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Ödön von Horváth: Pompeji - Kapitel 4
Quellenangabe
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typecomedy
authorÖdön von Horváth
titlePompeji
publisherSuhrkamp Verlag
seriesHorvath, Gesammelte Werke
volumeBand 4, Komödien 2
editorTraugott Krischke, Dieter Hildebrandt
year1972
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Bild

Wieder vor der Villa am Meer. Es ist Nacht geworden und der Mond scheint hell. Toxilus steht vor dem Sklavengericht. Auf einer primitiv und provisorisch errichteten Erhöhung sitzt der Vorsitzende, ein uralter Sklave, neben ihm, rechts und links, die Beisitzer und der Protokollführer, ebenfalls Sklaven. Überhaupt sind alle Sklaven und Sklavinnen versammelt, außer Paegnium, und alle tragen noch ihre mitleiderregenden Masken, wie im Vorspiel. Nur Toxilus und der Aufseher, der als Ankläger figuriert, haben natürlich keine Masken mehr an, und auch Matrosa nicht, die etwas abseits auf den Stufen der Villa sitzt und im Mondenschein strickt. Der Vorsitzende beratschlagt sich mit den Beisitzern unhörbar über das Urteil, und alle Sklaven warten feierlich schweigend.

Paegnium  tritt gähnend aus der Villa, erblickt das Gericht, stutzt und reibt sich die Augen; überrascht: Hoppla, was ist denn da los?!

Einige Sklaven  unwillig: Pst!

Aufseher  zu Paegnium: Halt den Mund!

Stille.

Paegnium  leise zu Matrosa: Was treiben denn die?

Matrosa  leise: Das Sklavengericht ist zusammengetreten.

Paegnium Gericht?

Matrosa  Es tritt heimlich zusammen, wenn sich ein Sklave gegen die ungeschriebenen Sklavengesetze vergangen hat. Kommt selten vor, Gottseidank!

Paegnium  Wer hat sich denn vergangen?

Matrosa  Toxilus. Er hat etwas angestellt, wofür wir alle büßen müssen, und sowas muß man sich halt vorher überlegen. Dort droben sitzen seine Richter und beraten gerade das Urteil. Der Aufseher hat ihn angeklagt.

Paegnium Was, dieser Peitschenkuli? Unseren braven Toxilus, der mich so oft vor ihm beschützt hat?! – Laut. Hoch Toxilus!

Alle Sklaven murren unwillig.

Aufseher  drohend zu Paegnium: Kusch, Saubub! Sonst reiß ich dir die Ohren aus!

Einige Sklaven Sehr richtig!

Vorsitzender  klopft mit einem Hammer auf ein Brett: Silentium!

Stille.

Paegnium  leise zu Matrosa: Warum klopft denn der mit dem Hammer?

Matrosa  leise: Weil er der Vorsitzende ist.

Paegnium Dieser alte Trottel?

Matrosa  sieht sich ängstlich um: Nicht so laut!

Paegnium  Sowas hat den Vorsitz? Der hat mir ja erst gestern wieder eine heruntergehaut, weil ich gesagt hab, er soll nicht so schnarchen – und alle haben geschrien: recht geschiehts dem Lausbuben! Wo ist mein Recht? Kann ich den Schnarcher vor das Sklavengericht bringen?

Matrosa  Dazu bist du noch zu jung.

Paegnium  Jung, jung! Wenn ich nur schon groß wär, dann tät ichs dem Pack zeigen.

Matrosa  Du wirst auch noch alt.

Paegnium  Wer weiß!

Matrosa  Das geht rasch.

Paegnium  Vielleicht bricht morgen der Vesuv aus und wir sind alle hin.

Matrosa  zuckt zusammen: Nicht male den Vesuv an die Wand!

Paegnium  Hast du gesehen, wie stark er raucht? Und gestern nacht ist eine Flamme emporgeschossen, riesig – himmelhoch!

Matrosa  entsetzt: Was sprichst du da?!

Paegnium  Ich habs gesehen, nur ich! Die Anderen haben alle geschnarcht und ließen mir keinen Platz am Stroh, drum habens auch nichts gesehen –

Vorsitzender  klopft mit dem Hammer auf das Brett, denn die Beratung ist nun zu Ende: Toxilus, tritt vor!

Toxilus tritt vor.

Höre das Urteil: indem du der Hetäre Lemniselenis zur Flucht verholfen hast, hast du deine Pflichten gegenüber deinen Mitsklaven herrisch verletzt. Also: entweder du schaffst besagte Hetäre sofort zu Dordalus –

Toxilus  unterbricht ihn: Nein, nie!

Aufseher  Ausreden lassen!

Toxilus  Niemals soll sie wieder verkauft werden! Niemals!

Alle Sklaven murren unwillig.

Vorsitzender  klopft energisch mit dem Hammer: Silentium! Silentium! Zu Toxilus. Nun: wenn du die Hetäre nicht herschaffen willst, dann Freundchen, sperren wir dich eben ein –

Aufseher  In den leeren Brunnen hinter dem Haus.

Vorsitzender  zu Toxilus: Dort magst du verweilen, bis die Herrschaft zurückkommt, damit sie unseren guten Willen sieht und uns das Unrecht, das du uns zugefügt, eventuell verzeiht.

Toxilus  Bis die Herrschaft zurückkommt? Das wär ja ein halbes Jahr!

Aufseher  grinst: Zirka!

Vorsitzender  zu Toxilus: Also: nimmst du das Urteil an?

Toxilus  Und wenn ich es nicht annehme?

Vorsitzender  Dann wirst du auch in den Brunnen gesperrt.

Paegnium  ruft Toxilus zu: Laß dich sperren! Ich komm in der Nacht und bring dir eine Strickleiter!

Vorsitzender  reißt sich wütend die Maske vom Gesicht; das Gesicht eines Nörglers wird sichtbar; er keift: So schafft doch endlich den Lümmel weg! Hier ist kein Platz für Buben, wo ernste, würdige Männer tagen! Kinder gehören ins Stroh!

Alle Sklaven  reißen sich ebenfalls empört die Masken ab, und alle Leidenschaften werden sichtbar; sie schreien: Sehr richtig! Rein damit, rein! Unverschämtheit sowas! Ins Stroh!

Aufseher  außer sich: Jetzt reiß ich ihm die Ohren aus! Wo ist er?! Paegnium ist bereits längst davon.

Matrosa  zum Aufseher: Fort.

Beisitzerin Ich schlage vor, daß Paegnium zur Strafe für sein unerhörtes Verhalten morgen keine Kost bekommt!

Vorsitzender  Einstimmig angenommen! Er klopft wieder mit dem Hammer. Silentium! Zu Toxilus. Feine Freunde hast du da, gratuliere – Zu den Sklaven. Los – los, werft Toxilus in den Brunnen!

Toxilus  Halt! Ihr wollt mich in den Brunnen werfen, ihr?! Kennt ihr mich denn nicht mehr, mich – habt ihr es denn vergessen, wie oft ich euch beschützte vor Hoffart, Wut und Übermut unserer Herrschaft?! Und – Er deutet auf den Aufseher – vor dessen Peitsche!

Vorsitzender  Nur keine Sentimentalitäten!

Aufseher  Sehr richtig!

Toxilus  Mitsklaven! Ihr alle, jeder und jede, habt schon mal »Danke!« zu mir gesagt – »Danke!« für irgendeinen großen oder kleinen Dienst. Aber heute, Freunde, laßt mich auch einmal danken dürfen, euch danken! Gewährt mir die Bitte, seid so gut –

Vorsitzender  Ob wir dir »Danke« gesagt haben oder nicht, das darf keine Rolle spielen. Recht muß Recht bleiben!

Toxilus  Du sprichst wie der Praetor in Pompeji! Wie das Gericht der Freien – Er grinst.

Vorsitzender  Debattier nicht mit mir, ich bin ein griechischer Philosoph!

Toxilus  wirft ihm einen spöttischen Blick zu und wendet sich wieder an die Sklaven: Gewiß, wer würds nicht verstehen, wenn ihr mich in den Brunnen werfen wolltet –

Aufseher  unterbricht ihn; zu den Sklaven: Aufgepaßt, er wickelt euch ein!

Toxilus  braust auf: Ich wickle nicht! Weder euch ein noch mich heraus! Ihr denkt, ich hätte an euere Buckel nicht gedacht, nicht an die Prügel, die ihr für meine Tat kassieren werdet – Ihr habt recht! Ich hatte euch vergessen!

Aufseher  Er brüstet sich noch!

Toxilus  Ich hab es getan, denn es geht nicht um mich! Sperrt mich nicht in den Brunnen, Freunde, sondern helft mir! Das sei euer Dank an mich! Helft mir, eine Sklavin fliehen zu lassen – Lemniselenis!

Eine Sklavin   Das nennst du eine Sklavin?! Nichts arbeiten, nur sich auf seidenem Kissen herumwälzen und parfümieren? Für sowas soll ich meinen Buckel hinhalten?! Laß eine Häßliche frei, eine Arme, aber keine Reiche!

Stille.

Vorsitzender  spöttisch: Nun, Toxilus?

Toxilus  zuckt die Schultern und lächelt leise: Was tun? Amor hat mein Herz durchbohrt.

Alle Sklaven  Amor? Sie weichen scheu etwas zurück.

Vorsitzender  erhebt sich verblüfft: Wer? Ja, darf sich denn das ein Sklave leisten?

Toxilus  Soll ich den Göttern trotzen? Bin ich ein Titane? Wer wagt das von mir zu verlangen?! So bedenkt es doch – denkt mal, denkt!

Alle Sklaven  horchen auf: Denken? Sie sehen sich gegenseitig unsicher an und denken dann, jeder für sich.

Stille.

Vorsitzender  Wir denken –

Alle Sklaven  im Sprechchor: Doch es kommt nichts dabei heraus.

Vorsitzender  Wir denken –

Alle Sklaven  wie zuvor: Es müßt uns wer was sagen.

Vorsitzender  Wir denken –

Alle Sklaven  wie zuvor: Daß wir warten.

Toxilus  mit leiser Ironie: Auf was warten wir denn?

Matrosa  erhebt sich: Toxilus. Hast du gehört, daß es einen neuen Gott geben soll?

Toxilus  Einen neuen Gott?

Matrosa  Ja.

Vorsitzender  Und? Wie sieht er denn aus?

Matrosa  Man kann ihn nicht sehen. Er soll aber immer um einen herum sein, um einen jeden von uns, denn er sagt, daß alle Menschen gleich sind, mit gleichen Rechten, gleichen Pflichten –

Stille.

Toxilus  Wer hat dir das erzählt?

Matrosa  weicht aus: Das weiß ich nicht mehr, ich habs halt gehört und jetzt ist es mir nur so eingefallen –

Stille.

Vorsitzender  Nichts Gewisses weiß man nicht! Er grinst und setzt sich wieder.

Toxilus  leise: Ich weiß nur, daß ich liebe – Er nähert sich langsam Matrosa und hält dicht vor ihr. Führ mich hin zu ihr.

Matrosa  Nein. Ich fürcht mich –

Toxilus  unterbricht sie gebieterisch: Führe mich!

Aufseher  Halt! Amor her, Amor hin! Du kommst in den Brunnen!

Alle Sklaven  In den Brunnen!

Toxilus  zieht ein kurzes Schwert, das er bisher verborgen hielt: Zurück!

Aufseher  weicht: Gewalt, Gewalt, Gewalt!

Toxilus  Wag es einer, mich anzufassen! Mich zu hindern! Ich kämpfe für einen Menschen!

Vorsitzender  Idiot!.

Matrosa  zu Toxilus: Mensch, nimm Vernunft an!

Toxilus  Führe mich! Führe! Er zerrt Matrosa mit sich nach links ab.

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