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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Neuntes Kapitel.
Wie Tom die Themse hinunterfährt.

Um 9 Uhr abends erstrahlte die ganze Front des Palastes nach dem Flusse hin in blendendem Licht. Der Fluß selbst war, soweit das Auge reichte, dicht besät mit Kähnen und Lustbooten mit farbigen Laternen. Die Fahrzeuge wurden von den Wellen leise geschaukelt, so daß das Ganze einem lichtschimmernden Garten voll Blumen glich, die von sanften Sommerwinden hin und her bewegt werden.

Die große steinerne Terrasse, die zum Flusse hinunterführte, bot einen stolzen Anblick. Gruppen von königlichen Hellebardieren in glänzender Rüstung und Scharen von prunkvoll gekleideten Dienern wogten auf und ab, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen.

Auf ein gegebenes Kommando verschwanden plötzlich alle lebenden Wesen von den Stufen. Ein erwartungsvolles Schweigen trat ein. Alle die Tausende von Leuten in den Booten erhoben sich, beschatteten ihre Augen, um von dem Licht der Laternen und Fackeln nicht geblendet zu werden, und blickten nach dem Palaste hin.

Eine Reihe von 40 oder 50 Staatsbarken fuhr langsam nach den Stufen hin. Sie trugen reiche Vergoldung und an Vorder- und Hinterteil kunstvolles Schnitzwerk. Auf einigen von ihnen wehten Banner und Wimpel; ein Teil hatte goldgestickte Segel. An den seidenen Flaggen hingen unzählige kleine Silberglöckchen, welche in sanfter, süßer Musik erklangen, wenn der Wind sie bewegte. Die Fahrzeuge der Edlen, die im unmittelbaren Dienste des Prinzen standen, hatten an den Seiten Schilde angebracht mit prachtvoll verzierten Wappen. Jede Staatsbarke wurde von einem Tender im Schlepptau gehalten. Diese Tender trugen außer den Ruderknechten eine Anzahl Bewaffnete in glänzendem Helm und Brustpanzer und je eine Musikbande.

Jetzt erschien die Vorhut der erwarteten Prozession unter dem großen Torweg, eine Schar Hellebardiere. Sie trugen schwarz und lohfarbig gestreifte Hosen, Sammetmütze mit silbernen Rosen an der Seite, Wämser aus dunkelrotem und blauem Tuch, vorn und hinten, in Gold gestickt, die drei Federn, das Wappen des Prinzen. Die Schäfte ihrer Hellebarden waren mit karmesinrotem Sammet umhüllt. Der Überzug war durch vergoldete Nägel befestigt und mit goldenen Quasten verziert. Die Soldaten schwenkten links und rechts ab und bildeten zwei Reihen, die sich vom Torweg des Palastes bis zum Flußufer hinzogen. Dann wurde ein dicker Teppich aufgerollt und von Dienern in kostbarer Livree zwischen den Spalier bildenden Soldaten ausgebreitet.

Jetzt ertönte ein Trompetenstoß aus dem Innern des Palastes, worauf die Musikanten auf dem Wasser ein lebhaftes Vorspiel ertönen ließen. Zwei Zeremonienmeister mit weißen Stäben kamen alsdann langsam und würdevoll aus dem Portal geschritten. Ihnen folgte ein Offizier, der das bürgerliche Zepter trug; nach ihm kam ein anderer mit dem Stadtschwert. Dann zeigten sich mehrere Unteroffiziere der Stadtwache in voller Ausrüstung, mit ihren Abzeichen auf den Ärmeln. Jetzt erschien der erste Wappenherold Englands in seinem Heroldgewand, gefolgt von einigen Rittern vom Badorden, die alle eine weiße Tresse am Ärmel trugen und von ihren Knappen begleitet waren.

Hierauf kamen die Richter in Doktorhut und Scharlachgewand, hinter ihnen der Lord Oberkanzler von England, ebenfalls in einem Scharlachgewand, das vorn offen stand und mit Grauwerk verziert war. Hinter ihm folgten die Ratsherren in Scharlachmänteln und die Häupter der verschiedenen bürgerlichen Zünfte und Korporationen in ihren Prunkgewändern. Ihnen nach schritten zwölf französische Edelleute, herrlich gekleidet. Sie trugen Wämser aus weißem Damast, mit Gold eingesäumt, kurze Mäntel aus rotem Sammt, mit violettem Taffet gefüttert und blutrote Hosen. Sie bildeten das Gefolge des französischen Gesandten, ebenso, wie nach ihnen zwölf Kavaliere den spanischen Gesandten begleiteten, die aber ohne jeden weiteren Schmuck in schwarzen Sammet gehüllt waren. Endlich kamen noch mehrere englische Große mit ihrem Gefolge.

Wieder schmetterten die Trompeten, und der Oheim des Prinzen, der später so mächtige Herzog von Somerset, trat aus dem Torweg hervor, gekleidet in ein Wams von schwarzem, goldverbrämtem Tuch und einem Mantel aus karmesinrotem Atlas, ebenfalls mit Gold durchwirkt und mit silbergestickten Bändern verziert. Er drehte sich nach dem Torweg um, nahm sein Federbarett ab, verbeugte sich tief und begann rückwärts zu schreiten; bei jedem Schritt machte er eine Verbeugung.

Ein langgezogener Trompetenstoß folgte, worauf der Ruf erscholl: »Platz für den hochmächtigen Lord Eduard, den Kronprinzen!« Hoch oben auf den Wällen des Palastes zuckte eine lange Linie von roten Flammenzungen empor, und die Luft erzitterte von dem Donner der Geschütze. Die auf dem Flusse zusammengedrängte Menge brach in einen Sturm von Willkommsrufen aus, und Tom Canty, die Ursache und der Gegenstand all dieser Prachtentfaltung, wurde allen Augen sichtbar und beugte leicht sein fürstliches Haupt.

Er war wunderschön gekleidet in ein Wams aus weißem Atlas, vorne mit Purpur gewirkt, mit Diamanten übersät und mit Hermelin besetzt. Darüber trug er einen Mantel aus weißem, goldgewirktem Tuch, durchschossen mit seinem Dreifederwappen, mit blauem Atlas eingefaßt, mit Perlen und Edelsteinen besetzt und von einer Brillantspange zusammengehalten. Um seinen Nacken hingen der Hosenbandorden und mehrere ausländische fürstliche Auszeichnungen. Wohin ihn auch das Licht traf, blitzten Juwelen mit blendendem Feuer auf. O Tom Canty, solch ein feenhaftes Schauspiel sahst du auch in deinen schönsten Träumen nicht, wie es dir heute die Wirklichkeit darbietet!

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