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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 28
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
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Der nackte Kaiser und der heilige Jovinian

Es geht aus alten Zeiten eine Mär, die sehr seltsame und fast unglaubliche Dinge raunt über den ehemals mächtigen Kaiser Jovinianus aus den griechischen Morgenlanden, der, nachdem er viele Jahre in gottlosem Hochmut als Herrscher gewaltet, seines Reiches und seiner Macht verlustig ging und ein frommer und demütiger Mensch und Heiliger Gottes geworden ist.

Sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater hatten in ruhmreichen Kriegen ringsum all ihre Feinde niedergeworfen, hatten das Reich um das Dreifache vergrößert und aus ihren Beutezügen und Eroberungen unermeßliche Schätze um sich aufgehäuft, also daß Kaiser Jovinianus, nachdem er noch jung an Jahren die Erbschaft all dieser Herrlichkeiten angetreten, sich mit einem Schlag zum reichsten und gewaltigsten Herrn der Erde erhoben sah, dem selbst die fernsten Könige durch glänzende Gesandtschaften ihre Huldigung darbrachten in fast scheuer Ehrfurcht, gerade als wenn sie seine Untertanen gewesen wären.

So gab es für ihn keine Kriege zu führen, und ein anderer wäre an seiner Stelle vielleicht ein weicher Wollüstling oder ein wüster Schlemmer geworden, doch Jovinianus war nicht von solcher Art. Seine Natur drängte ihn zur Tätigkeit.

Da schienen ihm denn zunächst die kaiserlichen Gewänder, wie sie bisher üblich waren, allzu einfach und ärmlich für seinen Rang und Reichtum, und er ließ daher und gleich in großer Anzahl, viel prunkvollere anfertigen, zu denen er selber eigenhändig die Zeichnungen entwarf. Auch über die Ausführung wachte er, und wehe dem Gewandkünstler, wenn da eine Goldborte um ein Haar zu hoch oder zu nieder saß oder um ein Haar zu dünn oder zu schmal war, oder wenn die farbigen Steine, die blutroten Rubine und die grünen Smaragde, die blauen Saphire und die gelben Topase und violenfarbigen Amethyste in Größe und Zusammenstellung von seinen Zeichnungen nur um ein halbes Haar abwichen. Da geriet er dann leicht in Wut und griff zum Stock oder zu seiner Hundspeitsche und manchen auch ließ er lebenslänglich ins Gefängnis werfen.

Solche Mühe und Arbeit gab er sich aber nicht nur für seine höchsteigenen kaiserlichen Gewänder, auch für die seiner Feldherrn, obwohl sie nichts zu tun hatten, und seiner Generäle und Obersten gab er, den kleinsten Knopf nicht vergessend, peinlich genaue Vorschriften, und ebenso für den tausendköpfigen Troß von höheren und niederen Hofbeamten, von Leibdienern, Türstehern, Läufern, Trabanten und sonstigem Gesinde bis zum letzten Küchenjungen hinunter.

Auch gewisse alte Ruinen und Mauertrümmer gaben ihm Gelegenheit zu einer hochwichtigen Beschäftigung. Von diesen Ruinen ging die Sage, daß sie einst in den alten Zeiten die Paläste berühmter Könige gewesen waren, so des Cyrus, des Xerxes, des Artaphernes und anderer. Er bemühte sich nun, sich vorzustellen, wie diese sagenhaften Paläste ehemals ausgesehen hatten, und verfertigte alsofort Grund- und Aufriß derselben, um sie wieder funkelnagelneu herstellen zu lassen. Das kostete ihn ein Heidengeld, aber dafür entstanden nun auch dutzendweise so unerhörte, so märchenhafte, so phantastische Bauten, daß die Leute davor Maul und Augen aufsperrten.

Darum war er überzeugt, seine Vorfahren auch an Tugend und Verdienst weit zu übertreffen, wie er sie übertraf an Macht und Reichtum. Jene hatten das Reich um das Dreifache vergrößert, er selber vergrößerte um das Sechsfache den kaiserlichen Palast, und die alten Teile desselben ließ er von unten bis oben neu vergolden.

Er baute auch, seine Vorfahren hatten daran nicht gedacht, in der Nähe des kaiserlichen Palastes, den sogenannten Gral. Da waren die Wände von dunkelblauem Achat, die Säulen von grünem Porphyr und die Kapitäle derselben von strahlendem Gold. Dahinein paßten natürlich keine armen Leute und überhaupt kein gemeines und geringes Volk, sondern nur solche, die angetan waren mit goldbebordeten Kleidern nach der Erfindung des Kaisers. Von diesen hatte jeder darin einen numerierten Platz und jeden siebenten Tag fanden sie sich darin zusammen, und wenn dann der Kaiser erschien mit seinem prunkhaften Gefolge, da warfen sie sich nieder mit den Stirnen am Boden und beteten ihn an. Dabei sagten sie, daß sie Gott anbeteten. Kaiser Jovinianus aber blickte feierlich über sie hin und legte sein Gesicht in strenge Falten, aber in seinem Innern lächelte er wohlgefällig, denn er wußte, daß er es war, den sie anbeteten.

Auch sprach er oft seinen Namen so vor sich hin: Jovi-nianus, Jovi-nianus. Wahrlich, sagte er bei sich, das ist schon die halbe Deklination Gottes: Jovis, Jovi, Jove; der Kaiser war auch ein großer Grammatiker.

Aber nicht nur im Dom oder Gral, auch im Palast und in der Arena und wenn er sich auf dem Markte sehen ließ, kurz allüberall, wo er auch sein mochte, näherte sich ihm Hoch und Niedrig in anbetender Haltung.

Solches entsprach durchaus dem heimlichen Wunsch seines Herzens und er hatte wahrlich ein großes Wohlgefallen daran. Doch oft machte es ihm auch Langeweile, da es eben immer dasselbe war und gar keine Abwechslung bot. Langeweile und böse Laune sind aber schon fast gleichbedeutend.

Dann war es nicht gut sein in der Nähe des Kaisers. Sogar seinem Lieblingshund Philo, einem großen schwarz- und weißgefleckten Dalmatiner ging es dann schlecht, er bekam nicht nur böse giftige Blicke, sondern auch rohe Fußtritte mehr als genug. Doch wie das schöne Tier auch mißhandelt wurde, es wich doch nicht von der Seite seines Herrn, sondern wartete geduldig besseres Wetter ab. Auch die Menschen, Türsteher, Trabanten und Leibdiener wie auch die andern, die im Heer dienten und im Staat, bemühten sich zitternd, den Hund nachzuahmen. Das gelang ihnen aber keineswegs immer.

Seinen Mundschenken Philaledes ließ der Kaiser eines Tages ans Kreuz heften, weil er in wahnsinniger Angst seines Herrn kristallenen Mundbecher, wozu der Kaiser selber die Zeichnung gemacht hatte, der zitternden Hand entgleiten ließ, daß er auf die Fliesen niederstürzte und zersplitterte. Und seinen Koch Prosper ließ er bis aufs Blut mit Skorpionen geißeln, weil eine Fasanenpastete nicht mit gezackten Teigstreifchen genau so in Figuren ornamentiert war, wie es der Kaiser angegeben hatte.

Selbst die angesehensten und verdienstvollsten Männer in hohen Stellungen entgingen nicht immer ihrem Verderben. Nicht einmal der Graf Theophrastus. Der hatte schon dem Vater und Großvater des Jovinianus in Treue gedient als Erster im Rat, und seiner hohen Weisheit und Welterfahrenheit verdankten sie fast einzig ihre erstaunlichen Erfolge in ihren kriegerischen und sonstigen Unternehmungen.

Der Kaiser Jovinianus wußte das sehr wohl und hielt darum, wie es dem Anschein hatte, große Stücke auf den Grafen. Er zeichnete ihn aus vor allen anderen und überhäufte ihn mit Liebkosungen jeder Art. Aber eines Tages, als wieder der böse Geist über ihm war und Theophrastus sich ihm ehrerbietig nahete und es gar wagte, wenn auch in den ehrfürchtigsten Worten, ihm einen leisen Vorhalt zu machen, wegen mannigfaltiger Rücksichtslosigkeiten, unter denen so viele treue Diener leiden mußten, da ergrimmte das Herz des Kaisers derartig, daß er sich in seiner blinden Wut zu einer grauenhaften Handlung hinreißen ließ. Er war wie außer sich. Mit blutunterlaufenen und weit hervorgequollenen Augen stierte er den Grafen einen Augenblick an, wie ein Wahnsinniger. Dann packte er die ehrwürdige hohe Gestalt des treuen Ratgebers an der Kehle und schüttelte ihn, den Mann mit den ehrfurchtgebietenden weißen Haaren, und schüttelte ihn immer wieder, und erst als der Greis schon fahl und blau wurde im Gesicht, ließ er ihn los. Mit einer barschen befehlerischen Handbewegung wies er ihm die Türe.

Dann tippte der Kaiser mit dem Fingerknöchel an die kunstreich ziselierte Messingtrommel, die vor ihm auf dem Tische stand, daß ein unheimlich vibrierender Ton von ihr ausging. In demselben Augenblick stand, wie aus dem Boden gewachsen, eine fürchterlich aussehende Gestalt vor ihm, nackt von oben bis zum Gürtel, mit einem Turban auf dem Kopf, und um die Hüfte hatte er einen mächtigen krummen Säbel geschnallt. Er war ein Sklave des Kaisers und der Oberste seiner geheimen Leibwache, die der Kaiser Jovinianus seine Mamelucken nannte. Die Arme über der nackten Brust gekreuzt, harrte der Mameluck seines Auftrags.

»Freund Pyrrhus,« sprach der Kaiser, »gehe dem Grafen Theophrastus nach, und wo du ihn erreichst, melde ihm diesen meinen Befehl: daß er, noch bevor der Sand abgelaufen ist im Stundenglas, den Palast und die Residenz zu verlassen und sich auf sein Landgut hinter dem großen Wald zurückzuziehen habe, und niemals solle er es wagen, mir je wieder vor das geheiligte Angesicht zu treten.«

Nachdem er diesen Befehl erteilt hatte und Pyrrhus weggeschritten war, wurde der Kaiser wieder ruhigeren Gemüts. Er bereute aber das Geschehene nicht. Er fühlte sich im Gegenteil erleichtert und war ganz und gar mit sich zufrieden.

»So, den hätte ich los,« sagte er vor sich hin. Denn allen Liebkosungen und allen Ehrungen vor der Welt zum Trotz, hatte er längst den Grafen Theophrastus heimlich in seinem Herzen gehaßt, wie man nur einen Todfeind hassen kann. Denn als solchen empfand er den Grafen, der es sich manchmal herausgenommen hatte, anderer Meinung zu sein als der Kaiser.

Nichts aber konnte dieser weniger ertragen. Ja, er konnte sich nicht einmal denken, wie das möglich sei. Seine ganze Umgebung betete ihn an wie einen Gott, auch glich er wirklich in seiner ellenhohen Tiara und in seinen von Edelgestein und Gold starrenden Gewändern, wie er sie sich selber ausgedacht hatte, einem Götzenbild auf ein Haar. Und wenn er sich vielleicht auch Gott nicht ganz gleichstellte in seinem Herzen, so war er doch überzeugt, ein Beauftragter Gottes zu sein, des Allerhöchsten, kurz ein solcher, dessen Gedanken und Urteile und Meinungen in allen Dingen die Menschen ohne Widerspruch, ja ohne Prüfung hinzunehmen hatten, als seien es die Ratschlüsse Gottes selber.

Den Grafen Theophrastus hatte er los, aber nicht die Langeweile. Während er an dem neuen Herrscherstab und der neuen Tiara oder der Krone arbeiten ließ, wofür er über hundert Zeichnungen selber verfertigte und zwar für jede kleinste Einzelheit daran, und dann die Ausführung stündlich überwachte, verbrachte er die Zeit noch ziemlich unterhaltlich. Als aber diese Arbeit glücklich zu Ende gebracht war, blieb ihm nichts übrig, als an den kaiserlichen Gewändern wie auch an denen seiner Feldherren, die nichts zu tun hatten, und seiner Generäle und Obersten bis zu seinen Trabanten, Leibdienern und Türstehern hinunter immer wieder kleine Veränderungen und neue Zieraten anbringen zu lassen, wie sein findiger Geist sie sich ausdachte. Dieses Geschäft bereitete ihm manche vergnügliche Stunde, jedoch länger und zahlreicher waren die Stunden der Langeweile und üblen Laune.

Vor diesem fürchterlichen Feind wußte er zuletzt nur eine einzige Rettung, die Jagd. Er ließ sich in Wald und Gebirg ein herrliches Jagdschloß bauen, und während mehrerer Monate des Jahres verlegte er dahin seine ganze Hofhaltung, auch sein Sohn Leo und die Kaiserin selber mußten ihm dahin folgen.

Und wahrlich, hier trat ihn nicht einen Augenblick die Langeweile an; denn nichts vertreibt dieses scheußliche Gespenst sicherer als eine richtige hitzige Leidenschaft. Zu einer solchen aber wurde ihm jetzt die Jagd. Täglich in aller Frühe zog er mit zahlreichem Gefolge hinaus in die gebirgige oder waldige Wildnis, durch felsige Schluchten und die Nacht uralter Bergwälder, und so oft es ihm gelang, einen wilden Eber zu erlegen mit seinem Speer, durchrieselte ihn das wohlige Behagen der süßesten Selbstzufriedenheit. Es begegnete ihm, daß er manchmal ihrer ein Dutzend tot nach Hause brachte, nicht zu reden von den sperrästig gehörnten schnellfüßigen Hirschen, deren er manchmal ein volles Hundert an einem Tag mordete. Dann fühlte er sich als den glücklichsten Menschen unter Gottes Sonne, also daß man wohl sagen darf, er habe für einen so mächtigen Kaiser, der er war, an das Glück keine allzu hohen Anforderungen gestellt. Und um dieser Bescheidenheit willen geschah es vielleicht, daß der allgütige Gott im Himmel sich seiner armen Seele erbarmte – denn vor ihm, dem Allerhöchsten, ist auch ein so mächtiger Kaiser nur eine arme Seele – daß er sich seiner erbarmte und ihn den Weg führte zu seinem ewigen Heil, wie es aus dem Nachfolgenden des näheren zu ersehen ist.

Es ereignete sich nämlich, bei einer jener Hetzjagden an einem heißen Tag im Monat Junius, daß der Kaiser in Verfolgung eines mächtigen schwarzen Hirsches von seinem Gefolge weit abirrte und sich dann plötzlich, der Hirsch war ihm aus den Augen gekommen, als ob ihn der Boden verschlungen hätte, am Ufer eines breiten Stromes sah, vor dessen Wogen sein schaumbedecktes Pferd haltmachte. Im Anblick der kühlen Flut und da es, wie gesagt, ein außerordentlich heißer Tag war, kam dem Kaiser das Verlangen, sich in den klaren Strom zu tauchen zur Erquickung des Leibes und der Seele. Er hielt gerade bei einer jungen Silberpappel mit weißem Stamm, daran band er sein Pferd und stand dann da wie einer, der auf etwas wartet. In der Tat meinte er einen Augenblick, daß nun ein Dutzend fürsorglicher Hände sich in Tätigkeit setzen würden, um ihn seiner kaiserlichen Gewänder zu entledigen. Doch dann mußte er selber lächeln über seinen Wahn; denn wo sollten in dieser fernen Einsamkeit die Diener herkommen, um ihn zu entkleiden. Er würde sich aber trotzdem weniger verwundert haben, wenn die alten knorrigen Weidenstrünke am Flußufer sich plötzlich in dienstbare Geister verwandelt hätten, als er sich darüber verwunderte, daß er wahrhaftig jetzt selber Hand anlegte, was er doch noch gar nicht kannte, und es ihm wirklich gelang, sich ohne fremde Beihilfe von seinen Kleidern zu entblößen.

Mit unbändigem Lustgefühl stürzte er sich in die wohlige Kühle des feuchten Elements, und da er ein guter Schwimmer war, beschloß er bei sich, den Strom zu durchschwimmen. Dabei trieb es ihn eine gute Strecke stromabwärts, aber er erreichte doch glücklich das andere Ufer und warf sich dort, nicht wenig ermattet, langgestreckt ins hohe Gras, gerade unter den Aesten eines wilden Feigenbaums. Und wieder mußte er heimlich in sich hineinlächeln. Vor einer Stunde noch, dachte er, wäre mir ein Kaiser, der wie ein nacktes Tier auf der bloßen Erde liegt, eine unmögliche Vorstellung gewesen und nun bin ich selber dieses Tier.

Wie er also dachte, fühlte er plötzlich etwas Kaltes auf seiner Brust. Er drückte das Kinn gegen den Hals, um mit den Augen danach zu spähen, und siehe, er gewahrte eine dicke warzige Kröte, die sich eben in Bewegung setzte, um gegen seinen Hals und vielleicht zu seinem Mund hinaufzukriechen. Dieses ekle Reptil, sprach er bei sich, hält mich nun gar für seinesgleichen, und ebenfalls ahnt es nicht, daß ich der Kaiser bin, es hätte sonst gewiß nicht die Kühnheit, sich so vertraut mit mir zu machen. Zugleich erregte ein Geräusch über ihm seine Aufmerksamkeit. Er blickte in die Höhe und sah, wie in dem schlangenartig gewundenen Geäst des wilden Feigenbaums ein rotes Eichhörnchen mit langem Fächerschwanz hin und her hüpfte und dabei seltsam glucksende Laute ausstieß, als ob es ihn höhnen wollte. Ja, einmal fiel dem Kaiser etwas Weiches und Warmes auf die Stirne, und als er danach griff, war es ein Kot. Das tanzt mir nun gar auf dem Kopf herum, dachte er, und höhnt mich noch mit seinem Geschwätz und besudelt mich gar in unerhörter Weise. Es ist wahrlich nicht angenehm, unter den Tieren ein Kaiser zu sein, diese Geschöpfe sind durchaus respektlos. Ich glaube, sie würden mich auslachen, wenn ich ihnen sagte, daß ich der Kaiser bin. Da sind die Menschen doch besser erzogen und von feineren Sitten.

Er wäre nun gern der grauen warzigen Kröte ledig geworden, und weil er aus Widerwillen sich scheute, sie mit seinen Fingern anzurühren, richtete er sich mit seinem Oberkörper in die Höhe, um sie von sich abzuschütteln. Zugleich blickte er über den breiten grünlichen Strom nach seinem Pferd unter jener glitzernden Silberpappel und sah das edle Tier, es war eine goldfarbene Fuchsstute aus der Berberei, sah das Pferd nicht allein, sondern einen Mann daneben, der, wie es schien, sich mit den kaiserlichen Kleidern zu schaffen machte.

Und schnell legte er sich zurück und versteckte sich wieder tief ins hohe Gras. Das ist gewiß einer von meinen Leuten, dachte er; wenn der jetzt mein Pferd sieht und meine Kleider und mich hier nicht entdeckt, wird er glauben, ich sei ertrunken, und er wird zurückeilen, um den andern das Unglück zu verkünden. Das ist ja fein, da kann ich bei lebendigem Leibe zusehen, wie mich meine lieben Untertanen als einen toten Mann beweinen und bejammern. Wie ich mich darauf freue, das ist einmal nichts Alltägliches. Ich werde mich ihnen auch nicht so schnell entdecken. Sie sollen immerhin eine geraume Zeit weinen und wehklagen um mich, und ich in meinem Versteck will mir heimlich ins Fäustchen lachen; solch ein Schauspiel für Götter, solch ein wahrhaft kaiserliches Vergnügen zu erleben, hätte ich mir heute früh nicht träumen lassen.

Doch plötzlich sah der Kaiser gar nicht vergnügt aus. Ein verdrießlicher Gedanke fuhr ihm durchs Gehirn.

Oder sollten sie gar – dachte er – wäre es möglich, daß – – daß sie gar nicht weinten und wehklagten über mich, daß sie gar frohlockten über meinen Tod? Aber das ist ja eine abscheuliche Schrulle, die mich da anfällt. Wäre denn sowas wirklich glaubhaft? Nein, nein, es nur zu denken, ist schon ein Majestätsverbrechen. Und gottlob, daß ich nicht wirklich tot bin. Ich will sie schon Mores lehren. Wer nicht in lautes Wehgeschrei ausbricht, den will ich mit Skorpionen züchtigen lassen; wer aber gar ein Zeichen von Freude von sich gibt, soll mir am Galgen baumeln oder am Kreuz verbluten, da wird ihm der Kitzel vergehen. Alle will ich ans Kreuz schlagen lassen, wenn sie sich anders betragen, als wie ich es von ihnen erwarte.

Einstweilen aber wartete er überhaupt vergeblich; auf dem andern Ufer blieb bis jetzt alles still. Einmal streckte er den Kopf etwas in die Höhe, da sah er drüben die Silberpappel einsam blinken in der Sonne, sein Pferd war verschwunden. Nun können sie jeden Augenblick anlangen, dachte er, und von neuem wartete er horchend. Aber nichts regte sich in der öden Einsamkeit, nur einige Unken im Schilf ließen von Zeit zu Zeit ihre unheimlich eintönigen Rufe vernehmen. Das Eichhörnchen über seinem Kopf war verschwunden und auf dem Schlangengeäst des Feigenbaumes, wo es sich lustig vergnügt hatte, hatte sich ein alter Kolkrabe niedergelassen, der den Kaiser mit seitwärts gedrehtem Kopf widerwärtig anglotzte.

Wohl zwei Stunden wartete der Kaiser so. Endlich wurde es ihm zu lang. Es ist vielleicht besser, dachte er, wenn ich meine Leute nicht auf die Probe stelle, und bei diesem Gedanken erhob er sich und schwamm über den Strom zurück. Als er bei der Silberpappel anlangte, war nicht nur sein Pferd, sondern waren auch seine Kleider verschwunden.

Da stand er nun in seiner Nacktheit, sah verlegen an sich hinunter und wußte nicht, was er beginnen solle. In seiner Not besann er sich, daß nicht allzu weit entfernt ein alter Kohlenbrenner seines Meilers wartete, dem er einmal beim Vorüberreiten in guter Frühlaune ein Goldstück zugeworfen hatte. Zu dem Mann will ich gehen, dachte er, und will ihn nach dem Jagdschloß schicken, daß er mir von dort meine kaiserlichen Kleider bringe.

Er fand den Köhler bei seiner Arbeit. Der bis auf die Knochen abgemagerte Greis, geschwärzt am ganzen Körper und einzig mit einer Lendenschürze bekleidet, glich mit seiner Schippe in den Händen fast dem Bild des Todes. Mit dieser Schippe oder Schaufel umging er den rauchenden Meiler, und wo an einzelnen Stellen ein rotes Flämmlein durch die schwarze Kruste züngelte, bedeckte er die schadhaften Stellen mit neuen Erdschollen und Büscheln feuchten Rasens.

Als der Köhler den nackten Mann auf sich zukommen sah, entfiel ihm vor Schrecken fast sein Werkgerät, und er starrte den Nackten an wie ein Gespenst, obwohl er doch selber wie ein solches aussah. »Fürchte dich nicht,« sprach Jovinianus, »ich bin der Kaiser, man hat mir, während ich im Flusse badete, die Kleider gestohlen; darum sollst du auf mein Jagdschloß gehen und mir neue Kleider holen, ich will es dir reichlich lohnen.«

»Du bist nicht der Kaiser,« antwortete der Köhler, »du bist ein armer Narr, oder gar ein schlimmer Betrüger, und der Kaiser, wenn er von deinen Possen wüßte, würde dir's nicht übel eintränken. Er ist vorhin bei mir vorübergeritten, hat mir freundlich zugenickt wie nie zuvor, und siehe, dieses Goldstück hat er aus der Tasche seines Rockes gezogen und mir höchsteigen in die Hand gedrückt.«

Bei diesen Worten nahm er aus dem aufgeschürzten Lendentuch eine rote Münze und hielt sie dem Kaiser Jovinianus entgegen.

»Der Schurke,« schrie dieser, »es ist mein Geld, er hat es mir gestohlen samt meinen Kleidern und meinem Pferd.«

»Nun sehe ich wohl,« sprach der Köhler, »daß du ein Elender bist und ein Verrückter. Und siehe, ich habe Mitleid mit dir. Da, nimm meine Lendenschürze und gürte dich damit, denn wenn du so nackig in bewohnte Gegenden kommst, werden dich die Leute für einen heidnischen Waldteufel halten und werden dich erschlagen. »Ein Waldteufel,« knirschte der Kaiser; »so siehst du aus, mein Freund, und bist außerdem von allen dummen Teufeln der dümmste. Aber warte nur, Halunke, deine Flegelei soll dich teuer zu stehen kommen.«

Gereizt von diesen Worten erhob der Köhler seine Schippe und drohte den Drohenden zu erschlagen. Doch der Kaiser entwischte ihm. Die schmutzige Schürze aber hatte er entgegengenommen und gürtete sich jetzt damit.

Und ratlos, ja der Verzweiflung nahe, ging er durch Gestrüpp und Geklüft seines Weges weiter. O Gott, dachte er, wie werde ich mir aus dieser Lage helfen!

Doch nun kam es über ihn wie eine Erleuchtung. Der Graf Theophrastus fiel ihm ein. Gleich hinter dem Wald liegt sein einsames Gehöft, dachte er; ich werde zu ihm gehen und er wird mir seine Hilfe nicht verweigern; zwar verfuhr ich allzu harsch gegen ihn, aber er ist ein edler und hochgesinnter Mann, er wird mich meine Härte nicht entgelten lassen.

Das Landhaus des Grafen mit seinen Ställen, Scheunen und Gärten war von hohen Mauern umgeben; an der Pforte saß der Torwärter, der mit einem kleinen Kinde spielte. Dieses Kind sah den nackten Mann zuerst und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Der Vater schloß das Kind zärtlich in seine Arme, um es zu beruhigen, und wandte sich dann unwillig gegen den nackten Unbekannten. »Wer bist du?« fragte er. Jovinianus antwortete: »Ich bin der Kaiser, man hat mir meine Kleider gestohlen, während ich im Flusse badete; führe mich vor deinen Herrn, den Grafen Theophrastus, er wird mich erkennen und mir aus der Verlegenheit helfen.«

»Du willst der Kaiser sein?« versetzte der Türhüter, »das ist ja zum Lachen. Erst vor einer halben Stunde ist der Kaiser Jovinianus mit großem Gefolge hier vorbeigeritten. Du aber gedenkst wohl deine Possen mit mir zu treiben. Das soll dir schlecht bekommen. Folge mir vor den Grafen, da wird es sich zeigen, wie der Mann diejenigen bestraft, die den Namen seines Herrn eitel nennen. Zwar hat der Kaiser ihn niederträchtig behandelt und ist wie ein Holofernes und Nebuchodonosor mit ihm verfahren, dennoch nennt ihn der Graf noch immer mit unerschütterlicher Treue seinen Hohen Herrn und duldet nicht das leiseste unehrerbietige Wort gegen ihn. Komm nur, Freund Nudus, du wirst bald sehen, wie der Graf mit Gelichter deinesgleichen umzuspringen weiß; er ist überhaupt kein Freund von Taugenichtsen und Landstreichern.

Die mächtige Gestalt des Grafen Theophrastus wandelte gesenkten Hauptes in einem Laubgang des Gartens nachdenklich auf und ab. Er fühlte sich wunderlichen Gemüts wie schon lange nicht. Die Ursache davon aber war diese:

Jedesmal, wenn es sich ereignete, daß der Kaiser auf seinen Jagdzügen an dem gräflichen Gehöft vorüberkam, was in letzter Zeit fast täglich geschah, mußte der Torwärter dies dem Grafen eiligst melden, der sich dann, da er sich dem Auge des Kaisers nicht zeigen durfte, hinter einen Vorhang seines Fensters stellte, um sich hier, ungesehen von dem Kaiser, tief zu verbeugen vor der geheiligten Majestät. Er tat dies freilich nicht einzig nur der Verbeugungen wegen. Mit erwartungsvollen Blicken und zitternder Erregung beobachtete er den Kaiser, ob dieser vielleicht einmal dem Hause seines treuen Dieners einen freundlichen Blick zuwerfen möchte. Aber immer blickte der Hohe Herr mit einem starren und strengen Gesicht geradeaus, als sei die Wohnung des Grafen für ihn nichts als Luft. Heute aber, vor einer halben Stunde, da war es anders gekommen.

Da hat der Kaiser zum erstenmal freundlich nach dem Fenster hinaufgeblickt, als ob er den Wunsch gehegt, seinen alten treuen Diener dort zu erblicken und zu grüßen. Zitternd an seinem ganzen gewaltigen Körper hat der Kanzler gestanden, von Furcht und Hoffnung gleich heftig ergriffen: ob er etwa hervortreten und sich dem Kaiser zeigen solle. Er hat es nicht gewagt. Nur viel tiefer und ehrfurchtsvoller machte er seine Verbeugung unsichtbar hinter dem Vorhang.

In seinem Tiefsten aufgeregt von diesem Erlebnis wandelte er jetzt im Laubgang des Gartens auf und ab, sich immer wieder von neuem fragend in ängstlicher Qual der Seele, ob sein Betragen richtig war oder falsch. Da nahete sich ihm der Türhüter mit dem nackten Kaiser. Gestört in seinen Gedanken blickte er sehr ungnädig auf die Eindringlinge. »Verzeihe, Herr,« sprach der Wärter, »dieser Narr und Schurke gibt sich für den Kaiser aus, ich dachte mir, du wirst eine solche Majestätsbeleidigung nicht ungestraft hingehen lassen.«

»Was hast du zu antworten, Mensch?« fragte der Graf den Nackten kurz und barsch.

»Um Gottes willen,« sprach dieser, »sieh mich doch an, mein lieber Graf Theophrastus, du kennst mich doch, ich bin der Kaiser; ich habe im Fluß gebadet und währenddessen hat mir ein Dieb meine Kleider gestohlen, weswegen ich jetzt so nackt und bloß vor dir stehe.«

Der Graf gab ihm gar keine Antwort. Dafür wandte er sich an seinen Diener. »Dieser Mensch ist entweder irrsinnig,« sagte er, »oder er ist ein Verbrecher der schlimmsten Sorte; wie dem aber auch sei, bringe ihn nach der Wachtstube, die Kerle dort sollen ihn auspeitschen und dann vor die Tür setzen, denn so hat es der Kaiser selber verordnet in einem Gesetz: wer den kaiserlichen Namen mißbraucht und eitel im Munde führt, der soll gepeitscht werden.«

Mit diesen Worten wandte sich der Graf hinweg; der Torwächter aber stieß den Kaiser vor sich her und brachte ihn in die Wachtstube, wo zwei lange, ausgediente Soldaten unverweilt über ihn herfielen; sie peitschten ihn mit geknoteten Riemen, um ihn dann, ganz überdeckt mit blauen Wunden und Beulen zum Tor hinauszuwerfen.

Dieser Schurke von Graf, dachte der mißhandelte Kaiser, er hat mich wohl erkannt, ich aber hätte es wissen sollen, wie rachgierigen Gemütes er ist. Er hat es mir nicht verziehen, daß ich ihm eines Tages den Herrn gezeigt habe. Doch wie kurzsichtig ist seine Rache, er soll sie mir bitterlich büßen, hundertfach will ich ihm seine Peitschenhiebe zurückgeben, und er kann Gott auf den Knien danken, wenn ich ihn nicht ans Kreuz schlagen lasse.

Diese Gedanken von Wiedervergeltung trösteten ihn einigermaßen, und da er keinen andern Ausweg mehr sah, entschloß er sich, so sehr es ihm in diesem elenden Aufzuge widerstrebte, den Weg nach dem kaiserlichen Jagdschloß zu nehmen; sein Sohn und seine Frau, die Kaiserin, würden ihn gewiß auf den ersten Blick erkennen.

Als er sich dem Schlosse näherte, gewahrte er seinen Sohn Leo, der auf dem freien Rasen davor ein Pferd tummelte, einen schwarzen Hengst aus Arabia felix, den ihm der Vater erst kürzlich zu seinem Geburtstag geschenkt hatte.

»Oh, mein Sohn Leo,« wandte sich der Kaiser an den kurbettierenden Jüngling, »sieh mich an, mein geliebter Sohn, sieh mich an und erkenne deinen Vater, den Kaiser, den ein leidiges Geschick in diesen Zustand versetzt hat.«

Aber der Sohn erkannte seinen Vater nicht. »Hinweg, du räudiger Hund!« schrie er ihn an und versetzte ihm mit der Reitpeitsche einen Schlag ins Gesicht. Betäubt vor Schmerz und Scham taumelte der Kaiser zurück.

Er wandte sich nun an eine Seitenpforte des Schlosses, wo ein alter ergrauter Diener die Wache hielt, den der Kaiser kannte als einen frommen und sanften Mann.

Und wirklich hörte dieser den nackten und zerschlagenen Menschen ruhig an, so sehr er sich auch über dessen tolle Reden verwunderte. »Siehe, mein Freund,« sagte er zuletzt sanftmütig, »ich würde dir gern glauben, daß du der Kaiser bist, du siehst ihm wirklich ein wenig ähnlich. Aber nun sitzt der Kaiser, wie ich es mit eigenen Augen vorhin gesehen habe, drinnen in der Halle beim Mahl und scherzt in munterster Laune mit der Kaiserin an seiner Seite. Du wirst also zugeben, daß mir deine Behauptungen in die Ohren klingen müssen wie die Worte eines Tollhäuslers.«

»Deine eigenen Behauptungen, guter Alter,« entgegnete der Kaiser, »klingen in meinen Ohren noch viel toller; aber willst du mir vielleicht einen kleinen Dienst erweisen?«

Der Alte versetzte: »Gott zuliebe tu ich dir gern einen Gefallen, wenn er nicht meiner Pflicht gegen den Kaiser zuwiderläuft.«

»Er wird dir, im Gegenteil, den Dank des Kaisers eintragen,« versicherte Jovinianus. »Tue mir also die Liebe und bringe mir zwei Schreibtäfelchen herbei und einen Griffel.«

Solches tat der alte Pförtner und der Kaiser schrieb einige Worte und Sätze auf die Innenseite der Täfelchen und verschnürte diese dann mit den daranhängenden Schnüren. »Nun habe ich noch eine Bitte,« fügte er bei, »nämlich, daß du diesen Brief der Kaiserin hineinbringest, die kleine Mühe soll dir reichlich belohnt werden.«

Als darauf die Kaiserin, drinnen im Saal an der Seite ihres Gemahls, den Brief entfaltet und gelesen hatte, da sahen der Kaiser an ihrer Seite und sahen alle anwesenden Hofleute angstvoll zu ihr hin; denn ihr Gesicht war blaß geworden, und in ihren Augen lag es wie ein Ausdruck des Entsetzens, als wenn sich plötzlich ein Gespenst vor ihr aufgerichtet hätte. Nachdem sie sich aber vom ersten Schrecken erholt und ihrer Rede wieder mächtig geworden war, sprach sie also: »Erschrick nicht, mein Kaiser und Gemahl, aber sehr seltsam und unbegreiflich ist das freilich. Nämlich in dem Brief schreibt mir ein Unbekannter, der an der Pforte steht, einige Dinge, die außer mir niemand wissen kann, als allein noch du, mein Gemahl und Vater meiner Kinder. Jener Mann draußen aber behauptet, das sei er und du seist ein Dieb und frecher Eindringling.«

Als der Mann an ihrer Seite diese Worte vernommen, erhob er sich in all seiner kaiserlichen Pracht und in heller Entrüstung rief er: »Führt mir den Schalk herein in den Saal.«

Und da stand nun Herr Jovinianus inmitten all der goldenen Pracht, inmitten der schlanken Säulen von schwarzem Turmalin und blauem Achat und der gleißenden Wandbehänge von brokatenen und seidenen Stoffen mit eingewirkten Historien und Ornamenten, von Stoffen aus Damaskus und Trapezunt, aus Kalkutta und Bombay und andern indischen Ländern, und stand vor einem Manne, angetan mit allem Schmuck und allen Zeichen kaiserlicher Würde und Hoheit, der ihn aus zornigen Augen streng anblitzte.

Und da ging in seinem Innern eine merkwürdige Veränderung vor sich. Nie in seinem Leben hatte er an sich gezweifelt, auch nicht bei seinen noch so schlimmen Erlebnissen des heutigen Tages, nicht in der Wachtstube des Grafen Theophrastus, als ihn die rohen Soldaten mit Riemen blutig geißelten, und nicht vor seinem Sohn Leo, der ihn einen räudigen Hund nannte und ihn mit der Reitpeitsche ins Gesicht schlug; jetzt aber im Anblick der kaiserlichen Pracht und der kaiserlichen Gewänder wurde ihm das Herz klein und ein ihm ganz fremder Unglaube an sich selber packte ihn an. Und er fühlte deutlich, daß ein elender nackter Mensch in seiner armen Blöße gegen das alles nicht aufzukommen vermöge. Seiner Gemahlin wagte er gar nicht in die Augen zu schauen; die seinigen dagegen schlug er zu Boden in erbärmlicher Beschämtheit. Der Mann an der Seite der Kaiserin aber erhob laut seine Stimme.

»Meine Getreuen,« sprach er, »nun hört aufmerksam zu und merket Euch gut die Worte, die ich an jenen albernen Menschen richten werde. Du aber, elender Wicht und Frechling, sage mir: wer bist du und was führt dich hierher?«

Dem Kaiser Jovinianus lag ein stolzes und herrisches Wort auf der Zunge, aber er brachte es nicht hervor. Fast demütig sagte er: »Ich glaubte der Kaiser zu sein und der Herr dieses Schlosses.«

Und abermals erhob der Mann an der Seite der Kaiserin seine Stimme und sprach: »Euch, meine Getreuen, frage ich zuerst und frage Euch bei dem Eid, den Ihr mir geschworen habt, wer von uns beiden ist Euer Kaiser und Herr, ich, der dies zu Euch spricht, oder jener Tölpel und nackte Wicht?«

»Bei dem heiligen Eid, den wir dir geschworen haben,« antworteten die Höflinge, »erklären wir: du bist unser Kaiser und Herr. Den Elenden dort haben wir nie gesehen. Dich aber haben wir von Jugend auf gekannt, und darum bitten wir dich einstimmig, daß der Frechling gestraft und ein abschreckendes Beispiel gegeben werde für jeden, der sich in Zukunft versucht fühlen sollte zu einer solchen unerhörten Anmaßung.«

Darauf wandte sich der Mann an der Seite der Kaiserin mit liebreichen Worten an diese. »Sage mir, Geliebte meines Herzens,« sprach er, »sage mir bei der Treue, die du mir bis jetzt bewiesen und bewahrt hast, kennst du jenen Menschen dort, der sich deinen Kaiser und Herrn zu nennen erkühnt?«

»Oh, lieber Herr und Gebieter,« antwortete die Kaiserin, »warum fragst du mich solches? Ueber zwanzig Jahre leben wir beieinander und ich bin die Mutter deines Sohnes; wen sollte ich genauer kennen als dich? Aber jenen dort habe ich nie gesehen.«

Auf diese Rede der Kaiserin hin winkte der Mann an ihrer Seite die Trabanten herbei und gab ihnen alsbald diesen Befehl: »Nehmt jenen Menschen dort, bindet ihn an den Schweif eines Pferdes, und so werde er dreimal um unsern Wall geschleift, und wenn ihn noch einmal die Narrheit ankommen sollte, sich vor uns zu zeigen, so soll er, den Kopf zu unterst, ans Kreuz geschlagen werden.«

Und also wurde Kaiser Jovinianus, nackt wie er ging, an den Schweif eines Pferdes gebunden und dreimal über den Wall geschleift, der das Schloß umgab. Fast wie tot blieb er liegen auf der einsamen Böschung.

Er war es aber nicht, es kam sogar ein lieblicher. Traum über ihn, da kniete die Kaiserin neben ihm und wusch ihm die Wunden und salbte sie mit heilendem Oel. Selbst als er wieder zur Besinnung kam und vollständig erwachte, fühlte er immer noch, so schien es ihm, wie eine linde warme Hand seiner Wunden pflegte. Als er aber die Augen aufschlug, war es sein Hund Philo, der weiß und schwarz gefleckte Dalmatiner, der ihm die Wunden leckte und nun, da sein Herr ihn anblickte, helle Freudenlaute ausstieß, wie er eben als Hund es nur vermochte.

Da quollen dem Jovinianus die Tränen aus den Augen vor inniger Rührung. Und zugleich kam es über ihn wie ein Licht vom Himmel und fiel in seine dunkle Seele, daß sie hell wurde. Da erkannte er die Nichtigkeit der Welt und den eitlen flachen Sinn der Menschen, die nur die Außenseite der Dinge sehen und davon allein ihr Urteil und ihr Verhalten abhängen lassen, also daß sie einen Mann nicht nach dem nehmen, was er ist, sondern nach dem, was er um sich herumgehängt hat an Kleidung und Schmuck.

Auf diese eitle Herrlichkeit mochte er nun gern verzichten, freiwillig und freudigen Herzens, und der unter allen der Eitelste war (er erkannte es jetzt), dankte Gott aufrichtig in seiner Seele für das neue Licht der Erkenntnis, wie auch für die harten und schweren Prüfungen, ohne welche er für immer verstrickt geblieben wäre in heillosem Wahn und Irrtum.

Also gestärkt in seiner Erleuchtung und begleitet von seinem Freund Philo, der ihm nicht von der Seite wich, trat er den Weg an nach der einsamsten und felsigsten Gegend des Landes; denn es war sein fester Vorsatz, daselbst, entfernt von allen Menschen, sein Leben als frommer Einsiedler zu beschließen.

In einer hohen Felswand, die er mit großer Mühe erklettert hatte, fand er eine geräumige Höhle, sie wählte er zur Wohnung. Aus dürrem Laub bereitete er für sich und seinen treuen Philo ein gemeinsames Lager, und die wilden Bienen in den Spalten und Klüften des felsigen Gebirges bereiteten ihm mit ihrem Honig die tägliche Nahrung, die er, wie das Lager, mit seinem Hund getreulich teilte. Bald aber wurden auch die Hirten des Gebirges aufmerksam auf ihn, und seitdem fand er jeden Morgen einen hölzernen Napf, mit frischer Ziegenmilch gefüllt, vor dem Eingang seiner Höhle. Auch diese Milch teilte er mit dem Freund, der ihm allein treugeblieben war von den vielen Tausenden, die ihn einst hündisch umwedelt hatten, oder vielmehr nicht hündisch, sondern menschlich, da der Hund Philo sie zuletzt alle beschämt hat.

Und noch eine andere Beschämung sollten jene erfahren. Da geschah es eines Tages, daß Jovinianus vor dem Eingang seiner Höhle auf einem nackten Stein saß um sich in der Sonne zu wärmen. Philo lag ihm zu Füßen, seinen Kopf hatte er in den Schoß des Einsiedlers geschmiegt, der ihn zärtlich streichelte. Plötzlich erblickte Jovinianus einen feierlichen Zug prunkvoll geputzter Menschen, der aus dem Tal herauf sich langsam seiner Höhle näherte. Jovinianus konnte sich nicht denken, was das zu bedeuten habe.

Zehn Schritte vor seiner Höhle machte der Zug halt und Jovinianus erkannte sie jetzt. Es waren seine früheren Feldherren, seine Generäle, seine Räte und seine Höflinge. Aus ihrer Reihe trat nun einer hervor, der älteste und vornehmste der Feldherren, den man den Fürsten Alexander nannte. Er verneigte sich dreimal bis auf den Boden vor Jovinianus und sprach dann also:

»Mein hoher Herr, mein Herr und Kaiser, wir sind gekommen, um dir eine große Freudenbotschaft zu bringen, nachdem wir mit vieler Mühe deine Wohnung erkundet haben. Der falsche Kaiser, der Usurpator, der Dieb deiner kaiserlichen Kleider ist gestorben und auf dem Totenbett hat er sein ganzes trügerisches Ränkespiel eingestanden. Darum sind wir ausgezogen, dich zu suchen, und wollen das Unrecht, das wir, betrogen von dem Betrüger, an dir begangen haben, wieder gutmachen. Durch einen Zufall mußte der Verstorbene dir so ähnlich sein an Gestalt und Miene, an Bart und Haupthaar, daß wir alle uns täuschen ließen.«

Hier hob Jovinianus den Arm zum Zeichen, daß er etwas sagen wolle.

Er sprach: »Du redest nicht weise, Fürst Alexander. Nicht durch Zufall sah mir jener Mann so ähnlich, sondern durch Gottes Fügung; er war auch kein Betrüger, sondern ein Werkzeug Gottes, weil Gott meine Seele loslösen wollte aus dem Bann der Eitelkeit, die Euer Gesetz ist und Euer Leben. Ja, eine Stimme in meinem Innern sagt mir, jener Mann, den du einen Betrüger nennst, war niemand anders als mein heiliger Schutzengel, der meine Gestalt angenommen hat, um mich zu heilen von meiner heillosen Verblendung. Aber, sage mir, Fürst Alexander, was ist das für ein Kram, womit jenes Maultier dort beladen ist?«

»Mein hoher Herr und Gebieter,« versetzte der Fürst, »das sind die kaiserlichen Gewänder, wolle du nun die Gnade haben, sie anzulegen und uns zu folgen, um von neuem unser Kaiser zu sein.«

»Ihr habt des Kaisers Kleider,« sprach Jovinianus, »ihr braucht mich nicht, hängt sie meinem Sohn um, oder einem andern, oder auch einer Puppe aus Stroh, und ihr werdet keinen schlechteren Kaiser haben, als ich es je gewesen bin. Denn wahrlich, ich war weder ein guter noch ein vernünftiger Herrscher. So laßt mich nun in Frieden und zieht eurer Wege.«

Mit diesen Worten erhob sich Jovinianus und zog sich zurück in das Innere seiner Höhle, Philo aber legte sich unter den Eingang und hielt Wache vor seinem Herrn.

So hatte denn Jovinianus das schwerste überwunden und unser allerhöchster Herr und Gott, indem er ihn mit solchen Prüfungen heimgesucht hat, hat demnach seine Mühe nicht an ihm verloren.

Jovinianus lebte bis an sein seliges Ende in großer Demut und Gottseligkeit. Und auch seine Frömmigkeit teilte er, wenn man so sagen kann, mit Philo, seinem treuen Hund. Dieser hing ihm an so ergeben und liebevoll, mehr als ein Sohn seinem Vater, und bewahrte ihm seine Treue sogar über den Tod hinaus. Sieben Jahre nämlich hat der heilige Jovinianus als frommer Einsiedler in seiner Wildnis verlebt; aber an einem schönen Frühlingsmorgen, während gerade in dem blühenden Rosenbusch über der Höhle eine Nachtigall gar süß und lieblich sang, da geschah es, daß er sanft seine müden Augen schloß und seine Seele – während jenes tröstlichen und verheißenden Gesanges – sich aufschwang wie auf Flügeln zu ihrem ewigen Schöpfer und Gott: und siehe, auch jetzt wich Philo nicht von der Seite des Entseelten und ließ den Milchtopf vor der Höhle unberührt drei Tage lang. Und als dann am dritten Tag ein frommer Ziegenhirt in die Höhle eindrang, fand er beide tot, Seite an Seite, der Kopf des Hundes ruhend auf der nackten Brust des Einsiedlers. Dieses Wunder verkündete er allenthalben, nachdem er den Einsiedler und seinen Hund in der Höhle fromm begraben hatte, und so wurde Jovinianus bald von allen Gebirgsbewohnern, Köhlern und Hirten, als ein großer Heiliger verehrt und angerufen. Die Töchter des armen Volkes schmückten jede Woche den Eingang der Höhle mit frischen Blumen und später erbaute man auf der Felsplatte über der Höhle eine Kapelle, die von dem Bischof von Kappadozien eingeweiht wurde und noch heut nach dem Namen des heiligen Jovinianus genannt wird; wie auch jener wilde Rosenbusch noch heute vor dem einsamen Kirchlein das ganze Jahr grünt und blüht, weil aus ihm die himmlische Nachtigall dem scheidenden Heiligen ein so wundersames Requiem gesungen hat.

Hier endet die Legende von Sankt Jovinianus, die, wenn ich nicht irre, jener fromme Erzbischof von Genua zuerst aufgeschrieben hat in seinem goldenen Legendarium oder Legenda Aurea, wo noch viele wundersame Historien zu lesen sind. Aber, so fügt jener fromme Erzbischof hinzu, ihr würdet wohl weit suchen können unter Königen und Kaisern und würdet schwerlich einen finden, der fähig wäre, eine solche Probe zu bestehen; darum sollten alle Großen und Mächtigen dieser Erde, wenn es auch gleich sonst noch einige heilige Kaiser und Könige gegeben hat, sich doch vor allen den heiligen Jovinian zum Patron und Fürsprecher erwählen, weil er die andern weit überstrahlt in der christlichsten aller Tugenden, der Demut, und in der christlichsten

aller Weisheit, welches ist die Wissenschaft von
der Nichtigkeit und Hinfälligkeit jedweder
irdischen Macht und Größe; denn Gott
allein ist die Größe, Gott allein ist
die Macht, Gott allein ist
das Reich, Gott allein
ist die Ewigkeit.
AMEN.

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