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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 20
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
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Gerechtigkeit

Ein Obelisk, wo er auch stehe, wirkt leicht, wenn er Größe hat, wie ein erstaunendes, ein ungeheures Ausrufungszeichen im hellen Licht des Himmels; um wie viel mehr jener, der in meiner Heimat, auf dem weingesegneten Hügel bei Sasbach, den umwohnenden kleinen Bauern und ihren Kindern den Namen eines fremden Kriegsmannes im Gedächtnis erhält mit samt seinen Taten, die einst, seiner Tugend zum Trotz, sehr viel dazu beigetragen haben in ihrer Härte und Grausamkeit, das blühende Vaterland dieser Bauern in eine schreckliche Einöde zu verwandeln. Seit Generationen und Generationen redet dieses Denkmal aus Schwarzwälder Granit mitten in Deutschland vom Ruhm Frankreichs und der Schande Deutschlands, und weder im siebziger Krieg noch im letztverflossenen ist es von Deutscher Hand im geringsten beschimpft oder beschädigt worden; ob das auch in Frankreich möglich wäre! Warum ich aber davon rede? Nur weil ich eine kleine Geschichte erzählen möchte, die jener berühmte Turenne veranlaßt hat.

»Gerechtigkeit muß sein,« schrieben seine heutigen Landsleute über ihre groteske Auslieferungsliste, die sie uns seinerzeit zugestellt haben, und ich will gern zugeben, daß sie glauben, es aufrichtig zu meinen; aber aufrichtig in seiner Art hat es auch jener Marquis von Maugiron gemeint, der ehemals unter dem genannten Turenne diente und jenes Wort bei einer Handlung grauenhaftester Art als frivolen Scherz zum besten gab.

Das war im Sommer 1645. Turenne belagerte Heilbronn und sein Generalleutnant, der Marquis von Maugiron, lag im Schloß zu Neckarsulm im Quartier. Dieser Mann war sehr berühmt im Lager, nicht gerade durch seine Kriegstaten, aber durch seine Küche, die für die feinste und üppigste galt im ganzen Heer, so daß sich alles zu seiner Tafel drängte, was durch Namen und Stand darauf Anspruch machen durfte.

Eine besonders glänzende Gesellschaft aber sah er am Abend des 28. August um sich versammelt. Der etwas altfränkische Saal des deutschen Schlosses, weiß gekalkt und mit gebräunter Vertäfelung, war mit Tannengirlanden lustig ausgehängt, in einem Nebenraum mit offener Flügeltür spielte ein italienisches Streichquartett, das der Marquis auf dem ganzen Feldzug mit sich führte, und an der Tafel ging es hoch her. Meister Laloutre, der allbekannte Koch des Herrn von Maugiron, schien sich heut selber übertroffen zu haben, begeistertes Lob erscholl ihm aus aller Mund.

Den Höhepunkt jedoch erreichte das Entzücken der schwelgerischen Gaste beim fünften Gang, einer getrüffelten Gänseleberpastete, über deren Feingeschmack der duftreiche alte Chambertin aus den eigenen burgundischen Weinbergen des Marquis fast vergessen wurde, so sehr übertraf das neue Leckergericht alles, was diese doch so verwöhnten Gaumen zu kosten gewohnt waren. Und ein blutjunger Regimentskommandeur, der kaum zwanzigjährige Roger Rabutin Graf von Bussy, mit dem ersten blonden Flaum auf den Lippen, machte die Bemerkung, daß der Herr Marschall von Turenne, so viel Wesens man auch aus ihm mache, doch lang kein so genialer Feldherr sei wie Meister Laloutre ein genialer Koch, wofür der Sprecher von der ganzen Tafelrunde lauten Beifall erntete.

In diesem Augenblick wurde eine Stafette des Marschalls gemeldet. Ein junger Fähnrich trat ein, grüßte militärisch die Gesellschaft und überreichte dem Gastgeber einen schwer versiegelten Brief, worauf er sich unter gleicher strenger Begrüßungsform wieder entfernte.

Das war ein wenig eine Störung des allgemeinen Ueberbehagens, die aber bald noch ernster wurde. Denn der fettliche Marquis von Maugiron hatte kaum das Schreiben mit widerwärtiger Ungeduld erbrochen und einen Blick auf dessen Inhalt geworfen, da merkte bald die ganze Gesellschaft, daß etwas wie ein Unheil im Anzug sein müsse; denn das übervollblütige Schlemmergesicht des Marquis verfärbte sich, nicht gerade ins Blasse, aber ins Blaugraue, und seine feuchten Augen schienen ihm förmlich aus den Augen zu quellen.

»Aber, was ist denn los um des Himmels willen!« rief's von allen Seiten.

»Der Teufel ist los«, antwortete bebend der Marquis, »oder wenn Ihr lieber wollt, der Profoß, der Generalgewaltige, er will meinen Laloutre ausgeliefert haben. Unser göttlicher Laloutre soll den Strick um den Hals bekommen, noch heute abend, noch zu dieser Stunde. So befiehlt es der Herr Marschall; da lest selber.«

Und folgendes war ungefähr der Inhalt des Trenneschen Briefes: zwei übelbeschriene Marodeure waren am Nachmittag wegen böser Uebeltaten zum Strang verurteilt worden und der Prozeß hatte ergeben, daß ein gewisser Laloutre, im Dienst des Generalleutnants von Maugiron, sich an den Schurkereien jener als Helfershelfer mitbeteiligt hatte; daher der strenge Befehl des Marschalls an den Marquis von Maugiron, seinen Koch Laloutre unverzüglich dem Profossen zu überliefern, der auf dem Rathaus zu Neckarsulm seines fürchterlichen Amtes waltete.

»Aber, was soll denn aus mir werden ohne den Laloutre,« stöhnte der verzweifelte Marquis; »da mag der Teufel den ganzen Feldzug holen.«

»Ihr habt recht, Marquis,« bemerkte der Vizgraf von Barbançon, ein hagerer Kavallerieoberst, der durch seinen Sarkasmus berühmt war, »der verdammte alte Hugenotte (er meinte Turenne) ist allzu eifrig dahinter her, uns den Spaß am Krieg zu verderben; ein wohlberatener Feldherr müßte im Gegenteil alles tun, um uns bei guter Laune zu erhalten.«

»Tut er ja auch,« fiel ihm der Jüngling Roger Rabutin ins Wort; »er hält uns unausgesetzt Moralpredigten. Unsere Schuld, wenn wir nicht Geist und Witz genug haben, uns darüber zu belustigen.«

»So, ich soll mich noch darüber belustigen, wenn man mir meinen Koch stranguliert,« versetzte bitterernst der Gastgeber. Dann bat er um die Erlaubnis, sich einen Augenblick in sein Arbeitskabinett zurückziehen zu dürfen. An der Türe wandte er sich noch einmal um.

»Ich habe einen Gedanken, meine Herren,« sagte er, »und ich hoffe, Ihr sollt mit mir zufrieden sein.«

»Er hofft,« rief der junge Rabutin lustig, »lassen wir also die Pastete nicht stockig werden; es könnte die letzte sein, die uns die göttliche Kunst des Laloutre bereitet hat.«

Und alles folgte willig seiner Aufforderung. Der Vizgraf von Barbançon erhob sein Glas. »Stoßen wir an auf das Wohl des Künstlers. Das Genie sollte eigentlich einen Freibrief haben.«

»Aber unser neugebackener Fürst, der Herr von Turenne, schätzt leider nur sein eigenes Genie,« meinte lachend und mitanstoßend der flaumbärtige Bussy-Rabutin, der sich selber für eines hielt, er war nämlich ein Dichter.

Seine Lustigkeit wirkte ansteckend auf alle, und das Gelage zeigte, als der Hausherr zurückkehrte, bereits wieder ein völlig ungetrübtes Gesicht.

»Meine Herren, beglückwünschen Sie mich,« rief dieser, »ich glaube, ich habe meine Sache gut gemacht.«

Und alles stürmte mit Fragen auf ihn ein.

»Ganz einfach,« antwortete er, indem er seinem rotberockten Trabanten sein Glas zum Vollschenken hinhielt. »Ich wundere mich nur, daß ich nicht gleich darauf kam. Der Laloutre hat nämlich einen Gehilfen namens Alexander, der zwar seinem Vorgesetzten körperlich sehr ähnlich sieht, aber sonst ein ganz und gar talentloser Bursche ist. Der mag nun immerhin gehenkt werden.«

»Wieso?« rief's von allen Seiten.

»Seid ihr begriffsstutzig?« versetzte der Marquis. Begreift ihr wirklich noch nicht? Es ist doch ganz selbstverständlich. Ich habe natürlich den Alexander mit einem Brieflein an den Profossen geschickt.«

»Und der arme Teufel wird nun gehenkt werben?«

»Ist es wahrscheinlich schon in diesem Augenblick. Meister Cassecou pflegt in solchen Fällen wenig Umstände zu machen,« versetzte befriedigt der joviale Gastgeber.

Da wurde sogar der jungfernhaft aussehende Rabutin ernst.

»Donnerwetter!« rief er, »Ihr seid ja ein kleiner König David, Herr Generalleutnant. Einen solchen Uriasbrief habt Ihr geschrieben und abgeschickt?«

Der Marquis schmunzelte.

»Was blieb mir anders übrig. Mein Koch mußte gerettet werden um jeden Preis. Im übrigen hat der Herr Marschall nicht unrecht: Gerechtigkeit muß sein.«

Dem mußten sie alle beistimmen, und die Heiterkeit, die für einen Augenblick gestört schien, wurde jetzt um so größer und steigerte sich zu einem Grad von lustiger Ausgelassenheit, wie sie selbst an der Tafel des Marquis von Maugiron, so sehr sie dafür bekannt war, nicht alle Tage erlebt wurde.

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