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Preußische Jugend zur Zeit Napoleons

Karl (Leberecht) Immermann: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons - Kapitel 9
Quellenangabe
typeautobio
authorKarl Immermann
titlePreußische Jugend zur Zeit Napoleons
publisherVerlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
year1915
printrun16-20. Tausend
editorDr. Wilhelm Bode
senderwww.gaga.net
secondcorrectorGerd Bouillon
created20050527
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7. Kapitel.

Familienleben in der Franzosenzeit.

Die Einwohner des preußisch gebliebenen Staates hatten eigentlich gar keinen Zustand mehrDas Königreich Preußen bestand jetzt, nach dem Frieden von Tilsit, nur noch aus Ost- und Westpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien. Magdeburg gehörte nunmehr zum Königreich Westfalen, dessen Hauptstadt Kassel und dessen König Napoleons Bruder Hieronymus war., die neuen »Westfalen«, welche aus Niedersachsen, Hannoveranern, Braunschweigern, Hessen und einigen alten Westfalen koaguliert waren, hatten einen Halbzustand, ähnlich dem des Zusammenwohnens in einem teuren und dabei schlechten Gasthofe: sie machten zwar untereinander wohl Gasthofsbekanntschaften, aber immer mit dem Gedanken an baldiges Umziehen. Ihre Furcht empfand zwar, daß bei Sturm und Unwetter das löcherichtste Obdach immer noch besser sei als keines, jedoch erzeugte dieses Gefühl des einigermaßen Geborgenseins keineswegs eine Neigung zu dem traurigen Schutzmittel. Am meisten mögen die Sachsen in der alten Weise sich fortgedacht haben, doch kam auch bei ihnen allgemach die Überzeugung zum Durchbruch, daß ein zu mächtiger Freund eine gar bedenkliche Gabe des Schicksals sei.Der Kurfürst Friedrich August III. von Sachsen, dessen Truppen bei Jena noch gegen Napoleon gekämpft hatten, trat wenige Wochen darauf dem Rheinbund bei und war ein aufrichtiger Verehrer und Verbündeter Napoleons. Er erhielt von diesem 1807 das Großherzogtum Warschau (das jetzige russische und preußische Polen); sein Land wurde zum Königreich erhoben.

Die Städte, welche jetzt überall mit den Häusern zu den Toren hinauswandern, verödeten; in den Straßen begann Gras zu wachsen; ein eigenes Haus, wonach sonst jeder verlangt, wurde an vielen Orten wegen der Heereszüge ein Fluch. In meiner Vaterstadt kam einmal ein altes Mütterchen auf das Rathaus gegangen, überreichte der Serviskommission, ganz froh und erleichtert durch ihren Entschluß, die Schlüssel ihres Häusleins und sagte: die Herren möchten nun damit anfangen, was ihnen gut dünke; sie habe aufgegeben, was ihr doch nicht mehr gehöre, sondern der Einquartierung.

So war das Gefühl und die Lage, als man sich von der ersten Betäubung erholt hatte und wieder um sich zu blicken begann. Die Teilnahme an den öffentlichen Dingen, soweit sie sich nicht in Haß entlud, schränkte sich darauf ein, daß jeder in seinem Kreise einzelnes wie Schulen, Stiftungen, Vermächtnisse, Anstalten vor dem Angriff der Fremden zu erhalten suchte. Der Patriotismus, wenn man das so nennen will, wurde durchaus lokal, korporativ; man sieht, wie die gewaltigste Zerschmetterung hier die ersten Keime des Verbindungsgeistes hervorrief, aus welchem naturgemäß ein erneutes öffentliches Leben der Deutschen nur emporwachsen kann.

Aber die Familie hatte in ihrem innersten Wesen durch Napoleons Sieg nicht gelitten. Im Gegenteil, da ihr jede Neigung, sich nach außen zu wenden, nachdrücklichst verleidet wurde, da für keinen Besseren in den Beute gewordenen Landstrichen irgend ein Antrieb vorhanden war, im Gemüte mit dem Staate anzuknüpfen, so zog sie sich nur um so straffer, krampfartiger in sich zusammen. Was einer in seiner Frau, in seinen Kindern, in den Hausgenossen und nächsten Freunden hatte, das besaß er noch – und außerdem nichts. Das Gefühl dieses Zusammenhangs mit allen seinen Konsequenzen wurde daher noch gesteigert, jedes Haus war nur für sich da, und in dieser Isolierung und gesonderten Existenz tritt uns nun das Hauptunterscheidungszeichen der deutschen Familie während der Unterdrückung von der jetzigen in ihrer Verflößung nach dem Allgemeinen hin entgegen.

Sonderbar mag der Zustand in Preußen gewesen sein. Die Last der Tyrannis war dort noch schwerer, unter ihr aber bestand denn doch der wundgedrückte Staat mit seinem Königshause, seinen Gesetzen und älteren Einrichtungen fort. Dazu kamen die Arbeiten der Wiedergeburt, die bald nach dem Sturze begannen, sowie die Einflüsse Fichtes und JahnsDer Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) wirkte namentlich 1808 in Berlin durch seine »Reden an die deutsche Nation«. Der »Turnvater« Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) eröffnete 1811 eine Turnanstalt in der Hasenhaide bei Berlin; die körperliche Geschmeidigkeit und Abhärtung war ihm ein Mittel, kräftige Bürger eines künftigen Deutschlands heranzubilden. Von Fichtes Reden sagt Immermann: in ihnen »wagt ein einzelner Mann, ein deutscher Gelehrter, mit dem Gebieter der Welt in Kampf zu treten. . . . Man hat gefragt, wie es gekommen, daß keine Füsillade [Erschießung] die Folge jener Reden geworden sei. Die Antwort ist einfach. Es befand sich unter den Zuhörern kein Verräter. Dumpfe und Stumpfe, auch Mißwollende mochten darunter sein, aber Niemand, der schlecht genug gewesen wäre, den Franzosen den Sinn der Reden in ihre Sprache zu übersetzen. Denn Fichte hatte neben dem unerschrockenen Mute des Helden auch seine ganze Klugheit. Er stellte sich nicht unter den Augen des Feindes oder innerhalb der Verhacke desselben auf; er nahm eine feste Stellung auf vorteilhaftem Terrain: in Ideen, in solchen, die diesen Namen verdienten. Von Ideen wußten aber die damaligen Franzosen nichts; sie hatten dazu keine Zeit. Was sie von dem rohen Wortinhalt der Reden hörten, mochte ihnen nur wie puerile [knabenhafte] Schwärmerei des müßigen deutschen Geistes klingen.« Über Jahn urteilt Immermann, er sei einer der größten Sonderlinge deutschen Charakters gewesen. »Er hatte sich nicht bloß auf Erziehung und Sprache versessen, sondern wollte die Welt überhaupt in die Gestalt bringen, wie sie etwa ein gescheiter altmärkischer Bauer, der zufällig zehn Jahre lang studiert hat, erblicken mag. Jahn war der reformatorische Sonderling par excellence; er wollte Alles umkehren. Berlin lag ihm nicht an der rechten Stelle, an der Elbe sollte ein Preußenheim entstehen. Eine Volkstracht empfahl er an, worin Jeder bei den öffentlichen Gelegenheiten zu erscheinen habe; der Frack war ihm eine Todsünde. Volksfeste begehrte er mit dreiabendlichen Feuern an Tagen, deren Gedächtnis erst durch die Gelehrten im Volke hätte wieder erschaffen werden müssen. Handarbeiten müsse Jeder lernen, der Sinn für das Schöne sei zu wecken, nur solle nichts Nackt-Griechisches öffentlich aufgestellt werden. Selbst den Mädchen legte er Leibesübungen auf, und sogar schießen sollten sie lernen. Über den Staat müsse Jeder unterrichtet sein; Niemand solle Staatsbürger werden, der nicht vorher ein Examen über Pflichten und Rechte des Staatsbürgers bestanden hat. – Zwischen solchen Grillen finden sich helle Blicke über Regierungseinrichtungen, allgemeine Bewaffnung, Assoziationen. Jahns Stärke ist altmärkischer derber Bauernverstand; mit diesem Bauernverstande trifft er, soweit ein solcher reicht, nicht selten den Nagel auf den Kopf.« auf ihre nicht kleinen Kreise. Es ist unwahrscheinlich, daß dort die Isolierung der Familie in sich so groß gewesen sei wie links von der Elbe; der Blick mehrerer Menschen auch aus der Mittelschicht der Bildung mag sich in jenen Gegenden in das Öffentliche gesenkt haben, wenngleich die StädteordnungEin Werk des Freiherrn Karl v. Stein (1757–1831), der im Verein mit Scharnhorst und Gneisenau die Erneuerung Preußens durch zweckmäßige Einrichtungen leitete., die hier scheinbar den größten Anreiz hätte geben müssen, als ein zu neues Institut in der Tat am wenigsten wirksam war und nur von einem Teile der Städte als willkommene Gabe empfangen, von einem anderen Teile aber als Mittel beargwöhnt wurde, drückende Lasten durch die Belasteten verteilen zu lassen und sie dadurch scheinbar leichter zu machen.

Eine besondere Äußerung des sich isolierenden Familiengefühls war der NepotismusVom italienischen nepote: Enkel oder Neffe: ungerechte Bevorzugung naher Verwandter bei der Besetzung von Ämtern. jener Zeit.

Auch jetzt herrscht der Nepotismus; die Mehrzahl der einigermaßen wichtigeren Anstellungen geschieht in seinem Geiste, aber er wird sorgfältig verborgen, und nur dem Kundigeren gelingt es, in jedem Falle seine geheimen Fäden aufzufinden. Damals aber war er etwas Eingestandenes. Selten hatten die, welche das Geschick anderer zu gründen imstande waren, Hehl, daß sie vorzugsweise für ihre Angehörigen und Freunde sorgten; ja, es wurde wohl für einen Familienehrenpunkt gehalten, in dieser Weise zu verfahren. Sehr natürlich, wenn man die Lage der Dinge, wie sie war, in das Auge faßt.

Auf das heranwachsende Geschlecht wirkte daher die Familie nicht als Teil eines Ganzen, sondern als rundes Ganzes. Der Sohn sieht jetzt den Vater in Verwicklung mit so manchen Übermächtigen und dabei Vernünftigen. Früh fängt er daher an, den Vater mit Dingen und Personen zu vergleichen. Ein solcher Seitenblick war der damaligen Zeit sehr fremd. Womit der Vater nicht fertig werden konnte, das war das Unvernünftige, Schlechte; durch keine Niederlage ging die Autorität verloren. Die Alten taten und verlangten allerhand, was der erwachende Verstand der Jungen nicht billigen konnte; das erweckte aber nur den stillen Wunsch der Jungen, auch dereinst so selbständig zu werden, um dergleichen ebenfalls tun und verlangen zu dürfen. Man vergönne mir die Erzählung einer lächerlichen Kindergeschichte! Das Oberhaupt einer Familie hielt Rührei für eine der Jugend schädliche Speise. Sooft sie daher im Hause bereitet wurde, erhielten die Kinder von derselben nur eine äußerst geringe Spende, wahrend der Vater zu sich nahm, soviel ein Mann in seinen Jahren bewältigen konnte. Der Älteste, in dessen lebhaftem Geiste ein frühes Freiheitsgefühl spukte, hatte diese ungleiche Verteilung der Güter auf Erden lange still gekränkt erdulden müssen. Endlich machte sich die Empfindung unter seinen Kameraden Luft. Wir saßen an einem Sonntagnachmittag zusammen und unterhielten uns, vom Spiel ausruhend, von dem, was jeder vornehmen wolle, wenn er erwachsen sein werde. Die Reihe kam auch an jenen FrondeurMißvergnügter, der mehr im Verborgenen als öffentlich dem Machthaber entgegenarbeitet., und dieser rief: »Ich lasse mir dann alle Abende noch einmal soviel Rührei machen, als mein Vater jetzt ißt!«

Ein brennender Durst nach den Studentenjahren, von welchen man den Himmel aller Freiheit sich verhoffte, war ebenfalls der Ausdruck jener Wünsche. Die jetzige Stimmung junger Leute in Beziehung auf diese Periode läßt sich mit dem damaligen leidenschaftlichen Begehren nicht vergleichen.

Aber die geheimen Leiden, Bitterkeiten und Anklagen jenes jugendlichen Alters raubten dem kindlichen Gefühle nichts. Die Eltern standen als der Mittelpunkt der ganzen kleinen Welt da, und eine einfache Pietät, eine schlichte Unterwerfung machte sich daher von selbst. Was aber in dieser durch Willkür und Unrecht hätte erschüttert werden können, wurde wieder befestigt durch den Anblick der Not, die jene litten. Die Kinder sahen die Eltern Not leiden, wenigstens Bedrängnis und Verdruß mancher Art, und deshalb wurden sie ihnen Gegenstand eines ehrfurchtsvollen Mitleids. Die Jugend kommt meistenteils gut aus der Hand der Natur, deshalb ist ihr eine zärtliche Teilnahme an den Leiden älterer Personen gar nicht so fremd, wie die Liebhaber der Erbsünde meinen. Nur verschwindet das Mitleid rasch aus der Erinnerung, wenn das Leiden aufhört. Hier aber waren dauernde Bekümmernisse, und deshalb bildete sich auch die sympathetische Empfindung stationär aus und gab dem ganzen Verhältnisse eine eigene warme Färbung.

Patriarchalischer als jetzt war mithin die Gewalt in der eccelesia pressa des damaligen deutschen Hauses. Auch nach außen machte sich dieser patriarchalische Charakter geltend. War gleich von einer früheren, noch größeren Herbigkeit des Regiments schon viel abgeschliffen, so standen doch noch manche Ecken und Kanten da, die jetzt sonderbar auffallen würden. Im allgemeinen galt der Grundsatz, daß die Kinder der Eltern Eigentum seien und daß ein jeder mit seinem Eigentume schalten dürfe, ohne daß andere Einspruch zu erheben das Recht besäßen. Nichts Seltenes war es, daß die Eltern, gleichsam um ihr Eigentumsrecht durch untrügliche Zeichen abzustaben, die Kinder durch seltsame Kleidung oder andere Auffälligkeiten auszeichneten. VarnhagenDer Schriftsteller Karl August Varnhagen von Ense (1785–1858), aus Düsseldorf gebürtig. erzählt, daß ihn sein Vater als Türken habe gehen lassen. Dieser Zug gehört nun allerdings einer älteren Periode an. Aber auch ich erinnere mich noch mancher Dinge ähnlicher Art. So wohnten zwei Familienväter als nächste Nachbarn nebeneinander, deren Eigentumseifer gleich groß war, sich aber verschieden äußerte. Der eine hatte fünf rasch aufeinander gefolgte Knaben. Diese ließ er eines Tages plötzlich völlig uniformiert in rote Jacken mit blauen Sammetkragen und Silberstickerei und in gelbe Nankinghöschen stecken, in welchem schreienden Putze sie dann wie Jockeis verjüngten Maßstabes auf der Straße umherwandelten. Der andere gestattete an dem Haupthaare seiner Kinder nicht Schere noch Schermesser. Sie mußten ihre Mähnen bis auf die Mitte des Rückens hinabwallend tragen, obgleich keines etwa besonders schönes Gelock führte, sondern alle nur sogenannte LichtspießeDer Lichtspieß ist ein langer, dünner, recht glatter Stab, an den die Seifensieder beim Lichterziehen die mit Schleifen versehenen Dochte stecken, um sie dann in die Lichtformen zu tauchen, wo der Talg sich an die Dochte setzt. Die glatten Strähnen gelblichen oder weißen Kopfhaars erinnerten an diese entstehenden Lichter., an denen nichts zu schonen war. Dergleichen würde nun jetzt manche Verwunderung erregen, damals aber unterlag es keiner Zensur.

Freilich gab es auch manches Haus, in welchem die weichliche Erziehung herrschte, über die Fichte in seinen »Reden an die Deutsche Nation« zürnt und Tieck in der »Verkehrten Welt« spottet. Es fehlte nicht an diesem und jenem »Ehepaare Rabe«, welches die »verehrungswürdigen Kleinen« zu den Gebietern des Hauses erhob. Aber auch diese Abirrungen verloren sich nicht aus dem patriarchalischen Gebiete, dessen Kennzeichen darin bestehen, daß der Untergebene etwas tun muß oder sich erlauben darf, weil der Vorgesetzte, bloß durch sich und seinen Willen bestimmt, ihm gebietet oder verstattet. Es waren schwächliche Despoten, solche Eltern, wie sie aber in größeren Verhältnissen auch vorkommen, wo dann Weiber oder Eunuchen herrschen, ohne daß gleichwohl dadurch der Despotismus in das Repräsentativsystem oder in den Liberalismus umschlüge. Unter solchen Einflüssen entstehen Ungezogenheiten, die Widerstandslust wird genährt, und es kann bis zum offenen Aufruhr kommen; aber alles bleibt in der Sphäre Absaloms und Davids. Der moderne Geist, der die Familie zu durchziehen angefangen hat und dem jetzigen jungen Geschlechte zeitig die Ahnung gibt, daß ihm gegen das ältere Rechte zustehen, daß beide sich unter der Herrschaft eines gemeinsamen Begriffs befinden, war jener verkehrten Welt fremd.

Ich für meine Person bin in der allerstrengsten Weise auferzogen worden, und da das, was ich erfahren, wie eine Spitze des alten Systems sich ausnimmt, so will ich einige Erinnerungen mitteilen.

Seit meinem zehnten Jahre entbrannte in mir ein Lesehunger, der sich lange fortsetzte und den ich jetzt mir hin und wieder wünschen möchte. Diese Krankheit erscheint fast in allen Kindern, welche mit einigem Talent ausgestattet wurden. Der bloße Anblick eines Buches versetzt das damit behaftete Kind in eine Art von zitternder Begierde, die weniger die Stillung einer eigentlichen Neugier sucht, sondern aus der ersten Ahnung von dem unermeßlichen Reiche des Wissens entspringt. Nur im Gedruckten, was es auch sei, lebt und webt das junge Geschöpf, die entlegensten Winkel werden aufgesucht, um die geliebte Speise in Muße verzehren zu dürfen, frühe Morgen- oder späte Abendstunden bringen keinen Schlaf in das nach den Lettern verlangende Auge.

Ich las, wessen ich nur habhaft werden konnte, und genoß die seligsten Stunden bei dem, was ich verstand und nicht verstand. Reisebeschreibungen, Biographien, Romane, Schauspiele wurden verschlungen. Aber auch das, was für meine Jahre von keinem Interesse sein konnte, war mir eine genehme Kost; ich arbeitete mich durch den ganzen weitschichtigen Abbé de la Pluche hindurch und sogar durch drei Bände von »Schlesischer Landwirtschaft«, die ich mir aus des Vaters Bibliothek zu verschaffen gewußt hatte. Ich war unglaublich fertig im Schnellesen, und ein nicht gar zu dicker Band kostete mich selten mehr als einen Tag.

Mein Vater aber, dem diese Wut gefährlich für die Sinne und Phantasie seines Sohnes vorkommen mochte, erließ plötzlich das geschärfteste Edikt, daß ich nichts mehr lesen solle, als was er mir in die Hand gebe, worauf mir denn von ihm schmale Portionen zugingen, wöchentlich etwa ein Buch, meistenteils Reisen. Daß eine solche Untersagung, die in dem vollen Wachstum des Naturtriebes einschnitt, nichts verfing, war natürlich. Ich befriedigte mein Gelüste nun heimlich, wie es nur immer angehen wollte, nur noch glücklicher im verbotenen Genuß. Eines Tages saß ich denn auch im stillen Hinterstübchen, hingenommen von einer alten Schwarte und meines Wähnens völlig sicher. Die Lektüre war eine völlig unschuldige; ich las in einer Wiener Übersetzung vom Jahre 1720 oder da so herum »Des christlichen Märtyrers Polyeuct aus dem Französischen des Herrn Peter Corneille«. – Polyeuct will sich taufen lassen, dann will er doch wieder nicht, weil seine Gemahlin schlechte Träume gehabt hat, und dann geht er doch mit Nearch ab, sich taufen zu lassen. Paulina, die Gemahlin, erzählt Stratonicen, daß sie Severen geliebt habe; aber:

»Bei aller großen Brunst, die er und ich auch hatten,
von meinem Vater nur erwartet' ich den Gatten,
wen er mir geben möcht', zu freien stets bereit ...«

Auch sie sagt, wie schlecht sie die Nacht geschlafen habe. Felix, der Landpfleger, kommt und meldet seiner Tochter, Sever, der alte, totgeglaubte Galan, lebe und sei vor den Toren von Melitene; sie müsse ihn durchaus mit Höflichkeit empfangen, da er ein großes Tier bei Hofe geworden sei. Paulina will nicht. Da sie aber eine Komposition von Tugend und Gehorsam ist, so wirkt der Vater mit seinem Ansehen auf die letzteren Spezies, und Paulina ruft:

»Ja denn! Ich muß von neu'm bezähmen mein Gefühl,
bin Eures Machtgebots ergebnes Opferspiel!«

Bei diesen verhängnisvollen Worten ergriff mich die Nemesis. Ich hörte meinen Namen mit dem bekannten erschütternden Tone hinter mir rufen, erschrak, der christliche Märtyrer flog, wie sein Kopf im späteren Verlauf der Tragödie, blitzschnell unter den Tisch. Ich wandte mich, mein Vater stand in der Kammer. Er sagte nichts, deutete nur mit dem Finger nach dem Buche, ich erhob es, reichte es ihm dar, ungefähr mit der Empfindung im Herzen, die ich nachmals, da ich den Polyeuct ohne Furcht lesen durfte, an Nearchen kennen lernte, als er nicht so rasch wie der Held in jene Ewigkeit einzugehen wünscht. Mein Vater sah das Titelblatt an, steckte das Buch zu sich, unbeweglich blieb sein Antlitz, kein Vorwurf überschritt die Lippen, schweigend verließ er die Kammer. Ich wußte aber, was es an der Zeit sei, noch ehe ein Dritter kam, der mir ankündigte, der Vater habe als Strafe festgesetzt, daß ich heute und morgen und übermorgen für mich bleiben solle und nicht am Tische der Eltern essen dürfe. Diese Ehrenbuße war mir die empfindlichste; aber weder meine Tränenklage noch die fürbittende Vorstellung des wohlwollenden Dritten, daß jener armenische Blutzeuge unter Kaiser Decius wohl unmöglich meine Einbildungskraft habe vergiften können, vermochte sie zu wenden. Es blieb bei der Sentenz, und sie kam ohne Milderung zur Vollstreckung, denn mein Vater dachte wie der Große Kurfürst: »Ich will, daß dem Gesetz Gehorsam sei.«

Mehrere Jahre waren vergangen, aber eine zweite heftige Neigung, die mich von früh an peinigte, hatte sich nicht gesänftigt. Alles Dunkle, Geheimnisvolle, Umhüllte reizte mich über die Maßen. Schon als Kind zerlegte ich Spielzeug, um die Maschinerie zu erkunden, welche da draußen hüpfende Lämmer, hackende Bauern, tanzende Schäfer hervorbrachte. Pflanzen, die mir auffielen, wurden mit dem anhangenden Erdreich aus dem Boden gehoben, um das Wurzelgeflecht und die dazwischen wimmelnde Würmerwelt anzuschauen. Versiegelte Pakete alter Skripturen, die ich irgendwo gesehen, kamen mir nicht aus dem Sinn und galten mir für die Bewahrer merkwürdigster Geschicke. Hinter jeder zugeschlossen gehaltenen Türe witterte ich in Gelassen, die mein Fuß noch nicht betreten hatte, die größten Entdeckungen. Genährt wurde dieser Drang durch das düstre, winklichte Haus, in dem wir wohnten, und durch das Alter des Vaters, hinter dem eine so lange Vergangenheit sich ausbreitete.

Besonders war der finstere Oberboden des Hauses der Schauplatz meiner Spürwanderungen. Es stand allerhand Gerät und Gerüll dort umher, das Sparrenwerk sah so sonderbar aus. Mein Vergnügen war, die verblichenen Schirme und Tapeten, die sich dort befanden, zu mustern; ich durchkroch ihn häufig in allen Richtungen und ließ keinen Winkel unbesucht, wobei ich mich an manchem Balken stieß.

Nun brachte mich aber eine Bodenkammer, welche nie aufgetan wurde, fast zur Verzweiflung. Es hieß, daß der Vater darin allerhand Sachen aus der Zeit vor seiner Verheiratung aufbewahre. Was hätte ich darum gegeben, in die Kammer einzudringen! Ich suchte die Öffnung mit klugen Redeweisen zu veranlassen; es war aber umsonst. Oft lag ich mit dem Auge am Schlüsselloche, konnte aber nichts erspähen als eine unmäßig große VacheSprich: Wasch. Bedeutet eigentlich Kuh, hier eine lederne Aufschnallkiste, die auf der Decke eines Reisewagens befestigt wurde., welche von der Decke herabhing und die Aussicht versperrte.

Wir wollten ins Mansfeldsche zum Oheim reisen. Im Hause wurde gepackt; ich trieb mich im ersten Stock in der Nähe der Bodentreppe umher. Eine Magd stieg diese empor, ich hörte oben aufschließen, nicht wieder zuschließen, die Magd kam herunter, einen Koffer mühselig hinter sich herzerrend, dem vermutlich ein anderes Reiseerfordernis aus der Kammer nachgeholt werden sollte. Nun war der langersehnte Augenblick gekommen, der denn auch atemlos benutzt wurde. Ich war im Nu oben und in der Kammer. Die Zeit war kostbar, ich hielt mich daher bei der Vache nicht auf, die wie der Schlauch des ÄolusAiolos, in der griechischen Götterlehre Sohn des Poseidon und König der Winde. Er gab dem Odysseus einen Schlauch voll Wind zur Schiffahrt mit. geschwollen daschwebte, noch bei den Billardqueuen, der eingelegten Armbrust, der Windbüchse, den Jagdtaschen und einer purpurroten Wildschur, sondern schoß auf ein Repositorium zu, welches in der dunkelsten Ecke des spinnenvollen Raums stand. Da lagen in den Gefachen umschnürte Pakete über Paketen, buntes Gequäst und Getroddel, Glaskästen und Wachsfiguren drinnen, ausrangierte Dosen und schadhaft gewordene Perlmutterfutterale. Aber von einem unteren Brette strahlte mir in mattem Glanze etwas entgegen; danach streckte sich meine Hand aus, denn ich war überzeugt, daß das der eigentliche Hort dieser Zauberhöhle sei. Ich hielt einen zinnernen Becher von mäßigem Umfange mit Fuß und bauchiger Wölbung zwischen den Fingern und entfernte mich eiligst mit meiner Beute. Auch im Hause hielt ich mich noch nicht für sicher, suchte mir vielmehr vor dem Tore einen abgelegenen Platz zwischen den Elbweiden, um die Art des Talismans zu erprüfen.

In der Tat war derselbe von einer Beschaffenheit, die auch wohl die Aufmerksamkeit eines anderen als eines Knaben rege machen konnte. Ringsherum nämlich und von oben bis unten sah ich in gleichmäßig abgeteilten Quadraten über fünfzig Schildereien eingegraben und, dem Auge kaum lesbar, französische, lateinische, deutsche Verse darunter. Die Gegenstände derselben waren zwar äußerst verschiedenartig: ein Mann mit der Krone auf dem Haupte in Fesseln, ein Schiff, von den Wellen umhergeworfen, ein in die Höhe gewachsener Kürbis, ein Baum, an dessen Wurzel der Fäller hackte, Prometheus mit dem Geier, Tantalus, Ixyon, die Furien, Hunde, die den Hirsch verfolgten, und noch vielerlei mehr aus der Natur, der Geschichte, dem Fabelkreise. Aber nachdem ich einige Unterschriften entziffert und die Darstellungen untereinander verglichen hatte, erkannte ich, daß ihr Zweck nur einer und derselbe sei, nämlich: in wechselnden Bildern das traurigste Geschick zu versinnlichen.

Diese Konjektur fand in einigen vergilbten Blättern, die in dem Becher lagen, Bestätigung. Sie waren ganz mürbe. Mit ausgeblaßter Tinte bekannte darin jemand, der sich aber nicht nannte, daß er die Arbeit zur Erheiterung seiner jammervollen Stunden vorgenommen habe. Jede Schilderei wurde nummerweis beschrieben, die Unterschriften hatte der Unglückliche auf dem Papiere wiederholt. Da war er gekrümmt in schweren eisernen Banden und hatte keine Ruhe wie Manasse, der König von Juda, als er gefangen saß zu Babel; seines Lebens Schiff war hin und her gestürmt worden und endlich untergegangen. Stolz und verwegene Wünsche hatten in ihm getrieben wie die Ranken am Kürbis des Propheten Jonas, auch an seine Wurzel war die Axt gelegt, auch an seiner Leber nagte der Geier; die Qualen der Unterwelt, welche der Verfertiger abgebildet hatte, die Furien, waren ihm nicht fremd, tausend Sorgen verfolgten ihn wie Hunde den Hirsch.

Die Arbeit war äußerst fein, aber nur sehr flach eingegraben; sie ließ auf ein Instrument wie eine Radiernadel schließen. Auch darüber belehrte das alte mürbe Papier. Mit einem spitz abgeschliffenen Nagel war, so sagte der Unbekannte, das Leidenswerk vollbracht worden.

Da saß ich nun mit meinem Zauberbecher zwischen den grauen Weiden und zerbrach mir den Kopf. Daß er eine Kerkerarbeit sein mochte, konnte ich aus dem Könige in Ketten, sowie aus manchen andern Anspielungen schließen. Auch daß der Gefangene eine Person von Stand und Bildung gewesen war, verrieten die Bilder und ihre Unterschriften. Aber wer in aller Welt war er gewesen? Welches entsetzliche Schicksal hatte ihn in den Abgrund solches Elends hinuntergestoßen? Und wie kam mein Vater zum Besitze dieses Schmerzensdenkmals?

Ich rieb an ihm wie Aladdin an der Lampe; es erschien aber kein Geist, das Geheimnis zu offenbaren. Endlich ergriff mich, als die Sonne sank, unter den einsamen, traurig flüsternden Stämmen, den Wellen der Elbe gegenüber, die auf dem nassen Sande zu meinen Füßen andringlich ihre Schaumkreise absetzten, ein Grauen; ich schüttelte mich und eilte mit dem gefährlichen Kleinode unter dem Tuche nach Hause.

Die Reise in das Mansfeldische, sonst eine Jubelfahrt für die Kinder, konnte nun meine grübelnden Gedanken nicht zerstreuen. Ich schlich mich, so oft es unbemerkt geschehen konnte, beiseite und dachte über meinen Becher nach, der mir allmählich der Kern einer romanhaften Geschichte zu werden begann. Wir kehrten zurück, und meine geheimen Aufregungen dauerten fort. Niemandem sagte ich etwas von der Sache, weder meinen Geschwistern noch meinen vertrautesten Schulkameraden. Sie blieb mein teuerstes, aber auch mein quälendstes Eigentum. Ich war etwa vierzehn Jahre alt, also schon fähig, zu kombinieren. Eine Erzählung von der Eisernen MaskeEin französischer Staatsgefangner, der durch eine schwarze Maske unkenntlich gemacht war; er starb 1703 nach sehr langer Gefangenschaft. Jetzt nimmt man an, daß er ein mantuanischer Minister Mattioli gewesen sei. fiel mir in die Hand, hier fand meine Entdeckung Grund und Boden in einem rätselhaften Geschicke anderer Zeiten; ich meinte, der Becher möge wohl von einem ähnlichen Staatsgefangenen herrühren, und hatte nicht übel Lust, meinem Vater in einer uns verborgenen Periode seines Lebens die Rolle des Gouverneurs von der Insel St. MargaretaDer erwähnte Staatsgefangene wurde mit größter Achtung behandelt, nur durfte er mit Niemand als seinem Kommandanten reden, der ihm darum auch selber sein Essen auftrug, und es war ihm angedroht, daß er sofort getötet würde, wenn er die Maske abnehme. Er wurde zuerst dem Kommandanten des Schlosses Pignerol, St. Mars, anvertraut; als dieser auf die Insel St. Marguerita versetzt wurde, nahm er auch den Gefangenen mit; ebenso kam er in die Bastille zu Paris, als St. Mars zu ihrem Kommandanten ernannt wurde. Man hielt im Volke den geheimnisvollen Gefangenen für einen königlichen Prinzen, den Ludwig XIV. beseitigen, aber nicht töten wolle. zuzuteilen.

Es wäre nun wohl das kürzeste gewesen, ihm meinen unschuldigen Raub zu gestehen und ihn um den Zusammenhang zu befragen. Denn unschuldig war der Frevel im höchsten Grade gewesen; ich hatte den Becher bei der ersten günstigen Gelegenheit wieder an seinen Ort zu bringen mich beeifert, da mir nichts im Sinne gelegen als die Stillung meiner Wißbegier. Aber keine menschliche Macht hätte mich zu einem solchen Wagnis bewogen. Ich wußte, daß mein Vater mir nichts tun würde, da er nur mit Blicken und kurzen Worten zu wirken pflegte. Die Gewalt dieser Blicke und Worte war aber für uns so mächtig, daß wir uns mehr davor fürchteten als andere Kinder vor den härtesten Strafen. Ich blieb also lieber gepeinigt und unaufgeklärt. Erst weit später, in fremdem Lande, durch einen launischen Zufall, erfuhr ich, was ich damals so vergeblich forschend betrachtet hatte.Immermann hat also zufällig ein Buch recht spät gelesen, das zu seiner Zeit eines der gelesensten war: das Leben des Freiherrn Friedrich v. d. Trenk. Im achtzehnten Jahrhundert waren die Freiherren Franz und Friedrich v. d. Trenk, Vettern, sehr berühmt wegen ihrer körperlichen Stärke, ihres verwegenen Mutes, ihrer geistigen Begabung und ihrer Abenteuerlust; sie waren fähig und geneigt, auf eigene Faust Soldaten anzuwerben und Kriege zu führen, ähnlich wie in früheren Zeiten Wallenstein, Götz v. Berlichingen und andere Ritter und Kondottieri; sie erschienen den Fürsten abwechselnd brauchbar und gefährlich. Friedrich v. d. Trenk genoß zunächst die Gunst Friedrichs des Großen, dann fiel er in Ungnade wegen eines Liebesverhältnisses mit der Prinzessin Amalie von Preußen; später wurde er wieder in Dienste genommen, bald aber schien er wieder verdächtig. Von 1754-63 hielt ihn Friedrich in einem eigens für ihn gebauten Kerker zu Magdeburg gefangen; aus dieser Zeit rührt der von Immermann beschriebene Becher. Der unruhige Mann endigte 1794 zu Paris auf der Guillotine.

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