Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Sternheim >

Posinsky

Carl Sternheim: Posinsky - Kapitel 2
Quellenangabe
authorCarl Sternheim
titlePosinsky
publisherVerlag Heinrich Hochstim
year0.J.
illustratorRudolf Großmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170926
projectiddc7a362e
Schließen

Navigation:

Da durch der Gräfin Bolz Tod Posinsky im Leben alleinsteht, bleibt für den gründlichen Chronisten manches von ihm zu sagen, das späteren Geschlechtern von den im Weltkrieg zu Haus gebliebenen Wesentliches an einem üppigen Exemplar der Gattung zu zeigen vermag.

Aus der wohlhabenden Geliebten Mittel hatte bei ihren Lebzeiten so reichlich Proviant er in die gemeinsame Wohnung gestaut, daß leibliche Verlegenheit, die im vierten Kriegsjahr rings schon peinlich wurde, zu rascher Tat, überstürzten Ruderschlägen ihn nicht zwang. Vielmehr paddelte wochenlang er flacher Fahrt in den nun stillen Stubenteichen, angenehm von der Rücksicht auf das doch schließlich hochgeborene Fräulein befreit, das er beherrscht, vor dem manch Elementares in ihm sich nackt nicht ans Licht gestellt hatte. Jetzt aber spreizte entfesselt aus Liegegelegenheiten er Glieder und war beschämt, nur ein Arm- und Beinpaar zu haben. Schamlos schweifte Instinkt durch freies All, und wie Kröten schleiften Gedanken Schleim auf alles mögliche.

Bestimmtes wollte er zuerst nicht. Mit Inbrunst wußte er nur wieder: Posinsky hieß er, und aus dem ihm innewohnenden Motor setzte Atmosphäre er in ihm genehme Schwingung. An und für sich gab es kein Gebiet, auf dem zu glücklichem Ziel er sich nicht finden würde. Aus Ulrikes Kissen und Fellen spürte mehr und mehr er als wichtigste Erkenntnis: Welt hinter den Fronten war jetzt männerleer, und der vor den Ereignissen störende Wettkampf der Gehirne so gut wie aufgehoben.

Wären also einmal Vorräte, die Küche und Keller ihm füllten, vertilgt, müsse ein leichtes es werden, sich aufzumachen und in eine Stelle zu schwingen, die ferneren Unterhalt in jeder Hinsicht gab. Inzwischen wollte in seinen vier Wänden er Zeit dazu brauchen, den Leib für die später vielleicht notwendigen Bemühungen zu stählen, mit einem Maximum von Zweckmäßigkeit seinen Gefäßen den ganzen vorhandenen Lebstoff zuzuführen.

Denn er verhehlte sich nicht: bei aller persönlichen Bescheidenheit hatte die verehrte Tote durch doppelter Art auf seiner Weide mitgefressen. Einmal, weil mit den wenigen genossenen Bissen sie trotzdem seine tägliche Ration verringert und dann, weil an manches Tun und Entschluß aus Repräsentationsrücksichten er mehr inneren Anteil gewandt hatte, als ohne sie unbedingt notwendig gewesen war. Denn vor sich selbst, das spürte er gerührten Entzückens, machte seelischen und geistigen Aufwand er nicht mehr mit. Er war in des Kriegs Verlauf fähig geworden, sich ohne Umschweif in nuce zu sehen.

Und dazu fähig, vorläufig satt zu werden. Ihm gegenüber aber stand im großen und ganzen hungrig die Welt. Natürlich hatte sie noch immer andere Bedürfnisse, aber während früher Beziehungen von ihm zu Menschen mannigfaltig und heikel gewesen waren, durfte er jetzt damit rechnen, hatte des ungestillten Appetits in einem Gegenüber er gedacht, war das Dringende in dem überwunden; und er brauchte weitere Berechnungen nach dessen Individualnenner nicht mehr anzustellen. Zweifellos hatte der Krieg ein Unmaß überflüssigen Aufruhrs im Menschen gebändigt, als durchschnittlichen Organismen die Kraft zu geistigen Turnkunststücken und sittlichen Forderungen er nahm und sie auf ursprünglicher Notdurft Stillung zurückschnitt. Freudig empfand Posinsky, wie seit langem schon niemand mehr jene innere Regsamkeit von ihm forderte, die im Grund stets ungern er geleistet hatte.

Nichts schien ihm schließlich wie das Schöpfungsprinzip schlicht: immer von neuem werden ohne Ursache Menschen geboren, die, im wesentlichen wie ein Ei dem andern sich gleichend, nach unveränderlichen Bedingungen ein kurzes Dasein hinbringen, das dem irdischen Leib heiter zu gestalten, ihre verständige Sorge sein müßte. Aber durch zu große Freiheit und Unabhängigkeit von Gemeinschaftsforderungen wird in Friedenszeiten die bemittelte Kreatur vorzüglich dahin geführt, mit der Kenntnisse übermäßiger Vermehrung auch die Sorgen zu vergrößern. Eine Aufklärungswut ohne gleichen entdeckt füglich mehr Leere als Fülle um sich, und indem durch angenehmer Irrtümer Entlarvung Phantasie verarmt, macht sogenannter Werte Aufstellung das Dasein nur noch trauriger. Durch Erziehung, begriff er, wird das natürliche Talent, sich auf Erden zu amüsieren, dem Menschen amputiert und macht in ihm Pflichten Platz. Aus Wille und Vorstellung wird endlich er eine Funktion, die zu Zielen denkt und sich eher zu Tod galoppiert, als mit des eigenen Temperamentes Gangart man ans Ende käme.

Wie hatte auch die verstorbene Geliebte zu eigenem Nachteil an ihm sich übernommen! Hätte mit sachtem Schmelzen auf sanftem Feuer sie ihr Verbrennen nicht hindern oder auf späteren Termin verschieben, mit natürlichem Schwung nicht jenseits seelischer Exzesse ihn wirksam aber taktisch gestuft lieben können? Wo war Zwang gewesen, durch das Idyll mit ihm dritter, rasender Übersetzung zu fahren, während sie ihm eine Summe hinterlassen hatte, die behagliches Leben für mindestens zwei Jahre verbürgte? Aber noch hinterher hätte Gott Leben gegönnt.

Oft hatte mit Gründen in die Liebesraserei, der Erschütterungen Taumel er ihr fahren, aus Verkrampfungen sie schonend lösen wollen, doch bis in Skelett und Eingeweide wollte durchaus sie sich versengen und keine Minute mehr aufgespart sein. Nicht daß leidenschaftlich lichterloh für ihn sie gebrannt, doch daß vor seinen Augen sie sich körperlich verschwendet und völlig verzehrt hatte, schien Posinsky närrisch. Man könne lieben und bei richtiger Einschätzung der in Betracht kommenden Umstände wenn nicht Fett ansetzen, doch gut bei Leibe bleiben, war er überzeugt.

Ein heilsames Regulativ war also bisher schon in ihm wirksam gewesen, doch nicht methodisch genug, merkte er, als daß mit sich er schon zufrieden sein durfte. In zuviel Tat und unnützes Ereignis war auch mit dem distinguierten Mädchen er noch verstrickt gewesen, als daß die seiner Veranlagung wirklich genehmen Lebensregeln mit Gründlichkeit in ihm schon hätten festgestellt werden können. Jetzt aber mit Proviant, gefüllter Brieftasche und einem infolge seiner gründlichen Erschöpfung ihm bewilligten langen Urlaub lagen seines Lebens erste Ferien vor ihm, und feurigen Ernstes war er gewillt, zwischen sich und der Welt jenes Reibungsminimum zu schaffen, das am Zünglein der Apothekerwage immer von neuem ihn entzückte, und aus dem heraus zwei Schalen so schwank und bequem im Äther hingen, wie auch er zu tun es wünschte.

 

* * *

 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.