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Preußische Jugend zur Zeit Napoleons

Karl (Leberecht) Immermann: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons - Kapitel 2
Quellenangabe
typeautobio
authorKarl Immermann
titlePreußische Jugend zur Zeit Napoleons
publisherVerlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
year1915
printrun16-20. Tausend
editorDr. Wilhelm Bode
senderwww.gaga.net
secondcorrectorGerd Bouillon
created20050527
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Einleitung

»Mein Leben erscheint mir nicht wichtig genug, um es mit allen seinen Einzelheiten auf den Markt zu bringen. Auch habe ich noch nicht lange genug gelebt, um mir den rechten Überblick zutrauen zu dürfen. Ich werde vielmehr nur erzählen, wo die Geschichte ihren Durchzug durch mich hielt.«

So erklärte sich im Frühjahr 1839, als er seine Erinnerungen niederzuschreiben begann, der dreiundvierzigjährige Landgerichtsrat Karl Immermann zu Düsseldorf, den man in ganz Deutschland als einen hochstrebenden Dramatiker, kundigen Bühnenleiter und namentlich als einen großen Meister im humoristisch-phantastischen Roman und Vers-Epos schätzte. Und diese Sätze waren keine Verneigung heuchelnder Bescheidenheit. Er wollte wirklich nur ein Stück deutscher Volksgeschichte schreiben; selbst da, wo er von seinen Knabenerlebnissen sprach, wollte er zeigen, wie »die Geschichte ihren Durchzug durch ihn hielt«. »Denn die großen Ereignisse entspringen zwar nicht selten in einem großen Haupte, ihren Leib aber bekommen sie immer nur aus den Elementen und deren Infinitesimal-Teilchen.«

Ohne sich zu überheben, hielt er sich für berufen, ähnlich wie Goethe seine Jugendgeschichte zu erzählen, denn er habe, meinte er, eine Jugendzeit mit erlebt, wie sie kein früheres Geschlecht erfuhr und kein späteres erwarten konnte. Vorher ging die Jugend ihren mäßigen Lebens- und Bildungsschritt; die Weltereignisse traten nicht an sie hinan, die Stille des Hauses umgab ihre ersten Entfaltungen, zugeschnitten war der Unterricht, und dieser überlieferte sie nach gelindem Schäumen und Brausen in den akademischen Jahren einem geordneten Berufe, indem sie nun das wurden, was sie vorher verachtet hatten, nämlich Philister. Zwischen der Gewalt des öffentlichen Lebens und ihr war bis dahin eine unübersteigliche Kluft befestigt gewesen. – Gegenwärtig lebt zwar die Jugend seit dem Erwachen ihrer Aufmerksamkeit mehr in den Weltbegebenheiten, weil diese alle Vorstellungen und Verhältnisse zu durchdringen angefangen haben, allein sie empfängt dieselben doch nur in einer Rückspiegelung und gestaltet sie in einer oft sehr vorschnellen Reflexion, so daß zwischen ihr und dem Öffentlich-Wirklichen abermals ein breiter Strom fließt, nämlich der Strom ruhiger Friedenstage. – Ganz im Gegenteil sah die Jugend, welche beschrieben werden soll, ihrer ersten Blüte die furchtbarsten Erschütterungen in materiellster Aufdringlichkeit annahen und wenige Jahre später fühlte sie sich berufen zu dem Eingreifen in das öffentliche Leben, über welches hinaus es kein tieferes gibt, nämlich: die Waffen zu nehmen, um Thron und Vaterland retten zu helfen. Die Jugend vor der Eroberung war daher politisch null, die gegenwärtige Jugend ist im glücklichsten Falle politisch-kontemplativ, die Jugend (zur Zeit Napoleons) war politisch leidend und handelnd. Und ... die Jugend litt damals als Jugend, handelte als Jugend, Jugendstimmungen wurden angerührt und jugendliche Motive in Bewegung gesetzt.«

Aber warum durfte gerade er unter so vielen Zeitgenossen das Erlebte schildern? Weil er sich als einen beobachtenden Geist kannte. »Ich war von frühester Kindheit an sehr neugierig und horchte überall zu, wo ich Erwachsene redend zusammenstehen sah,« erzählt er von sich: diese Neugier werden wir bei andern Wißbegier nennen, denn solche Neugier ist der Anfang vieler Wissenschaft. »Früh entwickelte sich bei mir ein aufmerkender Sinn und eine Neugier, welcher das unscheinbarste Detail der Dinge nie zu geringfügig war. Diese Kraft der Beobachtung, welche man Kälte genannt hat, ergriff einige sonderbare und gewaltige Ereignisse, welche meinem jugendlichen Auge nahe traten, durchdrang sie und folgerte aus ihnen sich Nahes und Verwandtes zusammen, bis mir ein Bild entstand, was meinem Triebe nach Wahrheit genügte.« – –

So war Immermann in der Tat aufs beste berufen, seine Erlebnisse zu erzählen, aber trotzdem sind seine Jugenderinnerungen nie sehr bekannt geworden und werden jetzt kaum noch gelesen. Das hat zwei Gründe. Zunächst kamen sie den Deutschen in der allerungünstigsten Zeit vor die Augen. Die lebhaften Geister um 1840 schauten lieber vorwärts, nach 1848 hin, als rückwärts auf jene große Zeit, deren begeisterte Hoffnungen nur so schlecht in Erfüllung gegangen waren. Es gab aber auch Viele, die an den Emporkömmling »Buonaparte«, der eine Zeitlang die alte Ordnung Europas so arg gestört hatte, an den schmählichen Zusammenbruch der deutschen Staaten und an die nur durch starke Mitwirkung des »Volkes« gelingende Vertreibung des Eindringlings nicht gern erinnert werden mochten. Die Menge hat immer nur geringe Teilnahme für Dinge, die 10, 20, 30 Jahre zurückliegen, aber uns Heutigen erscheint es fast unglaublich, wie kalt sich im Jahre 1838 Behörden und Volk verhielten, als Einige die »silberne Hochzeit« der preußischen Erhebung von 1813 zu feiern anregten. Nur in ein paar Städten, z. B. in Hamburg und Dortmund, kam es zu Volks- oder Bürgerfesten, anderwärts blieben die ehemaligen Kriegs-Freiwilligen unter sich. Immermann nahm an dem Kölnischen Feste teil, das für die Krieger der ganzen Rheinlande bestimmt war! Diese Gleichgültigkeit der Menge, von der man historischen Sinn nicht erwarten darf, trug unser Patriot immerhin noch leichter als die bewußte Ablehnung der alten Erinnerungen durch diejenigen, die in der Niederlage bei Jena und in den Siegen »Buonapartes« fatale Ereignisse sahen, die man am besten vergißt und verschleiert. Immermann meint trotzig: »Daß der vierzehnte Oktober (1806, Jena) und der dritte Februar (1813, Aufruf der Freiwilligen gegen Napoleon) zusammengehören, wird der Geschichte wohl unverboten bleiben zu sagen, wenn auch Einige die Erinnerung an den ersten Tag unbequem finden. Diese verraten dadurch, daß sie von dem letzten ebenfalls nichts wissen oder nichts mehr wissen wollen. Denn eine glorreiche Erhebung fand nur statt, weil eine schmähliche Niederlage vorangegangen war. Die also von der Niederlage zu hören tauben Ohres sind, legen Zeugnis ab, daß an ihnen die Erhebung vorübergegangen ist wie etwa ein Sturm, vor dem sich der für seine Gesundheit besorgte Mann unter einem Wetterdache birgt. Am konsequentesten unter diesen verfahren denn auch diejenigen, welche die Jahre 1813, 1814, 1815 geradezu für schädliche Wetterereignisse ansehen.«

Wir Heutigen betrachten jene großen Ereignisse längst unbefangener und auch bereitwilliger; wenn Immermanns Erinnerungen noch immer unbekannt blieben, so muß der Fehler an ihnen liegen. In der Tat: sie sind unglücklich redigiert, mangelhaft herausgegeben. Diese Jugenderinnerungen sind in den drei Bänden »Memorabilien« eingeschlossen, die so vielerlei enthalten, daß sie im ganzen nur wenigen Lesern mundgerecht sein können. Sodann hat Immermann durch seine Bescheidenheit und seine Betrachtungslust sich verleiten lassen, die Erzählung der eigenen und der vaterländischen Erlebnisse immer wieder durch lange geschichtsphilosophische, politische, literarische und andere Erörterungen zu unterbrechen und Vergleiche zwischen 1840 und 1810 zu ziehen, die uns Nachkömmlinge nicht mehr fesseln können. Es sind Leitartikel vorzüglichster Art, aber wer mag jetzt noch Leitartikel von Anno 1840 lesen? Auch vermeidet Immermann manche Anspielung nicht, die heute auch dem Gelehrten schwerverständlich geworden ist, gebraucht auch manches Fremdwort, das jetzt bereits veraltet ist. Am raschesten mußte der Titel veralten, denn Immermann nannte diesen Teil seiner Memorabilien: »Die Jugend vor fünfundzwanzig Jahren«.

Da nun aber der Kern des Werkes recht wertvoll ist, so haben wir den Versuch gemacht, durch ein unbarmherziges Streichen alles die Erzählung Hemmenden, durch andere Einteilung, durch Umsetzung einiger Seiten, durch Erklärung der Anspielungen und gelehrten Worte aus dem Alten ein Neues zu machen, das wir nun für recht lesbar und anschaulich halten. Ein Kapitel gar, unser zwölftes, haben wir einer andern Schrift des Dichters entnommen, nämlich seinem Bericht »Das Fest der Freiwilligen zu Köln am Rheine den 3. Februar 1830«. Wir halten aus einem besonderen Grunde diese Bearbeitung und Ausnutzung für erlaubt. Immermann war schon tot, als seine »Memorabilien« erschienen; hätte er statt des halben ein volles Menschenleben ausgedauert, so hätte er gewiß selber eine Umarbeitung in ähnlicher Weise vorgenommen. Da er aber in voller Manneskraft hinweggenommen wurde, so wagt ein Landsmann und Gesinnungsverwandter statt seiner diese neue Redaktion.


Immermann entstammt einer Familie, die in den Dörfern und kleinen Städten um Magdeburg herum zu Hause war; er selber wurde in Magdeburg am 24. April 1796 geboren. Sein Vater hatte den Titel »Kriegs– und Domänenrat«: heute würde er »Geheimer Regierungsrat« oder »Oberpräsidialrat« heißen. In seinem fünfundvierzigsten Lebensjahre hatte er die achtzehnjährige Tochter des Dompropstes Wilda geheiratet; Karl war das erste seiner sechs Kinder.

In einem großen alten Hause in der Klosterstraße wohnte die Familie, gegenüber dem »Kloster Unserer lieben Frauen«, das jedoch längst in ein Pädagogium oder Gymnasium umgewandelt war. Karl empfing seinen ersten Unterricht durch seinen eigenen Vater; Ostern 1807 ward er Quintaner im Klostergymnasium. Ostern 1813, also mit vollendetem siebzehnten Jahre bezog er die nahe Universität Halle, um die Rechte zu studieren.

Doch nun möge er selber erzählen!

Weimar
Dr. Wilhelm Bode.

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