Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
Schließen

Navigation:

Wie der Engländer den Franzosen überführte

Man sollte nicht meinen, daß zwei geistig hochstehende Menschen über die Vorzüge ihrer beiderseitigen Nationen ernstlich in Streit geraten könnten; denn da schon die literarische Behandlung dieses Themas über gewisse Befangenheiten und Ungerechtigkeiten nicht hinwegkommen wird, wie viel mehr erst die mündliche, wo denn doch jeder, dem Gebot der Höflichkeit sich mehr oder weniger unterwerfend, mindestens so viel zurückhalten muß, als er aussprechen darf, was die ganze Streitfrage notwendig zur Unfruchtbarkeit verdammt.

Besonders sollte man nicht meinen, daß der wunderbare Markusplatz zu Venedig, der geistreichen und unterrichteten Menschen wahrlich andere Gesprächsstoffe genug in sinnlicher Greifbarkeit darbietet, gerade der Schauplatz eines solchen Zankes werden könnte.

Ueberdies waren die beiden Streitenden europäische Berühmtheiten ersten Ranges. Das monumentale Werk »Vom Geist der Gesetze« wird zwar heute, wenigstens bei uns, nur noch von wenigen gelesen, dennoch hat jeder eine Ahnung seiner ehemaligen ungeheuren Bedeutung. Als sein Verfasser daran arbeitete – und es handelte sich dabei um einen geradezu gigantischen Bau von Ideen und Dokumenten –, machte er nebst anderen Studienreisen auch eine solche nach Venedig, dessen aristokratisch-republikanische Verfassung und Gesetzgebung ja das größte Unikum darstellte in der Welt vor der Revolution.

Und noch kaum vierzehn Tage weilte Herr von Montesquieu in eifrigem Studium auf dem für solche Forscher manchmal etwas brenzligen Boden des Hl. Markus, als er eines Nachmittags auf der Piazzetta, wo gerade einige Fremde sich mit dem Füttern der bekannten Kirchentauben vergnügten, einem keineswegs alltäglichen Bekannten in die Hände lief. Unser Goethe, in noch höherem Grad ein Mann von europäischem Ruf und Ruhm, ist nicht viel später ebenfalls wie oft über diesen nämlichen Platz geschlendert, ohne je einer, ihm bekannten Berühmtheit zu begegnen; er wohnte eben in Weimar, und Montesquieu war ein Mann der großen Pariser Gesellschaft, wo ganz Europa, soweit es in diesem Sinn in Betracht kam, sich gelegentlich ein Stelldichein zu geben pflegte. Von daher kannte er denn auch den alten Lord Chesterfield, den ehemaligen englischen Staatsminister und Vizekönig von Irland, und kein anderer war's als er, dem er nun plötzlich im Schatten der märchenhaften Markuskirche gegenüberstand.

Es gibt aber kaum eine weniger einsiedlerische Natur als die eines Franzosen. In einem Goethe hätte eine solche Begegnung wenigstens einen Augenblick lang sicher ein gewisses Mißbehagen ausgelöst, obwohl er keineswegs an einem gigantischen Bau von Ideen und Dokumenten am Werke war wie Montesquieu: dieser jedoch, wie auch der Engländer, war von dem unerwarteten Zusammentreffen, seiner fleißigen Studien ungeachtet, höchst beglückt, er konnte ja nicht ahnen, welch ein ärgerliches Ende die Sache nehmen werde.

Und bald sah man die beiden, den stämmigen französischen Baron mit der künstlich gekräuselten langen Perücke und den bereits etwas greisenhaften schlanken Lord, den Kopf mit spärlichen weißen Haarlöckchen bedeckt, in eifrigem Gespräch auf dem Platze auf- und abschreiten. Und niemand weiß natürlich, wie es kam und was für ein Teufel sie reiten mochte; aber ehe sie sich's versahen und all ihrer gegenseitigen Weisheit zum Trotz sahen sie sich in einem fast heftigen Streit über die gegenseitigen nationalen Tugenden und Untugenden verwickelt, woraus sie dann nicht so leicht wieder einen Ausgang fanden.

Ich denke mir, daß es der Franzose war – er wurde später hart genug dafür gestraft –, der zuerst das Gespräch auf das heikle Thema brachte. Denn die Engländer sind eigentlich viel zu stolz, ihr sichergefestetes Bewußtsein, die erste Nation der Welt zu sein, genügt ihnen vollkommen, sie fühlen kaum das Bedürfnis, sich diese Tatsache durch andere, bestätigen zu lassen; die mehr eitlen als stolzen Franzosen aber haben dieses Bedürfnis in hohem Grade. Die »Ersten« zu sein genügt ihnen nicht, sie sind nur zufrieden, wenn auch die anderen es ihnen zugeben. Also wird es wohl der Herr von Montesquieu gewesen sein, der zuerst anfing, den französischen Geist, diese Wunderblüte seiner Nation, etwas großsprecherisch – wenn auch natürlich in allen Formen liebenswürdigster Höflichkeit – gegen die englische Nüchternheit und Trockenheit herauszustreichen, diesen lebendigen, zarten, feinwitzigen, diesen glänzenden phantasiebeschwingten, kurz eben diesen französischen Geist, durch den, nach des Redners Meinung, die französische Gesellschaft so gut wie die französische Literatur auf die ganze Welt eine unwiderstehliche, bezaubernde Wirkung ausübten.

Der ehemalige Vizekönig von Irland, selbst ein höchst geistreicher Mann, gab dies alles zu, meinte aber, man müsse bei einer Medaille nicht nur die eine, sondern auch die andere, die Kehrseite betrachten, und diese Kehrseite sei in dem vorliegenden Fall ein auffallender Mangel an gesundem Menschenverstand. Dieser Mangel sei recht eigentlich das Charakteristikum des französischen Volkes, das, all seinem Geist zum Trotz, jeden Augenblick in Albernheiten und Ueberspanntheiten verfalle, womit es oft genug der ganzen Welt zum Gespött, und ungeachtet seiner sonstigen vorzüglichen Eigenschaften von niemand eigentlich recht ernst genommen werde.

Das klang hart, in so liebenswürdiger Form es auch vorgebracht war, und Herr von Montesquieu konnte es unmöglich gelten lassen.

»Wo sollte denn«, fuhr er auf, »der Geist herkommen, wenn nicht vom gesunden Menschenverstand, dessen feinste und zarteste Blüte er darstellt, und aus dem er allein seine Nahrung zieht, nur daß man eben den armen kahlen Verstand leicht übersieht, wenn seine hellen, leuchtenden, seine buntschimmernden Geistesblüten in großem Reichtum an ihm hervorbrechen; gleichwie man an einem Frühlingsbaum das kahle, schwarzgraue Astgestänge auch nicht mit Bewußtsein wahrnimmt, wenn seine Krone über und über mit leuchtenden Blüten bedeckt ist.«

Bei der englischen Nation aber, fügte er hinzu, brauche der gesunde Menschenverstand deswegen nicht gesünder und mächtiger zu sein, weil sein kahles Gerüst sich uns allzeit ins Bewußtsein drängt, was nur daher komme, daß eben der Geist fehle, wie im Winter dem Baume die Blüten fehlen; der urgesunde Menschenverstand der Engländer – und das hänge allerdings mit Klima und Temperatur zusammen – sei eben wie ein Baum im ewigen Winter. Wer an einen solchen Baum allein gewöhnt sei, habe natürlich kaum die Fähigkeit, einen richtigen Blütenbaum des Frühlings überhaupt als Baum zu erkennen.

Auch das war fast allzu scharf gesagt, und Lord Chesterfield hätte sich wohl versucht fühlen können, darauf bitter zu antworten. Bei seiner Erziehung und seinen Prinzipien aber widerstand er dieser Neigung und antwortete nur mit kühler Ruhe, wodurch er freilich den lebhaften Franzosen nur reizte, die blinkenden Münzen seines Geistes um so verschwenderischer auszugeben. Er hatte davon einen reichen Vorrat, so darf man vermuten, daß nach zweistündigem und natürlich unentschiedenem Streit der Franzose wohl um einiges befriedigter und in seiner Selbstliebe geschmeichelter sich verabschiedete als der Lord, doch soll das dahingestellt bleiben. Zu allerletzt blieb jedenfalls der Herr von Montesquieu der Leidtragende, und das kam so:

Als nämlich des andern Tags der berühmte französische Schriftsteller, mit der weißgefiederten Schwanenfeder in der Hand, vor seiner aufgehäuften Geschriftmasse saß, indem er da und dort auf den Blättern Bemerkungen und Korrekturen anbrachte, trat der Kammerdiener ein und meldete, ein unbekannter Venetianer begehre in wichtiger Angelegenheit den Herrn Präsidenten zu sprechen. Dieser verwünschte zwar die Störung, entschloß sich aber doch, den Fremden zu empfangen. Der Eintretende, seinem ganzen Aussehen nach nicht in den besten Verhältnissen lebend, erging sich zunächst in überschwenglichem Lob der französischen Nation wie auch insbesondere einzelner namhafter Franzosen, die Venedig besucht hatten, und von denen er unvergeßliche Wohltaten empfangen habe, so daß er sich jedem Landsmann derselben zu tiefem Dank verpflichtet fühle. Und dies allein sei das Motiv seines heutigen Besuches bei Seiner Herrlichkeit dem Präsidenten, um denselben vor einer großen Gefahr zu warnen, die ihm drohe. Dessen häufige Besuche in gewissen Archiven wie auch sein vieles Herumfragen in den verschiedensten Schichten der Bevölkerung, in Kaffeehäusern und an anderen öffentlichen Orten, hätten nämlich den Verdacht der Staatsinquisitoren erregt, und gestern sei in dem geheimen Kollegium der Beschluß gefaßt worden, eine Haussuchung bei ihm zu veranlassen und sich seiner Papiere zu bemächtigen. Sollten sich darunter die geringsten mißliebigen Aeußerungen finden über die Regierung oder deren Vertreter oder auch nur entfernt irgend etwas die Staatsgeheimnisse Berührendes, so stünden ihm, solcher Indiskretionen beschuldigt, die Gefängnisse unter im Bleidächern in sicherer Aussicht, besonders, da auch der französische Botschafter dem Verfasser der » Lettres persanes,« trotz allem gegenteiligen Anschein, wenig freundlich gesinnt sei.

Diese Eröffnungen – besonders die letztere Bemerkung war ihm sehr einleuchtend – hörte Herr von Montesquieu nicht ohne tiefe Bestürzung; und als der Unbekannte, trotz seines schäbigen Aeußeren, eine ihm angebotene Belohnung fast beleidigt zurückwies und sich wie in größter Aengstlichkeit eilig entfernte, wurde er in seinen Befürchtungen vollends bestärkt. In fieberhafter Hast unterzog er seine Papiere einer flüchtigen Durchsicht und warf dann ohne viel Besinnen einen großen Teil derselben in das Kaminfeuer.

Er hatte dies, nicht ohne innere Beruhigung, kaum vollbracht, als Lord Chesterfield hereintrat. Dieser erkannte mit einem Blick, was geschehen war.

»Ums Himmels willen, was machen Sie für Dummheiten,« rief er in ehrlicher Bestürzung, der sich aber dennoch ein leiser Anflug von Triumphgefühl beimischte.

»Ja, ja,« fügte er dann hinzu, »Sie haben sicher sehr geistreich gehandelt. Aber auch sehr unverständig. Wie konnten Sie denn nur glauben, daß ein völlig unbekanntes Individuum Ihnen mit Gefahr seines eigenen Lebens eine derartige Warnung zutrage, wenn sie ernstlich begründet war? Außerdem wissen Sie so gut wie jedermann, daß die Beschlüsse des hochnotpeinlichen Kollegiums sich in ein undurchdringliches Geheimnis hüllen selbst gegenüber den höchsten Würdenträgern des Staates, so daß es jedem anderen Sterblichen eine reine Unmöglichkeit ist, etwas davon zu erfahren. Das alles hätte Ihnen Ihr gesunder Menschenverstand doch sicher gesagt, wenn Sie ihn nur ein klein wenig zu Rate gezogen hätten, und dann wären Sie von selber auf den Gedanken gekommen, daß der Unbekannte Ihnen nur zugeschickt worden ist von Ihrem Freund Chesterfield und nichts anderes bedeuten sollte als die Probe auf das Exempel. Leider haben Sie sie nicht bestanden. Schade nur um Ihre Arbeiten!«

Ja, das war schade, aber die Hauptsache blieb, der Herr Engländer hatte einen wirksamen Trumpf ausgespielt, und wenn er dabei Geist und erregsame Phantasie wieder ein wenig gröblich verwechselte und in eins zusammenwarf, so tat er damit nur, was wir alle, sobald wir in Streit sind, gemeiniglich zu tun pflegen.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.