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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 19
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
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Der Papst und der Abt

Papst Sixtus V. war vor seiner Erhebung auf den Stuhl des heiligen Petrus ein großer Theologe, dem in der Welt nichts so wichtig schien, als mit der glimmenden Lampe des Aristoteles die dunklen Abgründe der Mystik zu durchleuchten; nach seiner Krönung mit der Tiara aber wurde er vor allem ein strenger Handhaber weltlicher Ordnungen und gewissenhafter Verwalter größter und kleinster Dinge, also daß er nicht nur von den wilden Banditen der abruzzischen Berge, sondern auch von den behaglichen Männern der Amtsstuben und Kanzleien gefürchtet wurde wie das höllische Feuer.

Nicht nur ließ er sich keinen Augenblick die verwickelten Fäden der hohen Politik entgleiten, die ihm besonders die Könige von Frankreich und Spanien und nicht zum wenigsten die jungfräuliche Beherrscherin der britischen Inseln ärgerlich genug zu verknoten trachteten; er hatte auch noch Zeit übrig und verachtete es nicht, in wohlgeregelten Wollmanufakturen und Seidenspinnereien harmlosere Fäden zu zwirnen, deren Bedeutung für die Wohlhäbigkeit der päpstlichen Kassen ihm ebenso einleuchtete, wie das Nützliche dieser Wohlhäbigkeit selber.

Denn wenn er auch von früh auf zum Orden dessen gehörte, der die Armut für seine Braut erklärt hat, welches eben eine Mystik ist, so war er doch auch eines Bauern Sohn, nämlich des Schweinezüchters Pietro Peretti zu Grottamare bei Montalto, davon er manches im Blut haben mochte.

Nur wenige Wochen nach der Thronbesteigung dieses sozusagen modernen Papstes erhielt der Abt von St. Blasius zu Spoleto eine plötzliche Vorladung nach Rom vor den Heiligen Vater. Der bejahrte Benediktiner schüttelte bedenklich den Kopf, denn eine derartige Ladung konnte wohl nur bedeuten, daß der Vorgeladene entweder offen verklagt oder heimtückisch denunziert worden war und sich vor dem Statthalter Christi persönlich zu verantworten habe.

Und damit hatte es der silberhaarige Klosterregent in der Tat getroffen; wenigstens konnte er kaum noch daran zweifeln, als nach dem Pantoffelkuß der Papst mit dem Kapuzinerbart und dem harten Bauerngesicht in strengem Ton und unter forschenden Blicken das Wort an ihn richtete. Danach nämlich war Seiner Heiligkeit zu Ohren gekommen, daß der Abt ein gewissenloser Verschwender sei, der zwar nicht durch üppigen Wandel, aber durch falsche Gutmütigkeit und sträflichen Leichtsinn das Klostergut seiner Abtei wiederholt in Schaden gebracht hätte.

Der greise Sohn des heiligen Benedikt bekam vor dieser Beschuldigung ein über und über rotes Gesicht, daß der Haarkranz seiner Tonsur noch schneeiger als gewöhnlich darüber lag; wenn aber der Papst und ehemalige Barfüßermönch daraus etwa die Beschämung eines Schuldbewußten hätte ablesen wollen, wäre er damit in einen bösen Irrtum verfallen. Was vielmehr diesem Mönch mit seiner leidenschaftlichen Seele einen roten Kopf machte, war eine tief gefühlte, sittliche Entrüstung über die elende Niedrigkeit derer, die ihm seine edle Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit zum Verbrechen stempeln wollten. Und eher noch als Scham war ein wenig Hochmut dabei des aristokratischen Benediktiners gegen den meist bildungslosen und unwissenden Mischmasch der Bettelorden, daraus dieser Papst emporgestiegen war zum höchsten Richterstuhl der Welt.

Aber so gerecht seine leidenschaftliche Entrüstung sein mochte, er konnte im Angesicht des strengen Papstes nicht umhin, in seine Verteidigung einzutreten. Es war richtig, er hatte in seinem Leben selten widerstehen können, wenn einer in Bedrängnis zu ihm kam, mit kleineren oder größeren Darlehen auszuhelfen, oder Stundung von Schuldzinsen und sonstigen Gefällen solchen Schuldnern zu gewähren, die sich gerade in schlimmer Lage befanden; aber nie war dabei das Klostergut ernstlich geschädigt worden, auch die säumigsten Schuldner waren, wenn auch freilich erst spät, ihren Verpflichtungen zuletzt doch immer mit empfundener Dankbarkeit nachgekommen.

Diese Erklärung schien der Heilige Vater fast beifällig entgegenzunehmen, so daß der erregte Benediktinerabt sich bereits wieder in das Gleichgewicht seines Gemüts zurückgefunden hatte, als der Papst ihn plötzlich unterbrach.

»Mein Sohn,« fragte er, »wie lange bekleidest du deine Stellung schon?«

Und der Spoletaner mußte gestehen, daß er allerdings auffallend jung, nämlich bereits mit dreiunddreißig Jahren in die Abtwürde gelangt sei.

»Hm, hm,« brummte der Priester auf dem Thron, indem er sich mit der Linken im Bart kratzte. »Mit dreiunddreißig, da ist man freilich noch ein wenig unerfahren. Da mag man sich schon einmal übertölpeln lassen; was meinst du, mein Sohn?«

»Mit dreiunddreißig Jahren,« antwortete der Abt, »hatte unser Herr Christus bereits seine ganze irdische Laufbahn vollendet.«

»Er war Gottes Sohn,« versetzte der Papst scharf, »du brauchst kühne Vergleiche, Abt von St. Blasius. Man soll aber nicht einen Knaben zum Vater setzen über bejahrte Brüder. Wir finden solchen Brauch nicht löblich und werden ihm nach Kräften steuern. Und dir, mein Sohn, ist gar keine Unbesonnenheit in früherer Zeit unterlaufen? Du findest all dein Tun lobenswert? Aber hast du nicht absichtlich in deinem Gedächtnis das ausgestrichen, was für deine Eigenliebe peinlich oder beschämend sein könnte? Besinne dich, mein Sohn, vielleicht, daß du dich noch an einen gewissen Bruder Felix erinnerst, einen jungen Kapuziner, der eines Tages mit abgetretenen Sandalen und zerschlissener Kutte sich bei dir eindrängte. Und du warst freundlich gegen ihn, trotz seines verlumpten Aussehens; du setztest ihm eine Flasche Wein vor und weißes Brot und Ziegenkäse und hattest dann ein Gespräch mit ihm, der dir erzählte, daß er nach Bologna auf die Hohe Schule ziehen möchte und überhaupt von großen Dingen zu dir redete und ...«

»Und sechshundert Skudi aus mir herauslockte, der scheinheilige Schurke,« fiel der Abt ein. »Ja, heiliger Vater, damals bin ich wirklich einem Spitzbuben zum Opfer gefallen; aber ich glaube, das war der einzige wirkliche Gauner, mit dem ich es in meinem Leben zu tun hatte; er hat nie wieder, auch nicht mit dem kleinsten Wörtchen, von sich hören lassen.«

»Du irrst dich, mein Sohn,« entgegnete der gefürchtete Papst mit drohend erhobenem Finger, »er hat ja eben von sich hören lassen. Wir selber waren der Bruder Felix ...«

Der Abt von Spoleto war ein herzhafter Mann, nun aber schwirrte es ihm doch unheimlich vor den Augen; aber da hörte er den Papst lachen und fand den Mut zu einer Entgegnung.

»So wissen Eure Heiligkeit nun,« sagte er, »daß auch der Gutherzigste es mit der Galle kriegen kann, wenn man ihm unter die Nase reibt, daß er sich hat übertölpeln lassen; der Dumme möchte eben keiner gewesen sein, darauf läuft zuletzt alles hinaus.«

Der Papst mit dem langen grauen Bart nickte mehrmals. »So hör' ich einen Diener der Kirche gern reden,« sprach er. »Du, mein Sohn, warst ja einst ein allzu junger Abt, und doch konnte ich eine große Weisheit von dir empfangen, die nämlich, daß ich früh begreifen lernte, was für eine wichtige Sache es ist um eine Summe Geldes; denn ohne deine sechshundert Skudi, die mir zum Doktorhut verhalfen, wäre ich schwerlich Papst geworden, da mir nicht wie anderen ein Fürstenhut in die Wiege gelegt war.«

Während der Mann mit dem derben Bauernkopf über dem feinen weißen Talar also sprach, hatte er ein Blatt vom Tisch genommen, das er nun ernst betrachtete.

»Wie doch sechshundert Skudi in vierzig Jahren sich vermehren,« nahm er die Rede wieder auf. »Wir haben davon die Zinsen und Zinseszinsen berechnen lassen; schau her, mein Sohn, was es für eine Summe ist, sie erschreckt mich fast. Aber laß sie dir vom Kardinal-Schatzmeister auszahlen, und wenn du zu Hause deine Erhebung auf den erzbischöflichen Stuhl von Ancona vorfindest, so bist du heut nicht mehr zu jung dazu, mein Segen begleitet dich.«

Fast betäubt verließ der Abt den Papst; aber seine Gedanken mußte er sich trotzdem machen. Denn er war ein Philosoph eigener Art, und daß der Papst eine Handlung, die er im Grunde der Seele verwerflich fand, deshalb königlich belohnte, weil sie nun gerade sein eigenes Glück gemacht hatte, zwang ihm ein fast mitleidiges Lächeln ab. Es ist doch ein schauerliches Verhängnis der Großen, dachte er, daß sie mit ihrer Gnade wie mit ihrem Zorn die Gerechtigkeit beleidigen müssen, sie mögen es anstellen, wie sie wollen.

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