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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
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Der feurige Wagen

In dem Paris des Königs Ludwig (des Vielgeliebten) und des Raubmörders Cartouche (des Vielberühmten) war das Leben sicher um ein Beträchtliches abenteuerlicher und farbiger und an tollen Zufällen reicher als in dem Paris von heute, trotz Apachen und anderer neuzeitlicher Autoromantik; doch auch damals haben die guten Pariser nicht alle Tage ein Schauspiel erlebt, wie das vom 21. März 1721, wozu die Bürgerin Marie Romigny die keineswegs unschuldige Veranlassung gegeben hat, und wenn ihr dabei dann die Hauptrolle zugeschoben wurde, so konnte sie sich zwar dagegen sträuben, aber genützt hat es ihr nichts, der Göttin Justitia zum Trotz, die ihr mit verbundenen Augen zur Seite stand.

Diese noch jugendliche Witwe betrieb in der Sankt Salvatorgasse, zur Pfarrei von Sankt Eustach gehörig, eine höchst einträgliche Lohnkutscherei, die ihr der Meister Romigny, ihr Seliger, in gutem Zustand hinterlassen hatte. Sie war eine etwas magere Braune, deren stark sinnlichem Temperament nicht mehr ganz vollwertige Reize entsprachen. Aber sie war die Meisterin, und so wurde der blonde Karl aus Dudenhofen, ihr jüngster Kutscher, den sie sichtlich begünstigte, von nicht wenigen beneidet. Denn das konnte zu einer Heirat führen, und daß ein armer Kutscher die Meisterin bekam und das Geschäft dazu, würde die ganze Salvatorgasse als kein geringes Glück für ihn betrachtet haben, das man aber dem freundlichen Elsässer weniger als einem anderen mißgönnt hätte.

Wie nun das Verhältnis der beiden untereinander beschaffen war, braucht nicht näher untersucht zu werden. Die Leute mochten davon denken was sie wollten, es ging sie nichts an; wenigstens meinte es so die Frau Meisterin.

Aber da hätte sie nicht eines Tages einen Lärm schlagen sollen vor all den vier Kutschern und dem übrigen Gesinde, wodurch sie die bösen Mäuler arg herausforderte. Es lag aber so in ihrem cholerischen Temperament, sie konnte nicht an sich halten und mußte es dem blonden Karl laut vorhalten vor der ganzen Welt, daß er ein verdrückter deutscher Heimtücker sei, ein rechter Halunke, daß sie ihm aber auf die Schliche gekommen sei und sein schandmäßiges Betragen einmal aufdecken wolle.

Kurz, sie warf dem blonden Karl vor, ohne sich im mindesten um das Grinsen der Hausbewohner und das Aufhorchen der Nachbarn zu bekümmern, daß er mit der hinkenden Anette Brillon, der blutjungen Näherin in der Hechtgasse, ein heimliches Verhältnis habe, daß er sich des Nachts zu ihr schleiche, daß er den größten Teil seines Lohnes für Geschenke ausgebe, die er ihr bringe, und so weiter. Und ob das ein Betragen sei und nicht ein schnöder Undank gegen sie, die Meisterin, die ihn auf der Gaste aufgelesen und zu etwas gemacht habe, den hergelaufenen Bettler. Aber sie werde das nicht länger dulden und die Geschichte müsse ein Ende nehmen, oder sie wolle ihn aus dem Dienst jagen, lieber heut als morgen.

Nun hörte zwar die »Geschichte«, um ihren Ausspruch zu gebrauchen, durchaus nicht auf, und diese Tatsache entging ihr auch keineswegs. Dennoch erfüllte sie ihre Drohung nicht, weil der deutsche Karl eben doch ihr zuverlässigster Kutscher war, und vielleicht noch aus einigen anderen Gründen.

Aber wenn sie auch den Elsässer zu ihrem eigenen Vorteil behalten wollte, verzichtete sie doch nicht darauf, ihm eine derbe Lektion zu geben, die er nach ihrer Meinung zehnfach verdient hatte.

Und so erschien sie nach einigen Tagen bei der Näherin Brillon in der Hechtgasse, wo die hübsche Anette eine Dachkammer über dem fünften Stock bewohnte, um sich von ihr ein Morgenjäckchen anmessen zu lassen. Sie tat sehr freundlich zu ihr, sagte, sie habe die Arbeiterin zu sich rufen lassen wollen, habe aber dann gedacht, lieber selber zu kommen, weil sie wohl wußte, wie dem Mädchen wegen des kurzen Fußes das Treppensteigen beschwerlich falle. Auch auf den Karl brachte sie die Rede, und die harmlose Anette gestand ihr zutraulich, daß der blonde Kutscher fortfahre, sie zu besuchen, daß er sie gern habe und mit der Zeit heiraten wolle.

Wie diese Geständnisse auf sie wirkten, verbarg die Romigny sorgfältig, obwohl es schien, daß es ihr ganz schlecht dabei wurde. Denn sie bat plötzlich die Anette, ihr aus der Küche der Nachbarin eine Tasse Milch zu besorgen. Als das Mädchen die Kammer verlassen hatte, zog die Romigny eine Schublade des Nähtisches auf und begann da in deren Inhalt zu wühlen, der aus Fadenrollen, Stoffrestchen, Knöpfen auf blauer Pappe aufgefädelt und hundert anderen ähnlichen Gegenständen bestand. Bis auf den Grund durchwühlten die mageren Finger der bräunlichen Witwe all das Zeug; als sie aber den hinkenden Tritt der Anette vor der Türe hörte, schob sie rasch die Lade zu und vertiefte sich in die andächtige Betrachtung eines Stickmusters auf dem Nähtisch. Dann trank sie rasch die gebrachte Milch und verabschiedete sich.

Drei Tage später legte sie morgens ihren Festtagsstaat an und begab sich nach dem Kleinen Châtelet, wo die niedere Gerichtsbarkeit ihren Sitz hatte. Dort fragte sie nach dem Richter Robinet, der früher ihren Mann gekannt hatte, und dem erzählte sie in leidenschaftlicher Entrüstung, daß ihr ein teures Andenken ihres Seligen abhanden gekommen wäre, eine in Silber gefaßte Elfenbeinbrosche mit aufgemaltem Vergißmeinnichtsträußchen. Sie habe ihre Magd, die Babette, im Verdacht, und bitte den Richter, eine Gerichtsperson damit zu beauftragen, daß er sie begleite und bei der Durchsuchung der Magdkammer gegenwärtig sei, um der diebischen Babette alle Ausflüchte abzuschneiden. Der Richter Robinet fand das Ansuchen billig und gab den entsprechenden Befehl.

Zu Hause angelangt, führte die Romigny, die über den Verlust vorher nicht geschnauft hatte, den Gerichtsschreiber in die genannte Kammer, wo beide nun alle Habseligkeiten der armen Magd bis auf das Bettstroh durchstöberten, ohne aber das Gesuchte zu finden.

»Ich war dumm,« sagte da die Romigny, »es war natürlich nicht die Babette; wenn ich mir's recht überlege, war's gewiß niemand anders als der hinterhältige Deutsche, der Kutscher Karl; laßt uns einmal bei ihm nachsuchen, Meister Longbras, er ist abwesend, sicher finden wir da das Gewünschte.«

Aber auch in dem Bretterverschlag des elsässischen Kutschers fand sich die Brosche nicht, obwohl die Meisterin und der Herr Schreiber sich keine Mühe und Genauigkeit zu viel sein ließen, so daß Meister Longbras zuletzt die Achsel zuckte und damit der braunen Witwe sein Bedauern zu erkennen gab.

Da hatte diese einen neuen Gedanken.

»Daß mir das nicht früher eingefallen ist,« sagte sie; »der tückische Bursche hat natürlich die Brosche schon weggegeben. Ihr müßt nämlich wissen, Meister Longbras, daß der Mensch drüben in der Hechtgasse ein Schätzchen hat, an das er alles hängt, was er verdient. Es ist das die hinkende Anette Brillon, die ja hier im ganzen Viertel von Sankt Eustach bei vielen für eine Art Heilige gilt, es aber nach anderen dick hinter den Ohren haben soll, denn sie ist – trotz ihrem kurzen Fuß – ein appetitliches Stückchen Menschenfleisch, und der blonde Karl soll nicht der erste sein, dem sie den Kopf verdreht hat. Und wenn es Eurem Patron, dem Herrn Richter Robinet, um das Wohl der ehrlichen Leute zu tun ist, wofür ihn ja der König bezahlt, so wird er gut daran tun, bei dem genannten Mädchen eine Haussuchung anzuordnen, und da würde sich bald zeigen, wie Menschen und Dinge zusammenhängen.«

Der Richter Robinet wußte, wofür ihn der König bezahlte; er befahl alsbald die Haussuchung bei der Nähterin Anette Brillon, wo dann der Kommissär und sein Schreiber nicht allzu lange zu suchen brauchten, um die Vergißmeinnichtbrosche da zu finden, wo die Romigny sie versteckt hatte.

Diese Vorstecknadel war zwar ein ziemlich wertloses Ding, aber welche Geringfügigkeit wäre nicht als corpus delicti für einen Richter eine außerordentlich wichtige und schätzbare Sache? So schickte der Herr Robinet vom Kleinen Châtelet dem ahnungslosen Karl die Häscher auf den Leib, und wer einmal zwischen einer derart malerischen Begleitung in das gefürchtete Châtelet abgeführt wird, um dessen Sache steht es schlimm, besonders wenn ihm der Richter eine zierliche Vergißmeinnichtbrosche entgegenhalten kann, die doch ganz selbstverständlich gestohlen worden ist, und wer anders konnte sie gestohlen haben als der, den die ehrliche Eigentümerin und der hochweise Richter gleichermaßen für den Dieb erachteten.

Wurde also der unglückliche Karl, den man kaum zu Worte kommen ließ – wozu auch noch? – zum Schandmal und öffentlicher Auspeitschung verurteilt und wurde unverweilt zur Prozedur geschritten und zwar nach der galanten Sitte der Zeit nicht etwa in einem Hof des Châtelet, sondern vor dem Hause und der Fuhrhalterei seiner gekränkten Meisterin und unter Zulauf vielen Volkes, wie es das Gesetz der Genugtuung zu verlangen schien.

Jedermann weiß, daß die Könige von Frankreich in ihrem Wappenschild wie in ihrer königlichen Krone das Zeichen der Lilie trugen, aber wenigen ist es wohl bekannt und klingt auch fast unglaublich, daß das übliche Schandmal eine ebensolche Lilienblüte darstellte, die jetzo vor den Fenstern der Witwe Romigny dem Kutscher Karl mittelst eines glühenden Eisens auf die Stirne gebrannt wurde, daß es die gaffende Menge konnte zischen hören und der Geruch von gebratenem Menschenfleisch allem Volk in die Nase stieg, das übrigens an solche Schauspiele hinlänglich gewöhnt war.

Die Sache hätte darum an sich wenig Aufsehen gemacht, mehr dagegen wirkte auf die Gemüter der guten Pariser eine andere Erscheinung. Das war die tränenüberströmte jammernde Anette Brillon, die sich fast wie wahnsinnig durch die Menge drängte und es flehentlich allen Nachbarn zurief, der Karl sei unschuldig, er habe ihr die Brosche gar nicht geschenkt, die Romigny wäre bei ihr gewesen und müsse selber das Nadelding in ihre Schublade praktiziert haben, was nun wohl die meisten zwar nicht sehr glaubhaft finden mochten, während sie sich dennoch in Mitleid dem armen verzweifelten Mädchen zuwandten, da ohnedies die Witwe Romigny nicht die beliebteste Nachbarin war.

Und bei diesem passiven Mitleid wäre es vielleicht geblieben, wenn nicht die hagere Meisterin selber ihr Schicksal sozusagen an den Haaren herbeigezogen hätte. Sie war bis zu diesem Augenblick unsichtbar geblieben. Aber als jetzt die Stockknechte, nachdem sie den entblößten Körper des Elsässers auf der Schranne festgebunden hatten, mit ihren Lederpeitschen ihre Arbeit begannen, daß der Gepeitschte unter ihren Streichen sich krümmte und die Schranne sich rötete von Blut, da sah man sie plötzlich zum offenen Fenster herausliegen und dem Martergeschäft zuschauen mit gierigen Blicken, in denen – die Landsleute des Herrn Marquis von Sade verstanden sich darauf – noch andere Gefühle als die der befriedigten Rachsucht hervorglühten.

Hätte sie noch wenigstens geschwiegen; aber sie schrie: »Nun drescht ihn nur tüchtig! Fester, immer fester!« Da erklang im Haufen das Wort: »Megäre«. Und hundertfach wiederholte sichs. Und verwandelte sich auf den Zungen in noch schlimmere Wörter, in schmutzige unflätige Namen. Und Steine flogen und Fenster splitterten, und in wenigen Sekunden hatte sich die lethargische Menge wie in einen Vulkan verwandelt, denn es war dasselbe Volk, das so oft schon im großen und kleinen sich von der aufbrausenden Gewalt seines Gefühles zu unglaublichem Tun hatte fortreißen lassen.

»Ins Wasser mit dem Luder! Ersäuft sie! Ersäuft sie!« Sie schrien es schon nicht mehr, sie brüllten es.

Man hatte die Romigny aus ihrem Hause hervorgezerrt, und nun wurde sie in eine leere Kutsche geschoben, Handwerkerhände verknoteten die Türverschläge, andere faßten die Deichsel: »In die Seine mit ihr, in die Seine!«

Und noch ganz anders als wie so oft an Abenden eine berühmte Schauspielerin, nachdem sie das Parterre bis zur Raserei hingerissen hatte, von Menschen statt von Pferden in tollem Triumph davongefahren wird, wenigstens in anderem Sinne, setzte sich die Mietskutsche unter der Kraft von Hunderten von Armen in Bewegung, und keine Macht der Welt mehr schien die Meisterin Romigny vor dem Ersäuftwerden erretten zu können.

Dennoch erreichte die Kutsche den Fluß nicht; denn während noch die gestaute Menge die Bewegung verlangsamte, hatte an der Straßenecke der Meister Grobschmied ein weißglühendes Eisen von hinten her durch das Guckfensterchen gestoßen, mit einer wütenden Verwünschung, und als der Wagen dann endlich die Straße des heiligen Dionysius gewonnen hatte und in der Richtung nach der Seine sich in hellen Galopp setzte, da stand er auch schon lichterloh in Flammen, daß die kleinen Leute vor ihren Buden sich entsetzt bekreuzten und dachten, ob seine Majestät der König Satan in höchsteigener Person seinen feurigen Triumphzug halte in seiner guten Stadt Paris.

Doch lange dauerte die Eliasfahrt der Dame nicht, schon vor dem gotischen Portal der Kirche von Sankt Leuen brachen die halbverbrannten Räder in sich zusammen, und in wenigen Augenblicken war auch das Volk in alle Winkel zerstoben, und was zurückblieb, war nichts als ein Haufen glimmender Holz- und Ledertrümmer und eine arme, schwarzverkohlte Menschenleiche.

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