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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
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Der Feldmarschall als Polizeisergeant

Am Hof sind doch die größten und mächtigsten Herren zwar nicht so unschuldig wie die kleinen Kinder, aber ebenso kindisch, indem ihr Glück oder Unglück, ihr Jubel und ihre Verzweiflung oft von einer lächerlichen Kleinigkeit und Geringfügigkeit mehr abhängt als von den höchsten Gütern des Lebens; und das gilt vielleicht nicht nur vom Hof, sondern von der Welt überhaupt, und der Hof ist nur der zusammenfassende und vergrößernde Hohlspiegel der allgemeinen menschlichen Eitelkeit, die freilich darin in gesteigerter Groteskheit erscheint.

Diese Philosophie stammt von der ersten Kammerfrau der Marquise von Pompadour, der Dame Duhausset, die zwar einer verarmten, aber adligen und jedenfalls besseren Familie entstammte, als ihre allgewaltige Herrin selber, und die Veranlassung zu ihrer salomonischen Weisheit war folgende.

Wer die Geschichte jener Zeit kennt, der weiß auch von den famosen Spectacles des petits cabinets, nämlich von jenem Liebhabertheater, das die Marquise von Pompadour, um der ewigen Gelangweiltheit ihres Königs zu steuern, in den inneren Gemächern des Schlosses eingerichtet hatte und wo auf den Theaterzetteln außer dem ihrigen nur die Namen von Herzögen und Herzoginnen als Schauspieler zu lesen standen, wozu aber der Herzogstitel an sich keineswegs genügte, es bedurfte außerdem noch der besonderen Huld der allmächtigen Favoritin. Um die Zeit dieser Spiele (oder Spielereien) war's, die Marquise von Pompadour befand sich bei der Probe, und in ihrem Salon hielt sich einzig die Dame Duhausset auf, die, auf einer Chaiselongue gelagert und in einem Roman von Voltaire lesend, sich des seltenen Freiseins freute, als ein Lakai eintrat und einen Besuch anmeldete. Ein junger, fremder Offizier sei es und er behauptete, ein Verwandter der Frau Kammerdame zu sein.

Und der Eintretende war das Schmuckste, Schlankste und Gewandteste, was man sich von einem jungen Kapitän in rotweißer Uniform nur vorstellen konnte, und so standen seine Sachen:

Die Familie, meist alte Leutchen, hatten die letzten Pfennige zusammengekratzt, um dem hoffnungsvollen Sprossen eine Kompagnie zu kaufen, und damit war der hübsche Jüngling vom Leutnant glücklich zum Hauptmann avanciert. Drei Jahre war dies schon her, er galt auch allenthalben bei seinen Vorgesetzten für äußerst tüchtig, aber bei seiner blutigen Armut und der augenblicklichen unkriegerischen Zeit blieb ihm nur die trostlose Aussicht, in seinem Provinznest im Nivernais als ewiger Hauptmann dem Gespött der Bürger und der Verachtung seiner übermütigen und begünstigten Kameraden zu verfallen.

Nur eins konnte aus diesem trotz der rotweißen Uniform grauen Elend herausführen: wenn er die Stelle eines Königsleutnants zu erlangen vermöchte, als welche nicht käuflich war, sondern von der königlichen Gunst frei verliehen wurde. Freilich warteten da auf eine einzige Vakanz immer Hunderte und darunter Söhne aus den besten Familien, auch wohl meist ältere als er, aber ...

»Aber,« lachte die humorvolle ältliche Dame heraus, »wenn man eine Tante hat, die bei der Marquise von Pompadour als erste Kammerfrau dient, nicht wahr, da ist alles möglich. Ihr guten Menschen da draußen in eurer Provinz, ihr haltet mich wohl für allmächtig wie den lieben Gott.« Und sie mußte von neuem lachen über diesen Gedanken, während der weiß-rote schlanke Kapitän, der einer Einladung zum Sitzen gefolgt war, unbehaglich an seiner Oberlippe nagte in Ermangelung des Schnurrbärtchens, das damals die Mode aus allen männlichen Gesichtern, die der Soldaten nicht ausgenommen, mit höfischer Macht verbannt hatte.

»Die Figur für einen Königsleutnant hättet Ihr wohl,« nahm sie ihre Rede wieder auf; »aber gerade Eure Angelegenheit hat einen besonderen Haken. Denn was der König frei verleiht, wie Ihr sagt, das eben verleiht er gerade nicht, sondern das tut in diesem Fall sein Kriegsminister, und das ist jetzt der Graf d'Argenson, mit dem meine gnädige Frau (sie meinte die Marquise) auf so gespanntem Fuß lebt, daß sie ihn nicht um eine Stecknadel bitten würde.« Die hellen Burgunderaugen des Offiziers verdüsterten sich.

»Nun,« tröstete die Tante, »ich will alles versuchen, was in meinen Kräften steht; an meinem guten Willen soll es nicht fehlen. Der Graf d'Argenson ist ein höflicher und menschenfreundlicher Mann; er weiß vielleicht die Kammerfrau auszunehmen von seinem Groll gegen die Herrin, und wenn es mir die Marquise erlaubt, werde ich ihm schon morgen im Laufe des Vormittags meinen Besuch abstatten. Ich frühstücke um ein Uhr in meiner eigenen Stadtwohnung, und wenn Ihr mir die Ehre antun wollt, dabei mein Gast zu sein, so kann ich Euch das Ergebnis meines Bittganges oder meiner Bittfahrt gleich mitteilen.«

So verabschiedete sich der Sohn des leichtlebigen Burgund nicht ganz hoffnungslos von der kammerfraulichen Base, und am anderen Morgen plagte ihn die Unruhe so sehr, daß er viel zu früh in der Straße zum Hl. Ludwig und der Privatwohnung seiner Base ankam und fast eine Stunde auf sie warten mußte. Dabei gab er sich, in dem zierlich ausgestatteten Gemach wie eine Schildwache auf- und abschreitend, gleich allen zum langen Warten Verdammten, den trübsten Gedanken hin; und wenn er von Zeit zu Zeit vor einem Pastellbild in reich skulpiertem ovalen Goldrahmen einige Minuten anhielt, so überkam ihn ein förmlicher Grimm gegen das liebreizend lächelnde Gesicht im Rahmen, dieses schöne, noch immer mädchenhafte Gesicht über der entblößten zierlichen Brust und dem schlanken Hälschen, das alle Welt bezauberte, nur gerade nicht diesen verdammten Ehrenmann von Kriegsminister, diesen Grafen d'Argenson, wie es die Base wenigstens versichert hatte.

Während einer dieser wenig galanten Betrachtungen wurde er von der Base überrascht. Sie war leis und von ihm unbemerkt in das Gemach getreten und mochte ihm auf dem Rücken seine Gedanken abgelesen haben, wie man aus ihrem lustigen Herauslachen vielleicht schließen konnte. Er machte auch ein ziemlich verlegenes Gesicht, recht wie ein Ertappter, aber sie lachte nur wieder und begrüßte ihn mit einem »Guten Morgen, Herr Königsleutnant«, daß er erst recht außer Fassung kam.

»Aber eine tolle Geschichte ist es, eine ganz tolle Geschichte.«

Kurz: es war zuerst so gekommen, wie sie es vorausgesehen und befürchtet hatte. Der ehrenhafte Herr Kriegsminister war ihr von vornherein in kurz angebundener Barschheit begegnet, hatte auf ihre mitgebrachte Bittschrift kaum einen flüchtigen Blick geworfen und die Bittstellerin trotz ihrem Charakter als Dame so unwirsch entlassen, daß ihr nicht die geringste Hoffnung blieb.

»Ich vermute übrigens,« bemerkte dazu spöttisch die Base, »daß er sich etwas weniger rauh betragen hätte, ohne die Gegenwart des Marschalls von Noailles, der mit meiner gnädigen Frau ebenfalls nicht zum besten steht und ihr immer ein Gesicht macht, wie wenn er Essig getrunken hätte. Diesem ›andern Saint-Simon‹, wie der hochmütige und sarkastische Marschall von vielen genannt wird, wollte der Herr Kriegsminister wohl recht deutlich zeigen, wie wenig ihm an der Frau Marquise gelegen ist, er wird es aber schon noch büßen, er ist allzu plump.«

»Nun aber,« erzählte die Dame Duhausset weiter, »nun kommt das Drollige. Denn im Vorzimmer, als ich schon die Türklinke zum Ausgang ergriffen hatte, fühlte ich mich plötzlich an der Schulter berührt, und wie ich mich verwundert umdrehte, sah ich in das Essiggesicht des alten Marschalls, den sie, wie ich schon sagte, wegen seines Hochmuts und seiner sauertöpfisch-mürrischen Art den ›anderen Saint-Simon‹ nennen, was aber eine große Ueberschätzung ausdrückt, da dieser Noailles jenem weder an Verstand noch Verdienst auch nur das Wasser reichen kann. Dieser greise Herzog verbeugte sich vor mir wie vor der Königin, indem er mir zulispelte, es sei wirklich eine königliche Leutnantur frei, und er, der Herzog, habe sie dem Chevalier de Longuerue, dem Sohn eines seiner besten höheren Offiziere zugedacht; aber darüber ließe sich reden, und er wolle mir gern das Patent für meinen Vetter zur Verfügung stellen, wenn ich dafür die Frau Marquise bewegen könne, daß sie ihn, den Herzog und Marschall von Frankreich, zum Polizeisergeanten befördere. Das brachte er mit verlegenem Lächeln und fast stotternd hervor, und da er mich verständnislos und sprachlos staunen sah, weil ich nicht anders glaubte, als daß mich der strenge alte Mann zu allem noch verhöhnen wolle, gab er mir dazu, noch immer mit verlegenem Lächeln, die nähere Erklärung: ›Ihr wißt doch,‹ sagte er, ›daß die Aufführung des »Tartüff« im Kabinett des Königs für nächstens geplant ist. Darin kommt ein Polizeisergeant vor, der nur fünf Verse zu sprechen hat, und wenn Ihr es bewirken könnt durch Euren Einfluß bei der Marquise, daß ich diese Stelle oder vielmehr diese Rolle erhalte, so kann sich Euer Vetter schon heute als Königsleutnant betrachten, ich stehe dafür mit meinem Ehrenwort ...‹«

»Ja,« versicherte lachend die Erzählerin, »das alles sagte wirklich und wahrhaftig ein Herzog und Marschall von Frankreich, indem er dabei seine essigsaure Miene so süß als möglich zu machen suchte. Ich bin dann schnurstracks zur Marquise geeilt, und Ihr könnt Euch denken, daß wir was zusammen gelacht haben. Und Ihr lacht nicht, Herr Vetter und Königsleutnant, die Sache ist nämlich abgemacht, Euer Patent wird Euch noch vor Abend eingehändigt werden.«

Nein, man ist nicht aufgelegt zum Lachen, während das Schicksal, in Zorn oder Liebe, uns ins Auge blickt und, uns zerschmetternd oder uns hebend, seine Hand auf unser Haupt legt; näher standen dem weiß-rot gewandeten Offizier die Tränen, und mit gefühltem Dank küßte er die schmale abgemagerte Hand der lustigen Base.

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