot sich ihnen vor den Augen ein fortwährender Anschauungsunterricht in englischer Geschichte. Die einzige düstere und abstoßende Erscheinung bildeten in den letzten Jahren die vielen abgeschnittenen Köpfe einst erlauchter und berühmter Männer, die an eisernen Spießen über den mächtigen Torbogen zu beiden Seiten der Brücke staken.

Doch kehren wir zu unserer Erzählung zurück. Henden strebte mit seinem Schützling einem kleinen Gasthaus auf der Brücke zu, das er sich zum Absteigequartier gewählt hatte. Wie er sich demselben näherte, hörte er plötzlich eine rohe Stimme sagen:

»So, da kommst du ja endlich! Du sollst mir nicht wieder entrinnen, dafür bürge ich. Ein andermal wirst du uns nicht wieder warten lassen, sonst werde ich dir deine Knochen zu Pudding stampfen.«

Und Johann Canty, der diese Worte gesprochen hatte, legte seine Hand auf den Prinzen, um ihn an sich zu reißen.

Michael Henden vertrat ihm den Weg und entgegnete:

»Nicht so schnell, Freund! Du bist unnötigerweise roh, deucht mir. Was hat der Junge mit dir zu schaffen?«

»Wenn du es darauf abgesehen hast, dich in Angelegenheiten anderer Leute zu mischen, so kann ich dir sagen, daß das mein Sohn ist.«

»Das ist eine Lüge!« rief hitzig der kleine König.

»Kühn gesprochen, und ich glaube dir, wie es auch sonst in deinem Kopf aussehen mag, mein Junge. Aber wenn auch dieser gemeine Schurke dein Vater wäre, das bleibt sich ganz gleich. Er soll dich nicht schlagen und mißhandeln, wie er gedroht hat, wenn du lieber bei mir bleibst.«

»O ja, gewiß. Der Mann geht mich gar nichts an. Ich verabscheue ihn und will lieber sterben, als mit ihm gehen.«

»Dann ist die Sache abgemacht und nichts weiter zu sagen.«

»Das wollen wir noch sehen!« schrie Canty und trat hinter Henden, um an den Knaben zu gelangen. »Nun soll er erst recht ...«

»Wenn du ihn auch nur anrührst, du vertierter Unhold, so spicke ich dich auf wie eine Gans!« rief Henden, versperrte ihm den Weg und legte die Hand an seinen Degen. Canty zog sich zurück.

»Merke es dir ein für alle mal«,fuhr Henden fort, »diesen Jungen habe ich unter meinen Schutz genommen, als ein unflätiger Pöbel ihn mißhandeln oder gar töten wollte. Bildest du dir nun ein, ich werde ihn dir zu einem vielleicht noch schlimmeren Schicksal überlassen? Denn ob du nun sein Vater bist oder nicht, und ich halte es für eine ausbündige Lüge, so wäre ein schneller Tod immer noch besser für solch einen Jungen, als ein Leben in deiner schmutzigen Gesellschaft. Pack dich also deine Wege, und das rasch, oder ich mache dir Beine. Mit so einem Kerl macht man nicht viel Federlesens!«

Johann Canty drückte sich unter Drohungen und Flüchen fort und war bald in der Menge verschwunden. Henden aber stieg mit seinem Schützling drei Treppen hoch in sein Zimmer hinauf, nachdem er unten eine Mahlzeit bestellt hatte. Es war ein ärmliches, kahles Gemach mit einem schäbigen Bett und wenigen alten Möbeln. Zwei Kerzen erhellten nur dürftig den Raum. Der kleine König schleppte sich nach dem Bett und warf sich darüber, denn Hunger und Mattigkeit hatten seine Kräfte erschöpft. Schläfrig murmelte er noch:

»Bitte, wecke mich, wenn der Tisch gedeckt ist.« Dann sank er sofort in tiefen Schlaf.

Ein Lächeln umspielte Hendens Lippen, und er dachte bei sich:

»Meiner Treu, der kleine Bettler nimmt mein Bett in Beschlag mit einer so natürlichen und leichten Anmut, als komme es ihm von Gottes und Rechts wegen zu, ohne auch nur um Erlaubnis zu bitten oder eine Entschuldigung zu sagen. In seiner krankhaften Einbildung nannte er sich Kronprinz, und wahrhaftig, er hält an seiner Rolle fest. Arme, kleine, freundlose Ratte! Ohne Zweifel hat sein Geist unter fortgesetzter Mißhandlung gelitten. Nun, von jetzt an will ich sein Freund sein. Ich habe ihn gerettet und will meine Sache nicht halb machen. Überdies fühle ich mich zu diesem kleinen Knirps mit der kecken Zunge hingezogen. Wie tapfer trotzte er dem frechen Janhagel und wie kühn forderte er ihn heraus! Und welch hübsches, sanftes, liebes Gesicht er macht, jetzt, wo der Schlaf ihn seinen Sorgen und Qualen entrissen hat! Ich will ihn unterweisen, von seiner Krankheit heilen, wenn möglich. Ich will ihm sein, wie ein älterer Bruder, für ihn sorgen und über ihn wachen, und wer ihm zu nahe kommt, hat's mit mir zu tun.«

Er beugte sich über den Knaben und betrachtete ihn mit wohlwollendem, mitleidigem Interesse, streichelte zärtlich seine Wange und strich ihm die wirren Locken aus dem Gesicht. Ein leises Zittern durchbebte den Körper des Knaben.

»Ei, sieh da«, murmelte Henden, »wie unachtsam war ich doch, ihn so unbedeckt zu lassen, wo er sich so leicht erkälten könnte. Was soll ich aber tun? Wollte ich ihn ins Bett hineinlegen, so müßte ich ihn wecken, und er hat den Schlaf so dringend nötig.«

Er schaute sich nach einer anderen Decke um. Da er aber keine fand, zog er sich das Wams aus und deckte damit den Knaben sorgfältig zu mit den Worten: »Ich bin an scharfe Luft und spärliche Kleidung gewöhnt; das bißchen Kälte werde ich auch noch ertragen können.« Dann ging er im Zimmer auf und nieder, um sein Blut in Bewegung zu erhalten, und fuhr fort, mit sich selbst zu sprechen:

»Sein kranker Geist hat ihm den Glauben beigebracht, er sei der Kronprinz. Die Welt würde sich wundern, daß schon wieder ein Kronprinz da ist, kaum daß der andere König wurde. Aber er hat nun einmal die fixe Idee, er sei Kronprinz und wird daher nicht auf den Gedanken verfallen, er sei mittlerweile nun König geworden. Doch was nun mit dem Knaben beginnen? Ach, ich habe seit den sieben Jahren, die ich im Ausland gefangen lag, nichts mehr von meinem Vater vernommen. Lebt er aber noch, so wird er den armen Knaben mit offenen Armen aufnehmen und ihm um meinetwillen ein neues Heim bieten. Ja, wir wollen heim, und das sofort, ohne Verzug!«

Ein Diener mit dampfenden Speisen trat herein, stellte sie auf einen kleinen tannenen Tisch, setzte zwei Stühle hin und verließ das Gemach wieder. Servieren konnten sich solch ärmliche Gäste selbst. Er schlug die Tür hinter sich zu und weckte damit den Knaben, der im Bette aufsaß und vergnügt um sich schaute. Bald aber umschatteten sich seine Züge wieder und tief aufseufzend murmelte er: »Ach, weh mir, es war nur ein Traum!« Dann bemerkte er Hendens Wams, blickte auf Henden selbst und begriff das Opfer, das ihm sein Beschützer gebracht hatte. Mit sanftem Tone sagte er zu ihm:

»Du bist gut zu mir, ja, sehr gut. Nimm dein Wams wieder und ziehe es an, ich brauche es nicht mehr.«

Nach diesen Worten stand er auf, trat zum Waschtisch hin und zögerte, als ob er auf etwas warte. Henden sagte munter:

»Nun haben wir eine richtige, kräftige Suppe und einen Bissen zu essen. Alles ist warm und schmackhaft und wird dich wieder vollends auf die Beine bringen!«

Der Knabe erwiderte nichts, sondern schaute nur unverwandt, mit verwundertem Blick und etwas ungeduldig auf die hohe Gestalt des Kriegers. Henden war verblüfft und fuhr fort:

»Was fehlt dir noch?«

»Lieber Herr, ich möchte mich waschen.«

»Das ist alles? Deshalb brauchst du Michael Henden nicht um Erlaubnis zu fragen. Mache es dir nur ganz bequem, als wärest du zu Hause.«

Aber immer noch stand der Knabe da, ohne sich zu rühren. Mehr noch, er stampfte ein- oder zweimal mit seinem kleinen Fuß ungeduldig auf den Boden. Henden war gänzlich verblüfft. Er sprach:

»Du lieber Himmel, was soll's denn?«

»Bitte, gieße doch Wasser ein, und mache nicht so viele Worte.«

Henden unterdrückte nur mit Mühe ein krampfhaftes Lachen und sagte sich: »Bei allem, was heilig ist, das ist doch wunderbar!« Rasch kam er herbei und tat nach dem Geheiß des kleinen Frechdachses. Dann blieb er daneben wie betäubt stehen, bis der Befehl: »Reiche mir das Handtuch!« ihn wieder aufrüttelte. Er nahm ein Handtuch, das dem Knaben vor der Nase lag und händigte es ihm ohne Bemerkung ein. Dann wusch er sich selbst, während der Kleine sich an den Tisch setzte und über die Speisen hermachen wollte. Henden beeilte sich und trat dann ebenfalls an den Tisch, um sich auf dem anderen Stuhl niederzulassen. Da aber sprach der Knabe entrüstet:

»Wie? Du willst dich setzen in Gegenwart des Königs?«

Diese Worte erschütterten Henden bis ins Innerste. Er dachte bei sich: »Wahrhaftig, der Irrsinn des Knaben schreitet mit der Zeit fort. Mit dem Thronwechsel ist auch er König geworden. Na, meinetwegen! Ich will auch dazu gute Miene machen, sonst würde er mich noch, weiß Gott, in den Turm schicken.«

Über seinen eigenen Scherz belustigt, setzte er seinen Stuhl vom Tische weg, stellte sich hinter den Sessel des Königs und bediente ihn in der höflichsten Weise.

Während der König aß, ließ auch seine steife Würde etwas nach, und mit der Stillung seines Hungers kam auch die Lust zu plaudern. Er sagte:

»Ich glaube, du nanntest dich Michael Henden, wenn ich recht hörte?«

»Ja, Majestät«, erwiderte Henden. Dann dachte er bei sich: »Ich muß den armen Jungen zu erheitern suchen und befriedigen. Ich muß ihn als König behandeln und darf nicht aus der Rolle fallen, sonst würde ich nur das Spiel verderben und mein barmherziges Vorhaben vereiteln.«

Der König stärkte sich mit einem neuen Glas Wein und sprach weiter:

»Ich möchte dich kennen lernen. Erzähle mir deine Geschichte. Du hast etwas an dir, was mir gefällt und mich zu deinen Gunsten einnimmt. Bist du von Adel?«

»Wir bilden gewissermaßen den Schwanz des Adels, Majestät. Mein Vater ist Freiherr Richard Henden auf Hendenhall bei Mönchsholm in Kent.«

»Ich erinnere mich des Namens nicht mehr. Fahre fort. Erzähle mir deine Geschichte.«

»Es gibt nicht viel zu erzählen, Majestät. Aber es mag aus Mangel an etwas besserem eine kleine halbe Stunde verkürzen. Mein Vater, Herr Richard, ist sehr reich und von edler Gesinnung. Meine Mutter starb, als ich noch jung war. Ich habe zwei Brüder. Arthur, der älteste, ist wohlgesinnt wie mein Vater. Hugo dagegen, mein jüngerer Bruder, ist eine gemeine Seele, habgierig, hinterlistig, verdorben, ein richtiger Kriecher. Schon von der Wiege an war er so, und so war er noch vor zehn Jahren, als ich ihn zuletzt sah. Er war damals ein ausgemachter Schurke von neunzehn Jahren, während ich zwanzig und Arthur zweiundzwanzig Jahre zählten. Sonst ist niemand bei uns, als Fräulein Edith, meine Base, die damals ein sanftes, liebenswürdiges, schönes Kind von sechzehn Lenzen war. Sie ist die Tochter eines Grafen, die letzte ihres Stammes und Erbin eines großen Vermögens. Mein Vater war ihr Vormund. Ich liebte sie, und sie liebte mich. Aber sie war schon in der Wiege mit meinem Bruder Arthur verlobt, und Herr Richard, mein Vater, wollte nicht, daß dieses Verlöbnis gebrochen würde. Arthur liebte ein anderes Mädchen und forderte uns auf, gutes Mutes zu sein und an der Hoffnung festzuhalten, daß Zeit und Zufall einst doch noch zu unserer Vereinigung führen würden. Hugo war es um Fräulein Ediths Vermögen zu tun, wiewohl er sagte, er liebe nur sie. Es war aber immer so eine Eigenheit von ihm, etwas zu sagen und etwas anderes zu denken. Aber seine Künste waren an dem Mädchen verloren; meinen Vater konnte er täuschen, sonst aber niemand.

»Mein Vater liebte ihn mehr als uns alle, vertraute und glaubte ihm. War er doch das jüngste Kind und bei den anderen verhaßt. Hugo konnte aber auch so einschmeichelnd und überzeugend reden und ganz abgefeimt lügen. Ich war damals jugendlich wild und ungestüm, aber dieses feurige, leicht erregte Blut schadete nur mir selbst, keinem anderen. Diesen meinen Fehler wußte Hugo zu seinen Gunsten zu verwerten. Arthurs Gesundheit war sehr schwach, und so glaubte Hugo, er habe es nur mit mir allein zu tun.

»Es würde zu weit führen, hier all seinen Intrigen nachzugehen. Kurz, mein Bruder vergrößerte meine Fehler und machte sie zu Verbrechen. Seine Bosheit krönte er damit, daß er einst eine Strickleiter in mein Zimmer hineinpraktizierte. Auf Grund dieser Leiter und mit Hilfe bestochener Diener überzeugte er meinen Vater, ich hätte beabsichtigt, Edith zu entführen und sie, entgegen seinem ausgesprochenen Willen zu heiraten.

»Drei Jahre Verbannung vom väterlichen Herd und von England sollten mir die Torheiten aus dem Kopfe treiben und mich zu einem verständigen Manne heranbilden. Ich machte meine Prüfungszeit auf dem Festlande durch. In Strapazen, Entbehrungen und Abenteuern langjähriger Kriege stählte ich Geist und Körper. Aber in der letzten Schlacht ward ich gefangen und schmachtete sieben Jahre lang im Gefängnis. Durch List und Entschlossenheit gewann ich mir endlich die Freiheit wieder und erreichte glücklich die heimische Küste. Vor kurzem bin ich, arm an Beutel, hier angekommen, ohne die geringste Kenntnis dessen, was in diesen unglückseligen sieben Jahren in Hendenhall vorgefallen ist. Damit ist meine magere Geschichte zu Ende, Majestät.«

»Man ist schändlich mit dir umgegangen!« rief der kleine König mit blitzenden Augen. »Aber ich will dir zu deinem Recht verhelfen; beim heiligen Kreuz, das will ich. Der König hat es gesagt.«

Angeregt durch Hendens Erzählung, berichtete nun auch er, was ihm neulich an Unglück zugestoßen war. Michael hörte ganz verwundert zu und sagte sich am Schlusse:

»Ei, was der für eine Einbildungskraft hat! Es ist doch eigentlich wunderbar, wie er aus dem luftigen Nichts in solcher Geläufigkeit eine so romantische Geschichte zusammenbraut. Armer kleiner kranker Kopf, es soll dir nicht an Schutz und Schirm fehlen, solange ich unter den Lebenden weile. Er soll mir nicht mehr von der Seite weichen; er soll mein Liebling, mein kleiner Kamerad sein. Und er soll geheilt werden, ja, ganz und gar. Dann wird er sich einen Namen schaffen, und ich werde stolz sein, wenn ich einst sagen darf: das ist mein Werk. Ich nahm ihn auf als heimatlosen, kleinen, zerlumpten Schlucker. Aber ich sah, was in ihm steckte und sagte mir, sein Name werde einst Klang erhalten. Und nun seht ihn an! Habe ich nicht recht gehabt?«

Der König unterbrach ihn in seinem Gedankengange mit nachdenklichem, abgemessenem Tone:

»Du hast mich vor Beleidigungen und Schande bewahrt und mir vielleicht das Leben und damit meine Krone gerettet. Solch ein Dienst muß reich belohnt werden. Nenne einen Wunsch, und wenn die Erfüllung in meiner königlichen Macht steht, soll er dir gewährt sein!«

Diese Worte entrissen Henden seiner Träumerei. Zuerst hatte er im Sinne, die Gnade des Königs dankend abzulehnen mit der Begründung, er habe nur seine Pflicht getan und verdiene keine Belohnung. Dann aber kam ihm ein besserer Einfall, und er bat um eine kurze Bedenkzeit, da eine Sache von solcher Wichtigkeit reiflich erwogen sein müsse.

Henden dachte also eine Weile nach und sagte bei sich: »Ja, das will ich tun, sonst kann ich noch eine halbe Ewigkeit hier stehen. Ich preise diesen Zufall, der mich davon erlöst.« Dann ließ er sich auf ein Knie nieder und sprach:

»Meine armseligen Dienste sind nichts weiter, als was jeder loyale Bürger auch getan hätte. Aber da es Ew. Majestät beliebt, mir trotzdem eine Gnade zu gewähren, so steht es mir nicht zu, Euch durch Ablehnung zu kränken. Vor nahezu vierhundert Jahren waren, wie Ew. Majestät weiß, die Beziehungen zwischen König Johann von England und dem König von Frankreich sehr gespannt. Um die Sache zum Austrag zu bringen, kam man überein, ein englischer und ein französischer Ritter sollten sich in den Schranken messen und so durch eine Art Gottesurteil den Streit entscheiden. Die beiden genannten Herrscher, wie auch der König von Spanien erschienen als Kampfrichter auf der Tribüne vor den Schranken. Der französische Kämpe ritt vor, aber er war so grimmig anzusehen, daß unsere englischen Ritter es ablehnten, sich mit ihm zu messen. So wäre die Sache leicht zu Ungunsten Englands ausgefallen. Nun aber lag im Turm der Lord von Courcy, der gewaltigste Arm Englands, der wegen irgend eines Vergehens seiner Ehren und Besitzungen beraubt, seine Tage in öder Gefangenschaft dahinschleppte. Man erinnerte den König an diesen Helden, und da die Zeit drängte, gab er die Erlaubnis. Bald erschien der Lord kampfgerüstet auf dem Plan. Kaum hatte der Franzose die mächtige Gestalt seines Gegners erschaut und dessen berühmten Namen erfahren, als er seine Sache verloren gab und die Schranken verließ. Somit hatte König Johann gewonnen. Er setzte Lord von Courcy in all seine früheren Rechte und Besitztümer wieder ein und sprach zu ihm:

»Nenne mir noch einen Wunsch, und wenn mir seine Erfüllung auch das halbe Königreich kostet, er soll dir gewährt sein.«

Der Lord kniete nieder und äußerte einen ähnlichen Wunsch, wie ich ihn auf dem Herzen habe:

»Um eines bitte ich Euch, mein Lehnsherr, daß ich und meine Nachkommen für ewige Zeiten das Recht besitzen mögen, bedeckten Hauptes in Gegenwart des Königs von England stehen zu dürfen.«

Dieser Wunsch wurde gewährt, wie Ew. Majestät weiß. Das Geschlecht des Lords ist jetzt noch nicht ausgestorben und bis auf den heutigen Tag braucht das jeweilige Haupt des alten Hauses Hut oder Helm in Gegenwart des Königs nicht abzunehmen. Ich rufe diese Tatsache in Ew. Majestät Gedächtnis zurück, damit sie meine Bitte unterstütze. Und so bitte ich Ew. Königliche Hoheit um diese eine Gnade, mir und meinen Erben für ewige Zeiten das Vorrecht zu gestatten, in Gegenwart der Majestät Englands sitzen zu dürfen.«

»Erhebe dich, Herr Ritter Michael Henden«, sprach der König feierlich und gab ihm mit Hendens Schwert den Ritterschlag, »erhebe dich und setze dich. Deine Bitte ist gewährt. Solange England und die Krone bestehen, soll dieses dein Vorrecht nicht dahinfallen.«

Nachdenklich ging der kleine König im Zimmer auf und ab. Henden aber lieh sich selbstzufrieden in seinen Stuhl fallen und dachte:

»Das war ein köstlicher Einfall, der mir eine große Erleichterung brachte. Meine Beine konnten mich kaum mehr tragen. Dazu bin ich bei dieser Gelegenheit auch noch Ritter in diesem Königreich der Träume und Schatten geworden. Ich will nicht lachen, behüte, denn was für mich nichtssagend und belanglos ist, gilt für ihn als Tatsache. Aber ich sehe wenigstens daraus, was für ein guter, lieber und treuer Junge in ihm steckt. Aber wie, wenn er mich vor den Leuten »Ritter« nennt? Welch ein lustiger Gegensatz zwischen meinem schönen neuen Titel und meinem schäbigen Gewand! Aber schließlich, was tut's? Mag er mich nennen, wie er will, ich bin's zufrieden.«

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