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Posinsky

Carl Sternheim: Posinsky - Kapitel 5
Quellenangabe
authorCarl Sternheim
titlePosinsky
publisherVerlag Heinrich Hochstim
year0.J.
illustratorRudolf Großmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170926
projectiddc7a362e
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Angst vor den Nachbarn war nun allerdings gleich tot. Von hintenher stellte er sich ihre Auftritte wieder vor, gestelzte Ritterschläge, Dolchstöße und Herzbeteuerungen; das geschwollene Gewäsch in schlechtem Deutsch und kicherte noch lange vor sich hin, um befreit endlich eine Mahlzeit aufzusetzen, die sich gewaschen hatte. Den Dichter, den die beiden gemimt, kannte er nicht; doch erschien ihm, je länger er quirlend und rührend nachdachte, die Tatsache um so widerwärtiger, jemand solle ein Recht haben, an sich ausgesucht albernes Zeug in so hochtrabender Sprache noch unter heutigen Umständen dem Publikum vorzutragen und es von dringenden Dingen zu seinem Schwachsinn hinzulenken. Über der Komödianten Strafbarkeit, die sich zu solcher Verrücktheiten Verkündern machten, gab es keinen Zweifel. Ihre Naivität und Kritiklosigkeit war im Gegenteil strafverschärfend. Schuldig mit ihnen aber waren auch Obrigkeit und Bühnenvorstände, die den romantischen Daseinsfälschern eine Existenz ermöglichten, statt, daß durch Hunger sie schneller verreckten, Sorge zu tragen. Unwiderstehlich reizte ihn der angehörten Versreihen Verlogenheit, ein paar saftige Gemeinheiten in die Luft zu sprengen. Doch wie er Zunge und Lippen wölbte, die Nase vorkrümmte, Augen auf Stiele schob, das Wort kam ihm nicht zu Hilfe, brutal genug, quellendem Ekel in ihm zu entsprechen.

Seit Jahrhunderten wurden so Völker verblödet. Dem Pöbel stand vor größtem Nonsens die Schnauze still, wurde er nur gereimt und gebundener Sprache vorgetragen. Gierig, diesen Gallimathias zu schlucken, wissenschaftliches und historisches Blech, Entstelltes, Erlogenes, Hypothetisches aus tausend Vorstellungsgebieten mit allen Rüsseln zu schlürfen, übersah er seine körperliche Aufzucht.

War es nicht ästhetisches Vergnügen, demgegenüber in Ställen Kühe, Ziegen, ja das Schwein methodisch gemanschten Brei schmatzen zu sehen, mit welch gliederfrischendem Behagen die Zunge Tränke durchfischte, Lippenwülste lefzten, wobei im Blick den Tieren mystische Wollust stand? Und welch Verdauen hub nach dem Fressen an! Zurück in die Maulhöhle spie das Genossene sich das Rind, inbrünstiger bereit, Materie zu des eigenen Leibes dort und später im Pansen, in der Haube, in Psalter und Labmagen viermal nacheinander noch nach letzten Möglichkeiten zu durchwühlen.

Über dieser Einbildung vergaß einen Augenblick ganz seinen frischen Grimm Posinsky und, des Wiederkäuens Vorstellung hingesunken, vergewaltigte Neid ihn mit dem bevorzugten Rindvieh. Aber aus solcher Bilder innig geschauter Wirklichkeit erstand Haß gegen des Lebens schminkende Prinzipien am Ende nur noch größer.

Über alle Hemmungen griff auch dies Urgefühl in sich er jetzt sicher durch: Rache an den Mördern triebhafter Ursprünglichkeit im Menschen! Auf gegen der Begriffsklempner Gezücht, den homo sapiens und die spekulativ transzendentalen Geister. Auf den Mist, zum Kehricht mit ihnen! Hier ist Erde, hier Paradies! Aus Sonnenwärme und reichlicher Speise hüpfen Blutzellen und gebären sich der Chromosomen Wunder. Ganze Völker gibt es, die liegen im Sand und pfeifen auf Bambusrohr.

Aus solchen Gründen waren die Nachbarn ihm keine persönlichen Feinde mehr, doch Glaubensgegner, auf die mit tiefster Überzeugung seines Grolls Unmaß er richten konnte. Drangen jetzt Verse zu ihm herüber, mit denen triebfrisch der Jüngling nach dem vor ihm aufgebauten jungen Weib griff, und verbot mit Hinblick auf allgemeine Vorschriften oder Sonderwünsche ihm dies seine leiseste Berührung – rief es etwa:

»Elisabeth war ihre erste Liebe. Ihre zweite
Sei Spanien. Wie gerne, guter Karl,
Will ich der besseren Geliebten weichen.«

und der gute Karl erwiderte spornstreichs und (von Empfindung überwältigt, zu ihren Füßen) ohne auch nur den Versuch zu machen, die Akte hindurch Angeschwärmte zu seinen plausiblen Wünschen zu zwingen:

»Wie groß sind Sie, o Himmlische. Ja, alles,
Was Sie verlangen, will ich tun. Es sei!«

kochte Posinsky den Wunsch in sich gar, die zwei Schmachtenden mit der Dampfwalze platt zu walzen. Und während alsbald neuer Gesten Pomp über das Rouleau raste, las, bis zur Tollheit sich wütend siedend, er Berge papierner Heilsprüche sich vor, unter denen von des achtzehnten Jahrhunderts Ausgang bis zum heutigen Tag seines Volks kernige Lebendigkeit versickerte. Von Schillers genialem Gefühlsdonner über lauter Schleiermacherisches bis zu eines Rathenaus Brandenburger Renaissancetraktätchen spürte wie keiner vor ihm er die hypokritische Absicht.

Schon war gegen die ihm zunächst erreichbaren Vertreter dieser Weltauffassung zu irgendwie offener Feindseligkeit er entschlossen, als auf der anderen Seite gewohntes Leben sich wiederum unterbrach, und eines finsteren Vorgangs kalter Atem ihn von dorther anblies. Da Dunkel und Stille ihm sonst nichts verrieten, brach durch des Geheimschranks Rückwand mit einem Meißel er nun vorsichtig ein Loch zur Flurnachbarin, und des Zugwinds, der ihn anblies, ungeachtet, preßte das Auge er an die Öffnung. Drüben im Bett, ganz wie ein gutbegriffenes Stilleben aufgemacht, kauerte das Mädchen. Im einzig repräsentablen Lehnstuhl saß zwei Schritt von ihr der Ritter ohne Furcht und Tadel. Beide hatten hohe Mienen aufgesetzt und hielten die Extremitäten bildmäßig. Das Ganze nach bewährten Vorlagen machte sich wie jene Interieurs in Glaspalastausstellungen. Dabei sah mit dem ersten Blick Posinsky, um einer wirklichen Tragödie letzte Auftritte handle es sich diesmal von der Jungfrau Leiblichkeit her. Nach einer Stunde sorgfältiger Betrachtung hatte von den beiden er noch keine andere Bewegung wahrgenommen, als daß von Zeit zu Zeit sie sich des aufzuckenden Auges Strahl wie einen Pfeil zuschossen. Sonst gingen nur Atemzüge monumental.

Endlich trat ein Fremder ins Zimmer, nahm der Leidenden Puls und prüfte. Es hatte ins Leere sich der Jüngling abgewandt. Manches sprach der Arzt, betonte aber immer wieder, zum Erfolg müsse sofort der Kranken Ernährung auf außerordentliche Höhe gebracht werden. Bei diesen Worten bezog reine Heiterkeit des Mädchens Gesicht, Trauer das des Mannes. Noch einmal machte der Arzt des kräftigen Essens Gebärde, sagte von Schokolade und Portwein etwas, und als lächelnd die Liegende sich vollends verklärte, zuckte er Achseln und ging.

Ruckhaft auf seiner Seite senkte Posinsky geballte Fäuste und murmelte mit Urteil: unterernährt! Das war dieses seelischen Mummenschanzes Schluß. Bestimmt aß heute kein Mittelloser zu reichlich, doch konnte bei des gereichten Futters rationeller Auswringung und sorgfältiger Beherrschung in Gefühl und Verstand er sicher bestehen. Hier fiel ein Opfer ererbter Zwangsvorstellungen, das Paradebeispiel der Todesgefahr beim Umgang mit dem gleißend Gleichnishaften.

Das aber kam von Homer her. Dort war schon nichts schlechtweg es selbst, sondern »wie wenn«. Plato machte vollends kurzen Prozeß mit der Wirklichkeit und setzte an ihre Stelle die vorteilhaft frisierte Idee von den Dingen. Die Tote dort – atmete sie noch, war in negativem Sinn sie für Posinsky schon erledigt – war durch zu riesige Dosen platonischen Eidos schließlich entseelt worden.

Drüben kam man sich noch lange denkmalhaft. In Bronze formten Jungfrau und Jüngling, was auf Erden sie noch mitteilen wollten. Träne selbst quoll wie aus Metall. Der knirschende Zuschauer hatte Gelegenheit, die ganze von Standbildern her gängige Symbolik wiederzuerkennen. Wie gedrängte Übersicht aus Galerien aller Länder zogen Liebe, Glaube, Hoffnung, Furcht, Schmerz und endlich Verzweiflung an ihm vorüber. Jedes in der Jahrtausende Lauf im Mimus festgelegte Abstrakte kam richtig. Es kam das mimische Element der Philosophen, der Märchen, das religiöse und das bukolische. Und am stärksten und häufigsten das der dramatischen Weltliteratur. Der Kleinen letzter Seufzer war Klischee nach Shakespeare.

Erst recht des Trabanten Gebärde: Er fällt auf einen Stuhl und verhüllt sich! Clavigo fünfter Akt, erster Auftritt. So hatte jahrelang Marien Beaumarchais Heimgang Kainz mimisch beklagt.

Als alles vorbei war, und bei freundlicheren Bildern im gewohnten Geleis Posinsky neben der verlassenen Nachbarwohnung schon wieder bessere Tage lebte, benutzte das Andenken an die beiden er, in ihre Vorstellung allen symbolischen und metaphorischen Kram auf Erden zusammenzufassen und bei Bedarf mit ihrer Verurteilung jedesmal auch das ganze Begriffsgebiet abzulehnen. Nicht mehr die einzelne Ekstase im Historischen mußte umständlich er verdammen, sondern angewidert vergegenwärtigte er sich nur der jungen Schauspielerin Hinscheiden. Da war denkbar größter Mimus auf der einen Seite, auf der anderen kläglichste Wirklichkeit gewesen; eine vorgemachte buntselige Himmelfahrt und gleich einem Hund ein wirklich gräuliches Verrecken.

Als sei seines Lebens klassische Erfahrung gemacht, war Ruhe und Jubel in ihm ausgesprengt. Die letzte Büchse junger Rebhühner öffnete er, entkorkte das einzige Fläschchen echten alten Likörs. Zu seiner völligen Genugtuung wurde von einem hungrigen, entschlossenen Volkshaufen auch gerade noch der Metzgerladen ihm gegenüber still gestürmt, sachgemäß geplündert und gründlich zerstört. Das Metzgerehepaar durch Prügel aber nicht unwesentlich entstellt.

Vor ihm in rosiger Dämmerung lag nun Welt wie eine einzige prangende Wiese, in der nur noch saftiger Gräser Dunst hyazintisch zum Himmel roch. Er aber, ein gewaltiges und sicheres Stück Vieh, würde bis an einen seligen letzten Tag seine hindernisfreien Steppen durchweiden.

In der verklärten Ruh, das überirdische Licht entzündete eines Abends sich der nachbarlichen Wohnung schlichte Lampe wieder. Posinsky ließ den Umstand eines neuen Mieters ärgerlich gerade allmählich in seine Wahrnehmung, als ohne Ursache Schmerz plötzlich so heftig an ihm riß, daß bis in die Knochen er klappte. Ohne das Geringste zu wissen, war aus profundem Glück jäh in Verzweiflung er gestürzt.

Gleich darauf aber begab sich wirklich das: Wie der Riese Roland, ein Golem saß jenes aus seinem Leben schon verschwunden geglaubten Mannes Schatten wieder an der Verstorbenen Bett und hielt vom ersten Augenblick an sich standbildhaft. Es stieg ein Knoten Posinsky in den Hals, der ihn zu erwürgen drohte, und Schweiß brach über seine Oberfläche. Dann aber wankten Eingeweide in grausiger Erwartung.

Und drüben blieb Marmor der Mann. Nichts, trotz gelockerten Gerippes, an ihm wich, sondern in eherne Form wurde alles zusammengenommen, bis schließlich der Mensch eine Bronzeglocke war, in der der fortgespreizte Klöppel zu tönendem Schlag ausholte.

Posinskys Maul stand auf, und Zunge bleckte ins Freie.

Stunden und Aberstunden rollten. Grabgelegt, hatte des Jünglings Figur funktionelles Leben verloren und blieb, bis Tagesanbruch seinen Umriß vom Vorhang löschte, Skulptur. Um so aufgelöster in schwitzende Materie war Posinsky. Jetzt wußte er, stand aufs neue und entscheidend bedroht das Ganze auf dem Spiel. Jetzt war von jenem der Hebebaum an des Alls Gewinde gelegt, und ein zum Höchsten angespanntes Herz suchte ihn aus allen Verzahnungen zu brechen. Hier bäumte wider den Seinen ein nicht minder begeisterter Wille. Nun mußte für seine Überzeugung lebendiges Zeugnis er ablegen. Erweisen sollte sich, wie der Gutgespeiste den Schlechternährten bei Glaubens gleicher Inbrunst immer leicht abschmettert und im Hui vernichtet.

Schon früh am Morgen sott und briet am offenen Fenster in vielen Töpfen Posinsky leckeres Allerlei. Ein feiner Zwiebelduft, strenges Gewürz roch eindringlich zu dem Fastenden hinüber. Dann aber schwebte eines Topfkuchens berauschender Wrasen auf. Dem Koch selbst lief aus tausend Warzen Wasser in Stürzen über den Gaumen; des Zuriechenden Zunge aber dachte er sich bis zum Nabel heraushängend. In nicht zu weiten Abständen schwängerte bis zum Abend mit immer unwiderstehlicheren Dämpfen er die Luft, um beim ersten Schein künstlichen Lichts seines fast entseelten Opfers Anblick zu genießen.

Doch als auf hellem Tuch endlich das dunkle Antlitz wieder stand, nah diesmal und rund und groß, war wie illuminierte Botschaft in den Zügen nur zu lesen:

»Dein geschmortes Glück stoße ich zurück und weiß mich unsterblich!«

Weit aus dem Fenster würgte Posinsky den Rumpf, in des Widersachers Gesicht hinter affichierter evangelischer Wollust dessen wirkliches, menschliches Leid zu finden. Aber je näher dem schwarzen Bild er kam, um so wuchtiger packten ihn dessen dichte Ausstrahlungen, die, rosenrote Schlangen, den Kopf umwirbelten und rufend diese Flammenbänder in die Atmosphäre stickten: »O Heil! In mir gebiert wahres Leben sich! In buntem Irrsinn schlägt vor Glück sich Blut tot und sprengt Wände! Zu heulen, zu bellen habe ich vor Wollust Mut, ich möchte fliegen, aufrauchen der Geliebten nach! Überall will ich mich öffnen, mich teilen; als Duft in Pflanzen, Licht in die Sonne fahren; mir selbst, o endlich mir selbst verloren!«

Da klaffte mit blutigen Streifen Posinskys Hirn. Auf der einen Seite sah den heiligen Antonius er in eine feurige Ecke knien. Von wallenden Fahnen umbraust erschien auf der andern Seite er selbst, Posinsky, überlebensgroß.

Er hörte mit gellem Schrei die eigene Stimme allen Laut übertönen und seine Worte noch: »Zum Dung den Modder! Weideplatz der Materie! Morgenrot!«

Dann kam eines Schusses Detonation, der Scheiben krachendes Geprassel, und vor Posinskys brennendem Rächerblick kippte des Todfeinds Haupt wie eine geköpfte Distel vom Tuch.

 

* * *

 

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