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Prinz und Bettler

Mark Twain: Prinz und Bettler - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMark Twain
titlePrinz und Bettler
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunDritte Auflage
editorRudolf Brunner
yearo.J.
translatorRudolf Brunner
illustratorGeorg A. Stroedel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170114
projectid18d38d41
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Achtes Kapitel.
Das große Kronsiegel wird vermißt.

Gegen 5 Uhr abends erwachte Heinrich der Achte aus einem unerquicklichen Schlafe und murmelte vor sich hin: »Verworrene, schreckliche Träume! Mein Ende sei nahe, sagen sie, und meine schwachen Pulse bestätigen es.« Plötzlich aber zuckte ein böses Licht aus seinen Augen, und er sagte halblaut: »Und doch muß er noch vor mir sterben!«

Die umstehenden Diener bemerkten, daß er wach sei, und einer von ihnen trat näher und meldete, der Lordkanzler warte draußen.

»Laßt ihn herein, nur herein!« rief der König eifrig.

Der Lordkanzler trat ein, kniete vor dem Lager des Königs nieder und sprach: »Gemäß dem Befehl Euerer Majestät habe ich die Pairs des Königreichs zusammenberufen. Sie haben die Verurteilung des Herzogs von Norfolk bestätigt und gewärtigen die weiteren Wünsche Euerer Majestät in dieser Angelegenheit.«

Des Königs Augen leuchteten in wildem Triumph. »Hebt mich empor! In eigener Person will ich in mein Parlament gehen und mit eigener Hand will ich den Erlaß unterzeichnen, der mich befreit von ...«

Er brach plötzlich ab. Sein Gesicht wurde auf einmal aschfahl. Die Diener legten ihn sanft in die Kissen zurück und reichten ihm Stärkungsmittel. Als er sich wieder erholt hätte, fuhr er fort: »O wie habe ich mich gesehnt nach diesem köstlichen Augenblick und ach! jetzt kommt er zu spät; ich kann nicht mehr. Doch zögert nicht, säumet nicht; laßt einen anderen diesen wonnigen Akt verrichten, dessen Ausführung mir versagt ist. Ich habe mein großes Siegel in Verwahr gegeben. Lordkanzler, ernennet einen Bevollmächtigten, der das Dekret besiegeln soll. Aber Eile tut not! Beschleuniget Euch! Ehe morgen die Sonne untergeht, bringet mir seinen Kopf, daß ich den Befehl ausgeführt sehe.«

»Es geschehe nach des Königs Befehl. Beliebt es Euerer Majestät, mir das Siegel aushändigen zu lassen?«

»Das Siegel? Wer anders hat denn das Siegel als Ihr?«

»Majestät verzeihet, aber Ihr nahmt es mir vor zwei Tagen. Es sollte, wie Ihr dabei sagtet, erst wieder zur Besiegelung des Todesurteils über den Herzog von Norfolk zur Verwendung gelangen.«

»In der Tat, so sagte ich. Aber was fing ich denn mit dem Siegel an? ... Mein Gedächtnis beginnt schwach zu werden ... Daß es aber auch gerade jetzt schwach sein muß ... es ist sonderbar, ganz sonderbar ...«

Der König versank in unverständliches Murmeln. Hin und wieder schüttelte er schwach seinen grauen Kopf. Endlich wagte Lord Hertford ihn in seinem Brüten zu unterbrechen und sagte: »Majestät, darf ich mir erlauben, Euch darauf hinzuweisen, daß hier mehrere Herren sind, die sich mit mir erinnern, daß Ihr das große Kronsiegel in die Hände seiner Hoheit, des Kronprinzen, legtet, der es bis zu dem erwähnten Tage aufbewahren sollte.«

»Richtig, sehr richtig!« unterbrach ihn der König. »Holt es, geht! Die Zeit flieht!«

Lord Hertford eilte zu Tom, kehrte aber bald darauf mit leeren Händen zurück. Mit verstörter Miene berichtete er: »Es schmerzt mich, Euerer Majestät eine so unwillkommene Nachricht bringen zu müssen. Aber es ist der Wille Gottes, den Prinzen immer noch heimzusuchen. Seine Hoheit vermag sich nicht zu entsinnen, daß er das Siegel empfangen hat. Ich kam daher gleich wieder zurück, in der Meinung, es sei nur Zeitverschwendung und von geringem Belang, in der langen Flucht von Zimmern und Sälen seiner Königlichen Hoheit nachzusuchen.«

Stöhnend unterbrach ihn der König bei diesen Worten und sagte mit tieftrauriger Stimme: »Belästiget ihn nicht mehr, den armen Prinzen. Die Hand Gottes liegt schwer auf ihm, und mein Herz verzehrt sich in Mitleid und Sorge um ihn. O könnte ich doch seine Bürde auf meine eigenen alten, lastgewohnten Schultern nehmen und seinem gequälten Geiste Frieden bringen.«

Er schloß die Augen, begann wieder zu murmeln und schwieg dann ganz. Nach einer Weile öffnete er die Augen wieder und schaute wie irre umher. Endlich blieb sein Blick auf dem knieenden Lordkanzler haften. Seine Augen sprühten in plötzlicher Wut.

»Was! Ihr seid noch hier? Bei der Herrlichkeit Gottes, wenn Ihr jetzt nicht sofort die Angelegenheit mit dem Verräter zum Abschluß bringet, so soll Eure Kopfbedeckung morgen feiern, weil sie keinen Kopf mehr zu schmücken hat.«

Zitternd erwiderte der Kanzler: »Ich bitte Euere Majestät um Gnade. Ich warte nur auf das Siegel.«

»Mann, habt Ihr Euren Verstand verloren? Das kleine Siegel, welches ich früher bei mir zu tragen pflegte, liegt in meiner Schatzkammer. Da nun einmal das große Siegel fort ist, warum sollte das kleine nicht genügen? Habt Ihr Euren Verstand verloren? Fort! ... Und höret: kommet nicht wieder, bis Ihr mir seinen Kopf bringt!«

Der arme Kanzler beeilte sich, dem gefährlichen Bereiche des Königs zu entfliehen.

Bald darauf hatte der Stellvertreter des Königs das Todesurteil mit dem Kronsiegel versehen und so dem Werke des sklavischen Parlaments Rechtskraft verliehen. Schon der folgende Morgen ward für die Hinrichtung des ersten Reichsbarons von England, des unglücklichen Herzogs von Norfolk, festgesetzt.

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