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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
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Vorteil der Nullen

Das ehemalige königliche Jagdschloß La Muette liegt heute bereits sozusagen innerhalb der Stadt Paris und ist mit seinem zierlichen Park wenigstens von drei Seiten eng von hohen Stadthäusern umgeben; dennoch paßt ihm sein Name »Das Stille« heut fast besser, nachdem es ein bloßes Altertum und Seltsamkeit geworden ist, als damals, wo es, noch ein wirkliches Jagdschloß, inmitten des weit ausgedehnten Waldes von Boulogne lag, der noch ein wirklicher, echter Wald war, und wo der fünfzehnte Ludwig hier so gern tafelte, oft in Gesellschaft der Marquise von Pompadour und anderer bevorzugter Hofdamen, wenn sie sich mit ihm auf der Jagd vergnügt hatten.

An jenem St. Martinstag aber, im Jahre 1757, fehlten die Damen, und auch sonst ging es an der königlichen Jagdtafel fast etwas einsilbig zu. Man hatte den Fasan gejagt in den Niederungen der Seine, aber den ganzen Vormittag hatte kein einziges Wort aus dem Munde des Königs die Höflinge in glückliche Ekstase versetzt. Und doch war es auf der Jagd, wo der sonst ewig Gelangweilte am ehesten auftaute und am harmlosesten zu plaudern pflegte. Denn wie allen Bourbonen, so war auch Ludwig dem Vielgeliebten die Jagd das große Vergnügen und eine Angelegenheit, wo er, wie bei nichts anderem, mit ganzer Seele dabei war. Ein Jäger und Landedelmann begreift das auch noch heut ohne weiteres; wer es aber nicht begreift, der möge bedenken, daß, gegenüber dem auf Schritt und Tritt ängstlich abgezirkelten königlichen Tagesverlauf im Schloß zu Versailles, die Jagd wenigstens annähernd so etwas besagte, was durch das wunderbare Wort »Freiheit« angedeutet wird.

An dem gedachten Morgen jedoch, und obwohl er bereits zwölfmal zu Schuß gekommen – man weiß ungefähr, wie Könige auf der Jagd zu Schuß kommen –, war und blieb der König verstummt, und den Höflingen wurde es dabei allmählich ganz unheimlich zumut. Denn sie dachten nicht anders, als Seine Majestät möchte durch irgendeine Indiskretion bereits erfahren und gar auf ungeschickte Weise erfahren haben, was sich vor sechs Tagen weit dahinten in Preußen bei dem kleinen Dörfchen Roßbach zugetragen hatte. Aber das war ein Irrtum, die französische Majestät ahnte davon nichts, und selbst wenn sie darum Bescheid gewußt hätte, würde sie sich doch durch eine solche Lappalie das Jagdvergnügen nicht haben verderben lassen.

Erst bei der erwähnten Frühstückstafel im Waldschloß La Muette lüftete sich für die Höflinge ein wenig der Schleier vor dem geheimen Kummer des geliebten Monarchen. Irgendeiner aus der Tafelrunde, vielleicht der junge Marquis von Créquy, hatte das Gespräch auf die Frauen gebracht, und diesmal schnappte der König ein und gab auch sein Wörtlein dazu, und zwar in einer Weise, wie es niemand erwartet hätte, denn es war in dem Munde des immer galanten Ludwigs eine ganz unerhörte Weise: ein abfälliges wegwerfendes Wort über die Frauen war es. Die Höflinge im Kreis zuckten förmlich darüber zusammen.

Denn sie ahnten jetzt sofort die Ursache der ungewohnten heutigen Verstimmtheit des Königs. Es bewahrheitete sich also wieder einmal das französische » cherchez la femme«, und zu suchen brauchten übrigens die Höflinge nicht weiter, der König pflegte augenblicklich keinen andern vertrauten Umgang als mit der Marquise von Pompadour, sie war also offenbar im Spiel, irgend etwas mußte vorgefallen sein, und bei Gott, das konnte für sie alle unabsehbare Folgen haben, der Augenblick war höchst kitzlig.

Darum antwortete dem königlichen Mund auch keineswegs, wie es sonst doch unfehlbar der Fall gewesen wäre, ein allseitiges Echo um den Tisch herum, sondern einzig der alte Marschall von Noailles, dessen schwammiges Gesicht mit den leeren Augen die Unbehilflichkeit seines Geistes deutlich genug zum Ausdruck brachte, nahm das Wort des Königs auf, es verstärkend oder vielmehr vergröbernd.

»Wahrlich, Eure Majestät hat recht,« sagte er; »man sollte sie gebrauchen, wozu der liebe Gott sie erschaffen hat, und dann zum Teufel jagen.«

Dieser alte Marschall, – sein lieber Gott allein wußte es vielleicht, wie er zu dem Titel gekommen war – hatte wie alle anderen wohl begriffen, dazu reichte sein bißchen Verstand gerade noch hin, welche außerordentliche Person die ungalanten Worte des Königs veranlaßt haben mochte. Diese Person aber haßte er. Nicht tapfer und offenkundig wie der Kriegsminister Argenson, sondern feig und versteckt, und nicht aus Gründen der öffentlichen Moral wie die heiligen Väter der Gesellschaft Jesu (wenn man ihnen glauben durfte), auch nicht aus frondierendem Aristokratenstolz, wie so Manche, sondern einfach aus verletzter Eitelkeit und weil es ihn die Marquise nur zu sehr fühlen ließ, wie wenig sie sich aus ihm machte.

Mit großer Mühe und durch einen vielleicht nicht sehr ehrenvollen Gegendienst war es ihm einmal gelungen, von der allmächtigen Königskebse zu ihren berühmten theatralischen Aufführungen, dem sogenannten Théâtre des petits Cabinets, als Mitspieler zugelassen zu werden. Er hatte dabei zwar nur die nichtssagende Rolle des Hausknechts im »Tartüff« zugeteilt bekommen, aber sich sogar zu dieser Geringfügigkeit als ganz unfähig erwiesen. Die Marquise hatte ihn wie einen Schulbuben gescholten und davongejagt, und seither beehrte er sie, sehr heimlich und sehr vorsichtig, mit seinem ohnmächtigen Haß.

Aber freilich seine Vorsicht – er konnte nichts dafür – vermochte gelegentlich sehr unvorsichtig zu sein, wie dies gerade heute sehr plump zutage kam, so daß die ganze Tischgesellschaft nicht wenig darüber erschrak.

Dem ewig aufmerksamen und in steter Uebung ausgebildeten Blick dieser Höflinge war die Wirkung seiner Worte nicht entgangen. Sie lasen sofort deutlich und unmißverständlich ein gewisses Unbehagen im Gesicht des Königs, und daß dabei seine Rechte äußerst nervös an seiner linken Spitzenmanschette zupfte, wie wenn er sie zerreißen wollte, ließ ihnen vollends keinen Zweifel. Denn immer, wenn er schlimmer Laune, mußte es zuerst seine Manschette büßen. Offenbar empfand es der König bereits höchst peinlich, daß er mit seiner Rede mehr verraten habe, als ihm lieb war, und verwünschte mißmutig die eigene Unvorsichtigkeit. Er wußte nur zu gut, daß er kaum irgendwie und irgendwo ein Wort sprechen konnte, das der ewig um ihre Stellung zitternden Marquise nicht hinterbracht worden wäre.

Alle errieten sie die Seele des Königs, der sich überhaupt wenig verstellen konnte, so sehr er sich auch darin übte. Nur dieser unglaubliche Marschall von Noailles merkte noch immer nichts und zeigte nicht übel Lust, in dem angeschlagenen Ton weiter fortzufahren, jedoch Ludwig schnitt ihm scharf das Wort ab und brachte das Gespräch auf andere Dinge.

»Es ist doch sonderbar,« sagte hier lachend der Graf von Marigny (der Bruder der Marquise von Pompadour) zu seinem Nachbar, dem Marschall und Herzog von Biron, dem zugleich intimsten und aufrichtigsten Freund der ungekrönten Königin von Frankreich – »es ist doch sonderbar, wie sich Tapferkeit und Dummheit manchmal ähnlich sehen –, wenn ich nicht wüßte, wie unerlaubt dumm dieser Noailles ist, würde ich ihn in diesem Augenblick für den tapfersten Mann des Königreichs halten.« Darüber mußte auch der Herzog herzlich lachen und überhaupt nahm nun die Tafel einen allgemein befriedigenden Fortgang.

Sehr erstaunt aber waren diese Herren am andern Tag, als der König keinen von ihnen der Ehre würdigte, ihn bei seinem Morgenbesuch in den Gemächern der Marquise zu begleiten, als allein und ausgerechnet den Marschall von Noailles. Und es ist wohl möglich, daß Ludwig dabei keine bewußte Absicht hegte, wahrscheinlich folgte er nur einem dunklen Instinkt dabei; der Marschall aber fühlte sich als der Glücklichste aller Sterblichen.

Ein wenig hatte er das Gefühl, sich am Tage zuvor ein bißchen vergaloppiert zu haben. Aber er traute es sich auch zu, seinen Fehler heute wieder vollkommen gut zu machen. Dies schien ihm die Marquise noch auffallend zu erleichtern. Sie war trotz ihres unnahbaren Reifrocks so zutunlich und von einer solchen Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit gegen ihn, wie er es noch nie erlebt hatte. Und so brachte er es trotz seiner geringen Gewandtheit fertig, denjenigen Gesprächsfaden glücklich anzuspinnen, mit dem er sich zu salvieren gedachte, worin er sich dann aber so elend verfing wie nur je ein armes Mücklein in einem Spinnengewebe.

Nur das Wort »anspinnen« ist hier vielleicht kein richtiges Bild, in Wahrheit platzte er förmlich wie mit der Tür ins Haus, mit seinem Lob der Frauen, das er in vollen und natürlich allzu vollen Tönen anstimmte.

»Oho,« rief die Marquise mit geheucheltem Erstaunen, »sollte der Herr ... nun eben einer der Teilnehmer der gestrigen Jagd ... gelogen haben?«

Das schwammige Gesicht des Marschalls mit den leeren nichtssagenden Augen erblaßte. Selbst der König blickte zu Boden in sichtlicher Verlegenheit.

»Ein Teilnehmer der gestrigen Jagd ...« stotterte der Marschall.

»Will behaupten,« ergänzte die Marquise liebenswürdig lächelnd, »daß Ihr ein verdammt loser Vogel seid, ein solcher, der gestern ein ganz anderes Lied gesungen hat, als er heut zu singen für angebracht findet.«

Das war ein peinlicher Augenblick, nicht nur für den entlarvten Marschall, sondern auch kaum weniger für den König von Frankreich, der sich jetzt das Sprichwort hätte vorsagen können, wonach man den Esel meint, indem man auf den Sack losschlägt, – wenn nämlich so niedrige Redensarten, die Erzeugnisse ganz gemeinen Volkes, einem König nicht himmelfern lägen. Einstweilen schwieg er in ehrlichem Schuldbewußtsein.

Nur der Marschall in seiner Verzweiflung suchte sich an ein Wort anzuklammern. »Hohe Frau,« stieß er hervor, »ich schwöre ...«

»Halt, schwört nicht,« rief die Marquise, »jener andere Jagdteilnehmer hat auch geschworen. Euch aber, mein Herr und König,« wandte sie sich feierlich an Ludwig, »rufe ich zum Zeugen auf, Eurer Majestät Wort soll entscheiden.«

Und nun zeigte sich's, daß auch Könige nicht immer großmütig sind, was vielleicht auch zuviel verlangt wäre, solange sie sich selber in der Klemme fühlen. Sein eben noch so verlegen dreinblickendes Gesicht überhuschte sichtbar ein leiser Schimmer von Schadenfreude.

»Der Dame Wahrheit,« sagte er jetzt, »darf ein Edelmann und König noch weniger zu nahe treten als jeder andern Dame, und so muß ich leider bezeugen, daß der Herr Marschall gestern nicht durchaus schön von dem schönen Geschlecht gesprochen hat.«

Damit konnte es der König bewendet sein lassen. Aber er mochte denken, daß er sich um so vollständiger entlastete, je dicker er die Schuld auf den andern häufte.

»Der Herr Marschall«, fügte er darum hinzu, »hat sich sogar zu einem häßlichen Wort hinreißen lassen, das kaum der roheste Krautjunker, geschweige denn der König von Frankreich, vor die Ohren einer Dame bringen möchte.«

Oh, dieser Feigling von einem König, dachte der vernichtete Marschall bei sich, wie er mich eintunkt, um sich herauszuziehen. Er fand aber trotz seiner Zerschmettertheit noch einmal das Wort: er habe ja nicht von den Damen zu Versailles gesprochen, sondern von denen zu St. Germain, womit er die Damen seines eigenen Hauses gemeint haben wollte, die Marschallin, die Gräfin von Duras seine Schwiegermutter, und die Herzogin von Broglie seine Schwägerin, die allerdings alle drei ein wenig in dem Ruf standen, ihm das Leben nicht besonders angenehm zu machen. Und er beglückwünschte sich schon heimlich selber zu dem guten Einfall, den aber die Frau Marquise gar nicht gut aufnahm.

»Welche Feigheit,« sprach sie streng, »sich so auf Kosten seiner Nächsten und Liebsten rechtfertigen zu wollen, schämen Sie sich, Herr Marschall.«

Dieser griff in seiner Verzweiflung nach einem letzten Strohhalm.

»Die Frau Marquise wissen wahrscheinlich nicht,« stackste er, »wie wenig ein Mann gewissen Damen ...«

»Schweigen Sie,« herrschte die Marquise ihn an. »Sie waren noch nicht im Unglück. Erst im Unglück lernt der Mann den wahren Wert seiner Frau kennen. Ich will es nun nicht hoffen, aber« – und sie betonte jedes Wort mit Schärfe – »aber es könnte doch geschehen eines Tages, daß der König Grund hätte, Euch auf Eure schönen Besitzungen in Lothringen zu schicken mit der Weisung, niemals ohne seine Erlaubnis wiederzukehren; dann würde gewiß Eure ehrenwerte Frau Gemahlin die einzige sein, die ...«

Der Marschall verstand, er fühlte sein Urteil bereits gesprochen. Ein armer Sünder, der mit dem Strick um den Hals die Leiter zu besteigen im Begriff steht, konnte nicht lamentabler aussehen, er schwankte, er griff noch rechtzeitig nach der Lehne eines Sessels. Nach seinem Arm aber griff die Marquise von Pompadour.

»Eh, eh, Marschall, Mann, Mann Gottes,« rief sie lachend, »ermanne dich, wir scherzen ja nur. Nullen werden nicht verbannt.«

Nach diesen Worten und mit einem zugleich gnädig verzeihenden und bezaubernd demütigen Blick – sie brachte das fertig – reichte sie, wie es damals noch Sitte war, ihre Hand dem König, da das Frühstück gerade gemeldet wurde, es dem Marschall überlassend, ob er folgen wollte oder nicht.

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