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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
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Die beiden Minister

Es war am Morgen nach dem berühmten Attentat des Hausknechts Damien auf Ludwig XV., und zu Versailles im Vorsaal der königlichen Gemächer harrten, in Furcht und Hoffnung und in ängstlichem Flüstern, die Würdenträger des Staates und andere Bevorzugte höchsten Ranges, etwa ein Dutzend Personen, Herren und Damen im farbig-prunkenden Hofstaat jener Zeiten. Während ihrer leisen Gespräche schweiften unausgesetzt ihre besorgten Blicke nach der Türe ab, hinter der ihr König vielleicht im Sterben lag.

In einer Fensternische aber, von den anderen abgesondert, hielt sich die imposante Gestalt des Kriegsministers, zusammen mit seinem körperlich weniger vorteilhaft ausgestatteten Kollegen, dem Großsiegelbewahrer Grafen von Machault, und beide, nach ihren Blicken und Gesten zu schließen, schienen nicht unbefriedigt zu sein von dem, was sie offenbar durch die Fensterscheiben mit Interesse beobachteten.

»Die arme Marquise,« flüsterte Herr von Machault vor sich hin, »dieses Volk ist ja wie toll«.

Was nämlich die beiden vor Augen hatten, war, daß sich unter dem schräg gegenüberliegenden nördlichen Flügel des Schlosses, wo die Palastdame der Königin, die Marquise von Pompadour, ihre Gemächer hatte, ein großer Volkshaufen ansammelte und aus tausend Anzeichen eine feindlich drohende Handlung zu erkennen gab.

»Wirklich, das Volk ist toll,« seufzte abermals in gut geheucheltem Bedauern der blatternarbige Großsiegelbewahrer.

»Und Ihr,« versetzte der überragende Graf von Argenson, der Kriegsminister, »Ihr seid in dieser schweren Stunde nicht bei Eurer Freundin, der bedrohten Marquise! Sie wird es gewiß schmerzlich empfinden – und vielleicht auch übel vermerken, Sie jetzt nicht bei sich zu sehen.«

Das war als boshafter Hohn gemeint, und der Graf von Argenson hatte sich auch keine Mühe gegeben, den eigentlichen Sinn seiner Rede im geringsten zu verschleiern. Dieser stolze Charakter, dem König augenblicklich der unentbehrlichste Minister, verachtete die Marquise und verachtete noch mehr alle diejenigen, die sich um sie bemühten und unter denen der Großsiegelbewahrer die erste Stelle einnahm. Die Marquise von Pompadour selber hielt den Grafen von Machault für den Getreuesten ihrer Getreuen, und jedermann lebte in diesem Glauben.

Er war es keineswegs, er spielte nur diese Rolle. Im Grunde seiner Seele hegte er einen giftigen Haß gegen die mächtige Favoritin, und das aus einem geheimen Grund, den nur er und die Marquise kannten. Sie hatte einmal die Manneseitelkeit dieses Strebers tödlich verletzt, und während sie, im Grunde ein gutmütiges und vergeßliches Wesen, eine gleiche Vergeßlichkeit bei dem Grafen voraussetzte, verbarg dieser unter der Maske der Freundschaft einen nagenden Haß und harrte nur auf eine günstige Gelegenheit zur Rache.

»Sehen Sie nur,« sagte er eben, »sie machen wahrhaftig Anstalten, die Fenster der Marquise zu stürmen.«

Der Kriegsminister achtete indessen kaum auf die Rede seines Kollegen, denn gerade jetzt tat sich die Türe zu den königlichen Gemächern auf und heraus trat eine spindeldürre Gestalt mit affenartigen Bewegungen und ebensolchem, aber nichtsdestoweniger höchst intelligentem Gesicht. Und alles drängte ihm entgegen, aber der komische königliche Leibarzt schob mit übrigens beruhigender Geste die hohen Herrschaften zurück und rettete sich glücklich nach der Fensternische der beiden Minister, wo er dem Grafen von Argenson eilig etwas ins Ohr flüsterte, der schon im nächsten Augenblick zwischen den respektvoll ausweichenden Schranzen die Türe gewann, aus welcher der Arzt gekommen war. Dieser aber, ein ehrlicher Freund der Marquise, äußerte in fast den gleichen Worten, aber in anderem Ton und mit anderem Sinn wie vorher der Kriegsminister, dem Grafen von Machault sein Erstaunen, ihn hier zu finden, den er sicher bei der Frau Marquise geglaubt hatte.

»Unsere gnädige Frau wird ja gar nicht wissen, was sie von Euch denken soll,« sagte er vorwurfsvoll. »Und ich kann ihr im Augenblick auch keine Nachricht bringen, ich muß zu einer Beratung mit den anderen Doktoren. Also gehen Sie, eilen Sie hinüber, mit dem König steht es keineswegs schlimm.«

»Gleich, gleich,« antwortete der Graf, »ich will nur noch die Zurückkunft meines Kollegen abwarten.«

Er brauchte gar nicht lange zu warten; der Doktor Quesnay hatte sich kaum mit einem unwilligen Kopfschütteln entfernt, als auch schon der Kriegsminister mit auffallend zerstörter Miene dem Großsiegelbewahrer entgegentrat.

Die Verwundung des Königs an der linken Brust, erklärte er seinem Kollegen, sei nur äußerlich, der Monarch befinde sich aber in einem sehr erregten Zustand, er halte sich für verloren; er nehme die Beruhigungen des Arztes für leere Tröstungen und sei offenbar ganz im Bann seines Beichtvaters. Jedenfalls habe der Jesuit ihm die Hölle gehörig heiß gemacht, und kurz, der König in seiner augenblicklichen Zerknirschung sei entschlossen, den Wünschen seiner Untertanen entgegenzukommen und die Frau von Pompadour zu verabschieden. Ja, er habe ihm, dem Kriegsminister, bereits den bestimmten Befehl erteilt, die Marquise davon zu benachrichtigen und sie aufzufordern, das Schloß zu verlassen.

»Ich muß Ihnen gestehen, Herr Graf,« fügte er hinzu, »dieser Auftrag ist mir im höchsten Grade peinlich. Die Frau von Pompadour hält mich, mit Recht oder Unrecht, für ihren Feind und wird es als besonders grausam empfinden, daß der König gerade mich zu dieser Botschaft auserwählt hat, ja, sie wird nicht zweifeln, daß ich selber den Befehl veranlaßt habe, sie wird in mir ihren schadenfrohen Henker sehen, und alle Versicherungen meiner Unschuld werden vergeblich sein.«

So der Herr Kriegsminister. Er verriet aber nur die Hälfte seines Gedankens. Was die entlassene Pompadour von ihm denken mochte, galt ihm höchst gleichgültig. Was er aber befürchtete, war, daß der König, sobald er sich außer Gefahr sah, seinen Befehl bereuen und die Marquise zurückrufen könnte. Er hielt das sogar, wie er den König kannte, für ziemlich sicher. Sein Kollege aber, der Großsiegelbewahrer, konnte auf seinem Blatterngesicht ein innerliches Triumphgefühl kaum noch verbergen; er fühlte die Stunde seiner langgehegten Rache nahe, und dieses überwältigende Gefühl machte ihn dumm. Oh, dachte er bei sich, wie wird es mir wohltun, die giftige Natter sich krümmen zu sehen unter der Hiobspost, meine lange Geduld in mühevoll geheuchelter Ergebenheit wird sich endlich bezahlt machen. Und dann laut: »Ihr solltet«, sagte er, »mir Euer Amt übertragen, mich schützt meine Freundschaft vor jedem Verdacht, die bittere Pille bleibt zwar dieselbe, aber sie wird, aus der Hand des Freundes entgegengenommen, weniger giftig wirken.«

»Das dachte ich eben auch,« versicherte der schlaue Kriegsminister; »ich wagte nur nicht ..., aber wirklich, Ihr würdet mir den größten Freundesdienst erweisen, wenn – «

»Keine weiteren Worte, Herr Graf,« fiel ihm der rachegierige Großsiegelbewahrer in die Rede. Er drückte dem Kriegsminister die Hand und schon war er auch aus dem Saal, der Graf von Argenson blickte ihm nach mit sichtlicher Erleichterung.

Im Vorzimmer der Frau von Pompadour fand der Großsiegelbewahrer eine aufgeregte Menge versammelt. Die wenigsten waren aufrichtige Freunde der Favoritin, viele waren gekommen aus schadenfroher Neugierde, denn die Gefährdung der Marquise in ihrer mächtigen Stellung lag in diesem Augenblick im Bewußtsein aller.

Entgegen kamen dem Grafen die schöne Herzogin von Brancas, der dicke Abbé von Bernis, damals noch nicht Kardinal und der tänzelnde Prinz von Soubise, dem auch der Marschallstab von der Pompadour Gnaden und seine nicht eigentlich ruhmreichen Taten im Krieg mit Preußen noch erst bevorstanden. Die schöne Herzogin liebte die Marquise als wirkliche Freundin, die beiden anderen hatten für ihre Liebe vielleicht mehr sachliche Gründe; aber der Abbé von Bernis war dennoch so ergriffen, daß ihm die dicken Tränen über die breiten, fleischigen Wangen rollten.

»Sie kommen endlich, Herr Graf,« rief er dem Großsiegelbewahrer entgegen; »wenn Sie wüßten, wie Sie erwartet werden.«

»Und wie geht es unserer gnädigen Frau?«

»Ach, lieber Graf,« antwortete ihm die Herzogin, die die spanische Rasse nicht verleugnen konnte, »die Aermste droht sich zu verzehren in Tränen und Schluchzen. Sie hält den König schon für tot und sich selber für verloren. Ihr Großstallmeister ist eben bei ihr, und sie gibt die widersprechendsten Befehle. Bald befiehlt sie, die Koffer zu packen, dann wieder alles auszupacken; ihren Wagen, der sie nach Paris bringen soll, hat sie schon dreimal vorfahren lassen und schon dreimal wieder weggeschickt. Sie weiß nicht, wo ihr der Kopf steht. Und all unsere Versicherungen und Vorstellungen weist sie zurück. Nach Ihnen aber fragt sie unausgesetzt, nun kommen Sie rasch, ich werde Sie hineinführen, Sie erscheinen als rettender Engel.«

Mit diesen Worten öffnete sie dem blatternarbigen »rettenden Engel« die Türe zu dem inneren Gemach, sie selber und die übrigen blieben diskret zurück, und der harrenden Gesellschaft mit ihren so widersprechenden, eingestandenen oder uneingestandenen Wünschen und Befürchtungen schien es eine Ewigkeit, bis der Graf wieder in den Saal heraustrat, obwohl noch nicht eine Viertelstunde unterdessen vergangen war. Kurz zuvor hatte man etwas gehört wie einen erstickten Aufschrei.

Die sonst so schmeichlerischen Züge des Großsiegelbewahrers schienen wie erstarrt.

»Eurer Herrin ist eine Ohnmacht angefallen,« sagte, er eisig, »man eile ihr zu Hilfe.«

Mit diesen Worten verließ er den Vorsaal gemessenen Schrittes, die Herzogin von Brancas aber, der Abbé von Bernis und der Fürst von Soubise drängten sich in das Gemach der Frau Marquise.

Sie lag, noch angetan mit der weichen üppigen Morgenkleidung, auf einer Chaiselongue ausgestreckt, blaß, bewußtlos, mit verzerrten Zügen, ihre Kammerdame Duhausset war um sie bemüht und rieb ihr mit einer Essenz Schläfe und Stirne. Sie schlug auch endlich halb die Wimpern auf und blickte mit verdrehten Augen bewußtlos um sich.

Aber bald bekam sie wieder die Gewalt über sich. »Teuerste Freundin,« rief die Brancas, »was hat er Ihnen gebracht?«

»Den Tod,« antwortete fast lautlos die Marquise, »laßt von neuem einpacken und den Kutscher vorfahren, in einer halben Stunde will ich weg sein, der König verlangt es.«

»Und die Meinung des Grafen?« fragte die Freundin.

»Sie ist die des Königs,« seufzte die Marquise.

»Oh, der Streber,« rief da die Brancas in ehrlicher Entrüstung, »er rät Euch wirklich, zu reisen? So ist er ein offenkundiger Verräter, der Euer Verderben will. Wer das Spiel aufgibt, hat verloren. Teuerste Freundin, Ihr müßt bleiben, bleiben müßt Ihr.«

Aehnlich äußerte sich der Abbé von Bernis und der Fürst von Soubise, als sich die Türe auftat und die affige Gestalt des königlichen Leibarztes Quesnay sich hereindrückte. Er machte sein gescheitestes Gesicht und auch sein heiterstes, er schien nicht übel Lust zu haben, im Zimmer herumzutanzen.

»Vivat!« rief er, »dem König fehlt gar nichts, so viel wie nichts. Ein anderer ginge auf den Ball heute abend. Aber wenigstens in drei Tagen, Frau Marquise, werdet Ihr Seine Majestät wieder zu Euren Füßen sehen, es gilt meinen Kopf.«

Und wirklich, dieser Halbaffe von einem Gelehrten kannte seinen König bester als alle; es kam, wie er gesagt hatte, und noch am gleichen Tage erhielt der Großsiegelbewahrer, Graf von Machault, seine Entlassung und Verbannung in die Normandie, und wer sich heimlich ins Fäustchen lachte, das war der Herr Kriegsminister, der tugendhafte und ehrenfeste Graf von Argenson, der jetzt keine Zeit hatte, daran zu denken, daß man eines Tages über ihn noch ganz anders lachen werde.

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