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Preußische Jugend zur Zeit Napoleons

Karl (Leberecht) Immermann: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons - Kapitel 12
Quellenangabe
typeautobio
authorKarl Immermann
titlePreußische Jugend zur Zeit Napoleons
publisherVerlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
year1915
printrun16-20. Tausend
editorDr. Wilhelm Bode
senderwww.gaga.net
secondcorrectorGerd Bouillon
created20050527
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10. Kapitel.

Studentenstreiche.

Im Rittersaale tummelte sich der junge Schwarm oder bremsete in den weiten, grünen Räumen zwischen Dianentempel, Eremitage und Belvedere hin und her. Die Familie, die Freunde, die näheren Bekannten waren reichlich mit Nachkommenschaft gesegnet; zuweilen trieben da droben an dreißig junge Leute ihr Wesen, die natürlich nicht alle in Betten untergebracht werden konnten, sondern zu Nacht Streulager empfingen.

Mit den Studenten hatte der Oheim ein besonders nahes Verhältnis. Es studierte fast alles aus der Familie in Halle, und da dieser akademischen Jugend die Vorratskammern des Amtes werter waren als den Israeliten die Fleischtöpfe Ägyptens, so fehlte es jahraus jahrein nie an Zuspruch von der Hochschule. Auf diese Weise hatte der Oheim sechs bis sieben der kurzlebigen akademischen Generationen an sich ab- und heruntergelebt und wußte die verschiedenen Epochen genau zu charakterisieren. In seinen Schilderungen war jedoch weniger von Fleiß und Wissen, sondern mehr vom »flotten« Wesen die Rede. Der Oheim unterschied die flottesten von den flotteren, flotten und nicht flotten Jahrgängen des studierenden Wachstums. Letztere nannte er »Teekessel«. Mit denen wollte er nichts zu tun haben; sie kamen auch späterhin, wenn sie gemachte Männer waren, nie ohne Seitenhiebe bei ihm durch. Denn er begehrte Spaß von den jungen Leuten, ihr Übriges ging ihn so viel nicht an.

Man findet viele ältere Personen, die zu den Schalkspossen der Jugend nicht sauer sehen, man trifft da und dort auch wohl einen muntern Alten, der sich in einen Schwank gefällig einläßt; selten aber wird einer, der in den Ruhestand gehört, sein, welcher den Anführer der Jugend zu allen Schwänken macht. Mein Oheim Yorick ließ sich dieses Kommando nicht nehmen. Er stiftete Sackhüpfen in der Rennbahn, er ließ mit verbundenen Augen nach dem Topfe schlagen und ging mit gutem Beispiele voran, er munterte zum Klettern in die Bäume auf und arbeitete unermüdlich, vom Schweiße seines Antlitzes betrieft, im Fache der Attrappen, deren Zweck und Ziel denn war, daß einer, der die Sache noch nicht kannte, Schläge von unsichtbarer Hand erhielt oder einen mehlweißen Mund bekam oder mit Wasser bespritzt wurde. Letzteres geschah, wenn der Oheim »Zauberer« spielte. Er hatte dann ein großes Bettlaken um sich hangen, ließ den zu Mystifizierenden mit trügerisch-kabbalistischen Worten in ein Becken voll Wasser schauen, worin ein fernes Bild erscheinen sollte, und patschte ihm, wenn Jener sich tief über das Gefäß bückte, das Wasser in das Gesicht. Das Resultat dieser Zauberei war gewöhnlich, daß der Magus nasser wurde als sein Opfer, was aber die Lust daran nicht verdarb. Vielmehr wiederholte der Oheim bei jedem Besuche sein täuschendes Wasserbeschwören, denn es gab immer deren, die noch nicht naß gemacht worden waren.

Zuweilen richtete er die sogenannte ägyptische Finsternis an. Diese bestand darin, daß er abends, wenn das Haus ganz voll war, plötzlich sämtliche Lichter auslöschte, die Küche verschloß, damit Niemand zu dem Feuer auf dem Herde gelangen konnte, und nun in dem Dunkel durch gewaltiges Läuten mit der großen Hausglocke das Signal zu einem allgemeinen Getümmel, zum wildesten Tasten, Tappen und Spektakulieren gab. Er selbst pflegte sich aber, um seine Glieder sicher zu stellen, bei dieser Velustigung zeitig einen wohlverwahrten Versteck zu erkiesen, aus dem wir ihn dann, wenn endlich wieder Licht ward, sich schüttelnd vor Lachen, hervorzogen.

Daß ein solcher Anreiz unter lauter grüner Zuzucht wie der Funke in einer Pulverkammer war, läßt sich begreifen. Wir suchten auf das beste seinem Vertrauen zu entsprechen: die durch den Zauberspiegel Genäßten wußten ihm reichlich zu vergelten; man legte ihm die Schlüssel weg und tat äußerst unschuldig bei seinem Suchen; man ließ ihn, wenn er gegen Mittag in der Festung aus dem Morgenhabit in den kornblumfarbigen Frack gleiten wollte, lange nicht dazu kommen, weil die Räuberbande unaufhörlich die Festung stürmte, sich in den Besitz der Falltüre vom Boden aus gesetzt hatte und die Leiter hinuntersenkte, um in das Innere einzudringen.

Einmal hatten wir vor Tagesanbruch aus den Wagen, Pflügen, Eggen, Walzen und allem sonstigen Ackergeräte des Gutes im Hofe eine ungeheure Konfiguration errichtet, welche ihm, als er am Morgen das Fenster öffnete, einer in Knittelversen als ein Symbol seines Standes auslegte. Der Redner war ganz in Stroh gekleidet, trug einen Kranz von Klatschrosen und nannte sich die blonde DemeterGriechische Göttin des Erdsegens und der Fruchtbarkeit; ihr lateinischer Name ist Ceres.; wir Andern aber hingen malerisch verteilt, in entsprechenden vegetabilischen Masken als die Repräsentanten der Getreidearten, der Rappsaat und des Turnips zwischen den Stockwerken des Gerüstes. Anfangs ging die Sache gut, nachher aber bekam sie ihr Schlimmes und wäre beinah zu Unfrieden ausgeschlagen. Denn wir hatten in unserem Eifer die Allegorie des Landbaus so fest mit Stricken und Ketten verschnürt, daß ein halber Tag darüber hinging, bevor der Verwalter und die Knechte sie wieder in ihre sinnlichen Bestandteile zerlegt hatten. Der Oheim, dessen Wirtschaft hiedurch und zwar gerade in der drangvollsten Erntezeit unersetzliche Stunden verlor, sah jener Analyse mit grimmigen Zornesworten zu. Ceres aber und sämtliche Cerealien hielten es für gut, Waldeinsamkeit zu suchen. Wir saßen wie die Ebräer im Exil auf Belvedere zusammen und sahen nach der güldenen Aue, als in der Mittagsstunde unser verstimmtes Oberhaupt in unsern Kreis trat, uns eine derbe Strafrede hielt und mit der Weisung schloß, in Zukunft mit unserer Laune ihm Wagen und Pflug zu verschonen.

Das Gewitter hatte mit diesem Schlage sich zwar entladen, es folgte ihm aber ein grauer Regenhimmel, denn es ging einige Tage nun sehr nüchtern zu. Das war einer der Fälle, in welchen der Oheim sich plötzlich erinnerte, daß er denn doch ein alter, verständiger Mann sei. Sie kamen zuweilen vor, und dann ließ sich schlimm mit ihm verkehren.

Er gab Bälle, veranstaltete Musiken im Freien, ließ, wenn das Wetter besonders schön war, am Dianentempel oder bei dem Nonnenbrunnen speisen. Aber alles das wäre noch nichts gewesen ohne seine Kunstliebe. Diese führte zu den höchsten Entfaltungen des dortigen Lebens.

Der Oheim besaß eine ausnehmende Kunstliebe. Sie richtete sich jedoch, wie es damals noch allgemein stattzufinden pflegte, hauptsächlich auf das Schauspiel. Er ließ kein Theater, welches ihm erreichbar war, unbesucht. Ich erinnere mich, daß er einstmals, als IfflandAugust Wilhelm Iffland (1759-1814) war der berühmteste deutsche Schauspieler jener Zeit; seit 1796 leitete er das jetzige Königliche Schauspielhaus in Berlin. Immermann schätzte auch seine Theaterstücke hoch. in Magdeburg Gastrollen gab, um vier Uhr nachmittags in das Parterre ging, um einen Platz zu bekommen. Er hatte aber doch schon nur einen Stand gewinnen können und war nun bis zehn Uhr abends die sechs Stunden hindurch auf seinen alten, müden Füßen verblieben. Halbtot und fast aufgelöst von Hitze und Gedränge, kam er zurück, seine Züge waren schlaff geworden, übrigens aber fühlte er sich froh und begeistert von dem Friedländer, den Iffland an jenem Abende gegeben hatte.

Es war Herkommens in der Familie, ihre Feste mit allerhand Theatralischem zu feiern. Der Oheim hatte sich bei solchen Gelegenheiten vielfältig versucht. Für die Krone seiner Leistungen erklärte er selbst einen Genius, den er zu einer Hochzeit geliefert hatte. Dieser Genius war der Liebesgöttin aus einem Rosenbusche vorangeschwebt und hatte dem Paare verblümt zu erkennen gegeben, was für Gaben die Göttin, die selbst nicht sprach, dem neuen Bunde zudenke. Der Oheim war damals schon über dreißig; »das tat aber nichts,« sagte er, »ich war dennoch der Einzige, der den Genius mit Würde sprechen konnte. Zum Überfluß hatte ich in meiner Rolle einige Worte angebracht, worin ich sagte, heute sei ein Tag, ein Tag so schön, ein Tag so ernsthaft und wichtig, daß kein dummer Junge von Genius an einem solchen Tage seine Sache hätte machen können.«

Die meiste Schwierigkeit hatte ihm das Kostüm verursacht. Niemand konnte ihm sagen, wie ein Genius sich eigentlich zu Hause trage. »Endlich,« rief der Oheim, »gab mir die Rolle Aufschluß!«

»Von der Milchstraße herab komme ich an diesem schönen Tage –

Halt, dachte ich. Milchstraße! Milch – Milchflor. In Milchflor will ich gehen, weil der überhaupt so eine unschuldige Tracht ist, die für ein höheres Wesen paßt. Ich kaufte mir also zwölf Ellen Milchflor, und der Schneider mußte mich ganz darin einnähen vom Kopf bis zu den Füßen. Meinen Kopf ließ ich mir aufbinden, das Haar flog mir lang um die Schultern, und ich sah ganz pompös aus, machte auch einen großen Eindruck.«

An letzterem war nicht zu zweifeln. Denn der Oheim besaß rötliches Haar, welches einen herrlichen Abstich gegen den weißen Milchflor gegeben haben muß.

Als wir heranwuchsen, gingen die artistischen Bestrebungen der Jugend bei dem Oheim teils den älteren Gang, teils bogen sie auch schon in die neuere Literatur- oder Kunststraße ein. Zu den Darstellungen älteren Stempels gehörten verschiedene Schäferspiele, ein Genre, welches er besonders liebte. Er ließ nicht leicht einen Geburtstag vorüber, ohne auf dem Theater im Freien oder im Rittersaale einen Myrtill mit seiner Daphne, einen Menalk und eine ChloeDie Schäferpoesie führt in eine künstliche Welt, die man nach einer griechischen Landschaft Arkadien nannte: hier erträumte man sich ein idyllisches Naturleben von höchst liebenswürdigen und zierlichen »Schäfern« und »Schäferinnen«, denen griechische Namen beigelegt wurden. Man hat diese Mode in der griechischen, lateinischen, italienischen und deutschen Literatur gehabt, auch in der Malerei [Watteau] und bildenden Kunst [Meißner Porzellan]. Sie reicht in Deutschland etwa von 1625-1777; noch bei dem jungen Goethe finden wir Schäferlieder und auch ein Schäferstück: »Die Laune des Verliebten«. Onkel Yorick wird zumeist an Gellerts Dramen gedacht haben. zu produzieren. Diese Stücke entstanden wie die Poesie der Urzeit: ein bestimmter Verfasser war selten ermittelbar, das dichtende Volk brachte sie hervor.

Außerordentlich war besonders eins, dessen Darstellung in die OlympiadeIn Griechenland ein Zeitraum von vier Jahren, nach den alle vier Jahre wiederkehrenden olympischen Spielen genannt. des Jahres 1810 oder 1811 fiel. Es traten darin mehrere herkömmliche Arkadier auf, dann die Göttin Hygiea, als eine völlig neue Figur aber ein junger Mensch in abgeschabtem grauen Rock, der sich sehr kläglich gebärdete, weil seine Eltern zu nahe dem Schlachtfelde von AspernBei Aspern siegten am 21. und 22. Mai 1809 die Österreicher unter Erzherzog Karl über Napoleon. gewohnt hatten und total abgebrannt waren. Hygiea hatte eine Beziehung auf den Gefeierten, denn er war kürzlich von einer schweren Krankheit erstanden; wie sich aber der junge Mensch mit seinen abgebrannten Eltern in die Fabel verflocht, ist mir entfallen.

Bei den Vorbereitungen zu diesem Stücke wurde mir eine Aufklärung niederschlagender Art. Der Geschäftsträger des Herzogs von Dalmatien, Monsieur d'Imbert, ein feiner, schöner Franzose, war gerade, wie alljährlich mehrere Wochen geschah, zum Besuche auf dem Amte. Er hatte schon früher einige unserer Darstellungen gesehen und sich dabei leidend verhalten. Diesmal aber griff er tätig ein. Das Stück sollte im Rittersaale gegeben werden, bedurfte also der Lampen. Da sah ich des Abends kurz vor dem Beginn, als ich schon mein arkadisches Gewand trug, Monsieur d'Imbert still umhergehen und die angezündeten Lampendochte herabschrauben, so daß der Schauplatz fast von des Oheims ägyptischer Finsternis erfüllt wurde. Man achtete nicht auf die Sache, und das Stück nahm seinen halbunsichtbaren Verlauf.

Ich fragte am andern Morgen Monsieur d'Imbert um den Grund seines Verfahrens und erhielt zur Antwort, daß man immer zwischen den Darstellungen durch Künstler und denen durch Dilettanten unterscheiden müsse. Bei den ersteren könne es nicht hell genug sein, bei den letzteren aber liege es im wohlverstandenen Interesse Aller, wenn man so wenig als möglich davon sehe. Monsieur d'Imbert gab diese Erklärung ohne alle Satire in der größten Höflichkeit; mich aber verletzte sie doch sehr, denn ich hatte mit allen Übrigen gemeint, daß wir unsere Sachen so meisterhaft machten, um den großen Kronleuchter des Théatre français nicht scheuen zu dürfen. Nachmals, wenn ich die Gesellschaftsbühnen bei Hoch und Niedrig sah, mußte ich oft an Monsieur d'Ibert und seine Lampenlöschungstheorie denken.

Der neueren Kunstentwicklung gehörten dagegen mimisch-plastische Darstellungen an. Wir beschränkten uns nicht wie die Händel-SchützDie Schauspielerin Henriette Händel-Schütz (1772-1849) war die erste, die öffentliche mimisch-plastische Vorstellungen gab. auf einzelne Sphinxe, Karyatiden, Madonnen und Magdalenen, sondern führten ganze Gedichte in dieser Manier auf. LichtwersDie Fabeln des Halberstädter Regierungsrats Lichtwer (1719-1783) waren um jene Zeit sehr bekannt. Das ganze Gedicht lautet:

          Der blinde Eifer.

Tier' und Menschen schliefen feste,
selbst der Hausprophete schwieg,
als ein Schwarm geschwänzter Gäste
von den nächsten Dächern stieg.

In dem Vorsaal eines Reichen
stimmten sie ihr Liedchen an,
so ein Lied, das Stein' erweichen,
Menschen rasend machen kann.

Hinz, des Murners Schwiegervater,
schlug den Takt erbärmlich schön,
und zwei abgelebte Kater
quälten sich, ihm beizustehn.

Endlich tanzen alle Katzen,
springen, lärmen, daß es kracht,
zischen, heulen, sprudeln, kratzen,
bis der Herr im Haus erwacht.

Dieser springt mit einem Prügel
in dem finstern Saal herum,
schlägt um sich, zerstößt den Spiegel,
wirft ein Dutzend Tassen um.

Stolpert über ein'ge Späne,
stürzt im Fallen auf die Uhr
und zerbricht zwei Reihen Zähne.
Blinder Eifer schadet nur!

»Tier' und Menschen schliefen feste,
selbst der Hausprophete schwieg,
als ein Schwärm geschwänzter Gäste
von den nächsten Dächern stieg ...«

bot einen Reichtum von Katzenmotiven dar; Schillers »Handschuh« gab Gelegenheit, höhere Richtungen höherer Tierwelt vorzuführen. Im ersten dieser Gemälde spielte der Oheim den vom Katzenlärmen erwachten Hausherrn, der mit einem Prügel im finstern Saale umherspringt; im letzten saß er als König Franz vor seinem Löwengarten und winkte voll ruhiger Hoheit mit dem Finger. Zu keiner anderen Rolle wollte er sich in diesem Gedichte bequemen. »Wenn ich eine von den Bestien machte, so verlöre ich ganz den Respekt bei Euch,« sagte er.

Es war im Februar 1815. Plötzlich fiel es einem von uns ein, daß des Oheims Geburtstag bevorstehe, und einem Andern, daß derselbe noch nie eigentlich recht feierlich begangen worden sei, und uns allen, daß wir die bisher übersehene Pflicht auf das ausbündigste nachleisten müßten.

Wir lebten nun ganz in den Vorbereitungen zu dieser Festesfeier. Stillschweigend war angenommen worden, daß nur etwas Ungemeines derselben würdig sei. Mir hatten die Übrigen die Wahl des Stücks übertragen. Ich stöberte in den Bibliotheken umher, fand ein Heft Possen von Julius v. Voß für »lebende Marionetten« geschrieben, und darin nur »Rinaldo und Armida«, die mir das Ungemeine, was Zeit und Gelegenheit verlangte, zu sein schien. Als ich es vorlas, gewann es sich auch den Beifall des ganzen Kreises. Das Ding war überschrecklich genug. Gottfried von Bouillon, der das Glas liebte und immer etwas aus der Fassung auftrat, rief an einer Stelle, wo er sich zum Ausruhen niederlegen wollte:

»Ihr Wagen Heu, fahrt mir aus dem Wege,
dieweil ich hier mich schlafen lege!«

Armida apostrophierte den Abtrünnigen zum Schluß einer herzbrechenden Rede mit den Worten:

»Bleib hier
bei mir,
Du Tigertier!«

Kurz, es war alles schon gehörig gesalzen und gepfeffert darin. Allein den Spielern in diesem großen Drama genügte die Würze noch nicht, Jeder setzte in seiner Rolle zu, was ihm an Kraftworten und Geistesblüten aufging. Mir wurde hierbei etwas bedenklich zu Mute, ich dachte an Ceres und die Cerealien. Deshalb schrieb ich einen Prolog, worin ich höchst ernsthaft auseinandersetzte, die Lehre unserer Tragödie gehe dahin, daß der weise Mann sich unter allen Umständen zu fassen wisse. Auch der Oheim habe sich unter schwierigen Umständen zu fassen gewußt, und das Stück sei daher vorzüglich geeignet, sein Wiegenfest zu verherrlichen. Es herrschte eine solche Begeisterung für die Rollen, daß ich leicht aus dem Gedichte fortbleiben konnte; man war sehr zufrieden mit meiner Genügsamkeit, die nur den Prolog für sich in Anspruch nahm.

In der Frühe eines rotklaren Wintermorgens machte sich die abenteuerliche Rotte auf den Weg. Es waren vierzehn Studenten im ganzen, welche sich neben und in den Gärten Armidens hören lassen wollten. Die meisten ritten, aber nicht in der Tracht vernünftiger Menschen, sondern in dem damaligen sogenannten »Wichs«, d. h. in buntfarbigen, schnürebesetzten Kolletten, weißgekollerten Lederbeinkleidern, Kanonenstiefeln, Stürmer auf dem Haupte. Ein großer Rumpelkasten von Wagen folgte mit den zusammengerollten Kulissen, mit dem Kostüm, mit kalten Braten, sauer eingekochten Fischen, Kuchen, Gelees. Denn Alles war auf die vollkommenste Überraschung berechnet, und selbst mit der Gesellschaft sollte der Oheim unvermutet angebunden werden. Um aber diese in der Eile von Morgen bis Abend zusammentrommeln zu können, um der Tante die Bewirtung möglich zu machen, hatten wir jene Festspeisen in Halle bereiten lassen, versteht sich auf Rechnungen, die neben den Gerichten im Wagen lagen und dem Oheim am Lendemain als nachträgliche Freude dargereicht werden sollten.

Wir waren trotz der Februarkälte warm durchheizt von Lust und Vergnügen, und schon unterwegs brach die Posse aus.

Vor Langenbogen, einem Dorfe auf der Hälfte der Straße, sahen wir mehrere Bauern stehen, verwundert über den herannahenden bunten Zug. »Halt!« rief einer von uns, »wir wollen dem Volke weismachen, es sei der König von Sachsen, der in sein Land zurückkehre.«

Wirklich war damals schon vielfältig davon die Rede, daß Friedrich August bald aus seiner GefangenschaftDer König Friedrich August von Sachsen blieb Napoleon auch 1813 noch treu und ward deshalb nach der Schlacht bei Leipzig von den Verbündeten als Gefangener behandelt. Friedrichsfelde bei Berlin wurde ihm als Aufenthalt angewiesen. Anfang 1815 ging er nach Preßburg; sein Land stand zunächst unter russischer, dann unter preußischer Verwaltung. Nach dem Wiener Kongreß kehrte er in sein durch große Abtretungen an Preußen sehr verkleinertes Land zurück. entlassen sein werde. Gesagt, getan! Einer, den wir den Alten nannten, weil er der Verständigste unter uns war, hing sich Gottfried von Bouillons Purpurmantel um die Schultern, setzte die Goldflitterkrone des Mohrenkönigs auf, nahm Zepter und Reichsapfel in die Hand und ließ sein Pferd von Zweien zu Fuß führen. Ein Anderer, ein stämmiger, praller Lockenkopf, sprengte als Reisestallmeister voran. Dieser hieß der Marquis. Er war bei Montmirail unter die französischen Kürassiere geraten, hatte bis zum Frieden in Limoges Kriegsgefangenschaft erduldet und jene Ehrenwürde von den Franzosen, ich weiß nicht durch welches Mißverständnis, empfangen.

Der Marquis rief den Bauern zu: »Hüte abgenommen! der König von Sachsen kommt!«

Die Bauern nahmen wirklich ganz verdutzt ihre Hüte ab bis auf einen, der vor Erstaunen nicht dazu kommen konnte, sondern mit offnem Munde und starren Augen den im Purpurmantel angaffte. Als dieser neben ihm vorbeiritt, gab er dem Gaffenden einen leichten Schlag mit dem Zepter. »Kann Er nicht den Hut abnehmen, wenn eine Majestät durchpassiert?« sagte er mit einer solchen Würde, daß der Bauer nun nicht allein sein Haupt entblößte, sondern die Bedeckung zu Boden fallen ließ.

Als der Oheim von seinem Lug-ins-Land unserer Kavalkade ansichtig wurde, hätte er wohl nicht übel Lust gehabt, die Pforten schließen zu lassen, denn die Ahnung mochte ihm sagen, daß seinem Hause ein arger Wirrwarr bevorstehe. Indessen drangen wir denn doch ein und brachten in gesetzter Fassung unsern Glückwunsch vor. Oheim und Tante musterten den Anzug der Reiter, der etwas vom Reitknecht, etwas vom Husaren hatte und in den übrigen Stücken nur sich selber glich.

»Was soll denn nun eigentlich heute losgehn?« fragte er nach einer Pause.

»Das ist eine Überraschung,« versetzten wir.

Die Tante wurde beiseite genommen, und durch den Anblick des Speisevorrates dem Komplotte zugeneigt. Sie fertigte auf der Stelle mehrere reitende Boten ab und lud aus dem Stegreife die ganze Nachbarschaft auf den Abend ein. Es war in ihr ein wundersames Talent, keinen Scherz zu verderben und dennoch das Uhrwerk des Hauses im regelmäßigsten Gange zu erhalten.

Ich machte mich mit einigen Arbeitsleuten an das Werk und richtete im Rittersaale die Bühne zu, womit ich bald fertig wurde, denn ich hatte bei einem früheren, rekognoszierenden Besuche alle Dimensionen gehörig ausgemessen und jegliches in Schnüren, Rollen, Latten vorbereitet.

»Ich will wissen,« sagte der Oheim, als ich in das Zimmer zurückkehrte, »woran ich bin.«

Er ging mit großen Schritten auf und nieder; die Andern saßen oder standen stumm umher, und ihre Verlegenheit kontrastierte mit den lächerlichen Jacken. »Was spielt ihr heute abend? Hoffentlich ist es doch etwas Vernünftiges?« fuhr er fort, und sein Blick bezeugte, daß die Hoffnung auf Vernunft in ihm schwach war.

»Es ist ein Schäferstück,« versetzte einer kleinlaut, »und heißt ›Rinaldo und Armida‹.«

»Wenn es ein Schäferstück ist, so bin ich zufrieden, versetzte er einigermaßen beruhigt. »Narrenpossen verbitte ich mir zu meinem Geburtstage. Übrigens habe ich nie von Schäfern gehört, die Rinaldo und Armida hießen.«

»Es ist ein Schäferpaar aus dem Morgenlande,« antworteten wir.Rinaldo und Armida sind Personen aus den Rittersagen des Mittelalters; am bekanntesten sind sie aus Tassos »Befreitem Jerusalem«, dessen Fabel jene Studenten karikierten. Armida ist eine heidnische Königstochter und wunderschöne Zauberin, auch den Helden Rinaldo lockt sie in ihre Zaubergärten; er wird von Boten, die Gottfried v. Bouillon aussendet, wieder zu seiner Pflicht, an der Eroberung Jerusalems zu helfen, zurückgeführt. Schließlich wird Armida zum Christentum bekehrt und Rinaldos Gattin.

Wagen über Wagen rollten gegen die Dämmerung in den Hof. Die Bühne, diesmal nicht von Monsieur d'Imbert im wohlverstandenen Interesse Aller verdunkelt, strahlte im blendendsten Lichte, so daß man jedes Fädchen an der dünn-grün-bemalten Leinewand sah, welche die berauschenden Zaubergärten der schönen Verführerin darstellen sollte. Der »Marquis« hatte seiner Locken wegen diese übernommen und stand im blauen Taffetrock, rotem Spenzer, Schnabelschuhen da. Würdig einer solchen Geliebten zeigte sich Rinaldo als gepuderter Chevalier mit Taubenflügeln, Haarbeutel, Galanteriedegen. Gottfried v. Bouillon, der nicht viel vertragen konnte, hatte sich mittags auch noch so eine Art von Haarbeutel als Ergänzung der Maske zugelegt. Alle Anderen waren ebenfalls auf das barockste ausstaffiert.

Auf einmal sah des Oheims Gesicht neben dem Vorhange durch. »Nie in meinem Leben werden daraus Schäfer,« sagte er, indem er zurückging.

Der ganze Rittersaal war voll von mansfeldischen Nachbarn und Freunden. Väter, Mütter, Söhne, Töchter, ein höchst gespanntes Auditorium. Der Oheim nahm mit verlegener Würde in seinem Lehnsessel mitten vor den übrigen Zuschauern Platz und bereitete sich, das Rührende, was seiner Meinung nach kommen mußte, in Empfang zu nehmen. Die Musik begann.

Nach den letzten Tönen trat ich vor und sprach meinen Prolog mit dem größten Ernste, indem ich besonders auf die Stellen, die von des Oheims Fassung unter schwierigen Umständen handelten, die empfindendsten Akzente legte. Ich bemerkte während meiner Rede, daß Alles in das gehörige Fahrwasser kam. Der Oheim hörte mit Sammlung zu, im Saale vernahm ich schon ein leises Schluchzen da und dort.

Ich bin überzeugt, daß, wenn die Andern sich in ihrem Spiele etwas zu mäßigen verstanden hätten, das ganze Stück diesem Kreise als ein rührendes Drama vorübergegangen sein würde, denn die Stimmung war durchaus günstig für einen solchen Eindruck. Aber sie taten, wie es zu geschehen pflegt, des Guten zuviel, übertrieben und versetzten dadurch den König des Festes und seine Gesellschaft in die eigenste Lage.

Ich hatte mich, da es für mich hinter dem Vorhange nichts mehr zu tun gab, unter die Zuschauer gemischt. Den Oheim sah ich bei den Renommistereien Gottfrieds in seinem Sessel unruhig werden; ich hörte ihn, als Rinaldos Seelenqual begann, laut murren; endlich, als das »Tigertier« aus Armidens Lippen sprang, versteinerte er sozusagen und hielt sich in dieser starren Fassung unter schwierigen Umständen bis zum Schluß.

Die Gesellschaft dagegen war durchaus in einem gespaltenen Zustande. Daß der Spaß nicht verstanden wurde, konnte hingehen, denn sie machten ihn zu toll. Nun aber wollten die Einen fortschluchzen zur Ehre des Tages, ein innerliches Erschrecken aber hemmte sie in ihren Veranstaltungen. Die Andern hätten wohl hin und wieder lachen mögen, hielten dies aber für unpassend und zwangen sich zu seufzen, womöglich etwas zu weinen. Endlich lösten sich diese künstlichen Bestrebungen in ein allgemeines Ermatten auf, welches immer größer wurde, je mehr sich die Spielenden angriffen, und fast zur Lethargie gediehen war, als der Vorhang vor der unglückseligen Farce niederrollte. –

Flöten und Geigen spielten lustige Weisen. Der Ball hatte angefangen, wir wurden aber von den Mansfeldern mit einigem Abscheu betrachtet, und Mancher empfing von den Mädchen einen Korb, wenn er zum Walzen aufforderte. Der Oheim zeigte sonderbar-verdrießliche Mienen und sah uns nicht an, ausgenommen mich, dem er gleich nach dem Spiele die Hand drückte und sagte: »Du kannst nichts dafür! Du hast deine Sachen gemacht, wie sich gehört.«

Nur der Pastor eines benachbarten Dorfes war unser Freund und Sachwalter geblieben. Dieser Mann machte die einzige Wintergesellschaft des Oheims aus; er kam im wildesten Eis- und Schneewetter zu ihm, um mit ihm Deutsch-Solo zu spielen, was des Pastors alleinige Lebensfreude war. Von den Schnee- und Eisgängen hatte er eine rote Nase bekommen, die auch im Sommer wie erfroren aussah und von welcher der Oheim behauptete, der Pastor poliere sie sich mit einem Falzbeine, um eine glänzende Naturmerkwürdigkeit aufzuweisen; denn sie glänzte wirklich über die Maßen, diese Nase, in ihrer Blaurötlichkeit. Er hatte der Darstellung mit ununterbrochener Andacht beigewohnt, als höre er die Gastpredigt eines Amtsbruders.

Der Pastor mit der Glanz- und Frostnase ging dem Oheim nach und sagte begütigend: »Herr Oberamtmann, das war ein schönes Stück.«

»Herr Pastor, was soll ich von Ihnen denken? erwiderte der Oheim.

»Ich versichere Ihnen,« fuhr der unerschrockene Begütiger fort, »das Stück war sehr schön, und wenn es an einigen Orten nicht so aussah, so war das Ungeschick der jungen Leute daran schuld; sie werden es das nächste Mal schon besser spielen.«

»Nichts als Ränke und Schwänke waren es!« fuhr der Oheim heraus. »Die Wiederholung schenke ich Ihnen.«

Der Pastor war unser Freund, weil er ohne uns heute seine Partie nicht gehabt hätte.

Es hatte Eins geschlagen, die Gäste hatten sich entfernt. Wir standen im Rittersaale wie ein zusammengeschossenes Bataillon auf dem Felde der verlorenen Schlacht. Der Oheim saß im Lehnstuhl, in dem er eine so unerwartete Feier erlebt hatte, und rauchte seine Nachtpfeife.

Niemand hatte den Mut zu sprechen. Er zürnte, das war offenbar.

Dergleichen Momente höchster Spannungen bringen aber oft urplötzlich ihr Gegenteil hervor. Denn auf einmal nahm Einer aus bloßer Verlegenheit, aber wie durch einen Gott unterwiesen, aus seiner Tasche Papiere, näherte sich dem Oheim und fragte schüchtern: »Lieber Onkel, wollen Sie die Rechnungen heute oder morgen haben?«

Der Oheim sah groß auf, nahm die Braten- und Küchenrechnungen, blickte hinein, blickte den Schüchternen an, der eine Kammerzofe der Armida gespielt hatte und in der Rolle stecken geblieben war, blickte auf unsere stumme und verlegene Schar. Er wollte noch zorniger werden – es ging aber nicht, denn er war schon so zornig gewesen, als ein Mensch überhaupt sein konnte. Er mußte also etwas anderes werden, nämlich lustig – ein gewaltiger Kampf arbeitete in seinen Gesichtsmuskeln, wir halfen den Wehen der Fröhlichkeit nach, brachen in Lachen aus, der Oheim stimmte ein, stand auf, zupfte mehrere am Ohre, was ein Zeichen seines besonderen Wohlwollens war, rief zwischen Lachen und Poltern: »Ihr seid doch ein nichtswürdiges Volk!« und ging mit den Rechnungen in seine Festung, um sich schlafen zu legen.

Am andern Morgen war das heiterste Wetter im Hause, ungeachtet der Oheim verschiedene Strafreden hielt.

»Mußte denn die Person im blauen Taffetrock so brüllen? Mußte der Liebhaber sich gebärden wie ein Hanswurst? War das ein ordentlicher Held, ein Feldherr, der Gottfried?« sagte er. »Der allein, fuhr er fort, indem er auf mich wies, »war vernünftig, nach dem hättet ihr Anderen euch richten sollen.«

Die Geschichte dieses Tages trat in den Kreis seiner ungeheuerlichen Erzählungen. Er sagte es anfangs und glaubte es späterhin, an dem Stücke »Rinaldo und Armida« hätten vierzehn Studenten gearbeitet und umwechselnd einen Vers nach dem andern geschrieben. »Sie können also denken, was für Zeug das war!« fügte der Oheim hinzu. »Und damit wollen sie einen Geburtstag feiern!« – Er vermied seitdem derartige Festlichkeiten.

So waren ihm die Schnurren, die er selbst genährt, endlich über den Kopf gewachsen. Wir aber erfuhren vierzehn Tage später, daß in den Stunden, wo wir unsere Eulenspiegeleien getrieben, Napoleon von Elba entkommen sei. Das war wohl eine Konstellation tragischer und komischer Sterne zu nennen. Denn einige Monate später standen die Meisten von uns bei Ligny.Von der Schlacht bei Ligny [16. Juni 1815] ist nachher die Rede.

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