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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
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»Eine feine Art«

Wenn ein großes Unglück über ein Volk hereinbricht, so wird es, in seiner Gesamtheit wenigstens, selten einsehen oder gar eingestehen, daß es bis zu einem gewissen Grad selbst schuld ist an ...

»Meinen Sie damit uns Deutsche?«

Keineswegs; von sich selber Unangenehmes zu reden, finde ich langweilig, das aber ist bekanntlich nach Voltaire die einzige Todsünde, in die ein Erzähler verfallen kann und ...

»Ah – Sie wollen etwas erzählen!«

Selbstverständlich, ich will nie etwas anderes. Erzählen will ich etwas aus dem großen Pariser Unglücksjahr, dem Jahre 1721, wo durch die Operationen des berühmten Doktor Eisenbart – nämlich des vielbeschrienen Schotten Law – viele Tausende von wohlhabenden Familien, es war anfangs Oktober, von einem Tag zum anderen an den Bettelstab gerieten. Da erhob sich ein großes Jammergeschrei in der sonst so lustigen Stadt und ein noch größeres Wutgeheul gegen den Schotten, so daß die guten Pariser, nach dem Rezept ihres Heiligen Remigius, von Herzen gern verbrannt hätten, wörtlich verbrannt und bei lebendigem Leibe, was sie zuvor so inbrünstig angebetet hatten. Und das war's eben: sie hatten ihn wirklich angebetet zusamt dem goldenen Kalb, dem er in der alten Gasse von Quincampois – in Gestalt seiner Bank natürlich – einen Triumphaltar errichtet hatte, wie noch nie erlebt worden. Ganz rasend, ganz verrückt, ganz wahnsinnig sind sie um den Altar und das Kalb getanzt, und selten wurden im Tempel des Gottes Mammon tollere und wildere Orgien gefeiert als an jenen Tagen. Daran war freilich der Law schuld, aber die Besitzgier und schrankenlose Bereicherungswut der Pariser, war die vielleicht etwas Unschuldiges?

Und da lagen sie nun in der schmutzigen Pfütze ihres Jammers. Komisch aber, daß immer, wenn die Leute kein Geld mehr haben, nun gerade die Lebensmittel teurer werden. Vielleicht war diesmal wirklich die Ernte schlecht geraten, obwohl davon nichts berichtet wird; historisch steht nur das eine fest, daß schon im November das Brot teuer bezahlt werden mußte, und gewisse Hellseher behaupteten, dem unheimlichen Knochengespenst der Hungersnot bereits am hellen Tag auf dem Montmartre begegnet zu sein. Was nun freilich wieder einmal ein schlechter Witz war der Weltregierung, indem davon nicht die Sünder, wie sich's gehört hätte, sondern die Unschuldigen betroffen wurden, nämlich die Masse des armen Volkes, das sich an den sündhaften Orgien nicht im geringsten beteiligt hatte, denn dazu mußte man Geld haben. Wo aber die Not am größten ist, da ist der Wucherer (oder Schieber, wie wir heute so schön sagen) am nächsten, und wenn man es auch bei oberflächlicher Betrachtung nicht glauben sollte, so ist es doch wahr, daß gerade die Not für viele eine überraschende Quelle des Reichtums werden kann. Wir Dummen wollten das nicht glauben, es gibt jedoch Leute, und hat sie zu allen Zeiten gegeben, die – eben nicht so dumm waren.

Wenn das Brot anfängt, teuer zu werden, muß man womöglich alles Getreide für sich kaufen, denn dann wird es notwendig noch viel, viel teurer, und der glückliche Aufkäufer usw. So dachte auch der Großhändler Plenoeuf in der Vorstadt des Hl. Honorat und handelte danach. Und brachte es dahin, daß nun der Preis des Brotes zu wahrhaft wahnsinniger Höhe emporschnellte. Aber ans Wahnsinnige grenzte nun auch bald die Entrüstung und Verzweiflung des Volkes; ja als durch einen unglücklichen oder glücklichen Zufall die Machenschaften des Herrn Plenoeuf ruchbar wurden, da bekam die Vorstadt des Hl. Honorat – vom Montmartre kam's herunter in verdächtigen Scharen – schon in wenigen Stunden ein bedrohliches Aussehen. Und wenn die Regierung sich nicht stark gezeigt hätte, wie man in solchen Fällen zu sagen pflegt, und nicht rechtzeitig wirksame Maßregeln ergriffen hätte, so möchte es dem ehrenwerten Herrn Plenoeuf und seinem Haus und seinen Speichern übel bekommen haben.

Gutmütige Leute mögen ja nun meinen, daß die Regierungen nicht dazu auf der Welt sind, um wüste Ausbeuter gegen das hungernde Volk in Schutz zu nehmen; gewiß, gegen das hungernde nicht, aber gegen das aufständische. So gute Leute verstehen eben selten viel von Politik, und besonders fehlt es ihnen an Gelegenheit, öfter hinter die Kulissen zu schauen.

Man muß nämlich wissen, daß der derzeitige Herr des Landes und der Stadt ( urbis et orbis) der damals nicht der König hieß, sondern der Regent, in eine schöne Dame verliebt war, die sich eine Gräfin von Prie nannte, in Wahrheit aber niemand anders war, als die leibliche Tochter jenes Großhändlers Plenoeuf, und nicht wahr, nun bekommt die Sache schon ein anderes Gesicht? Nun werden selbst die Gutmütigsten begreifen, daß die Regierung oder auch der Herr Regent seine Gründe hatte, »stark zu sein«. So wurde denn, infolge dieser Stärke, der Hauptmann Avejan vom Regiment »Enghien« mit drei Kompagnien nach der Vorstadt des Hl. Honorat beordert, mit dem ausdrücklichen schriftlichen Befehl, nach Kriegsgesetz einzuschreiten und beim geringsten Widerstand das »wütende Hundepack« niederzuknallen.

Dieser Hauptmann Avejan war aber zum Glück ein eigenartiger Herr. Er ließ seine Musketiere mit aufgepflanztem Bajonett gegen die drohende Masse anmarschieren, und da diese nicht wich noch wankte, befahl er Halt. Dann ließ er im Angesicht des Volkes scharf laden und befahl »Bereit zum Feuer«. Die Musketiere legten an, der junge Hauptmann aber, mit seinem schriftlichen Befehl in der Linken, nahm seinen Federhut ab und hielt, nicht ohne sich zuvor graziös zu verbeugen, an das Volk folgende Rede:

»Meine Herrschaften,« begann er, »hier habe ich ausdrücklichen schriftlichen Befehl, alles Hundepack rücksichtslos niederzuknallen; wer also nicht zum Hundepack gehört, den bitte ich höflichst, sich zurückzuziehen, bevor ich Feuer kommandiere.«

Zu diesem Kommando kam es nicht, in weniger als fünf Minuten war keine Seele mehr auf dem Platz. Und so war das wirklich, wie der Chronist bemerkt, eine feine Art; ob dieselbe aber jederzeit und allerorts diese Wirkung haben würde?

Wenigstens wird man einigermaßen bezweifeln, ob es tatsächlich so sehr schlimm stand mit dem Hunger der guten Pariser, wie die Geschichtsschreiber glauben machen wollen, auf die man sich wahrhaftig nie recht verlassen kann.

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