Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Preußische Jugend zur Zeit Napoleons

Karl (Leberecht) Immermann: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons - Kapitel 13
Quellenangabe
typeautobio
authorKarl Immermann
titlePreußische Jugend zur Zeit Napoleons
publisherVerlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
year1915
printrun16-20. Tausend
editorDr. Wilhelm Bode
senderwww.gaga.net
secondcorrectorGerd Bouillon
created20050527
Schließen

Navigation:

11. Kapitel.

Nochmals Napoleon

Es gibt kritische Naturen, welche einen kitzelnden Trieb in sich fühlen, durch Zerstörung bauen, durch Vernichtung beleben zu wollen. Stets in Opposition mit dem Bestehenden, unternehmen sie, ein Neues an seine Stelle zu setzen, und täuschen sich immerfort über das Material, welches sie zu ihrer Schöpfung gebrauchen. Sie sind Architekten, welche aus Schutt Paläste errichten zu können meinen.

Was bei dem Einzelnen als vermeidlicher Irrtum erscheint, das ist in kritischen Zeiträumen unabtreibbare Last des Geschicks. Ist ein Menschengeschlecht endlich dahin gestoßen worden, eine Revision seines Gesamtzustandes vornehmen zu müssen, so kann es bei dem bloßen Läugnen und Aufheben nicht stehen bleiben, denn die Gemeinschaft will zu allen Zeiten positive Stützen haben. Diese pflegen dann fälschlicherweise in entgegengesetzten Begriffen gesucht zu werden, da doch das Neue, wahrhaft Lebensfähige nur aus völlig neuen oder umgewandelten Persönlichkeiten entspringen kann.

Die Französische Revolution ist der neueste kritische Prozeß der Weltgeschichte. Sie war in allen ihren Stadien Kritik, Metakritik.

Auch in Napoleon ist nur der Kritizismus der Revolution unbesieglich, urkräftig. Meisterhaft weiß er das Schwache in seine Nichtigkeit zu werfen. Wie er Spanien seiner Herrscherfamilie beraubt, wie er Preußen zu moralischem und physischem Falle bringt – diese Taten wird zwar die öffentliche Moral stets ächten, der Verstand wird sich aber nicht entbrechen können, sie als die größten Würfe kombinatorischen Scharfsinnes, leisen Wartens, blitzschnellen Zufahrens zu bewundern. Eine Kritik des Nichtigen ist daher seine Stärke. Die Nichtigkeiten der früheren europäischen Verhältnisse kritisch beleuchtet zu haben, scheint mir sein welthistorischer Nutzen zu sein.

Dagegen ist alles Tiefste, Wahrste wie zugedeckt vor seinem adlerscharfen Auge. Was über die Einsicht in das Schlechte oder über einen glänzenden Irrtum in den öffentlichen Verhältnissen hinaus liegt, verhöhnt er mit dem selbstgeschaffenen Worte »Ideologie«. –

Die seltsamsten Mittel braucht er, sich den Grund unter seinen Füßen zu schaffen. Weil England ihn nicht anerkennen will und der Tag von Trafalgar gewesen ist, so muß er freilich Alles, was nur von fern wie englisch Schiff und englische Flagge aussieht, aussperren, muß dem beharrlich skeptischen Feinde in Portugal, Spanien, Illyrien, an den Mündungen des Rheins, der Weser, Elbe, Trave begegnen. Er redet aber dem Kontinente vor, durch den Verkehr mit England sei er verarmt und unglücklich – dem Kontinente, welcher bei englischem Zucker und Kaffee es sich hatte so ziemlich wohl sein lassen. Und weil er nicht Napoleon der Zweite ist, soll Karl der Große sein Thronlasser sein. In dieser Erfindung zeigt sich am meisten die Trocknis, zu welcher die Phantasie des großen Geistes durch den ihm einwohnenden mathematischen Bestandteil hin und wieder herabgebracht wurde. Sie ist ein dürres Additionsexempel, in welchem noch dazu eine Null zählen soll. Denn arithmetisch ausgedrückt, lautet sie: Die untergegangene französische Monarchie + Napoleon = dem zweiten Charlemagne. Er bedachte nicht, daß ein Genie zwar eine alte Institution neu beleben kann, wie der große fränkische König mit dem abendländischen Kaisertume wirklich getan, nie aber ein früheres Genie fortsetzen wird, weil alle solche höchste Kapazitäten exklusiver Natur sind. Auch wirkte dieser Einfall am wenigsten, was er in der Welt wirken sollte; er brachte vielmehr eine entgegengesetzte gefährliche Ahnung zum Durchbruch. Man fragte, warum Karl der Große erobert habe? Und antwortete: Zum Teil wenigstens deshalb, weil er aufrührerische Vasallen züchtigen, die Christenheit vor den Einfällen der Sarazenen, vor den Neckereien der Sachsen und Slawen schützen mußte. Man fragte, warum Napoleon erobere, und begann zu vermuten, daß ihn seine mißliche Position den unruhigen Franzosen gegenüber dazu auch gleichsam zwinge. Eine Meinung, welche der Meinung von seiner Allgewalt ungünstig war.

Doch wir haben es hier weniger mit dem Riesen als mit seinem Schatten zu tun. Der Schatten des Riesen war der Despotismus.

Zwar hat man den Schatten leugnen, Napoleon gleichsam zu einem ungeheuren Peter Schlehmihl machen wollenDer »Schatten des Riesen« und »Peter Schlehmihl« sind Anspielungen auf Goethes »Märchen« von 1795, dessen Deutung seitdem Viele beschäftigte, und auf eine Erzählung Chamissos von 1814.. Nachdem der Haß und Abscheu sich an ihm ersättigt hatte, begann eine kindische Vergötterung vor ihm zu keimen. Er war nach der Meinung mancher Menschen eigentlich ein durchaus guter und braver Mann gewesen, ein Apostel vernünftiger, gemäßigter Ideen; man begriff schwer, warum dieser sanfte Charakter nicht Landprediger geworden war. In ähnlicher Art sprach er selbst von sich zuweilen auf seinem Felsen, freilich wohl nur, um sich einen Spaß mit seiner Umgebung zu machen.

Die richtige historische Mitte über jenem Haß und Abscheu, und über dieser Vergötterung wird wohl nicht mehr verrückt werden können. Napoleon war ein Despot. Es ist abgeschmackt, beweisen zu wollen, daß das Feuer brenne und das Wasser nässe. Ich erspare mir daher die gleich abgeschmackte Mühe, Napoleons Despotismus zu beweisen. Wer jene Zeit noch mit Bewußtsein durchlebt oder wer auch nur einige Zeilen Geschichte gelesen hat, weiß daß in ihr Alles unsicher, depraviert, vereitelt und das Meiste auch verkäuflich war, daß die Schmeichelei sich an die Stelle der Gesinnung gedrängt hatte, daß den Schwachen und Schlechten wohl, den Starken und Guten übel zumute war, und daß alles dieses von dem Einzigen herrührte, der nichts an seinem Platze gelassen hatte. Mit diesen Sätzen muß ich meine Beweisführung für geschlossen erklären, habe ich zugleich schon bewiesen, daß Napoleons Despotismus ein schlechter war.

Denn man kann vom Despotismus reden und braucht dennoch nicht in MontesquieusCharles de Montesquieu (1689-1755), der angesehenste politische Philosoph seines Jahrhunderts, besonders durch seine Werke über den Geist der Gesetze und über die Größe und den Verfall der Römer berühmt, ein Anhänger der englischen Verfassung. Verwünschungen einzustimmen. Die Menschheit schwankt bei allen ihren Schritten zwischen Freiheit und Notwendigkeit; der Despotismus ist nur eine Notwendigkeit mehr, neben welcher manches Leben in Freiheit aufblühen kann. Er kann zu seiner Zeit nützlich sein; bisweilen mag die Welt nichts Anderes verdient haben. Er waltet fast durch den ganzen Orient, und der Orient beweist, daß unter ihm eine ehrwürdige Volksphysiognomie sich ausbilden könne. LamartineDer französische Dichter und Staatsmann Alphonse de Lamartine bereiste 1832 das Morgenland und gab 1835 seine »Reise in's Morgenland« heraus. hat noch neuerdings gesagt: Wenn man zu den Orientalen komme, so sei es, als trete man unter die erstgeborenen Kinder des Hauses, unter die Bewahrer vornehmerer, anständigerer Sitte. Der Despot will nicht die Hand in den Taschen aller Menschen haben, er will nicht Blut trinken; sondern er will nur, daß die Freiheit der Einzelnen lediglich auf ihre Privatverhältnisse beschränkt sei, in den öffentlichen aber die eine und unteilbare Majestät herrsche. Er vernichtet die politischen Rechte, die bürgerlichen läßt er unangefochten. Er darf es wenigstens tun, ohne seinen unterscheidenden Charakter einzubüßen. Der ungerechte Kadi ist von vielen Despoten des Orients grimmig bestraft worden. In dieser Beziehung hatte auch Napoleon einen richtigen Takt. Er besaß ein wahres Interesse am Privatrechte, er ehrte den Richterstand höchlich, wenn er ihn auch schlecht bezahlte. Das Eigentum ließ er unangetastet, wenn nicht Kriegszwecke einen Konflikt hervorbrachten.

Der Despotismus findet seinen Damm in der Religion, im Hause, in der Sitte. Die Gebiete der Freiheit, welche dahinter liegen, werden ihm gegenüber eigensinnig abgemarkt: in ihnen macht sich der Mensch Bewegung. Der Despot bildet die Menschen zu Religiosen, zu Freunden des Hauses und der Sitte um. Man kann nun nicht sagen, daß unsere Verhältnisse für die Ausbreitung und Befestigung des Despotismus ungünstig gewesen seien. Politische Rechte waren nicht vorhanden, oder sie waren an den Berechtigten gehaßt. Sitten und Gebräuche hatten sich zwar abgelebt, dagegen besitzt der Deutsche einen natürlichen Hang, sich zu unterwerfen, zu dienen, bis zur Selbstverleugnung imponiert zu sein. Von jeher flüchtete er gern von der Erde zum Himmel, von draußen in das Innere des Hauses. Wahrlich, ein vernünftiger Despot hatte mit ihm leichtes Spiel. Und Napoleon war von Italien, Ägypten, von den ordnenden Tagen des Konsulats her ohne Frage die größte, bezauberndste Erscheinung.

Aber damit der Despotismus in den Seelen Wurzel schlage, muß er rein und naiv auftreten. Er muß sich ankündigen als das, was er ist, als Wille, der nicht zu schmeicheln braucht, als Gewalt, die da sagt: »Ich bin Gewalt, weil Gott in dieser Gewalt wohnt.« Napoleons Erscheinung war aber eine gemischte. Weil seine Weltstellung etwas Zwiespältiges und Gebrechliches hatte, so konnte daraus auch nur ein zwiespältiger, gebrechlicher Despotismus folgen. Der Riese stand in zu verschiedenartiger Beleuchtung: Die LegitimitätDie Gesinnung, wonach die angestammten Fürsten von Gottes Gnaden und darum rechtmäßig regierten, so daß man ihnen nach Gottes Willen vollkommenen Gehorsam schuldig sei. Danach war der Emporkömmling Napoleon kein rechtmäßiger Kaiser, sondern wurde nur ertragen, bis man seiner übermächtig werden konnte. beleuchtete ihn, der Republikanismus, die militärische Glorie beleuchteten ihn, das DiogeneslämpchenVon dem griechischen Philosophen Diogenes (414-324 v. Chr.) wird erzählt, daß er einmal bei hellem Tage mit einer Laterne ging und Denen, die sich darüber verwunderten, erklärte, er wolle Menschen suchen. D. hatte sich zur größten Bedürfnislosigkeit erzogen und verachtete auch Ruhm und Macht. Als Alexander der Große, der Napoleon des Altertums, ihm anbot, er möge sich eine Gnade erbitten, erbat sich D., der König möge ihm aus der Sonne gehen, damit er der Wärme besser genieße., welches nach Ruhe und Frieden suchen ging, ließ seinen schrägen Schein auf ihn fallen. Er warf daher keinen tiefen, schwarzen Schatten, der Schatten irrte das Auge durch blauen, grauen, rötlichen, grünlichen Farbenschiller.

Napoleon konnte die Reminiszenzen der Ochlokratie, des Parvenu, das Gefühl der mißlichen Stellung nicht verleugnen. Deshalb mußte er unter allen Hatt-i-ScherifsTürkischer Name für die eigenhändig geschriebenen Befehle der Großherrn; sie haben unmittelbar Gesetzeskraft., die er erließ, und an der Spitze von fünfhunderttausend Bajonetten demagogisch kajolieren, rhetorisch sich blähen; auch strebte er beständig, zu überzeugen. Mit allen diesen kleinen Mitteln befaßt sich der reine, große Despotismus nicht. Hätte er den Mut gehabt, zu sagen: »Ich bin Gottes Geißel, aus der Niedrigkeit berufen, euch zu züchtigen, wie ihr's durch eure Sünden verdient habt, tut Buße, ein Anderes ist diesem Geschlechte nicht zugeteilt« – wer weiß? .... Denn die Deutschen sind fähig, viel Not zu leiden, wenn sie sich nur mit einer kompakten Idee speisen können. Sie haben ein Talent, an sich zu zweifeln und zu verzweifeln. Fichte sagte ihnen ja ungefähr dasselbe, und sein Auditorium erduldete es. Warum sollten sie nicht resignierend in ihren Busen gegriffen haben, wenn ihnen der Weltgebieter eine ähnliche Bußpredigt gehalten hätte?

Statt dessen sagte er: »Armes Volk, schmachtend unter den Lasten, die euch eure Gewaltigen auflegten, verkauft an England, ich nahe, dein Befreier, ich werde euch alle glücklich machen«. Dies mußte das Volk hören, welches, so unzufrieden es auch da und dort mit seinen Fürsten gewesen war, doch für sie ein Familiengefühl, wie das schmollender Kinder ist, bewahrt, welches von Englands Einflusse nie etwas vernommen hatte und inmitten aller Verheißungen des neuen Glücks Hunger und Durst litt.

Schlimm war auch die Polissonnerie, die seinem Grimme anklebte und nach Marats verschollenem BlatteMarat, geb. 1744, von Charlotte Corday 1793 ermordet, der blutgierigste unter den Demagogen der Revolution, gab u. a. die Zeitschrift »l'ami du peuple« (»Volksfreund«) heraus, in der er den Gelüsten des Pöbels schmeichelte. schmeckte. Der Despot wirft sein Opfer nieder, verachtet es dann und läßt es im Blute liegen. Napoleon kehrte das blutige Opfer hin und her, beschimpfte es, besudelte es. Er vergaß sich so weit, Frauen zu schmähen, die gegen ihn gewirkt hatten. Man denke an die Königinnen von Neapel und Preußen! Das vergab ihm das Volk nicht, am wenigsten konnte es in solchen Invektiven einen echten Gesandten höherer Geschicke erkennen.

Wie ein Fluch folgte ihm noch etwas: das Komische. Der rechte Despot verbirgt sich in erhabener Ruhe hinter seinem Wesir, er ist ein apathischer Gott. Oder um vom Morgenlande abzugehen: Philipp der Zweite hat an seinem briefebelasteten Schreibtisch in der Einsamkeit des EskorialsBei Eskorial, einem Flecken in der spanischen Provinz Madrid, befindet sich ein von Philipp dem Zweiten erbauter berühmter Palast, die Herbstresidenz der spanischen Könige. Philipp II., Sohn Kaiser Karls des Fünften, lebte von 1527-1598; sein Charakter ist uns jetzt am besten bekannt aus Schillers »Don Carlos«, Goethes »Egmont« und Schillers »Geschichte des Abfalls der Niederlande«. gezeigt, wie sich ein Despot in Europa ausnehmen muß. So konnte und durfte nun zwar Napoleon nicht sein, aber dafür geriet er in das Hantieren, Renommieren, sich Spreizen, in eine Schauspielerei der Größe hinein. So verhielt es sich wenigstens, als er Norddeutschland niedergeworfen hatte und der luxurierende Geist bereits an seinen Einbildungen krankte. Damals war er nur noch unverfälscht groß in seinen Schlachten, in allem übrigen wirklich Jupiter ScapinScapino oder Scapin ist in den italienischen und französischen Komödien der verschmitzte Bediente., wie ihn der Erzbischof von Mecheln genannt hat. Napoleon hat sich über dieses Witzwort erzürnt, es trifft aber, denn alle seine Einrichtungen, die großen Kraft- und Schlagworte riefen in dem Volke immer sogleich Spitznamen, heimliche Travestienwörtliche Umkleidungen; gemeint sind possenhafte Veränderungen oder Nachahmungen ernsthaft gemeinter Dichterwerke. auf. Da war kein Pfahlbürger, der einen Trunk über den Durst getan hatte, den seine Kollegen nicht damit schroben, daß er sich »mit Ruhm bedeckt habe«.

Kein Poltron lief davon, ohne über »die retrograde Bewegung« verhöhnt zu werden. Es ist aber nicht wahr, daß das Volk »alles Erhabene in eine Posse verwandeln müsse, weil es sonst dasselbe nicht zu ertragen vermöge« (Goethe). Einen Schwank treibt zwar das Volk gern mit jeglichem Großen, aber es persifliert es nicht. Es persifliert nur das Gemachte. Wie selten waren Spöttereien auf Friedrich den Zweiten!

Der Geist des EmpireKaiserreich; man meint damit besonders die Glanzzeit Napoleons und dann den Bau- und Kunstgewerbestil, der damals herrschte; es war ein klassizistischer, an griechische und römische Vorbilder sich anlehnender. Auf ihn folgte ein neugotischer und andernorts der Biedermeierstil. war in merkwürdiger Weise ideen- und erfindungslos. Nicht einmal ein echt-heraldisches Wappen konnte er produzieren. Der Adler sah immer nach nichts aus, auch über den »Kuckuck,« wie er genannt wurde, lachte man. Das Komische ist aber der furchtbarste Feind des Furchtbaren; es zerreibt es heimlich. Denn der Mensch fühlt sich souverän, wenn er lacht.

Dieses Mischchaos von Größe und Kleinheit, von Schreck und Posse regte ein Chaos in den Geistern der Menschen auf. Zuerst gab es ihnen Energie. Denn unter allem Lächerlichen, und gleichsam nur mit einem grillenhaften Redoutenputze behangen, trat doch ein Übermenschlich-Menschliches vor ihren Blick. Um vor diesem Koloß nicht zu verdunsten, mußte ein Jeder sein bißchen Mut, sein Restchen Eigenes zusammennehmen. Die Seelen der geringsten Philister glichen der kondensierten Luft in der Kugel der WindbüchseIn der Windbüchse ist die treibende Kraft zusammengepreßte Luft, die in einen abschraubbaren Kolben eingepumpt wird., bereit, loszuplatzen, wenn einmal die Klappe vor der Öffnung wiche.

Aber jenes Übermenschlich-Menschliche wirkte nur wie eine gewaltsame Naturerscheinung, außer der Regel, konfus, zu kurzer Dauer vorbestimmt. Niemand knüpfte an dieses Phänomen sittliche Aussichten, Hoffnungen einer durchgreifenden sozialen Gestaltung. Wenn ich sage: Niemand, so nehme ich einige aus – besonders Juden, Lieferanten, Stellenjäger, Aristokraten, Fürsten – der große Kern des Volkes blieb aber von jenem Wahnglauben völlig unberührt. Sehr früh war man überzeugt, daß dieses Gerassel und Geprassel nicht lange die Welt durchlärmen könne, daß die Oper der GloireRuhm; man braucht das franz. Wort, um den prahlerischen, theaterhaften Ruhm zu bezeichnen, für den die Franzosen gern die größten Opfer brachten. einmal kurz vor Mitternacht ausgesungen sein werde. Ich hörte schon im Jahre 1810, folglich als das Reich auf dem Kulminationspunkte stand, einen ernsten Mann sagen: Napoleons Herrschaft sei schlimm, noch schlimmer aber werde die Flut der schlechten Verse und Karikaturen sein, wenn Napoleons Sturz erfolge.

Die Jugend wurde von dem Gewühle disparater Vorstellungen, welche die moderne Völkerwanderung aufstörte, noch inniger ergriffen als das Alter. Sie war noch nicht durch Reflexion und Erfahrung abgebraucht. Sie hatte das frühere Leben nicht gekannt, sie empfing daher von dem Kriegs- und Weltsturm reine, für ihre ganze Zukunft bestimmende Eindrücke. Das Leben in einer seiner ungeheuersten Entfaltungen half die damalige deutsche Jugend mit erziehen. So war keine frühere, so ist die spätere Generation nicht erzogen worden.

Abscheuliche Exekutionen traten vor das junge Auge. Ich war dreizehn Jahre alt, als ich eines Morgens von der Zitadelle herauf durch unsere Klosterstraße nach ödem Blachfeld vor dem Tore zwei blasse Männer führen sah. Es war ein junger und ein alter, sie waren mit den Händen aneinander gefesselt und der junge redete dem alten zu, der sehr niedergeschlagen aussah. Gendarmen ritten vor und nach, und ein Kommando Infanterie folgte. Ich hörte, daß es ein Vater und ein Sohn sei und daß sie erschossen würden, weil sie bei Kattes KorpsFriedrich Karl v. Katte, 1772 im Magdeburgischen geboren, war 1808 und 1809 sehr tätig, in Norddeutschland einen Aufstand zu erregen, und nahe daran, Magdeburg durch Einverständnis und Überrumplung zu nehmen. Später schloß er sich an den gleich zu erwähnenden Herzog von Braunschweig an, 1813 trat er in die reguläre preußische Armee. gedient hätten.

Einige Wochen später hörten wir feuern; es war SchillFerdinand v. Schill (1776-1809) führte schon 1807 ein Freikorps; 1808 wurde er Kommandeur eines preußischen Husarenregiments; im April und Mai 1809 versuchte er mit seinem Regiment in das Königreich Westfalen einzubrechen. Er eroberte Halle, mußte sich aber bis Stralsund zurückziehen, wo er im Straßenkampfe fiel., der sich bei Dodendorf mit den WestfalenAlso mit den Truppen des Königs Jerome. Dodendorf liegt bei Magdeburg, und dies lag an der preußischen Grenze des damaligen Westfalens. schlug. Ich machte mich, als diese Sache wieder still geworden war, an einen Holzhacker, einen finsteren, bärtigen Kerl, von dem es heimlich bekannt war, daß er unter dem Parteigänger gedient hatte. Er erzählte mir in den Pausen, wo er vom Hacken ausruhte, flüsternd, wie er nach dem Stralsunder Blutbade drei Tage und drei Nächte in einem elenden Kahne auf der See geschwommen habe und endlich von Fischern nach der Insel Usedom gerettet worden sei. Daß Schill geblieben sei, galt für eine französische Fabel; er lebe, hieß es, und werde zu gelegener Zeit schon wieder zum Vorschein kommen. Das Volk läßt seine Lieblinge nicht sterben. Es hieß seinen Helden Schild, in dieser Umgestaltung des Namens unabsichtlich sein Gefühl aussprechend.

Dann ging Braunschweig-OelsDer jüngste Sohn und Erbe des unter Fußnote 9 erwähnten Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand, jedoch seines Erbes verlustig, da Napoleon es zum Königreich Westfalen geschlagen hatte. Dieser Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels (1771-1815) errichtete 1809 ein Freikorps, das schwarz uniformiert war, drang zuerst in Sachsen ein und zog bis zum 7. August siegreich über Leipzig, Halle, Halberstadt, Braunschweig, Hannover bis zur Nordsee, fuhr nach England über und kämpfte nun in englischen Diensten gegen Napoleon. Auch er trat 1813 in preußischen Dienst, 1815 fiel er bei Quatrebras. in geordneterem, achtunggebietenderem Zuge durch Niederdeutschland. Wir waren noch Knaben, aber ich kann sagen, daß wir die gewaltige Situation fühlten, als wir vernahmen, der Welfe habe streifend seine Stadt besucht, aber nicht auf dem Schlosse geschlafen, sondern draußen unter dem Sternenhimmel in der Beiwacht.

Wie ein ferner, sterbender Ton klang es aus den Tiroler Alpen nach unseren Flächen herunterAus dem tiefen Eindruck, den die Erhebung der Tiroler im Jahre 1809 auf den Knaben machte, ist 1826 Immermanns Trauerspiel »Andreas Hofer, der Sandwirt von Passeyer« entstanden. .

In phantastischer Energie des Hasses entlud sich die verletzte Empfindung der Jugend. Wir wußten nichts von Stabs, wir wußten noch weniger von Georges Cadoudal und PichegruGeneral Pichegru verband sich 1803 mit Cadoudal, der schon 1800 an einer »Höllenmaschine« beteiligt gewesen war, zur Ermordung Napoleons. Manche andere planten und versuchten solche Attentate; nicht wenige von ihnen wurden hingerichtet., aber es war unter den jungen Leuten ein gemeines Gespräch, wie man es wohl anfangen könne, Napoleon zu erschießen oder zu erstechen. Daß es Sünde sei, einen Menschen zu töten, kam hierbei nicht in Erwägung; nur daß es den Kopf kosten werde, machte die Sache bedenklich.

Man wird zugeben, daß eine Jugend, die in ihren Gedanken mit Mord und Tod spielt, eine eigenartige Jugend gewesen sein müsse. Alle Gegensätze zogen wie die unter dem Machtherrscher zusammengekoppelten Völker durch die unreifen Gemüter. Der gröbste Materialismus, der durch die Not der Zeit aufgezwungene Glaubenssatz, daß es vor allen Dingen darauf ankomme, Unterhalt und Brot zu finden, stand neben den wildesten Träumen von goldenen glänzenden Abenteuern tief in Asien oder fern bei Lissabon, worin eine maßlos an das Unmögliche verlorene Einbildung schwelgte. Drastisch zum Gefühle ihrer Wichtigkeit aufgeregt wurde die Jugend an einigen Orten durch Fichte und Jahn und durch die, welche von den Gedanken dieser Männer einen Anstoß empfangen hatten.

Die damalige Jugend lebte mehr in starken Vorstellungen als in umfassenden, mehr in Gefühl und Entschluß als in Verstand und Betrachtung. Ihren Durchschnittszustand möchte ich eine edle Barbarei nennen. In dieser Verfassung traf sie der Krieg.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.