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Preußische Jugend zur Zeit Napoleons

Karl (Leberecht) Immermann: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons - Kapitel 4
Quellenangabe
typeautobio
authorKarl Immermann
titlePreußische Jugend zur Zeit Napoleons
publisherVerlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
year1915
printrun16-20. Tausend
editorDr. Wilhelm Bode
senderwww.gaga.net
secondcorrectorGerd Bouillon
created20050527
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2. Kapitel.

Friedrich der Große.

Die zweite große Gestalt, von der ich reden hörte, war Friedrich der Zweite.

Mein Vater hatte im Jahre 1750 das Licht der Welt erblickt, sich erst als Fünfundvierziger verheiratet, und so kam es, daß ich von jemand abstammen konnte, der mir aus eigenem Gedächtnisse erzählte, daß die französischen Husaren vor der Schlacht bei Roßbach in das Magdeburgische gestreift und bei dem Anblicke der großen Salinenwerke um SalzeJetzt Großsalze genannt, Städtchen bei Schönebeck, unfern von Magdeburg. Immermanns Vater war in Salze, wo sein Vater Rektor war, aufgewachsen. gerufen hätten: C'est dommage! nämlich, daß so schöne Anlagen nun auch bald zerstört und dem Boden gleichgemacht werden müßten. Wenn der Vater das erzählte, so spielte ein satirisches Lächeln um seine fein und scharf geschnittenen Lippen. Da er aber von Natur höchst ernsthaft war, so unterblieb jeder weitere Spott, und er fügte nur hinzu, jenes gutmütige Bedauern der französischen Husaren habe sich etwa Ende Oktober zugetragen, die Schlacht bei Roßbach sei aber am fünften November vorgefallen und durch Seydlitz in einer halben Stunde entschieden gewesen. Roßbach und die Franzosen und Seydlitz gehörten hiernach in der Vorstellung der Kinder untrennbar zusammen.

Seine kräftigsten, männlichen Jahre hatte mein Vater im Dienste des preußischen Königshelden verlebt, nämlich als Auditeur bei dem General SaldernFriedrich Christoph v. Saldern (1718-1785) war von 1735 an in preußischen Diensten und zeichnete sich in vielen Schlachten Friedrichs des Großen aus. Namentlich galt er für einen großen Exerziermeister und Taktiker; er verfaßte zwei Lehrbücher der Taktik. Das sogleich genannte Körbelitz ist ein Dörfchen im altmärkischen Kreise Jerichow I. . Viele der großen jährlichen Manöver und Revuen unweit Körbelitz hatte er mitgemacht auf seinem »Braunen«, wie er ein besonders geliebtes Pferd nannte, dem auch, nachdem es untauglich geworden, von ihm aus Dankbarkeit auf die Tage des Lebens der Gnadenhafer und das Pensionsheu bei einem Verwandten auf dem Lande gestiftet worden war. Mein Vater hatte es nicht über das Herz bringen können, das treue Roß, welches die mutigen Tage des Reiters in so manchem fröhlichen Ritte gesehen, totstechen oder bei einem Kärrner zu Tode schinden zu lassen. Dieser Braune gehörte ebenfalls zu den mythischen Figuren meiner Kindheit. Es war fabelhaft, wie lange er noch bei dem Landwirte gelebt haben sollte. Steif, blind und zahnlos war er geworden, weshalb die Sage ging, er habe zuletzt mit Mehlsuppe gefüttert werden müssen, weil das arme, greise Maul Rauh- und Hartfutter nicht mehr bewältigen könne. Mein Vater gehörte aber zu den wenigen Menschen, die von dem, was sie einmal ausgesprochen haben, nicht wieder abgehen, und da der Vetter und Landwirt ein äußerst gutmütiger und sanfter Mann war, weshalb ihn auch der Vater wahrscheinlich zum Siechenpfleger des alten Braunen ernannt hatte, so verdient die Nachricht Glauben, daß das Pferd endlich wirklich eines natürlichen Todes verblichen sei. Freilich schlich neben dieser Nachricht im Hause die heimliche Sage um, man habe den Vater dennoch getäuscht, dem Vetter sei zuletzt der Faden der Geduld gerissen, das ganz stumpf gewordene Tier aber durch einen Genickstich abgetan worden.

Erinnerte sich der Vater an die Revuen bei Körbelitz, so pflegte er zu sagen: »Wenn Friedrich die Fronte heraufgeritten gekommen, so sei es in lautloser Stille einem Jeden gewesen, als komme der liebe Gott.« Ich konnte daher als Knabe zwischen dem großen Könige und dem lieben Gotte auch eigentlich keinen Unterschied machen.

Dabei war mein Vater nicht blind für die Fehler des gefeierten Herrschers und Herrn. Mit großer Erregung sprach er davon, wie Saldern, sein verehrter Chef, durch die Ungnade des Königs die verbittertsten letzten Lebenstage gehabt habe. Es war dies einer der Fälle gewesen, in welchen Friedrich seiner übeln Laune auf jemand durch herbes Spötteln oder kaltes Übersehen Luft zu machen geliebt hat.

Glänzend hob sich dagegen hervor, was mein Vater selbst von der Achtung des Königs für eine unerschrockene Meinung erfahren hatte. Ein armer Soldat war, von einem unmenschlichen Vorgesetzten über alles Ertragen hinaus gereizt, unter dem Gewehr gegen diesen tätlich ausgefallen; der Tod schien ihm sonach gewiß zu sein. Mein Vater aber wußte es, mittels einer Beweisführung, die freilich künstlich genug gewesen sein mag, dahin zu bringen, daß der Missetäter in dem Momente des Verbrechens allenfalls für wahnsinnig hatte gelten können, und wußte in dem Kriegsgerichte mit seiner Beredsamkeit zu siegen. Das Kriegsgericht sprach den Delinquenten frei.

Als mein Vater Saldern das Urteil überbrachte, sah dieser ihn mit großen Augen an, fragte ihn, ob er den Kopf verloren habe. Ein solches Erkenntnis könne er nicht auf sich nehmen, über die Sache müsse er an den König schreiben. Der Gescholtene zeigte durch seine stumme militärische Haltung, daß er das erleiden wolle, worauf Saldern ihn heftig anließ und ihm augenblickliche Kassation, Festung und was sonst noch verkündigte. Mein Vater versetzte, daß er in Eid und Pflicht stehe und seine Schuldigkeit getan zu haben glaube. Saldern schickte das Urteil wirklich an Friedrich ein, mit mancher Beschönigung für den Referenten, den er wie einen in den Militärrechten noch unerfahrenen Menschen dargestellt hatte, selbst aber wenig von dieser Verwendung hoffend. Die Sache war in der Tat keine Kleinigkeit, denn über Disziplin verstand Friedrich bekanntlich wenig Scherz. Aber alles nahm eine günstige, selbst eine epigrammatisch-witzige Wendung. Der König, das Ganze durchsehend und der guten Absicht das Mittel vergebend, bestätigte wider Erwarten das Urteil und hatte dem Remissoriat eine seiner wunderbaren Randverfügungen beigesetzt, ungefähr der Fassung: »Vor diesesmal möge es passieren, Saldern solle aber darauf achthaben, daß nicht mehr Kerls unter dem Gewehr solcherweise überschnappten.« – Der Offizier und Mißhändler wurde in eine Art von Strafbataillon versetzt, und die Angelegenheit brachte meinem Vater Ehre und Beglückwünschung, am meisten von Saldern selbst, der ihn lieb hatte.

Dieser Tat war er sich mit Freuden bewußt und durfte es auch sein, denn die Menschlichkeit mußte in jenen eisernen Zeiten Schleichwege gehen, wenn sie zum Ziel gelangen wollte. Ein Nebenzug in dem Ereignisse war folgender. Man hatte meinem Vater, als er seine Absicht, den Menschen zu retten, ausgesprochen, vorgestellt, der König werde ihn ja ohne Zweifel begnadigen. Darauf erwiderte mein Vater: die Gnade sei ungewiß, das Recht aber gewiß. Der Mensch brauche keine Gnade, sondern solle Recht bekommen.

Ich habe den König »Friedrich den Zweiten« genannt. Ich muß aber hinzufügen, daß ich ihn nie so in meines Vaters Hause nennen hörte. Die Anderen sprachen vom »alten Fritze«, meinem Vater aber hieß er »der König« schlechtweg. »Als der König zur bayerischen Kampagne abreiste«, »als der König zum ersten Male das Podagra hatte«, »als der König dann und dann in Magdeburg war« – in solcher Art wurde geredet. Viel las mein Vater in Friedrichs Schriften; wenn ich ihm nun einen Band derselben bringen sollte, so sagte er nur: »Hole mir den und den Band von des Königs Schriften!« Wir lebten unter Friedrich Wilhelm dem Dritten, dem Vater aber war bei tiefster Anhänglichkeit an den regierenden Herrn Friedrich der Zweite »der König« ohne weiteren Beisatz geblieben. Sprach er von der Gegenwart, so sagte er: »Unser jetziger König.«

Unermeßlich war die Wirkung solcher Eindrücke auf das erste Erkennen. Durch den Vater, der selbst wie ein Wesen höherer Art und Ordnung vor den Kindern dastand, wurde der Gedanke an Persönlichkeiten vermittelt, zu welchen alles, was man sonst sah und hörte, nicht mehr zupaßte. Denn auch die Ungerechtigkeiten und Tücken des großen Königs, von welchen, wie ich beispielsweise angab, zuweilen die Rede war, minderten an dem Bilde seiner Gewaltigkeit nichts, weil mein Vater jedesmal hinzusetzte: »Wenn Er sich dergleichen vorgenommen hatte, so konnte kein Mensch auf Erden dawider an.«

Und so wurde ein Heroenkultus gestiftet, der auch eine Art von Religion ist.

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