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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 18
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
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Der Fuchs und die Wölfe

In seinem hintersten, unzugänglichsten Kabinett saß der Staatsminister Colbert, der vielgerühmte Geldversorger Ludwig XIV., vor einem weitläufigen Sekretär, und darauf lagen zwei ungeheure Stöße von Papieren vor ihm aufgehäuft. Einen derselben, den kleineren, hatte er bereits durchgemustert und dabei lange Reihen von Zahlen auf ein Blatt notiert, ungeheure Zahlen, die aber der rechnerische Finanzmann keineswegs finster anblickte. Es waren die Rechnungen des Schloßbaues zu Versailles. Das ist wenigstens kein weggeworfenes Geld, dachte er. Es kommt unserer Industrie zugute, deren blühender Aufschwung schon heute den Neid unserer Nachbarn weckt. Die französische Kunst, der französische Geschmack imponieren der Welt von Tag zu Tag mehr, der Export wächst, der nationale Wohlstand mehrt sich zugleich mit dem nationalen Ruhm, ich bin stolz darauf.

Er begann in dem andern, weit höheren Haufen zu blättern und jetzt verdüsterte sich seine heitere Miene und seine schlanke weiße Hand fuhr wiederholt unwirsch in die Mähne seines krausen Haares, das, in der Mitte gescheitelt, aber nur oberflächlich gekämmt, ihm wie eine vernachlässigte Perücke auf den breit ausgelegten Spitzenkragen herunterfiel.

Diesmal waren es die Rechnungen des Kriegsministers. Und was für Zahlen starrten ihm da entgegen. Dem Minister wurde fast schwindlig davon, die warfen ihm ja alle seine Berechnungen über den Haufen. Es wird immer böser, dachte er. Aber kein Wunder. Unsere Heere stehen überall, in Spanien, in der Franche-Comté, am Rhein, in den Niederlanden. Was nützt es, daß ich Tag und Nacht sorge und schaffe, es ist doch alles nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Mein Leben ist eine Sisyphusarbeit, man möchte manchmal verzweifeln.

In diesen Gedanken wurde er unterbrochen. Sein Leibtrabant erschien unter der Türe. Draußen sei ein Herr Riquet und begehre vorgelassen zu werden. Der Minister fuhr unwirsch auf. »Was hat dich gebissen, Niklas, du weißt doch, daß ich hier niemanden empfange, niemanden. Und Riquet, Riquet ... was soll mir das? Das ist ja ein Hundename!«

Dennoch ließ sich der Lakai nicht abwendig machen. Der Herr draußen behaupte fest und steif, er sei vom Minister selber hierher bestellt, auf diese Stunde sei er bestellt.

Der Minister besann sich. »Wie heißt der Mann?« fragte er.

»Riqu... Riqu...«

»Esel,« fiel der Minister dem Stotternden ins Wort, »Riquetti wird er heißen. Richtig, nicht wahr? Aber das ist ja mein goldiger Italiener. Gewiß, gewiß, den habe ich allerdings herbestellt. Melde ihm unverzüglich, ich freute mich sehr der Ehre seines Besuches.«

Der Eintretende, ein Mann ungefähr anfangs der Vierziger, von schlanker, magerer Gestalt, schlicht bürgerlich aber sorgfältig gekleidet, erhielt einen fast enthusiastischen Empfang.

»Sehr erfreut, Herr Riquetti, ungemein erfreut. Aber wollen Sie sich die Mühe nehmen, sich zu setzen. Sie sind ja ein wahrer Wundermann. Welch gewaltige Idee. Solange die Welt steht, ist so etwas nicht gedacht worden. Die Alten haben auch Großes vollbracht. Aber, mein lieber Riquetti, Ihr Plan stellt alles in den Schatten. Nein, lächeln Sie nicht. Ich spreche ganz im Ernst. Sie sind ein Genie. Noch nie ist aus einem menschlichen Gehirn solch ein gewaltiger Gedanke hervorgegangen. Den atlantischen Ozean durch einen Kanal mit dem Mittelmeer zu verbinden, schon der bloße Einfall sichert Ihnen Unsterblichkeit. Ich war zuerst wie berauscht davon. Und Ihr Gedanke wird ausgeführt werden, und Ihnen werden unsere mittägigen Provinzen einen neuen unerhörten Wohlstand verdanken. An der Möglichkeit ist gar nicht zu zweifeln. Ich habe mit Herrn Lechevalier zusammen Ihre Pläne und Berechnungen eingehend geprüft, Sie haben mich vollkommen überzeugt. Es handelt sich nur,« – hier wurde die Rede des Ministers zögernder und seine Miene nachdenklicher – »nur darum, die ersten Gelder aufzutreiben, die einzige Schwierigkeit.«

»Ich hoffe ...« wollte der Ingenieur das Wort ergreifen, aber der Minister ließ ihn nicht ausreden.

»Gewiß, wir hoffen,« fiel er ein; »aber Sie kennen die Franzosen nur halb. Die reichen Leute hierzuland haben wirklich wenig Wagegeist. In diesem Punkt stehen sie hinter den Engländern weit zurück. Sie sind von einer geradezu krämerhaften Aengstlichkeit, und wo nicht das dicke Trumm eines sicheren Profits schon handgreiflich herausschaut, da sind sie schwer zu haben. Ihr Plan wird den engen nüchternen Köpfen unserer Geschäftsleute geradezu wie eine wahnsinnige Phantasterei erscheinen. Was nämlich das Geld zu leisten vermag, wenn es sich zusammentut, wenn es sich vergesellschaftet, eine Sache, die man in England längst begriffen hat, will unseren französischen Gehirnen nur schwer eingehen. Nehmen Sie die Indische Compagnie, die schon heute zum Vorteil des Landes so ungeheuren Gewinn erzielt, glauben Sie, sie wäre je zustande gekommen, wenn ich ihr nicht mit reichen staatlichen Geldern sozusagen vorgespannt hätte.«

»Auf einen solchen Vorspann, wie Sie es nennen, hoffe ich eben auch meinerseits rechnen zu dürfen,« versetzte hier der Ingenieur, »besonders seitdem ich weiß, wie sehr mein Plan sich des Beifalls Eurer Gnaden erfreut.«

Die Miene des Ministers verfinsterte sich noch bedenklicher, Herr Riquetti war bei ihm auf den wundesten Punkt gestoßen.

»Sehen Sie diese Stöße Papier,« antwortete Colbert entmutigt, »es sind Rechnungen, und in diesem Augenblick, wo wir zusammen reden, weiß ich noch nicht, wo ich das Geld dazu hernehmen soll. Wahrhaftig, ich bin augenblicklich in einer solchen Lage, um auch nicht einen Centime für Sie übrig zu haben.«

Und das klang nun freilich so trost- und hoffnungslos, daß die vorausgegangene nationalökonomische Begeisterung des Ministers darin wie in einen Abgrund versank und Herr Colbert selber sich heimlich nicht genug verwundern konnte, daß Herr Riquetti darauf keineswegs in Niedergeschlagenheit zusammenknickte, sich vielmehr mit einem fast überlegenen Lächeln zur Antwort anschickte.

»Ich hätte eine Bitte an Eure Herrlichkeit,« sagte er, »deren Erfüllung Sie keinen Heller kosten soll.«

Und als Herr Colbert wohlwollend zugenickt: »Sie empfangen, Herr Minister, nächster Tage die Generalpächter der königlichen Steuern zur Erneuerung der Pachtverträge, ich bitte Sie um weiter nichts, als um die Erlaubnis, bei diesen interessanten Verhandlungen gegenwärtig zu sein.«

Der Minister lachte.

»Ah, ich errate, Sie wollen als angehender Geschäftsmann großen Stils mir die Methode ablernen, wie ich diesen Blutsaugern der Nation die Daumenschrauben fester anziehe, und gedenken dann eines Tages Ihre Nutzanwendung zu machen. Das sei Ihnen gern gegönnt, Sie sollen unbehindert Zutritt haben, sooft es Ihnen beliebt.«

Damit endete die Audienz. Als aber drei Tage später die reichsten und mächtigsten Steuerpächter des Königreichs, etwa ein halbes Dutzend dickgemästeter (was aber nicht gerade wörtlich zu nehmen ist), bei verschlossenen Türen im großen Kabinett um den Minister versammelt waren und gerade einige recht kitzlige Punkte in Rede standen, hörten die Herren Zöllner plötzlich in der Türe den Schlüssel drehen und konnten sich kaum fassen in ihrem Erstaunen, den braunen, hageren Riquetti eintreten zu sehen, den der und jener von ihnen bereits kannte als den Mann, der ein unerhörtes und fabelhaftes Kanalunternehmen im Kopfe trug.

Die Versammelten wechselten untereinander fragende Blicke, eine große innere Unruhe bemächtigte sich ihrer, so daß sie erst auf ein strenges »Bitte, meine Herren« von seiten des Ministers wieder zur sachlichen Aufmerksamkeit zurückgelenkt wurden.

Der braune Hagere tat indessen kaum dergleichen, als ob er hier auch nur im geringsten stören könne. Er zog sich einen Sessel in eine Fensternische und war bald, die Beine übereinandergeschlagen, ganz in seine eigene Beschäftigung vertieft, die darin bestand, daß er mit seinem zierlichen Federmesser in Perlmutterheft sich höchst sorgfältig die Fingernägel beschnitt. Da dachten denn die Geldmenschen zunächst auch nicht weiter an ihn, da sie ohnedies ihre Sinne gehörig zusammennehmen mußten, wenn sie dem zähen und gewandten Minister die Stange halten wollten.

Als aber dann die Sitzung für diesen Tag geschlossen wurde, ohne daß man zu einer Einigung gekommen war, da richteten sich wieder die Blicke aller nach dem sonderbaren Eindringling, der sich selber um nichts zu kümmern schien, was aber die Pächter erst recht beunruhigte. Der Minister hatte sich bereits zurückgezogen, die Zöllner aber, zu einer Gruppe vereinigt, steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Ein Mann, daran konnten sie nicht zweifeln, der hier so eintreten durfte, mußte notwendig ein intimer geschäftlicher Berater des Ministers sein. Nur in dessen Auftrag konnte er hier sein. Von seinen Ratschlägen mochte vieles abhängen. Und ob sich da nicht etwas tun ließe?

Sie waren bald einig untereinander, und dann näherte sich der Vornehmste unter ihnen, es war der Herr Belley de la Barte-Rivière, der Fensternische, wo Herr Riquetti eben sein Federmesser in die Westentasche steckte und sich zum Weggehen anschickte. Herr von Belley begrüßte den Italiener unter tiefer Verbeugung, und nach einigen wortreichen hohen Komplimenten über dessen wunderbares Kanalprojekt bot er ihm, im Namen seiner Kollegen, zur ersten Finanzierung seines Unternehmens eine Anleihe von 500 000 Livres. Aber der Ingenieur zuckte nur geringschätzig mit der Achsel, er erklärte, daß er durchaus kein Geld brauche und verließ mit einer steifen Verbeugung das Gemach.

Die Pächter sahen ihm verdutzt nach. Sie fühlten, sie hatten zu wenig geboten. Was waren in der Tat 500 000 Livres bei einem Gesamtgeschäft von an die hundert Millionen, wie sie es mit dem Minister für sich abzuschließen in Begriff standen.

Und demzufolge wiederholten sie am folgenden Tag ihr Angebot, diesmal mit einer Million. Nun lächelte Herr Riquetti, das war schon etwas für den ersten Anfang, und dankend nahm er an unter der Bedingung, daß der Herr Minister damit einverstanden sei. Natürlich gab dieser höchst vergnügt seine Zustimmung, und der Kanal von Languedoc, wovon bald die ganze Welt staunend sprach, war gerettet – wozu nun freilich zu bemerken ist, daß die zugesagte Million damals etwas anderes war, als sie in heutiger Markwährung, ach Gott, ja, als sie in jeder andern heutigen Währung bedeuten würde.

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