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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 22
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
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Der Botschafter

Daß die leidenschaftliche Liebe denen, die davon ergriffen werden, oft zum Verhängnis gereicht, in das manchmal auch andere nahestehende Personen mit hineingerissen werden, ist eine alte Sache; daß aber der Liebeshandel eines Studenten auf der Universität Salamanca den Sturz eines Botschafters im Haag zu Holland nach sich zog, war wahrlich eine seltsame – um mit Goethe zu reden – Wirkung in die Ferne.

Dieser spanische Botschafter, Graf Archibauld de Saint-Gilles, saß eines Tages mit der Frau Gräfin bei der Morgenschokolade und dachte an nichts weniger als an den Schlag, der schon im Schwung war, um ihn tödlich zu treffen; denn wenn auch ein Botschafter bekanntlich von Berufs wegen ein Mensch ist, der das Gras wachsen hört, so gibt es eben doch hie und da eine Ausnahme, wie es die Weltgeschichte (ohne erst auf uns zu warten) längst bewiesen hat.

Der Herr Graf hatte eben sein weiches Ei zu Ende gelöffelt, und indem er sich die Schöße seines apfelgrünen seidenen Schlafrocks, mit goldenen Eicheln und Schnüren, sorgsam über die Knie spreitete und nur von Zeit zu Zeit aus der vergoldeten Tasse einen Schluck des duftigen Getränkes nahm, kramte er mißmutig in einem Stoß Briefe vor ihm auf dem Tisch. Die Gräfin, eingehüllt in ein duftiges Gewölk von Batist und Spitzen, die weiß gepuderten Haare hoch aufgesteckt über dem scharfgeschnittenen schmalen Gesichtchen, knusperte an einem süßen Backwerk; dabei blickte sie gelangweilt – sie hatte das ja täglich vor Augen – auf die gewirkte flandrische Tapete, wo in bläulicher Landschaft eine weiße Schafherde friedlich weidete und ein vom Pferd gesprungener Kavalier die hübsche Schäferin im Phantasiekostüm jener Zeit an der Hand gefaßt hielt und mit seiner Reitgerte nach einem nahen Gebüsch wies, das dunkelblau die Landschaft abschloß.

Hie und da erbrach der Graf einen Brief, legte ihn aber meist ungelesen wieder beiseite. »Die ewige Bettelei,« murmelte er mit einer Miene von Widerwillen. Da fiel ihm ein großes figurenreiches Siegel von rotem Wachs in die Augen, das er sofort mit lebhaftestem Interesse musterte.

»Donnerwetter,« rief er aus, »was hat denn das zu bedeuten? Sehen Sie nur, meine Teuerste,« wandte er sich an seine Frau, »das ist bei Gott das Siegel des Grafen Moncada, Herzogs von Osona. Wir waren ja in unserer Jugend zu Madrid einmal nahe befreundet, aber seitdem ist's eine Ewigkeit her, wohl bald zwanzig Jahre, und in der ganzen Zeit hatten wir nicht mehr die geringste Berührung miteinander.«

»Das wird wenigstens kein Bettelbrief sein,« meinte die Gräfin, die mit der Spitze ihres Tüchleins ihr Schönheitspflästerchen auf der rechten Wange vorsichtig betupfte, »dieser Herzog gilt ja für den reichsten Mann beider Königreiche.«

Graf Archibauld hatte mit einem goldenen Messerchen den mächtigen Brief behutsam geöffnet und war bereits ganz vertieft in seiner Lektüre.

»Sie haben unrecht, meine Teuerste,« sagte er nach einer Weile, »es ist auch ein Bittgesuch. Aber ein ganz seltsames. Der Herzog schreibt: ›Erinnert Ihr Euch noch, mein lieber Graf, an den tiefen Kummer, der mich früher bedrückte, weil ich von Jahr zu Jahr lebhafter befürchten mußte, der letzte meines glorreichen Geschlechts zu sein? Aber bald nach Eurer Abreise nach Rio de Janeiro wurde mir ein Sohn geboren, der, wie er heranwuchs und gedieh an Körper und Geist, mich zum glücklichsten aller Väter machte. Aber dieses Uebermaß von Glück wurde mir alsobald in fast hoffnungsloser Weise erschüttert. Ich hatte meinen Sohn auf die Hohe Schule nach Salamanca geschickt, und eines Tages meldete mir sein Hofmeister, daß der Herr Vizegraf sich in eine Liebschaft mit einer jungen Schauspielerin verwickelt habe, wovon er, der Hofmeister, unangenehme Folgen befürchte. Ich selber hegte großes Vertrauen in die edle Natur meines Sohnes und nahm den Fall weiter nicht tragisch, erschrak aber nicht wenig, als mir ein weiterer Brief des Hofmeisters meldete, die Sache beginne wirklich gefährlich zu werden, mein Sohn wolle die Komödiantin heiraten, er habe ihr bereits schriftlich das Versprechen gegeben, man rede schon davon in ganz Salamanca. Mein Schrecken war unsagbar. Ich eilte zum König und erwirkte mir einen Haftbefehl gegen jenes Fräulein, dann ließ ich sechs Rosse anspannen, um in eigener Person nach dem Rechten zu sehen. Als ich aber in Salamanca anlangte, fand ich nur noch den verzweifelten Hofmeister vor, der Herr Sohn und die Dame waren seit drei Tagen verschwunden. Unterdessen sind sechs Monate vergangen, und alle meine Nachforschungen über das Verbleiben des Unseligen hatten nur das eine Ergebnis, daß das flüchtige Paar aller Wahrscheinlichkeit zufolge den Weg nach Holland genommen hat ...‹«

Hier unterbrach der Botschafter seine Lektüre. Er reichte in galanter Bewegung seine zierliche, mit Brillanten besetzte Dose der Gräfin, die ein Stäubchen daraus entnahm.

»Merken Sie, meine Teuerste,« sagte er, während er noch die eigene Prise zierlich zwischen den Fingern hielt, »merken Sie, wo die Sache hinauswill? Der Herzog vermutet seinen herzigen Sohn in Holland, er vermutet ihn sogar hier im Haag und fleht mich an, ihn ausfindig zu machen und das Enfant prodigue in die väterlichen Arme zurückzuexpedieren, wofür er mir dankbarer sein will, als wenn ich ihm ein Königreich verschaffte. Nun ja, es gibt Königreiche, die nicht halb so viel wert sind als sein Herzogtum Osona. Aber hören Sie, Teuerste, wie mein Freund sich die Sache denkt. Er gibt hier, im Verlauf seines Briefes, zunächst ein eingehendes Signalement der in Frage kommenden Persönlichkeiten, wonach ich sie sicher erkennen werde, wie er meint. ›Ich will,‹ schreibt er dann, ›daß das Schätzchen mit mir zufrieden sein soll, wenn es einwilligt, das Heiratsversprechen zurückzugeben, und überlasse es ganz Eurem Ermessen, lieber Freund, wie hoch Ihr die Summe bemessen wollt. Auch meinem Sohn die Reisekosten vorzustrecken und ihn dazu reichlich auszustatten, darf ich Euch wohl bitten ...‹«

»Nun,« meinte die Gräfin, »Ihr werdet ja mit dem Herzog Euer Geld nicht verlieren.«

»Im Gegenteil,« antwortete der Botschafter lebhaft, »es wird mir reichlichen Gewinn bringen. Sie wissen, meine Teuerste, wie eng der Herzog mit dem Kardinal verbunden ist; wenn ich ihm in dieser wichtigen Sache einen Dienst leisten kann, leiste ich mir selber einen zehnmal größeren. Ja, wahrlich, es fällt mir ein Stein vom Herzen, wenn ich mich der Hoffnung hingebe, daß ich das unerwartete Glück haben soll, mir den mächtigen Herzog zum Schuldner zu machen, und gewiß, ich will keine Mühe scheuen, das Nest der beiden losen Vögel in kürzester Frist ausfindig zu machen.«

Der Stein, der dem Botschafter unter seinen hoffnungsvollen Aussichten vom Herzen fiel, war der: Der Kardinal Alberoni, der allmächtige Staatsminister Seiner Katholischen Majestät, pflegte seit einiger Zeit den Herrn Botschafter im Haag – es war damals der wichtigste Botschafterposten der spanischen Diplomatie – wenig gnädig zu behandeln. Es mißbehagte ihm, auf einem so entscheidenden Platz einen geborenen Franzosen zu wissen. Er war zwar selber kein Spanier, sondern ein Italiener und hatte seine Landsleute scharenweise nach Spanien gezogen, aber das war vielleicht nur ein Grund mehr, die mit dem Bourbonensprossen Philipp V. in Spanien eingedrungenen und vom König begünstigten Franzosen nicht sehr zu lieben. Besonders machte er diesen hispanisierten Franzosen den Vorwurf, daß sie nicht spanisch lernen wollten, sondern echt nach Franzosenart an ihrer Sprache klebten wie die Vögel an der Leimrute, ja, daß sie mit Behagen klebten und sich sogar noch was zugut darauf taten, ganz abgesehen von der heimtückischen Gründung der famosen Tripelallianz durch seinen französischen Kollegen, den Kardinal Dubois, wovon Alberoni wie von einem persönlichen Schimpf berührt worden war.

Der Graf Archibauld de Saint-Gilles wußte also längst, daß ihm der allmächtige Kardinal nicht grün war. Um so mehr freute er sich, wie gesagt, über die Gelegenheit, sich den Grafen von Moncada, Herzogen von Osona, zu verpflichten, auf den der Kardinal Rücksicht zu nehmen hatte. Und mit einem wahren Feuereifer machte er sich an die neue, privatbotschaftliche Aufgabe.

Er ließ zunächst auf amtlichem Wege alle Fremdenherbergen und sonstigen Schlupfwinkel im Haag, in Amsterdam, in Leyden und anderen holländischen Städten durchforschen, aber alle diese amtlichen Erhebungen lieferten nicht das geringste Ergebnis. Doch verzweifelte der Botschafter so schnell nicht; er hätte kein Franzose sein müssen.

Er pflegte öfters einen jungen Mann, Franzosen natürlich, als geheimen Agenten zu benützen. Das war ein kleiner schwarzer Provenzale namens Guy Roquette. Dieser hatte dem Botschafter gegen gute Belohnung schon wirklich gute Dienste geleistet, und der Graf Archibauld de Saint-Gilles hegte deshalb mit Recht keine geringe Meinung von seinen Eigenschaften als geriebener Spion.

Zu diesem Guy Roquette nahm er auch jetzt seine Zuflucht. Ohne ihn übrigens in das Wesentliche des Handels näher einzuweihen, übergab er ihm eine Abschrift der Signalemente, wie sie ihm vom Herzog von Osona zugegangen waren, und versprach ihm für die Entdeckung des geschilderten, aber nicht genannten Pärchens die ansehnliche Summe von sechstausend holländischen Gulden, worüber der kleine schwarzäugige Provenzale ganz in Flammen geriet. Er traute sich etwas zu, man heißt nicht umsonst Herr Roquette aus Tarascon im Lande Languedoc, und er zweifelte nicht einen Augenblick am glücklichen Gelingen seiner Aufgabe; er fühlte die sechstausend Gulden schon in seiner Tasche klimpern.

Herr Roquette hatte viel Verstand und Geschmeidigkeit, aber noch größer war diesmal sein Glück. Er machte schon nach ungefähr vierzehn Tagen in der französischen Komödie (man spielte den »Georges Dandin« von Molière) eine Beobachtung, die ihn gleich mit jeder Art Zuversicht erfüllte. In einer Loge des dritten Ranges, der seinigen schräg gegenüber, beobachtete er ein Pärchen, das sich mehr mit sich selber als mit dem Spiel beschäftigte, wobei jedem von beiden die närrische Verliebtheit nur allzu deutlich aus den Augen leuchtete. Und was den Roquette noch mehr bestärkte: die Kleidung der beiden Verliebten war ganz die der vornehmen Stände, nur allerdings stark abgetragen und fast vernachlässigt. Er legte auch sofort seine Guckröhre an die Augen und nahm das Pärchen sozusagen aufs Korn.

Und siehe, die Signalemente stimmten, alles traf zu: das üppige blauschwarze Haar und die großen braunen Mandelaugen mit den auffallend breiten und langbewimperten Lidern bei der weiblichen Hälfte, die übermäßig hohe Stirne und schmalen Ohren bei dem Jüngling. Der Anzug war anders signalisiert, aber der konnte ja unterdessen gewechselt worden sein. Und noch eins schien die Mutmaßung des Herrn Roquette zu bestätigen. Das Pärchen, trotz seiner gegenseitigen verliebten Selbsteingenommenheit, bemerkte plötzlich das auf sie gerichtete Glas und zog sich darauf nicht ohne sichtbare Verlegenheit in den dunklen Hintergrund der Loge zurück. Herr Roquette triumphierte bereits.

Nun bin ich nur neugierig, dachte der Mann aus Tarascon im Lande Languedoc, ob die Ertappten bis zum Schluß des Stückes bleiben werden. Er hatte aber seinen Gedanken noch kaum ausgedacht, so sah er auch schon, wie die beiden nach einem Zusammentuscheln sich erhoben und zum Weggehen anschickten. Das war für ihn ein gutes Zeichen. Auch er erhob sich sofort, und flink wie ein Wiesel lief er nach dem schmalen Gang, wo die beiden, von ihrer Loge kommend, den Ausgang gewinnen mußten. So sehr eilte er, daß er am Ende des gedachten Ganges mit dem verdächtigen Pärchen fast Nase auf Nase zusammengerannt wäre. Es entging ihm nicht, daß der Jüngling sich in hastiger Bewegung das Taschentuch vor das Gesicht hielt, worauf beide sich scheu zur Seite drückten und der großen Treppe zueilten.

Er folgte ihnen auf dem Fuße, mit Vorsicht natürlich und in klugem Abstand; folgte ihnen durch die Voorhufstraße, den Kneuterdyk, am Vijver und am Buttenhof vorüber, dann auf einem dunklen Fußweg an einer Graacht hin, und sah sie dort in einer Haustüre verschwinden. Er trat näher; das Haus hatte einen Schild aushängen mit einem soldatischen Reiter in der Tracht des Dreißigjährigen Krieges und mit der Unterschrift: »Herberge zum Vizegrafen von Turenne«.

Herr Roquette war glücklich, er eilte noch am Abend zu seinem Botschafter, um dem seine Entdeckungen brühwarm mitzuteilen, der sich denn auch vergnügt die Hände rieb. Er hatte sich also in der Findigkeit seines Roquette nicht getäuscht.

Die weitere Verfolgung der Sache wollte er nun in höchsteigener Person betreiben, sie war allzu wichtig für seinen Freund, den Herzog, und noch wichtiger für ihn selber. Und gleich am andern Morgen nach der Frühstücksschokolade legte er – er tat dies nur bei ganz offiziellen Gelegenheiten, sonst gab er dem zartfarbenen französischen Kostüm den Vorzug – legte er die schwarzseidene spanische Tracht an, schnallte sich den schlanken Toledaner Degen mit goldenem Gehäuse und Gehänge um, und so, begleitet von zwei Lakaien in festlich dienstlicher Ausstaffierung, von einem jungen Pagen, einem Sekretär der Botschaft und Herrn Guy Roquette natürlich, begab er sich über den Kneuterdyk und am Vijver vorbei nach dem Sluitergraachten zu der Herberge des Vizegrafen von Turenne.

Gleich in der Hausflur trat ihm der Wirt entgegen. Der war zugleich sein eigener Koch; er kam gerade, mit der weißleinenen eckigen Mütze und der vorgebundenen Brustschürze aus der Küche, und sein rotbäckig wohlgenährtes Wirtsgesicht verblaßte ein wenig beim Anblick eines so ungewohnten hohen Besuches. Der Sekretär brachte das Anliegen des Botschafters vor, der, halb abgewandt vom Wirt, in vornehm nachlässiger Haltung so tat, als ob ihn die ganze Geschichte sehr wenig berühre. Der Wirt aber, nachdem er erfahren, wo die Sache hinauswollte, gewann seinen zuvor fast hilflos aufgesperrten Mund wieder in seine Gewalt und sein übriges Sprachwerk mit und gab, ohne sich weiter nötigen zu lassen, in großer Geläufigkeit und mit vielen Worten jede gewünschte Auskunft.

Gewiß, gewiß, ein solches Pärchen wohnte bei ihm, in der obersten Dachkammer wohnten sie, vor etwa zehn Tagen seien sie gekommen, sie wollten Schauspieler sein – hier grinste Herr Guy Roquette, und selbst der Botschafter gab ein Zeichen erhöhter Aufmerksamkeit – Schauspieler wollten sie sein, und gingen auch jeden Abend in die Komödie; aber Schauspieler ohne Engagement seien verdächtige Gäste, auch seien die beiden seit drei Tagen im Rückstand mit dem Bezahlen, ihr Gepäck sei äußerst geringfügig, und wenn die hohe Obrigkeit die Absicht hege, die Vögel auszuheben, geschehe ihm, dem Wirt, wahrlich kein Unrecht.

Und untertänigst bat er den Botschafter, vorauszusteigen, er wolle folgen und ihm das Nest anzeigen. Drei Stiegen ging's empor, dann wies der Wirt auf eine Tür, hier sei's. Der Sekretär klopfte an. Niemand rührte sich. Er klopfte zum zweitenmal, aber drinnen blieb's lautlos. »Im Namen der Obrigkeit,« rief er endlich, »öffnen Sie!« Und da tat sich die Tür vorsichtig auf, vorsichtig zu einem engen Spalt; aber einer der beiden Lakaien stemmte sich mit breiten Schultern und seiner vollen Wucht dagegen, und der Durchgang war frei.

Der Botschafter und sein Sekretär traten in eine enge Kammer mit schrägen Wänden, mit einem ärmlichen Bett im Hintergrund, mit wenigen armseligen Möbeln und einem alten schäbigen Felleisen am Boden, dessen lockerer Zustand auf einen geringen Inhalt schließen ließ. Unter der Dachluke, in dem schräg einfallenden Licht saß die Dame an einem winzigen Tischchen. Sie trug am Leib ein verschleißtes armes Hauskleidchen von unerkennbarer Farbe, das aber ihre auffallende südliche Schönheit erst recht märchenhaft erscheinen ließ. Auf ihrem Knie lag ein besseres Kleid, mit dessen Ausbesserung sie sich beschäftigt haben mußte; jetzt ruhten ihr die Hände im Schoß, und sie sah mit ihren großen braunen Mandelaugen nicht eigentlich erschreckt, aber befremdet auf die schwarze Gestalt des Botschafters mit dem goldenen Degengehänge. Der junge Mann, in einen gefleckten gelben Schlafrock gewickelt, stand inmitten des Zimmerchens und blies wie ein echter Holländer aus einem langgestengelten weißen Tonpfeifchen zierliche Wölkchen vor sich hin.

Dieser letzte Umstand kam dem Botschafter bedenklich vor, erschütterte aber seine Zuversicht nicht.

»Mein Herr,« so begann er seine Rede, »ich komme im Auftrag des Herrn Grafen von Moncada, Herzogs von Osana, den Sie kennen werden.«

Dagegen versicherte der Jüngling im blaugeblümten gelben Kattun, diesen Namen in seinem Leben nicht gehört zu haben.

»Aber Herr Vizegraf von Moncada,« erwiderte der Botschafter lebhaft, »ist es Ihrer würdig, Ihren eigenen Vater zu verleugnen?«

Die ungewöhnlich hohe Stirn des jungen Mannes überflog bei diesen Worten eine leise Röte, wie es einem wohl geschehen mag, der auf einer Lüge ertappt wird. Der Botschafter nahm das für ein gutes Zeichen. Er drang nun mit warmen freundschaftlichen Worten in den anderen ein, doch alles zu gestehen und nicht länger zu schauspielern.

»Ich bin zwar wirklich ein Schauspieler,« entgegnete dieser, indem er von neuem errötete, »aber jetzt schauspielere ich keineswegs.« Und mit größter Unbefangenheit, so hatte es wenigstens den Anschein, gab er über sich Auskunft.

Danach stammte er aus Burgund, als der Sohn eines Friedensrichters in dem Städtchen Beaune, und war aus dem Jesuitenkollegium zu Châlons entsprungen und Schauspieler geworden. Zuletzt war er mit seiner hier anwesenden Frau am Hoftheater seiner Kurfürstlichen Gnaden zu Düsseldorf in Gage gestanden; aber um eben diese seine Frau gewissen Nachstellungen zu entziehen, waren sie von dort heimlich abgereist in der Hoffnung, bei der französischen Truppe hier im Haag ein Unterkommen zu finden, und wenn Seine Gnaden, der Botschafter, so schloß er seine Rede, in dieser Richtung etwas für ihn tun könne, würden sich beide gegen ihn zu großer Dankbarkeit verpflichtet fühlen.

Bei dieser Rede lief wiederholt ein selbstzufriedenes Schmunzeln um die bläulichen Lippen des rotgesichtigen Grafen.

»Ein Kompliment über Ihre Erfindungsgabe,« begann er wieder mit feinem Lächeln, »kann ich Ihnen nicht machen, Herr Vizegraf von Moncada; denn gerade den Mann suche ich, der den Kollegien der heiligen Väter entsprungen ist, einer Schauspielerin zuliebe, die er vielleicht auch gewissen Nachstellungen entziehen wollte. Und möglich, daß Sie in der Tat von Düsseldorf kommen. Erfunden haben Sie nichts wie die Namen Beaune und Châlons, sagen wir Madrid und Salamanca und alles ist fast die reine Wahrheit. Und vor allem kommen wir zur Sache.«

Und der Botschafter rückte heraus mit seinen näheren Vorschlägen, und wie der Herzog von Osona gewillt sei zu jedem Opfer an Geld – die Höhe der Summe stehe ganz in seinem, des Botschafters, Ermessen – und wie also alles zur Zufriedenheit der Schönen sich machen werde, wenn sie sich nur entschließen wolle, auf ihren Geliebten zu verzichten und ein gewisses Heiratsversprechen freiwillig wieder herauszugeben.

Diese Rede des Botschafters war keineswegs wirkungslos geblieben. Die braunen Mandelaugen der Schönen waren dabei noch größer geworden, und ein eigentümliches Funkeln hatte plötzlich unter der ungewöhnlich hohen und schmalen Stirne die Blicke des jungen Mannes belebt. Als der Graf geendet hatte, stand der Jüngling einen Augenblick wie betreten. Man sah ihm an, er rang mit einem entscheidenden Entschluß.

»Wenn Seine Gnaden vielleicht die Gewogenheit haben möchten, sich einen Augenblick zurückzuziehen,« stieß er dann hastig hervor, »Seine Gnaden werden begreifen ... Man werde ja Seiner Gnaden in jeder Weise entgegenkommen ... aber ein Wort unter vier Augen mit dem gnädigen Fräulein (er nannte sie schon nicht mehr seine Frau) werde Seine Gnaden gewiß in der Ordnung finden.«

Der Botschafter fand dies wirklich in Ordnung und zog sich zusammen mit dem Sekretär zurück vor die Türe, wo die anderen warteten.

»Herr Roquette,« sagte er, geschwellt von Hoffnung, »Ihr habt Eure sechstausend Gulden so viel wie gewonnen, und du, François,« wandte er sich an einen der Lakaien, »lauf schnell nach einer Droschke und laß sie unten an der Haustür warten. Ich kann ja unmöglich«, fügte er hinzu, »mit dem blaugeblümten gelben Schlafrock, der noch dazu abscheuliche Flecken hat, zusammen über den Kneuterdyk wandern, und zum Umkleiden möchte ich dem ertappten Vizegrafen von Moncada auch nicht erst die Zeit lassen. Wer einmal den Vogel in Händen hat, muß ihn festhalten, da ist nichts zu fackeln.«

Er hatte kaum ausgesprochen, so öffnete sich auch schon die Türe abermals, und der Mann im gelben Baumwollenkattun, das Holländerpfeifchen hatte er weggelegt, machte eine theatralische Verbeugung, worauf der Botschafter und sein Sekretär von neuem das Zimmerchen betraten und sich auch kaum verwunderten, das schöne Fräulein in heftiger Aufregung zu sehen, aufgelöst in Tränen, die in großen Tropfen unter den langen, schwarzen Wimpern hervorperlten.

»Hier sehen Eure Gnaden die Wirkung Ihrer Dazwischenkunft,« sprach fast pathetisch der Jüngling im gelben Schlafrock, indem er mit einer wohlabgezirkelten Handbewegung auf die verzweifelte Schöne hinwies. »Dieser schmerzliche Kummer kommt auf Ihre Rechnung. Auch wollte die Gute um keinen Preis in Ihren Vorschlag einwilligen, und ich selber, seien Sie versichert, hätte mich unter andern Umständen nie dazu überreden lassen. Aber das liebe Kind länger der äußersten Armut und jeder Art von Entbehrung und Demütigung ausgesetzt zu sehen, ist mir nicht mehr möglich. Wahrlich, ich müßte ein Barbar sein, wenn ich noch fernerhin ein so unmenschliches Opfer von ihr annehmen wollte.«

Bei diesen Worten brach das schöne Fräulein in lautes Schluchzen aus, daß selbst den Botschafter eine Rührung ankam. Der blaugeblümte junge Mann aber hatte auf dem Bett im Hintergrund einen Zettel ergriffen und drehte ihn zwischen den Fingern; er schien jetzt durchaus willens zu sein, vom Pathetischen zum Geschäftlichen überzugehen. »Seine Gnaden werden einsehen,« meinte er ...

»Gewiß, gewiß,« fiel der Graf ein, »Sie sind nicht unbesorgt um das Los des schönen Kindes, das gereicht Ihnen nur zur Ehre. Der Herzog, Ihr Herr Vater, will sich auch keineswegs knickerig zeigen, dreißigtausend holländische Gulden ...«

»Mein Herr Vater«, sprach sententiös der junge Mann, »steht in einem Alter, wo der Mensch nicht mehr die volle Fähigkeit besitzt, die Schönheit richtig einzuschätzen ...«

Oh, Jüngling, dachte der Botschafter, du bist ja die Unschuld selber.

»Richtig einzuschätzen; aber Sie, Herr Graf, sehen Sie die Verzweifelte an, sehen Sie sie an und – sagen Sie fünfzigtausend.«

»Sagen wir fünfzigtausend,« versetzte der Botschafter, indem er sich galant gegen die Schöne verneigte.

Darauf kramte der Sekretär aus seiner Ledertasche eine Anzahl Wechsel hervor und überreichte sie demütigst dem gelben Schlafrock, der sie sorgfältig auf ihre Ordnungsmäßigkeit prüfte, worauf er das Papier, das er zwischen den Fingern drehte, dem Grafen darbot.

Sie mußte es säuberlich verwahrt haben, da es noch so weiß ist, dachte der Botschafter, indem er den Zettel einsteckte. Er glaubte am Ende zu sein, war es aber doch noch nicht ganz.

Denn als der andere hörte, daß er so, wie er ging und stand, und mitsamt seinem blaublümigen Schlafrock gleich mitkommen sollte, da war er sehr betreten und bestand zuletzt mit großer Hartnäckigkeit darauf, sich zuvor umkleiden zu dürfen, also daß dem Botschafter nichts übrig blieb, als sich noch einmal mit seinem Sekretär zurückzuziehen.

»Er ist ihr einen letzten Trost wohl schuldig,« sagte draußen der schwarze Roquette und lachte; »allzusehr beeilen wird er sich nicht.«

Aber schon erschien der Vizegraf, notdürftig von seinen abgetragenen Straßenkleidern umhängt, unter der Türe, und eine halbe Stunde darauf war er auch schon dem Hausmarschall des Botschafters übergeben, der für seine neue Equipierung zu sorgen Auftrag erhielt, während der Graf sich zufrieden hinsetzte, um in einem langen, etwas selbstgefälligen Briefe dem Grafen von Moncada, Herzogen von Osona, die Auffindung und Befreiung seines Sohnes in aller Ausführlichkeit mitzuteilen.

Beim Familienfrühstück war der Gerettete noch nicht so weit, um der Frau Gräfin präsentiert zu werden, aber schon an der Abendtafel erschien er als vollendeter spanischer Vizegraf, und bereits drei Tage darauf brachte der Botschafter den reuigen Sünder in der gräflichen Staatskarosse nach dem nahen Rotterdam, wo ein Dreisegler aus Bordeaux vor Anker lag, der noch vor Abend abgehen sollte. Der Botschafter besorgte persönlich dem jungen Freund eine gute Unterkunft, umarmte ihn dann und fuhr in seiner Karosse vergnügt zurück nach dem Haag.

Ganz ohne jedes Mißtrauen war er dennoch nicht geblieben, sondern hatte seinen Sekretär auf einem passenden Beobachtungsposten zurückgelassen; aber als dieser spät in der Nacht mit der Versicherung zurückkam, daß der Spanier mit seinem Schiff wirklich abgefahren sei, da fühlte er sich vollkommen beruhigt und beglückwünschte sich aufrichtig zu der glücklichen Hand, die er in diesem Geschäft bewiesen hatte, um so mehr, da ihm diese Hand, wenigstens war dies die Meinung des Kardinals Alberoni, in verschiedenen anderen und vielleicht ebenso wichtigen Geschäften manchmal gefehlt hatte.

Zwar eine gewisse prickelnde Unruhe war in ihm zurückgeblieben, gegen die er vergeblich ankämpfte. Es kam ihm nämlich aus der verflossenen Nacht ein etwas jugendlicher Traum zum Bewußtsein, in dessen Bild die schöne Schauspielerin aus der Herberge zum Vizegrafen von Turenne die Hauptfigur bildete, und infolge dieses Traumes konnte er nicht umhin, sich den Vorwurf zu machen, daß man sein Betragen gegen diese überaus reizende Person vielleicht tadelswürdig finden konnte. Wirklich war es eigentlich wenig zart von ihm gewesen, ein so schönes Kind mit Geld abgefunden zu haben, ohne sich sonst im Geringsten um sie zu kümmern; sie hätte eigentlich ein galanteres Verhalten von ihm erwarten dürfen.

Das waren so seine Gedanken, während sein Kammerdiener ihn ankleidete. »Ist der Roquette da?« fragte er plötzlich. Und der wartete in der Tat im Vorzimmer, wie täglich, ob der Herr Botschafter einen neuen Auftrag für ihn hätte, wobei vielleicht abermalige sechstausend holländische Gulden zu verdienen wären. Wirklich harrte seiner bereits diese neue Bestellung, nämlich die: sich nach dem Vizegrafen von Turenne zu begeben und bei der schönen Schauspielerin anzufragen, ob sie erlaube, daß der Herr Botschafter ihr am Nachmittage seine Aufwartung mache.

Ich brauche ja diesmal nicht gerade als Botschafter zu kommen, sagte er sich, als der wuselige schwarze Provenzale weggeeilt war, ich werde mir schon ein passendes Inkognito ausdenken. Zunächst aber dachte er sich etwas anderes aus, nämlich, wie ihn die Schöne wohl empfangen werde in dem kleinen schrägwandigen Zimmerchen mit dem alten Gerümpel von Bettstatt und dem rembrandtmäßig einfallenden Oberlicht. Das malte er sich in Gedanken genau aus, und sein Gehirn bevölkerte sich daraufhin mit den schmeichelhaftesten Vorstellungen.

Aber der sonst so findige und geschmeidige Herr Roquette patschte zurückkehrend diesmal recht plump in dieses berauschende Gewimmel von Bildern und Phantasien hinein, daß sie vor Schrecken erstarrten oder wie Gespenster die Flucht ergriffen.

Die schöne Schauspielerin hatte schon vor drei Tagen den Vizegrafen von Turenne und allem nach auch die Stadt selber verlassen.

Diese Botschaft verstimmte den Botschafter nicht wenig. Doch eigentlich nur für den Augenblick; er war Philosoph und tat sich was darauf zugute. Er tröstete sich: »Es ist vielleicht besser so in meinem Alter.«

Und damit stieg er die Treppe hinunter, wo ihn bei der Morgenschokolade die Gräfin erwartete, eingehüllt in ein duftiges Gewölk von Batist und Spitzen, die weißgepuderten Haare hoch aufgesteckt über dem scharfgeschnittenen schmalen Gesichtchen. Sie war vom langen Warten, da sie ja nicht wußte, was für lustige Gedankenspiele es veranlaßt hatten, ein wenig ungeduldig geworden und tupfte mit ihrem Tüchlein nervös an dem Schönheitspflästerchen herum, das, von Rot umgeben, als schwarzer Punkt ihre rechte Wange zierte.

Der Herr Botschafter küßte ihr mit tiefer Verbeugung die Hand und begann an seinem weichen Ei zu löffeln, nicht ohne sich die faltigen Schöße seines Morgenrocks von apfelgrüner Seide, mit goldenen Eicheln und Schnüren, sorgfältig über die Knie gespreitet zu haben. Sie, ihr Backwerk knuspernd und hie und da ein Schlückchen aus der vergoldeten Tasse schlürfend, ließ, wie immer gelangweilt (sie hatte das ja täglich vor Augen), die gedankenlosen Blicke auf der flandrischen Tapete ruhen, wo in bläulicher Landschaft weiße Schafe weideten und ein Kavalier die Schäferin entführte nach einem nahen dichten Gebüsch, das dunkelblau die Landschaft abschloß.

Der Graf hatte sich unterdessen die begehrlich prickelnden Gedanken seines Morgentraums – an jene Schauspielerin nämlich – wieder vollständig aus dem Kopf geschlagen; er sah vergnügter aus als seit langer Zeit. Nun habe ich's endgültig über ihn gewonnen, dachte er, über den hämischen italienischen Pfaffen, den Kardinal, nun soll er mir noch einmal kommen und mir am Zeug flicken wollen.

Er hatte sein Ei zu Ende gelöffelt und schlückerte aus der goldenen Tasse behaglich das duftige Getränk. Den aufgeschichteten Briefen vor sich schenkte er kaum eine Aufmerksamkeit; nur mechanisch schob seine linke Hand sie in Unordnung durcheinander. Doch plötzlich zuckte er zusammen wie von einem leichten elektrischen Schlag.

Was war's? Das war's: er hatte auf einem der Briefe das Siegel des Grafen von Moncada, Herzogs von Osona, erkannt.

»Meine Teuerste,« rief er aus, »ein Brief von meinem Freund, dem Herzog ... aber ... was soll das heißen? Eine Antwort auf den meinigen vor drei Tagen mit meiner glücklichen Mitteilung kann das ja unmöglich sein.«

Und seine etwas fleischige Hand unter der vorfallenden Spitzenmanschette zitterte, als er mit seinem goldenen Messerchen das rote figurenreiche Wachssiegel hastig löste. Und sein weinbraunes Gesicht wurde, als er nun las, ganz fahl, daß das blaue Geäder darin unschön hervortrat. Der Gräfin wurde es angst.

»Mein Freund, du solltest eine Prise nehmen,« mahnte sie in aufrichtiger Besorgtheit, weil sie vielleicht einen Schlaganfall befürchtete. Er starrte sie wie geistesabwesend an. »Verzeihen Sie,« sagte er, und bot ihr die zierliche, mit Brillanten besetzte Dose. Sie nahm sich daraus ein paar winzige Stäubchen, und auch er versuchte zu schnupfen, aber sein apfelgrüner Schlafrock bekam diesmal mehr davon als seine Nase.

»Da lies,« keuchte er und stieß ihr den Brief hin; es war lange, daß er seine Frau nicht geduzt hatte.

Und die Frau Botschafterin las: »Mein lieber Graf, es ist mir nicht wenig peinlich und tut mir unendlich leid, daß ich Euch durch meinen letzten Brief wahrscheinlich bereits Mühe und Arbeit gemacht habe, wenn ich auch, ehrlich gesprochen, nicht sagen darf, daß ich besonders unglücklich sei, weil Euer freundschaftlicher Eifer, wie ich ihn voraussetzte, mir gottlob – Ihr seht, wie ich mich egoistisch ausdrücke – gottlob unnötig geworden ist; vielmehr bin ich in diesem Augenblick der glücklichste aller Väter. Mein Sohn ist mir zurückgegeben. Er war nicht, wie ich vermutet hatte, nach Holland gegangen, sondern nach Paris. Dort hat er eines Tages seine Angebetete in flagranti über einer Untreue betroffen, worauf er ihr, ohne ein Wort zu verlieren, den Rücken gewandt hat und reuevoll und beschämt in die Arme seines Vaters zurückgekehrt ist. Er hat sich damit, woran ich nie gezweifelt habe, als echter Edelmann bewährt, und mein Vaterherz usw. usw.«

Die schmalen und etwas verkniffenen Lippen der Gräfin hatten sich während dieser Lektüre zwar sehr dezent, aber doch merklich zu einem leisen spöttischen Lächeln verzogen.

»Nun habt Ihr doch Euer Geld verloren,« sagte sie nach einer kleinen Pause.

Damit aber tat sie dem spanischen Granden unrecht. Denn als dieser den vorerwähnten Brief des Botschafters nach ungefähr vierzehn Tagen endlich erhielt, da runzelte sich seine Stirne wohl etwas unmutig über die beträchtliche Summe, die ihm der Graf darin notiert hatte; aber das Geld schickte er bei Heller und Pfennig und mit abermaligen angelegentlichen Versicherungen seines Dankes an den Freund ab, dessen Dienste so komisch daneben geraten waren.

Und lachen mußte er doch, trotz allem Unmut über die pekuniäre Seite der Sache. Und lachen mußte auch trotz aller Steifheit der spanischen Etikette, lachen mußte auch der ganze Hof zu Aranjuez, wo der Herzog, ein guter Erzähler – der ›Don Quijote‹ war seine Lieblingslektüre – das Quiproquo des Herrn Grafen Archibauld mit bestem Humor zum Vortrag brachte.

Nur einer lachte nicht – der Kardinal Alberoni. Er grunzte. »Und der will ein Botschafter sein Seiner Katholischen Majestät,« rief er aus, »dieser Esel, der sich von einem elenden Histrionen über den Löffel balbieren läßt. Warum hat er denn nicht versucht, mit dem Kerl spanisch zu reden? Aber freilich, wie käme einem Franzosen dieser Gedanke! Er kann es ja auch wahrscheinlich gar nicht ...«

Kurz, der Botschafter wurde aus dem Haag, der damals nicht nur der lustigste Ort der Welt, sondern auch die Hochschule der europäischen Diplomatie war, in Ungnaden abberufen und mußte darauf in Madrid nur allzu bald merken, was die Stunde geschlagen hatte, daß nämlich die Sonne der königlichen Gnade für sein Antlitz untergegangen sei für jetzt und immer. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in seine Grafschaft Saint-Gilles zurückzuziehen, die im mittäglichen Frankreich lag, südlich von Arles, in der Richtung nach jener sagenhaften Stadt mit dem schauerlichen Namen Aigues-Mortes, und wenn er nicht gestorben ist, so – hat er sicher nie gelebt.

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