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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
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Aristokraten

(Von noch einem, der es krumm nahm)

Der junge Daniel, Graf von Rantzau, ein Neffe des Grafen Josias von Rantzau, Marschalls von Frankreich, war im Frühjahr 1752, zur Zeit der allmächtigen Marquise von Pompadour, nach Paris gekommen zu keinem anderen Zweck als sich eine lustige Zeit zu machen. Er scheint aber, als ein etwas schwerfälliger Holsteiner, dazu noch weniger Talent besessen zu haben, als er sich wohl selber zugetraut hatte.

Eines Abends befand er sich mit mehreren Standesgenossen in einer Loge der italienischen Oper. Er war noch ein junger Mann von kaum Mitte der Zwanziger, aber die Kameraden waren sämtlich sogar noch jünger.

Man hatte gut gegessen und getrunken und in launenhaftem Uebermut überließ man sich allerlei gewagten Neckereien und verfiel immer mehr in einen Ton, der dem Mann des hohen Nordens doch ein wenig unpassend schien. Keiner von den andern aber dachte so etwas. Von der gegenseitigen Gleichartigkeit gesichert, konnte ein bißchen knabenhaftes Betragen nach ihrer leichten Auffassung nicht schaden. Man wußte, daß man sich gegenseitig respektierte, so durfte man die persönliche Würde außer Spiel lassen, weil sie ja hier unter Gleichen keiner Gefährdung ausgesetzt war; sie herauszuhängen und darauf zu pochen in einer solchen Stunde des Sichgehenlassens, wäre ihnen geschmacklos vorgekommen.

Ein Unbehagen fühlte einzig der nordische Graf, der außerdem gern auf die Musik gehört hätte und sich auch für das Spiel interessierte, da ihm etwas wie die Pariser Italienische Oper keine Alltäglichkeit war wie den andern. Das naiv zu zeigen gehörte nun aber nicht so recht zum guten Ton in diesen Kreisen und konnte nicht verfehlen, auch ihm gewisse Stichelreden einzutragen, wozu der Gegenstand der Oper willkommene Veranlassung gab. Man spielte nämlich die »Rechtschaffenheit in der Liebe«. (Scarlatti hatte sie für die Königin Christine von Schweden komponiert.) Und es handelte sich also um ein Thema, das die anderen, nach dem Geist der Zeit, nicht anders als lächerlich nehmen konnten. Er aber, der außerdem sehr musikalisch war, hätte sich der Handlung und der Musik gern mit ganzer Teilnahme hingegeben und ärgerte sich darum über die ewigen Störungen durch seine Umgebung.

Kurz, er war anders als die Kameraden und mißbilligte innerlich ihr Wesen. Er trug auch erst seit einigen Tagen das Versailler Hofkostüm der neuesten Mode, und da er zu Hause eine derbere Tuchkleidung gewohnt war, so war es ihm in der knisternden Seide mit den leuchtenden Farben und den lang vorhängenden feinen Spitzenmanschetten noch nicht ganz behaglich, also daß weder die Mode der Unterhaltung, noch die der Kleidung recht zu seinem Wesen paßten, was ihn denn mürrischer stimmte, als es der leichte Pariser Ton einem wohlerzogenen Menschen eigentlich gestattete.

Die frechsten Neckereien, wenn auch mehr an die Franzosen als an den Deutschen gerichtet, erlaubte sich der Herzog von Crussol. Es war das ein merkwürdiges Kerlchen. Obwohl bereits mit einer Tochter des Herzogs von Larochefoucauld vermählt, war er doch erst siebzehn Jahre alt; er war außerdem sehr klein und von äußerst zierlicher Gestalt, wozu auch sein zartes Gesichtchen stimmte, so daß er von einem Mädchen mehr zu haben schien, als von einem Mann. Kindlicher und ungefährlicher konnte einer wohl nicht aussehen, und doch war niemand einen Augenblick sicher vor dem Stich seiner losen Zunge. Nur den Holsteiner, wie gesagt, schonte er, da er nach guter Kämpfer Art das Angreifen nur liebte, wo er eine ebenso gewandte Verteidigung erwartete, die er bei dem einsilbigen Nordlandsrecken nicht eben voraussetzte. Dennoch geriet er nun gerade mit ihm in den schlimmsten Handel.

Die Heldin des spielenden Stückes, eine der beliebtesten Sängerinnen des Pariser Publikums, hatte eben unter Hingerissenheit des ganzen Theaters eine Arie beendet und auf das frenetische Dacaporufen des Parterres (das damals noch dem niederen Volk überlassen war), ihren schmelzenden Gesang von neuem begonnen.

»Hundepack,« rief vernehmlich der kleine Herzog, »das kann nicht nippen, muß sich besaufen, verleidet einem den köstlichsten Wein; eine kleine Erfrischung, meine Herren, wenn es Ihnen gefällig ist.«

Und er reichte eine zierliche, mit Brillanten besetzte goldene Dose herum, aus der es von weißen Pastillen wie von Blumenblättlein schimmerte. Jeder nahm sich eine, als erster Graf Rantzau, weil der der nächste war, wenn er auch lieber ungestört dem süßen Singen zum zweitenmal gelauscht hätte. Er hatte aber das weiße Zeltlein kaum auf die Zunge gelegt – es waren nämlich bitterste Koloquinten – als sich sein Gesicht verzog und die andern, die nur ein wenig geleckt hatten, in lautes Lachen ausbrachen. Dieses Lachen bezog er auf sich. Er spie dem mädchenhaften Herzog seine Pastille ins Gesicht und »Sie sind ein Rotzlöffel,« rief er, »wenn ich nicht Ihren Rang und Namen respektierte, würde ich Sie glatt ohrfeigen.«

Rücksichtslos hatte er es herausgeschrien. Die Sängerin, an solche Insulten nicht gewöhnt, brach unter zornigem Augenfunkeln drei Noten vor dem Höhepunkt rasch ab, das ganze Parterre erhob sich mit drohendem Gemurr und schon trat auch die Theaterwache in die Loge der Störenfriede. Alle waren sehr betroffen, keiner fand mehr ein Wort, man verbeugte sich stumm und steif vor dem Grafen und folgte dem Herzog von Crussol, der mit erschrockenem Gesicht, wie ein ausgescholtenes Kind sich erhoben hatte.

Der Graf Daniel hörte noch die Oper zu Ende. Er war nicht unzufrieden mit sich, es dem Laffen gehörig gesagt zu haben. Das hübsche Bübchen wird sich solche Späße nun wohl abgewöhnen, dachte er, ich habe ihm einen guten Dienst erwiesen.

»Leid täte mir's aber, wenn's zum äußersten käme,« sagte er bei sich, als er sich zu Hause vom alten Jens, seinem Kammerdiener, entkleiden ließ, »wirklich, es täte mir leid, wenn ich das Knäblein nun töten müßte.«

Dieser Gedanke war ihm tatsächlich peinlich. Bah, dachte er dann, er wird schon begreifen, daß er es ist, der mich gereizt hat.

Aber immerhin war seine Zufriedenheit mit sich selber bereits sehr im Abflauen. Er wurde auch ungeduldig gegen den sorglich bemühten Jens, das harmlose Gesicht des Alten mochte ihn aufregen, er schickte ihn hinaus.

»Dumme Geschichte,« brummte er. »Aber vielleicht wäre es gut, wenn ich ihm etwas Zeit ließe. Sicher schickt er morgen früh seine Sekundanten. Aber wenn er erst ein paarmal darüber geschlafen hat, das wird ihn etwas beruhigen. Den Vorwurf der Feigheit wird man mir nicht machen. Ich stehe ja gegen ihn wie ein Riese gegen einen Pygmäen.« Er rührte die Klingel.

»Mein alter Jens,« sagte er zu dem eintretenden Diener, »es tut mir leid, aber du mußt mich morgen früh schon um vier Uhr wecken und Kaffee kochen und dem Timm sage, er solle um fünf die gesattelten Pferde bereit halten. Wir werden einen entzückenden Maimorgen haben, ich möchte einen Ausritt machen nach Fontainebleau.«

So kam es, daß die Sekundanten des Herzogs von Crussol, als sie am Morgen gegen neun Uhr im Hotel des Grafen in der Rue de Tournon erschienen, das Nest leer fanden und ebenso am andern Tag. Der Herzog und seine Umgebung wußten nicht, was sie denken sollten. Der Feigheit mochten sie den Grafen nicht gerade zeihen, aber da sie seine Motive nicht ahnten, fanden sie sein Verhalten immerhin seltsam, und das Blut des kleinen Crussol wurde darüber keineswegs kühler.

Am zweiten Tag, spät am Abend, war der Graf übrigens wieder zurückgekehrt, und als er andern Morgens beim Waschen war und Jens ihm gerade den Rücken mit kaltem Wasser abrieb, überbrachte der Reitknecht Timm auf silbernem Teller eine Karte, die mit dem ornamental gezackten und gelöcherten Rand ein winziges Spitzentüchlein nachahmte.

Graf Daniel las einen herzoglichen Namen auf dem Blatt. »Donnerwetter,« scherzte er, »man behandelt mich schon wie den König von Frankreich. Die Herzöge erscheinen zu meinem ›Lever‹.«

Der Kartellträger, einer der jungen Herren von der Abendgesellschaft bei den Italienern, machte bei seinem Eintritt eine steife Verbeugung und ein furchtbar ernstes Gesicht. Graf Daniel mußte lachen.

»Ich sehe es Euch an,« sagte er, »daß der Herzog von Crussol mich erwartet! wo?«

»Im Luxemburggarten, in der großen Kastanienallee.«

»Danke, ich werde mich beeilen.« Und mit der gleichen steifen Verbeugung, womit er eingetreten war, zog sich der andere zurück.

Rantzau, der nun seinen Gegner nicht mehr warten lassen wollte, was er für unhöflich gehalten hätte, vollendete rasch seinen Anzug. Von der Rue Tournon war es nicht weit zu dem berühmten Schloßgarten. Dort mäßigte er seine Schritte zum Schlendergang.

Es war ein wunderbarer Morgen, im Gebüsch sangen die Nachtigallen, die ganze Luft war erfüllt von dem süßen Duft der Syringen, die symmetrisch aufgestellt, wie Riesensträuße weiß und weinrot abwechselnd, die Plattform vor dem Schlosse schmückten, während drüben in der Allee die alten Kastanien wie reichgearbeitete ungeheuere schwarze Kandelaber wirkten, besteckt mit Millionen von flammenden Blüten-Kerzen.

Welch eine Barbarei, dachte Graf Daniel, an einem solchen Morgen nur daran zu denken, ein blühendes Menschenleben auszulöschen und noch dazu wegen nichts als dummen Kindereien. Und ein Kind ist er ja wahrhaftig. Ein verwöhntes, aber ich bin ihm schon gar nicht mehr gram, nicht im geringsten. Was kann ich jedoch tun? Ich werde ihn freilich schonen. Höchstens einen kleinen Aderlaß. Eine kleine Züchtigung verdient er ja. Nachher werden wir gewiß die besten Freunde. Er ist wirklich ein hübsches Bürschchen. Ihn zu töten, absurder Gedanke. Um mich dazu zu bringen, müßte er's schon ganz toll treiben.

Unter solchen Gedanken erreichte Graf Rantzau die Allee und war nicht wenig erstaunt, den Herzog von Crussol allein dort zu finden.

»Ich habe vermutet,« sagte dieser, nachdem sie sich mit Förmlichkeit begrüßt hatten, »daß Sie ohne Sekundanten wären, ich habe darum ebenfalls meine Freunde weggeschickt. Leute unseres Namens können der Zeugen entbehren. Aber hier könnten wir gestört werden, kommen Sie, wenn es Ihnen beliebt.«

Sie schritten die Allee hinauf bis zum oberen Ende des Gartens, dort traten sie hinaus in die Rue d'Enfer. In dieser Straße hatten die Karthäuser damals ein Kloster, und hinter dessen Mauer lag ein öder verlassener Platz. Hier zogen sie blank, sie waren beide gute Fechter, aber nach dem dritten Gang blutete der Herzog heftig am rechten Ohr. Graf Rantzau senkte den Degen, er sagte: »Meinen Sie nicht, daß wir es damit genug sein lassen können?« Aber der mädchenhaft aussehende Herzog von Crussol war wie trunken von dem Blut, das ihm den Hals hinunterrieselte und seine Hemdkrause rötete.

»Phlegma von einem Riesen Goliath,« schrie er, »verteidige dich oder ich will dich verprügeln wie einen feigen Hund,« und rückte dem Grafen auf den Leib, der bald aus der abwehrenden Haltung, weil das Ungestüm des Kleinen ihn ärgerte, wieder zum Angriff überging, bis er plötzlich wankte und hinschlug. Crussol hatte einen Ausfall von ihm kräftig pariert, er war ihm mit einem Husch wie unter den Armen hindurch ganz nahe gekommen und hatte ihm den Degen fast bis ans Heft in den Bauch gestoßen.

»Der ist erledigt,« sagte er zu sich selber, wischte sich den Degen an seinem Taschentuch ab und kehrte durch die Rue d'Enfer in den Park zurück, wo er, wie wenn nichts geschehen wäre, pfeifend zwischen den Kastanien hinunterwandelte wie zwischen reichgearbeiteten ungeheuren schwarzen Kandelabern, besteckt mit Millionen flammender Blütenkerzen, hinunter gegen das Schloß, wo die blühenden Syringen wie Riesensträuße, weiß und weinrot abwechselnd, die Plattform symmetrisch schmückten, indessen im Gebüsch die Nachtigallen sangen, liebetoll und wie berauscht vom Duft und Odem des Frühlings.

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