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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 24
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
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Das Duell des Prinzen

Von Karl dem Zehnten von Frankreich weiß die Geschichte wenig Rühmliches zu berichten. Sie weiß aber, wie er im Juli 1789, kurz nach der Erstürmung der Bastille – er hieß damals noch der Graf von Artois – als erster den Staub des Vaterlandes von seinen Füßen schüttelte, und durch seine allzu voreilige und heimtückische Flucht den Verlauf der Revolution sehr im gegenteiligen Sinn beeinflußte und bestimmte, als es in seinem Interesse gewesen wäre. Und sie weiß ferner, wie er später, als König, seine Neigung dazu mit Talent verwechselnd, die Rolle des Absolutismus in großem Stil zu spielen unternahm, ohne die Kraft und mannigfachen Fähigkeiten, die diese Rolle (was schon mancher zu seinem Schaden nicht bedacht hat) in höherem Grad verlangt als irgendeine andere, so daß er darüber in lamentabler Weise den Hals brach und unbarmherziger ausgepfiffen wurde, als nur je ein talentloser Schauspieler vor und nach ihm.

Als ihm aber dieses Los, nämlich des öffentlichen Ausgepfiffenwerdens, schon sehr viel früher einmal passierte, diesmal zusammen mit der schönsten Königin, während ihm, dem zwanzigjährigen Grafen von Artois, noch niemand eine Königskrone prophezeit hätte, da bemerkte ein Memoiren schreibender Höfling in seinem Tagebuch: »Der Graf von Artois fühlte sich schmerzlich betroffen von der ihm zugefügten Unbill, denn er schätzt den Wert der öffentlichen Meinung sehr hoch, und sie wird ihm auch gewiß Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn sie ihn nur erst näher kennen wird.« Oh, diese Höflinge! Die Zukunft hat leider gezeigt, daß die »besser zu unterrichtende öffentliche Meinung« wie so häufig eine feinere Nase hatte als der geistreiche Hofmann und Memoirenschreiber, dem wir übrigens die Kenntnis des merkwürdigen Vorfalles verdanken, der hier erzählt werden soll.

Im lustigen Fasching nahm, wie billig, die Sache ihren Anfang, nämlich auf dem großen Maskenball im Pariser Opernhaus, den seit längerer Zeit schon, und besonders unter dem Einfluß der vergnügungslustigen Königin Marie Antoinette, der Versailler Hof ziemlich vollzählig zu besuchen pflegte.

Ein schwarzbärtiger Araberfürst im faltenreichen weißen Burnus, und mit einer kostbaren Diamantagraffe am bunten Turban, hatte sich an eine zierliche Andalusierin gehängt, ganz in schwarze Spitzen gehüllt, von der Kopfmantille bis zu den durchbrochenen Seidenstrümpfen alles schwarz, mit Ausnahme des hohen weißen Tellerkragens und der roten Rose im dunklen Haargelock, beide exotische Gestalten mit gutverhüllenden Gesichtsmasken versehen. Ihrem ganzen Gehaben nach schienen sie sich aber zu kennen, und ihre intimen Zuflüsterungen und sonstigen Vertraulichkeiten waren offenbar mehr als Komödie und improvisierte Spiel des Augenblicks. Damit fielen sie indes weiter nicht auf in dem unübersehbaren bunten Durcheinander von Gestalten und Kostümen aller Zeiten und Erdteile.

Nur ein rotröckiges, weißbehäuptetes Pariser Milchmädchen hatte sich, scharf lauschend und beobachtend, an ihre Seite gedrängt, und bald begnügte sich das naseweise Ding nicht mehr mit seiner stummen Spionenrolle, sondern wurde frech und aufdringlich, wie nur ein Milchmädchen sein kann.

Und fing an, das vornehme Paar mit höchst verfänglichen Redensarten zu belästigen. »Du glaubst, ich kenne dich nicht,« zischte sie der Andalusierin unter die Nase. »Was du dir einbildest. Man braucht nur auf deine Füße und deinen Gang zu sehen. Ich gratuliere dir zu deiner neuesten Eroberung. Sie ist mir ein Beweis, wie weit man es mit schamloser Frechheit bringen kann. Gelt, du zuckst zusammen, du fühlst, daß ich dich erkannt habe. Oder glaubst du's noch nicht? Muß ich dir deinen Namen ins Gesicht speien? Cancale! Ah, da krümmt sich die Natter, sie fühlte sich getreten ...«

Die Andalusierin war tatsächlich die Frau von Cancale. Und wer war das?

Eine Frau war's, die nicht im besten Gerede stand (doch auch keinen schlimmeren als viele andere) und die sich außerdem des zweifelhaften Vorzugs erfreute, daß eine ganz große Dame, die Herzogin von Bourbon, sie mit ihrem Haß und ihrer Feindschaft beehrte, einmal, weil sie vor ein paar Jahren mit dem Herzog von Bourbon in Beziehungen gestanden, die der Herzogin höchlichst mißfallen hatten, und dann, weil sie seit einiger Zeit mit dem jüngsten Bruder des Königs, dem zwanzigjährigen Grafen von Artois, in einer Art zusammengenannt wurde, die der Herzogin von Bourbon noch viel weniger gefiel, weil sie es vorgezogen hätte, lieber selber in dieser Weise mit dem jungen Prinzen in Verbindung gebracht zu werden, wozu wirklich einmal einige Aussicht gewesen war. Wenn aber ein alter Haß und eine junge Eifersucht sich in dem Herzen eines Weibes zusammenfinden, dem das allgemeine Urteil eine gute Portion von Bosheit zutraute, dann konnte leicht so etwas daraus erwachsen, wie der giftige Auftritt zwischen der zierlichen Andalusierin mit ihren schwarzen Spitzen und dem rotröckigen Pariser Milchmädchen, das nämlich niemand anders war als die Herzogin von Bourbon selber.

Diese erreichte mit ihren frechen Angriffen, die unter der allgemeinen Maskenfreiheit noch gerade hingehen konnten, vollkommen ihre Absicht. Denn die Andalusierin, bei der Nennung ihres wahren Namens erschreckt, machte sich unmerklich los von dem Arm ihres Wüstenfürsten und verschwand im Gedränge. Das Milchmädchen aber heftete sich nun an den Kavalier, und ehe sich's dieser versah, hatte sie besten Maske am Bart erfaßt und sein Gesicht einen Augenblick entblößt. Es war der Graf von Artois. »Habe ich mir's doch gedacht,« lachte sie höhnisch. »Nun wahrlich, Eurer Hoheit Geschmack verdient alle Bewunderung. Eine durchtriebenere Buhldirne ist am ganzen Hof ...«

Sie konnte ihre Hohnrede nicht vollenden, der Graf von Artois hatte nach ihrer Maske gegriffen und sie ihr vom Gesicht gerissen. Unglücklicherweise verfing sich dabei die Schnur, womit sie befestigt war, in dem Häkchen eines ihrer Ohrgehänge, wodurch das Ohrläppchen blutig verletzt wurde. Der Prinz aber, ohne Ahnung bis dahin, mit wem er es zu tun habe, stieß ein erstauntes »Ah« hervor, »ah, meine charmante Base!« und darauf entfernte er sich schleunigst. Er war offenbar empört über das Betragen der Herzogin und hielt es darum für unnötig, sich zu entschuldigen.

Der ungewöhnliche Auftritt wurde indessen in dem allgemeinen Trubel kaum bemerkt. Der entlarvten, wörtlich entlarvten Herzogin von Bourbon mit dem blutenden Ohrläppchen aber war der Spaß gründlich verdorben. Die Handlungsweise des Grafen von Artois schien ihr empörend und unverzeihlich in jedem Sinn, auch wenn es ohne die unerhörte Brutalität dabei zugegangen wäre. Die Tatsache an sich, daß der Prinz ihre Persönlichkeit festgestellt hatte, in einem Augenblick, da ihre Aufführung aller edleren Weiblichkeit hohnsprach, würde allein schon genügt haben, daß sie ihn von diesem Augenblick an ebenso heiß und unversöhnlich haßte, wie sie ihn zuvor heimlich geliebt hatte. Sie verschwand, die abgerissene Maske sich vor das Gesicht haltend, unauffällig in die augenblicklich leere Garderobe, von wo sie sich, mit Hilfe ihrer Frauen bis zu den Augen sorgfältig in Mäntel und Schleier gehüllt, durch einen Lakaien nach ihrem Wagen bringen ließ.

Und voll Scham und Wut im Herzen fuhr sie nach ihrer Wohnung im bourbonischen Palast am jenseitigen Seineufer (dem heutigen Abgeordnetenhause), wo auch ihr älterer Bruder, der Herzog von Chartres, wohnte. Bei ihm ließ sie sich, trotz der späten Nachtstunde, anmelden und wurde auch von ihm empfangen, obwohl er, der es mit der Gicht zu tun hatte, bereits zu Bette lag. Es verdroß ihn auch nicht, daß er durch den unzeitigen Besuch in einer behaglichen Lektüre, wie er sie liebte, unterbrochen wurde, denn er sah seine hübsche Schwester allezeit gern, und gerade jetzt, wie sie, immer noch im Kostüm eines Pariser Milchmädchens, hereingestürmt kam, in dem kurzen Rotröckchen und weißen Häubchen, erweckte sie sein ganz besonderes Wohlgefallen. Sein phlegmatisches Temperament liebte es, sich an der stets leidenschaftlich aufgeregten Kleinen, wie er sie nannte, ironisch zu ergötzen.

Noch außer sich vor Empörung und Aufregung erzählte sie ihm das Vorgefallene, die Dinge natürlich dergestalt in eine Beleuchtung rückend, die ihr selber zugute kam. Aber der fettliche Herzog von Bruder zeigte sich weit entfernt, die Angelegenheit irgendwie tragisch zu nehmen. Er mußte sogar herzlich dazu lachen. Auf einem Maskenball im Opernhaus, meinte er, sei man eben nicht zu Versailles, und derartige Veranstaltungen würden ja überhaupt nur besucht, weil sie einer gewissen Zügellosigkeit Raum gäben. Ja, wenn es sich um einen andern, einen gewöhnlichen Sterblichen, gehandelt hätte. Einem königlichen Prinzen aber, und gar einem so jugendlichen, dürfe man wohl etwas hingehen lassen, ohne sich selber zu nahe zu treten.

Diese Auffassung der Sache von seiten ihres Bruders steigerte noch die Gereiztheit der Herzogin. Ihren Unmut dem Herrn Gemahl gegenüber auszulassen, blieb ihr augenblicklich ebenfalls versagt, er war für vierzehn Tage einer Einladung seines Vaters, des Fürsten von Condé, zu den Jagden bei Chantilly gefolgt, und eigentlich war ihr das nicht einmal unlieb. Er hätte ihr vielleicht ebenfalls ins Gesicht gelacht, und von ihm hätte sie es nicht stillschweigend hingenommen wie von dem dicken Bruder, dem sie's aber auch nicht verzeihen konnte. Sie fand überhaupt die Männer greulich. Nein, es gab keine Ritterlichkeit mehr bei ihnen. Ein Rohling mißhandelt eine Frau, führt sich schlimmer auf gegen sie wie der gröbste Bauernlümmel, und diejenigen, die ihre Nächsten, die durch Bande des Blutes und des Gesetzes zu ihrem Schutz berufen sind, zucken die Achseln. Weil der Rohling ein königlicher Prinz ist. So weit ist es schon gekommen. Armes Frankreich.

Solche und ähnliche Reden führte die Herzogin nicht nur in ihrem Innern mit sich selber, sie wäre ja dabei an ihrem eigenen Zorn erstickt; zwar über den stillen Aschermittwoch mußte sie schon, verbohrt in ihren Gram und also recht eigentlich in Sack und Asche, hinwegkommen, aber am Donnerstag war großer Empfangsabend bei ihr, und der verschaffte ihr eine ganze Fülle von Genugtuung. Sie hatte sich mit einem »Schönheitspflästerchen« versehen, womit sie Aufsehen erregen mußte. Ihr linkes Ohrläppchen nämlich war mit schwarzem Taft verklebt, was notwendig zur Folge hatte, daß sie allseits mit verwunderten Fragen überschüttet wurde. Und mit schmerzlichem Lächeln erzählte sie ihr Abenteuer, und natürlich einzig zu ihren Gunsten. Sie trug dabei, immer schmerzlich lächelnd, dick auf. Das Ohrläppchen war ihr zur Hälfte abgerissen. Wer hätte sich da nicht entrüsten sollen?

Die Herzogin war sonst, wie schon angedeutet, wenig beliebt, es liefen harte Urteile über sie um. Jetzt aber, als Repräsentantin der beleidigten Majestät des Weibes, hatte sie plötzlich alle Frauen für sich und wurde mit einem Schlag zur Heiligen, zur Märtyrerin jener unverletzlichen Religion, deren Gottheit die Frau ist. Denn wenn die Frauen auch in allen persönlichen Angelegenheiten viel feindseliger zueinander stehen als die Männer, so haben sie doch mehr Korpsgeist als diese, und ein Angriff auf ein allgemein weibliches Interesse, Vorrecht oder Vorurteil verbindet sie sofort untereinander wie die Kletten. Noch ein besonderer Umstand kam dazu. Die königliche Familie war augenblicklich wenig beliebt, am wenigsten aber die Königin und der Graf von Artois, von denen man sich erzählte, daß sie im Familienrat immer eng zusammenhielten und auf den gutmütigen und schwachen König einen keineswegs wünschbaren Einfluß ausübten.

So kam es, daß sämtliche große Damen der Gesellschaft sofort mit höchster Leidenschaft die Sache der Herzogin von Bourbon zu der ihrigen machten, und wenn der Graf von Artois unsichtbar zugegen gewesen wäre, hätte seine königliche Hoheit sehr seltsame Koseworte zu schlucken bekommen. Daß man ihn einen rohen Kumpan, einen Unverschämten, einen elenden Feigling hieß, war noch lang nicht das stärkste.

Zwei Damen besonders taten sich mit heftigen und giftigen Ausfällen hervor, die Herzogin von Coigny und die Gräfin von Polignac, nicht die intime Freundin der Marie Antoinette gleichen Namens, sondern deren Schwägerin. Es waren dieselben, die zwölf Jahre später, beim Ausbruch der Revolution, sich durch ihre antiroyalistische Haltung in aller Leute Mund gebracht haben. Den unsterblichen Namen Sansculotten verdankt ihnen die Weltgeschichte, die es, scheint mir, nicht einmal weiß. Die beiden fehlten nämlich bei keiner der stürmischen Sitzungen der Nationalversammlung, wo sie von ihrer hocharistokratischen Tribüne aus den Jakobinern (die freilich damals noch nicht so hießen) frenetischen Beifall klatschten, die royalistischen und gemäßigten Redner aber durch unausgesetzte Zurufe und sonstige Geräusche zu unterbrechen und zu verwirren suchten. Und als da eines Tages der leidenschaftliche Royalist Maury, der spätere Kardinal, das Wort hatte und sie auch gegen ihn und heftiger als je ihr störendes Lärmmachen in Szene setzten, verlor der Redner endlich die Geduld, und – » Monsieur le President,« rief er, » faites donc taire ces sans-culottes.« Er meinte: »diese Weiber«; es war, wie wenn wir sagen »diese Unterröcke«. Aber sein Ausdruck kam, allerdings in ganz anderem Sinn, in die Weltgeschichte, die selber, so gescheit sie sich vorkommt, kaum darüber unterrichtet ist – wie denn überhaupt die hohe französische Aristokratie in der Revolution weit mehr sozusagen eigenhändig mitrevolutionierte, als die meisten aus den Büchern der Geschichte herauslesen.

Und diese beiden genannten Damen also befanden sich auch schon auf dem besagten Empfangsabend der Herzogin von Bourbon. Sämtliche Anwesende vertraten selbstverständlich die Meinung, daß in der Sache Blut fließen müsse. Es war das auch die natürliche Ansicht der Männer, aber mit ungezügelter Leidenschaftlichkeit warfen sich besonders die Frauen auf diesen Punkt. Sie pflegten ja sonst gern in Ohnmacht zu fallen, wenn nur das Wort genannt wurde; aber jetzt zeigte es sich, daß sie in der Tiefe ihres Herzens Mord und Totschlag als das höchste Männliche empfanden. Ein Zweikampf war also notwendig, da gab es nur eine Stimme. Aber konnte ein königlicher Prinz dazu gezwungen werden? Stand da nicht ein königliches Vorrecht dagegen?

»Welch ein Unsinn!« ließ sich hier ein hochaufgeschossener Herr in Generalsuniform vernehmen. »Auch ein königlicher Prinz ist vor allem ein Edelmann, und kein französischer Edelmann wird einem andern je die geforderte Genugtuung verweigern, der Fall ist undenkbar.«

Es war der Herr Generalleutnant von Besenval, ein Schweizer von Geburt, und er hatte also gesprochen, nicht nur als Soldat, sondern auch als Freund des Grafen von Artois. Er kam aber in dieser Gesellschaft übel an mit seiner Meinung.

»Und ich sage Ihnen, mein Herr,« brauste die hochtoupierte, aber sonst an Gestalt kurze Herzogin von Coigny gegen den Sprecher auf, »ich sage Ihnen, er wird sie verweigern, er wird sich nicht stellen, er wird sich feig hinter seiner Eigenschaft als Bruder des Königs und seiner Unverletzlichkeit verschanzen. Die ehemalige stolze Ritterlichkeit ist in dieser Familie (sie meinte die königliche) außer Kurs gekommen, seitdem die verdammte Oesterreicherin hineingeheiratet und mit ihrer Kleinleute-Sentimentalität den echten französischen Heroismus vergiftet hat.«

Auch die Gräfin von Polignae, diese auffallend groß und derbknochig von Gestalt, teilte lebhaft jene Anficht. »Selbst wenn der Prinz«, meinte sie, »sich dazu aufraffen sollte mit seinem verblasenen Milchsuppengesicht, es trägt ganz die Farbe der Feigheit, diese verfluchte Oesterreicherin, die in den Knaben nicht wenig vernarrt ist, wird es niemals dazu kommen lassen, ich sag's Ihnen zum voraus, meine Damen, denn was sie will, das will auch der König.«

Solche und ähnliche Gespräche wurden aber nicht nur im bourbonischen Palast und in den Empfangsräumen der Herzogin geführt, schon vom nächsten Tag an befaßte sich ganz Paris mit dieser Angelegenheit. Sie bildete den einzigen Gesprächsstoff in allen Zusammenkünften, und immer und überall schlössen die lebhaften Debatten mit der Frage: Wird er die Herausforderung annehmen, wird er sich als guter französischer Edelmann betragen oder als ein feiger Schubjack?

Wer als Unbeteiligter zuhörte, hätte glauben können, daß es sich um nichts Geringeres handelte als um Ehre oder Schmach der ganzen französischen Nation. Die Franzosen haben ein so schönes Wort: tant de bruit pour une omelette. Und doch dachte jetzt keiner daran. Wenn es aber einem einzigen geistreichen Menschen eingefallen wäre, in all das entzündete Pathos einen kleinen Dämpfer hineinzuwerfen mit einem: tant de bruit pour une laitière, um ein Milchmädchen, er hätte vielleicht damit dem Grafen von Artois und dem ganzen Königshaus einen größeren Dienst erwiesen, als es damals irgend jemand zu ahnen vermochte. Denn was aus dem lächerlichen Milchmädchenhandel alles herauswuchs, hat erst die spätere Zeit ganz begriffen.

Wird er die Herausforderung annehmen? fragte sich ganz Paris, in Wahrheit hatte aber noch gar keine stattgefunden. Der Herzog von Bourbon und sein Vater, der Fürst von Condé, die in der Sache zunächst Betroffenen und Beteiligten, weilten einstweilen ahnungslos zu Chantilly, einzig mit der Jagd auf Wildsauen beschäftigt. Die Herzogin lebte nicht im besten Einverständnis mit ihrem Gemahl, sie setzte ihren kleinen Stolz darein, ihren Mann nicht persönlich mit ihrer Angelegenheit zu behelligen. Er mußte von selber fühlen, was seine Pflicht war. Vielleicht fürchtete sie, der Herzog möchte der Sache etwas allzu tief auf den Grund gehen, wobei dann leicht recht Unangenehmes für sie herauskommen konnte.

Ihre Befürchtungen erwiesen sich als eitel. Dem Herzog lag im Grund sehr wenig an der Ehre seiner Frau, die er durch und durch kannte, aber um so mehr an seiner eigenen. Und daß diese (weit mehr als jene) auf dem Spiel stand, konnte für ihn nicht einen Augenblick im Zweifel bleiben, als er durch einen von Herrn von Antichamp, seinen Oberstallmeister, an ihn abgesandten Kurier die erste flüchtige Benachrichtigung erhielt. Und nicht nur er, auch sein Vater, der Fürst von Condé, fühlte es so, sie sahen beide den Fall ernster als ihr Schwager, der fette Herzog von Chartres, und sie eilten ohne Zögern, und so schnell als es ihr Sechsgespann nur irgend zuließ, nach Paris, wo sie, in ihrem Palast abgestiegen, einen Brief des Königs vorfanden und dann erfuhren, daß auch der Herzog von Chartres ein gleiches Schreiben erhalten hatte, des Inhalts, daß der König die bourbonischen Vettern noch am selben Abend zur Audienz erwartete.

Wie diese dann im einzelnen verlaufen ist, darüber drang natürlich nichts in das große Publikum. Aber soviel wurde doch schnell ruchbar, daß die bourbonischen Fürsten ihren königlichen Vetter sehr, mißvergnügt verlassen hatten. Der König hatte es gewiß gut gemeint, aber die Vettern hätschelten einmal ihren Stolz, sie zählten sich ja ebensogut zur königlichen Familie, und so mag seine plumpe Art, mit der er manchmal, aus seiner gewöhnlichen Gutmütigkeit heraus, plötzlich wie der hochmütigste Despot aufbrausen konnte, alles verdorben haben. Die Nachricht von dieser mißlungenen Versöhnung wurde zu Paris fast mit Jubel aufgenommen; jede Feindseligkeit gegen den Hof, woher sie auch kam, wurde zu dieser Zeit – später kam es noch schlimmer – freudig begrüßt.

Und noch eine Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch ganz Paris.

Am nächsten Vormittag nach der vergeblichen Audienz beim König hatte der Herzog von Bourbon mit großem Gefolge einen Spazierritt nach dem Boulogner Wald unternommen, und vor dem Jagdschloß des Grafen von Artois, genannt La Bagatelle, anhaltend, hatte er bei dem Hausmeister in Gegenwart zahlreicher Zeugenschaft nach dem Prinzen gefragt und darauf für die abwesende Königliche Hoheit seine Karte abgegeben. Die Herausforderung war also erfolgt, und die Fragen »Wird er sie annehmen? Wird er sich drücken?« gingen mit erneuter Leidenschaftlichkeit von Mund zu Mund.

Nie hatte eine Duellangelegenheit in so hohem Grad die öffentliche Meinung aufgeregt. Sogar Wetten für und wider wurden geschlossen, ganz Paris lebte in fieberhafter Spannung.

Aber wie die Herausforderung in Versailles aufgenommen wurde, erfuhr zunächst niemand. Anscheinend beschäftigte sich dort kein Mensch damit; die Umgebung des Prinzen und der ganze Hof beobachtete ein eisiges Schweigen. Was aber im engsten und geheimsten Familienrat während dreier Tage besprochen, beraten und beschlossen wurde, davon drang auch nicht die leiseste Silbe nach außen.

Wirklich vergingen drei volle Tage, ehe etwas geschah, und man kann sich leicht denken, wie in dieser Zeit mit stündlich sich steigender Gehässigkeit über den Grafen von Artois gesprochen wurde, und nicht nur über ihn, über die ganze königliche Familie, besonders über die Königin, die als die einflußreichste Beraterin des so hart beschuldigten Prinzen galt. Der Herzog von Bourbon aber, der, ganz hinter seinem Vater, dem glänzenden Condé, zurücktretend, bisher vom Volk kaum beachtet worden war, wurde jetzt insofern der Held des Tages, daß alles Mitgefühl sich ihm zuwandte, als dem Mann, dem die königliche Familie für eine zugefügte Beleidigung, gegen alle Gesetze der Ritterlichkeit und in völliger Mißachtung der öffentlichen Meinung – was man in Frankreich noch nie verziehen hat – die Genugtuung versagte.

Drei Tage, wie gesagt, vergingen so, und als dann am Vormittag des vierten, unter der strahlenden Sonne des auffallend warmen Vorfrühlings das Entscheidende vor sich ging, blieb die Welt zunächst darüber in vollständiger Ahnungslosigkeit; denn das gedachte Ereignis fiel just mit der Pariser Essenszeit zusammen, alles saß bei Tisch, ganz Paris, und beim Essen vergißt sogar der Franzose die Politik.

Am Montag war's nach dem Faschingsdienstag, und der Herzog von Bourbon hatte schon am Abend zuvor, durch seine geheimen Kundschafter am Hof, die Nachricht erhalten, daß der Graf von Artois, beim abendlichen Spiel der Königin, dem Chevalier von Crussol, als dem Hauptmann seiner Leibgarde, wie aus dem Stegreif und ganz obenhin die Weisung gegeben hatte, ihn am andern Morgen zu Wagen nach dem Boulogner Wald zu begleiten. Die Herausforderung war also angenommen, und zwar im Einverständnis mit der Königin, da ja der obige Befehl in ihrer Gegenwart gegeben wurde. Und natürlich verfehlte der Herzog von Bourbon nicht, rechtzeitig zur Stelle zu sein, zusammen mit dem Fürsten von Condé, dem Herzog von Chartres und mehreren vornehmen Persönlichkeiten seiner Hofhaltung, da ihm an zahlreichen und vollgültigen Zeugen vor allem gelegen sein mußte.

Schon von elf Uhr an harrten die Genannten in der Nähe des Prinzentors unfern des Flusses, denn sie hatten bemerkt, daß hier einige Stallknechte in der Livree des Grafen von Artois zwei Reitpferde in Bereitschaft hielten. Und eine Viertelstunde vor zwölf fuhr wirklich der prinzliche Wagen vor das Tor. Der Graf von Artois und sein Gardehauptmann stiegen aus und standen im Begriff, die bereitgehaltenen Pferde zu besteigen, als der Chevalier von Crussol den Prinzen auf die Harrenden aufmerksam machte. Der Prinz, schon mit dem einen Fuß in dem vom Reitknecht gehaltenen Steigbügel, setzte seinen erhobenen Fuß wieder auf die Erde und erkannte nun ebenfalls in einiger Entfernung den Herzog von Bourbon und sein Gefolge, dem er sofort, wie er ging und stand, ohne Degen, in behaglichem Schlendergang entgegenschritt, wo er sich denn, nach allseitiger höfischer Begrüßung, unverweilt an den Herzog von Bourbon wandte.

»Mein Herr,« redete er den Herzog an mit dem gewinnendsten Lächeln von der Welt, »der Hof und die Stadt behaupten, daß wir uns suchen.« Und der Herzog, indem er höflich den Hut lüftete: »Ich befinde mich hier, mein Herr, um Ihre Befehle zu erwarten.« Der Prinz verbeugte sich wie zum Dank. »Um die Eurigen auszuführen,« antwortete er, »muß ich Euch um die Erlaubnis bitten, einen Augenblick zu meinem Wagen zurückkehren zu dürfen.« Der Herzog verbeugte sich seinerseits, und der Graf von Artois ging, ohne Zögern wie auch ohne Hast, nach dem Wagen; daraus nahm er seinen Degen hervor, und diesen wie ein Spazierstöcklein unter dem linken Arm tragend, und stets das freundschaftlichste Lächeln in dem ein wenig allzu knabenhaften Gesicht, näherte er sich von neuem den andern, die unterdessen mit nur wenigen Worten ihrer Befriedigung Ausdruck gegeben hatten. Ganz schweigend hatte sich der Herzog von Bourbon verhalten, und nur die Art, wie er sein schmal ausrasiertes winziges Schnurrbärtchen zwirbelte, sprach von seiner vollkommenen inneren Genugtuung.

»Wenn es Euch gefällig ist ...« wandte sich der Prinz von neuem an ihn und zeigte dabei mit der freien Rechten – immer den Degen unter dem linken Arm – nach einer Lichtung im Gebüsch.

Dahin machten sie sich nun auf den Weg, dem Prinzen folgte der Chevalier von Crussol, dem Herzog von Bourbon sein Gardehauptmann, der Herr von Vibraye. Sie zogen blank, alle vier, die Duellanten stellten sich in Position, ihre Degenspitzen berührten sich. Aber der Herzog senkte plötzlich die seinige.

»Verzeihung, mein Herr,« sprach er, »die Sonne scheint Euch in die Augen, das geht so nicht.«

»Wahrhaftig,« erwiderte der Graf von Artois, »die Akazien sind noch unbelaubt, nur drüben die Stadtmauer gewährt Schatten. Es ist ja ein ziemlicher Weg dahin, aber Ihr wißt, mein Herr, daß mir keine Mühe zu viel ist, wenn ich Euch damit einen Gefallen erweise.«

Der Herzog dankte mit stummer Verbeugung. Sie nahmen ihre bloßen Degen unter den Arm, und nebeneinander herschreitend näherten sie sich langsam der dunkel aufragenden, hier dicht mit Efeu bewachsenen Mauer. Auf dem Weg sprach der Prinz im behaglichsten Plauderton das und jenes, wie wenn gar nichts wäre, so daß der Herzog nicht umhin konnte, seinen Gegner heimlich zu bewundern; er selber schwieg, nur spielend sein Schnurrbärtchen zwirbelnd, was bei ihm ein Zeichen innerer Befriedigung war.

Bei der schwarzgrünen Mauer angelangt, machte Herr von Vibraye darauf aufmerksam, daß die Hoheiten noch immer an ihren Stiefeln die Sporen trugen, die ihnen im Kampf hinderlich sein könnten. Und also knieten sich die beiden Sekundanten nieder, jeder vor seinem Herrn, um die Sporen abzulösen, und das wäre dem kleinen Vibraye um ein Haar teuer zu stehen gekommen; denn sich erhebend, stieß er mit der Schläfe gegen die Spitze des Degens, den der Herzog noch immer unter dem Arme hielt; er blutete, einen Viertelzoll nach vorn und es war um sein Auge geschehen.

Ueber diesen kleinen Unfall verfinsterte sich das Gesicht des Herzogs, und dann bat er den Prinzen um die Erlaubnis, sich seines Rockes entledigen zu dürfen. Der Prinz lächelte liebenswürdig, und langsam und mit einer gleichgültigen Nachlässigkeit zog er sich selber den Rock vom Leibe. Und also standen sie sich mit offener Brust, die Beine gespreizt in Fechterstellung einander gegenüber, Degenspitze an Degenspitze. Man hörte auch bereits ein leises Klirren, der Herzog machte eben den Versuch eines Vorstoßes, aber ein Ruf lähmte ihm den Arm.

»Im Namen des Königs, halt!«

Der Chevalier von Crussol hatte es gerufen. Er hatte dann ein Papier aus der Brusttasche gezogen, und nachdem er sich das Haupt entblößt – alle übrigen taten dasselbe – las er mit lauter Stimme:

»An Seine Königliche Hoheit, den Grafen von Artois, Unsern treugeliebten Bruder, sowie an Seine Fürstliche Hoheit, Unsern viellieben Vetter, den Herzog von Bourbon, ergeht hiemit, unter Androhung Unserer allerhöchsten Ungnade, strengster Befehl, Ihren Kampf beim Anblick dieses unverzüglich einzustellen. Gegeben in Unserem Schloß zu Versailles diesen zweiten das Monats März 1777. Ludwig.«

Nach beendeter Lesung bedeckten sich die Herren wieder, der Prinz sah in sichtlicher Verlegenheit zu Boden, der Herzog bebte vor Entrüstung. Also eine elende Komödie war die ganze Sache, eine feige Abmachung zum voraus. Und der Graf von Artois hatte darum gewußt, hatte die unwürdige Verabredung gebilligt, ohne Gefühl dafür, daß dabei seine Ehre von der kleinlichen Hofkabale feig in den Kot getreten würde. Welche Erbärmlichkeit!

Kurz, der Herzog von Bourbon, eine zuckende Bewegung verriet es, fühlte nicht wenig Lust, seinen Degen zu zerbrechen und die Stücke dem feigen Prinzen vor die Füße zu werfen, dem schwachmütigen Menschen, der sich zu einem solchen Possenspiel hergeben konnte. Denn er war, das sah man, von allem unterrichtet. Aber die höfischen Sitten erziehen zu nichts so sehr als zur Selbstbeherrschung. Selbst mit dem Tod im Herzen darf der Höfling um kein Haar von den Forderungen der Höflichkeit abweichen.

Der Herzog von Bourbon lächelte auch bereits allerverbindlichst. »Mein Herr,« sagte er, »ich bin Ihnen für Ihre Güte unendlich dankbar und werde in Ewigkeit die Ehre nicht vergessen, die Sie mir erwiesen haben.« Weiter aber reichte es bei ihm nicht. Die Gebärde des Prinzen, der ihm mit offenen Armen entgegenkam, um ihm den Versöhnungskuß zu geben, übersah er. Er machte nur noch eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, wandte sich und eilte zu den Seinigen.

Das waren die Vorgänge, wie sie sich zutrugen im Wald von Boulogne, während die Pariser ahnungslos ihre Suppe löffelten. Ihre Ahnungslosigkeit dauerte indes nicht lange, schon in wenigen Stunden war die ganze Stadt bis auf die kleinsten Umstände von dem Verlauf des possenhaften Scheinduells unterrichtet. Die Fürsten von Bourbon hatten nicht geschwiegen. Und nun erreichte die allgemeine Entrüstung ihren Höhepunkt. Die gegen den Grafen von Artois gewettet hatten, triumphierten, die aber für ihn eingestanden waren und zum Verlust ihrer Wetten noch den Spott zu schlucken bekamen, urteilten jetzt kaum weniger hart über ihn als jene. Und nie zuvor, auch nicht in den schlimmsten Tagen der Dubarry, hat die unheimliche Sphinx, die später daß allerchristlichste französische Königtum (und mit ihm gewissermaßen alle andern) verschlingen sollte, dieses mit so bösem Blick gestreift wie an diesem Nachmittag. Nicht nur das böse Auge des grauenhaften Ungeheuers drohte mit unheimlichem Blick, auch seine krallenbewehrte furchtbare Tatze streckte und reckte sich in kaum verhaltener Gier; die Pariser Luft war wie geschwängert von künftigem Unheil, die ersten schauerlichen Geburtswehen kündigten sich an.

Mit der giftigsten Gehässigkeit wurde nämlich nicht der Prinz genannt, sondern die Königin, denn daß sie es war, die alles gedeichselt hatte, galt als ausgemacht.

Eigentlich erfüllte diese schöne Frau, die dann so elend werden sollte, in ihrer Erscheinung wie mannigfaltigen Begabung fast alle Bedingungen, um die Rolle einer französischen Königin mit Glanz zu spielen; aber sie war eine Deutsche, und eben nicht nur von Geburt, und das ging den Franzosen wider den Geschmack.

Und Klugheit auch war freilich nie ihre Stärke. Oder war's, daß ihr für das Franzosentum letztlich das Verständnis abging? Beides mochte zusammenwirken, daß sie an diesem Tage wieder einmal eine große Dummheit beging. In ihrem Wochenprogramm stand für den heutigen Abend die Große Oper, wo auf ihren Befehl – sie ahnte nicht, daß der Gegenstand ihr zum Omen werden sollte – »Der Sturz der Giganten« von Gluck gegeben wurde. Sollte nun die allmächtige Königin sich einen Genuß, auf den sie sich so sehr freute, etwa versagen, weil der oder jener ihrer Umgebung, Gott mochte wissen warum, ein bedenkliches Gesicht dazu schnitt. Eigensinnig war sie ja auch ein wenig. Und also nun erst recht, den Sauertöpfen zum Trotz. Diesen ein Schnippchen zu schlagen liebte sie überhaupt. Aber daß nun auch noch gerade der Graf von Artois sie begleiten sollte. Sie hielt ihn wohl für den Helden des Tages? Wahrlich, sie kannte die Franzosen allzu schlecht.

Es war nun alte Sitte, daß der Hof bei seinem Erscheinen im Theater mit lauten Beifallsäußerungen empfangen wurde; als aber heute die Königin mit dem Grafen von Artois an ihrer Seite in der königlichen Loge erschien, starrte ihr ein eisiges Schweigen entgegen. Ganz unerhört war's. Und nicht nur dies. Sogar einige feindlich schrille Pfiffe ertönten im Parterre. Einen Augenblick später aber betrat der Herzog von Bourbon seine Loge, und da brach das ganze Haus in Beifall und Jubel aus.

Das war für die Königin der erste Tropfen des bitteren Kelchs, den sie später bis auf die Hefe trinken mußte. Das Volk im Haß ist unerbittlich. Es verkennt dann die besten Eigenschaften, weil es die seinigen ebenso verkannt fühlt. Die königlichen und die fürstlichen Bourbonen haben sich bald von neuem in gutem Bund zusammengefunden; die Großen versöhnen sich immer schneller wieder. Das Volk aber wird leicht zum blinden und unversöhnlichen Parteigänger. Die Großen erkennen es selten richtig, wie sie ja auch von ihm selten richtig erkannt sind.

Aber noch weniger sind sie es von ihren Höflingen. Denn also schrieb jener Memoirenverfertiger in sein Tagebuch: »Der Graf von Artois fühlte sich schmerzlich betroffen von der ihm zugefügten Unbill, denn er schätzt den Wert der öffentlichen Meinung sehr hoch, und sie wird ihm auch gewiß Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn sie ihn nur erst näher kennen wird.« Eine falschere und dümmere Prophezeiung ist noch nie niedergeschrieben worden.

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